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Thema: Selb(st)kritik

  1. #1
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Selb(st)kritik

    Nun will ich nicht übertreiben, doch nach einigem Geschehen in den letzten Wochen gab es von mancher Seite Kritik an meiner Art, mit anderer Meinung umherzuspringen. Da ist v.a. der Ordner Siebenschläfers zu nennen, in dem es um Zwetschgen und Sex ging.
    Ich nannte da meine Positionen. Es sind zufällig Positionen, wie sie die Menschheit in mancherlei Epoche, in mancherlei Volk, in mancherlei Religion ausprägte: die Position der Reinheit.

    Es wäre töricht, wollte man die Menschheit nicht selbst als einen Rührtopf aus Blut, Sehnsucht und Willen nennen. Jede Nation und jede Religion ist also unrein in dem Sinne, als daß andererseits das Verdikt auf strikte Reinheit zur Ausrottung/Selbstausrottung führen müßte. In nuce führte eine Begrenzung aufs "eigene" Blut zu Schwachsinnigkeit. Aber von diesem in nuce sprach ich nicht, will ich auch hier nicht weiter sprechen.
    Was mir auf dem Herzen liegt, was uns im Verlag Ansporn und unakademisches Anliegen ist (ja, IST) das ist die Befreiung des Wortes von den Scheuklappen ideologischen Denkens. Wir machen da vor nichts halt, vor keinem rechten, linken und postmodernen Tabu machen wir halt, wir suchen die Freiheit des Wortes dadurch auf den Weg zu bringen. Das gibt Kampf, denn viele, allzu viele, sind liberaliziden Heilsversprechungen auf den Leim gegangen, glauben fest an einen Wertekanon, an ewige Menschenrechte, an Recht, das nur paraphiert werden muß, an Geld oder an die Mittelbotmäßigkeit des Zwecks, der aber selbst in einem Nutzen, einer Nützlichkeit des Einzelwesens Urgrund finden soll.
    Wir nicht. Und darum haben wir keine Sorge um das politisch korrekte Wort, wir sagen, was uns das Denken befiehlt. Wenn es nicht stimmt -?!-, dann streiten wir eine Weile, doch dann sind wir erst richtig Hund, weil wir es lassen. Es kommt nicht auf den Streit an, nicht aufs Rechthaben, nur auf die Wegbahne fürs Wort, das jeder selbst zu finden genötigt wird, so er denn unsere Hallen betritt.

    Meine Selb(st)kritik bezieht sich jetzt darauf, daß ich gelegentlich allzu sehr provoziere, auch allzu sehr polarisiere. Ich werde mich also auf die Beackrung der vorgegebenen Texte konzentrieren und meine persönlichen Ansichten zurückstellen.

    P.S. So habe ich mich beispielsweise von der neuen Orthografie (ein letztes Mal) verabschiedet, auch, um meinen guten Willen zu zeigen. Aus politischen Ordnern werde ich mich aber nicht heraushalten.
    Und letztlich werde ich mich bei niemandem entschuldigen, weil es für mich nichts zu entschulden gibt, nur etwas an mir selbst zu kritisieren: Einem jungen Pferd sattelt man nicht einen allzu schweren Sattel auf.

  2. #2
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Selb(st)kritik

    das ist alles bekannt. und doch schafft jede wirkung im sog eine perle. auch rechtschaffenheit ritzt sich am gesetz das fleisch blutig, rechtfertigung nutzt selten im einverständnis. es ist eine redundanz, flüchtiges beiwerk, daß im atem der menschen hinweggefegt wird. sei gewiß.

  3. #3
    Dschun
    Status: ungeklärt

    AW: Selb(st)kritik

    kleine dumme frage: was hat der letzte satz zu bedeuten???

  4. #4
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Selb(st)kritik

    dein blut&boden-zeugs ist entweder kindisch oder gefährlich, robert.
    ich habs noch nicht entschieden.

    das ist der verdammte grund, warum ich hier noch herumfuchtle.

    wenn du das nicht magst, musst du mich löschen, kleiner.
    und schick mir bitte keine mails mehr mit der anfrage, ob du mich löschen sollst.

    ich werde sie nicht beantworten.

    gruß
    c.

  5. #5
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Selb(st)kritik

    Liebe Dschun: Achtpanther ist erst einmal für zwei Wochen im Urlaub. Er wird Dir also keine Antwort geben können. Ich versteh den Satz
    sei gewiß.
    so, daß der Tod nicht das letzte Wort ist, daß der Athem nur Ausdruck eines im Dasein stehenden Menschen ist, nicht aber sein Wesen. (Bedenke den metaphysischen Trost: Wir sind Glied, nicht die Kette selbst.)

    7schwerter, da warten wir ganz gespannt auf Deine Bewertung. Ich hoffe, Du entscheidest Dich für die Gefahr. (Übrigens hast Du eben auch von Blut und Boden gesprochen, es ist also auch Dein "Zeugs".) Wir sprechen davon, weil es eben auch unser "Zeugs" ist. Die Dinge bedürfen der Klärung, damit sie nicht im Verborgenen ihre Rührung tun. Daß ein Ergebnis da nicht vorgezeichnet sein darf, ist eine Auszeichnung, die auf Lauterkeit schließen läßt. Ich bin bei wissenschaftlichen Beschäftigungen immer ganz skeptisch, die in der Fragestellung schon eine Antwort vorgeben. Politische Erwartungshaltungen sind der Tod jeder Wissenschaft, insbesondere der, die sich mit GEIST im Namen brüsten.

    Deine Anmerkung war in ihrer Substanz auf Streit angelegt, steht ohne Bezug zum obigen Eingangstext oder einen anderen im Raum und ist gefallsüchtig durch ihre unhinterfragte Stringenz.

    P.S. Über Löschungen im Mitgliederkreis befinde im übrigen ich, kein anderer.

  6. #6
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Selb(st)kritik

    wolkenstein.

    warum gibst du robert nicht einen tritt und konzentriest dich auf die grammatik. nach obigem blabla hat er sich eh erübrigt.

    blut&boden ist NICHT mein zeugs. die reinheit des blutes interessiert mich einen dreck. meine beiträge zu diesem thema sind auf streit angelegt. in meinem zwetschgensextext gibt es keine rassenproblematik. ersetze anatol durch hugo und gib eine ruh.

    [..]
    wie willst du denn das wort von den "scheuklappen ideologischen denkens" befreien. willst du das kollektive unbewußte ausrotten?
    die geschichte löschen?

    in jeder sprechblase nistet ideologie.
    literatur hat die aufgabe, ideologie transparent zu machen. u.a.
    und jeder mensch, der schreibt, schreibt von seinem standpunkt.
    manche wissen es bloß nicht.
    andere versuchen, es zu verleugnen.

    du duldest hier jeden kitsch, wenn er in deine vorstellungen von korrekter sprachbehandlung passt.
    aber kitsch ist ideologie pur.

    es mag ja ein löbliches programm sein - dieses absehen von ideologie.
    dass es nicht funktionieren kann, sieht man ja schon an deinem robert.

    christa

  7. #7
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    AW: Selb(st)kritik

    Reinheit und rein....
    hm es gibt Worte die sind kaputtgemacht und man sollte sie vorsichtig gebrauchen....was nicht heißt, das man IMMER politisch korrekt sein sollte. Aber im zusammenhang mit Blut schon besser? Oder sehr viel genauer diese "Reinheit" erläutern müßte...denn "rein" wird in Mecklenburg-Vorpommern zur Stunde grade an Wände geschmiert, "Pommern bleibt rein" und meint judenrein, ausländerrein, etc. Da fröstelt es mich (mir??)
    Gruß buh

  8. #8
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Selb(st)kritik

    Da fröstelt es mich nicht, buh, da werd ich wütend. Diese dummen Pappnasen haben sich da an Worte gewagt, die ihrem Horizont und ihrer Weltwahr(?)nehmung gerecht zu werden scheinen, aber selbst nicht im Traume werden diese Worte daran denken, sich einem Graffiti aus Mörderhand aus ungeborener Verachtung auch nur anzutragen.

    Siebenschläfer, mein Lieber, ich muß mich über Dich nicht mehr wundern. Da ist ja mein Feind! Aufgetaucht aus dem Hellen der Ideologiekritik 68er Konvenienz. Du bist mein Feind, Siebenschläfer. Es ist vollbracht. Da schreibt sich einer an die IDEOLOGIE heran, an die Nashörner auf den Lippen, die das Wort zu Boden zerren, aber behaupten, ihm ein seidenes Damast geben zu wollen. Du willst also die Literatur funktionalisiert wissen, sie SOLL etwas. Prima. Ganz toll. Da wird sich Freund Murx aber freuen, da werden die Träume der zynischen Weltverbeßrer wahr, die da von den Scheuklappen reden, diese aber wohlweislich zur Erringung politischer Botmäßigkeit nutzen/benutzen. Schäm Dich! Bist Du kein kluger Mensch -will ich Pamina glauben, was ich tu-, der hinter diese Masken der Pandora schaut, die doch nur Grenzen zu Tatsächlichkeiten erkären, die sich ausmerzen in der Hohlheit ihres selbstsüchtigen (idiotischen) Wollens, eben selbst Kosmos zu sein, eben anderer Ding machen zu lassen, sofern es ihrem eigenen Unstreben nicht schadet. Welche Moralität!
    Ja, so Du dies sagtest, bist Du mein Feind. Gegen Leute wie Dich ziehe ich zu Felde. Du funktionalisierst, Du speist den Nutzen aus jeder Pore, Du grätschst nach jeder Eintagsfliege abnormen Denkens, Du radebrichst das Wort, weil es einem Kanon genügen muß; ein Gesinge und Geknuddle ist das wieder, eine Aufnahme des kommunikativen Appells, habt Euch lieb, ihr schnöden Zyniker.
    Und, nein, Kitsch ist per se nichts Schlechtes. Es ist eine Lebensentäußerung, die das Gemüt anrührt. Bleibt's dabei, schadet es, aber mehr noch schadet der Seele, dem Schreiben, dem Denken die Scheuklappe.

    piss off, Siebenschläfer!

  9. #9
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Selb(st)kritik

    Robert,
    ich würde mit Dir übereinstimmen in der Ansicht, dass Juden gern unter sich bleiben. Dass (heutzutage) sehr viele Nationen rassistischer sind als Deutschland.
    Ich glaube sogar zu wissen, worauf Du hinaus willst:
    Die Walser - Debatte. Der Rücktritt hochrangiger Politiker aufgrund einer falschen Betonung. Eine Lübecker Oberbürgermeister, der sich nach einem Brand - ohne Hintergrundwissen über Tathergang oder Täter - als erstes prophylaktisch und öffentlichkeitswirksam in Grund und Boden schämt. Nicht auszuhaltendes deutsches Gutmenschentum in der Aussenpolitik (Scharping).
    Das schreibe ich allerdings nicht, weil ich Deiner Meinung bin - sondern nur, um zu verhindern, dass mir von Dir hier irgendwelche pawlowschen Beissreflexe angedichtet werden.
    Denn was Du da - haltlos aus der Luft gegriffen und durch nichts belegt (es wäre auch nicht zu belegen) - über die Verwahrlosung des Blutes geschrieben hast, das war entweder sehr dumm. Oder sehr *******e.
    Immer noch sauer: it

  10. #10
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Selb(st)kritik

    edgar, dein ideologiebegriff ist zu kurz! du bist es, der dabei zuviel marx getankt hat. ideologie läßt sich sehr viel allgemeiner verstehen.
    7schwerter schrieb:
    in jeder sprechblase nistet ideologie
    die in der sprache verborgene ideologie, das heimliche einverständnis, jedes verborgene interesse läßt sich als ideologie verstehen. besser noch ist es, von wirklichkeitsbestimmungen auszugehen, mit denen ein machtinteresse verbunden ist (nach berger/luckmann). bei ideologie nur an marxistische ideologiekritik zu denken ist DEIN pawlowscher reflex, bei christa steht davon nichts!

    das problem ist, daß DEINE manierierte kunstsprache von ideologemen nur so trieft. und es sind die sprachfetzen und ideologeme des hasses. wunderst du dich, daß die leute sich hier reihenweise abwenden? du willst die roten, die du überall lauern siehst, provozieren, und paktierst dabei mit den braunen, (angeblich) ohne es zu wollen. das ist naiv, mein freund. du solltest deine sprache überarbeiten. bis zum hals in der ideologie steckst nämlich du.

    [Diese Nachricht wurde von robortello am 03. August 2000 editiert.]

  11. #11
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Unhappy AW: Selb(st)kritik

    Nur herein, mein lieber Selbstdreher, wir sind auch noch längst nicht miteinander fertig. Danke für Deine Aufforderungen, mich zu positionieren. Mach ich gern. Ein bißchen wenigstens. Denn nichts ist angreifbarer als ein Positionierter.

    Marx ist einer von vielen, solltest Du eigentlich wissen. Deiner Argumentationskette folgend, müßte ich ihn als konvertierten Juden sogar entschieden ablehnen, also Pawlow außen vor lassen. Ich zielte auch mehr auf die Graslhüter "unserer" Demokratie, die Herren der 68er Avantgard, die sich so gern mit Marx als ihrem geistigen Urvater schmückten, sich aber auch gehörig von ihm abzuwenden wußten. Moment:

    erstellt von scilbung: Philosophische Vorbilder der 68er waren Mao, Marx und Guevara, Adorno, Horkheimer und Enzensberger. Eine eindeutige Abgrenzung von den Ideen der westlichen Kultur sollte bestimmend sein. Daß die Kritik dieser Bewegung an der Gesellschaft als eine moralische zu werten ist, ist ein weiteres Indiz für die "These der Romantik". Die Ereignisse, die die Bewegten dazu veranlaßte, auf die Straße zu gehen, Sit-ins, Go-ins und Teach-ins zu veranstalten, wurden einseitig-moralisch bewertet: Derjenige, der Protest gegen Herrschende übt, steht auf der moralisch richtigen Seite. Dabei wird deutlich, daß das "Wollen" der 68er, so vordergründig politisch ihr Auftreten und die Thematik auch waren, rational apolitisch gewesen ist. Die Studenten wurden emotional, nicht rational, mitgerissen. Beherrschend war der Wunsch nach einem anderen Leben, man sehnte sich danach, "in einer revolutionären Republik" zu leben, in einer "sozialistischen Bundesrepublik". Die "Schuld", daß man in dieser Gesellschaft, in der das einzelne Individuum seine Interessen wahrnehmen muß, lebt, wird dem kapitalistischen System angelastet bzw. in ihren Trägern manifestiert. Hier ist ein Moment der deutschen Frühromantik erneut zu ermitteln: Zuweisungen geschehen gefühlsmäßig. Der Zustand der Gesellschaft wird gefühlsmäßig als Bedrohung empfunden, die es abzuwenden gilt. Der Staat, ein weiteres Argument zur Gemeinsamkeit zwischen Frühromantik und 68ern, kann der Individualisierung nicht entgegenwirken. Die Individualisierung stellte für die SDS-Ideologen die Gefahr schlechthin dar. Gefordert wurde eine Art "linker Leviathan" , etwas, das Gesellschaft und Staat als Ganzes repräsentiert. Dazu wäre aber ein Gesellschaftsvertrag nötig gewesen, der aufgrund fehlender unterdrückter/unzufriedener Massen nicht zustande kam.
    Ich denke also kaum an Marx, zumal ich den Burschen nicht sonderlich achte. Ich denke eher an psychologische Denkbarrieren, an Bilder in unseren Köpfen, die sich nicht an Namen heften, sondern an Vorstellungen von Gedanken, die richtig und wichtig sein sollen. Namen sollen dabei bestimmten machtorientierten Menschen nur helfen, diesen Impressionen und Reflexen im Dasein eine Proposition zu verschaffen. Du fragst und benennst zugleich mein Dasein als haßerfüllt? Ich muß Dich bitten. Haß ist ein Konzept, das mich bislang nicht erreichte. Vielleicht ist das eines meiner Probleme, ich suche immer zuerst nach dem Verbindenden, nicht nach dem Trennenden, so ja auch jetzt wieder.
    Wie könnte ich Dein Totschlägerargument entkräften?
    Da denk ich erst einmal drüber nach. Bis dann;

  12. #12
    Kurzvormabschussiger
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    Unhappy AW: Selb(st)kritik

    guten abend, werter meister. lies genau: ich habe nicht dich als haßerfüllt bezeichnet, dazu fehlt der anlaß. ich sagte, du gebrauchst die sprachmuster einer ideologie des hasses, und gestand dir zu, dir dessen nicht ganz bewußt zu sein.

    es wäre im übrigen der diskussionskultur förderlich, nicht in jedem moment persönlich herabsetzend zu werden. das ist gegenüber christa [7schwerter] hier schon wieder geschehen. diskussion setzt voraus, daß man dem anderen gutwilligkeit und verständniswilligkeit unterstellt. sonst bräuchten wir nämlich nicht zu reden. früher hat man die leute wegen ihrer äußerungen nach bautzen geschickt. bei uns sagte man: "geh doch nach drüben", wenn du weißt, was das heißen sollte. du sagst den leuten dauernd, sie sollten doch aus deinem forum verschwinden. all das ist einer diskussion unwürdig und provoziert deren abbruch.

    danke also für das willkommen in diesem ordner. und wer ist scilbung (der blick auf 68 ist natürlich einseitig, die sache war jedenfalls keine derart eindeutige)?

  13. #13
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Unhappy AW: Selb(st)kritik

    Diskursethik kann mich mal. Die gab's lange nicht. Man spie sich an und schmiß mit Keramikvasen. Sei also froh!

    Das mit dem Haß, mein Lieber, ist eine zweischneidige Sache. Wir sprechen hier vieles aus, was zwischen den Zeilen sich mitteilt. Wenn Du
    erstellt vom Selbstdreher: das problem ist, daß DEINE manierierte kunstsprache von ideologemen nur so trieft. und es sind die sprachfetzen und ideologeme des hasses.
    hier den Haß thematisierst -tust Du doch?-, dann bedeutet das in Nutzanwendung auf mein Schreiben, auf die Herausbildung meiner Sprache -bedenke mein Sprachweltbild-, daß ich selbst ein haßerfüllter Mensch sein muß. Deiner Diskursethik folgend, müßte ich im Umkehrschluß genau dies rückfolgern. Will ich aber nicht. Denn es trifft nicht zu. Damit hat sich das für mich erledigt, denn Welt ist, was der Fall ist. Was aber nicht der Fall ist, das trifft vielleicht ein, muß aber nicht, wenn es nur in einem Umkehrschluß geschlossen werden kann. Den Hegel lassen wir jetzt mal außen vor, denn vernünftig ist es nicht, was ich Dich schmecken lasse.
    Ich frage also auch nicht nach einer Diskussionskultur, weil mich derlei technische und bestenfalls in aisthetischen Ordnern relevante Fragen nicht interessieren. Wichtiger erscheint es mir, die Sachhaltigkeit zu prüfen. Machen wir es bei Dir. Ein bißchen:


    • erste Frage:
    • wunderst du dich, daß die leute sich hier reihenweise abwenden?



    Kann mich nicht beklagen. Mehr würde ich nicht schaffen. (Und ich bin ein Meister im Verteilen der Arbeit.) Da alle Tage wenigstens ein neues Gesicht auftaucht, muß ich jeden Tag wenigstens "eines" rausschmeißen.


    • zweite Frage/Bemerkung mit fragendem Charakter:
    • du willst die roten, die du überall lauern siehst, provozieren, und paktierst dabei mit den braunen,



    Will ich nicht. Mich interessieren die Roten und Braunen, die Buntkarierten und die Fahlgelben nicht. Meine Auseinandersetzung ist da virtuell und theoretisch. Ich bin mir da selbst noch nicht so ganz im klaren. Aber es ist mir wichtig, daß ich etwas auf den Weg bringe. Auf den Weg bringt man aber nur einen reinen Gedanken, einen Gedanken, der sich gereinigt hat vom Brokat, von technizidem Methodisieren, von unstetem Hinterfragenumdeshinterfragenswillen, von Renitenz und Beugsamkeit gleichermaßen. Ich habe keine Gut-Böse-Muster, die sich auf ein politisches Spektrum beziehen ließen. Wenn es einen politischen Ordnungsbegriff gibt, dem ich mich zuordne, dann "konservativ". ich will bewahren und retten. Diesen Ordnungsbegriff finde ich allerdings in der Parteienlandschaft nicht. Das ist für mich aber kein Problem, da ich mich als "unpolitisch" bezeichnen möchte - ganz im Sinne Thomas Manns. Begreif es endlich!


    • dritte Bemerkung:
    • es wäre im übrigen der diskussionskultur förderlich, nicht in jedem moment persönlich herabsetzend zu werden. das ist gegenüber christa hier schon wieder geschehen.



    Beleidigung ist Klappern. Beleidigungen treffen nur dann, wenn sie die Wahrheit sagen. Christa kenne ich nicht. Also kann ich sie wohl kaum beleidigen. Ich kenne nur manche nicks, die dumm schwätzen, gelegentlich. Und siehe: Kaum kann ich's markieren, was mich da stört, da sind sie auch schon beleidigt, diese nicks. Ist ein Phänomen. Blödes Thema. Ich werde aber eben so das sagen, was mir einfällt. Liebt mich so, wie ich's eben bin. Bäh! Abgesehen davon habe ich schon meine Feindbilder, insbesondere die im geistig-sprachlichen Weltenraum. Vertreibung ist keineswegs meine Methode zur Bestimmung der Guten, allerdings fühle ich schon manchem auf den Zahn, wie ernst er es meint. Wer sich von einem Hau ab! vertreiben läßt, meint es nicht sehr ernst. Wer bleibt, will auch etwas. Ich habe viel zu geben, will es aber nicht vor Säue werfen. Ich Goldköpfschen.


    • viertes Mißverständnis:
    • diskussion setzt voraus, daß man dem anderen gutwilligkeit und verständniswilligkeit unterstellt.



    Das ist falsch. Keine Diskussion zielt darauf ab. Vielleicht mag es Menschen geben, die im anderen erst einmal unlautere Absichten unterstellen, damit sie selbst geifernd sich eines Beßren anheimeln können, mein Menschenbild geht nicht von einem geifernden Gesprächspartner aus; vielleicht pflege ich deshalb die unsittliche Beleidigung, weil Streit immer auch ein Kampf unter Freunden ist. Vielleicht beiße ich deshalb so viele weg, weil ich spüre, daß diese Weggebißnen keine Freunde sind, sondern Diskursethiker mit einem Leviathan als staatspolitischem Leitbild, mit dem homines hominem lupum als ethischem Grundmuster. Ich weiß es nicht. Im Augenblick denke ich über Pferdis Text nach, über Howahs Kritik und über Howah überhaupt, über einen Unfall vom heutigen Nachmittag, über its Liebenswürdigkeit, Charlies Probleme mit Marie-Luise, Conrads gelegentliche Weinkrämpfe, Bos süßen Arsch, über fehlenden Sprit in meinem Tank und über die Farbe in meinem Korridor. Über ethische Grundmuster denke ich augenblicklich nicht nach.

    Erst mal genug, ich muß weiter.

  14. #14
    Kurzvormabschussiger
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    Unhappy AW: Selb(st)kritik

    ich wollte dir ein schönes & unschuldiges & ideologiefreies gedicht mit heimat, blut, boden, scholle, kraft, freude und reinheit schreiben.
    aber es hat eh keinen sinn.


    "Ich kenne nur manche nicks, die dumm schwätzen..."

    tja. dann schwätz mal schön dumm weiter.

    christa

  15. #15
    Kurzvormabschussiger
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    Unhappy AW: Selb(st)kritik

    m1 den deutschen sprach
    m2 du lieben den deutschen sprach?
    m1 den deutschen sprach mir heilig sein
    m2 ich sehr lieben den deutschen sprach
    m1 den deutschen sprach mir heilig sein
    sein mein muttersprach
    m2 sein mein und dein muttersprach
    m1 muttersprach heilig sein
    mir heilig sein
    m2 mir und dir heilig sein muttersprach

    ...

    m1 viel kunst heut nicht gut sein
    viel kunst heut nicht viel gut sein
    m2 sein viel - schmutzen
    kunst schmutzen
    m1 sein viel viel schmutzen
    viel viel kunst-schmutzen
    m2 sein ich kunst schutzen
    m1 du sein und ich sein kunst schutzen

    ...
    (aus: jandl, die humanisten)

  16. #16
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Unhappy AW: Selb(st)kritik

    Hat jemand auf meinen Eingangstext geantwortet?

    Danke, Achtpanther. Du nennst mein Plärren wenigstens noch beim Namen: Es ist bekannt. Das Gesetz? Es gehört nach Röm. 7,6 auf die Seite der Sünde. Ein Erkanntes kann nur zur Sünde führen, weil sich die Seiten aufheben, unauswägbar sind. Darum ist Streit sinn-los, im Sinne eines Einandernüherbringens. Die Leidenschaft ersetzt hier ein Fehlendes. Ich hatte von Selb(st)kritik gesprochen. So will ich es denn halten, mich denn erwecken ohne "selbstsüchtige Wünsche" (Röm. 7,7), also dienen. Das ist mein antiquiertes Erfordernis.

    Dschun, der letzte Satz soll besagen, daß diesem Forum nicht in jungen Jahren bereits der Garaus gemacht werden sollte durch mich.

    7schwerter, mein Zeugs ist überhaupt nicht gefährlich, weil sich mir nichts damit verbindet, ich probiere nur, ich wage mich in verschlossne Räume. Das ist nur für mich gefährlich, aber Du wirst es mir nicht verhehlen wollen/dürfen. Nenn es meinetwegen kindisch. Damit muß ich dann leben. Das mit dem Fuchteln mußt Du mir erklären! Fühlst Du Dich verantwortlich für den Gedeih dieses Forums? Siehst Du hier einen hinausgreifenden Sinn? Versteh Dein Gefuchtle nicht, nicht so richtig. Werd bitte deutlicher!

  17. #17
    Kurzvormabschussiger
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    Unhappy AW: Selb(st)kritik

    "Uh, Blut! Wie kommts aber an den Ellenbogen?"
    (Wirt, als er des Woyzeck mit dem Messer ansichtig wird)

    Es ist eine harte Sache über Blut in Zusammenhang mit Dahergelaufenen zu sprechen. Soziologisch und historisch gesehen hat aber gerade die Mischung des Blutes (Uh, ich mags gar nicht aussprechen), also anders gesagt, die Fernehe, die Migration, sehr wesentlich zur Individuation, zur Unabhängigkeit des Individuums, zur Emanzipation von allerlei Stammesriten und Bindungen beigetragen - was natürlich im Rahmen einer wissenschaftlichen Abhandlung zu beweisen wäre und leicht verifiziert werden könnte. Als Anhaltspunkte könnte man Beispiele suchen. Jason. Tanaquil. Medea. Feirefis. Frida Kahlo. Gretchen (Dutschke). Ach was, findet selber welche. Parias, Fremde, Exilanten, Findelkinder)
    Reinheit des Blutes gehört in die Schweine- und Rinderzucht. Dort mag sie Sinn machen. (naja, die Kreuzung zwischen Angelner Sattelschwein und belgischem Hausschwein hat sich puncto Stressfreiheit lange schon bewährt)
    Grüße von Buh (Viertels-Appenzeller)

    P.S. die physiologische Metamorphose von Blut in Milch wäre unter diesem Aspekt spannend zu betrachten...

  18. #18
    Kurzvormabschussiger
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    Unhappy AW: Selb(st)kritik

    wieso hat anatol eigentlich was mit rasse zu tun? da hat irgendjemand wohl eine obsession? für mich ist das ein intertext. eine klassische wiener figur. anatol ist der held eines einakter-zyklus? von arthur schnitzler, ungefähr hundert jahre her. er ist der typische wiener decadent, flaneur, ästhetizist. etwas lächerlich, charmant, flatterhaft, meist in liebesdingen unterwegs.

    das auftauchen dieses namens in der geschichte von siebenschwerter hat also wohl nichts mit anatolien zu tun!

    robert, bekomme ich den titel des korrektors?

  19. #19
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Unhappy AW: Selb(st)kritik

    Schlecht in der Schule aufgepaßt, Selbstdreher. Die Figur des Anatol bei Schnitzler ist eine dekadente, ganz recht, aber diese Figur ist eben gezeichnet. Es hieße, hunderte Jahre der Geschichte Wiens - als Hauptstadt Deutschlands - nicht zur Kenntnis nehmen zu wollen, wenn im Namen Anatol nicht eben die Gefahr durch die Fremden, die lange vor der Stadt ihr bedrohlich Lager aufgeschlagen hatten, durch Frankreich Geld bekamen, um weiter mordend und plündernd durch die Vorstädte zu ziehen, wenn in diesem Namen nicht dieses mitschwänge. Zudem ist (zu Schnitzlers Zeiten) die äußere Gefahr eben jetzt durch die innere gewichen. Die Juden - Schnitzler gehörte zu den assimilierten - hatten gerade in Wien immer gegen diese Gedanken zu kämpfen, daß sie selbst als Fremdkörper, als Gift für die Einheimischen galten und wollten keinen Zuzug aus Anatolien oder der Bukowina oder sonstwoher, wo noch die hardcore-Vertreter ihres Glaubens zu Hause waren. Hitler hat dieses Bewußtsein aufgesogen, es ist in der Stadt propädeutendes Bewußtsein geworden. Im Zeichen der Wiener Moderne, die sich zu einem Gutteil durch die literarischen Entwicklungen in Frankreich (Barres va.) erklären läßt, vermittelte Bahr eben dieses Bewußtsein, daß dem Blute immer neue Gefahren durch den Ästhetizismus drohten. (Wobei er als Anhänger Barres gelten muß.) So wird aus der äußeren Bedrohung eine innere, eben eine durch die Verweichlichung der Sitten, den decadent, der sich in die Strukturiertheit des Gesetzten einschleicht, um Bindungen (auch des Blutes) aufzulösen zugunsten einer nur auf die Wahrnehmung des Schönen und des Genusses ausgerichteten Weltwahrheit. Die Protagonisten der Moderne wurden zunehmend faschistoider, wenn ich's mal so nennen darf, weil sie eine Abkehr vom Ästhetizismus wollten, die Gedanken aber waren zu leicht, um nicht von einer aufbegehrenden Jugend aufgenommen zu werden. Schnitzler gibt hier nur wieder, er selbst war da wohl weniger involviert, weil integriert.
    Aber jetzt parliere ich hier, was eigentlich gar nicht meine Absicht gewesen ist. Nur, lieber Selbstdreher, auch in diesem Ordner begegnest Du mir wieder als Pendant - wie unangenehm! -, dem Blute behagt es nicht, nur sich selbst zu genügen. Es bedarf des neuen, des Äußeren.
    Und hier komme ich zu buhs Einwand. Danke, buh. Es ist aber nun einmal so, daß wir hier von Gefahren sprechen, nicht von genetischen Experimenten. Und wer weiß es nicht aus dem Biologie-Unterricht, daß Weiterentwicklung nur möglich ist, wenn Mutationen gebildet werden können, wenn also etwas Neues zum Alten dringt?

    ...Ungekämmt und mit schläfrigen Augen ging er die Treppen hinunter und fand seine Großmutter in der Küche einige Gläser prüfen.
    "Es wird Zeit, mein Enkel. Zehn Uhr morgens sind die anderen schon längst aus dem Haus", sagte sie streng. Doch nach einer kurzen bedeutungsschweren Pause murmelte sie freundlicher: "Guten Morgen, Edgar!"
    "Morgen, Großmama. Bin ich wirklich der Letzte?" fragte er gähnend und setzte sich auf seinen Platz, lustlos die Brötchen schmierend.
    "Allerdings. Du solltest nicht versuchen, mich gegen meinen Sohn einzustimmen, Edgar. Und dann: Du weißt, daß ich immer Isa beistand und auch weiterhin beistehen werde. Sie ist die richtige Frau für dich. Du weißt wohl nicht, was für ein Glück du mit ihr hast?" Edgar schwieg und kaute. "Nein? Na, eigentlich hast du recht. Ich sollte mich da heraushalten. Möchtest du ein Ei? Kaffee?" Edgar bejahte beides, schmatzte und schlürfte kurz danach das Gereichte. Es klingelte zweimal, dann stand Müller-Guttenbrunn in der Küchentür:
    "Morgen, Neffe!" sagte er munter.
    "Morgen!"
    "Was machst du heute?"
    "Ein wenig sterben." Müller-Guttenbrunn lachte.
    "Genau so habe ich mir das gedacht." Edgar aß weiter. "Gefiel dir meine Rede?"
    "Das fragst du mich nicht im Ernst!"
    "Doch doch."
    "Sie war sehr gut!" Einem durchdringenden Blick mochte Edgar jetzt nicht widerstehen. Er stand auf. Zeit für den Morgenspaziergang. Doch Müller-Guttenbrunn legte seinen Arm auf Edgars Schulter und führte ihn aus der Küche. Edgar gehorchte. Er wußte selbst nicht, warum. Sie setzten sich im Arbeitszimmer an einen kleinen runden Tisch. Müller-Guttenbrunn brachte zwei Weinbrandgläser, schänkte ein. Der frühe Morgen störte beide nicht mehr. Sie stießen an. Diesmal flogen die Gläser nicht, sogar die Sonne spiegelte sich wider.
    "Hinter jeder Ironie steckt Wahrheit. Also, was gefiel dir wirklich?" Und wieder dieser durchdringende Blick!
    "Ich war erstaunt. Schließlich hast du mir immer vorgemacht, daß dich Bücherweisheit nur abschreckt, vom Leben fernhält. Das gestern jedoch schien mir auferstanden aus Verwesendem."
    "Sei nicht so hart zu deinem Onkel!" Müller-Guttenbrunn schmunzelte. "Nun sag mir schon, was dir nicht gefiel! Vielleicht können wir..."

    18.7...

    "Ich bin noch gar nicht richtig wach." Edgar kramte in seiner Erinnerung an den gestrigen Abend; außer der Unsicherheit Liliths und dem frohen Gesicht seiner Großmutter kam ihm da bloß noch die stumme Isa auf. 'Isa?' dachte er erschreckt von dieser Wahrnehmung. "Warum war Isa gestern hier?"
    "Mutter wollte uns alle beieinander haben. Was ist denn mit euch beiden?"
    "Die üblichen Katastrophen. Ich werde wohl bald die Stadt verlassen."
    "Womit wir beim Thema wären."
    "Ich verstehe nicht ganz... Ach, du meinst Großvater?- Er ging aus Geldgier. Darum gingen er und seine 'Genossen' dahin, um zu morden und die übriggebliebenen als Sklaven hierher zu schleppen."
    "Du hast gestern nicht richtig zugehört, Neffe."
    "Doch, das habe ich. Du wirst es nicht übelnehmen können, wenn ich dir sage, daß mir manchmal deine Sch..."
    "Von Überzeugungen hältst du nicht viel, nehme ich an?"
    "Du hast gestern gegen alle polemisiert, die sich für eine vernünftige Sinnsuche einsetzen. Du hast sie diffamiert, Onkel. Vielleicht habe ich Zweifel am Wert rationaler Sinnsuche, doch eines weiß ich, was du vergessen zu haben scheinst: Der Baum der Erkenntnis steht immer noch im Paradies."
    "Gut gebrüllt, Löwe! Aber du fragst nicht richtig in deinem Brüllen. Laß uns die richtigen Fragen stellen!" Müller-Guttenbrunn setzte sein Glas an und trank es zu einem Dritteil aus. Edgar wartete. Beinahe interessiert. "Warum erwarben die Griechen Kolonien? Warum drangen die Römer über die Ufer des Tiber, warum die Franzosen bis nach Moskau?- Wären die ****s nicht marschiert, hätten wir sie davongejagt.- Der Marsch in den Westen war eine unfruchtbare Sache. Man hätte sich verständigen müssen, das Elsaß tauschen gegen afrikanische Eroberungen oder dergleichen. Vielleicht hätte ein Volksentscheid Klarheit geschaffen. Sie hätten uns nie angegriffen, denn Angst wegen Ungerechtigkeiten nach dem ersten Krieg lähmte ihre Handlungen. Dieser Gefreite hat‘s falsch angefangen, als er nach Paris marschierte." Der Onkel ging zu einem Schrank und nahm sich ein Stück Zucker. Das Würfelstück beträufelte er sorgfältig mit einer Medizin und steckte das Durchweichte in den Mund. "Mein Vater dagegen hatte die Strukturen der Weltgeschichte vor Augen, erkannte, daß die Perspektiven für unser Land nur in der Expansion nach Osten liegen könnten."
    "Onkel, warum willst du mich davon überzeugen, daß die ****s gar nicht anders konnten?" Müller-Guttenbrunn griff nach der Flasche und goß in Edgars leeres Glas nach. Dann verwahrte er sie sorgsam an ihrem alten Platz.
    "Die ****s erhielten von uns Vollmacht. Ihr eigentlicher Auftrag bestand darin, die Ungerechtigkeit von 1919 zu beseitigen. Sie taten nur, was wir verlangten und versuchten schlechte Charakterbildungen ein- für allemal aus der Welt zu schaffen, indem sie sie an einem Volk festmachten und dann mit Gewalt austreiben wollten."
    "Ja, aber Onkel, das ist..."
    "...heuchlerisch und populistisch, falls es der Vernichtung des Bösen dienen sollte. Aber auch eine Deportation nach Madagaskar hätte nichts geändert. Man bekämpft das Böse nicht durch Deportation."
    "Onkel, das ist doch nicht der Punkt!"
    "Laß mich ausreden: Das Jüdische soll ein Synonym für Geldgier, Herrschaft des Zinses, Hintergründiges und Falsches sein. Die Juden waren und sind Rassisten, haßten alle anderen Völker durch ihren Auserwähltheitsdünkel, ihren Stolz und ihren Aberglauben, metaphysisch aufgegoren in der Kabbala."
    "Du nimmst den Schleier für das Wesen."
    "Aber sie vor allem benutzen ihn, um die Wahrheit zu verhängen, Edgar."
    "Dann kennen sie die Wahrheit?"
    "Sie sind nicht eingeweiht. Daß Gott die Juden erwählte, ist eine große Lüge der Weltgeschichte. Sie sind zu abstrakt, um eingeweiht zu sein. Sie sind es, derentwegen es den Schleier gibt."
    "Sie sind Menschen, und jedem gab Gott die Möglichkeit..."
    "Ja, ich weiß, worauf du hinauswillst. Du willst mir pragmatisch erdeuten, daß das Menschsein an verhängte Wahrheiten gebunden ist, um überhaupt miteinander leben zu können. Konventionen, die Verständigung ermöglichen, bla bla bla... Vielleicht ist das einem oberflächlichen Geist notwendig, aber mir verbindet sich damit Langeweile und Bosheit. Ich kann mich nur mit dem bittersüßen Trank abgeben, wenn ich den auch wollte. Ich will aber entweder das Bittere oder das Süße, jeweils, nicht ein Mischmasch aus beidem."
    "Warte, warte, warte! Du sagst, daß du nichts gegen die Juden hättest und behauptest andererseits, daß gerade die Juden die dir verhaßten Werte des Nützlichen in die Welt brachten. Das ist eine oberflächliche Verallgemeinerung, Onkel. Ganz abgesehen davon denke ich, man sollte nicht sagen: 'Ich bin ein Römer!' oder 'Ich bin ein Jude!', sondern 'Ich bin ein Weltbürger!'"
    "Sofern ich Müller-Guttenbrunn heiße, kann es nicht die Welt sein, die mir Heim gibt, sofern ich ein Mensch bin, magst du recht haben.- Ich kann dir jetzt kein Buch auseinanderklamüsern. Es sind Verhältnisse, die stärker zum Ausdruck bringen, was des Pudels Kern ist. Wenn ich vergleiche, dann nur, um die Differenzen deutlicher zutage treten zu lassen. Du wirst zugeben müssen, daß jedes Volk ein bestimmtes Eigenbild besitzt, dem es in irgend einer Weise entsprechen will!"

    19.7...

    "Was meinst du denn damit?"
    "Daß manchmal die Logik der Zeit versagt und die Reaktion vor der Aktion liegt."
    "Niemals."
    "Hast du dir schon mal überlegt, was man vorbeugend nennt?"
    "Das rührt aus der Erfahrung und ist auch eine Reaktion, Onkel."
    "Nicht ganz genau beobachtet. Wir können ahnen und hoffen, erwarten und fürchten..., richten unser Handeln darnach, was wir erhoffen oder befürchten, und treten aus dem Naturkreislauf heraus. Indem wir heraustreten, machen wir Geschichte. Zwar läßt sich Geschichte in Gesetzen kanonisieren, ordnen und letztlich voraussagen. Aber manchmal wollen wir einschreiten, beginnen etwas Neues, das dann wieder Gesetzen folgen muß, bis wir wieder einschreiten, wenn wir das wollen... Und somit ereignet‘s sich, daß die Reaktion vor der Aktion liegt, was in den Naturwissenschaften undenkbar ist."
    "Ah, so. Ich glaube dir kein Wort."
    "Es ist so, weil nur Aufstieg, Blüte und Verfall historische Erscheinungsformen sind. Immer wieder, jede Kultur durchläuft diese zeitliche Logik, so daß ein Blütezeichen aus dem Renaissancezeitalter im Barock unträglich für Verfall steht."
    "Ich verstehe. Der kluge Politiker baut vor und erkennt die Zeichen der Zeit. Er antizipiert und verläßt das sinkende Schiff. Doch meine Zukunft ist schon längst vergangen. Ich kann dem Vertrag, dem Vater und du zustimmten, nicht zustimmen, denn ich habe keinen Vater. Er hat mich verlassen."
    "Na gut, gehen wir nach nebenan! Ich will dir etwas zeigen", sagte Müller-Guttenbrunn traurig in einem Buch blätternd, das eigentlich nur lose Seiten enthielt.

    Edgar langweilte sich: 'Warum stehe ich nicht auf und gehe?...
    Willst du wiederherstellen, was aus dem Lot gefallen ist?
    Ich bin kein Jurist oder Arzt.
    Willst du Gott wiederaufrichten?
    Ich bin kein Theologe.
    Willst du das Haupt beugen als grambewußter Sünder?
    Ich bin kein Verkünder.'

    "Was willst du?" fragte Edgar scharf.
    Der Onkel schreckte hoch, schaute einige Augenblicke auf einen toten Punkt, antwortete langsam: "Gerechtigkeit. Sorge. Zukunft." Er sagte es wie die aufgerichtete neue Trinität.
    "Das ist geronnenes Blut."
    "Drum ist mir darnach."
    "Ich wußte immer, daß du ein Leichenfledderer bist."
    "Ich treibe nur einen Keil hinein und siehe da: Das Totgeglaubte lebt und weist mich nicht zurück. Es hält die Arme ausgestreckt und ruft meinen Namen. Sollte ich mich verweigern? Du würdest dich auch nicht verweigern, Edgar."
    "Ich wurde schon vor Jahren hinausgestoßen..." Sie schwiegen. "Die Genossen deiner Zeit fragten nicht nach Ärzten oder Priestern. Sie vergingen.- Lassen wir sie ruhen, Onkel!"
    "Du sprichst vom Glauben, der in der Seele starb und den wir Heutigen nicht wieder erwecken könnten?"
    "Nicht einmal die Toten. Du willst einen Mythus beleben, der angeblich in uns ruht. Das stelle ich mir sogar recht spannend vor. Daß aber dieser Wille den Tod bringt, weil er selbstherrlich nichtreflektierende Menschen benötigt, macht mir das ganze leid. Oder willst du nur nackte Macht?"

    22.7...

    "Entschieden nein! Edgar, ich will keine andere Macht als die über mich selbst.- Dreißig Jahre Arbeit in diesem Land haben mich dahingebracht, daß ich nicht länger bereit bin, um den heißen Brei herumzureden. Ich habe Erfahrungen gemacht, die du nicht haben kannst. Ich weiß nicht, was die entscheidenden Leute in diesem Land wollen und ich weiß es nur zu gut. Was ich weiß, gefällt mir nicht. Was ich nicht weiß, kann mir deswegen nur Angst machen. Also, ich bin bereit, herauszutreten und die Dinge beim Namen zu nennen. Ich weiß, wovon ich spreche."
    "Ich frage dich noch einmal: Was willst du? Ist es Verwesungsprunk?"
    "Das Verbotene ins Bewußtsein bringen, Ehrlichkeit und die Abschaffung von Tabus. Was ich sagte, war schon da; es muß siegen, soll nicht länger Rebellenbewußtsein bleiben. Ich will die Gleichen zusammenführen und unsere Geistesrichtung zu einer gleichberechtigten machen, den Menschen zeigen, daß sie etwas anderes sind als Partikel im Mechanismus globaler Strategien."
    "Die Menschen werden nur etwas annehmen, wenn es Hoffnung verspricht oder Glück. Was du sagst, klingt nach Kampf. Ich höre schon den Schlachtenlärm des letzten Gefechts..."
    "Ja, du ahnst diesen Lärm, denn unser Zeitalter ist endlich bereit, nicht länger über Aufklärung und Christentum als einzig möglichen Grundlagen des Miteinander zu reden. Christliche Freiheit und pragmatische Gerechtigkeit töten subtil; sie erheucheln und zielen letztlich bloß auf Nutzen, auf Erlösung oder was den Menschen als Rädchen im Welteneinmaleins begreift, wollen funktionalisieren und leugnen die Einzigartigkeit des Einzelwesens. Die Vertreter dieses Glaubens wollen den freien Menschen nicht, der im Kreise des Immerwieder lebt und wirkt, denn der benötigt keine Erlösung, sondern nur das Bewußtsein seines Willens, daß er nämlich ist, daß er nicht allein ist, sondern in Liebe gezeugt und in Liebe seinesgleichen zugeneigt alles schaffen kann, was er denn will. Verstehst du, Edgar, wenn wir es schaffen, die Menschen aus dem alten Nexus herauszulösen und ihnen diese metaphysische Grundlage verschafften, hätten wir eine reelle Chance, unsere Gattung zu erhalten. Geht‘s weiter in den gewohnten Bahnen, werden wir ins Reich der Finsternis geworfen, endgültig. Denn sie werden die Körper zum Allmaleins stempeln und den Menschen zerhacken, zerstückeln und zernichten. Sie werden fragen: 'Was kannst du? Ich kaufe, was du kannst! Das andere interessiert mich nicht. Das tue in deiner Freizeit...'- Versteh mich nicht falsch, Edgar: Ich will niemanden töten, aber ich will klare Akzentuierungen und jene Ehrlichkeit, die vielen wehtun wird, doch mir das einzige Mittel scheint, diese verschlissene Demokratie aufzulösen."
    "Du bist ein Rassist!"
    "Mein Rassismus orientiert sich nicht an biologischen Vorgaben, sondern an denen des Willens. Zweifelhaft, ob dies noch den Begriff verträgt, mit dem du mich gerade bedacht hast. In einem aber hast du schon recht: Ich will trennen, um später wieder zusammenzuführen."
    "Warum willst du dann erst..."
    "Weil es eine Unart ist zu glauben, daß Verschiedenheit nicht etwa gegenseitige Ergänzung bedeutet. Es bedeutet‘s, aber um zu ergänzen, muß man das, was man selbst ist, erst ausprägen."
    "Da werden sich die Gesetzlosen und Genießer freuen, das zu hören."
    "Ich nenne dir ein Beispiel: Ein Fremder kommt in die Stadt und wird feindselig begrüßt. Warum? Grauen vor dem Neuen, dem Unbekannten und ein Gutteil natürliche Vorsicht. So weit so gut. Jedenfalls treten die Alten auf den Plan und fordern den Eindringling zum Kampf. Ist‘s eine gute Stadt, so wird‘s eine Komödie, bei einer schlechten Tragödie oder moralisch-dramatisch. Am Ende aber -und das ist die Regel!- verläßt der Held die Bühne, nach Möglichkeit gen Westen in den Sonnenuntergang reitend. Er verläßt sie, statt zu bleiben...-" Er trank. "Der einsame Wolf, das Sinnbild des Freiheitlichen, bla bla bla. Irrlichter des Schönen, nichts Wirkendes gegenüber dem metaphysisch Konsistenten des Menschseins, nichts als Unterhaltung und Oberfläche und Verunglimpfung des Althergebrachten. So ist das Filmgeschäft, amerikanisch dominiert, ein Geschäft, das wir so, wie es wirkt, bekämpfen müssen. Weil es aus Ängsten ein Geschäft macht oder Schönheitsvorbilder in die Menschen durchs Unterbewußte einschleust, die Oberflächlichkeit fördern, die aussperren und die eigene Leistungsbereitschaft heuchelnd zum kategorischen Imperativ erheben. Sie meinen aber Gelderwerb und nichts anderes, messen mit Worten wie Erfolg, streuen scheußliche Vorbilder persiflierend unters dumme Volk, das an den schönen Kleidern und zotigen Witzen sich die tränenblinden Augen ausgafft und das Hirn mit Zynismus aufbläst: Macht, Gewalt und Heuchelei. Nichts weiter!"
    "Onkel, du bist ein Moralist."
    "Überaus. Wußtest du nicht, daß alle Küchenphilosophen zuvor Moralisten gewesen sein müssen?"
    "Laß uns Klartext reden!"
    "Ich habe dir meine Ängste und Hoffnungen geschildert." Sie schwiegen. Die Stille war erdrückend, schweißtreibend. Edgars Mund formte schwerfällig die Worte, die den Raum füllten und gehört verklangen:
    "Ich sehe in Kaninchenställe eingepferchte Gleiche, sehe Hochbahnen, Kabelschächte, Starkstromleitungen, die mit roher Gewalt Wald und Bergprofile durchschneiden, ich sehe vielstöckige Mietskasernen und zersiedelte Einfamilienhausgettos, wo immer wir Zivilisationsprodukte segensbringende Tätigkeit entfalten und die Welt in quadratische Stücke zerschneiden, Hecken stutzen, Moore zuschütten, alles in Reih und Glied stellen, das Dickicht von schädlichem Ungeziefer befreien; wir erkranken an dieser Gesundheit und finden keine Bereitschaft, wir größenwahnsinnig gewordenen Raubaffen..."
    "Wir sollen, Edgar! Ein kraftstrotzendes Wort, das uns von den Affen trennt! Ja, ich habe zeitlebens darauf gedrängt: sich entdecken! Anderes aufnehmen und zueinander finden."
    "Ich glaube nicht an eine Versöhnung von Differenzen. Darauf läuft es hinaus."
    "Eben. Das Ausleben liegt auch davor. Ich will dafür kämpfen, daß die Tabus keine mehr sind, daß wir über unsere Väter sprechen können ohne zu hören, daß sie Verbrecher gewesen seien, daß wir über unsere geistigen Entwicklungen sprechen können, ohne ständig daran erinnert zu werden, daß diese schließlich zu den Massenvernichtungslagern geführt hätten..."
    "Konjunktiv?"
    "Ich will mit den wohlweislich entwickelten Tabus aufräumen."
    "...und dann Verständigung erreichen?- Onkel, du wirst niemals Unrecht mit Unrecht verrechnen können."
    "Doch, weil diejenigen, von denen wir sprechen, tot sind und somit festgelegt sind und durch Verwandlung, eine uralte menschliche Eigenschaft. Wir haben doch Verbindung zu unseren Toten. Schau dich an! Siehst du nicht aus wie dein Großvater? Sprichst du nicht seine Sprache, hast du nicht die gleichen Bücher gelesen, stimmst du nicht wenigstens teilweise mit seinen Ansichten überein? Du lebst in seinem Haus und hast Umgang mit den Menschen, die er liebte. Das alles verbindet dich mit ihm, jetzt liegt es doch nur an dir, dich ihm anzuverwandeln, auch, um über ihn zu richten, also Unrecht mit Unrecht aufzurechnen und Verantwortung zur eigenen Gewißheit zu machen."
    "Komm zur Sache!"
    "Gleich, Edgar. Ich muß Schwung holen, auch wenn du mich jetzt als Schwätzer siehst."
    "Onkel, nehmen wir uns die Zeit."
    "Danke.- Als unsere Vorfahren nach Griechenland kamen, herrschte dort Mutterrecht. Das heißt, sie opferten zu jedem Vollmond ein blutendes Etwas, einen Menschen in schlimmen Zeiten, ein Tier in weniger schlimmen. Vielleicht wurde das Opfer auch mit den monatlichen Blutungen der Hohepriesterin harmonisiert, wer weiß. Unsere Ahnen aber brachten neue Opferrituale, brachten den Tod gekleidet in die Form des Wettkämpfens, denn sie waren Patriarchen und kannten diesen Zyklus des Lebens, diese Koinzidierung mit dem heimatlichen Boden, der fruchtbar erst durchs Feuchte wurde, nicht. Wir haben auch heute nicht diese Bindung ans Feuchte wie die Völker in den trockenen Gebieten der Erde. Wir jagten im ewiggrünen Wald. Also trugen wir unsere Zwistigkeiten und unsere Gottesrituale im Zwiegespräch aus. Ein Zweikampf sollte entscheiden, Leistung statt ritueller Opferung entschied über Leben und Tod. Der Tote war aufgehoben im Vorhof Wallhalls, des Tages gewiß, der die Totengötter und die Gottfamilie eins werden ließ. Die Form, der Zweikampf. Bei den Protogriechen dagegen gab es keine Religion, bestenfalls Ansätze gemeinsamen rituellen Erlebens. Aber es gab Namen. Apoll und Zeus sind uralt. Demeter, Persephone und Artemis, alles uralte Namen. Wahrscheinlich ist Demeter die älteste. Egal. Kriege waren weit weg. Die Burgen der später Besiegten besaßen nicht einmal Mauern. Für unsere ankommenden Vorfahren gab es nur eine Möglichkeit: den Kampf. Also bekämpften sie das ihnen Fremde, ausgedrückt durch Sprache und Menschenopferzeremoniell, weil sie sich selbst als Kinder des Lichtgottes verstanden, der mit hellem Donnerblitz die dunklen Feinde darniederstreckt. Unsere Vorfahren siedelten ihr siegreiches Prinzip in alten Namenshülsen an, Apoll entstaltete sich vom dunklen Myoktonos der Tiefe zum hellen Lichtgott. Und nun das Bedeutsame: Nach dem Sieg des Lichtes erstarrte die Entwicklung scheinbar -irrtümlicherweise nennt man diese Zeit das dunkle Zeitalter-, doch dann fielen äußere Form und inneres Wesen zusammen: Dionysos, vom Osten über Thrakien kommend, verschmolz das herrschende Prinzip des Lichtes mit dem darunter noch schwelenden Drang nach dem Dunklen und Triebhaften. Es entstand der Urgrund unseres philosophischen und kulturellen Selbstverständnisses, die griechische Philosophie. Und in steter Entwicklung wird eines Tages dieser Drang sublimiert in das verstehende Erleben führen, aber nur über diese Negationen, die sich selbst aufheben..."
    "Was willst du damit sagen?"
    "Daß heute diese Fragen auch vor uns stehen, daß das Dunkle nur verschoben wurde und sich bei Platon und Aristoteles Durchbruch verschaffte, indem es das Wahre hinter obskuren Definitionen des Guten und Denkbaren verschleierte, was wir bis heute noch nicht erhellen konnten. Wir stehen, und das Ringsum ist uns ein Greuel, dem wir nur durch die Flucht ins Innere zu entfliehen trachten..."
    "Onkel, laß dich unterbrechen! Du willst verantwortlich machen?" Der Onkel gab mit einer Kopfbewegung zu verstehen, daß er imgrunde genommen dies wolle. "Du willst Gewißheit über Zukunft und Vergangenheit, weil du da einen Zusammenhang ahnst, und du willst endgültige Gerechtigkeit"
    "Ja, aber so wie du es sagst..."
    "Dann sollte es dich nicht überraschen, daß deine Suche nach dem Gerechten zu Bergen von Leichen führen müßte oder die Schuldigen bei aller Aufrechnung letztlich freigesprochen werden müßten, wollte man diese Berge umgehen. Wolltest du sie nicht umgehen, machtest du dich selbst zum Schuldigen, denn wie wolltest du sonst deine Verrechnung gestalten?"
    "So ökonomisch wollte ich nicht an die Sache herangehen, Neffe."
    "Deine Ethik der Verantwortung ist nichts anderes als ein Produkt des kapitalistischen Geistes, Onkel. Dir ist etwas weggenommen worden; jetzt nimmst du an, daß du es dir mit allem Recht wieder holen müßtest. Zwar reicherst du mir das Ganze noch mit einigem metaphysischem Beiwerk an, doch in der Quintessenz steht letztlich Auge um Auge, Zahn um Zahn!, nicht wahr?"

    26.7...

    Edgar spürte, daß das Gespräch noch stundenlang mit etlichen Erklärungen seines Onkels würde fortgesetzt werden können. Einerseits empfand er die gelöste Zunge seines Verwandten, der vermutlich zum ersten Male ehrlich mit ihm sprach, als wohltuend. Andererseits jedoch sprachen aus den Worten des Fünfzigjährigen Verbitterung und bei aller persönlichen Anteilnahme eine Art unpersönlichen Es?, eine vorgeschobene Struktur, die legitimieren und verachtenswürdige Taten quasi a priori rechtfertigen sollte.
    Sollte?
    Da war wieder dieses Wort, dem der Onkel einen Großteil seiner Aufmerksamkeit schenkte. Wie schuldig sollte er sich beispielsweise am letzten Krieg fühlen? Der Onkel nahm die Schuld an, als Ausdruck eines prinzipiellen Willens, der in die Praxis kommen mußte: Man mußte IHN, diesen Hitler, gewähren lassen, bis es zu spät war. Da halfen dann auch Attentatsversuche nichts mehr. Der Großvater war in seinen Handlungen nicht legitimiert, weil er teilgenommen hatte am Eidbruch aus einer größeren Verantwortung heraus, dieselbe hatte ihn schließlich erst in den Krieg getrieben!

    28.7...

    Man könnte sehr viel darüber schreiben; man müßte sehr viel mehr darüber schreiben, doch nicht im bislang herkömmlichen Sinne einer rationalen und westlichen Wertvorstellungen angepaßten Betrachtungsweise.

    P.S. Ich entschuldige mich dafür, daß zwischen meinen Zeilen Interpretationsmöglichkeiten liegen, die nicht meiner Absicht entsprechen.

    Und, it, ich kämpfe hier einen hier nicht zu entscheidenden Kampf, doch mein Wort- und Werteprinzip muß Anerkennung finden, wenigstens dort, wo ich Herr im Hause sein sollte, nämlich in dieser virtuellen Welt. Anerkennung, nicht alles erschlagend.
    Ich arbeite an den Texten, von den Idioten in diesem Ordner, ganz entschieden trebortello und der Siebenschläfer, aber erfahre ich keine Textarbeit, dagegen wilde statements, wilde Beschuldigungen. Es sind diese Leute, die keine neue Literatur auf den Weg bringen werden, sondern nur zynische oder auch gutgemeinte Ratschläge und Einwände machen können. Jedenfalls sind sie in ihren Denkgewohnheiten gefangen, verwechseln auch mal Diskurs mit Diskussion, ihre Mitarbeit an anderer getexte läßt auch sehr zu wünschen übrig. Sie bekümmern sich nur um ihre Ordner, ihre Texte, das andere ist ihnen gleichgültig, wird mit Küßchenbüßchen bejubelt oder ignoriert, oder es wird ohne Bezug angefeindet.

    Die Blutgeschichte verdient vielfältigste Auslegungen. Die Interessenten reichen von Jakob aus der Genesis bis zu Thomas Mann, vielleicht noch weiter. Es waren nicht alles Rassisten (auch so eine Unsitte der 68er, daß sie jedwedem Rassengewort mit dem Mäntelchen des Rassistischen umfassen), die sich mit dem Blutbild des menschen befaßt haben, die glaubten, daß Herkunft und Natur des Menschen ganz wesentlichen Einfluß auf seine Gedankenwelt haben könnten. Damit hier genug.

    Was die Diskursethik betrifft, so können wir uns in einem gesonderten Ordner darüber unterhalten. Allerdings werde ich das nur tun, wenn sich robortello und 7schwerter bei mir entschuldigen.

  20. #20
    schreibt hier hin und wieder
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    Unhappy AW: Selb(st)kritik

    ich finde, wir sollten den ganzen literarischen krimskrams endlich beiseite lassen und nur noch streng ad personam schmähen - und wenn wir dann alle voll auf adrenalin sind, treffen wir uns irgendwo in deutschland und haun uns so richtig in die fresse - das ist anvantgarde!

    doderer

  21. #21
    schreibt hier hin und wieder
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    Unhappy AW: Selb(st)kritik

    O-Ton robertello:
    meine äußerung hat nichts mit political correctness zu tun und was bitte mit opportunismus? wolkenstein geht leichtfertig mit der sprache um und merkt nicht, wem er sich dabei andient.
    Bei wem, bitteschön, dient sich vW an? Bitte mit Namen und Adresse! Wo sitzt es, das böse braune Monster, das mit seinen Krakenarmen die Demokratie abwürgen will?
    Und komm mir jetzt bitte nicht mit den unterbelichteten Schlägern, die im Moment (gleich nach den Kampfhunden) den Nachtschlaf der Gerechten beeinträchtigen. Ich glaube kaum, daß sich diese Typen für dieses Forum interessieren.
    Also, wo steckt er, der intellektuelle Feind, der rechte?
    Ist er am Ende nur ein Pappkamerad, eigens dazu geschaffen, die eigenen Unzulänglichkeiten, die planmäßige Zerstörung der Kultur, der Sprache, des sozialen Friedens und des Selbstwertgefühls eines ganzen Volkes zu verbergen?
    fragt
    K.





    [Diese Nachricht wurde von kassandra am 07. August 2000 editiert.]

  22. #22
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    Unhappy AW: Selb(st)kritik

    danke robert, für die mail mit der erneuten aufforderung zur entschuldigung und deinem sperrungswunsch. ich habe es etwas schwer, mich hier zu äußern, da ich ja nicht verstanden werden soll! und bei der flut von beschimpfungen (die schlimmste: demokrat!) ist es kaum noch möglich, luft zu schnappen.

    zur entschuldigung besteht meinerseits bestimmt kein anlaß, ich könnte vielmehr mal aufzählen, was ich so alles einstecken mußte an beleidigungen. was die sache mit dem rassismus betrifft, haben wir offenbar ein anderes sprachverständnis. ich will es noch mal kurz erläutern:

    ich halte sprache nicht für unschuldig. die rede von der "reinheit des blutes" und der gefahr der "verunreinigung des blutes" durch fremde wurde von den ****s benutzt, um den völkermord zu legitimieren. man kann diese worte nicht "unschuldig" benutzen, ohne daran erinnert zu werden. WENN man sie benutzen muß, dann muß man deutlich machen, daß man DAS nicht meint. das ist hier nicht geschehen und darauf habe ich hingewiesen. ich sagte, es ist eine SPRACHE des hasses. im gegensatz zu robert und kassandra halte ich mich mit persönlichen unterstellungen dagegen eher zurück, ich habe sogar eingeräumt, daß diese assoziation ungewollt geschehe.

    wolkenstein will die sprache GEGEN diese geläufige assoziation bürsten. ich halte das für keine gute idee, ich halte das für leichtfertig und naiv in einer zeit, in der man bei diesen worten auch an handgranaten denken muß. sprache ist nicht unschuldig und deshalb muß man sie bewußt benutzen und man muß mißverständnisse vermeiden.

    aber das habe ich schon x-mal gesagt, und ihr wollt es nicht verstehen. wenn aber jemand "ideologie" sagt, dann seht IHR rot, und wenn man euch noch so genau erklärt, daß man den begriff anders verwenden will, als ihr ihn vielleicht kennt.

    ich bemühe mich also um sprachkritik, und gegenstand ist meistens der chefmoderator. wie soll man hier denn textarbeit machen, wenn der moderator sich ständig dermaßen in den vordergrund spielt, daß man nur noch mit ihm beschäftigt ist? weil man ihm bei seiner sprachakrobatik widersprechen muß, um selbst nicht mißverständlich zu erscheinen!

    ich schreibe viel lieber gedichte, freunde.

  23. #23
    rodbertus
    Status: ungeklärt

    Unhappy AW: Selb(st)kritik

    Tu das!

    Die Antwort ist unbefriedigend. Verständigung ist also nicht möglich. Traurig genug, daß Du die Dinge so siehst. Belege bliebest Du wieder schuldig.

    Ein trauriger Abschied. Mach's gut, robortello!

  24. #24
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Selb(st)kritik

    welche belege? ich habe dich zitiert und habe das zitierte in seiner anstößigkeit erläutert. was willst du noch? ich kritisiere deine sprachverwendung (deretwegen sich hier schon etliche empört abgewendet haben) und du willst deshalb den diskurs abbrechen? ich fürchte ehrlich gesagt, daß du einer sachlichen diskussion gar nicht gewachsen bist, und dich deshalb hinter drohungen und beschimpfungen verstecken mußt.

  25. #25
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Selb(st)kritik

    So ist es! Und nun genug. Du gehst nicht ab von Deiner Meinung, daß ich und andere ****s seien, weil sie sich mit dem Begriffe des Blutes und ähnlichen Dingen befassen. Zudem sei ich nicht diuskussionsfähig, weil ich Belege für Deine mittenmang (füllt semantische Leerstellen) Unterstellungen mitgeteilt haben möchte. Und, ja, ich verstehe die Arbeit hier so, Sprache zu hinterfragen, was eben v.a. bedeutet, ihre Bedeutungen und Wirkungen möglichst weit auszuloten. Ich nehme eindimensionale udn stigmatisierende bedeutungen nicht hin. Das ist wohl wahr.
    Es sei Dir gesagt, ich las auch Marx, bin aber kein Marxist zu nennen, ich las Darwin und lehne seine Lehre ab, ich las auch andere, deren Meinungen ich nicht übernahm, obwohl ich vielerlei Gewort ihnen schuldig zu sein glaube, etwas pathetisch gesprochen. Deinen Vorwurf, daß manche Wörter ob ihrer Benutztheit und unmißverständlichen Belastung durch Vergangene überbelastet seien, teile ich nicht, wohl aber bin ich empfindlich, wenn man mich einen Rassisten nennt. Du gehst nicht ab von Deinem Vorwurf, ich sei ein ****, dann mußt Du gehen.

    Den Abgewendeten weine ich zwar hinterher, keine Frage, denn ich bedaure den verlust jedes menschen, der sich aus meinem Kreis entfernt udn mit dem ich keine weiteren Konnexe finden kann. Diskursethik lehne ich jedoch ab, weil das Hierarchische ihres Wesens mich abstößt.

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