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Thema: Die preußischen Reformen

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    Resurrector Avatar von aerolith
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    Post Die preußischen Reformen

    Der Gegensatz zwischen Preußen und Frankreich war mit dem Bündnis von 1805 nicht ausgeräumt, zumal Napoleon seine Truppen in Süddeutschland stehen ließ. Preußen war nominell mit Frankreich verbündet, aber auch mit Rußland. Es mußte sich entscheiden. Es entschied sich gegen Napoleon und forderte den auf, seine Truppen aus Süddeutschland abzuziehen. Doch Napoleon hatte darauf nur gewartet; er antwortete auf das preußische Ultimatum mit der Verlegung seiner Truppen nach Norden. 160000 Franzosen marschierten am rechten Saaleufer nach Norden. Die Preußen zogen mit 120000 Mann diesen entgegen: der alte Herzog von Braunschweig führte an. Doch der Herzog konnte sich nicht zu einer offenen Feldschlacht entschließen. Napoleon nahm die Initiative dankbar an, besetzte die Höhen bei Jena und Auerstedt und erwartete den preußischen Angriff. Mühelos schoß er von oben auf die feindliche Kavallerie. Die französische Kavallerie folgte den fliehenden Preußen und Sachsen. Tapfere sächsische Soldaten versuchten, Auffangstellungen zu errichten, aber es war vergebens, die Schlacht war verloren. Weimar stand vor der Plünderung. Zwei Drittel der Weimarer wurden getötet.

    Im Frieden von Tilsit, 9.7.1807, mußte der preußische König die Hälfte seines Gebietes abgeben, fortan Tribut zahlen und zudem die Verpflichtung eingehen, mit England keinen Handel mehr zu treiben. Die Kontinentalsperre. Die Engländer reagierten und bombardierten das neutrale Kopenhagen. September 1807. Mehrere Tausend Dänen kamen um. Ein Kriegsverbrechen, aber wer fragt heute danach? Die Dänen mußten England die Flotte ausliefern, auf die es die Engländer abgesehen hatten und von der sie befürchteten, daß sie Napoleon in die Hände fallen könnte.
    Nach dem Frieden von Tilsit versuchten preußische Patrioten eine Erneuerung des Staates. Diese Erneuerung tat not. Die Kampfkraft des preußischen Heeres, auf dem die Existenz des Staates beruhte, war extrem gesunken, was nicht nur an der Vielzahl polnischer Rekruten lag, die die erstbeste Gelegenheit nutzten, um sich zu den Franzosen durchzuschlagen, die den Polen einen eigenen Staat versprochen hatten. Die im Frieden von Tilsit festgelegte Reparationspflicht Preußens lag bei 154 Millionen Franken (ca. 3 Mrd. €), eine Summe, die Preußen nicht aufbringen konnte. Also stationierte Napoleon 160000 französische Soldaten bei preußischen Familien, die für diese Herrenmenschen zu sorgen hatten. Weiters zog Napoleon alle Steuern ein, zahlte aber den preußischen Beamten nichts. Das sorgte für eine Verelendung breiter Bevölkerungskreise und erhöhte den Leidensdruck, der für die Durchführung von Reformen nötig ist.
    Preußen war nicht tot. Es war erstaunlich genug, daß der Staat nicht unterging, von dem viele behaupteten, Kadavergehorsam hielte ihn zusammen. Es muß mehr gewesen sein als nur formale Disziplin. Die Preußen fanden die Kraft, sich neu zu definieren: Sie übernahmen die französische Idee des Nationalismus und erlebten eine neue Erfahrung, da sie ihr Gemeinwesen bis dahin nur in Staats- und Überstaatsbegriffen und –vorstellungen konstituiert hatten. Etwas weniger schwach vollzog sich der gleiche Prozeß in den deutschen Teilen Österreichs, so gut wie gar nicht in Bayern, Sachsen oder dem Rheinland, den anderen deutschen Verbündeten Napoleons.

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    Der allgemeine Umdenkprozeß vollzog sich nicht nur in den Eliten, sondern auch im einfachen Volk. Man rückte zusammen. Der gemeinsame Feind war jedem Preußen sichtbar, er legte in seiner Wohnstube die Füße auf den Tisch und schrie nach dem besten Wein, ließ sich bedienen und vergewaltigte nicht selten die Tochter des Hauses. Er preßte das Land aus und bereitete den großen Krieg gegen England und Rußland vor. Alle mußten zahlen, alle mußten leiden, nur ein paar Kollaborateure und Kriegsgewinnler fielen aus dem Rahmen des Gemeinsamerlebten.
    Menschen, die den Gemeinsinn über den individuellen Nutzen stellen, nennt man Patrioten. Es gab sie zu allen Zeiten der Weltgeschichte. Aber nur in wenigen, kurzen Abschnitten standen Patrioten besonders im Fokus der Ereignisse und drangen im öffentlichen Diskurs derart in die Frontstellung, daß die Frage thematisiert werden mußte, ob sie oder die durchschnittliche und gleichgültige Masse, die alles mit sich machen läßt und dann nur den jeweiligen Machthabern anbiedert, das Sagen bekommen soll. In Preußen gaben seit ca. 1808 die Patrioten den öffentlichen Ton an und zogen das ganze Land in einem Taumel der Begeisterung, der sich mit Begriffen wie Turnwesen (Turnvater Jahn) oder der Schaffung patriotischer Dramen und Gesänge (Kleist und Körner) verbindet, aber v.a. in der Philosophie, Dichtung, Malerei, Staatskunst und Musik Werke entstehen ließ, die noch heute von sämtlichen Völkern der Welt hochgeschätzt werden, so daß sich der Begriff der „Klassik“ mit Namen verbindet, die in dieser Zeit in allen Bereichen des Lebens tätig waren: Beethoven, Goethe, Schiller, Kleist, Adam Müller, C. D. Friedrich, Schubert, Körner, Jahn, Hegel, Fichte, Arndt, Stein, Novalis, Seume, Hölderlin, Tieck, Hoffmann, Savigny, Baader, Jean Paul, Schelling, Schlegel, Stahl, Humboldt, Gneisenau, Schadow, Scharnhorst... Die Liste ist endlos, aber es fehlen Namen, die sich (vorrangig) mit wirtschaftlichen oder technischen Fragen befaßten und hierfür Entscheidendes leisteten, denn das ist ein Kennzeichen eines klassischen Zeitalters, daß etwas Zeitüberdauerndes geschaffen wurde. Es gab zwei Unterschiede bei den deutschen Kassikern gegenüber denen des Westens: Erstens waren sie weitgehend entpolitisert und zweitens ging es den Klassikern nicht ums Geldverdienen, sondern um die Befreiung der Menschheit, wobei Befreiung nicht über die Schaffung neuer politischer Systeme, sondern die Erkenntnis des Schönen in jedem Menschen erreicht werden sollte. Befreite Menschen müßten sich, so der Glaube der Patrioten, den Staat geben, der die Freiheit garantierte. Das ist das Konzept des romantischen Humanismus, das Ergebnis der Weimarer Klassik, die politische Lösung aller Fragen: Nicht das durch Gewalt geschaffene Staatsgebäude des allgemeinen Vorteils schafft die freie Welt, sondern der frei und befreiend handelnde Mensch schafft allmählich auch freie und wirksame Verhältnisse. Der Mensch muß aber erst dazu gemacht werden, was nicht äußerer Zwang, sondern innere Einsicht bewirkt und der Führerschaft aufgeklärter Herrscher bedarf. Es gab deshalb in Deutschland auch nie wirklichen Zweifel an der Richtigkeit der Monarchie, wenngleich neben einem Monarchen durchaus republikanische Verhältnisse angestrebt wurden, denn: „Kein Volk läßt sich sicherer regieren als das, welches eine festbegründete volkstümliche Verfassung hat.“ (Jahn) Letztlich wollten die meisten der Patrioten das alte Reich wieder, allerdings modernisiert und auf noch stabilere Füße der Partizipation durch Gebildete gestellt, eine Art Aristokratie des Geistes.

    „Deutschland, wenn es einig mit sich, als deutsches Gemeinwesen, seine ungeheuren, niegebrauchten Kräfte entwickelt, kann einst der Begründer des ewigen Friedens in Europa, der Schutzengel der Menschheit sein.“ (Friedrich Ludwig Jahn: Über die Beförderung des Patriotismus im Preußen-Reiche. Berlin 1800. S. 22.)
    „Das Volk ist ebenso heilig, als der Pöbel unheilig ist; jemand, der wünscht, daß für das Volk und durch das Volk geherrscht werde, heißt Demokrat [Volksherrschaftler]; jemand, der wünscht, daß durch den Pöbel und mit dem Pöbel geherrscht werde, heißt Ochlokrat [Massenherrschaftler].“ (Ernst Moritz Arndt: Geist der Zeit. 1809, S. 134.)

    Am Anfang des Aufbruchs stand für die Patrioten die Aufgabe, aus dem allgemeinen Gefühl der Bedrängnis neue Hoffnungen zu erzeugen und den entstehenden Nationalgeist mit einem altgedienten preußischen Staatsbürgerbegriff zusammenzubringen. Mit anderen Worten, Preußen sollte, nachdem das Haupt erneuert worden war, auch in den Gliedern neue Organe erhalten. Diese Glieder erfuhren die Reformen der preußischen Eliten und waren zu Änderungen bereit; sie hatten erkannt, daß der preußische Staat reformiert werden müsse, daß die feudalen Reste und die dynastische Ausrichtung des Staatsgedankens in der Moderne nicht mehr ausreichten, sich als Staat zu behaupten und nahmen die Erweiterung der Machtbasis gedanklich an. Das ist ein großer Schritt, den die französische Elite 1789 zu leisten nicht imstande war, was sie schließlich in großen Teilen auf die Guillotine brachte.
    Der um 1806 existierende preußische Staat wurde von einem General-Direktorium und den Entscheidungen des Königs regiert, der selber von Kabinettsräten in seinen Entscheidungen beeinflußt wurde. Statt der Räte kamen nun Minister in die Funktion, die nicht nur berieten, sondern auch ausführen mußten. Der preußische König Friedrich Wilhelm III. berief Stein als seinen ersten Ansprechpartner. Stein hatte sich Verdienste bei der Neuordnung der preußischen Finanzen erworben. In seiner neuen Funktion im preußischen Staat setzte er die Ministerverantwortlichkeit als Regierungsprinzip gegenüber dem übergeordneten persönlichen Willen des Königs durch. Eine Revolution und die Abkehr vom Absolutismus [1]! Formell hatte der König die absolutistische Gewalt, konnte berufen oder entlassen, aber was die Inhalte des Regierens betraf, hatten jetzt die Minister die Verantwortung. In die Regierung kamen die Preußen Altenstein, Clausewitz und Boyen, dazu Klewiz, Scharnhorst und Hardenberg aus Ostfalen, Stein aus Hessen, Gneisenau aus Thüringen, Blücher aus Mecklenburg, d.s. allesamt Nord- und Mitteldeutsche.
    Die Reformen griffen tief in das gesellschaftliche Leben ein, was in Preußen immer noch hieß, ins Militär. Die Bürger, Stadtbewohner, waren bis dahin nicht im Heer vertreten. Scharnhorst als Verantwortlicher plante die Einführung einer allgemeinen Wehrpflicht und die Zulassung Bürgerlicher ins Offiziercorps. Das war 1807/8 nicht durchzusetzen, aber das Konzept sprach aus, was viele in Preußen dachten und wollten. (1813 wurde dieses Konzept für die Dauer des Krieges durchgeführt.)

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    1808 gab es kein Direktorium mehr, sondern eine kleine Anzahl Ministerien, die jeweils autokratisch geführt wurden und dem König Bericht erstatteten. Allerdings blieb fraglich, nach welchen Kriterien diese Ministerien besetzt, wie der Volkswille repräsentiert werden sollte. Das zielte auf verfassungsrelevante Fragen. Wir dürfen hier nicht vergessen, daß die Reform nicht nach einem Volksbegehren durchgeführt wurde, sondern quasi von oben herab. Friedrich Wilhelm III. überließ im Angesicht der größten Gefahr für den Bestand seines Staates klugen Männern den Staat Preußen und stieß ein Tor für den Zeitgeist auf. Er setzte auf die Kraft der Vernunft und gewährte seinem Staat das, was er ihm nicht zu geben vermochte, eine geistesaristokratische Führung.

    Stein-Hardenbergsche Reformen 1807/13
    - zuerst vom Freiherrn Stein 1807/8 initiiert, nach dessen Entlassung von Hardenberg fortgesetzt → Vorbildwirkung für Deutschland
    - mußte, um eine Modernisierung zu erreichen, die ständische Ordnung in Preußen abbauen, die noch im Allgemeinen Landrecht positivrechtlichen Ausdruck gefunden hatte → Edikt über die Bauernbefreiung 1807 schafft Erbuntertänigkeit ab und macht Bauern zu Staatsuntertanen
    - stellt die Freiheit der Berufswahl und des Grundstückverkehrs her
    - die Städteordnung 1808 schafft die Selbständigkeit der Gemeinden und Städte – eigene Körperschaft –, wobei die Polizeigewalt nicht den Städten überlassen wird
    - das Gewerbesteueredikt 1810 führt die Gewerbefreiheit ein
    - das Regulierungsedikt von 1811 verschafft den Bauern Besitz – freies Eigentum – und verpflichtet sie zur Abgabe eines Dritteils ihrer Hofstelle an den Gutsherrn

    Nicht allen in Preußen war das recht. Im alten Offiziercorps gärte es. Das Wort „Legitimation“ fiel oft. Stein reichte den Arrivierten die Hand und betonte das radikal-konservative Element, indem er seine Reformen nicht an Frankreich, sondern an altständischen Vorstellungen orientiert wissen wollte. Das schloß basisdemokratische wie aristokratische Grundsätze für den Aufbau des Staates ein, war den ostelbischen Junkern aber zu wenig Sicherheit für ihre alten Vorrechte. Zurecht glaubten sie das.

    Es gab vier Momente der preußischen Reformen:


    1. den Reformdruck von oben;
    2. die dialektische und langsame Durchführung;
    3. einen Ansatz zur allgemeinen Wehrpflicht, der Preußen basisdemokratisch aufgestellt hätte und
    4. einen romantisch-ständischen Ansatz, der die Ideen der Gegenwart in sich barg, aber weit darüber hinausgehen wollte.


    Es ist dies die Zeit des wachsenden deutschen Nationalbegriffs. Der Philosoph Fichte hielt vor großem Zuhörerkreis Vorlesungen über die Nation, das Wesen des Deutschtums und forderte die Deutschen auf, das Volk der Völker zu werden, sich innerhalb der Menschheit zur Vorzeigenation zu entwickeln. Immer noch war die Menschheit der Kernbegriff des Deutschseins, nicht eine aus dieser im französischen Sinne herausgelöste Identifikation zu einem Staatswesen. Ich und Nicht-Ich sollten dialektisch vereinigt werden. Klassik, romantisches Revolutionspathos des Menschseins, wie es auch der Kaiser der Romantik, der Ostfale Novalis, forderte. Fichte ging soweit, die Deutschen zum Urvolk zu machen, das Deutsche zur Ursprache zu erklären, das sich gegen die Anfeindungen des Lateinischen im Gegensatz zu seinen westlichen Nachbarn behauptet hätte. [2] Die Deutschen seien in ihrer Heimat geblieben, hätten über Jahrhunderte ihr Staatsgebäude der größtmöglichen Freiheit gepflegt, zudem hätten die Deutschen in Gestalt Martin Luthers mit der Reformation der Welt die Augen geöffnet über die „verdammliche Täuschung des römischen Papsttums“.

    DEUTSCHLAND AUSLAND
    - die Geistesbildung greift ins Leben - geistiges Leben und Leben gehen einander fremde Wege
    - Ernsthaftigkeit der Geistesbildung, die ins Leben eingreifen soll - genialisches Spiel des Geistes ohne weitergehende Absichten
    - redlicher Fleiß und Ernst in allen Dingen; mühsam - man läßt sich im Geleite der glücklichen Natur gehen
    - das Volk ist bildsam; die Bildner erproben ihre Bilder am Volke mit Rückwirkung - Scheidung des Geistes vom Volke, wobei die Bildner das Volk als blindes Werkzeug ihrer Pläne benutzen

    Berlin wurde zum Sammelpunkt des Fortschritts, zum Treffpunkt der Patrioten. Sie kamen aus Straßburg und Wien, aus Königsberg, Schlesien und Hamburg, aus Tirol und Thüringen, aus der Schweiz.


    Aufgaben:


    1. Nenne die Gründe für die Reformen! (I)
    2. Vergleiche das klassische mit dem westlichen Konzept zur Staatsbildung! Wäge ab und formuliere ein Urteil! (III)
    3. Fasse die wichtigsten Reformen zusammen! (II)
    4. Entwickle ein Schema, wie Preußen nach dem Zusammenbruch regiert wurde! (II)




    [1] Der Absolutismus in deutschen Landen führte im Gegensatz zu dem in Frankreich oder Rußland zu vergleichsweise hoher Lebensqualität. Die deutsche Kleinstaaterei besaß u.a. den Vorteil des absolutistischen Herrschers, der in seinem Staat einen kleinen Absolutismus verwirklichen wollte und eine große Zahl an Staatsdienern benötigte, die ihrerseits dem Hofprunk Versailles‘ nacheiferten und so wirtschaftliche Zentren im Kontext der Hofwirtschaft erzeugten. In Deutschland gab es viele Zentren, in Frankreich sehr wenige. In Deutschland lebten die Menschen in wirtschaftlich sicheren Verhältnissen, in Frankreich und England gab es sehr reiche Bürgerliche und Adlige, aber sehr viel mehr Analphabetismus, Elend und Haß. Der Leidensdruck nach strukturell neuen Verhältnissen war in diesen Ländern groß, im Reich war er gering, so daß es dort ständig Unruhen gab, im Reich dagegen kaum.

    [2] Das war Zeitgeist, gleichwohl als Ideen von 1813 etliches anderes formuliert werden kann, denn die Umstände riefen nach einer kämpferischen Attitüde des Deutschseins gegen die Fremdherrschaft: „So hat der Geist Kants, der Romantik und Goethes in dem Lebenskampf und der Wiedergeburt des preußischen Staates damals die neue Form des Evangeliums des deutsch-nationalen Geistes der Freiheit, der produktiven Individualität und Ursprünglichkeit, des metaphysischen Glaubens an die göttliche Weltbestimmung des Deutschtums angenommen. Pestalozzische Volkserziehung, Autarkie des Staates als geschlossener Handelsstaat, Wiedergeburt der in Selbstkultus entarteten Subjektivität zur freien Hingabe an den Nationalgeist, Erfüllung des Nationalgeistes aus dem inneren Zuge des göttlichen Weltwerdens heraus, Anerkennung des Nationalgeistes untereinander als des Spiegels der Gottheit, kurz Selbsterfassung des ursprünglich produktiven und freien Germanentums gegenüber dem künstlichen, abgeleiteten, dekorativen und verstandesmäßigen des Romanentums: das waren damals die neuen Gedanken.“ (Ernst Troeltsch: Deutscher Geist in Westeuropa. Tübingen 1925. S. 34.)


  2. #2
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    AW: Die preußischen Reformen

    Die preußischen Reformen waren vor allem Reformen, die auf die Herausbildung eines neuen Menschen setzten. Dieser neue Mensch strebte nach Bildung. Ein Leben lang. Das war sein wichtigstes Kennzeichen. Erst der gebildete Mensch handelt politisch. Im Zentrum der preußischen Reformen stand nicht der individuell/individualisierte Mensch, nicht sein individuelles Streben nach Vollkommenheit, sondern der Gedanke einer Stärkung des Gemeinwesens. Der gebildete Mensch setzt sich nicht zuerst für sich selber ein, sondern versteht sich als Teil eines Gemeinwesens, für das er einsteht. Er ist konservativ und NICHT liberal. Die Leitkategorien des inaugurierten Menschen lauteten: Persönlichkeit, Universalität, Ganzheit und Gemeinwesen. Erst der gebildete Mensch kann sich für das Gemeinwesen einsetzen, darum sind Verfassungsfragen nebensächlich, weil die Verfaßtheit eines Staates immer auf dem Boden seiner Einzelbürger stehen muß. Sind die gebildet, werden sie sich früher oder später eine Verfassung geben, die allen nützt, wobei der Nutzen nur eine nebensächliche Kategorie abgibt, aber für die Masse unabdingbar bedeutsam ist.
    Die Bildung bleibt Prozeß, Selbstwert, dient aber. Das Prozeßhafte benötigt sichere Bahnen, aber gerade auch das Anarchische, damit es gären kann, auch Irrwege bestreiten, auch Fehler machen, die das Gemeinwesen aushalten muß. gerade das macht den freien Staat aus, daß er gewähren läßt und sich auf die Sicherung der Rahmenbedingungen beschränkt, also keinen Wertekanon vorschreibt, sondern es ermöglicht, daß jeder seinen Weg finden kann.

    Die preußischen Reformen folgten der Theorie der Klassik, wonach dem Schönen eine fundamental-moralische Bedeutung obliegt. Das moralische Leben ist das Überdaseigeninteressehinausreichende, das Leben, das dient und sich nicht als höchstes Gut versteht. Sie zielten nicht auf den Rückzug des homo politicus aus dem politischen Diskurs und dem Streben nach einer piefigen "inneren Freiheit", sondern darauf, daß der gebildete Mensch sich sehr wohl in die politische Willensbildung einmischt, denn das muß er aus einem inneren Impuls heraus, der ihn antreibt, zum Wohle der Allgemeinheit zu wirken: Nur der erwirbt sich Freiheit wie das Leben, der täglich sie erobern muß!

    Die Reformer hatten das alles im Sinn. Die politische Wirklichkeit ließ ihre Träume weitgehend Prozeß bleiben. Mehr ist kaum zu erwarten, denn gab es jemals in der Weltgeschichte Zeiten, in denen der Gemeinschaftsgedanke höher angesiedelt war als um 1808?

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