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Thema: Welche Streitkultur wollen wir pflegen?

  1. #1
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Question Welche Streitkultur wollen wir pflegen?

    Allen neuen und nichtneuen Benutzern des Forums zur Lektüre empfohlener Ordner. Eine bearbeitete Diktion Lessings:

    • 1. Verwechsle Streit niemals mit einem militärischen Feldzug!
    • 2. Beschütze das Wort vor Gewalttaten!
    • 3. Achte streng auf den Sach- und Wahrheitsbezug der Polemik! Die Wahrheit gewinnt in einem Streit selten; nie jedoch, wenn das Vorurteil die ungeschminkte Wahrheit verhindert.
    • 4. Sachbezug fordert Fairneß und Aufrichtigkeit. Laß die moralische Beschaffenheit des Gegners aus dem Spiel!
    • 5. Es gilt, den Gegner zu schlagen, nicht zu vernichten!
    • 6. Man vermeide Urteile als Richter!
    • 7. Man lerne es, die Meinung des anderen anzunehmen. Konzilianz!


    Nun seid aufgefordert, über einige Maßgaben des Miteinander zu befinden. Das Ergebnis wird im Kopf des Forums verewigt.

  2. #2
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Welche Streitkultur wollen wir pflegen?

    die diction ist mir zu militärisch. übrigens fällt mir zu kultur noch mehr ein .....
    ich meine die kultur des umgangs miteinander.
    ehem: lessing ... quelle?? bearbeitung?
    bigvogel

  3. #3
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    AW: Welche Streitkultur wollen wir pflegen?

    8. man gehe nie mit dem kopf durch die wand, solange eine türe offen ist.

    9. man spotte nicht über die füße eines anderen, solange man nicht in seinen mokkasins gegangen ist.

    10. man deponiere seine vorurteile dort, wohin sie gehören: auf der müllhalde.

    a.

  4. #4
    Kurzvormabschussiger
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    Cool AW: Welche Streitkultur wollen wir pflegen?

    1. Verwechsle Streit niemals mit einem militärischen Feldzug!

    Ich werde mich hüten, denn ein militärischer Feldzug ist ein Schrei, der jeden Streit jäh und unangemessen beendet. Und wer schreit, hat immer unrecht.

    2. Beschütze das Wort vor Gewalttaten!

    Das versuche ich bereits Zeit meines Lebens zu beherzigen, aber ich schütze mich auch gegen Gewalttaten durch das Wort.

    3. Achte streng auf den Sach- und Wahrheitsbezug der Polemik! Die Wahrheit gewinnt in einem Streit selten; nie jedoch, wenn das Vorurteil die ungeschminkte Wahrheit verhindert.

    Nicht zum ersten mal bin ich geneigt zu glauben, daß Lessing fast so intelligent war wie ich. Und das heißt schon was.

    4. Sachbezug fordert Fairneß und Aufrichtigkeit. Laß die moralische Beschaffenheit des Gegners aus dem Spiel!

    Selbstverständlich, aber ich gebe zu, bei der praktischen Umsetzung des zweiten Satzes gelegentlich Probleme zu haben. Gelobe Besserung!

    5. Es gilt, den Gegner zu schlagen, nicht zu vernichten!

    Manchmal gilt es, ihn vernichtend zu schlagen, aber niemals, ihn schlagend zu vernichten. (sh. Punkt 1)

    6. Man vermeide Urteile als Richter!

    Jau!

    Alles in allem können wir so verbleiben.
    Ich bezweifle nicht, daß jeder den Anregungen des guten Gotthold Ephraim vorbehaltlos zustimmen wird. Das problematische am von uns allen so hochgeschätzten und geliebten Worte ist allerdings, daß man es mit eigenen Inhalten zu füllen geneigt ist, da seine (des Wortes) Objektivität nur eine solche zu sein scheint - jeder bringt schließlich seine subjektiven Definitionen mit -, und weil seine (wiederum des Wortes) Unmißverständlichkeit keine so durch und durch vollkommene ist, daß sie bis zur Essenz dessen, was klar und deutlich formuliert und festelegt werden soll, durchdringt. (Geiler Satz, was?)

    Jedenfalls finde ich, daß man die anderen Vorschläge, die in diesem Ordner gemacht wurden, durchaus als persönliche Auslegung der Lessing'schen Sätze durchgehen lassen kann.
    Mit anderen Worten: Wozu starr über etwas parlieren, das ohnehin jeder unterschreiben würde? Füllen wir's doch lieber mit Leben.


    [Diese Nachricht wurde von Mark am 11. September 2000 editiert.]

  5. #5
    Kurzvormabschussiger
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    Cool AW: Welche Streitkultur wollen wir pflegen?

    7. Sei auf der Hut und spicke deinen Text mit Stolperfallen.

  6. #6
    Kurzvormabschussiger
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    Lightbulb AW: Welche Streitkultur wollen wir pflegen?

    also ich bin gegen streit und krieg. und selbstredend gegen eine gebrauchsanweisung wie man die streitkultur pflegt.

    ich mache einen gegenvorschlag:

    1.) gefällt uns ein text, ein beitrag, eine meinung so loben wir ihn kräftig - lassen alles raus.

    2.) gefällt uns was nicht, so sind wir diplomatisch und taktvoll - und geben dem verfasser zumindest das gefühl als person gemocht und anerkannt zu werden - und loben, was zu loben ist. selbst wenn es nur ein einzelnes richtig geschriebenes wort sein sollte.

    3.) wir reden uns mit namen an, denen ein "liebe" oder ggf. ein "lieber" oder ein gleichwertiges adjektiv vorauszustellen ist. und keine verunglimpfungen! - allenfalls koseformen sind erlaubt. (ich würde gern allerliebstes sklerüsselchen genannt werden... nebenbei bemerkt).

    4.) selbstverständlich sagen wir uns die tageszeit - mit einem vorrangestellten wunsch in adjektivform. (wunderschön, glücksdurchtränkt oder himmelsglockengeläutdurchtönt - erschiene mir da passend...)

    5.) wir geben einander küsschen statt verbaler backpfeifen.

  7. #7
    Kurzvormabschussiger
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    Lightbulb AW: Welche Streitkultur wollen wir pflegen?

    nur so viel von mir: zwar hat unser forumsmeister, wie wir nun mal alle wissen, die höflichkeit nicht mit löffeln zu sich genommen.. trotzdem wird hier nicht so rumgekeift wie im blauen foru, sondern in letzter zeit sogar mit blumen geschmissen, hurra!
    das muss was zu bedeuten haben. nur - was?

  8. #8
    rodbertus
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    Smile AW: Welche Streitkultur wollen wir pflegen?

    Zum effektvollen Streit gehört die gezielte Beleidigung des Gegners.
    Was aber sollte vermieden werden? Vielleicht nur das eine: sich virtuell anzulächeln.

  9. #9
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    Exclamation AW: Welche Streitkultur wollen wir pflegen?

    blablabla,
    aba punkt 2 ist beneidens-wert...
    ehrt den buchstaben...

  10. #10
    kls
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    AW: Welche Streitkultur wollen wir pflegen?

    Aus gegebenem Anlaß hier eine bearbeitete Diktion Lessings:

    • Verwechsle Streit niemals mit einem militärischen Feldzug!


    Damals waren Kriege eher das Kino der Mächtigen. Lessing gehörte zu "denen da oben". Der Satz ist heute nicht mehr haltbar.

    • Beschütze das Wort vor Gewalttaten!


    Nullaussage!

    • Achte streng auf den Sach- und Wahrheitsbezug der Polemik! Die Wahrheit gewinnt in einem Streit selten; nie jedoch, wenn das Vorurteil die ungeschminkte Wahrheit verhindert.


    Schön gesagt, aber die ungeschminkte Wahrheit verhindert häufig den Konsens. Ich muss in einer Sachdiskussion manchmal lügen. Und sei es nur, indem ich nett bin zu jemandem, den ich für ein Arschloch halte.

    • Sachbezug fordert Fairness und Aufrichtigkeit. Lass die moralische Beschaffenheit des Gegners aus dem Spiel!


    Es geht immer um die Durchsetzung. Du schwächst Deine Position, wenn Du Deinem Gegner zu viel Verständnis entgegen bringst. Ein (vermeintlich) "moralisches" Recht stärkt enorm.

    • Es gilt, den Gegner zu schlagen, nicht zu vernichten!


    Und nach der Schlacht werden die gefangenen Offiziere wieder ausgetauscht. Lessings "Kriegsverständnis" ist borniert, bigott und elitär.

    • Man vermeide Urteile als Richter!


    Man definiere zu allererst die Maximalforderung und die Kompromissgrenze.

    Zur Streitkultur in diesem Forum nur so viel: "Wenn Leute wie wir an der Macht wären, dann sähe es noch schlimmer aus auf dieser Welt. Aber angeblich scheint es ja angeblich Konzept zu sein um angeblich ein angebliches Niveau zu halten, und als rein darwinistisches Argument der Auslese auch zu funktionieren, denn dieses Forum ist ja wirklich schon etwas überdurchschnittlich, andernfalls würde ich gar nicht mitspielen wollen."

  11. #11
    rodbertus
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    AW: Welche Streitkultur wollen wir pflegen?

    Der Schlußstrich ist gezogen. Es ging, wer gehen wollte. Das ist gut. Wie eine Reinigung. Es gibt da nur ein Problem, denn eine Gesellschaft, und selbst wenn es eine virtuelle ist, ist nur so offen, wie die größtmögliche Öffnung es eben zuläßt.
    Halt! Freiheit ist nur möglich, wenn sie sich nicht selbst definieren muß. Das ist jetzt keine Definition! Eine Falle!
    Also, die ffnung bleibt, keine Ausschließlichkeit durch Zugangsbegrenzung. Das muß ich dann eben aushalten, daß immer wieder mal jemand kommt und stören will.

  12. #12
    Mitgestalter
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    AW: Welche Streitkultur wollen wir pflegen?

    naja, hoffentlich bleibt die öffnung, rein und raus... - und bloß kein zoll aufstellen - alles rein damit - wer gold sucht muß auch sand waschen...

  13. #13
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    Post Streitkultur

    Stichwort Streitkultur:



    streitkultur ist Kultur!


    die streitkultur erfordert eine absolut gemeinsame basis von intellekt, vertrauen und innerer selbstsicherheit, die den tödlichen stoß immer ausschließt.
    sie erfordert die gleichheit an stärke, mentaler und verbaler, eine gleichartige erziehung, übung und lust an ihr. sie weiß auch von der kunst, im richtigen moment still zu halten. auszuhalten.

    wo eines davon nicht gegeben ist, muss sie scheitern.

    dann ist die kritisierte seele, statt des kritisierten verstandes zutiefst verletzt, hält die gegenseitigkeit an augenmaß und gewichtung nicht mehr ein, verwechselt argument und person, schießt über das ziel: wort hinaus: auf die person, verletzt ihrerseits tiefer und so beginnt die spirale nach unten, die außenstehende an kindergarten, die betroffenen an existenzielle vernichtung erinnert.
    da stehen sich dann nicht mehr zwei betroffene en garde gegenüber, sondern es werden seilschaften gesucht und gefunden, die an zwei armeen im krieg erinnern. es geht dann auch längst nicht mehr um die sache, den anlass, sondern um sieg oder tod.

    das kann es nicht sein. Kultur ist Leben, nicht um der harmonie willen, sondern um der blühenden vielfalt, des aneinander emporrankens, des miteinander wachsens, des lustvollen wortspiels und -gefechts willen, wo manche vorgaben einfach zu gut sind, um sie unwidersprochen hinzunehmen, manche fehler so dumm, dass sie einfach einen zu guten joke abgeben, um ihn liegenzulassen.

    im vertrauen auf die intellektuelle übereinstimmung mit dem anderen, wäre einem dritten diese vorgabe, dieser fehler passiert, er hätte herzlich dazu gelacht und im noch größeren vertrauen darauf, er würde auch jetzt dazu herzlich lachen, wo er selbst betroffen ist.

    und nicht nur ein herzliches lachen kann dem konflikt entgegnen. Nein! die überraschende Wende, die volte, das angreifende argument auf die schippe zu nehmen und damit seinerseits dem angreifer lust zu bereiten, einfach auf die seite zu treten und das argument vorbeilaufen zu lassen, es aufzunehmen und die spitze um 180 grad zu drehen und sie dem angreifer zurückzugeben, den vermeintlichen angriff in ein kompliment zu münzen, in eigenwerbung, am besten dabei den angreifer noch mitzuerhöhen.

    und sehr sehr oft die überraschende erkenntnis und einsicht, der angreifer hatte schlicht recht.
    und daraus einen strauß zu binden.

    und die noch öftere und lustvollste variante: er hatte ein bisschen recht, aber nicht ganz: gegenangriff, attacke!

    das alles sind die wirklichen kunststückchen, der kultivierte streit, echte streitkultur, aus der in einer spirale nach oben letztendlich alle weiterkommen, alle profitieren von der gemeinsam gefundenen synthese. oder dem gemeinsam gefundenen agreement to disagree.

    die streitkultur lebt davon, bei allem wirbel, den sie gerne und lustvoll macht, also nicht nur vom vertrauen auf die nicht-tötung, sondern auch zu einem sehr großen teil von ihrer ganz stillen seite: dem langsamen nachdenken darüber, wieviel körnchen wahrheit in jedem argument stecken (und das tun sie fast immer, diese körnchen), dem sich gerne blamieren, wenn es zugunsten der sache richtig ist, dem verzicht auf sinnloses nachtarocken nur um die eigene, vielleicht falsche, meinung auf jeden fall zu retten, koste es, was es wolle.

    sie lebt zu einem außerordentlich großen grade davon, sich in den kopf des vermeintlichen gegners hineinzuversetzen wie bei einem schachspiel.

    vor allem aber lebt sie von der gemeinsamen lust am wort, am argument. der lust auch an der reziprozität: auge um auge, zahn um zahn: das waren vorschriften zur Begrenzung beleidigter rachegelüste, die für einen splitter gleich ein ganzes leben auslöschen wollten.
    man muss durch übung ein gespür für die gewichtung der argumente bekommen, für das nicht zu wenig und das nicht zu viel des entgegnens.

  14. #14
    schreibt hier hin und wieder
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    Post Streitkultur

    die streitkultur erfordert eine absolut gemeinsame basis von intellekt, vertrauen und innerer selbstsicherheit, die den tödlichen stoß immer ausschließt.
    streitkultur bedarf des sebstwerten individuums, das fähig ist andere meinung interessant zu empfinden.
    man braucht keine gemeinsame intellektuelle basis.
    man muss offenbleiben und meinungen nicht persönlich nehmen. RESPEKT ist mir ein wichtig gut in dem zusammenhang und der sollte beim selbstrespekt beginnen

    warum verwendest du das wort "angreifer", das widerspricht deinem inhalt immens

    beste grüße

  15. #15
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Lightbulb Streitkultur

    Streit ist Wesensbestandteil des Menschen. Intellektuelle Redlichkeit besteht nicht darin, daß man einen Konsens sucht. Es gibt Fragestellungen, die keinen Konsens vertragen, hat man eine Lösung im Auge. Es gibt in diesem Sinne Angreifer und Angegriffene. Und das soll gefälligst auch kein Vorwurf sein. Ich kann es auch nicht als Zielpunkt der menschlichen oder politischen oder philosophischen Entwicklung formulieren wollen, daß Streit aufhört, eben jener zu sein. Bei Menschen, die eine Vermittlung von Interessenausgleich im Auge haben, bevor sie überhaupt einen "Streit" beginnen, bin ich sehr skeptisch. Ich zweifle ihre Redlichkeit an.

    Streitkultur erfordert gar keine gemeinsame Basis. Das wäre ja noch schöner. Das ist eine Form von Gesinnungsterrorismus, die ich nicht unterstütze. Ich unterstütze einen anderen Gesinnungsterrorismus: Nehmt einander, wie ihr eben seid!

    Oder, um es auf eine gegenwärtige politische Diskussion zu münzen: Ich kann nichts dabei finden, Menschen erst dann anzunehmen, wenn sie sich einer Leitkultur unterordnen. Das wäre, würde ich das gutheißen, eine Form von Gesinnungsterrorismus, die ich ablehne. Allerdings würde ich auch jegliche staatliche Unterstützung für Fremde aussetzen, aber auch das Asylrecht abschaffen. Soll doch jeder leben, wo er will und wie er will, solange er sich an die Gesetze des Landes hält, wo er eben lebt. Also, um es auf den Punkt zu bringen: Kommt alle nach Deutschland und lebt hier, wie ihr wollt, aber haltet euch an die Gesetze. Erwartet aber nicht, daß der Staat eine müde Mark für euern Lebensunterhalt zahlt.

  16. #16
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    Post Streitkultur

    ich spreche hier nicht vom normalen alltagsstreit, der dem menschen notwendig und auch zwischen ungleichen auf völlig verschiedener basis ausgetragen wird. manchmal mit dem ziel zu streiten, manchmal recht zu behalten, manchmal auch nur aufgejaule des kräftemäßig unterlegenen oder oft nur aus schlicht eingefahrener gewohnheit.

    ich spreche hier von einer lustvollen kunstform, die aus einer globalen! kultur des wortes gewonnen werden kann. konsens ist hier nicht das ziel, sondern konsens wäre hier das aus. allenfalls gibt man sich nachher die hand, verbeugt sich respektvoll und schließt einen konsens to disagree, schon voller vorfreude auf die revanche.
    da es ein duell mit scharfer klinge ist, muß das können von beiden beteiligten gleich groß sein. jemanden mit leichtigkeit aus der arena zu werfen, weil er dem nicht gewachsen ist, ist nicht nur unedel sondern ohne lust.

    dennoch ist es mehr und anders als nur art pour art. die kontrahenten steigern sich, die argumente werden geschliffener, die zwischenergebnisse sind als von beiden zusammen erzielte treffer anzusehen, die den erkenntnisgewinn in der sache durchaus steigern. wo wir nicht rechtbehalten, dort! erst zeigt sich ein hauch von wahrheit, der über unser subjektives konstrukt hinausgeht. verlieren ist das wertvolle! dies zu erkennen, erfordert aber eine kultur. keinen gesinnungsterrorismus, natürlich nicht! bäh! sondern kultur als gemeinsame geistige heimat verstanden, als imaginäre gelehrtenrepublik, aus der menschen des wortes allzeit als vereinzelte exilanten herumirren, glücklich, einmal einen zweiten zum duell zu finden.
    hier angreifer oder angegriffener zu sein, ist von gleicher ehre. leicht wechselt man die rolle und gern.

    es entspricht das wort "an-greifer" hier zutiefst meiner intention mit dem text: kein neben-greifer ist hier, wie die alltagsstreitwadl!-beißer, die sich in nebensatzargumenten verbeißen und mit denen für mein begreifen gar kein streit möglich ist, sondern nur ein kurzgeplänkel.
    persönlich wird zwischen gleichstarken ohnehin nichts genommen - dies ist die haltung der unterlegenen an mitteln und ausstattung. es geht nur um die sache und je größer der abstand in den ansichten, umso lustvoller der streit, denn umso größer die arena. es wird um den beidseitigen erkenntniszuwachs gestritten: je besser mein gegner ist, umso besser werde ich und umgekehrt.

    eine nationale leitkultur gibts schon mangels homogenität nicht: jede lobby schiebt ja das Ihre in den vordergrund. es gibt aber eine gemeinsame universelle kultur der denkenden menschen, der selbst, lange und vor allem selbstreflexiv Bedächtigen, die eben verlieren für einen gewinn zu halten im stande sind. nur von diesen spreche ich hier. sieger im solipsistischen triumph sind mir eh zuwider.

    dein fremdenrecht gefällt mir. damit wäre schon viel und vielen geholfen.

  17. #17
    rodbertus
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    Post Streitkultur

    Ich habe Deinen Anwurf des solipsistischen Triumphs als Punkt 7 aufgenommen. Danke, Susanna!

  18. #18
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    AW: Welche Streitkultur wollen wir pflegen?

    das freut mich. aber wie verstehst du: "die meinung des anderen annehmen"?

    als kunstform gedacht, nicht für den alltagsstreit gesprochen, besteht ein kunstgriff ja darin, den streit nicht abzubrechen, bevor nicht alle argumente auf dem tisch liegen. wenn "annehmen" scheinkonsens oder vorzeitige aufgabe bedeuten, so ists nach der ersten florettberührung aus und liefe auf den hier zu recht abgelehnten konsens hin. in deutschland als streitungewohntem land wird aber bereits die duplik als halsstarre rechthaberei oder besserwisserei verstanden und nicht mehr lustvoll entgegenet.

    ein richtig langes streitgespräch ist mir hier noch nicht begegnet. wohl aber ein langweiliges wiederholen der immer wieder gleichen argumente. sich in neue zu steigern entspräche aber dem ping-pong eines guten ballwechsels im tennis oder eines intelligenten schriftsatzwechsels im juristischen prozeß. im streitgespräch zu bleiben und das zu genießen, verlangt aber eben von beiden hähnen ein reiches potential. das meinte ich mit gemeinsamer basis. das einende ist die wörterausstattung und das bewegliche denken.

    wenn du annehmen aber als zulassen und sich dafür öffnen verstehst, so ist das die grundvoraussetzung für beide, sonst schlagen sie sich nur auf ihre rüstungen, beschießen ihre hochsicherheitstrakte und gehen so leer wie sie kamen aus der arena. nein nein, das ist nicht der sinn von streit. sich aneinander emporranken, ein erotischer vorgang, ist die frucht der streitkultur. in der sache insgesamt weitergekommen zu sein, nächstes mal auf höherer ebene weiterzumachen, gemeinsam zurückzufallen und auch wieder mal von einem ganz neuen blickwinkel neu damit anzufangen - das sind beiderseitige und gemeinsame reichtümer, egal, wer da den letzten satz spricht. das ist einmal der und einmal der andere. das schließt das solipsistische aus. wir haben gut gestritten. der andere ist ein toller streitpartner. die frage nach gewinnen stellt sich so nicht.

    konzilianz versteh ich so als nachsicht, wie im tierreich die ganz jungen und die ganz alten liebevoll respektiert werden, aber noch nicht oder nicht mehr ernstgenommen. gnade vor recht, kulanz vor anspruch. ich tu so, als nähme ich deine meinung an.

    nein! ehrlich muß es bleiben. deshalb streite ich in diesen fällen nicht und lege sie unter meinungsfreiheit ab. allerdings prüfe ich schon vorher gründlich, ob nicht doch irgendwo ein querdenkerischer ansatz sich ergeben könnte, denn jeder fremde gedanke hat erstmal dieses potential fremd zu sein, dem eigenen was neues hinzufügen zu können. wenn ich aber beim besten willen nichts drin finde, übernehme ich den gedanken nicht. dann nehme ich ihn auch nicht an. ich kann ja nicht aus lauter freundlichkeit einen ballast an nichtverwertbaren gedanken mit mir herumtragen. ich trag an den verwertbaren genug. schmeiß die auch gern weg, wenn mich ein streitkünstler überzeugt. möchte so wenig ballast wie möglich, ausreichend vielleicht für einen guten aphorismus auf den sterbelippen.

  19. #19
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Welche Streitkultur wollen wir pflegen?

    Erweiterung des siebenten Punktes des Ötzi (Ordnereingangstext):

    Aletheia nannten es die geliebten Griechen, wenn man wissen ließ, also das Gewußte als Selbstwert begriff.


    Das ist sehr wichtig im Disput, daß dies klar ist: Ich lasse dem Kontrahenten das ihm Gewisse, begreife es nicht als gegen MICH Gerichtetes.

  20. #20
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    AW: Welche Streitkultur wollen wir pflegen?

    so bist du dafür offen, läßt es zu und beläßt es bei dem anderen, wenn es dich nicht überzeugen kann. ja - das ist sogar das wichtigste, denke ich, diese innere haltung. sie hat mit echter demut zu tun, aus der große weite und kraft kommt. denn wo sich jemand angegriffen fühlt, statt den ausdruck des anderen als nur solchen und nicht weitergehenden angriff zu verstehen, dort wird er eben selbst angreifbar und schwach und ein vernünftiger streit in der sache ist nicht mehr möglich. seine sicht ist verengt auf alarm, seine haltung verkrampft auf verteidigung, die sache tritt selbst völlig in den hintergrund, der dies spürende gegner verbraucht zu viel energie zu selbstzensur und schonungsstrategieen, die sonst in sachargumente fließen könnte.

    sich selbst nicht wichtig zu nehmen, sondern die sache, das unterscheidet die streitkultur vom alltagsstreit, der immer ums ego ausgetragen wird, jeder punktverlust in neue aggression drängt. manchen menschen spürst du es richtig an, wieviele verlustpunkte sich in ihnen angesammelt haben. jedes leben neben sich wird nur als neuer angriff wahrgenommen. da mache ich einen weiten bogen, denn vor einem streit wäre eine energiereiche heilung erforderlich, die ich nicht leisten will.

    in der sicherheit des von dir genannten lassens entsteht aber die freiheit, sich zu äußern, die argumente frei durchzuklopfen, ob sie etwas taugen. jeder der gegner klopft dort mit seinem hämmerchen und beide sehen das ergebnis. sie klopfen eben das argument und nicht sich.

    im guten streit ists sogar oft so, daß der erbittertste verteidiger eines arguments dieses mitunter aufgibt, was beim gegner neue lust ausl?st, sich seiner nun neu anzunehmen. der rollenwechsel ist auch ein kunstgriff im handwerkskasten der streitkultur. würde man nicht zuvor den respekt des lassens aufbringen, wäre er nicht möglich, das ego verengte auf ein beharren in alten rollen.

    sehrsehr freue ich mich über Aletheia, ein mir bislang fehlendes wort für eine empfindung, die ich immer wortlos zur anständigkeit des umgangs gerechnet habe: der andere kann nicht meine innenwelt erraten und abgestraft werden, wenn es ihm nicht gelingt. wissen zu lassen erleichtert ihm den umgang mit mir und mir den mit ihm. sehr viel alltagsstreit hat dort seinen verzweifelten ursprung, daß man nicht wissen läßt. nur das aber gibt dem freien willen des anderen die informationen, die er braucht, um sich dafür oder dagegen zu entscheiden. seinerseits wissen zu lassen. gutes wort. danke

  21. #21
    rodbertus
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    AW: Welche Streitkultur wollen wir pflegen?

    eine zauberhafte junge dame mit literarischer begabung sagte mir gestern, daß sie bei uns regelmäßig lese, allerdings aufgrund unserer harten umgangsformen nicht den mut fände, sich hier auch zu wort zu melden.

    da kann man mal wieder sehen: eigenbild und fremdbild. meiner meinung nach gehen wir hier zur zeit sehr kuschlig miteinander um. es ist also an der zeit, hier mal wieder ein wenig die streitbahnen abzustecken.

    ich bitte ums wort und um die abstimmung.

  22. #22
    kls
    Laufkundschaft

    AW: Welche Streitkultur wollen wir pflegen?

    Ich streite gerne, wenn man die bösesten Fiesheiten mit Respekt und Liebe vermittelt. Das ist bei uns beiden der Fall, und dafür, und weil ich hier eine Plattform gefunden habe, meine "In DIE TÜTE GESCHRIEBENES" dem darüber verstörten Lesen präsentieren zu können, sei Dir Dank. Dein Forum bereichert mein Leben seit 10 Jahren.

  23. #23
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Welche Streitkultur wollen wir pflegen?

    [..]

    ich sehe das so, dass einer mal aufhören muss, das letzte Wort haben zu wollen. wir haben alle unsere Macken. Kassandra scheint mir leicht verletzlich - na und? muss man dauernd darauf (und auf seinen dadurch bedingten Reaktionen) rumreiten, oder kann man vielleicht auch mal darauf Rücksicht nehmen? und schnobs hat es sich zur Aufgabe gemacht, "ihn auf den rechten Weg zu bringen", aha. ich denke, es posten hier keine Zwei- und Dreijährigen in der Trotzphase, und auch keine Mütter oder Väter, die ihre Kids zurechtbringen müssten.

    schnobs hat seine eigene Art, und Kassandra ist nicht der erste, mit dem er sich pr?gelt. aber wer sich nicht prügeln will, kann ihn doch ignorieren. vergiss es, brush it off. und wenn man sich doch prügeln will, sollte man trotz der Hitze des Gefechts mal definieren, wie ein "Sieg" als errungen gelten soll... wenn einer heulend davonläuft? wenn einer rein sachlich widerlegt ist? wenn einem nichts mehr einfällt? - damit auch irgendwann mal Schluss ist!

  24. #24
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    Lightbulb AW: Welche Streitkultur wollen wir pflegen?

    frank wollte die prügelei. nicht ich. es wäre ausgesprochen unhöflich gewesen, sein anbot nicht anzunehmen. bloß: wenn man sich prügeln will, muss man damit rechnen eine auf die nase zu bekommen. warum soll ich mich anflegeln lassen? die andere backe hinzuhalten ist im agnostizismus nicht vorgesehen. also habe ich mich verteidigt.

    mehr werde ich aber auch nicht tun. da gibt es wichtigeres.

  25. #25
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    AW: Welche Streitkultur wollen wir pflegen?

    das denke ich nicht (Hofnarr). Aerolith und schnobs nehmen sich schon gegenseitig ernst.
    Kassandra fand eine emfindliche Stelle bei Schnobs und Schnobs bei Kassandra. Schnobs hat nicht gemerkt, dass der Diskurs bereits beendet war, nachdem die Zahlen ins Spiel gebracht wurden. Aerolith hatte es früh bemerkt und bemühte sich, - abwechselnd - beiden Honig ums Maul zu schmieren, damit keiner die Lust verliert.

    Schnobs, ich mag dich sehr, doch du hast beides nicht gesehen: nicht Kassandras Rückzug und nicht Aeroliths Auftrag, für (seine) Unterhaltung zu sorgen. Es heißt, die "Jugend von heute" wäre brutaler als jede vorherige, weil sie ungehemmt weiter nachtritt, auch wenn der Gegner längst am Boden. Ist dieser achtende Grundsatz inzwischen bei allen Generationen verloren gegangen?

    Mit Verlaub, aber es passt für mich nicht zusammen, dass man sich gegen Missbrauch ausspricht und bei der Auseinandersetzung mit dem Thema Vergnügen daran hat, seine Mitmenschen bis aufs äußerste zu quälen - ob nun als Mitstreiter oder als Voyeur.

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