Man traf sich in der alten Reichshauptstadt zum fröhlichen Feiern. Die Sieger diktierten die Friedensbedingungen, hatten es aber nicht einfach. Zwar hatte die Alliierten der gemeinsame Gegner geeint, doch der, schien es, war nun geschlagen. Die alten Gegensätze zwischen Preußen und Österreich, zwischen Rußland und Österreich, zwischen England und Rußland, zwischen Pi und Po brachen auf und ließen keine klaren Ergebnisse zu. Vor allem die Lösung der polnischen Frage verfeindete drei der fünf Alliierten, nämlich Österreich, Preußen und Rußland. Zar Alexander wollte ein Königreich Polen, das mit Rußland vereinigt wäre. Preußen verlangte das, was schon Friedrich II. im Siebenjährigen Krieg vergeblich zu verwirklichen versuchte: die Vereinigung Preußens mit Sachsen. Dafür war es bereit, auf polnische Anteile zu verzichten. Dem stand Österreich entgegen. Weder stimmte es der Vereinigung Polens mit Rußland zu noch der Preußens mit Sachsen. Und es fand Zustimmung. England und Frankreich verbündeten sich mit Österreich zu einer Defensivallianz.
Damit ist erklärlich, daß England die Grenzen bestimmte. Es spielte immer das Zünglein an der Waage, schwenkte bald auf die österreichische, bald auf die französische Seite und konnte so auf dem europäischen Festland die Grenzen schaffen, die ihm am angenehmsten waren. Daß es eigentlich mit Preußen gegen Frankreich gestanden hatte, spielte keine Rolle mehr, denn England hatte mit der Niederwerfung Napoleons erreicht, was es wollte: seine Weltmacht gefestigt. Es mußte jetzt darauf achtgeben, daß die europäischen Dinge im Gleichgewicht blieben - ohne Britannien. Das allein garantierte seine Macht.
Das bedeutete die Schaffung der vereinigten Niederlande, die Rückdrängung Österreichs aus Süddeutschland, den Erhalt der französischen Grenzen von 1789 plus etlicher Erwerbungen danach (Avignon, Mömpelgard, Nizza, Saarland), die Stärkung Preußens in Deutschland, die Orientierung Österreichs auf Südosteuropa. Die deutschen Großmächte verzichteten auf eine Erstattung der gegen sie erhobenen Kontributionen. Auch die von Napoleon geraubten Kunstschätze [1] blieben zum Großteil in Frankreich.
Der zweite Teilbereich des Kongresses bestand in dem Verfassungsversprechen und der Wiederherstellung Deutschlands. Es war der russische Feldherr Kutusow, der dieses Versprechen gegeben hatte, das nun einzulösen war. Aber hatte man hier nicht den Bock zum Gärtner gemacht? Was könnte Fürstendiener 1815 nach einem Siege veranlassen, ihre politischen Überzeugungen mit einem konstitutionellen Königtum zu depravieren?
Jede Verfassung in einem deutschen Teilstaat mußte das Ganze im Blickfeld behalten, da ein Sonderweg, eine freie Entscheidung mirnichts, dirnichts zu einer Störung des europäischen Kräfteverhältnisses und damit zu einem Krieg führen mußte; schließlich wurde der Krieg in jenen Tagen als ein Mittel der Politik betrachtet, als ein Mittel, um Widersprüche zu lösen oder Kräfteverhältnisse zu bewerten, auch zu entscheiden. Jeder Verfassungsentwurf in einem der deutschen Staaten mußte also den preußisch-österreichischen, den katholisch-protestantischen und den nörd-südlichen Gegensatz überwinden. Unauflösbar. Daher geschah folgendes:
Österreich lenkte seine Orientierung auf den europäischen Südosten und drängte das osmanische Imperium zurück. Preußen begriff nach seinem polnischen Abenteuer im 18. Jahrhundert, daß ein zu hoher Anteil an fremdländischem Besitz die Schlagkraft seiner Armee und die wirtschaftliche Entwicklung hemme und trachtete nunmehr darauf, v.a. deutsche Gebiete in seinen Besitz zu bringen. Es wundert also nicht, wenn viele deutsche Patrioten mit diesem Paradigmenwechsel der preußischen Politik auch Hoffnungen auf einen neuen und konstitutionell paraphierten deutschen Staat verbanden. Diverse Vorschläge kamen in Wien zur Sprache, die alle den Aufbau der Mitte Europas betrafen. Der Kongreß tanzte, aber er arbeitete auch.
Man einigte sich schließlich auf einen Fürstenbund unter Ausschluß der fremdländischen Bestandteile Österreichs und Preußens. Die Kompetenz des Bundes umfaßte nach § 24 die Wohlfahrt und allgemeine Interessen seiner Bestandteile. Man sollte sich auf Regelungen für Heeresaufstellung, Handel, Zölle, Post und Münzwesen einigen.
Wunschgebilde. Erbverbrüderung zwischen Habsburg und Hohenzollern, Kaisertum an Österreich und gleichberechtigte Duodezfürsten? All das schwirrte durch die wiener Luft von 1814. All das basierte auf der allgemeinen nationalen Erhebung, die doch größtenteils eine mittel- und ostdeutsche war. Preußen und Österreich hatten die west- und süddeutschen Rheinbundverräter nur mühsam ins Boot einer allgemeinen Befreiung geholt und auch das nur unter Zusicherung, Gebietsgewinne nicht in die eigene Tasche zu stecken. Das deutsche Volk war wie immer uneins. Es gab Separatisten, die an Frankreich hingen, es gab die absolutistisch eingestellten Duodezfürstentümer und es gab sehr viele, die nach vielen Jahren des Krieges eine sichere politische Mitte Europas wollten, denen nationale Zugehörigkeit gleichgültig war. Über all dem schwebte die Angst vieler Patrioten, Preußen und Österreich würden Verhältnisse wie vor 1789 aufrichten und Fortschritte der politischen Partizipation, die durch Napoleon gesetzlich manifestiert worden waren, beseitigen. Der Liberalismus [2] kam als Weltanschauung zu höheren Ehren, man glaubte an einen ewigen Fortschritt und verkannte auch, daß Menschen hier manipuliert worden waren, um Rädchen im Getriebe einer Kriegsmaschine zu sein, die dem persönlichen Ehrgeiz eines einzelnen untertan gemacht worden war und in dessen Schatten Kriegsgewinnler und Großbürgertum fette Renditen einstrichen.
Man einigte sich schließlich auf einen lockeren Bund aller 39 deutschen Staaten. Sitz wurde Frankfurt/Main. Bundestag. Festgelegt wurde eine Stimmenverteilung. Festgelegt wurde eine Verteilung der Heereskontingente. Neben deutschen Gebieten gehörten auch England (über Hannover), Dänemark (über Holstein) und die Niederlande (über Luxemburg) dem Bund an. Jeder Aspekt mußte europäisch bedacht sein, einheitliche und strenge Gesetze so gut wie undurchführbar. In Deutschland blieb mithin alles beim alten, nur gab es jetzt keinen Kaiser mehr, sondern einen Bund mit in etwa der gleichen ohnmächtig ausgeübten Machtfülle des einstigen Kaisers. Seine Feuertaufe würde dieser Bund bekommen, wenn es zum Krieg käme. Und der kam schon bald.
1815: Napoleon saß auf Elba, verbannt. Frankreich kam in den Genuß der Restauration, blieb jedoch konstitutionell gebunden. Frankreich wurde zur konstitutionellen Erbmonarchie der Bourbonen. Napoleon sollte endgültig entfernt werden, bekam Wind von der Sache und trat seinem Schicksal entgegen. Mit einigen wenigen Getreuen landete er am 1.3.1815 an der französischen Küste. Ludwig XVIII. schickte loyale Truppen. Napoleon stellte sich mit entblößter Brust vor diese Angreifer und fragte sie, ob sie auf ihren Kaiser schießen wollten. Damit entschied er den Kampf, denn die Soldaten wollten das nicht und riefen ein Vivat (Es lebe Napoleon!). So ging es bis Paris, in das Napoleon am 20.3. mit Pauken und Trompeten einmarschierte.

„'Unser Plan ist ganz einfach: ‚die Preußen oder die Nacht', war die Ordre, welche Wellington ausgab. Dies ist der richtige Wortlaut. Die gewöhnliche Version: 'Ich wollte, es würde Nacht oder die Preußen kämen' , faßt die Situation des ganzen Tages dramatisch zusammen und ist insofern nicht ohne eine gewisse innere Wahrheit. Tatsächlich können sie schon deshalb nicht so gesprochen worden sein, weil die Preußen ja schon von 4½ Uhr an im Gefecht waren.“ (Delbrück: Das Leben des Feldmarschalls Grafen Neithardt von Gneisenau. Berlin 1882. Bd. II. S. 209.)

In Wien handelte man schnell und versprach einander Hilfe im Kampf gegen Napoleon. Die Truppen setzten sich in Bewegung, um Napoleon endgültig aus Frankreich zu verjagen. Das gab Napoleon die Möglichkeit, an die Franzosen zu appellieren, das Vaterland sei in Gefahr. Er brachte 128000 Mann zusammen. Die Preußen riefen ihre Truppen zusammen und stürmten zum Rhein. 120000 Mann brachten sie auf. Die Engländer schickten ein Heer unter Wellington, dem sich 40000 Ostfalen und Hessen anschlossen, insgesamt 96000 Mann. Russen und Österreicher stellten noch auf. Es blieb also vorerst in der Hand der Preußen und Engländer, Napoleon aufzuhalten. Die Verbündeten marschierten in zwei Armeen nach Belgien, das sich Napoleon als erstes Zielgebiet ausgesucht hatte. Gneisenau organisierte das konzertierte Miteinander. Es war alles wie zwei Jahre zuvor in Mitteldeutschland. Napoleon mußte seine Strategie darauf lenken, die Heere einzeln zu stellen, ihr Zusammengehen also zu unterbinden. Gneisenau ließ die Abteilungen bei Ligny Aufstellung nehmen. General Bülow hielt Gneisenaus Marschbefehl für übereilt und ließ seine Truppen ausruhen. Das nutzte Napoleon. Er trieb einen Keil zwischen die anrückenden Alliierten, indem er seinen Soldaten Eilmärsche befahl. Wellington erkannte Napoleons Plan und berechnete den mutmaßlichen Ort der Schlacht. Das schrieb er General Blücher in einem Brief. Blücher kam vor Wellington an und nahm die Schlacht an, die Napoleon ihm aufnötigte. Blücher verlor diese Schlacht, konnte sich aber geordnet zurückziehen. Gneisenau gab Befehl, bis nach Tilly/Wavre zurückzugehen, blieb aber mit den Engländern in Verbindung. Damit war Napoleons strategisches Ziel der einzelnen Besiegung kaum mehr durchführbar, auch wenn er eine Etappe gewonnen hatte und glaubte, die Preußen seien damit aus dem Spiel. Er war sich dessen so sicher, daß er nicht einmal Kundschafter aussandte, die den Rückzug der Preußen beobachten und diesbezüglich Meldung erstatten sollten.
Die Preußen waren ca. 6 Stunden Fußmarsch von den Franzosen getrennt. Sie nahmen Kontakt zu den Engländern auf und planten das Zusammenführen der Truppen bei Waterloo.
Die Franzosen griffen drei Mal an, unterstützt vor ihrer überlegenen Artillerie. Die Engländer konnten jeden Angriff abwehren und warteten auf Entlastung durch die Preußen. Wellington gehörte der alten Garde von Generalen an, die auf starre Umsetzung eines strategischen Konzepts bedacht waren. Die Devise hieß an diesem Tage: aushalten! Es durfte keinen Rückzug geben. Die Preußen waren selber bedrängt und brauchten Ruhe, aber Gneisenau gab an, daß man zurück zur Schlacht müsse. Und so marschierten die ausgemergelten und halb verhungerten preußischen Soldaten durch den aufgeweichten belgischen Boden zu den Engländern, um ihnen gegen Napoleon beizustehen, der seine besten Soldaten in den Kampf geschickt hatte, erfahrene Soldaten der Garde. Gneisenau wußte, daß Napoleon angreifen mußte. Wenn es Napoleon nicht gelingen würde, in dem aufgeweichten Boden einen siegreichen Angriff zu forcieren, so würde die Überlegenheit der Alliierten den Ausschlag geben müssen. Napoleon hatte inzwischen erfahren, daß die Preußen umgekehrt waren und sich aus Nordosten dem Schlachtfeld näherten. Er benötigte den Sieg bis zur Dunkelheit. Es gelang Napoleon nicht. Berühmt wurde Wellingtons Stoßgebet: „Ich wollt', es würde Nacht oder die Preußen kämen!“ Allerdings trafen die Preußen gegen halb fünf Uhr nachmittags ein, und auf dem Schlachtfeld wurde nicht mehr zäh Mann gegen Mann gekämpft, sondern es kam Bewegung auf: die preußische Kavallerie jagte die Franzosen. Gneisenau übernahm die Verfolgung.
Die Alliierten beschlossen, nach Paris zu marschieren, das schnell nach einer Umgehung vom Süden her erobert wurde. Napoleon war abgesetzt, eine provisorische Regierung unter Fouché gab die Kapitulation bekannt. Damit begannen die Probleme für die Alliierten, denn die waren zwar einig in dem Kampf gegen Napoleon, aber uneins über die nachherige Friedensordnung. Die Briten wollten die Wiedereinsetzung der Bourbonen und die relative Stärke Frankreichs. Das gäbe ihnen auch fürderhin die Möglichkeit zu ihrer erfolgreichen balance of power – Politik. Die Preußen dagegen wollten die alten deutschen Gebiete zurück und die nachhaltige Schwächung Frankreichs, damit es keine weiteren Kriege gäbe.
Die Preußen eroberten zwar Paris und biwakierten an den Tuilerien, aber die Engländer machten die Politik: Sie setzten Ludwig XVIII. als französischen König ein und versprachen ihm, gegebenenfalls gegen Rebellen zu Hilfe zu kommen. Es schien so, als ob die vergangenen 26 Jahre nie existiert hätten – jedenfalls nicht für die Engländer, die hier klugerweise gegen die politisch untüchtigen Preußen ihre Ziele wohl auch deshalb durchsetzten, weil Österreicher und Russen kein Interesse an einem Machtzuwachs Preußens besaßen. Ludwig XVIII. wurde von den Alliierten als Verbündeter begrüßt.
In Wien vereinzelte dies Preußen, denn Rußland wechselte die Seiten und trat der englisch-österreichisch-französischen Friedensordnungspartei bei, deren Ziel die Schaffung eines status quo ante – Friedens war, allerdings ohne Restitution der Säkularisation. Fünf Monate wurde in Wien nach Waterloo verhandelt, dann stand fest, daß die Briten ihre Positionen weitgehend durchgebracht hatten. In fünf Verhandlungspunkten allerdings konnten sich die Gegner der Briten und Franzosen durchsetzen:


  • Frankreich gab zwei Festungen an die Niederlande ab;
  • Bayern erhielt Landau;
  • Sardinien erhielt Savoyen und Nizza;
  • Preußen erhielt das Saarland auf Druck der saarländischen Bevölkerung;
  • Frankreich zahlte 700 Millionen Franken (ca. 14 Mrd. €) Kontributionen.


Wellington blieb in Frankreich, um das Geld einzusammeln. Die Deutschen kehrten nach Hause zurück. Sie hatten die Hauptlast der jahrelangen Kriege getragen, aber als politische Sieger kehrten Briten und Russen nach Hause, sogar die Franzosen waren 1815 besser dran als 1789. Die Deutschen lebten fortan in einem von allen bewachten, schwächlichem Deutschen Bund, hatten Gebiete verloren und ein loses Verfassungsversprechen der fürstlichen Herrschaften. Enttäuschung machte sich breit.


Aufgaben:


  1. Nenne die Konflikte zwischen den Alliierten! (I)
  2. Benenne die Sieger des Wiener Kongresses und führe Gründe dafür an! (II)
  3. Bestimme die verschiedenen politischen Strömungen in Deutschland! (I)
  4. Gib den Verlauf der Schlacht bei Waterloo zeichnerisch wieder! (II)




[1] Napoleon bediente sich systematisch bei Aliierten und Besiegten: 345 Bilder aus Kassel, 278 aus Braunschweig, 209 aus Schwerin, 116 aus Sanssouci, 72 aus Bayern, zahlreiche Büsten, Bücher, Münzen, Schmuck, Statuen (u.a. die Quadriga vom Brandenburger Tor), Gemmen, wertvolle Drucke etc.pp.

[2] Als Liberaler bezeichnete sich nach 1819 jemand, der für die Grundrechte, obenan die Presse- und Vereinsfreiheit, danach das Recht eines vom Besitzstand gewählten Parlaments, Steuern zu bewilligen und Gesetze zu verabschieden, eintrat. Ein deutscher Liberaler dieser frühen Zeit trat nicht für ein Parlament ein, das ausschlaggebend für die Verabschiedung von Gesetzen war, wie dies die Liberalen in Frankreich oder England wollten, sondern ging von einem Dualismus zwischen Krone und Parlament aus, wobei er die Legitimation der Krone, letztlich über den Vollzug eines Gesetzes entscheiden zu dürfen, nicht bestritt.


Fortsetzung "Biedermeier"