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Thema: Nachtstücke

  1. #1
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    Nachtstücke

    "O Mensch! Gib acht!
    Was spricht die tiefe Mitternacht?
    - Ich schlief, ich schlief -,
    Aus tiefem Traum bin ich erwacht: -
    Die Welt ist tief,
    Und tiefer als der Tag gedacht.
    Tief ist ihr Weh -,
    Lust - tiefer noch als Herzeleid:
    Weh sprich: Vergeh!
    Doch alles Lust will Ewigkeit -,
    - will tiefe, tiefe Ewigkeit! -

    ["Also sprach Zarathustra", von F. Nietzsche]

  2. #2
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    Der Teufel und der liebe Gott

    "Ich komme zu Dir, Herr, ich wandere in deiner Nacht: Gib mir die Hand. Sag: Die nacht bist Du, nicht? Die Nacht, die quälende Abwesenheit von allem! Denn Du bist der, der in der universellen Abwesenheit anwesend ist, der, den man hört, wenn alles Stille ist, der, den man sieht, wenn man nichts mehr sieht. Alte Nacht, große Nacht vor den Wesen. Nacht des Nichtwissens, Nacht des Unheils und des Unglücks, verbirg mich, verschlinge meinen unreinen Leib, schlüpfe zwischen meine Seele und mich selbst und verzehre mich. Ich will die Entblößung, die Schmach und die Einsamkeit der Verachtung, denn der Mensch ist dazu da, den Menschen in sich selbst zu zerstören und sich wie ein weiblicher Schoß dem großen schwarzen Leib der Nacht zu öffnen. Willst du dahin gelangen, alles zu besitzen, verlange in in nichts etwas zu besitzen. Willst du dahin gelangen alles zu sein, verlange in nichts etwas zu sein. Ich werde mich tiefer als alle anderen erniedrigen, und Du, Herr, wirst mich in den Netzen Deiner Nacht fangen und mich über sie erheben."

    [Götz in "Der Teufel und der liebe Gott", von J.-P. Sartre]

  3. #3
    rodbertus
    Status: ungeklärt

    Der Teufel und der liebe Gott

    Alle Lust will Ewigkeit, allerdings fehlt es am anderen Ende auch nicht: Ewigkeit braucht keine Lust, was sie nicht hindert, selbst Lust zu sein, für manchen. Nein, sie benötigt keine Lust, denn was macht Ewigkeit aus: Fülle - N. meinte nicht umsonst hier einen epikureischen Satz annehmen zu dürfen: Nehmt alles nur in allem: Ich bin ein Epikureer (kein Epiker). Da hast Du Deine Verbindung, die zwischen Lust und Ewigkeit: Das Zauberwort heißt ALLES. Wir nehmen alles nur in allem.

    Sartre war und bleibt ein Oberflächler, der solche Gründe gerne bereiste, allerdings nur als Tourist. Das war sein Problem, und er wußte das.

  4. #4
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    Der Teufel und der liebe Gott

    "Abwärts wend ich mich
    Zu der heiligen, unaussprechlichen
    Geheimnißvollen Nacht -
    Fernab liegt die Welt,
    Wie versenkt in eine tiefe Gruft
    In süßer Trunkenheit
    Entfaltest du die schweren Flügel
    des Gemüths.
    Und schenkst uns Freuden
    Dunkel und unaussprechlich
    Heimlich, wie du selbst, bist
    Freuden, die uns
    Einen Himmel ahnden lassen.
    Wie arm und kindisch
    Dünkt mir das Licht,
    Mit seinen bunten Dingen
    Wie erfreulich und gesegnet
    Des Tages Abschied.
    Also nur darum
    Weil die Nacht dir
    Abwendig macht die Dienenden
    Säetest du
    In des Raums Weiten
    Die leuchtenden Kugeln
    Zu verkünden deine Allmacht
    Deine Wiederkehr
    In den Zeiten deiner Entfernung.
    Himmlischer als jene blitzenden Sterne
    Dünken uns die unendlichen Augen
    Die die Nacht
    In uns geöffnet."

    ["Hymnen an die Nacht", von Novalis]

  5. #5
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    Der Teufel und der liebe Gott

    "Nicht nur die Morgen alle des Sommers -, nicht nur wie sie sich wandeln in Tag und strahlen vor Anfang. Nicht nur die Tage, die zart sind um Blumen, und oben, um die gestalteten Bäume, stark und und gewaltig. Nicht nur die Andacht, nicht nur die Wiesen am Abend, nicht nur, nach spätem Gewitter, das atmende Klarsein, nicht nur der nahende Schlaf und ein Ahnen, abends... sondern die Nächte! Sondern die hohen des Sommers, Nächte, sondern die Sterne der Erde. O einst tot sein und sie wissen unendlich, alle die Sterne: denn wie, wie, wie sie vergessen!"

    [aus der 7. Elegie, von R.M. Rilke]

    und weiter steht da, lb. Robert:
    "Denn eine Stunde war jeder, vielleicht nicht ganz eine Stunde, ein mit den Maßen der Zeit kaum Meßliches zwischen zwei Weilen -, da sie ein Dasein hatte. Alles. Die Adern voll Dasein." ...

  6. #6
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    Der Teufel und der liebe Gott

    " Nachts

    Am Himmel steht ein kaum lebendiger Mond
    In dünnen Wolken, die im Licht zerfließen;
    Vor dem Palasttor starrt der Posten düster
    Zum Turmuhrzeiger, der nicht weiterkommt.

    Nach Hause geht die ungetreu Frau
    Auf kleinen Schritten, nachdenklich und streng,
    Die treu, fest vom Schlaf umarmt, vergeht
    In unlöschbarer Angst, die sie verbrennt.

    Was gehen sie mich an? Ich hab der Welt
    Seufzend Lebwohl gesagt vor sieben Tagen.
    Es ist dort drückend, und ich schlich ins Feld,
    Am sternbespannten Himmel die Leier schlagen."

    ["Gedichte", von Anna Achmatowa]

  7. #7
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    Der Teufel und der liebe Gott

    "Nachtlied

    Über nächtlich dunklen Fluten
    Sing' ich meine traurigen Lieder,
    Lieder, die wie Wunden bluten.
    Doch kein Herz trägt sie mir wieder
    Durch das Dunkel her.

    Nur die nächtlich Fluten
    Rauschen, schluchzen meine Lieder,
    Lieder, die von Wunden bluten,
    Tragen an mein Herz sie wieder
    Durch das Dunkel her."

    ["das dichterische Werk", von Georg Trakl]

  8. #8
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    AW: Nachtstücke

    carpe noctum


    diese Nächte waren einzigartig,
    durchdrungen
    von gregorianischen Gesängen, Weihrauch und
    Kerzenschein
    waren sie
    ein einsames, doch segensreiches
    Fest -
    Schönheit umgarnte die Lieder
    aus der Dunkelheit und
    Worte wurden Wahrheit -
    um Mitternacht stieß
    der Pfeil ins
    Herz,
    Blut war der Quell
    der Morgenröte -
    diese Nächte waren vollkommen,
    waren Tränen im Feuer und
    unendlicher Schmerz -
    sie stiegen aus dem
    Ur der Zeiten und
    wurden Fluß,
    wurden Meer
    in das wir schwammen -
    in diesen Nächten
    wurde das Gestalt,
    was wir als Sterne
    nur erahnten -
    die ewige Liebe...

  9. #9
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    AW: Nachtstücke

    "Sieh die Sterne, die Fänge

    Sieh die Sterne, die Fänge
    Lichts und Himmel und Meer,
    welche Hirtengesänge,
    dämmernde, treiben sie her,
    du auch, die Stimmen gerufen
    und deinen Kreis durchdacht,
    folge den schweigenden Stufen
    abwärts dem Boten der nacht.

    Wenn du die Mythen und Worte
    Entleert hast, sollst du gehn,
    eine neue Götterkohorte
    wirst du nicht mehr sehn,
    nicht ihre Euphratthrone,
    nicht ihre Schrift und Wand -
    gieße, Myrmidone,
    den dunklen Wein ins Land.

    Wie dann die Stunden hießen,
    Qual und Tränen des Seine,
    alles blüht im Verfließen
    diese nächtigen Weins,
    schweigend strömt die Äone,
    kaum noch von Ufern ein Stück -
    gibt nun dem Boten die Krone,
    Traum und Götter zurück."

    ["ausgewählte Gedichte", von Gottfried Benn]

  10. #10
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    AW: Nachtstücke

    "Ihn ritt die Nacht, er war zu sich gekommen,
    der Waisenkittel wahr die Fahn,

    kein Irrlauf mehr,
    es ritt ihn grad -

    Es ist, es ist, als stünden im Liguster die Orangen,
    als hätt der so Gerittene nichts an
    als seine
    erste
    muttermalige, ge-
    heimnisgesprenkelte
    Haut."

    ["Lichtzwang", von Paul Celan]

  11. #11
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    Nachtblick

    Nachtblick

    wie eine abgezogene Granate,
    der Augenblick vor der Explosion,
    die
    das Platzen des Herzens,
    den Wahnsinn,
    die Erleuchtung oder
    den Tod
    bedeuten könnte -

    bleib stehen, Fremder,
    verharre, obwohl
    der Sand der Zeit
    mühsam doch stetig
    durch die schmale Öffnung der
    Eier-Turm-Uhr -
    DONGDONGDONGDONGDONGDONG
    DONGDONGDONGDONGDONGDONG -

    Mitternacht schlägt mitten
    ins Gesicht und
    Tinte wie Nasenbluten aufs
    frische Papier -
    ein Sturm kommt auf,
    gib acht
    und hülle die Worte
    bevor sie entfachen,
    was glüht -

    ein Mäntelchen für jeden Buchstaben... -
    da kehrt Stille ein,
    verweilt wie ein
    müder Engel -
    Lächeln durchflutet den
    durchsetzten Raum und
    friedvoll plätschert
    draußen
    der Bach!

  12. #12
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Nachtblick

    - erinnert mich an Hölderlin; merkwürdig sind diese Analogie zum einst plätschernden Bache, der in der schwäbischen Heimat das DAHEIM markierte
    - man muß noch sehr viel Unrat in sich spüren, will man Dir dahin folgen, von wo aus Du das schreibst
    - ist gut und gefällt mir

    Heute ist ein Tag, an dem ich mir's im Allgemeinen behaglich mache. Die Sonne scheint, die Vögel zwitschern, die Raben wissen nicht, was sie hier noch wollen, auf den Wipfeln liegt kein Schnee, es malt die Sonne Fratzen ins Gesicht. So kann ich Deinem Plätschern lauschen, zumal der Bach, da draußen, schwillt und schwillt.

  13. #13
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    AW: Nachtstücke

    Gezählte Tage (Peter Huchel)

    Aubade

    I work all day, and get half-drunk at night.
    Waking at four to soundless dark, I stare.
    In time the curtain-edges will grow light.
    Till then I see what's really always there:
    Unresting death, a whole day nearer now

    [...]

    (Philip Larkin)

  14. #14
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    AW: Nachtstücke

    Und die minderjährige Witwe
    Deren Namen jeder weiß
    Wachte auf und war geschändet
    Mackie, welches war dein Preis
    Und die Fische, sie verschwinden
    Doch zum Kummer des Gerichts
    Man zitiert am End den Haifisch
    Doch der Haifisch weiß von nichts
    Und er kann sich nicht erinnern
    Und man kann nicht an ihn ran
    Denn ein Haifisch ist kein Haifisch
    Wenn man's nicht beweisen kann

    Brecht

  15. #15
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    AW: Nachtstücke

    Tuesday September 11 8:56 AM ET
    Plane Crashes Into World Trade Center
    NEW YORK (Reuters) - A plane crashed into one of the twin towers of the World Trade Center Tuesday, witnesses said.

  16. #16
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    AW: Nachtstücke

    Atta unsar thu in himinam,
    weihnai namo thein.
    qimai thiudinassus theins.
    wairthai wilja theins,
    swe in himina jah ana airthai.
    hlaif unsarana thana sinteinan gif uns himma daga.

    jah aflet uns thatei skulans sijaima,
    swaswe jah weis afletam thaim skulam unsaraim.

    jah ni briggais uns in fraistubnjai,
    ak lausei uns af thamma ubilin;
    unte theina ist thiudangardi
    jah mahts jah wulthus in aiwins.
    amen.

  17. #17
    resurrector
    Status: ungeklärt

    AW: Nachtstücke

    auf fortsetzung wartet...

  18. #18
    Kurzvormabschussiger
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    Untertänig ziehn die Sterne
    um des Mondes Hof im Osten
    und der Wald scheint einzurosten
    auf den Hügeln, doch der ferne
    blaue Berg steigt steil.
    Zornig zieht ein Keil
    schwarzer Vögel in die grüne
    Himmelshälfte eine kühne
    Bilderschrift hinein.
    Unterm Brunnenstein
    rauscht das Wasser jetzt viel wilder
    als am Tag und die Bilder
    oben rauschen auch.
    Trotzdem wächst in mir die Stille,
    untertänig beugt mein Wille
    sich zum Dornenstrauch.

    [Christine Lavant, Gedichte]

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