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Thema: etwas über zoes chef

  1. #1
    schreibt hier hin und wieder
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    etwas über zoes chef

    Eulalie, ich liebe mich!

    Er wusste nicht, wie lange er schon mit Eulalie zusammen war. Sein ganzes Leben? An das erste Mal, als ihre Stimme zu ihm sprach, erinnerte er sich dagegen noch genau:
    „Sag ihr, du gehst nicht mehr mit in die Kirche. Los, jetzt sofort!“ hatte sie ihm befohlen.
    „Oma, ich geh nicht mehr mit“, hörte er sich daraufhin sagen und erschrak fürchterlich über seinen Ungehorsam.
    Die Oma, beste aller Omas auf der Welt. Oma, die jeden Morgen und jeden Abend mit diesem Kerl sprach, den sie Gott nannte.
    „Herr erbarme dich meiner. Ich weiß, ich bin es nicht wert, dass du mir zuhörst. Ich flehe dich an, vergib mir meine Schuld.“
    Solche Dinge besprach sie mit ihm. Sie, die den lieben langen Tag nur Gutes tat. Er konnte es beweisen.
    „Gott, lass meine Oma zufrieden, sonst kriegst du es mit mir zu tun“, betete er. Seine Kinderseele war den Glauben los.
    Eulalie machte sich stark für ihn und die Oma verstand. Statt Sonntagspredigt durfte er fernsehen. Die Sendung mit der Maus. Schokopudding gab es auch dazu. Selbstgemachten. Lecker!
    Mit dreiundachtzig starb die Oma und ging zum Allmächtigen. Eulalie blieb.

    Auf dem Gymnasium war er Außenseiter. Vielleicht, weil er eine dicke Hornbrille trug, Kassengestell? Er war ein blasser Typ, noch dazu mit Pickeln übersät wie ein Streuselkuchen, einfach potthässlich! Auf den Schulfesten wollte keines der Mädels je mit ihm tanzen. Engtanz, gar nicht daran zu denken! Schrecklich war das. Also hockte er still in Gedanken mit Eulalie auf seinem Stuhl herum, schaute zu den Jungs, neidisch, wie die sich ganz selbstverständlich breit machten.
    „Guck mal, wie die guckt, die Fette da mit ihren schiefen Zähnen. Die will mit dir gehen“, sagten sie zu ihm und fingen an zu lachen und dann rauften sie und danach klatschten sie sich in die Hände und ließen ihn sitzen. Ätzende Angeber! Auf Klassenreisen blieb er übrig im Zweibettzimmer mit dem anderen Trottel. Etagenbett, oben. Waren sie doch Konkurrenten um den vorletzten Platz in der Hierarchie der Blödesten. Wenigstens war er nicht alleine. Eulalie träumte schön.

    Er tat sich leid. Doch, Eulalie machte die Tränendrüsentour nicht mit. Sie heizte ihm ordentlich ein und so kam er endlich aus sich heraus.
    „Los, sei nicht feige. Geh hin und frag, ob du mitmachen kannst!“
    „Nein, ich trau mich nicht, ich bin zu schlecht.“
    „Ja, mach dich ruhig runter. Du bist noch nicht klein genug, um zertreten zu werden.“
    Das nervte und so fragte er eines Tages doch.
    „Sehr gerne“, sagte der Trainer.
    „Wirklich!“
    „Na klar!“
    Seit der Zeit war er kräftig gewachsen.
    Eulalie war erbarmungslos, ließ ihn rennen, stemmen, liegestützen. Immer einmal mehr als die anderen. Technik trainierte er stundenlang abends hinterm Haus. Noch ein Ball und noch einer und noch einer. Noch einer! Seit seinem ersten Hockeyspiel, in dem er alle - ALLE - Tore geschossen hatte, wollten sie plötzlich was von ihm, die Mädels aus seiner Vergangenheit. Engtanzen, zum Beispiel. Er zeigte es ihnen. Eulalie hielt seine Hand dabei.
    Die Pubertät ging vorbei. Eulalie blieb.

    Nach dem Abitur sollte unbedingt was aus ihm werden. Jedenfalls konnte er seinen Eltern nicht den Nullbock servieren. Dafür liebte er sie zu sehr. Aber was durfte es sein? Schließlich entschied sich sein Vater für Verfahrenstechnik.
    „Du wirst Ingenieur. So wie ich.“
    „Dem Ingenieur ist nichts zu schweur“, amüsierte sich Eulalie.
    Die konnte gut lachen, war nicht ihr Problem. Mathe, Physik, Chemie alles Mangelware in den verklemmten Schubladen seines Gemischtwarenladens, der sich Gehirn nannte. Eine Alternative hatte er nicht anzubieten, Eulalie wusste auch nichts besseres, und so studierte er eben wie aus Erdöl Benzin wird oder aus Kakaobohnen Schokolade oder aus vergifteten Böden blühende Landschaft. So uninteressant war das nicht, nur schwer zu begreifen. Eulalie war seine große Stütze. Tröstete, wenn er eine Klausur in den Sand gesetzt hatte. Legte ihm Argumente in den Mund, die Eltern milde stimmten und den Geldhahn weiter fließen ließen. Sie hielt seinen Schweinehund an der kurzen Leine. Hörte ihm geduldig zu, wenn er zum x-ten Mal fachsimpelte, ob nun der Druck oder die Geschwindigkeit zunimmt, falls der Rohrdurchmesser kleiner wird. Eulalie zog ihn klug durch die Semester.

    Kaum das Diplom in der Tasche, rannte er kopflos weiter. Verschnaufen gab Lücken im Lebenslauf. Ein gut bezahlter Job musste her. Die Stellenangebote in den Zeitungen waren Stoff seiner Alpträume.
    „Wir erwarten überdurchschnittliche fachliche Qualifikation, sicheres Auftreten, hohe Belastbarkeit, Mobilität, Flexibilität, Verhandlungsgeschick, Durchsetzungsvermögen, Englisch in Wort und Schrift, am liebsten Französisch auch, Russisch wäre noch besser, Höchstalter fünfundzwanzig Jahre, die Bewerbung von Frauen wird ausdrücklich begrüßt.“
    Das war echt das Letzte. Zum Glück hatte er Eulalie und die brachte ihn auf Vordermann. Sein Bewerbungsfoto, eher konservativ gehalten. Schlips und Kragen mussten schon sein. Den Kopf ein wenig neigen und lächeln.
    „Big CHEASE“, meinte der Fotograf.
    Das Ergebnis war großer Käse. Also noch mal hin. Diesmal war sein Äußeres ansprechend abgebildet. Zumal Eulalie hinter ihm stand. Sie gab ihm das gewisse souveräne Etwas, wie er fand. Der Lebenslauf, streng linksbündig. Das Anschreiben gestaltete sich schon schwieriger. Doch, Eulalie, die Meisterin der Suggestion zwischen den Zeilen, hatte es schließlich vollbracht, keine Schleimspuren auf dem Papier zu hinterlassen. Was täte er ohne sie!

    Berge von Absagen begruben ihn trotzdem. Nie hätte er gedacht, sich deswegen hinunterziehen zu lassen. Eulalie kam kaum noch an ihn ran, so tief war er gesunken. Er startete einen wirklich finalen Versuch, bewarb sich blind und wurde erhört:
    „Passt es Ihnen Freitag um zehn Uhr dreißig? Wir freuen uns auf Sie“, flötete eine freundliche Assistentin der Geschäftsleitung ins Telefon.
    „Ebenfalls“, meinte er ehrlich.
    Im Vorstellungsgespräch bot ihm der Personalleiter ganz persönlich erst Mal frisch gebrühten Kaffee an. Eulalie kannte den Trick und flüsterte geistesgegenwärtig:
    „Achtung, dies ist der ZittertdieHand-Test!“
    Er blieb die Ruhe selbst. Als kleines Dankeschön lud er sie zwei Tage später ganz fein zum Essen ein. Sie hatten es sich wahrlich verdient. Geschafft, er war kein einsamer Verlierer mehr, sondern hatte ein eigenes Büro mit Eckfenster. Vierter Stock rechts.
    „Die Memos sind raus, Chef! Kann ich sonst noch was für Sie tun?“
    Vorzimmerdamen kamen und gingen. Eulalie blieb.

    Privat war er immer noch Single. Er lebte bescheiden, hatte kein Haus, kein Auto und auch kein Pferd. Stattdessen verwöhnte er seinen speckigen Bauch. Aß besonders gerne Hamburger und Wiener, zum Nachtisch meistens Berliner. Eulalie konnte zwar ausgesprochen gut kochen, aber der Abwasch kratzte danach den Stuck von der Küchendecke. Von einer Geschirrspülmaschine wollte er dennoch nichts wissen. Da redete Eulalie gegen fettige Wände.
    „Für eine Person ist das viel zu viel Wasserverschwendung, vom Stromverbrauch ganz zu schweigen“, widersprach der Energieberater in ihm.
    Gerne hätte er eine Frau an seiner Seite gehabt. Nicht nur wegen der Hausarbeit, versteht sich. Doch er stellte immer wieder fest, keine fühlte wie er.
    „Hör auf zu vergleichen. Ich bin außer Konkurrenz“, sagte Eulalie.
    Er nahm sich ihren Rat wie immer zu Herzen, schwamm sich also frei und wurde tatsächlich geangelt von einer Aalglatten, die auf der Suche nach einem tollen Hecht beim Tanz der Fische ohne Fahrrad war. Diese Art der Zweisamkeit war neu für ihn, spannend und manchmal riss der Faden noch. Mit der Zeit aber, fühlte er sich angebunden.
    „Woran denkst du gerade?“ unterbrach sie andauernd, wenn er selbst mit Eulalie sprach.
    „Nichts“, sagte er dann und dachte - geht sie das was an?
    „Eine andere Frau neben mir dulde ich nicht“, hatte sie ihn gleich am Anfang gewarnt.
    „Ich brauche eine Konstante im Leben, sonst kann ich nicht sein!“ rief er verzweifelt, als seine Ehe zerbrach.
    Sie wurden geschieden. Eulalie blieb.

    Danach fühlte er sich seltsam unruhig in seiner Haut, so als ob tausend Käfer und anderes Ungetier auf seinem Körper marschierten. Verschwitzt lag er zwischen den Kissen im Bett. Stumm. Ihm war alles egal. Eulalie spürte, er wollte alleine sein und zog sich zurück. Immerhin, sie behielt den Verstand, während er sich sinnlos in der Phantasie verlor.
    Wie gebe ich ihm wieder Zuversicht“, dachte sie bei sich. Alleine schaffen wir es nicht! Sie sammelte letzte Kräfte, stand ihren Mann und schleppte ihn vor die Tür. Auf dem Schild stand - Neurologie und Psychotherapie -. Dort klappte er in sich zusammen. Verschleierte Gestalten in weiß und hellblau flößten ihm stoffwechselnde Boten ein, die ihn weiter in die Versenkung schickten. Dreimal täglich überschwemmten sie seine Zellen, ohne Rücksicht auf Verluste. Eulalie wäre dabei fast ertrunken, jedenfalls berührte sie ihn nicht mehr. Später fiel ihm auf, sie fehlte ihm sehr und er begann sie zu suchen. Er sortierte den geistigen Müll, der ihn erdrückte, kehrte inneres nach außen und schaufelte sich frei.
    „Willkommen zurück in dieser Welt!“ sagte der Oberarzt und entließ ihn.
    „Danke, wir schaffen das schon!“
    „Krankheiten sind dazu bestimmt, sich besser kennen zu lernen“, gab Eulalie ihm zu denken. Er grinste erleichtert, war er doch wieder er.
    „Ich bleibe bei dir!“
    „Mich wirst du nicht los!“
    Sie freuten sich innerlich. Ohne die Frau in seinem Wesen, er wäre nur ein halber Mensch.
    Eulalie, ich liebe mich!

  2. #2
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: etwas über zoes chef

    Liebe Eulalie,

    das ist eine nette Geschichte. Schade, dass die anderen sie übersehen haben. Natürlich gäbe es einiges zu meckern, aber das Wetter ist gerade zu gut, um den Erbsenzähler zu spielen.
    In dieser Geschichte sind die Fürsorge und Verantwortung zu spüren, die du für deine Figuren übernommen hast und sie sind so groß, dass deine Figur mit deiner Fürsorge nicht zu Rande kommt. Herrlich ist diese Szene, in der der Autor die Figur zum Abnehmen zwingt. Ehrlich, das ist eine wunderschöne Idee, dieser Kampf einer erfundenen Figur gegen ihren sie formenden Schöpfer. Sie verdient es, ausgebaut zu werden, vielleicht noch stärker in die surreale Richtung.
    Leider ist die Geschichte viel zu kurz und es wird auch hier viel zu viel reflektiert und zu wenig gehandelt. Die Handlung wird erzählt, aber sie findet nicht statt. Das ist schade. Mach das Ganze subtiler, länger und gib dem Kampf zwischen deinem Willen und dem Willen deiner Figur einen breiteren Raum. Ich würde gerne einem Dialog zwischen euch beiden verfolgen oder einem Fluchtversuch, den du, seine Welt schreibend verändernd, zum Scheitern verurteilst. Nochmal: Was für ein Thema!
    Kennst du Raymond Queneaus "Der Flug des Ikarus"? Er hat aus einem ähnlichen Plott (Seine Figur wird lebendig und verschwindet aus dem Manuskript. Der Autor muss einen Detektiv auf ihn ansetzen.) einen ganzen Roman gemacht.

    Gruß, Klammer
    Aber ein Traum - nikolaus-klammer.blog

  3. #3
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: etwas über zoes chef

    freut mich klammer
    im grunde meines herzens bin ich ein überfürsorglicher mensch, eine übermutter sozusagen.
    hab auch schon daran gedacht, eine längere geschichte aus dem thema zu machen. glaub schon, dass da was bei rumkommen würde ...
    danke für den buchtipp. klingt ausgesprochen vielversprechend!

    lg
    e.

  4. #4
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: etwas über zoes chef

    Liebe Eulalie,
    Diese Geschichte gefällt mir genauso gut wie die Schokoladengeschichte. Ausbaufähig ist sie allemal. Wie sich dieses zweite Ich langsam in den Leser einfindet, ist wirklich gelungen. Am Anfang ist es ja noch, für mich jedenfalls, eine andere Person.

    liebe Grüße

  5. #5
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: etwas über zoes chef

    das hat bei mir voll eingeschlagen! ich habe auch einen inneren jungen, der mich hält, aber ich hätte das nie so schreiben können. ich bin dankbar, das gelesen zu haben.

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