Konservatismus und Liberalismus/Demokratismus hießen die konträren Weltanschauungen der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Das konservative Denken jener Jahre arbeitete sich an den Begriffen Legitimität, Autorität, Zurückhaltung und Herkommen ab. Die Liberalen betonten mehr oder weniger aggressiv Pragmatismus, Gleichheit, Volksrechte, Freiheit. Die Demokraten wollten Wahlrecht, Mitbestimmung und eine vom Herrscherwillen unabhängige Verfassung, die ihnen das garantierte.
Die Kriegsgewinner Rußland, Preußen und Österreich (be)schlossen eine Allianz, die gegen den Liberalismus und die Demokratiebestrebungen gerichtet war. Man traf sich die nächsten Jahre in verschiedenen Städten zum gegenseitigen Austausch. Das gab der Allianz den Nimbus einer übergeordneten Instanz.
Gegen die Rückdrängung nationalen, liberalen und demokratischen Erlebens, wie es die Deutschen in ihrer Erhebung gegen Napoleon erlebt hatten, wehrte sich vor allem die politisierte Jugend in den Universitätsstädten. Diese bildeten bei weitem keine Mehrheit der Bevölkerung, auch herrschte nach 1815 keine revolutionäre Situation, im Gegenteil: Die meisten Menschen wollten einen dauerhaften Frieden und keine politischen Auseinandersetzungen. In diesem Sinne verstanden, war die Politik der Allianz demokratisch. Andererseits war das Zufall und kein politisches Prinzip. Die Allianz drängte alles zurück, was auf die Ausfüllung des Staatsgedankens in seiner höchsten Kraft, der Pflichtwahrnehmung des selbstbewußten und politisch mündigen Staatsbürgers in einer ständischen Generalversammlung, wie Freiherr vom Stein es formuliert hatte, entsprach oder hätte entsprechen können. Die Einberufung einer alle deutschen Gaue erfassenden ständischen Versammlung, einer wirklichen Volksvertretung, ließ auf sich warten, denn die konservativen Kräfte konnten hierbei nur an Macht verlieren. Die liberalen Kräfte dagegen, uneins und individualisiert, benutzten im politischen Alltagsgeschäft oft die falschen Mittel: beißenden Spott und große Zankeslust. Die Vaterlandsliebe der Deutschen war in den Befreiungskriegen zu einem politischen Ereignis geworden, aber sie wurde politisch nicht manifestiert. Was blieb, das waren persönliche Übungen in Turnvereinen, überhaupt die Vereinsmeierei, die das Deutschtum zum Kult erhob, weil es praktisch-politisch nicht gelebt werden konnte.
Zum Reformationsfest am 31. Oktober 1817 versammelten sich Burschen aus Flensburg und Straßburg, aus Köln und Wien, aus Königsberg und Freiburg im Breisgau. Man sang christliche Lieder und verbrannte in gut lutherischer Tradition [1] mißliebige Bücher, den Code Napoleon, außerdem den preußischen Korporalstock und den Zopf. Auf der Wartburg wehte die schwarz-rot-goldene Fahne, das Symbol des deutschen Freiheitskampfes gegen Napoleon. Nicht allen gefiel das. Nachdem der den Patrioten feindlich gesonnene und einflußreiche Bühnenschriftsteller Kotzebue von einem Burschenschaftler ermordet worden war, schlugen die Konservativen zurück. In Karlsbad verabredeten Preußen und Österreich Maßregeln gegen die Politisierung der Jugend. Eine Zentraluntersuchungskommissison in Mainz zensierte hinfort alle zum Druck vorgesehenen Schriften. Außerdem wurden Burschenschaften aufgelöst, Turnplätze geschlossen und Universitäten scharf beobachtet. Das Spitzelwesen hielt Einzug in Deutschland, ganz wie zu Napoleons Zeiten. Genauere Bestimmungen sollte die deutsche Verfassung definieren, die in absehbarer Zeit nicht zustande kommen konnte. Der obrigkeitliche Staat verwischte all das, was im Befreiungsjahr versprochen ward. Es nannte sich Demagogenverfolgung und fand die Unterstützung einer breiten Bevölkerungsmehrheit, denn die meisten Menschen sind Spießer und wollen in Ruhe gelassen werden. Genau das versprach dieser Beschluß aus Karlsruhe. Das Biedermeier. Füße hochlegen und Zeitung lesen, dazu ein kaltes Bier. Mehr wollten die meisten nicht vom Leben. War es jemals anders?
Doch gab es parallel dazu auch Ansätze, die die Wirtschaft ankurbelten: Das Zollgesetz von 1818 bewirkte eine Vereinheitlichung des preußischen Wirtschaftsraumes und nützte vor allem dem liberalen Bürgertum. Preußen verabschiedete sich endgültig vom importbeschränkenden Merkantilismus, setzte moderate Einfuhrbeschränkungen und war damit fortschrittlicher als Frankreich oder England, die um 1820 immer noch eine restriktive Wirtschaftspolitik betrieben, gleichwohl die zum erstenmal in Preußen durch Reformen von oben verabschiedete Erwerbsfreiheit auch Adligen und Bauern erlaubte, in der Wirtschaft tätig zu sein. Doch diese sehr liberale und fortschrittliche Politik fand nicht überall Zustimmung, nicht im Deutschen Bund, nicht im Ausland. Viele Fabrikanten wollten mehr Vorrechte auf ihrem Zielmarkt. Preußen bestimmte ein Item, indem es das Prägorativ (Vorrecht für inhämische Unternehmer; hohe Zölle) des einheitlichen Wirtschaftsraumes setzte, was zuungunsten der weiterentwickelten Gegenden innerhalbs Preußens gehen mußte. Das modifizierte Steuerrecht hebelte das ständische Bewußtsein aus. Abermals geschah in Deutschland etwas durch eine friedliche Reform, was andernorts blutige Revolutionen nicht erreicht hatten: eine moderne Verfaßtheit des Staates. Die allgemeine Wehrpflicht blieb. Das nivellierte alle Preußen, ein urdemokratisches Element: Wehrpflicht.
Oft wird die Nichteinhaltung des Verfassungsversprechens um 1820 so bewertet, daß dies vor allem den liberalen Kräften geschadet haben soll, der demokratischen Entwicklung in Deutschland generell. Dieser Gedanke ist zu verwerfen. Eine ständische Vertretung für ganz Preußen war nicht mehr zusammenzubringen. Eine nach demokratischen Grundsätzen durchgeführte Bestimmung von Vertretern entsprach bei weitem nicht dem Willen einer Mehrheit und hätte nur oktroyiert (von oben bestimmen) werden können. Aber was wäre das für eine Demokratie gewesen, wenn sie den Preußen durch Ministerialbeschluß hätte verordet werden müssen? Die in süddeutschen Staaten zustande gekommenen Verfassungen waren Kopfgeburten, die keine Unterstützung bei den im Gegensatz zu ihren norddeutschen Genossen politisch mächtig gebliebenen Ständen fanden, sondern diese Verfassung bekämpften. Den einen war sie zu knapp, den anderen zu weit... Eine gerechte Verfassung sollte es geben, keine gleichmacherische. Verdienste sollten berücksichtigt werden. Der Kampf tobte. Er tobte nicht in Deutschland allein, sondern in ähnlicher Form in Rußland, Amerika, England oder Frankreich.


Aufgaben:


  1. Stelle die verschiedenen politischen Ziele von Konservatismus und Liberalismus zusammen! (I)
  2. Diskutiere die Einrichtung einer Verfassung in Hinsicht auf die Zukunft der Deutschen! (III)



[1] Bücherverbrennungen gehen auf die Inquisition zurück, waren aber auch schon zuvor durchaus gebräuchlich. Sie allein in die Tradition Luthers zu stellen, ist historisch nicht haltbar.



Fortsetzung "Niedergang des osmanischen Imperiums"