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Thema: Notizen. Herbsttage

  1. #1
    Howah
    Laufkundschaft

    Notizen. Herbsttage

    Nach fünf Tagen Dauerregen endlich ein regenfreier Tag; Wolken zwar noch, hellgraue wie zerknüllte .Kopfkissen, auch dunkelanthrazitfarbene, drohende; aber dazwischen Löcher in himmelblau, die der südliche warme Wind sich frei geblasen hat. Wunderbare Düfte, süßes Verwesen der gefallenen Blätter, auf denen man leicht ausrutscht.

    "Aber viele Bäume sind noch ganz grün", sagt Petra, die meine Herbstmelancholie fürchtet. Dann rennt sie Ludwig hinterher, ihrem Beagle, der schon wieder irgend etwas Undefinierbares zum Fressen gefunden hat. Sie packt ihn am Halsband, zerrt ihn vom Leckerbissen weg, und schimpft ihn aus. Ludwig zeigt kaum Reue, und sie sagt: "Ich habe Hunger."

    Fünf Tage Dauerregen. Nicht so, dass er immerzu in gleichen Mengen herunterfiel, er inszenierte abwechslungsreich. Mal nieselte er, mal rauschte er in schrägen Strängen herunter, mal fegte er windgetrieben gegen die Fensterscheiben. In den Marktbuden dampfte es von nasser Kleidung, tropfenden Regenschirmen, Gummistiefeln, die runde Teiche absonderten. Auf den Marktsraßen wurden kleine, grotesk in Plastik verpackte Kinder herumgeschoben. Sie konnten durch Gucklöcher, etwa in Augenhöhe, nicht mehr sehen als das Gesicht der wagenschiebenden Mutter. Mutternähe, meinen die Psychologen, sei eine ständige Freude für Kleinkinder, aber die trostlosen Regengesichter konnten sie nicht erheitern. Wie sollen nur aus Kindern, die monatelang frische Luft nur in Folien verpackt atmen, fröhliche, positive Menschen werden?

    Petra bestellt sich einen Schweinsbraten mit Bratkartoffeln, ich will nur einen Cappuccino. Es ist richtig angenehm unter dem Plastikzelt, das sie über die Biertische und -bänke gespannt haben, sie haben dazu noch einen kleinen Ofen in der Mitte aufgestellt. Ludwig ist voll beschäftigt, seine vielen Freunde zu begrüßen. Er wedelt aufgeregt mit dem Schwanz, trägt den Kopf hoch, der Rücken ist angespannt - nichts mehr von dem alten rheumatischen Hund, der zuhause mit hängendem opf herumtaapt, manchmal kaum aufstehen kann. Hören kann er auch kaum noch, aber Petra nimmt das gelassen und sagt, richtig gehört habe er sowieso nie.

    Jetzt macht sie sich andere Sorgen: "Also, für Leute, die keine Hunde mögen, ist das doch wirklich eine Zumutung hier."
    Ihr Schjweinebraten kommt, und ich bitte in Anbetracht der duftenden Bratkartoffeln um eine Extragabel. "Und was kümmerts uns" sage ich kalt, "wem es hier nicht gefällt, der soll eben wo anders hingehen."

    Zwei Tische weiter sitzt der alte, hagere Mann, der immer ein halbes Hendl mit Kartoffelsalat bestellt. Kaum ist es da, umringen ihn ein halbes Dutzend kleiner Hunde. Ein zierlicher, wohlgepflegter schwarzer Pudel giert genau so wie das magere, strubbelige weiße Zamperl mit dem einen, schwarzumrandeten Auge, neben dem sich ein brauner, ziemlich dicker Dackelmischling unerhört hungrig gibt. Dazwischen wuseln noch ein paar undefinierbare Hundekreationen herum, und alle, alle bekommen ihr Stück Hendl ab. Der Mann selbst isst Kartoffelsalat und schaut zufrieden und glücklich um sich..

    Fünf Tage und Nächte Dauerregen unter erschwerten Bedingungen, die Regenrinne über meinem Balkon hat ein Loch, das Wasser plattert lautstark auf den Lattenbelag. Tage, als wohne man an den Niagarafällen. Nächte mit Arche-Noah-Träumen. Neunundzwanzig Tage drischt Gottes Sündenregen schon auf die Bootsplanken, von draußen gibt es keine Nachrichten mehr, draußen gibt es überhaupt nicht mehr, und ziemlich in der Nähe schläft ein Löwenpaar. Satt und friedlich, noch, aber wird das so bleiben bis zum vierzigsten Tag? Hat der alte Noah sein Boot und die Passagiere noch so lange im Griff? Mittwoch soll ein Klempner kommen und die Regenrinne reparieren.

    Die großen Hunde, Prachtexemplare unter ihnen, aber überwiegend verwegene Mischungen, halten sich vornehm zurück, aber wenn die appetitlich riechenden Gerichte tablettweise aufgetragen werden, läuft ihnen doch das Wasser im Maul zusammen und aus dem Maul heraus. Sie setzen sich in Position und kultivieren ihren hypnotischen, melancholischen, tieftraurigen, treuen Hundeblick mit Richtung auf den ihnen zugehörigen Menschen. Der sagt dann in strengem Ton "Du sollst doch nicht betteln", und bewirft seinen Liebling strafend mit einem Gegenstand, einem halben Rindswürstel oder einem Stück Schweinebraten.

    Jetzt übe ich das mit dem demütig bittenden, vertrauensseligen Blick. In Richtung Himmel. Gib uns noch ein paar südlichere Tage. Und jage den föhnblauen Wind über die Alpen, und lasse sie auf mich fallen. Ja?

  2. #2
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    AW: Notizen. Herbsttage

    wunderschöner text.

  3. #3
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Notizen. Herbsttage

    Das mit dem Essen ist Dir wichtig. Aber Du möchtest nicht, daß es anderen so wichtig erscheint.
    Denn dies ist der zweite Text, der sich ums Essen dreht, den Du - wahrscheinlich deshalb - in Leichte Kost [Vorgänger von Leiden schafft] stellst. So so.
    Ist mir ein bißchen zu beschaulich; ich ahne da auch keine Gefahr hinter der Beschaulichkeit. Diese Beschreibungen sind schon lange in Gebrauch, als daß man sich das leicht gefallen lassen sollte, ihnen eine andere Bedeutung zuzugestehen.
    Aber gern hab ich's dennoch gelesen. Es hat eine beruhigende Wirkung in all dem Tagesgeschrei.

  4. #4
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    AW: Notizen. Herbsttage

    schön zu lesen, ja.
    aber mit den tempi? vielleicht nur ne kleinigkeit, vielleicht könnte man da noch was nachbessern.
    und sonst? wie war der urlaub?

  5. #5
    Howah
    Laufkundschaft

    AW: Notizen. Herbsttage

    Wunderschön war der Urlaub. Berge. Sonne, wenigstens oben. Und, aero hats erfasst, das ist mir leider auch wichtig, gutes Essen.
    Und jetzt regnets wieder-

    Grüße, Howah

  6. #6
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    AW: Notizen. Herbsttage

    Hat hier jemand was gegen gutes Essen?
    Kannst hier jederzeit zum Kochen vorbeikommen, Howah.
    (Einladen möchte ich Dich nicht: bei mir gibt es die Nudeln von gestern, an ein wenig frischer Möhre auf Ketchup-Jus.)
    it
    ( )

  7. #7
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Notizen. Herbsttage

    Herbst ist mir die liebste Zeit. Und das ist so ungewöhnlich nicht. 32% der Hiesigen nennen den Herbst als die schönste Zeit des Jahres. Wird nicht vom Sommer übertroffen. Jedenfalls gibt es wohl nichts Schöneres als einen Pilz im Herbstwald, der sein Häubchen schüttelt, weil eine Oktoberfliege sich's auf ihm gemütlich machen will.
    Und, ahnt Ihr Lieben die Perfidie: Die Fliege bleibt kleben. Igitt. Und der Pilz ist schon längst verschimmelt im tropfennassen Sonnenscheingewirk.

    Und deshalb liebe ich den Herbst: Es ist die Pracht in der Vergänglichkeit; Erinnerung an Tod und Ewigkeit. Denn nichts ist wohl ewiger als die Sehnsucht nach dem Tode. Sie hat so krude Vorzeichen.

    Und das ist wahrlich keine leichte Kost.

  8. #8
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Notizen. Herbsttage

    der herbst ist die einzige jahreszeit, an der man es bereut, wenn man nur einen schwarz-weiß-film dabei hat.

    heute wollte ich eigentlich mit meiner kamera losziehen, aber da kam der elende nieselregen dazwischen.

    schade, da wirblem die bunten blätter gleich nicht mehr so schön über die straße...

    [Diese Nachricht wurde von Bo am 19. Oktober 2000 editiert.]

  9. #9
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    AW: Notizen. Herbsttage

    Ja. Herbst ist ein schöner Zeitrahmen. Aber das Wort ist eine Katastrophe: beginnt mit einem Hauch von "H", folgt als Solitär ein Vokal und endet in einer Kakophonie von Konsonanten, prasselnd, am Schluß ein "t" - wie tot.

  10. #10
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Notizen. Herbsttage

    Das Wesen des Wortes liegt auf dem R, leicester. Sprichst Du das nicht. Das Ende ist ein sanftes Ausklingen in den Tod. Tatsächlich, aber wer sagt schon Heerbsssth? Das B wird beinahe implodiert. Sehr interessant. Der Schwerpunkt liegt auf dem R.

    Wir sollten uns über die Betonung der Worte mehr Gedanken machen.

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