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Thema: Ein kleines Licht

  1. #1
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    Post Ein kleines Licht

    “Es wird andere Tage geben,
    andere Stimmen werden sein.
    Ganz alleine wirst du lächeln.“
    Pavese, the cats will know

    Alfons Andernaj zwang sich, den Blick von den vier Schreibmaschinenblättern, auf die mit Hilfe eines Computers kurze Texte gedruckt waren, zu nehmen. Die Seiten lagen so verführerisch wie die Frucht vom Baum der Erkenntnis neben ihm auf der Couch. Er griff abgelenkt in die Dose mit den Pfefferminz-Pastillen, die er vor sich auf dem Tisch liegen hatte und schob eine der schmalen Tabletten in den Mund. Er benötigte täglich eine ganze Packung dieser scharfen, schimmlig-grünen Pastillen. Nur dann fühlte er sich vor seinem starken Mundgeruch so sicher, dass er sich unter Menschen wagte. Zudem hatten die Tabletten die für ihn angenehme Nebenwirkung, dass sie, zumindest in diesen Mengen eingenommen, in hohem Maße verdauungsfördernd wirkten.
    Er genoss kurz den altbekannten Geschmack, der ihn ein wenig aus seiner larmoyanten Lethargie riss. Trotzdem kostete es ihn einigen Willen, erneut den Notizblock in die Hand zu nehmen, seine immer fettige Lesebrille wieder aufzusetzen und einen weiteren Gedichtversuch zu wagen. Während er bereits versonnen dem Klang von ein paar lyrischen Wörtern nachspürte, sie zusammen mit seinem Pfefferminz im Mund zerkaute, warf er einen schnellen Kontrollblick auf die Armbanduhr. Viel Zeit blieb ihm nicht mehr.
    “Eine erschöpfte Träne der Schattenblume deiner Gedanken bittert meine schlaflose Nacht. Eine Gedankenblume meiner erschöpften Nacht tränt den Schatten deiner schlaflosen Bitternis. Meine bitteren Nachtgedanken beschatten eine schlaflose Träne deiner blumenen Erschöpfung. Deine losen Schatten erschöpfen die Gedankentränen meiner schlafverbitterten Blumennacht. Nächtens denkst Du mit einer losen Träne die erschöpften Traumblumen meines bitteren Schlafes. Eine schlaflose Tränennacht gedenken die bitteren Schatten meines Traumes deiner erschöpften Blumen. Schattene Gedanken einer bitteren Blume schöpfen in den Tränen einer Nacht des Traumes Schlaflosigkeit. Schlaflose Blumen träumen im Schatten der tränenden Nacht voller Erschöpfung Gedanken der Bitternis. Blumiger Schlafbitter träumschattet tränengedanken nachtlose Erschöpflosigkeit. Traumblumige tränenverschlafene gedankenschöpfende schattenlose Bitternis. Tränenbittere schattenschöpfende traumgedankenlose Schlafblumenschöpfungsnacht.“
    schmierte er seine Sätze, so schnell der Stift es zuließ, aufs Papier. Dieses Brainstorming war keine schlechte Fingerübung, zumindest lenkte es ihn von den Ausdrucken ab. Es war um einiges besser als:
    “Dein zum Schlag erhobenes Haar, mein Kind,
    dein messerscharfes Augenpaar, sie sind,
    & es ist diesmal endlich wahr, der Wind,
    in dem ich nach meinem Trauerjahr Erlösung find...“
    ,
    jene unsägliche Strophe, die er am Abend nach seinem Treffen mit Horst Favelka und der Kastner gedichtet hatte und die sich zu seinem nachträglichen Entsetzen, zum ersten Mal seit dreißig Jahren übrigens, reimte.
    Aber Alfons strich auch diese Sätze ohne Bedauern in seinem Schreibblock; er war dabei kaum schneller als eben, als er sie geschrieben hatte. Jene Permutationen eines Gedankens, der zudem in jeder Variation nach Ivan Goll klang, waren es nicht einmal wert, bei den vielen Zetteln auf dem Tisch zu landen. Auf allen standen Gedichtzeilen und Versuche, die er in einer nur für ihn selbst erkennbaren Logik geordnet hatte. Diese etwas hoffnungsvolleren Verse, die jedoch allesamt zu keinem befriedigenden Ziel gefunden hatten, nannte er seinen Steinbruch. Er hoffte, dass sie sich irgendwann zu echten Gedichten verbanden, seinem „Spätwerk“, das er bewusst mehrdeutig „Aus dem Blauen heraus“ nennen wollte. Viel mehr als diesen seiner Meinung nach äußerst gelungenen Titel hatte er allerdings nicht vorzuweisen.
    Er wunderte sich kopfschüttelnd, welcher bourgeoise Teil seines Selbst ihn vorgeführt hatte und für den eben entstandenen Unfug verantwortlich zeichnete. Ob er von seiner Umgebung so beeinflussbar war, dass sie seiner Lyrik ihren Stempel aufpresste, deutlicher, als er sich einzugestehen bereit war?
    In der Tat fühlte er sich in seinem möblierten Zimmer, das er seit zwei Monaten zur Untermiete bewohnte, wohl. Es erschien ihm inzwischen nicht mehr absonderlich, frischgeduscht, satt und nüchtern zu sein. Das war schnell zum unverzichtbaren Alltag geworden, aber nun fiel es ihm auch immer schwerer, bequem und zufrieden im warmen Nest zu sitzen und dann über den Dreck zu dichten, der ihn in den letzten Jahre begleitet hatte.
    Das kleine Zimmer war sauber und bürgerlich, dabei rührend schlicht eingerichtet. Die Möbel waren natürlich nicht neu; der Cordbezug der Couch hatte die Farbe eines zu lang gekochten Eigelbs. Diese ausladende Sitzgelegenheit, die Alfons auch als Bett diente, hatte Anfang der Siebziger den Stolz und den unbestrittenen Mittelpunkt eines Wohnzimmers gebildet; ein in der Höhe verstellbarer Tisch gehörte zu ihr wie Abälard zu Heloise. Erst dieses innige, keusche Beieinanderverharren der beiden durch einen langen Gebrauch beseelten Möbel hatte die Idylle zu dem Ambiente gemacht, das Alfons bewogen hatte, sich ausgerechnet hier möbliert in Untermiete zu begeben.
    Der Rest der Einrichtung war dagegen ephemer: Da standen ein Stuhl, ein Schrank, ein alter Waschtisch mit großem Spiegel und schließlich der zur Couch gehörende Sessel, dessen Cord allerdings so abgenutzt, verfärbt und fadenscheinig war, dass die Hausfrau sich seiner erbarmt und den Makel mit einer grob gehäkelten Patchworkdecke gnädig verhüllt hatte. Man saß auf ihm so schlecht, dass Alfons ihn zur Seite geschoben hatte und zur Ablage seiner wenigen Wäsche benutzte. Stattdessen hatte er den ursprünglich für diesen Zweck bereitgestellten Stuhl für eventuelle Besucher näher an den Tisch gerückt. Bisher hatte er allerdings in seinem Zimmer nur einen einzigen Gast gehabt und der hatte sich zielstrebig das Sofa als Sitzgelegenheit ausgesucht.
    Das konnte Alfons verstehen, denn auf dieser Couch saß auch er gern. Gerade die durch jahrelanges, allabendliches Fernsehsitzen entstandenen Kuhlen liebte er, dazu das von rückwärts niederfallende Licht des Fensters hinter sich. Er ließ den Blick häufig über den Rand seiner Brille hinweg über die lackglänzende Tischfläche schweifen, deren einzige Verunreinigung, ein großer, kreisrunder Brandfleck, inzwischen durch einen neonfarbenen Tischläufer und seine überhandnehmenden Notizblätter verdeckt wurde. Er sah gerne hinüber auf die gegenüberliegende Wand, wo ein helles Viereck in der beigen Tapete die einzige Veränderung manifestierte, die Alfons in dem Zimmer vorgenommen hatte. Hier hatte er beim Einzug ein Ölgemälde vorgefunden, das in mangelhafter Hobbymalermanier den emsigen Betrieb im Hamburger Freihafen darzustellen vorgab. Es ruhte jetzt in Frieden hinter dem hohen Kleiderschrank.
    Alfons hatte vor, an seiner statt ein anderes Bild aufzuhängen. Aber er hatte bislang noch keines gefunden, was nicht zuletzt daran lag, dass er sich seines von häufig wechselnden Stimmungen abhängigen Geschmackes nicht sicher war. Er war zwar im Besitz eines Gemäldes von Jonas Nix, das ihm diese Legende als Gegengabe für ein paar überlassene Gedichte geschenkt hatte, aber er war weit davon entfernt, es sich ins Zimmer zu hängen. Er hatte das Bild bei Elvira Bückelmann, einer Freundin aus alten Tagen, untergestellt und er betrachtete es, da er um den ständig steigenden Wert des schmalen Werks des verstorbenen Malers wusste, als eine Art von Rentenversicherung. Übrigens wollte er ein gemaltes aufgeplatztes Geschwür, dem ein dünner Blutfaden aus dem Eiter rinnt, wirklich nicht an der Wand haben. Frau Albrecht, seine Vermieterin, trug ohnedies schon seit einiger Zeit erheblichen Zweifel, ob er die richtige Wahl für ihr geordnetes Heim war. Denn obwohl Alfons regelmäßig seine Miete bezahlte und ein wirklich stiller Hausgenosse war, ging er eben keiner in ihrem Sinne geregelten Arbeit nach, was ihn in ihren Augen verdächtig machte.
    Andernaj blätterte in seinem Notizblock auf eine neue, leere Seite.
    “Donnerstag, 10. Nov.“, schrieb er,
    „Meine Seele; es ist billig, einen Brief mit dem Wetterbericht zu beginnen, aber passend, wenn ich dir meinen Gemütszustand beschreiben will, der, wie du weißt, so abhängig von ihm ist. Deshalb: Der zähe Hochnebel, der wochenlang mein Herz einem feuchten, klammen Land der Düsternis & des Todes ausgesetzt hat, also ein stereotypes Novemberwetter, über das jeder weitere Verlust eines Wortes ein überflüssiger, sentimentaler & kitschiger Gemeinplatz ist, zudem ein niveaulos kleinbürgerlicher, dieser Nebel, sage ich, er hat heute früh ein Ende genommen. Der nächtliche Wind, der verspielt die letzten Blätter von den Bäumen gezerrt hat, hat ihn gleichgültig mit sich geblasen. Zum ersten Mal seit langer Zeit war hinter Schleierwolken das reichlich eingeschüchterte Himmelsblau zu entdecken. Ich weiß, es klingt nicht aufrichtig, aber es geht mir besser. Ein Blick zum Fenster hinaus, über die Dächer der Altstadt & den Kamin des Fernheizwerks hinweg, hat mir geholfen. Ich hatte im Sinn, diesen Augenblick bewusst zu konservieren, mich an ihn zu klammern, solange es möglich war, um wieder zu Atem zu kommen; aber es dauerte nicht lange, kaum bis Mittag, dann kehrten die diffusen, grauen Wolken zurück & eroberten erneut meinen Himmel.
    Morgen ist Martinstag & es ist Regen angesagt; die Laternen der nassen & frierenden Kleinen werden zischend verlöschen & aufweichen. Ihr Geheul wegen des Verlusts wird die Nerven der Eltern bis hin zur herausgeforderten körperlichen Züchtigung strapazieren. Dieser Martin aber, dieser ach, so bescheidene, ach, so heuchlerische Römische Offizier, dessen Name ausgerechnet der Kriegerische bedeutet & den sie uns als Paradigma christlicher Barmherzigkeit präsentieren, er wird auf seinem weißen, gut im Futter stehenden Pferd geritten kommen. Er wird sich unter Dutzenden von verhungernden & leprakranken Bettlern, die nicht zuletzt deshalb vor den Toren der Stadt Amiens, damals Samarobriva genannt, frieren, weil die Truppen, zu denen er gehört, die Stadt geplündert haben, ich sage, er wird sich unter ihnen einen herauspicken, um ihn mit einem halben Mantel zu beglücken. Nicht einmal den Ganzen will er opfern, er, der nur in die Stadt zum Quartiermeister eilen muss, um sich einen Neuen zu holen & der doch genau weiß, dass zwei Hälften nie ein Ganzes ergeben. Dann wird er zufrieden weiterreiten & einen Verhungernden zurücklassen, der unter dem zu kurzen Mantel, unter dem seine nackten Füße hervorsehen, so lange ein bisschen weniger frieren wird, bis ein weiterer Römischer Soldat das halbe Kleidungsstück als Armee-Eigentum erkennen & zornig konfiszieren wird. Nun, Martin ist später Bischof in Tours & heilig, den Bettler hat man wahrscheinlich erschlagen, wenn er nicht über kurz an Hunger oder Krankheit starb, sein Name ist nicht überliefert; nur kurz diente er der Erbauung der Gläubigen.“

    Alfons hob den Stift vom Papier, überflog den letzten Absatz und wunderte sich über seinen wütenden Ausfall gegen die Religion, der er sonst eher indifferent gegenüberstand. Er begann oft seitenlange Briefe an seine geschiedene Frau, doch nie kam er dazu, das zu schreiben, was er ihr eigentlich sagen wollte, etwas führte ihn immer wieder auf ein anderes Thema und so kam es, dass diese Briefe nie abgeschickt wurden. Dennoch vernichtete er sie nicht wie seine missglückten Gedichte, denn er schätzte sie als eine Art von Tagebuch, das viele wertvolle Gedanken bewahrte, die er vielleicht einmal in seinem großen Roman benutzen konnte. Auch Nikolaus Klammer hatte diese Meinung geäußert, als Andernaj ihn auf seine Einladung hin am letzten Wochenende in seiner kahlen Stadtwohnung besucht und ihm ein paar der Briefentwürfe gezeigt hatte.
    Die beiden waren den ganzen Nachmittag zusammengesessen, hatten viel von Klammers starkem Kaffee getrunken und stundenlang über Kunst und Philosophie geredet. Es war genau die Art von Gespräch, die Alfons in seinen düsteren Jahren vermisst hatte und jetzt wusste er, dass er eben diese Erfahrung in seinem Brief hatte festhalten wollen:
    “Mein Leben“, fuhr er deshalb fort,
    “verzeih mir bitte diesen unmotivierten Ausflug in die Theodizee. Eigentlich wollte ich dir doch erzählen, dass ich mich am vorigen Samstag nachmittags mit Nikolaus Klammer getroffen habe. Du kannst dich bestimmt noch an den Dr. erinnern; er war dir von meinen Bekannten immer der Liebste & du hast mir mehr als einmal gesagt, dass ich ihn mir ruhig zum Vorbild nehmen könne. Wenn du nur wüsstest, wie wenig er sich trotz seiner hervorragenden gesellschaftlichen Stellung & seinem beachtlichen Vermögen dazu eignet, Vorbild zu sein! Ich weiß da ein paar Dinge über ihn...
    Ich habe natürlich keine Ahnung, wann du ihn zuletzt gesehen hast, aber bei mir ist schon einige Zeit vergangen, drei Jahre, würde ich schätzen. Ich finde, er ist in der Zwischenzeit alt geworden. Das Alter kam anscheinend ganz plötzlich zu ihm; die Falten haben sich tiefer eingegraben & er hat sich jetzt einige graue Haare zugelegt. Vielleicht hat er auch nur aufgehört, sie zu färben. Nikolaus ist viel schmaler geworden, beinahe dürr, & er wirkt längst nicht mehr so selbstzufrieden & gelassen; er ist leichter aus der Reserve zu locken & er kann auf Kleinigkeiten, die ihn stören, überraschend jähzornig reagieren. Er geht gebeugter & langsamer, braucht nun oft eine Stelle, an der er sich zu seiner Sicherheit festhalten kann. Ich finde, er sieht dem bekannten Foto von Charles Baudelaire immer ähnlicher; vor allem haben sie beide diesen verwirrenden, sezierenden, ich finde, fanatischen Silberblick. Dabei ist er doch ein paar Jahre jünger als ich; glaube ich, er müsste jetzt Ende Fünfzig sein. Nun, ich denke, er geht bald in Rente.
    Ansonsten ist er natürlich der Gleiche geblieben. Sich selbst treu, trägt er sein Wissen & sein Selbstbewusstsein, um nicht zu sagen, seine Arroganz, wie einen Schild vor sich her. Ich hatte aber am Samstag den Eindruck, dass sich Nikolaus wirklich darüber gefreut hat, mich wiederzusehen. Er sagte, er habe das Gefühl, er sei in den letzten fünfzehn Jahren immer nur meinem Doppelgänger begegnet, einer leeren Hülle, die ihn all das vermissen ließ, was er an mir geliebt habe. Um so mehr sei er jetzt glücklich, mich endlich selbst wieder zu sprechen, einen Menschen, von dem er geglaubt habe, er sei schon lange gestorben. Ich muss sagen, er hat noch immer nicht verlernt, mir zu schmeicheln.
    Kennst du die Stadtwohnung von Nikolaus? Ich denke nicht, denn er empfängt eigentlich, soweit ich noch über seine Gewohnheiten informiert bin, nie Besuche zu Hause. Von diesem Standpunkt aus gesehen, war es schon eine große Ehre, dass er mich zu sich eingeladen hat, als er mir vor einer Woche nach meinem Treffen mit Horst Favelka & dieser aufgedonnerten Zeitschriftentante im Cafe Winterfeldt zufällig in der Stadt über den Weg lief. Zumindest dachte ich zuerst, dass es ein Zufall war; aber bei Nikki weiß man ja nie. Manchmal glaube ich, dass er den Zufall völlig aus seinem Leben gestrichen hat.“

    Andernaj runzelte ärgerlich die Stirn, als er die letzten Sätze schrieb, denn ihm kamen der Termin und die Ausdrucke, die neben ihm auf der Couch lagen, wieder in den Sinn, beides waren Dinge, die er gerade für eine Weile erfolgreich aus seinen Gedanken verdrängt hatte. Er erinnerte sich nur ungern an seine Begegnung mit Favelka und an die Sache, auf die er sich so leichtsinnig eingelassen hatte. Schließlich hatte er eigentlich vorgehabt, einen Schlussstrich unter sein altes Leben und seine alten Bekannten zu ziehen.


    ------------------
    hks
    Aber ein Traum - nikolaus-klammer.blog

  2. #2
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    Question AW: Ein kleines Licht (Ausschnitt)

    Einen schönen guten Tag zusammen!
    Der obige Text ist der Beginn der Erzählung "Ein kleines Licht" und stellt etwa ein Sechstel der gesamten Geschichte dar.
    Fragen:
    Um einen Vorschlag von Hagen aufzugreifen: Hat es Sinn, eine so lange Geschichte hier scheibchenweise zu veröffentlichen?
    Wird ein langer Text gelesen?
    Und, last not least, wollt ihr überhaupt mehr von Andernaj hören?
    Gruß, Klammer
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  3. #3
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Question AW: Ein kleines Licht (Ausschnitt)

    Hallo Klammer!

    Diesen Beitrag hätte ich beinahe übersehen. Entschuldigung.
    Das ist allerliebst, aber riecht nach Arbeit.
    Deine Montagetechnik erinnert an Döblin, doch drehst Du Dich mehr in einem Raum- und Zeitlosen, als daß Du Dich der Profanität des Postmodernen widmetest. Nun gut. Drehen wir uns ein bißchen mit.

    Die Schichtung ist ubiquitär, weil ich doch Dein INDIFFERENT nicht nennen möchte. Ein wichtiger Hinweis, worauf wir Lektoren immer achten, mein Lieber: Das Wichtigste bei allem Ird'schen Ding ist Ort und Stunde. Diesen Ausspruch Schillers solltest Du, wenn Du schon den 10. November in gewisser-ungewisser Weise thematiserst, berücksichtigen.

    Die Sprache muß zum Teil einfacher werden, auch überschaubarer in ihrer Anwendung. Nämliches INDIFFERENT wird von mir nicht mit GLEICHGÜLTIG übersetzt, sondern mit GLEICH GÜLTIG. Das ist für das Verständnis schwierig, weil Du doch eigentlich in alten Bildern umherstapfst; andererseits bemühst Du Dich um retardierende Momente in bezug auf unsere Zeit. Das macht alles zu einem einzigen Drehrumbum.

    Also, wollen wir hier ein bißchen genauer arbeiten? Dann aber mach Dich auf Schelte gefaßt.

    Willtu das?

  4. #4
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    Post AW: Ein kleines Licht (Ausschnitt)

    Willdas.

    Ich hatte bereits den Eindruck, dass sich niemand für diesen Text interessiert (...ähnliches passierte mir ja schon mit meinem vorherigen).

    Schelte bin ich gewöhnt, denn ich schreibe seit dreißig Jahren. Ich habe den Text auch nicht aus Gründen der Selbstbefriedigung hier veröffentlicht.

    Bedenke: Die noch etwas undurchsichtige Montage von Ort und Zeit ist von mir sehr genau durchdacht. Die Geschichte spielt am Donnerstag, dem 10. November des Jahres 1994, Martinstag, und selbstverständlich war an diesem Tag das Wetter wie es beschrieben wurde. Der Ort des Dramas ist wohl fast zu genau beschrieben.
    Nach der Schelte bin ich gerne bereit, Näheres zu sagen.

    Gruß Klammer

    Ein kleines Licht (Fortsetzung 1)

    Das Cafe Winterfeldt, in dem er sich mit Horst auf dessen Wunsch hin verabredet hatte, war aus Tradition der Treffpunkt von der Sorte von ältlichen, zitronensauren Damen, die niemals ihre Hüte abnehmen und zähe Lippenstiftspuren auf ihren Zigarettenkippen und den weißen Kaffeetassen hinterlassen. Dazu saßen hier am späten Nachmittag viele Künstler und noch mehr solche, die sich für welche hielten. Man wurde schnell und unauffällig bedient; die Kellnerinnen hatten in ihrer rücksichtsvollen, dabei aber zielstrebigen Art viel von erfahrenen Krankenpflegerinnen.
    Das Cafe hatte jedoch zu Andernajs Enttäuschung seine früher so anheimelnde Atmosphäre völlig verloren, da es kürzlich von Grund auf renoviert worden war und das altersfleckige Holz pastellfarbenen Kunststoffen hatte weichen müssen. Es hingen auch nicht mehr wie früher zeitgenössische Kunstwerke an den Wänden, sondern nichtssagende, großformatige Drucke von Blumenarrangements.
    Kaum saßen die beiden an einem Tisch in der Nähe des Eingangs und hatten ihre Getränke vor sich stehen, kam Favelka auch schon euphorisch auf sein neues Projekt zu sprechen. Er war durch den Schwung seiner Begeisterung viel zu abgelenkt, um auf sich zu achten. Er lehnte sich über den kleinen, niederen Cafehaustisch, der unter dieser plötzlichen Erschütterung seine ohnehin gefährdete Balance verlor. Bier schwappte über und spritzte auf den linken Ärmel seines feinen Jacketts. Er nahm es kaum wahr, das war eine Winzigkeit, die einen großen Geist nicht aus dem Gleichgewicht bringen konnte. Er schob lässig sein Getränk mit der flachen Hand zur Seite.
    „Ich weiß natürlich, was du denkst...“ führte er aus und sah Alfons herausfordernd, fast strafend in die Augen, um ihm den Mut an einer Entgegnung zu nehmen. Alfons rückte unangenehm berührt ab, was weniger an der aufdringlichen Nähe zu dem halbseidenen Favelka, als vielmehr daran lag, dass er sich ein zweites Mal dabei ertappte, wie er sich am Bier seines Gegenübers vergreifen wollte. Sein Soda hatte er noch nicht angerührt. Er lehnte sich deshalb zurück, zuckte gleichmütig mit den Schultern und wunderte sich, weshalb er das Risiko auf sich genommen und die Ruhe seines Zimmers verlassen hatte, um sich ausgerechnet mit Favelka zu treffen, dessen geschäftige Geschwätzigkeit ihn abstieß und den er lange nicht mehr gesehen hatte.
    Beim letzten Mal, vor vielleicht zwei Jahren, sein Gedächtnis hatte über diese Zeit gewaltige Lücken, war Alfons, wenn er sich recht erinnerte, betrunken gewesen und sie hatten sich entsetzlich gestritten. Horst wollte damals dreitausend Mark von ihm, weil er nach dessen Worten so oft seine Gutmütigkeit ausgenutzt habe. Er drohte sogar, ihn zu verklagen. Danach war Favelka aus seinem Leben verschwunden; endgültig, wie Alfons glaubte. Doch am gestrigen Nachmittag hatte Horst ihn in der Wohnung seiner Vermieterin angerufen. Alfons konnte nicht aus ihm herauskriegen, auf welchen Wegen er zu seiner Nummer gekommen war; was ihn aber noch mehr erstaunte, war, daß Horst mit ihm sprach, als wäre zwischen ihnen nie etwas vorgefallen, er nahm den Faden wieder auf, als hätten sie sich erst am Vortag einvernehmlich getrennt. Und tatsächlich, als er nun seinem alten Bekannten gegenübersaß und einen von dessen endlosen, begeisterten Dialogen über sich ergehen ließ, da war ihm, als hätte sich nichts geändert. Es war erschreckend: Alles war wie in den alten Zeiten.
    Favelka war sich selbst gleich geblieben und bemerkte in seiner beispiellosen Egozentrik nicht, dass Alfons sein Leben in der Zwischenzeit neu gestaltet hatte. Er war wie immer in seine unüberschaubare Vielfalt von bemerkenswerten, aber nicht durchführbaren künstlerischen Projekten verwickelt, machte aus den Hirngespinsten anderer seine Herzensangelegenheit, über die er sich in großartigen Worten begeistern konnte. Noch immer schrieb er blasse Essays über die Dinge, die er als interessant erachtete.
    Auch er hatte darüber längst die magische Fünfundvierzig hinter sich gelassen. Als sein Vater, der Büromaschinen verkauft hatte und seine einzige Geldquelle darstellte, überraschend verstorben war, hatten alle erwartet, er würde nun in der Versenkung eines bürgerlichen Lebens oder in einer geschlossenen Anstalt verschwinden, aber das Gegenteil war der Fall. Nachdem es eine Weile tatsächlich still um ihn geworden war, hatte er plötzlich wieder erhebliches Kapital für seine kulturellen Pläne zur Verfügung. Er hatte sich mit seinem väterlichen Erbe, moralische Dünkel waren ihm schon immer ein Fremdwort, in ein paar Sexclubs am Stadtrand eingekauft und verdiente sich nun sein Geld als Zuhälter, auch wenn er jedem die Nase blutig schlagen ließ, der ihm diesen Titel verlieh.
    Favelka bezeichnete sich selbst weiterhin als „Kulturmanager“, wusste allerdings selbst nicht so genau, was man sich unter diesem schwammigen Begriff vorzustellen hatte. Doch dahinter verbarg sich nur, dass er es schätzte, Kunstschaffende um sich zu haben, sich mit ihnen auszutauschen, sich in der Freundschaft mit ihnen zu sonnen und sie im Rahmen seiner von ihm weit überschätzten Möglichkeiten zu unterstützen. Er hatte noch nicht wie Alfons erkannt, dass in dieser Stadt zwar wie überall mit Geld einiges zu erreichen war, dass aber dauerhaften Eindruck nur der hinterlassen konnte, der die richtigen Beziehungen hatte. Diese waren jedoch nur über Verwandtschaftsverhältnisse oder die richtige Parteizugehörigkeit zu bekommen.
    Auch Alfons, der, war er alkoholisiert, gläubig wie ein Kind sein konnte, hatte sich mehrmals von Favelkas mitreißenden Worten begeistern lassen und dessen Plänen, zuletzt einem Literaturcafe, sein weniges Geld geopfert. Deshalb war es nicht weiter verwunderlich, dass er jetzt, nüchtern und desillusioniert, mehr als skeptisch war, als ihm Favelka strahlend von seinem neuesten Projekt, einer Zeitschrift, erzählte und ihn zu überreden suchte, da er doch den Kopf wieder klar habe, sie durch ein vielleicht bislang unveröffentlicht gebliebenes Gedicht zu bereichern.
    „Aber das ist einmal etwas ganz Neues“, sagte er, nach vorn gelehnt, dabei den Tisch nun vorsichtig im Gleichgewicht haltend und Alfons chronischen Mundgeruch tapfer ignorierend. Er hob beschwörend eine Hand. „Ich weiß, was du denkst: Schon wieder kommt er mit einer der üblichen Spinnereien, hat den Kopf in den Wolken und keinen Pfennig in der Tasche. Was am Ende herauskommt, das sind ein paar schlecht kopierte und nachlässig geheftete umweltgraue Seiten, auf dem sich eine Gruppe von Möchtegernlyrikern mit ihrem ungereimten Weltschmerz prostituiert; das Ganze unterbrochen von drittklassigen Grafiken und von mit Rechtschreibfehlern gespickten Schüler-Erlebnisaufsätzen; ein Heft also, das bleischwer in den Regalen der menschenfreundlichen Buchhandlungen liegt, die es in Kommission nehmen...“
    „So ähnlich, vielleicht nich' so verächtlich, denn die Macher sin' jung und voller Ideale, die wir doch längst verloren ham. Ne neue Literaturzeitschrift is' allerdings 'ne Totgeburt, hab's oft genug erlebt. Was da rauskommt, is' den Scheiß, das endlose Palaver und den Aufwand nich' wert. Glaub mir, mir is' schon so viel heiße Luft um 'n Kopf geblasen wor'n, dass ich kein Föhn brauch'. Und du, bei aller Freundschaft, bist doch der Herr der Schwätzer. Ich erinner' dich bloß an dein Cafe...“
    „Komm mir jetzt nicht mit diesen alten Geschichten, Alfons. Das ist Jahre her.“ warf Favelka, den man auf diese Weise nicht beleidigen konnte, ein. Er machte eine weit ausladende Geste. „Es ist traurig, dass sie dir deine Ideale genommen haben in dieser Scheißwelt. Die tägliche Ohrfeige macht mürbe, ich weiß das. So zwingt das Leben uns, zu scheinen, ja, zu sein, wie jene, die wir kühn und stolz verachten konnten.“ Er machte eine bedeutungsschwangere Pause, sinnend und nickend. „ Das war Goethe.“ setzte er dann hinzu, als würde er eine Beweisführung abschließen.
    „So, so, Goethe.“ erwiderte Alfons und dachte an Favelkas Geldquelle.
    „Ja, das kennst du sicher nicht: Das war aus Torquato Tasso. Auch ich war in Arkadien.“ sagte Favelka, tief von seiner eigenen humanistischen Bildung beeindruckt. Alfons presste stumm über den Rand seiner Brille hinweg Daumen und Mittelfinger gegen die Nasenwurzel, was den „Kulturmanager“ veranlasste, schnell das Thema zu wechseln: „Aber ich will dir von unserer Zeitschrift erzählen. Ein kleines Licht soll sie heißen, feiner Titel, hm? Der bezieht sich auf eine recht unbekannte Geschichte von Tolstoi, da geht es um einen leibeigenen Bauern...“
    „Die hab ich zufällig mal gelesen.“ winkte Alfons ab. „Die gehört zu den verlogensten Stücken des Russen.“ Favelka ließ sich von diesem Einwand nicht aus dem Konzept bringen.
    „Die wird ganz anders, ...die Zeitschrift, meine ich. Schweres Hochglanzpapier, meisterliches Layout, Farbgraphiken von namhaften Künstlern und die Texte, Alfons,...“ er küsste seine Fingerspitzen, „...die Texte: Glaub mir, die sind vom Besten: Wir haben, nicht zuletzt durch meine Verbindungen, die literarische Creme mobilisiert: Da ist Prosa von Stefan Kappnath und natürlich von Clara Szczesny drin. Sie hat ein Kapitel ihres neuen Romans zur Verfügung gestellt; wir haben, das musst du dir mal vorstellen, sogar Klammer, er schreibt ein Essay über de Musset, dazu gibt es Philosophie von Peter Ritscher, Poesie von der Schrack und von Hofherr...“
    „Hör auf, hör auf, bin gebührend beeindruckt. Is' ja wirklich 'n who's who.“ erwiderte Alfons, obwohl er nur mit wenigen Namen etwas anzufangen wusste. Nun, das war eine andere Generation, sie brachte andere Sterne hervor.
    „...und, nicht zuletzt, gibt es auch noch einen Text von mir.“ fuhr Favelka unbeirrt fort. Er hat sich also eingekauft, dachte Alfons. Niemand mit ein wenig Menschenverstand würde ihm sonst ein Podium für seine absolut unlesbaren Essays geben. „Meinst du nicht, da wäre ein ganz neues Gedicht vom genialen Alfons Andernaj ein Sahnestück?“
    „Ach, komm.“ zierte sich Alfons sofort, obwohl er natürlich geschmeichelt war. „Ich - ich bin 'n alter Mann und krieg' längst keinen mehr hoch. Die ham mich alle vergess'n. Weißt doch, heut is' jeder für 'n Tag 'n leuchtender Stern und für Rest des Lebens 'n schwarzes Loch. Wer kennt 'n noch meine Ode auf die Mauer? Steht ja nich' mal mehr, das Bauwerk.“ Favelka, der in der Tat noch nie etwas von dieser Ode gehört hatte, runzelte die Stirn.
    „Sei doch nicht so bescheiden. Ich glaube, du weißt gar nicht, wie bekannt du bist. Man kann sogar sagen, du bist hier eine Legende. Ich kenne keinen von den jungen Lyrikern in dieser Stadt, der nicht deine Gedichte Aus meiner Gesäßtasche kennt und verinnerlicht hat. Die verkaufen sich doch ausgezeichnet.“
    Alfons kräuselte bitter die Lippen.
    „Leider. Hab natürlich die Rechte dran längst verhökert, hat der Verlag.“
    „Und wovon lebst du dann? Von der Fürsorge?“ fragte Favelka neugierig; ihm kam nicht in den Sinn, dass seine Frage peinlich für sein Gegenüber sein könnte. Alfons lächelte schmal und ohne Freude.
    „Das hab ich gottseidank hinter mir. Wie du bemerkt hast, bin ich wieder runter von der Straße; kein Nachtasyl, kein Amselfelder mehr. Ich bin jetzt 'n Rentier und das is' der schönste Titel, den ich je hatte. Letztes Weihnachten, es jährt sich übrigens bald, is' Manfred Sontheimer gestorben, weißt schon, der Bruder des Malers.“ Er kicherte. „Hätt gern dabei sein wolln. Beim Gansessen im Steigenberger Hotel kriegt er plötzlich 'ne knallrote Birne, hustet, japst nach Luft und aus is': Herzschlag, knallt mit 'm Kopf ins Blaukraut, dass es spritzt. Hat sich endlich totgefressen. Seine geplagten Lateinschüler werden's ihm sicher gedankt haben. Dann, bei der Testamentseröffnung, gab 's für mich 'n nachträgliches Weihnachtsgeschenk: Hat er mir doch ernsthaft 'ne monatlich auszahlbare Rente hinterlassen; weiß der Himmel, warum, ich hab Manfred nur über seinen Bruder gekannt und in den letzten Jahren keine fünf Worte mit ihm gewechselt. Viel is' es eh nich', aber ich stell keine Ansprüche.“ Alfons dachte dankbar an den Dicken, dessen überraschendes Legat ihm ermöglicht hatte, zu einem bürgerlichen, bescheidenen Leben zurückzufinden. Das Geld war wie ein himmlisches Wunder gerade in dem Moment gekommen, als Alfons geglaubt hatte, es ginge nun nicht mehr weiter. Es hatte ihn gerettet, aus der Gosse geholt, es war der Strick, an dem er sich aus dem Dreck gezogen hatte. Er war für ein halbes Jahr auf Entzug gegangen und wohnte nun möbliert in Untermiete. Sein Leben gewann täglich an Wert. Wenn er nur nicht so allein gewesen wäre, auf eine Weise allein, dass er sich sogar über den überraschenden Anruf von Favelka gefreut hatte.
    „Du weißt, ich bin Alkoholiker.“ sagte er vorsichtig. „Un' die Hälfte von mei'm Verstand hab' ich versoffen. Weiß gar nich', ob ich noch Gedichte machen kann.“ Favelka sah ihn verständnislos an. Er zählte Lyrik offensichtlich nicht zu den schwierig herzustellenden Dingen. Schließlich gab es heutzutage schon Computerprogramme, die diese Arbeit perfekter als die echten Dichter erledigten. Alfons bemerkte seinen Blick und wollte erklären, dass die leicht hingeschriebenen, zornigen und pornographischen Verse in den Gedichtbänden Aus meiner Gesäßtasche und Verflogen & Verfickt, die ihm einen gewissen Ruhm gebracht hatten, nicht aus seiner Seele kamen, sondern von etwas Fremden in seinem Inneren stammten, das sich immer dann zu seinem eigenen Schrecken erhob, wenn er trank. Er ekelte sich für dieses Zeug selbst an. Er hatte zwar damit während seinen dunklen Jahren ein bescheidenes Geld verdienen können, aber diese verzweifelten Strophen waren keine Kunst, auf jeden Fall nicht die Art von Lyrik, die er schöpfen und mit der er in Erinnerung bleiben, seinen irdischen Tod überleben wollte. Nicht Bukowski, Rilke war sein Vorbild; wenn er schon eines eingestehen wollte. Nein, wollte er sagen, er werde sicher keinen Schmutz mehr schreiben.



    ------------------
    hks
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  5. #5
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Arrow AW: Ein kleines Licht (Ausschnitt)

    Hallo Klammer. Zeit für ein bißchen Arbeit am Getekst:

    "Es wird andere Tage geben,
    andere Stimmen werden sein.
    Ganz alleine wirst du lächeln."

    Pavese, the cats will know

    Alfons Andernaj zwang sich, den Blick von den vier Schreibmaschinenblättern, auf die mit Hilfe eines Computers kurze Texte gedruckt waren, zu nehmen.
    Ein langer und beinahe verschnörkelt wirkender Satz. Warum kein einfaches Beginnen?
    Die Seiten lagen so verführerisch wie die Frucht vom Baum der Erkenntnis
    Da müssen wir jetzt nachhaken: War die Frucht verführerisch? War es nicht das Verbot bzw. die Umgehung oder Übertretung der Grenze? Wer überhaupt hatte das Bewußtsein von der Übertretung? War‘s die Schlange, die nur entblößte, ein Bewußtsein schuf? War‘s angelegt? Wollte Gott selbst die Entblößung? Seiten, voll oder leer? Voll, also nicht mehr unschuldig. Unschuld auf weißem Papier. Du schießt hier scharf, zu scharf. Ich würde retuschieren, die Bedeutungsebene herausnehmen, aber sich mitsagen lassen.
    neben ihm auf der Couch. Er griff abgelenkt
    also doch ein Drittes?
    in die Dose mit den Pfefferminz-Pastillen, die er vor sich auf dem Tisch liegen hatte und schob eine der schmalen Tabletten in den Mund. Er benötigte täglich eine ganze Packung dieser scharfen, schimmlig-grünen Pastillen. Nur dann fühlte er sich vor seinem starken Mundgeruch so sicher, dass er sich unter Menschen wagte.
    Das ist zu geschwätzig. Ein Satz wie: Er kaute eine Schachtel am Tag. Schimmlig-grüne Pastillen gegen unmodernen Mundgeruch. Sein Anteil zur Bewältigung des Alltags gegen geruchsempfindliche Mitmenschen. Was weiß ich, wo Dein Schwerpunkt in der Charakterisierung liegt.
    Zudem hatten die Tabletten die für ihn angenehme Nebenwirkung, dass sie, zumindest in diesen Mengen eingenommen, in hohem Maße verdauungsfördernd wirkten.
    streichen
    Er genoss kurz den altbekannten Geschmack, der ihn ein wenig aus seiner larmoyanten Lethargie riss. Trotzdem kostete es ihn einigen Willen, erneut den Notizblock in die Hand zu nehmen, seine immer fettige Lesebrille wieder aufzusetzen und einen weiteren Gedichtversuch
    Aha! Gedichte sind‘s also, die die Sünde ursachten. Das ist doch mal ein neuer Gedanke. Warum steht der erst hier?
    zu wagen. Während er bereits versonnen dem Klang von ein paar lyrischen Wörtern nachspürte
    Das ist eine Synästhesie, die mich hier nicht goutiert.
    , sie zusammen mit seinem Pfefferminz im Mund zerkaute, warf er einen schnellen Kontrollblick auf die Armbanduhr. Viel Zeit blieb ihm nicht mehr.
    Warum Kontrollblick?

    positiv: Du erzeugst eine Stimmung
    negativ: für eine kurze Geschichte sehr viel Geschwätz

    Fazit: ich les' und maule weiter

  6. #6
    schreibt hier hin und wieder
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    Lightbulb AW: Ein kleines Licht (Ausschnitt)

    aha. jetzt seh ichs: der herr klammer hat ein sonderangebot - alle adjektive zum preis von einem - erstenden und in diesen text gesteckt.
    naja. das ist schon eine kunst, weils ja auch was gleichschauen soll. das kunstwerk.

    a.

  7. #7
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    Exclamation AW: Ein kleines Licht (Ausschnitt)

    Liebe andrea,
    um es mit
    Wolfgang Borchert zu sagen:
    "Man mutet sich so leichtfertig andern zu, dabei kann man sich kaum selbst ertragen."
    Ich stehe ernstgemeinter Kritik wie der von aerolith, der in vielerlei Beziehung recht hat, (ich gehe später darauf ein) offen gegenüber.
    Auf patzigen Hohn, nur weil ich ein gewisses sprachliches Niveau halten will, kann ich verzichten.

    Gruß, Klammer
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  8. #8
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Ein kleines Licht (Ausschnitt)

    erstellt von Klammer:
    Alfons Andernaj zwang sich, den Blick von den vier Schreibmaschinenblättern,auf die mit Hilfe eines Computers kurze Texte gedruckt waren, zu nehmen.
    Also (von wegen sprachlichem Niveau):
    Wie wäre es mit:
    Alfons Andernaj zwang sich, den Blick von den vier Schreibmaschinenblättern zu nehmen, auf die mit Hilfe eines Computers kurze Texte gedruckt waren.
    Wobei allerdings das Problem nicht beseitigt ist, dass es der Drucker ist, der druckt, und nicht der Computer. Und soll's von so großer Bedeutung sein, dass es es gleich in den ohnehin übervollen Satz gequetscht wird?

    Die Seiten lagen so verführerisch wie die Frucht vom Baum der Erkenntnis neben ihm auf der Couch.
    Dasselbe Satzstellunsgproblem, die Lokalergänzung trudelt irgendwo am Ende des Satzes herum, gleichwohl sie zentraler stehen müsste als der ohnehin sehr fragwürdige Vergleich. Grammatisch fragwürdig - die Seiten (Plural) mit der Frucht (Singular) gleichzusetzen, um mal von der inhaltlichen Überzogenheit zu schweigen. Unfreiwillige Komik wird erzielt, wenn ich mir das Ganze dann "neben ihm auf der Couch" vorstelle.

    Und in diesem Stil geht es weiter.

    Tja. genau sieht es für mich aus, wenn jemand mit allen Mitteln und koste es was es wolle, "sprachliches Niveau" herbeischreiben will. Aber die Sehnsucht nach dem Erhöhten ersetzt nun mal nicht die ganz banalen Fertigkeiten. Und schon gar nicht ein unter Umständen weniger banales Sprachgefühl. Wobei letzteres unter diesem dringlichen Wunsch nach "Höhe" sowieso nicht aufkommen kann.

    Genauso interessant wie unverständlich ist mir deine Erwähnung Borcherts, denn ich fürchte, dass seine Texte jenseits deiner Sprachschwellen liegen.

    andrea

  9. #9
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Ein kleines Licht (Ausschnitt)

    Amen.

    Liebe andrea,

    na also, es geht doch. Warum aber bist du so polemisch? Sind wir im Bundestag? Welche wunde Stelle habe ich bei dir berührt?

    Ich habe nie Germanistik studiert und besuchte nie eine humanistische Lehranstalt. Mein Satzbau ist gefühlsmäßig und nicht aus dem Duden. Ich denke aber, dass ein Einschub, also die nähere Erläuterung eines Gegenstandes, hier jener ominösen und für das Drama bedeutenden Seiten, durchaus vor das Verb gesetzt werden sollte. Das schafft klarere Bezüge.
    Gut, dir missbehagt also das Bild von der Frucht (Einzah) des Baumes der Erkenntnis, das hier deutlich machen soll, dass jene Seiten (Mehrzahl) für Andernaj eine Versuchung sind, eine Versuchung, die so übermächtig ist, dass er ihr kaum widerstehen kann. Und sie liegen neben ihm auf dem Sofa, die Seiten, nicht die Frucht. Er selbst hat sie dort hingelegt. Das ist komisch?
    Ich wollte mich nicht mit Borchert vergleichen. Ich vergleiche mich mit überhaupt keinem Autor. Dass ich ein "kleines Licht" bin, weiß ich selbst. Sonst würde ich mich nicht in diesem Forum prostituieren.
    Ich dachte allerdings, dass man hier ernsthaft miteinander spricht und sich nicht gegenseitig in die Pfanne haut. Das habe ich anderso zur Genüge. Wenn dir mein Stil nicht gefällt, nachdem du fünf Sätze einer etwa einhundert Seiten langen Erzählung gelesen hast, kann ich damit leben.

    Dass mein Stil allerdings weitaus besser ist, als du ihn hier darstellst, weiß ich.

    Gruß, Klammer

    ...und jetzt gehe ich ins Bett und lese Ernst Weiß. Was für ein Genuss!

    [Diese Nachricht wurde von Klammer am 05. Juni 2001 editiert.]
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  10. #10
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Ein kleines Licht (Ausschnitt)

    Liebe Klammer! Andrea tat nur das, was sie von uns gewohnt war (!), eine gepflegt-unbeherrschte Streitkultur, die sich aber immer an objektiv Meßbarem wie der Syntax bewegt. Ich verweise auf unseren diesbezüglichen Ordner, in dem wir uns übers Streiten austauschen und zu dem Zwischenstand kamen, daß die persönliche Sache nichts, die objektiv-faßbare Verunglimpfung dagegen alles ist. Jedenfalls hat andrea das so verstanden, und wir wollen ihr da doch nicht etwa widersprechen? (Ein objektiv urteilender Geist müßte jetzt hier einwenden, daß andrea wohl Textarbeit leistete, aber gerecht und objektiv wollen wir heute nicht sein.)
    Allerdings, Klammer, was ich so sanft mit "Geschwätzigkeit" ansprach - aus Dienstagabendgründen aber nicht mehr zu worten sich in die Lage zu setzen versah -, das betrifft Dein Schreiben schon. Und jetzt schau Dir nur mal meinen letzten Satz an!

    Ich muß andrea widersprechen, was die Anbindung des Lokalen betrifft.

    Im Haus steht ein Etwas.
    Ein Etwas steht im Haus.

    Ich denke, wir sollten uns beim Wichtigsten aufhalten, dann zum Unwichtigeren gehen, um dieses in eine(n)m gemäßen Kontext zu setzen. Deine bevorzugte - also auch nicht durchgehaltene - Endstellung der Ortsbestimmung ist noch kein schlechter Stil; im Gegenteil, es ist besserer Stil als umgekehrt. Aber unübersichtlich wird's zuweilen, weil Du doch rührst und nachträgst und zwischenschiebst. andrea ist eine Freundin der kurzen und präzisen Sätze. Das ist völlig knorke, aber ich bin's nicht. Aber ich hab's auch gerne übersichtlich. Und in diesem Punkt bin ich ganz bei ihr.

    Und, Klammer, Du mußt nicht maulen, wenn Dich ein zweimal wegen Nichteinhaltung der Forumsregeln geschaßter Gast anpinkelt. Du bist Mitglied, also wehr Dich! quod licet Iovi, non licet bovi

  11. #11
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Ein kleines Licht (Ausschnitt)

    Seltsam. Und ich war davon ausgegangen, daß es darum gehen könnte, ob eine Kritik berechtigt oder nicht berechtigt ist. Aber siehe da: auf den Status des Kritikers kommt es an.
    Nun denn, ich schließe mich andreas zweiter Kritik an - macht das jetzt einen Unterschied? it

  12. #12
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Ein kleines Licht (Ausschnitt)

    Hallo, ihr Freunde des geschriebenen Worts.

    Danke, diese Ausführungen waren erhellend.
    Ganz langsam wird mir das Geflecht der Strukturen in diesem Forum klarer und ich kann manchmal bereits dem geheimen Subtext folgen.
    Nun, es sind eure Spiele, nicht meine.

    Zur Geschwätzigkeit:
    Ihr habt recht. Mea maxima culpa. Ich bekenne: Ich bin geschwätzig, das ist eine meiner herausragenden Charaktereigenschaften. Natürlich sind deshalb auch meine Texte geschwätzig, obwohl ich dies anders formulieren würde. Mir diese Geschwätzigkeit in meiner Literatur nehmen zu wollen, wäre wie der Versuch, einem Vogel, dem man vorher die Flügel gestutzt hat, das Fliegen beizubringen.
    Ich weiß aber immer noch nicht, ob ihr noch mehr von diesem geschwätzigen Text hören wollt oder ob euch schon die Ohren sausen.

    Gruß Klammer
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  13. #13
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Ein kleines Licht (Ausschnitt)

    Ich würde gerne hören wollen,doch zu fragen hätte ich mich wohl nicht getraut.....von allein, Hannemann

  14. #14
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Post AW: Ein kleines Licht (Ausschnitt)

    Tja, it, wenn Du das wirklich geglaubt hast/glaubst, dann hast Du im vergangenen Jahr wahrlich auf Deinen Augen gesessen.

    Lieber Klammer! Ich mach auch ein bißchen Textarbeit. Schließlich bist Du doch hauptsächlich deswegen hier, denke ich. Laß Dir aber von einem beinahe alten Forum-Hasen wie meinereiner gesagt sein, daß es in der virtuellen Forenwelt jedes Forums niemals nur um Rationales geht, sondern zumeist ein Gutteil empfindliche Courtoisie mitschwingt. Das sind alles kleine Don..., meinereiner eingeschlossen. Also gehört der ungepflegte Disput zum Offenbarungseid.


    Zu einem Teil Deines Textes:
    Favelka bezeichnete sich selbst weiterhin als „Kulturmanager“, wusste allerdings selbst
    Dieses SELBST steht hier nicht von ungefähr. Es ist Bestandteil Deines retardierenden Schreibstils. Du kehrst immer wieder zu einem Gedanken zurück, um ihm Platz und Muße zu verschaffen. Ja. Ich bin ganz Ohr. Erzähle mir von den Katzen, wie sie um den heißen Brei schweifen, wie sie sich dabei in den Schwanz zu beißen versuchen, wie das Spiel ausgeht, das sie betreiben. Aber wenn Du dieses Spiel spielst, dann benutze keine Wortwiederholungen! Das ist eine eherne Regel.
    nicht so genau, was man sich unter diesem schwammigen Begriff vorzustellen hatte.
    Ein Hilfsverb in Satzendstellung riecht geradezu nach Aufgedunsenem. DAs bringt man eigentlich in jeder Schreibschule den Genies bei, daß sie ihre Sätze niemals so bauen, als ob ein Gehilfe diesen Satz von hinten zusammenhalten müßte. Nun gut, Klammer, hast schon recht, ab und an gehts halt nicht anders; manchmal ist es für den Stil sogar besser, wenn er durch Anhaltungen aufgehalten wird, wenn sich das Wort durch einen Gehilfen selbst relativiert, wenn sich der Satz nicht stringent, sondern schlängelnd einem Ziel zubewegt. Sogenannte Zweckschreiber (Telotiker) mag ich nicht, weil‘s doch da immer gleich nach Moral düftelt. Aber einen so langen Satz mit einem NICHT GENAU und einem Hilfsverb auszustatten, das darfst Du Dir nicht erlauben, ohne den Vorwurf hören zu müssen, Du schreibest ausschweifend, ...
    Doch dahinter verbarg sich nur, dass er es schätzte, Kunstschaffende um sich zu haben, sich mit ihnen auszutauschen, sich in der Freundschaft mit ihnen zu sonnen und sie im Rahmen seiner von ihm weit überschätzten Möglichkeiten zu unterstützen.
    Eine DASZ-Konstruktion mit anschließendem erweitertem Infinitiv macht sich gut, wenn sachlich über etwas gesprochen werden soll. In einem poetischen Text wirkt sie fremd wie ein Hund, den der Mond anbellt.
    Er hatte noch nicht, wie Alfons, erkannt, dass
    ein zweites DASZ hintereinander; Satz umbauen
    in dieser Stadt zwar wie überall mit Geld einiges zu erreichen war, dass aber dauerhaften Eindruck nur der hinterlassen konnte, der die richtigen Beziehungen hatte.
    siehe voriges Beispiel; Wiederholungsfehler im Satzaufbau
    Diese waren jedoch nur über Verwandtschaftsverhältnisse oder die richtige Parteizugehörigkeit zu bekommen.
    siehe oben

    Nein. Denke jetzt bitte nicht, ich sei hier ein Oberlackmeier. Wenn ich perfekt schreiben könnte, würde ich nicht lektorieren, also selbst Bestseller schreiben. Es sind so Hinweise von mir, die mir das Lesen und Verstehen erschwerten. Ich will auch kein Beckmesser sein, aber ich nöle lieber ein bißchen rum, damit Du weißt, was vielleicht auch anderen mißfällt/mißfallen könnte.

  15. #15
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    Post AW: Ein kleines Licht (Ausschnitt)

    Liebe Textzupfer,

    ich danke für die Arbeit, die ihr euch mit dem Text macht. Und, tatsächlich, ihr legt eure Finger in eine Wunde. Wenn ich meine Texte aufmerksam betrachte, fällt mir selbst ein fast neurotischer Zwang zum Beschreiben, sekundengenauen Fixieren aller, auch der kleinsten Geschehnisse und emotionalen Befindlichkeiten, aller Einzelheiten der Metakommunikation auf. Das ist meine Geschwätzigkeit, die meine Sätze im Augenblick des Aufschreibens aufbläht (s. o.). Oft, ihr habt recht, ist dieser Zwang größer als meine literarischen Fähigkeiten und bei längeren Arbeiten werde ich dann schlampig. Deshalb ist diese Kritik wichtig für mich. Macht weiter so, lasst euch von meinem Text nicht entmutigen.

    Ich überlege, wo der Grund für meinen Beschreibungswahn liegt. Er ist sicherlich nicht darin zu suchen, daß ich ein anachronistischer Nachkömmling der Totgeburt Naturalismus bin. Vielleicht ist es aus meiner Psychologie zu begreifen. Es ist möglicherweise eine Flucht in die Beschreibung, ein Festhalten am Begreifbaren. Ich will Existenz beschreiben, um mich meiner eigenen Existenz zu vergewissern.

    Zur "Frucht vom Baum der Erkenntnis", dem Bild, das zwei Lesern so sauer aufgestoßen ist. Es ist kein originelles Bild, und ich habe auch nicht lange danach gesucht. Es sollte nur den Grad der Versuchung ausdrücken, dem Andernaj auf seiner Wohnzimmercouch ausgesetzt war. Ich weiß natürlich, dass die alte Geschichte von Eva, der Schlange und dem verbotenen Baum durch und durch verlogen und unlogisch ist, eine Mausefalle Gottes. Denn wie kann ich jemandem, der keine Sünde kennt, die Erkenntnis von Gut und Böse nicht hat, etwas als Böse verbieten und die Übertretung des Verbotes als Sünde deklarieren? Das ist, als würde man hier ein "RASEN-BETRETEN-VERBOTEN"-Schild in chinesischer Sprache aufstellen und alle, die den Rasen dennoch queren, verhaften. Aber ich will hier keine Bibelexegese betreiben. Dennoch denke ich, dass diese Frucht schon sehr schmackhaft war. An diesem Bild hängt allerdings nicht mein Text und wenn es so ungeschickt ist, werde ich es wohl fallen lassen.

    Vielleicht noch eine Anmerkung zu meinem Text. Die Figuren kommen auch in anderen meiner Geschichten vor, sie sind Personal einer Art "Menschlichen Komödie", an der ich seit mehreren Jahren arbeite (...und, andrea, ich will mich nicht mit Balzac vergleichen, auch wenn ich ihn gerne zitiere).

    Lieber Hannemann, danke für die Stärkung; ich schicke die Fortsetzung des Textes hinterher.

    Gruß, Klammer

    In diesem Moment trat eine Frau zu den beiden an den Tisch. Ohne ihre Aktentasche aus den Händen zu geben, schlüpfte sie umständlich aus ihrem Mantel. Sie faltete ihn vorsichtig zusammen und legte ihn auf den freien Stuhl. Um sich dann endlich zu den beiden Männern gesellen zu können, holte sie sich anschließend eine weitere Sitzgelegenheit von einem Tisch in der Nähe. Alfons entschloss sich, erst einmal den Mund zu halten. Er musterte die Frau neugierig und abschätzend, seine Brille hinauf ins fettige Haar schiebend. Sie musste die Herausgeberin der Zeitschrift sein, auf die er hier mit Favelka gewartet hatte.
    „Servus!“ sagte sie leichthin und kumpelhaft und vergriff sich auf diese Weise schon bei der Begrüßung im Ton. Sie lächelte für Favelka breit und mit zusammengekniffenen Augen. Ihr flächiges Gesicht schien nur mehr aus Brille und Mund zu bestehen. Alfons schätzte sie auf dreißig, wobei er sich um einige Jahre in beide Richtungen täuschen konnte. Sie missfiel ihm sofort. Er konnte nicht genau sagen, womit er seine Ablehnung begründen konnte. Natürlich spielten Vorurteile eine Rolle. Obwohl sie attraktiv und geschmackvoll angezogen war und eine gute Figur hatte, wusste sie ihr dunkelgraues Kostüm nicht zu tragen. Sie sah maskiert aus und saß mit ihrem eingefrorenen Grinsen erstaunlich verkrampft auf dem Stuhl, die Knie fest zusammengedrückt, als fürchte sie, dass sich einer der Männer herunterbeugen und ihr unter den Rock spähen würde. Die schmale Aktentasche hielt sie wie einen Schutzschild mit beiden Händen fest auf die Oberschenkel gepresst.
    Alfons ertappte sich dabei, dass er mal wieder eine Frau viel kritischer beurteilte als sein eigenes Geschlecht. Er selbst, in grobkariertem Jackett, altem, schwarzem Rolli und abgetragenen Jeans, durch seinen jahrelangen, exzessiven Alkoholkonsum aufgeschwemmt und hässlich, konnte ebensowenig Staat machen wie Favelka. Der trug zwar immer einen edlen Anzug, dieser war ihm allerdings zu groß und passte nicht zum grünen Hemd und zu der aufdringlich gelben Krawatte. Er hatte die Ärmel zudem mit Bier bekleckert. Vielleicht war der Grund von Andernajs spontaner Ablehnung dieser Frau auch darin zu suchen, dass ihn nach seiner Meinung schon so viele Frauen enttäuscht hatten.
    Favelka hob erfreut den Kopf. Er hob sich halb aus seinem Sitz, eine Verbeugung andeutend.
    „Darf ich dir Sabine Kastner vorstellen? Sie ist die Herausgeberin des kleinen Lichts.“ Sabine hatte nun für Alfons ein Lächeln und er erwiderte es zurückhaltend. „Mein Freund, der Dichter Alfons Andernaj.“ fuhr Horst mit der Vorstellung fort.
    „Ich habe einiges von dir gehört.“ sagte Sabine. Alfons fragte sich, wann er endlich aus dem Alter herauskam, in dem ihn jeder sofort duzte. Aus dem gedehnten Hochdeutsch ihrer Stimme schloss er, dass sie nicht aus der Gegend stammte.
    „Ich hoffe, nur Gutes.“ Die Frau nickte zurückhaltend und ihr Grinsen wurde noch breiter, fast von Ohr zu Ohr spannten sich nun ihre dicken, fleischigen, leuchtend rot geschminkten Lippen. Für einen Augenblick dachte Alfons an Fellatio. Er ärgerte sich sofort über diesen Gedanken, der sie zum Objekt herabwürdigte und ihm zudem deutlich machte, wie wenig er seine Instinkte beherrschen konnte. Außerdem konnte er bei Frauen schon lange kein Interesse mehr an seiner Person erwecken.
    „Es ist nicht ganz einfach, von dir Gutes zu hören, you dirty old man.“ fiel Favelka lachend ein. „Aber wir wissen den Dichter vom Menschen zu trennen und der Dichter ist brillant.“ Alfons warf nur einen kurzen Seitenblick auf den „Kulturmanager“. Seit wann konnte er Gedanken lesen? Sabine Kastner räusperte sich.
    „Ich persönlich kenne deine Lyrik nicht, aber Horst hier und vor allem Dr. Klammer haben dich so nachdrücklich gelobt, dass ich mich freuen würde, wenn du für die Nullnummer des kleinen Lichts etwas schreiben würdest.“ Endlich beendete sie ihr Lächeln und machte dadurch Platz für einen geschäftsmäßigen Ausdruck, der übergangslos auf ihrem Gesicht erschien. Gleichzeitig entspannte sie sich; offensichtlich geriet sie in ein gewohntes Fahrwasser. Sie holte eine Mappe aus der Tasche, die sie nun endlich neben sich auf den Boden stellte. Sie schlug die Beine übereinander und Alfons freute sich über den Anblick. „Hier habe ich den Rohentwurf für den Titel und ein paar erste Seiten des kleinen Lichts.“ Sie reichte den Ordner an Alfons weiter, der erst die Hände an der Hose abwischte, bevor er ihn ergriff und vorsichtig öffnete. Er nahm seine Lesebrille wieder von der Stirn, begutachtete interessiert den Inhalt des Ordners. Was er sah, überraschte ihn angenehm, denn er hatte Favelka nicht ganz geglaubt: Die Frontseite war aus steifem Hochglanzkarton und trug keine pseudosurrealistische, schwarzweiße Amateurfotografie oder gar einen klexigen Linoldruck (die Todsünde jeder Literaturzeitschrift), sondern den plastischen Vierfarbendruck eines expressionistischen Gemäldes und darunter die von Favelka erwähnten Namen und die Titel ihrer hier veröffentlichten Werke. Auch die anderen Seiten ließen schon beim oberflächlichen überfliegen erkennen, dass professionell gearbeitet wurde und Geld in dem Projekt steckte. Alfons gab die Mappe mit ehrlich gemeinten, anerkennenden Worten zurück und auf Sabine Kastners Gesicht erschien berechtigter Stolz.
    „Es wär mir 'ne Ehre, für das kleine Licht ein Gedicht zu schreiben.“ sagte er. „Wieviel Zeit bleibt mir?“
    „Das ist der Pferdefuß für dich.“ seufzte Sabine und nickte abgelenkt der Bedienung zu, die ihr ein Glas Weißwein brachte. „Du hast keine Zeit. Wie du siehst, ist die erste Nummer praktisch fertig. Redaktionsschluss soll am Freitag, den 11. November sein.“
    „Eine Woche!“
    „Es tut mir leid. Man muss bei solchen Dingen genau planen und du stößt ganz am Schluss zu dem Projekt. Nächsten Freitag geht alles in den Druck und wir bringen das Heft noch rechtzeitig vor Weihnachten in den Handel. Das ist die beste Zeit. Alles ist schon bestellt und alle Termine liegen fest. Am Nikolausabend zum Beispiel wollen wir die Werbekampagne mit einer Riesenparty im Dirty Faces starten. Das ist schon organisiert und deshalb wird es eng.“ Sabine zögerte sichtlich, anscheinend überlegend, wieviel sie Alfons erzählen konnte. Dann gab sie sich einen Ruck und schenkte ihm zur Entschädigung für die bittere Pille ihr gewinnendes Lächeln. „Es ist jedoch so, dass eben völlig überraschend die Sparkasse als Werbekunde abgesprungen ist und wir jetzt eine leere Seite haben. Als wir überlegten, was wir mit ihr anfangen, kam der Gedanke auf dich.“ Alfons war anzusehen, was er dachte und Favelka, der ungeduldig gelauscht hatte, beeilte sich, seine Bedenken zu beseitigen.
    „Du bist kein Lückenbüßer.“ beschwor er ihn. „Wir wollen dich wirklich, denn wir könnten auch einfach eine Grafik mehr reinnehmen. Glaube mir, die Amateure vom BBK stehen bei uns Schlange. Aber wir haben uns für dich entschlossen. Du hast noch fast sieben Tage Zeit, das ist doch eine ganze Menge. Hast du denn nichts Altes, Deftiges, das du noch nicht veröffentlicht hast? Weißt schon, irgendwas, das richtig Skandal macht.“ Nun war Alfons also erneut an den Punkt gelangt, an dem er eigentlich hätte erklären müssen, dass er das Vergangene hinter sich lassen wollte, wie ein Wanderer einen Gang durch ein düsteres, nebliges Tal. Er hätte erläutern müssen, dass er dort wieder ansetzen wollte, wo sein Leben und auch seine Kunst seiner Meinung nach fehlgelaufen waren: Nämlich damals, als seine Frau schwanger wurde und er vor der daraus resultierenden Verantwortung in seine ekelhaften Exzesse und den Alkohol floh. Er wollte wieder Lyrik machen, die diese Bezeichnung verdiente, vielleicht endlich seinen Roman beenden. Bislang fehlte ihm jedoch zu beidem die Kraft. Aber dies zu erklären, war Alfons müde und er glaubte auch, auf wenig Verständnis stoßen zu können.
    „Ich hab nichts mehr, das veröffentlicht werden kann. Für die alten Sachen hab ich auch die Rechte verloren, ich hab's dir eben erklärt.“ sagte er deshalb vorsichtig, besann sich aber, um einschränkend anzumerken: „Zumindest müssten die Fragmente überarbeitet werden. 'ne Woche, sagt ihr?“ Er zögerte und bemerkte, dass Favelka und die Frau einen kurzen Blickwechsel hatten. Er zuckte eilig mit den Schultern.
    „Warum nicht. Vielleicht ist's ja 'ne Chance.“ entschied er sich. Für den Moment glaubte er an seine eigenen Worte, denn vielleicht würde ihn ein Termindruck wieder zum Dichten zwingen. Später, zurück in seiner Wohnung, hatte er allerdings erhebliche Zweifel.
    Tatsächlich brachte er in den darauffolgenden Tagen nichts zustande und jetzt blieb ihm nur noch eine Stunde, vielleicht ein wenig mehr, falls die Kastner unpünktlich war. Was hatte er nur in dieser Woche gemacht? In den ersten Tagen nichts, klar, da war er immer der Meinung gewesen, er habe noch viel Zeit. Seine typische Sorglosigkeit hatte ihm mal wieder das Genick gebrochen. Erst als er gestern endlich seine ersten Versuche machte, dämmerte ihm langsam, auf was er sich da eingelassen hatte, aber da war es schon zu spät.
    Alfons schob ein weiteres Pfefferminz in seinen Mund und sah auf seinen Steinbruch vor sich auf dem Tisch. Sollte er noch einmal versuchen, ein Gedicht zu schreiben oder aus den Bruchstücken eines zusammenstellen? Nein, viel lieber wollte er den Brief an seine Frau fortsetzen, das lenkte ihn von seiner Schreibsperre ab und es war besser, als weiter das helle Viereck Tapete dort an der Wand anzustarren. Wenn er sich recht erinnerte, war dabei gewesen, ihr sein Treffen mit Klammer zu beschreiben. Alfons rückte mit seinem Notizblock etwas herum, besser in das schummrige Licht des frühen Novembernachmittages, das zögernd durch das Fenster hinter ihm in das Zimmer trat.
    “Also, meine Sonne, die Wohnung von Nikolaus ist im gleichen Häuserblock wie das Atelier von Sontheimer, du weißt schon, dem Busengrabscher, wie du ihn immer genannt hast. Die Wohnung des Dr.'s ist jedenfalls unheimlich leer & kahl & ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Mensch aus Fleisch & Blut dort leben kann, ohne durchzudrehen. Die Wände sind weiß, die Möbel schwarz; es hängen keine Bilder oder Bücherregale an der Wand. Ich habe Georg Hauser einmal sagen hören, Nikki habe ein Haus auf dem Land & eine bis unters Dach mit Büchern vollgestopfte Hätte im Gebirge, die seien menschlicher eingerichtet; diese aseptische Wohnung auf dem alten Hesbart-Gelände habe er nur von Sontheimer angemietet, um hier zu übernachten, wenn er am Abend nicht mehr nach Hause fahren wolle. Ich finde, für eine Schlafgelegenheit sind hundert Quadratmeter ein bisschen üppig, aber ich bin andere Verhältnisse gewohnt. Wenn ich es mir aber recht überlege, dann bin ich auf der anderen Seite der Meinung, dass die Wohnung exakt den Charakter zeigt, den Nikolaus Klammer der Öffentlichkeit präsentieren will.
    Als ich verspätet wie immer kam, diesmal trug allerdings nicht ich, sondern die unpünktliche Straßenbahn Schuld, hatte Nikki leider schon den Kaffee gekocht; das Gebräu stand bereits seit geraumer Zeit in einer dicht verschlossenen Kanne auf dem niedrigen Tisch. Nikki macht den besten Kaffee auf der Welt & es war schade, dass ich seine Kaffee-Zeremonie, das andächtige Mischen der exotischen Sorten, das Zerstoßen & Zermahlen mit dem Mörser & dann vor allem anschließend das Filtern von Hand versäumt habe, das so viel Fingerspitzengefühl für das Verhältnis von Wasser & Kaffeepulver verlangt, ich sage, das war jammerschade, denn diese Handlung ist der pure Zen-Buddismus & Nikki dabei zuzusehen ist besser als jede Meditation. Obwohl Nikki der pünktlichste Mensch auf der Welt ist, schien mir jedoch nicht böse zu sein. Ohne lange Einleitung oder gar sentimentale Erinnerungen auszutauschen, lotste er mich in einen bequemen Sessel, drückte mir eine Tasse Kaffee in die Hand & kam sofort über die Dinge zu sprechen, die ihn momentan interessierten. Ich bemerkte plötzlich, dass diese Wohnung der ideale Ort für ein intensives Gespräch ist, nichts kann die Aufmerksamkeit vom Gesprächspartner ablenken.“

    Andernaj lehnte sich zurück und schloss die Augen, um sich besser erinnern zu können. Fast meinte er, den bitteren Geruch des Kaffees wahrnehmen zu können.
    „Hast du eigentlich gewusst, was Klammer ins Altgriechische übersetzt heißt?“ hatte ihn Nikolaus leise lächelnd gefragt, während er Andernaj den Tontopf mit der geschäumten Milch reichte. Natürlich war dies eine rhetorische Frage. Er begann Gespräche immer mit weit hergeholten, den Partner aus dem Konzept bringenden Bemerkungen.
    „Harmonia.“ antwortete er sich selbst in emphatischem Tonfall und zeichnete ein paar griechische Buchstaben mit dem zu diesem Zweck angefeuchteten Zeigefinger auf die gläserne Tischplatte. Erst als er bemerkte, dass von Alfons keinerlei Reaktion kam, da dieser sich gerade die Frage stellte, ob Klammer selbst seine Wohnung putzte, erläuterte er: „Das ist doch schön, nicht wahr? Das ist ein Pythagoreischer Begriff. Aristoteles schreibt darüber in seiner Metaphysik. Pythagoras oder, genauer gesagt, seine Schule, meinte, der ganze Himmel sei Harmonie und Zahl. Nun, diese geradezu erotische Liebe zu den Zahlen kann ich zwar aus dem Zeitkontext heraus verstehen, aber ganz und gar nicht teilen, denn schließlich kommt das Wort Mathematik nicht umsonst von mathein, was eigentlich Lernen durch schmerzhafte Erfahrung bedeutet; aber dass ich der Himmel sei oder doch zumindest der Urgrund, aus dem er gemacht ist, schmeichelt mir.“ Nikolaus kicherte. Alfons fragte sich, ob sie beide in der gleichen Welt lebten.
    „Zucker?“ fragte Klammer und machte gleich im verächtlichen Tonfall deutlich, dass er nur eine ablehnende Antwort tolerieren würde, da er jede Zugabe von Süßmitteln an seinen Kaffee für einen Beitrag zum Untergang des Abendlandes erachtete. Alfons schüttelte also lächelnd den Kopf.
    „Du weißt, ich beschäftige mich viel mit der Bedeutung von Namen.“ fuhr der Dr. zufrieden fort. „Nur zu Andernaj fällt mir nichts ein. Er könnte weißrussisch oder lettisch sein. Weißt du zufällig, woher dein Name kommt?“
    „Ehrlich gesagt, darüber hab ich mir noch nie Gedanken gemacht. Irgend'n Urgroßvater von mir kam mit dem Namen aus den Niederlanden... oder aus Belgien, oder so...“ Alfons zuckte mit den Schultern und kostete vorsichtig seinen Kaffee, der natürlich hervorragend war. Klammer kratzte sich am Hals.
    „Belgien, ja? Vielleicht Anderlecht?“ mutmaßte er, wechselte aber sofort das Thema, als er sah, dass Alfons nicht auf ihn einging.
    Worüber hatten sie dann geredet? Alfons wußte noch, dass Klammer einen französischen Autor zitiert hatte, aus dem Gedächtnis natürlich und mit Sicherheit fehlerfrei, wie das typisch für ihn war. Obwohl er die Worte sehr passend auf seine eigene Lebenssituation empfunden hatte, konnte er sich jetzt beim besten Willen nicht an den Inhalt des Zitates erinnern, geschweige denn an den Namen des Autors. Er verfluchte ein weiteres Mal sein schlechtes Gedächtnis.
    “Meine Welt,“ schrieb er zögernd weiter, denn er wollte jetzt nicht lügen, “während Nikki sprach, ging es mir zu Anfang sehr gut. Ich ließ ihn reden & genoss seinen intelligenten, pointierten Monolog, sein müheloses, Friedell-haftes Flanieren zwischen Kultur, Kunst & Geschichte. Ich erkannte, dass er jetzt endlich zu dem polyglotten Menschen geworden ist, der einiges erfahren, viel weiß und alles gelesen hat. Er ist jetzt also genau der, der er als junger Mann immer hat werden wollen. Er genießt es wirklich, ich spürte das bei jedem Wort, das er sagte. Ich gönne ihm sein Wissen, denn er hat es sich sicher sauer erarbeitet & er hat viel dafür aufgegeben, ich weiß es.
    Ebenso wie Nikki kann ich das Theater um die Jugend nicht nachvollziehen. Das einzige, was man an ihr schätzen kann, ist ihre Vergänglichkeit. Wie eine Lungenentzündung ist sie mit der Zeit heilbar. Denn was außer einer glatten Haut ist schon an ihr dran? Außer eben dem leider nur selten eingelösten Versprechen, dass aus dem Jungendlichen einmal ein akzeptabler Erwachsener werden kann, bietet doch der junge Mensch nichts, das es wert wäre, seine Nähe zu suchen. Er ist unausgegoren, pubertierend bis in die Dreißiger, rücksichtslos selbstsüchtig & strohdumm, zudem doch in der Regel, unabhängig von der peergroup oder der Partei, der er sich zugehörig fühlt, gerade auch wenn er Grün wählt, ich sage, in der Regel ist er ein perfekter Faschist. Dass die Jugend revolutionär sei & das Alter konservativ, ist in der Tat ein abgegriffenes und grundverkehrtes Klischee. Niemand hält so verbissen an Traditionen fest als gerade Lehrlinge, Gymnasiasten oder Studenten. In diesem Alter ist man vor allem begierig, sich anzuschließen; der Gedanke an ein Ausbrechen oder eine Flucht kommt in ernsthafter Form erst sehr viel später,...“

    Alfons zögerte, fast hätte er seinen letzten Satz mit “...wenn die ersten Kinder da sind.“ beendet. Obwohl er ja gewillt war, seine Briefe nicht abzuschicken, hielt er sich doch an der Illusion fest, er würde direkt seine ehemalige Frau ansprechen und er wollte deshalb die Nähe all dessen meiden, was das Zerwürfnis zwischen ihnen betraf. Zudem überfiel ihn nun wieder hinterrücks die peinliche Erinnerung an den Jungen, der ihn nach dem Mittagessen aufgesucht hatte und dessen Computerausdrucke hier neben ihm lagen. Dauernd spielten ihm seine Briefe den Streich, dass sich genau die Dinge zwischen ihre Zeilen schoben, die er zu verdrängen suchte. Er starrte auf einen hellen Fleck auf dem Tisch, den ein Sonnenstrahl zeichnete, der listig einen Weg durch die Wolkenbänke und durch das kleine Fenster hinein in sein Zimmer gefunden hatte.

    ...wird fortgesetzt.


    ------------------
    hks
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  16. #16
    rodbertus
    Laufkundschaft

    Post AW: Ein kleines Licht (Ausschnitt)

    Das ist wie bei einem Esel, dem man eine Mohrrübe vor die Nase hält: Soll ich nach der Möhre schnappen?

  17. #17
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    Post AW: Ein kleines Licht (Ausschnitt)

    Klammer, bist Du der Himmel oder der Urgrund, aus dem er gemacht ist? Hübsch, und ich gönn Dir Dein Wissen, denn Du hast sicher viel dafür gearbeitet. Laß bitte die Karotten der Fortsetzung folgen.
    Hannemann

  18. #18
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    Post AW: Ein kleines Licht (Ausschnitt)

    Hallo Klammer,

    ich muß sagen, dass ich es sehr unübersichlich finde, wenn immer neue Fortsetzungen der Geschichte im gleichen Ordner untergebracht werden. Es wirkt zwar bescheiden und ist platzsparend, aber woher weiß ich wann und ob es eine Fortsetzung gibt? So muss ich zwischen den zum Teil langen Antworten suchen, ob es nun weiter geht, oder nicht. Mir persönlich ist es lieber, wenn die Teile jeweils in einem Ordner und Teil I,II usw. benannt werden.
    Aber vielleicht sehen die Administratoren das völlig anders........

    Viele Grüße

    Kyra

  19. #19
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    Question AW: Ein kleines Licht (Ausschnitt)

    Guten Morgen,

    Kyra, du hast recht: Es ist unübersichtlich. Auf der anderen Seite wollte ich keine Andernaj-Überschwemmung in diesem Forum veranstalten und die Texte der anderen Autoren damit gleichberechtigt halten. Ich hatte am Anfang auch noch nicht vor, die gesamte Geschichte zu veröffentlichen (wir sind noch nicht bei der Hälfte angelangt).
    Außerdem ist es doch interessant, zwischendurch die Meinungen der Kritiker zu lesen.

    Aber ich lasse mich gerne vom Gegenteil überzeugen. Vielleicht sollte ich noch eine Fortsetzung folgen lassen (das wäre dann etwa die Hälfte) und für den Rest einen neuen Ordner gründen.
    Eine andere Möglichkeit wäre, den gesamten restlichen Text auf einmal zu setzen. Ich denke nur, dass er dann nicht gelesen würde.
    Wie seht ihr das?

    Gruß, Klammer
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  20. #20
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    Post AW: Ein kleines Licht (Ausschnitt)

    Es folgt der Rest der Erzählung "Ein kleines Licht". Es ist viel Stoff, aber vielleicht gibt es jemanden, der sich die Mühe macht, den Text zu lesen. Damit ist der Versuch "Längere Texte im Forum" für mich erst einmal abgeschlossen.

    Gruß, Klammer


    Selbst als der Junge seinen Namen genannt hatte, hatte Alfons noch nicht gewusst, wer vor ihm stand.
    Jetzt führte er zu seiner Entschuldigung an, dass er seit einer ganzen Weile auf seinem Sofa geschlafen hatte, als es an der Wohnungstür seiner Vermieterin klingelte. Da ihn nie jemand besuchen kam, war er nur kurz hochgeschreckt und hatte sich eine bequemere Stellung auf der etwas zu kurzen Couch gesucht. Doch dann klopfte es an seine Tür und er hörte die Stimme von Frau Albrecht:
    „Herr Andernaj?“ rief sie, wie immer die zweite Silbe seines Nachnamens überbetonend. Der Klang wurde dadurch so fremd, fast orientalisch, dass er ein paar Tage benötigt hatte, sich an ihn zu gewöhnen und sich bewusst zu machen, dass er angesprochen war.
    „Es möchte ein junger Herr zu Ihnen.“ Alfons seufzte und setzte sich auf. Jetzt schon, dachte er und erschrak. Das war bestimmt jemand, den ihm Sabine Kastner aus der Redaktion des Kleinen Lichts geschickt hatte, wahrscheinlich hatte sie doch keine Lust oder Zeit, persönlich bei ihm vorbeizusehen, wie sie es eigentlich versprochen hatte; niemand sonst außer Nikolaus Klammer kannte seine Adresse. Sie wollten jetzt sein Gedicht, die Frist war beinahe abgelaufen. Mit einem wehmütigen Blick sah er kurz auf seinen Steinbruch.
    „...wo alle Wege sich im Schatten verlieren,
    liegt dichter Nebel zwischen uns.
    Aus einem dunklen Land kommend,
    deckt er dein aschewundes Haar...“
    überflog er die Zeilen, die er vor seinem Mittagsschläfchen geschrieben hatte. Obwohl sie seine Eindrücke vom KZ in Dachau beschreiben sollten, drückten sie genau die Stimmung aus, die er hatte, wenn er vergebens zu dichten suchte. Auch diese kurze Strophe war nicht ausbaufähig, denn sie war zu rührselig, um anderen ein echtes Empfinden dem Grauen gegenüber mitzuteilen. Zudem erinnerte ihn die Zeile mit dem aschewunden Haar zu sehr an Paul Celans Todesfuge. Manchmal wünschte er sich, er würde weniger Lyrik kennen, um unbelasteter schreiben zu können. Mit jedem Gedicht, das er las, fiel es ihm schwerer. Hatte Kappnath recht, wenn er das „Ende der Lyrik“ propagierte und sie wie die Allegorie, die Ballade oder das Hörspiel zu den aussterbenden Literaturformen zählte? Vielleicht sollte er Das kleine Licht mit einem Kapitel seines unfertigen und namenlosen Romans abspeisen. Er hatte doch gestern etwas Passendes herausgesucht.
    Frau Albrecht klopfte erneut, diesmal hörte Alfons dazu noch eine junge Stimme, die fragend seinen Vornamen nannte. Er klatschte ergeben auf die Oberschenkel und stand auf. Kurz war ihm schwindlig und er tastete nach der Tischkante.
    „Ich komm ja schon!“ antwortete er und trat mit vorsichtigen, langsamen Schritten zur Tür, denn der dunkelbraune Teppichboden schien ihm plötzlich merkwürdig zu schwanken. Nun, dann gibt es im Kleinen Licht eben kein Gedicht von mir, dachte er weinerlich. Das ist sicher kein Verlust. Zumindest keiner für die Leser...
    Er öffnete die Tür und sah vor sich einen etwa fünfzehn oder sechzehn Jahre alten Jungen. Die Schultern seiner hellen Jacke glänzten feucht. Auch seine sehr kurz geschorenen Haare waren nass. Regnete es denn schon wieder? War der blaue Himmel des Vormittages denn so schnell wieder dem November gewichen?
    „Was kann ich für dich tun?“ fragte Alfons mit reserviertem Unterton, ein Gähnen unterdrückend. Er blinzelte, weil er plötzlich auf einem Auge etwas unscharf sah. Die Vermieterin trat ein paar Schritte zurück und hielt sich lauschend im Hintergrund. Erstaunlicherweise wirkte der Junge durch diese Anrede völlig verwirrt.
    „Aber ich bin es doch.“ erwiderte er stotternd, einen Schritt zurückweichend. „Ich, Ludwig.“ Er zögerte, die Augenbrauen hebend. „Ludwig Södergall...“ fügte er hinzu und war sichtlich entsetzt, dass er noch immer kein Wiedererkennen in Alfons Zügen fand. Dann zuckte er, zu einem Entschluss kommend, mit den Schultern.
    „Papa...“ sagte der Junge lakonisch. Alfons spürte, wie sein Herzschlag für einen Moment aussetzte, es war ein Stich durch den ganzen Leib, der seine ganze rechte Körperhälfte taub machte.
    „Cesare...“ flüsterte er angestrengt. Eine Gänsehaut arbeitete sich seinen Hinterkopf hinab. Er hätte sich jetzt gerne gesetzt.
    „So hast du mich genannt. Aber Mama benutzt nur meinen zweiten Taufnamen.“ Andernajs Blick fiel an seinem Sohn vorbei auf die Vermieterin, die angestrengt den Kopf nach vorn reckte, um kein Wort zu versäumen. Sie erinnerte ihn stark an einen großen Laufvogel. Alfons nahm den Jungen deshalb am Arm und zog ihn in sein Zimmer, die Tür hinter sich schließend. Sollte die Albrecht doch an der Tür lauschen, aber zusehen wollte er ihr dabei wirklich nicht.
    In dem kleinen Zimmer standen sie sich gegenüber; unfähig zu weiteren Worten. Während Alfons die Hand vor den Mund hielt, versuchte er vergeblich in dem dünnen und pickligen Jungen, der nahezu so groß war wie er, das sechsjährige feiste Kind, das er in seiner Erinnerung konserviert hatte, wiederzuerkennen. Dieser vermied jeden Augenkontakt und sah sich scheu in Andernajs ärmlichem und unpersönlichem Wohnraum um. Sein Blick blieb an den Papieren auf dem Tisch hängen. Schließlich kam Alfons zu dem Schluss, dass ein weiteres Schweigen peinlich würde. Er überlegte, ob er den Jungen jetzt umarmen sollte, aber ganz abgesehen von der Verlogenheit dieser Geste schreckte er vor einem körperlichen Kontakt zurück. Er suchte in sich vergeblich nach einem väterlichen Gefühl.
    „Wie geht's deiner Mutter?“ fragte er, obwohl er im Moment an einer Antwort auf diese Frage nicht interessiert war. Sein Sohn machte auch sofort eine wegwerfende Handbewegung, aus der viel von seiner pubertätsbedingten Ablehnung herauszulesen war.
    „Mama geht es gut. Sie weiß nicht, dass ich bei dir bin.“ Alfons fiel etwas ein.
    „Von wem hast du eigentlich meine Adresse bekommen... Ludwig?“ fragte er, den ungeliebten Vornamen seines Sohnes nur sehr widerwillig aussprechend. Sein Gegenüber schien erneut überrascht.
    „Du hast uns doch vor zwei Wochen einen Brief geschrieben und deine Adresse stand auf dem Umschlag.“ Diese Mitteilung versetzte Alfons von Neuem einen ordentlichen Schlag und tausend antwortlose Fragen sTürmten auf ihn ein: Hatte er tatsächlich einen seiner vielen Briefentwürfe abgeschickt? Er konnte sich nicht erinnern. War es ä, dass sein Gedächtnis derart gelitten hatte? Hatte der Alkoholkonsum der letzten Jahre sein Gehirn schon so zerfressen, dass er wichtige Dinge einfach vergaß? Und was, fragte er sich erschüttert, stand in diesem Brief? Ihm wurde übel, wenn er daran dachte, wieviel Unsinn er in der letzten Zeit geschrieben hatte. Schließlich wollte er, wenn er ehrlich mit sich war, überhaupt keinen Kontakt mit seiner Ex-Frau. Sie ließ ihn endlich in Ruhe, seit er wieder ein Auskommen besaß und regelmäßig die Alimente bezahlte. Er benutzte doch die Erinnerung an sie nur als einen Grund zum Schreiben.
    „Hat..., ich mein, was hat Maria zu mei'm Brief gesagt?“ erkundigte er sich deshalb leichthin, obwohl er sich die Antwort schon denken konnte. Und tatsächlich erwiderte der Junge:
    „Sie hat ihn ungeöffnet in kleine Stücke gerissen und weggeschmissen. Hätte nicht zufällig ich die Post an diesem Tag aus dem Briefkasten genommen, hätte ich deine Adresse nicht erfahren können. Sie ist im Umgang mit der Erinnerung an dich noch immer sehr melodramatisch.“ Er machte eine Pause, während der es Alfons durch den Kopf schoss, wie zurechtgelegt und merkwürdig altklug diese Sätze klangen. Ihm fiel auf, dass der Junge im Gegensatz zu ihm selbst ein perfektes Hochdeutsch, das nicht einmal eine süddeutsche Klangfarbe hatte, sprach. Obwohl es eigentlich keinen Grund gab, zweifelte er allein schon deshalb an der vollkommenen Aufrichtigkeit seines Sohnes. Menschen ohne Dialekt waren ihm zutiefst suspekt.
    „Ich möchte übrigens, dass du mich weiterhin Cesare nennst.“ fuhr der Junge fort. „Nur Mama nennt mich Ludwig. Ich mag diesen Namen nicht, auch weil ich weiß, nach wem ich so heiße. Cesare Södergall, das klingt doch viel besser, nicht wahr?“ Noch besser wäre Cesare Andernaj, dachte Alfons, der den Mädchennamen seiner Frau, den sie nach der Scheidung wieder angenommen hatte, nicht mochte, was vor allem daran lag, dass er den Namen mit dem Gesicht ihres Vaters verband. Fast hätte er sich nach dem alten Patriarchen erkundigt, aber es wurde ihm noch rechtzeitig bewusst, dass Karl Ludwig Södergall so ziemlich die letzte Person war, von der er jetzt etwas hören wollte.
    „Aber setz dich doch.“ fielen ihm spät seine Gastgeberpflichten ein und er deutete auf den Besucherstuhl. „Willst du was trinken?“ Alfons bemerkte Cesares Stutzen und senkte errötend den Kopf. „...Apfelsaft oder 'n Mineralwasser?“ setzte er eilig hinzu. Der Junge schüttelte den Kopf, als er sich der Aufforderung zum Trotz auf die Couch setzte und mit gierig zu nennendem Blick auf die Notizen seines Vaters sah.
    „Ich bin nicht durstig.“ sagte er nebenzu und legte den Kopf schief, um ein paar Worte aufzuschnappen. Alfons trat schnell heran und schob den Steinbruch mit ein paar eiligen Handbewegungen unordentlich zusammen, legte den Packen dann auf seine Schmutzwäsche, die den Sessel füllte. Er schämte sich weiterhin. Dann nahm er selbst auf dem Stuhl an der Stirnseite des Tisches Platz.
    Alfons sah den Kopf seines Sohnes zum ersten Mal im Profil und stellte fest, dass dieser fünf große silberne Ringe in den Ohren stecken hatte. Zuerst ärgerte ihn dieser Anblick, dann musste er über sich selbst lachen. Cesare, der alles andere als Erheiterung von seinem Vater erwartet hatte, deutete ein unsicheres und fragendes Lächeln an.
    „Mir is' grad eingefallen, was für ein alter Spießbürger ich geworden bin.“ erläuterte Alfons. „Weißt du, als ich so alt war wie du, zumindest nich' wesentlich älter, da hab' ich mir die Haare grün färben lassen. Mein Gott, wie hab' ich meine Alten damit entsetzt. Es war 'ne volle Breitseite auf ihre Lebenseinstellung. Klar, war's doch neben meiner Bewunderung für Baudelaire der Hauptgrund, aus dem ich mir Farbe ins Haar schmierte. Ich denk', Jugendliche müssen sich einfach von ihren...“ Er zögerte. „...von der älteren Generation abgrenzen. Wir ham's damals leicht g'habt, in den Sixties, weißt du. Da konnte man noch mit 'ner ungewaschenen Jeans schockieren. Heut muss man sich da schon mehr einfallen lassen. Ich glaub, die Toleranz der älteren macht die Jugendlichen ständig verrückter und treibt sie zu immer derberen Mitteln.“ Andernaj hätte noch mehr zu diesem Thema zu sagen gewusst, aber Cesare machte ihm nicht den Eindruck, als würde er ihm zuhören. Er hielt seine Arme verschränkt und sah weiterhin in dem Zimmer herum. Also kein small-talk, dachte Alfons. Was will er von mir? Ich hoffe doch, dass er keine rührselige Vater-Sohn-Geschichte erwartet.
    Die Augen der beiden trafen sich. Ja, Alfons kannte diesen Blick von seiner Ex-Frau. Cesare hatte ihre Augen mitbekommen. Und was hatte er von seinem Vater? Womit hatte er selbst seinen Sohn belastet? Aufmerksam suchte er in den Zügen des Jungen einige von denen, die er sah, wenn er sich selbst im Spiegel betrachtete. Er wurde nicht fündig. Diese unerwartete Begegnung entwickelte sich zunehmend unangenehm. Nichts außer dem Zufall der Geburt verband ihn mit Cesare. Er war sich inzwischen nicht einmal mehr sicher, ob er jemals seine Mutter geliebt hatte. Wahrscheinlich war er wie alle Künstler nur dazu fähig, sich selbst zu lieben. Alles andere, auch wenn es noch so geschickt vorgetäuscht war, war der bequeme Versuch, zu einem Arrangement mit seiner Umwelt zu gelangen, um in bürgerlichem Sinne existieren zu können.
    Aber dieses Kapitel lag längst hinter ihm. Warum war es Alfons nicht vergönnt, einen Schlussstrich zu ziehen? Warum musste er sich mit einer Vergangenheit auseinandersetzen, die ihm weh tat? Warum hatte ihm sein Unterbewusstes diesen Streich gespielt und er hatte jenen Brief abgeschickt, an den er sich nicht mehr erinnerte? Alfons nahm sich vor, später seinen Notizblock auf fehlende Seiten zu untersuchen.
    Dieser Junge, sein eigen Fleisch und Blut, wie es ihm pathetisch durch den Kopf ging, war ihm so fremd wie jeder, dem er heute auf der Straße begegnete. Alfons lebte in seiner Heimatstadt einsam wie im Exil und war zufrieden dabei. Außerdem hatte er keine Ahnung, worüber er mit einem Sechzehnjährigen reden sollte. Er hatte sich schließlich mit einem sehr bewussten Akt dazu entschieden, alt und weise zu sein und wollte mit der unausgegorenen Emotionswirrnis eines Pubertierenden nichts zu tun haben.
    „Aber du hast ja noch deine Regenjacke an.“ stellte Andernaj fest, als ihm das Schweigen zu lang und zu lastend wurde. „Muss dir doch zu warm sein.“ Cesare zuckte erneut mit seiner weltläufig gleichgültigen Geste, mit der er vorhin die Frage nach seiner Mutter abgetan hatte, die Schultern. So viel verachtendes Wegwerfen hatte er sicher vor dem Spiegel geübt. Trotzdem zog er sitzend seine Jacke aus und verlor die gerade vorgeführte Eleganz, als er eher unbeholfen über den Kopf aus ihr schlüpfte und sie neben sich legte. Andernaj sah, dass er darunter nur ein dünnes, am Hals eingerissenes T-Shirt trug, auf dem ein unappetitlicher Zombie für Kannibalismus und eine Heavy-Metal-Gruppe warb. Er war nicht gerade passend für das nasskalte Novemberwetter angezogen. Alfons biss sich auf die Lippe, damit ihm nur keine entsprechende Bemerkung entschlüpfte.
    „Und was machst du so, Cesare?“ Alfons war zum ersten Mal wirklich an einer Antwort des Jungen interessiert, denn als er zuletzt von seinem Sohn gehört hatte, war dieser noch in die Grundschule gegangen.
    „Ich schreibe Gedichte.“ erwiderte der Junge eilig, als fürchte er, sonst nicht zu Wort zu kommen. Er beugte sich beteiligt und ruckartig nach vorn. Alfons nickte. Kurz kam ihn ein überlegenes Lächeln an, das er jedoch sofort unterdrückte. Er wollte seinen Sohn nicht kränken, zumindest jetzt noch nicht. Er merkte Cesare an, wie froh er war, dass er diesen Satz endlich ausgesprochen hatte, auch wenn er eigentlich nicht so recht zur Frage passte. Sicher war er ihm schon die ganze Zeit auf der Zunge gelegen.
    „Du schreibst also?“ ermunterte ihn Alfons zum Sprechen und überlegte gleichzeitig, wie er reagieren sollte.
    „Schon seit vielen Jahren. Es ist mir ein echtes Bedürfnis. Ich meine, da zwingt mich etwas dazu...“
    „Hast du schon viele Gedichte geschrieben?“ unterbrach Alfons sein unpassendes Outing eilig.
    „Ich habe sie nicht gezählt.“ erwiderte Cesare einsilbig. Das war sicher nicht die Wahrheit. Bestimmt konnte er alle auswendig. Plötzlich verstand Andernaj, was sein Sohn von ihm wollte. Es war einfach, dabei deprimierend. Cesare fühlte sich zum Dichter berufen und die Neunziger waren sicherlich kein Jahrzehnt für Poesie. Der Junge hatte große Gefühle in sich, die ihn fast erstickten und er lebte in Abhängigkeit zu einer liebevollen, aber nicht weniger dominanten Mutter, die ganz im Hier und Heute verwurzelt war. Nach ihren schlechten Erfahrungen hielt sie sicher nichts davon, dass ihr Sohn dichtete. Wenn sie nur halbwegs so mit Cesare umging, wie mit Alfons in den wenigen Jahren seiner Ehe, dann war der Junge wirklich verzweifelt. Nicht zu vergessen, dass er ein Scheidungskind war. Es war also kein Wunder, dass er sich künstlerisch betätigte. Literatur als Selbstheilung, dachte Alfons. Wie oft hatte er das schon erlebt? Und, jetzt ganz ehrlich, schrieb er selbst nicht aus dem gleichen Grund?
    Und wo konnte Cesare mehr Verständnis finden für seine lyrischen Ausbruchversuche als bei einem weiteren Dichter, auch wenn es ausgerechnet sein Vater war. Der musste doch ähnlich empfinden.
    „Du hast bestimmt 'n paar Gedichte dabei.“ stellte Alfons fatalistisch fest. Cesare griff sofort nach seiner Jacke, aus der er ein paar sauber gefaltete Blätter holte, die er sorgfältig öffnete und auf dem Tisch glattstrich. Es stand jetzt viel Nervosität in seinem Gesicht geschrieben.
    „Das sind die Besten. Die anderen sagen, dass es die Besten sind.“
    „Welche anderen?“ fragte Andernaj und bedauerte sofort seine Frage, denn es war Cesare anzumerken, dass es keine anderen gab.
    „Meine Freunde.“ sagte der Junge leise und senkte den Kopf. Alfons hatte Mitleid mit ihm. Du hast es noch nicht gelernt, unverschämt zu sein und so überzeugend zu lügen, dass du es selbst glaubst, dachte er. Und dein Schutzschild ist noch zu löchrig. Ja, du bist mir ähnlich, du hast meine ganze verknackste, verkorkste Psyche geerbt. Es war eine Sünde, dich in die Welt zu setzen. Ich habe mich an dir vergangen.
    „Lies mir doch was vor.“ forderte er Cesare auf und war entschlossen, zu loben, egal, was er nun würde hören müssen. Er hoffte nur, dass es nicht allzu schlecht war.
    Cesare räusperte sich und las sein Gedicht monoton und schnell herunter, sich mehrmals vor Aufregung verlesend:

    „Fern der Schuld
    Wir gingen nicht zweifelnd
    den Pfad, den wir fanden,
    verschworen geleitet
    vom liebevollen Wald.
    Wir dachten reine Dinge
    als wir Hand in Hand
    zwischen dunklen Blütenzweigen
    und feuchtem Grase suchten.
    Schließlich doch starben wir
    im weichen, süßen Moos,
    so fern von aller Schuld -
    so behütet, so bewahrt.
    Und über uns, der hohe Baum
    flüsterte die tausend Namen,
    die ich dir ermattet gab.“
    Im ersten Moment war Andernaj erleichtert. Das Gedicht schien ihm um einiges besser, als er befürchtet hatte; er musste sogar ehrlich zugeben, dass es für einen Jungen in Cesares Alter bemerkenswert war. Gut, er hatte ein wenig zu dick aufgetragen, ein paar der Bilder schmeckten abgenutzt und die Vorbilder klangen deutlich heraus. Alfons bemerkte Paul Valery, Novalis und glaubte sogar geschmeichelt, sich selbst zu herauszuhören. Trotzdem war das Gedicht rund, glatt und geschmeidig gefügt. Cesare hatte seine Verse nicht einfach so unordentlich hingeschrieben, wie sie unausgegoren in ihm emporkamen und wie das inzwischen bei so vielen modernen Lyrikern, vor allem bei den zahlreichen Amateuren gang und gäbe ist, sondern er hatte mit seinem Gedicht gearbeitet und daran geschliffen. Allein schon bemerkenswert war die Tatsache, dass Cesare seine Gedichte auf sauber beschriebenen weißen Blättern stehen hatte und sie nicht aus einer kleinen, schmuddeligen Kladde vortrug.
    Der Hauptkritikpunkt, den Alfons ihm machen musste, war sicherlich, dass sein Sohn eine Erfahrung beschrieb, die er, so nahm er zumindest an, noch nicht gemacht hatte. Alfons konnte sich nicht vorstellen, dass sein Junge schon einmal Geschlechtsverkehr gehabt hatte und dies schon gar nicht im Freien. Bei diesem Gedanken bemerkte er, dass er im Zusammenhang mit Cesare ständig das Fürwort „mein“ verwendete und erst jetzt wurde ihm so langsam bewusst, wer da vor ihm saß und sich stotternd mit einem Gedicht preisgab.
    „Lies es mir bitte noch mal vor.“, sagte Andernaj ruhig und war selbst über den gelassenen Klang seiner Stimme erstaunt, „bemüh dich diesmal aber, langsam und sicher zu lesen. Ein Tipp: Markier' die Pausen zwischen den Zeilen nich' zu deutlich durch langes Atemholen. Vertrau einfach der Kraft der Wörter.“ Cesare nickte, sammelte sich kurz und begann von Neuem.
    Alfons hörte diesmal nicht genau zu, sondern betrachtete nur den Jungen. Das also war jetzt ihre erste Begegnung nach fast zehn Jahren? Manchmal in den verkaterten Momenten in den düsteren Jahren hatte er sich ein Wiedersehen ausgemalt und der Tagtraum war, so unterschiedlich er ihn auch entworfen hatte, doch immer ganz anders ausgefallen als diese Begegnung. Er hatte stets Gefühl, Rührseligkeit, Tränen erwartet, vielleicht auch Streit, auf jeden Fall eine Überfülle an Emotion. Nun aber fühlte er sich nicht besser oder schlechter als heute Vormittag. Nach der ersten Aufregung war beinahe Gleichgültigkeit eingekehrt. Es wäre falsch gewesen, von Leere oder Kälte zu sprechen, denn selbstverständlich gab es ein Band zwischen ihnen, seine unbedachte Benutzung von „mein“ war ein mehr als deutlicher Hinweis.
    Jedoch wollte Cesare etwas völlig anderes als familiäre Gefühle; er wollte in Alfons weniger den Vater sehen als den erfahrenen Dichterkollegen, dessen Meinung, besser, dessen Lob er einholen konnte. Alfons musste zugeben, dass das ausgesprochen clever von dem Jungen war. Allein schon wegen seiner Gefühle konnte Cesare sich in Sicherheit wiegen, auf Wohlwollen stoßen. Alfons musste lächeln: Der Weg des geringsten Widerstandes, auch das war sicherlich ein Zug, den er von ihm geerbt hatte. Hoffentlich hatte sein Sohn nicht auch noch seine Lebensuntüchtigkeit von ihm übernommen.
    Cesare beendete seinen zweiten Vortrag, den er wirklich besser und ruhiger gehalten hatte und wartete stumm auf eine Reaktion von Andernaj. Der öffnete und schloss ein paarmal seine rechte Faust, denn sie fühlte sich noch immer merkwürdig taub und fremd an. Er rechnete es Cesare hoch an, dass er ihm Zeit ließ und nicht mit einer Frage nach der Qualität des Gehörten seine Gedankengänge störte. Außerdem weiß er, dass seine Sachen nicht schlecht sind, kam ihm in den Sinn. Wer hat ihm das gesagt? Er hatte das verunsichernde Gefühl, dass sein Sohn noch etwas anderes von ihm wollte, aber er konnte sich noch nicht denken, was das war. Nun, dachte Alfons, er wird schon noch damit herausrücken. Schüchternheit scheint mir nun wirklich nicht eine Eigenschaft von ihm zu sein.
    Er sah Cesare auffordernd an. Der Junge nickte und trug danach ein weiteres Gedicht vor:
    „Am Bett
    So komm heran und gehe sachte.
    Ich liege, erwarte
    deiner Schritte sehnsuchtsvollen Klang.
    Mir scheint, ich harrte ein Leben lang,
    weiß nicht, war's deins, war's meins,
    auf meines langen Schweigens Ernte.
    Nun endlich hab ich mein Telos
    gefunden, doch du sagst,
    was solche Wörter nur verdecken.
    So komm heran und beug dich nieder.
    Ganz nahe ist das Ziel.
    Dein Atem scharf auf meiner Haut...“
    Cesare zögerte an dieser Stelle. Dann schüttelte er energisch den Kopf.
    „Ich habe noch zwei Strophen. Aber wahrscheinlich wird es dadurch zu lang und zu... zu peinlich? Ja: Im Grunde wiederhole ich nur das bereits Gesagte. Ich bin der Überzeugung, das Gedicht sollte so bleiben.“ Er sah auf, Alfons direkt in die Augen, der diesem plötzlichen, engen Kontakt nicht ausweichen konnte und sich unbehaglich und wie gebunden fühlte. „Du weißt es selbst: Geschwätzigkeit ist der Tod der Dichtung.“ stellte Cesare noch apodiktisch fest und sein Vater hatte das Gefühl, dass dieser normative Satz ein verschlüsselter Infinitiv war, der sich direkt an ihn persönlich wand.
    Alfons musterte seinen Sohn überrascht. Für einen Sechzehnjährigen war das eine ausgesprochen tiefschürfende Erkenntnis, so dass er beinahe sofort daran zweifelte, dass Cesare sie selbst entwickelt hatte. Aber sicher, der Junge hatte recht: Alfons war unfähig zur Konzentration, um sie mühte er sich vergeblich. In diesem Moment, seinem Sohn gegenübersitzend, hätte er das unä zugeben können, aber jetzt, als er die Begegnung in Gedanken noch einmal Revue passieren ließ, wusste er, dass diese Unfähigkeit, die er in einem Psychologiebuch einmal unter dem Ausdruck Mangel an Abschlusswillen subsumiert gefunden hatte, einer der Gründe war, aus denen er in der Gesellschaft nicht funktioniert hatte.
    Ein Beispiel für sein Versagen ruhte dort in einem Regal seines Wäscheschrankes: Es war das dicke Bündel Papier, das er in Gesprächen gerne als mein Roman bezeichnete; es waren fünfhundert titellose und eng beschriebene Seiten Text, stil- und formlos aneinandergereihte Reflexionen von barocker Weitschweifigkeit, angereichert durch kaum verschlüsselte Episoden aus seinem Geschlechtsleben und seinen anderen Exzessen; eben diese seine Unfähigkeit, einen Gedanken zu halten, war hier zum Gestaltungsprinzip erhoben. In der Zeit, in der er seinen Text begonnen hatte, nannte man dieses Durcheinander allerdings noch anerkennend einen nouveau roman und die Kritiker, denen er sein Werk zu lesen gab, bestätigten ihn begeistert. Die einzige Ausnahme bildete selbstverständlich Nikolaus Klammer, der kein gutes Haar an dem Romanversuch ließ.
    Im Nachhinein betrachtet, hatte er recht behalten: Die meisten dieser Seiten enthielten haarsträubenden Unsinn. Sich selbst machte Alfons allerdings vor, dass es ihm um jeden Satz schade war, den er schrieb, denn in jedem steckte buchstäblich ein Stück seines Talents, das er auf diese freigiebige Weise so lange verschwendet hatte, bis er es völlig verloren hatte.
    Die Wahrheit jedoch war ernüchternd und viel einfacher: Er hatte nicht die Kraft, diesen Roman zu redigieren, dieses Werk, an dem er nun seit zwanzig Jahren schrieb. Er wusste, dass diese Zeitspanne immer ehrfürchtiges Staunen erzeugte, wenn er sie im Gespräch wie nebenher fallen ließ. Es war natürlich eine Übertreibung, denn wenn er seine Schreibpausen einberechnete, kam er höchstens auf sechs, sieben Jahre Arbeit. Er fand aber, dass das immer noch sehr viel war. Leider hatte er in den letzten Jahren überhaupt nicht mehr an seinem Buch gearbeitet. Jedesmal, wenn er das Manuskript in die Hand nahm und darin blätterte, bedauerte er, dass dies alles Fragment bleiben musste. Und jedesmal fand er ein paar Seiten, an die er sich nicht mehr erinnern konnte, die ihm so fremd waren, als hätte ein anderer sie geschrieben. Es waren oft gute, kraftvolle Passagen, die ihn stolz auf sich machten, die ihm bewiesen, dass er durchaus einen Grund gehabt hatte, Literatur zu schaffen.
    Erst gestern Vormittag war er auf der Suche nach ein paar brauchbaren Gedichtzeilen, die er dem kleinen Licht hätte geben können, auf einen Text gestoßen, in dem seine momentane Lebenssituation wie in einem Brennglas so treffend gebündelt fand, dass er diese Seiten nun in seinem Notizbuch aufbewahrte. Auch bei ihnen hatte er nicht die geringste Ahnung, wann oder zu welchem Anlass er sie geschrieben hatte. Erneut nahm er die Seiten zur Hand.
    “Meine Versicherung,“ begann dieser Text,
    “meine kniefällige Versicherung, dass die nun folgende Geschichte nicht die meine ist, dass ich nur fabuliert habe, keinesfalls aber mit dem Erzähler, der doch im Angesicht seines nahen Todes schreibt, identisch bin, kann beim Leser nur die Meinung erwecken, dass es im Gegenteil tatsächlich meine Vita ist, die ich hier durch eine schamhafte Mystifikation meiner selbst zu verhüllen wünsche. Es ist die Crux jedes Autoren, dass er mit den Protagonisten seiner Texte, vorzüglich, wenn er sie zu Personal-Erzählern macht, identifiziert, gar kritisch verglichen wird. Natürlich trifft es trotz all seiner gegenteiligen Versicherungen, so viel Ehrlichkeit muss sein, in der Regel auch zu. Deshalb will ich gleich hier zu Beginn zugeben, dass der Erzähler durchaus ich bin, obwohl diese Behauptung so viel Wahrheit wie Lüge enthält; denn selbstverständlich werde ich überall, wo es mir ä ist, zu verschleiern suchen, den Leser verwirren, werde ich das Labyrinth meiner Gefühle & Erlebnisse, das allein das Leben, keineswegs jedoch ein Text bieten kann, gerade auch im Sinne des Lesers zu vereinfachen & begradigen suchen, um ihn nicht der Langeweile des Beschreibens von tatsächlich & zu einem erschreckend hohen Prozentsatz unbewusst Erlebten auszusetzen. Folglich schreibe ich von mir & mit den gleichen Worten nicht von mir, hebe mein Erleben durch den Erzählfaden meiner Phantasie zum Paradigma ohne Moral, einem Schicksal ohne Moira. Es ist wahr, dass ich sterben werde, so wahr, wie es für jeden einzelnen ist; es wird nicht morgen sein, wahrscheinlich nicht einmal in diesem Jahr, doch bereits jetzt bin ich gezeichnet von einem Siechtum, das mein Leben vor der Zeit beenden wird. Es ist wahr, dass eine Krankheit, die ich allein den Schwächen meines Charakters verdanke, in mir unerbittlich voranschreitet. Anderes werde ich hingegen erfinden, zu meinem & zu dem Vergnügen des Lesers, obwohl jedes Wort auf eine einzigartige, aber nicht näher erklärbare Weise ebenso wahrhaftig, wenn nicht wahrer sein wird als die tatsächlichen Begebenheiten meiner Vita. & sollte noch ein einziger der Leser dieser Zeilen Zweifel haben, dass ich diese Einleitung nur schreibe, weil ich Angst habe, mit dem Fabulieren beginnen zu müssen, da mir vor der Erzählung graut, der ich gleich einem Insekt einem Spinnennetz nicht entkommen kann, jenem Wahrlügen, so will ich sie ihm jetzt ausräumen: Jede Beschäftigung mit meiner Existenz bereitet mir Schmerz & Ekel, raubt mir die Nachtruhe & lässt mich die Gegenstände meines täglichen Lebens hassen. & doch fühle ich mich gezwungen, es zu tun, wenn ich schon ein prosaisches Charakterebenbild Baudelaires sein soll, so will ich nichts unversucht lassen, mich dieser Tatsache zu stellen & ihren Kelch bis zur Neige zu leeren.
    Zerrissen wie ich bin, eröffnet jeder Absatz nicht allein einen Sprung meiner Gedanken zu anderen, denn während ich meine Augen vom Blatt löse & in den Raum richte, um mich kurz im Lokal umzusehen, in dem ich diese, ich weiß, noch leeren Worte schreibe, vielleicht einen Schluck herben Wein im Mund bewege, vielleicht einen scheuen Augenkontakt wage, der mich meinen Blick wieder schnell & schüchtern senken lässt, ich sage, währenddessen ist ein Stimmengewirr um mich, viele Menschen lachen, nur ich selbst ertrinke wieder in der Einsamkeit meines Selbstmitleids. Es macht mich lächeln. Ein Absatz ist mir auch Pause, willkommene Erholung, nachdem ich atemlos geschrieben habe, Wort an Wort schob & meine Gedanken, denen mein Stift unä folgen konnte, schon mehrere Sätze vorauseilten. Oft verlieren sich dann auf diese Weise meine ursprünglichen Ideenpfade, bis das geschriebene Wort meine Gedanken aufholen kann, verschlingen sie sich in eigenartiger Weise mit den Gesprächsfetzen, die ich von den Nebentischen aufschnappe. Deshalb läuft mein Text häufig in eine Richtung, die ich nicht selbst bestimmt habe. Der eine, erste Satz eines Absatzes ist noch gezielt, genau der, den ich schreiben wollte, da weiß ich noch, was ich sagen will, weil ich mir die Muße schenkte, ihn in meiner Schreibpause zu konstruieren. Aber während ich dann schreibe, gerät alles in Bewegung, bis der Moment eintritt, da mein Denken längst um Dinge kreist, über die mein Stift nicht schreibt, es meine Hand buchstäblich für mich bestimmt, meine Erzählung für mich fortzuführen Das ist jenes berüchtigte & geheimnisvolle automatische Schreiben, das so viele Autoren durch Drogen zu finden suchen. Falls dadurch alles ein wenig wahrer wird, ist es gut, dass ich Atem hole, den Reflexen meines Weinglases auf dem Marmor des Tisches nachsinne, bevor ich über meine Kindheit schreibe, an der ich, Phantasmorgen oder nicht, erkrankt bin.
    Ich habe & das wird überraschen, viel Religion in mir, ich habe sie in vielen Jahren verinnerlicht, sie ist mir wie eine Gliedmaße zum Teil meiner Person geworden; ich glaube an den HErrn, Den GOtt der Christen & beherrsche lange Teile der Bibel auswendig, einem Pfarrer der alten Schule würdig; das Buch der Bücher war in den Jahren meiner Pubertät meine ausschließende Lektüre. Ich habe mich auch nie vom Stil der Bibel lösen können, wenn ich schrieb; immer der Epik zugeneigt, haben alle meine Sätze etwas von der Verschlungenheit alttestamentarischer oder gnostischer Offenbarungen & auch etwas vom Geist meiner späteren Beschäftigung mit der Literatur des Umbruchs zwischen Aufklärung & Romantik, dem ich mich verbunden fühle. Der Leser muss mir glauben, wenn ich ihm jetzt berichte, dass ich durchaus kein katholischer Geistlicher, sondern verheiratet bin & nicht nur eine Todsünde ohne Beichte begangen habe, wenn nicht meine Erzählung eine Generalbeichte darstellt. Es ist so einfach: Ich weiß um die Wahrheit der Religion & um die Existenz Des Dreieinigen GOttes, Der Mensch war & Sein Blut gab & Anfang & Ende in Sich Selbst ist, das Wort, das eine Idee Seiner Selbst & alles geworden ist. Ich habe jene Mysterien des Glaubens nicht mit der Vorurteilslosigkeit eines Kindes akzeptiert, sondern ich glaube, weil ich sie tatsächlich verstanden habe. Hingegen habe ich GOttes Stellvertretern auf Erden nichts als Verachtung & Hass entgegen zu bringen & gehe ihnen, so weit mir das ä ist, aus dem Weg. Das liegt nicht an bigotten Eltern, die mich zum Abendgebet prügelten oder an einem sadistischen, homophilen Geistlichen, der mir die Internatzeit zur Hölle machte. Der Leser soll mir nicht glauben, falls ich später doch darüber schreibe, denn es ist (sic!) nicht die Wahrheit. Es ist nicht Erfahrung, die mich prägte, sondern allein Anschauung. Schon die, von denen man behauptet, GOtt hätte sie hervorgehoben, die ja in der Bibel so zahlreich handeln, sind in ihrer Überheblichkeit für mich verachtens-, ja, verdammenswerte Geschöpfe, ob es nun ein David ist, der zum Exempel aus Fleischeslust einen rechtschaffenen Mann in den Tod schickt oder Abraham, der sich entblödet, zu glauben, es sei GOttgefällig, den Sohn zu töten & seine Nebenfrau Hagar in der Wüste verdursten zu lassen, ob Jakob, der seinen Bruder mit einer Suppe um das väterliche Erbe betrügt, ob es nun der unkeusche Salomon, der Despotendiener Joseph oder der Frauenhasser Paulus ist, die Liste lässt sich beliebig verlängern. In der Bibel steht die Wahrheit GOttes, doch sie ist zugeschüttet von Erzählungen über GOttlose Menschen, die meinen, in Seinem Namen zu handeln, diese vermeintliche Legitimation dann nur dazu nutzen, ihr sündhaftes Leben exzesshaft auszukosten.
    Manchmal denke ich, ich sei zu spät geboren. Der astrologische Löwe des Jahres 1770 wäre mir geeignet erschienen, wenn ich mein Geburtsdatum hätte bestimmen können, ich wäre der Sohn eines Apothekers einer kleinen elsässischen Ortschaft gewesen, wo ich in den beiden wichtigsten europäischen Sprachen hätte aufwachsen können & wo ich mich als Deutscher französisch & als Franzose hätte deutsch fühlen können. Früh hätte es mich nach Berlin gezogen. Berlin ist die einzige Stadt in Deutschland. Der Rest ist Marginalie.

    „Berlin ist die einzige Stadt, in der man in Deutschland leben kann. Alles andere kannst du vergessen.“ sagte der Junge. Nein, das hatte nicht Cesare gesagt, sondern jemand anders, er war sich sicher...
    Alfons klappte seinen Notizblock zu, lehnte sich zurück und sah sich verwirrt in seinem Zimmer um. Dieses Textfragment hatte in der Tat auf diese Weise geendet; mit einem Satz, den Cesare ohne sein Wissen zitierte.
    Viel Zeit war über seinem Versuch, sich an jede Einzelheit der überraschenden Begegnung mit seinem Sohn zu erinnern, nicht vergangen. Alfons erkannte das an dem verirrten Lichtfleck vor sich auf dem Tisch, der kaum weiter gewandert war und den noch keine Wolke geschluckt hatte.
    Ihn hatte eine ganz außergewöhnliche Überlagerung von drei nahezu identischen Sätzen aus der Erinnerung geworfen; das war wie die Mehrfachbelichtung eines Fotos. Er hatte noch kein Dejavu-Gefühl bei seinem Gespräch mit Cesare empfunden, da war ihm nicht aufgefallen, dass er selbst diese Wörter vor Jahren aufgeschrieben hatte und sie bei einer anderen Gelegenheit ein paar Tage vorher schon einmal gehört hatte. Diese Übereinstimmung hatte ihn erst jetzt aus dem Gang geworfen und ließ ihn nun beunruhigt zurück. Er blinzelte heftig, als er überlegte, welche Erinnerung sich über die an seinen Sohn und die an seinen Roman gelegt hatte und welche Konsequenzen dies für sein Weltbild hatte.
    Nun, viele Äkeiten gab es nicht. Er hatte in den letzten Wochen nur mit sehr wenigen Menschen gesprochen: Da war natürlich seine Vermieterin, aber er hatte mit ihr nur belanglose, kleine Bemerkungen über das Wetter oder seine ungebührliche Benutzung der Toilette mitten in der Nacht gewechselt. Dann hatte er Klammer getroffen. Aber Klammer war bis über beide Ohren in seine Heimatstadt verliebt; ein lobendes Wort über Berlin würde ihm keinesfalls über die Lippen kommen. Dann blieb noch Favelka...
    Nein, jetzt wusste er, von wem er diese beiden Sätze gehört hatte. Aber es war nicht die Rede von Berlin, sondern von München gewesen. Diese Sabine Kastner hatte das gesagt, als er sich mit ihr und Favelka im Cafe Winterfeldt getroffen hatte. Er erinnerte sich genau:
    Nachdem er zähneknirschend dem Ultimatum der beiden zugestimmt und sich bereit erklärt hatte, sein Gedicht innerhalb einer Woche fertigzustellen, war eine lastende Gesprächspause entstanden, bis Favelka plötzlich aufsprang und hinaus rannte. Wie er nach seinem Zurückkommen eine ganze Weile später erläuterte, hatte er jemanden vorbeigehen sehen, der ihm noch Geld schuldete. In der Zwischenzeit saß Alfons allerdings alleine mit der Kastner am Tisch und die Stille wurde noch unangenehmer, nachdem nun auf einmal das geschwätzige Bindeglied zwischen den Zurückgebliebenen verschwunden war. Alfons überlegte, ob er gehen sollte, denn eigentlich war schon alles gesagt, aber Horst hatte ihn zu seinem Getränk eingeladen und er hatte auch keinen Pfennig Geld dabei. Deshalb musste er wohl oder übel warten, bis sein Freund von seinem überraschenden Ausflug zurückkehrte. Sabine Kastner nippte vorsichtig an ihrem Pinot, zündete sich dann mit einem entschuldigenden Blick eine Zigarette an. Sie nahm einen ausgedehnten Zug. Anschließend räusperte sie sich und begann ein oberflächliches Gespräch.
    „Bist du aus dieser Stadt?“ fragte sie, den Rauch aus der Nase blasend. Alfons nickte zurückhaltend.
    „Ich bin hier geboren.“ bestätigte er.
    „Und du wolltest nie weg?“
    „Nich' wirklich.“ Er atmete langsam ein und betrachtete dabei mit Interesse seine schmutzigen Fingernägel. Natürlich bemerkte er am Schweigen der Kastner, dass sie von ihm erwartete, dass er sich näher erklärte. Später bedauerte er, dass er ihrem stummen Drängen nachgab und sich zu einer Erläuterung, die eigentlich nichts erklärte, zwingen ließ: „Weißt du, es is' einfach und opportun, Schlechtes über diese Stadt zu sagen, denn sie macht es einem fast zu leicht, über sie zu meckern. Ich kenne niemanden, der nich' im Streit mit ihr liegt. Hier gibt's kein Zusammengehörigkeitsgefühl, keinen Stadtstolz wie anderswo. Aber ich persönlich möcht', ehrlich gesagt, nirgendwo anders leben. Diese Stadt hat den Vorzug, dass sie überschaubar is'.“ Er zögerte, weil er das Gefühl nicht los wurde, dass er dies alles schon viel zu oft erklärt hatte. „Außerdem leben hier viele schöne Frauen und sie sind noch dankbar, wenn man's ihnen sagt.“ Er versuchte ein Lächeln, als er seinen Versuchsballon startete. Eigentlich, dachte er, ist die Kastner recht attraktiv, auf eine einesteils hausbackene, aber auch abgründige Weise; mit der Zigarette in der Hand sieht sie fast ein wenig verrucht aus. Zumindest bleibt alles im Rahmen des Realistischen, des Erreichbaren, kam er zu einem abschließenden Urteil. Er schielte an seinen Fingern und der Tischplatte vorbei auf ihre übereinandergeschlagenen Beine. Sie gefielen ihm wirklich gut. Der Gedanke, mit der Hand eines der Knie sanft zu berühren und sie dann langsam über die knisternde Strumpfhose hinweg den Oberschenkel empor gleiten zu lassen, bis zwei seiner Finger zärtlich reibend unter dem nach oben geschobenen Rock ihren Schoß fanden, machte ihm zunehmend Spaß. Er konnte sich vorstellen, dass sie die Nachbarn zusammenschrie, wenn sie einen Orgasmus hatte. Diesmal schämte er sich nicht für seine Tagträume; er genoss sie: Zum ersten Mal seit seinem Entzug spürte er wieder ein sexuelles Verlangen.
    Doch Sabine Kastner überhörte seine letzte Bemerkung, es gelang ihm nicht, sie, wie er eigentlich gehofft hatte, zum Lächeln zu bringen. Sie wand abwesend den Kopf zum Fenster. Sie hat dir nicht aufmerksam zugehört, meldete sich sein Selbstbewusstsein. Wahrscheinlich wartet sie ebenso wie ich auf Favelkas Rückkehr.
    „Weißt du,“ erzählte sie dann, ohne Alfons anzusehen, „ich lebe erst seit kurzer Zeit in der Stadt. Ich habe vorher in München studiert. Jetzt habe ich hier eine Stelle.“ Alfons hätte sie gerne nach ihrem Beruf gefragt und wie sie es sich leisten konnte, so viel Geld in ein wahrscheinlich erfolgloses Projekt zu stecken, aber er kam nicht zu Wort. „Nach München ist das hier eine... Diaspora. Die Menschen sind ganz anders. München, weißt du, ist so weit, da gibt es alles. Die Leute sind offen, freundlich, gehen aufeinander zu. Wenn du in München allein an einem Tisch im Lokal sitzt, dann kommen bald interessante Leute zu dir und ziehen dich in ein Gespräch. Wenn du jedoch hier allein bist, dann bleibst du allein, es verschwinden nur die leeren Stühle von deinem Tisch, die dir irgendwelche Autisten entführen. Sogar das Wetter ist in München besser. Diese Stadt ist jung und bewegt; sie hat wirkliche Museen, dort gibt es Kunst und lebendige Kultur. Dort ist alles das genaue Gegenteil von hier. Ich fühle mich hier wie in einem Loch. Du kannst mir glauben, sobald ich die Gelegenheit dazu habe, gehe ich wieder zurück.“ Als wolle sie mit ihrer Geste ihren Worten Nachdruck verleihen, drückte sie ihre niedergebrannte Zigarette energisch im Aschenbecher aus.
    Dann sagte sie und damit begann die Mehrfachbelichtung in Alfons Erinnerung:
    „München ist die einzige Stadt, in der ich leben kann. Hier existiere ich nur.“ Alfons fragte sich, warum sie ihm das erzählte. Es klang in seinen Ohren wie ein irrationales Glaubensbekenntnis. Er hätte gerne gewusst, was ihr Klammer an seiner Stelle geantwortet hätte. Sie hatte sich durch die Preisgabe ihrer billigen Ideologie angreifbar gemacht, es würde nur ein spitzes Bonmot ausreichen, eine boshafte Replik, um sie aus dem Gleichgewicht zu bringen und sie damit nahbar zu machen. Leider fiel Alfons nichts ein außer dem Aphorismus von Mark Twain, dass schlagfertig das sei, was ihm nach drei Tagen in den Sinn komme. Allerdings war nun sein Lokalpatriotismus geweckt.
    „Warum gibst du dann hier diese Zeitschrift heraus? So wie du uns siehst, wirfst du Perlen in einen Trog. Uns wär wahrscheinlich mit 'nem neuen, billigen Fernsehheft besser gedient.“ erwiderte er, einen seiner alten Witze zu neuen Ehren kommen lassend. Jetzt lächelte sie, endlich; ihr erotisches, breites Zahnfleischlächeln übernahm die Herrschaft in ihrem Antlitz, das voller Verheißung war. Alfons Libido stieg sprunghaft an. Er hoffte in diesem Augenblick, dass Favelka noch eine Weile auf sich warten ließ.
    „Das mit der Zeitschrift hat einen einfachen Grund. Ich würde so etwas noch machen, wenn ich in einem Hundert-Seelen-Weiler landen würde.“ stellte Sabine Kastner emphatisch fest, klang aber auf Alfons nicht allzu sehr überzeugend. „Kannst du mich verstehen? Ich kann einfach nicht aus meiner Haut. Ich will teilhaben. Dann fühle ich mich lebendig. Dir ist es sicher auch schon so gegangen: Denkst du an die Kultur, die momentan produziert wird, stellen sich dir die Nackenhaare in die Höhe. Die Chance mit der Wiedervereinigung ist einfach vertan worden, die Demarkationslinie zwischen den Künstlern aus Ost und West existiert weiterhin, sie ist vielleicht sogar noch unüberwindlicher geworden. Denk ich an Deutschland in der Nacht... Nichts ist echt. Deshalb entzünde ich mein kleines Licht. In dieser Nacht.“ Das sind große Worte, dachte Alfons. Soviel weltfernes Pathos hätte ich von so einer geschäftstüchtigen Frau nicht erwartet. Aber vielleicht kann nur etwas entstehen, wenn solche Ideale dahinter stehen. Er war versucht, Favelkas Goethezitat anzubringen, hatte sich aber noch rechtzeitig unter Kontrolle.
    Er beugte sich gespielt interessiert über den Tisch, berührte dabei fast zufällig mit seinem linken Knie das ihre. Sie zog es nicht zurück. Alfons wollte einen bestätigenden Einwurf machen, um an dieser günstigen Stelle den Bogen zu seiner eigenen literarischen Praxis zu schlagen. Aber Sabine ließ ihn nicht zu Wort kommen.
    „Ich weiß, was du sagen willst: Das kleine Licht hat hier kein Publikum. Der Erstausgabe wird keine weitere mehr folgen; ich werde mich mit den Mitarbeitern und Autoren hoffnungslos verstreiten: Ein Literat ist des anderen Wolf. Genau das wird geschehen. Du hast recht.“ Sie rückte mit ihrem Stuhl etwas zurück und hielt sich eine Hand vors Gesicht. Alfons kannte diese Reaktion auf seinen Mundgeruch, den er einfach nicht in den Griff bekam, so oft er auch die Zähne putzte und Pfefferminz-Pastillen lutschte. Leider hatte er seine Schachtel mit den Halstabletten zu Hause vergessen. Ernüchtert richtete er sich auf:
    „Merkwürdig find' ich vor allem, dass immer alle Leute noch vor mir wissen, was ich denk oder sagen will. Trag ich denn meine Seele im Gesicht spazieren? Ich weiß es nicht. Auf jeden Fall denk ich, dass die Gefahr besteht, dass deine Prognose eintritt. Um so mehr is' es für mich wichtig, dass ich in der Nullnummer mit 'nem Werk von mir erscheine. Ich weiß, dass ich durch dich noch 'ne letzte Chance bekomme, ein wirkliches Gedicht zu veröffentlichen.“ erwiderte Andernaj absichtlich dunkel und dramatisch. Er war stolz darauf, dass er es doch noch geschafft hatte, das Gespräch auf seine Dichtung zu lenken. Er rechnete damit, dass die Kastner auf das von ihm gebührlich betonte wirkliche Gedicht eingehen würde, aber sie enttäuschte ihn. Unbeeindruckt spann sie ihren eigenen Gedankenfaden weiter:
    „Da hast du recht. Aber es ist mir nicht wichtig. Ich habe mein Signal mit meiner Zeitschrift gesetzt, meine Fackel.“ Sie machte eine Pause, damit Alfons ihre Anspielung auf Karl Kraus gebührend bewundern konnte. „Deshalb habe ich diesen Titel gewählt: Ein kleines Licht.“
    Sabine spitzte die Lippen und ihr Gesicht verwandelte sich wieder in ihre geschäftsmäßige Maske. Offensichtlich war ihr noch etwas eingefallen, was sie unbedingt loswerden wollte. „Wenn du mit einem Gedicht zu unserem Erfolg beitragen willst, bin ich dir sehr dankbar, auch wenn ich persönlich deine Sachen nicht kenne. Leider kann ich dir und auch den anderen noch kein Honorar versprechen und es könnte je nach Verkauf auch nur minimal sein.“ fügte sie hinzu. Alfons fand es an der Zeit, ihr zu beweisen, dass er galant sein konnte.
    „An diesem Heft mitwirken zu dürfen, is' mir Honorar genug. Ich werd mein Bestes geben.“
    Genau das hatte er gesagt: Ich werde mein Bestes geben. Der Satz, mit einem Brustton der vollkommenen Überzeugung ausgesprochen, klang ihm noch nach einer Woche im Ohr. Alfons lachte über sein leichtfertiges Versprechen und sah resignierend auf seinen Steinbruch. Wenn diese Verse, Fragmente und Gedankenfetzen in der Tat das Beste waren, was er zu bieten hatte und zu dem er noch fähig war, dann konnte er sich gleich beerdigen lassen. Er wollte doch nicht sein eigenes Denkmal noch weiter zerstören. Wie gequält und gekünstelt klang jede dieser Zeilen, wie unehrlich und verlogen. Nichts konnte ihm mehr gelingen; Alfons Andernaj war am Ende. Es war ganz einfach: Der Alkohol hatte sein Talent zersetzt.
    Er warf wieder einen seiner schuldbewussten Seitenblicke auf die Texte seines Sohnes, die griffbereit neben ihm auf der Couch lagen. Da - Cesare, er hatte noch sein Talent; er war voller Talent, er quoll über, spuckte es aus, erbrach, urinierte, ejakulierte es. Er war ein Versprechen an die Zukunft. Bei aller berechtigter Kritik an den Gedichten, sie hatten den Geist, den Schwung und die Kraft, die er längst verloren hatte. Er war längst tot, sein Kadaver stank nach Verwesung. Wenn die Kastner wie versprochen käme, um seine Kopfgeburten abzuholen, was jeden Augenblick der Fall sein musste, würde ihm nur noch übrig bleiben, einen Offenbarungseid zu leisten...
    ...oder ihr Cesares Strophen zu geben.
    Alfons nahm seine Brille ab und lehnte sich in seinem Sofa zurück. Damit hatte er endlich vor sich selbst zugegeben, was er schon die ganze Zeit insgeheim mit sich herumtrug: Die Gedichte Cesares für seine eigenen ausgeben...
    Und Cesare ist am Ende doch selbst schuld, redete er sich sofort ein, er hat schließlich seine Gedichte einfach hier liegen lassen, als wir uns verstritten haben. Ich kann mit ihnen machen, was ich will. Er wird mit einem Achselzucken über meinen Betrug hinweggehen, wenn er ihn überhaupt bemerkt. Er kann noch tausend solcher oder besserer Gedichte schreiben, er steht ganz am Anfang. Ich allerdings kann mir mit diesen Blättern den Kopf aus der Schlinge ziehen.


    Der Streit hatte mit dem dritten Bild der Mehrfachbelichtung von Erinnerungsfetzen in seinem Gedächtnis begonnen. Nachdem Alfons ein paar Belanglosigkeiten über die Qualität der Gedichte geäußert hatte, vorsichtige, nichtssagende Formulierungen, denn er wollte den Jungen nicht zu viel loben, da er ein übertriebenes Lob für ebenso gefährlich wie eine zu starke Kritik hielt. Er hatte das in den Jahren gelernt, in denen er als freier Literaturkritiker für die Zeitung geschrieben hatte.
    Er setzte sich also gerade, wie er meinte, konstruktiv mit dem Versmaß seines Sohnes auseinander, da sagte Cesare plötzlich zusammenhanglos und mit deutlich aggressivem Unterton, triumphierend die Arme verschränkend:
    „Ich werfe die Schule hin und gehe nach Berlin.“ Er schien stolz auf die explosive Wirkung seiner Worte zu sein, aber falls er geglaubt hatte, seinen Vater auf diese Weise erst einmal mundtot zu machen, hatte er sich geirrt. So schnell war Alfons nicht zu überraschen, dazu war er zu sehr an seine eigene Sprunghaftigkeit gewöhnt. Es machte ihn nur wütend, dass er seinen brillanten Gedankengang über die behäbige Wirkung der Metrik der Kürenberger-Strophe nicht beenden konnte.
    „Du bist noch lange nicht volljährig, deine Mutter wird dich suchen lassen.“ stellte er nüchtern fest. „Und sie wird dich finden, glaub mir das; ganz egal, ob du dich im Kempinski oder in 'ner Ruine am Prenzlauer Berg versteckst. Falls du es selbst noch nich' bemerkt hast, dann lass es dir von mir sagen: Die herausragende Eigenschaft deiner Mutter is' ihre Hartnäckigkeit. Glaubst du, ich hätte sie sonst geheiratet? Ich wollt doch von ihr nur, was ich von allen Frauen will. Nicht weniger, aber sicherlich auch nicht mehr. Gut, ich bekam mit ein wenig Aufwand, was ich wollte, aber bevor ich mich umsah, war ich Ehemann und ging 'ner geregelten Arbeit nach. Und als sie davon sprach, dass sie 'n Kind wolle, sagte ich Nein. Du kannst mir glauben, ich sagte deutlich nein. Ich hatte begonnen, 'nen Roman zu schreiben. Er entwickelte sich gut. Er war das einzige, an dem ich Interesse hatte, er war für mich wirklicher als alles andere, zumindest um einiges wirklicher als der bürgerliche Trott, in dem ich existieren musste und den ich täglich mehr zu hassen lernte. Ein Kind, noch dazu 'n Säugling, mit all den Konsequenzen, die das mit sich trug, der Verantwortung, die ich in jenem Moment noch gar nich' abschätzen konnte und die mich dann tatsächlich erschlug, ich sag dir, so 'n Kind wollt ich auf keinen Fall. Ich wusste, es hätte die Realität meines Romans zerstört, und so is es auch gekommen. Verstehst du? Glaub mir, ich sagte entschieden Nein. Und Sabine wurde zwei Monate später schwanger. Sie hatte die Pille vergessen. Das log sie mir zumindest ins Gesicht. Den Roman hab ich immer noch nich fertig, mein Junge. Ich wette, dass sie dich erwischt; du wirst staunen, wie schnell das geht.“
    Alfons fragte sich, warum er Cesare das alles erzählte. Sein Ärger über den Jungen wurde dadurch nicht geringer. Sein Sohn hatte ihm ruhig zugehört und schien über diese Offenbarung, dass er kein Wunschkind war, nicht weiter erstaunt. Wahrscheinlich hatte er es schon gewusst.
    „Und warum muss es ausgerechnet Berlin sein?“ fuhr Alfons fort. „Tut's nicht auch München? Das wäre näher, du könntest übers Wochenende nach Hause; auspennen oder ausflennen, je nach dem...“
    „Ich war in den Sommerferien mit der Schule für zwei Wochen in Berlin. Ich kann nicht beschreiben, wie das war, es hat mich überwältigt. Gegen hier ist das dort wie ein anderer Planet. Ich glaube, da kann noch was aus mir werden. Hier scheißt sich doch keiner um meine Literatur. Schön. Nett. Aber jetzt mach deine Hausaufgaben. Ein Gedicht? Hast du schon dein Zimmer aufgeräumt?“ persiflierte Cesare und ließ einen Fluch folgen, bei dem sogar sein Vater die Ohren spitzte. Alfons konnte deutlich seine Ex-Frau heraushören. Soviel pubertäre Wut hatte er bei seinem Sohn nicht erwartet. „Ich war in Berlin bei ein paar Literatentreffen, bei offenen Lesungen mit anschließender Publikumskritik; einmal in Kreuzberg und einmal in der Mitte. Ich habe Gedichte und kurze Texte vorgelesen und zwar jedesmal andere. Sie haben mich alle gelobt, ohne Ausnahme. Ich musste sogar eine Zugabe geben. Ich glaube wirklich, in Berlin kann ich Erfolg haben. Mir gefällt auch das Tempo dieser Stadt. In Berlin passiert etwas. Da ist etwas ins Rollen gekommen und ich will dabei sein.“ schwärmte er. Alfons fand es an der Zeit, ihn auf den Boden zurückzuführen.
    „Wenn du dich da mal nicht irrst. Für'n paar Wochen Sommerferien ist Berlin sicher gut zu ertragen, vor allem, wenn man 'ne gute Unterkunft hat und Mama den Spesenbeutel füllt. Aber eins lass dir sagen: Diese Stadt ist gnadenlos; ich hab es erlebt. Ich war ganz unten und sie hat mich noch getreten. In Berlin leben die zynischsten Menschen, denen ich in meinem Leben begegnet bin. Wenn du von außen kommst, hast du keine Chance. Du rennst hinter den Gelegenheiten her, wie 'n Köter bei 'nem Hunderennen hinter dem falschen Hasen. Du hast recht: Hinter jeder Straßenecke erwartet dich 'ne Äkeit, aber du hast es noch nich' kapiert: Einholen kannst du sie nie. Du brauchst Jahre und viel Atem, um dazu zu gehören, wenn das überhaupt geht. Es is' sinnlos, Berlin aus 'nem anderen Grund aufzusuchen, als dort Tourismus zu machen. Du bist nicht Brecht. Niemand hat dort auf dich gewartet. Schau mich genau an, mich versoffenes, aufgeschwemmtes Wrack. Was aus mir geworden ist und ich bin nicht mehr als der Traum eines lächerlichen Menschen, das bin ich durch Berlin geworden. Die Stadt hat mich gefressen, verdaut und ausgespuckt.“ Er sah Cesare an, dass er ihm nicht glaubte. Er hatte diese arrogante, selbstgerechte Miene aufgesetzt, die ihn an Jugendlichen so wütend machte, dieses „Ich-weiß-es-eh-besser" -Gesicht, mit dem sie all ihre Dummheiten begingen.
    Cesare hatte zugemacht, er verweigerte sich einfach. Natürlich, denn er würde sich ja von seinem Vater nichts sagen lassen. Sein Sohn würde nicht auf ihn hören und wenn er tausendmal recht hatte, er würde seine eigenen Erfahrungen machen wollen. Selbst wenn es ein Fehler war, den jeder Zweite schon vor ihm gemacht hatte, ein Fehler, über den schon ganze Bibliotheken vollgeschrieben worden waren, er würde ihn begehen, er musste ihn einfach machen. Alfons hasste es, dass ihn sein Sohn in die Vaterrolle gedrängt hatte, damit er ihn besser verabscheuen konnte. Aber bitte, wenn er sie von ihm wollte, dann konnte er sie haben.
    Er entschied sich zu einem verächtlichen Lachen und erreichte sofort sein Ziel. Cesare sog scharf die Luft ein. Dabei entstand ein schnorchelnder, vibrierender Laut, einem tierischen Grunzen ähnlich. Alfons kannte dieses Geräusch genau: Der peinliche und laute Urlaut, den sein Sohn eben unfreiwillig erzeugt hatte, wies erneut auf ihre Verwandtschaft hin. Es war ein Laut, der Alfons zu seiner Pein immer dann entschlüpfte, wenn er beim Lachen nach Luft schnappte oder sich wirklich ärgerte. Ein HNO-Arzt in seiner Bekanntschaft hatte ihm einmal erklärt, dass er eine schiefe, verwachsene Nasenscheidewand habe, die für dieses krampfhafte Grunzen verantwortlich war, das bei seinen Bekannten als der Andernaj-Schnorchler berühmt war. Ihn nun von seinem Sohn zu hören, amüsierte ihn und machte ihn zugleich betroffen. Cesare hielt sich eine Hand vor den Mund und wirkte völlig ruhig. Er schien zu warten. Alfons wusste worauf. Würde er jetzt eine dumme Bemerkung machen, würde Cesare explodieren.
    In diesem Moment begann er, sich erst richtig zu ärgern, denn es wurde ihm bewusst, was sein Sohn ihm alles zumutete. Cesare war durchaus nicht gekommen, weil er sich unsicher war und sich von Alfons einen Rat erhoffte, wie er in seiner Naivität zu Anfang geglaubt hatte. Cesare suchte nur Bestätigung: Die Bestätigung, dass er ein großartiger Dichter war und dass er nach Berlin gehörte. Und für den eher unwahrscheinlichen Fall, dass sein Vater nicht seine Meinungen teilte, konnte er mit der ganzen Überzeugung und dem Selbstbewusstsein seiner Jungend ein „Jetzt erst recht!“ hervorholen. Wie Alfons auch reagieren würde, ob er wie eben weiter den besorgten Vater spielte, eine Rolle übrigens, für die er sich wenig geeignet hielt, oder ob er den wohlwollenden älteren Kollegen, der gutmütig lobte, ob er den ehrlichen Kritiker machte, der die Nichtigkeit der Gedichte darlegte, oder ob er Cesare mit einem Achselzucken seinen Weg gehen ließ, immer blieb ihm der schwarze Peter. Er versuchte trotzdem noch ein letztes Mal, zu einem gütlichen Ergebnis zu kommen.
    „Glaubst du,“ tastete er sich vorsichtig vorwärts, angestrengt nach eventuellen Fettnäpfchen Ausschau haltend, „glaubst du, dass heut' jemand, selbst wenn er 'n zweiter Hölderlin wär, noch mit Gedichten Erfolg hätt'? Es gibt Momente, da fang ich an zu glauben, dass das Zeitalter der Dichtung vorbei is'.“ Cesares Mund wurde dünner und Alfons beeilte sich, schnell weiter zu reden. Wie immer, wenn er einen Gedanken sehr eindringlich darstellen wollte, wechselte er, ohne es übrigens zu bemerken, ins Hochdeutsche. „Du glaubst an die Bedeutung deiner Gedichte, an die Kraft deiner Gefühle. Da hast du recht und ich kann dich verstehen. Und doch interessiert sich kaum jemand wirklich dafür. Ich will es dir erklären. Wir leben in einer Zeit, in der es den hervorgehobenen Einzelmenschen nicht mehr gibt. Jede Empfindung und sei sie noch so abwegig, ist doch schon millionenfach erlebt und erlitten worden. Auch unsere Stimmung, genau die, die wir jetzt haben, so einmalig sie für unseren Erlebnishorizont auch sein mag, hat's schon gegeben und ich bin mir sogar sicher, dass wir sie in diesem Augenblick mit Einigen von den Milliarden von Menschen auf diesem Ameisenhaufen teilen müssen.“ redete sich Alfons warm und fühlte sich fast so schlau wie Klammer.
    „Deine Gedichte haben 'ne schöne Form, das steht ganz ohne Zweifel fest. Sie sind vom Lyrischen betrachtet mit das Beste, was mir seit Langem zu Gehör gekommen ist. Aber innerhalb dieser glänzenden Hülle sind sie leer. Deine Gefühle der Liebe und Zärtlichkeit sind schon hunderttausendmal beschrieben worden und dabei einige tausend Male besser. Während wir hier sitzen, ich sag's dir, sitzen Hunderte von Dichtern irgendwo auf der Welt in ihrer Bude oder in einem Cafe oder im Bett neben ihrer Freundin und sie dichten mit ähnlichen Worten über die gleichen Gefühle und kommen sich genauso einzigartig und ausgewählt vor. Das ist der Schrecken der Gleichzeitigkeit. So viele Gedichte! Und niemand interessiert sich ernsthaft für sie. Glaub' mir, dein Zeug will auch niemand. Du wirst mit deinen Gedichten genauso scheitern wie alle anderen, wie ich auch auf die Nase gefallen bin. Scheiße! Glaubst du denn wirklich, dass dein Naturempfinden und dein Liebesleben irgend jemanden interessieren? Das kotzt doch alle an. Denkst du vielleicht, du bist 'was Besonderes? Was nimmst du dir heraus?“ sagte er und ließ seine Stimme bewusst anschwellen. Schließlich sollte auch die Albrecht vor der Tür etwas von der Unterhaltung haben. An diesem Punkt zögerte Alfons und wunderte sich über sich selbst. So weit hatte er sich nicht aus dem Fenster lehnen wollen, soviel hatte er von seiner eigenen Frustration nicht hergeben wollen.
    Cesare war bleich geworden. Sein Blick wanderte zu dem unordentlichen Stapel mit den Gedichtversuchen seines Vaters, der nun sehr symbolträchtig auf seiner Schmutzwäsche lag. Alfons nickte. Er konnte die Gedanken des Jungen lesen.
    „Du hast recht,“ gab er zu, „es is' mit meinem Zeug genau das gleiche. Ich hab lang gebraucht, bis ich diese Erkenntnis hatte und sie kam viel zu spät... Schau mich doch an, schau, was aus mir geworden ist. Deshalb bin ich auch immer gescheitert, darum is' alles in meinem Leben schiefgelaufen, nicht zuletzt meine Ehe. Ich war die ganze Zeit der Meinung, ich sei was Besonderes; die andern waren nur dazu da, mich zu bewundern und mir zu helfen. Ein Arschloch war ich!“ Cesare sah wieder zu seinem Vater.
    „Hast du deshalb getrunken?“ fragte er leise. Es schien ihn Mühe zu kosten, dabei seine äußerliche Ruhe zu bewahren. Alfons hob die Augenbrauen, dann lachte er.
    „Es klingt zumindest gut als Ausrede für's Saufen, nich'? Ach, Quatsch. Ich hab' gesoffen, weil's einfach geil war. Betrunken kam ich immer am Besten mit mir zurecht.“ Er zögerte. „Da bin ich jetzt aber raus. Endlich kann ich leben wie ich will, ohne irgend'ne Verantwortung. Ich kann mir jetzt meine Bekannten aussuchen, ich muss nich' mehr jedem in den Arsch kriechen. Und ich weiß inzwischen, wo ich stehe.“ fügte er hinzu und fragte sich, ob er sich überhaupt verständlich machen konnte. Gleichzeitig war er sich bewusst, dass er erneut mit seinem Schicksal kokettierte. Und gelogen hatte er auch. Natürlich war er weiterhin von der Qualität seiner Gedichte überzeugt und er wollte sie unbedingt im Kleinen Licht gedruckt sehen.
    „Und dann muss ich auftauchen.“ stellte Cesare erstaunlich nüchtern fest. Ja, der Junge hatte ihn verstanden, besser vielleicht, als er sich selbst verstand. Alfons nickte bestätigend.
    „Mit dir will ich eigentlich nichts zu tun haben. Du störst mich... Und du ärgerst mich.“ Cesare öffnete beleidigt den Mund, aber Alfons zwang ihn mit einer herrischen Geste zum Schweigen. „Du bist gekommen, weil du meinen väterlichen Rat willst. Du kannst ihn haben. Aber du wirst nicht auf ihn hören wollen. Du wärst auch der erste Sohn, der das täte.“
    Alfons hatte plötzlich ein Bild vor Augen, wie er mit einem dicklichen Sechsjährigen am Flussufer auf einer Kiesbank beim Wehr spazieren ging. Der Junge riss sich immer wieder von seiner Hand los und wollte flache Steine ins Wasser werfen. Alfons beobachtete ihn und spürte etwas Endgültiges in sich. Das Wasser gurgelte laut und er fror. Konnte das Kind, das natürlich Cesare war, nicht merken, wie langweilig ihm war? Er wollte Cesare endlich wieder der Mutter überlassen und sich um seine Angelegenheiten kümmern. Dieses Kind hinderte ihn daran, zu leben. Er hatte bei diesem Gedanken nicht einmal ein schlechtes Gewissen.
    Diese Erinnerung... Es war das letzte Mal, dass er mit Cesare zusammen war. Noch am gleichen Abend setzte Maria ihren Mann vor die Tür. Er hatte sie einmal zu viel provoziert. An diesen Jungen in seiner Erinnerung, an ihn hätte er vielleicht anknüpfen können, der Jugendliche jedoch, der ihn heute aufgesucht hatte, war ihm fremd.
    Alfons entschied sich. Er nahm die Gedichte Cesares an sich, die dieser auf den Tisch gelegt hatte und warf einen kurzen Blick auf das oberste, das er noch nicht kannte. Es hatte keine Überschrift, es bestand aus vier makellosen Blöcken mit vielsilbigen, blumigen Wörtern, deren Sinn sich ihm beim oberflächlichen überfliegen nicht erschloss, aber es war sicher nur eine Variation des bereits Gehörten. Es gab keine handschriftlichen Korrekturen, die klare Schriftart und ihre Grüße waren geschmackvoll aufeinander abgestimmt. Das Blatt strahlte auf Alfons eine beinahe steril zu nennende Sauberkeit und Ordnung aus. Das waren zwei der sogenannten Tugenden, zu denen Alfons noch nie fähig gewesen war. Wenn die Blätter etwas von Cesares Charakter widerspiegelten, dann waren sich die beiden doch nicht so ähnlich, wie Alfons zwischendurch vermutet hatte.
    Er legte die Gedichte bewusst achtlos zur Seite und kam in jenem Augenblick noch sehr verschwommen auf den Gedanken, dass die Blätter die Lösung seiner Probleme sein konnten. Es ist gut ä, dass sein Ton deshalb noch etwas kälter und unfreundlicher wurde, als er es ohnehin schon war.
    „Berlin ist Mist. Bleib hier. Schaff dir zuerst hier eine Basis. Ich weiß, dass es in dieser Stadt schwerer ist als anderswo; aber wenn du es hier schaffst, schaffst du es überall. Unsere Heimstatt der Selbstzufriedenen und Gleichgültigen ist das härteste Pflaster überhaupt. Sie ist eine Herausforderung, die nur die Extreme Erfolg oder Vergessen kennt. Dazwischen gibt es nichts. Und dann deine Gedichte: Ich hab' dir schon gesagt, dass 'se schön sind, aber auch nicht mehr. Deine Lyrik ist der röhrende Hirsch über der Wohnzimmercouch. Lass sie in deinem Schreibtisch. Wenn du 'nem Mädl das Häschen feucht machen willst, sind sie tauglich. Zu mehr kann man sie nich' brauchen. Leb erstmal ' ne Weile und dann schreib, schreib, bis dir die Tinte aus den Ohren kommt. Versuch aber nie zu veröffentlichen. Du musst erst als Mensch 'n Dichter sein und das dauert..“ betete Alfons seinen Katechismus überlegen und flapsig herunter. Cesare blieb gar nichts anderes übrig, als überlegen zu lächeln. Sein Vater wand sich halb zu ihm und holte tief Luft. Dann brüllte er, so laut er konnte :
    „Wenn du nach Berlin willst, dann geh doch! Ich kann dich nich aufhalten und ich will es auch nich tun. Was meinst'n, warum ich mich nie bei dir und deiner Mutter gemeldet hab'? Ganz einfach: Weil ich mich nie für euch interessiert hab'. Es war mir doch einfach Wurst, verstehst du? Wurst, Scheißegal. Such dir 'nen andren Vater.“ Er holte Luft. „Und dann hab ich noch 'nen letzten Rat für dich: Hol dir nie wieder einen bei mir. Und jetzt verpiss dich. Ich will dich nie mehr sehn.“
    Alfons lehnte sich in seinem Stuhl zurück und wartete auf die Antworten von Cesare, die jedoch wegen dessen Sprachlosigkeit auf sich waren ließen. Zufrieden mit sich selbst kicherte er in sich hinein.
    Hab' ich mal wieder bewiesen, was ich für'n Arsch bin, dachte er. Dass es immer noch Leute gibt, die's nicht glauben wollen. Ja, hass mich, du musst das tun. Bald spuckst du mir aufs Grab. Das wird dir eine Genugtuung sein. Ich hab' aber den Riss entdeckt, unter dem bei dir der Künstler hervorscheint und genau dort hab' ich mein Brecheisen angesetzt. Mach was draus.
    Cesare rang sich zu einem einzigen Schimpfwort durch, das nicht einmal außergewöhnlich originell war, im Zusammenhang mit seiner Mutter war ihm Besseres eingefallen. Dann stand er auf, schnappte sich seine Jacke und ging ohne sich umzusehen aus dem Zimmer, wobei er die Tür so laut ins Schloss krachen ließ, dass sofort die Albrecht hereinkam, zuerst einen vorwurfsvollen Blick auf ihren Untermieter warf und dann die Tür aufmerksam auf Schäden untersuchte. Währenddessen saß Alfons auf seinem Stuhl und erfreute sich an seinem Leben.
    Als er jedoch später erneut seinen Steinbruch auf dem Tisch zurecht ordnete, verflog seine gute Laune eilig. Nein, damit war absolut nichts anzufangen und ihm blieb nur noch wenig Zeit bis zum Besuch der Kastner, die er doch beeindrucken wollte. Vielleicht würde sie ihm dann noch mehr Entgegenkommen zeigen. Dennoch machte er sich noch ein Gewissen wegen der Gedichte seines Sohnes, die dieser auf der Couch liegen gelassen hatte.
    Im Grunde ging es ihm im Moment noch immer so, auch wenn er bemerkte, wie er langsam seine Skrupellosigkeit zurück gewann. Gut, er hatte inzwischen verstanden, dass er für die anderen nicht den Mittelpunkt der Welt darstellte, auch wenn dies ein noch viel schmerzhafterer Erkenntnisprozess gewesen war, als er Cesare gegenüber hatte zugeben können; aber für sich selbst war und blieb er doch immer das Zentrum und es wäre töricht von ihm gewesen, wegen eines nagenden Gewissens diese Gelegenheit, die sicher seine letzte war, zu vergeuden.
    Diesmal hörte Alfons das Klingeln nicht, so vollkommen war er in seine Gedanken versunken, so einnehmend war die Macht der Erinnerung. Er hob erst den Kopf, als Frau Albrecht, da er auf ihr Klopfen nicht reagierte, vorsichtig die Tür einen Spaltbreit öffnete. Auf ihrem Gesicht stand deutlich die Sorge (oder Hoffnung?) geschrieben, dass es mit ihrem Untermieter nach dessen Streit mit seinem Sohn eine dramatische Wende genommen hatte. Und tatsächlich, als er mit einem glasigen, schielenden Blick aufsah, ohne sie wirklich bewusst wahrzunehmen, mutmaßte sie für einen Augenblick das Schlimmste. Doch dann fand Alfons ein beruhigendes Lächeln und er richtete sich mit dem Oberkörper gerade. Hinter seiner Vermieterin schob sich in diesem Augenblick Sabine Kastner in den Raum.
    „Störe ich?“ fragte sie ruhig, ohne eine Antwort zu erwarten. Sie versuchte, hinter sich die Tür zu schließen. Natürlich zwängte sie dadurch Frau Albrecht zwischen Tür und Rahmen, die daraufhin empört eine Gegenkraft ausübte. Alfons staunte kurz über den Kampf der beiden Frauen, dann nahm er gleich zwei Pfefferminz-Pastillen zu sich und stand auf, um zu schlichten. Doch bevor er an der Tür angelangt war, hatte Sabine die Auseinandersetzung gewonnen und schloss die Tür triumphierend hinter der zeternden Vermieterin. Sie trat einen Schritt in den Raum, gab Alfons die Hand. Doch Frau Albrecht hatte das letzte Wort. Sie öffnete noch einmal die Tür:
    „Bis spätestens zehn Uhr, Herr Andernaj. Sie kennen die Regeln.“ zischte sie. Dann warf sie noch einen vernichtenden Dolchblick in den Rücken ihrer Widersacherin, die instinktiv die Schultern zusammenzog und diesmal war sie es, die lautstark mit der Tür knallte. Offenbar hatte sie sich vorhin überzeugen davon können, dass sie diese Belastung aushielt. Alfons versuchte sich in einem befreienden Lachen, das in seinen Ohren leider ein wenig gekünstelt klang.
    „Ich würde niemals über sie schreiben.“ sagte er. „Jeder Kritiker würde mir vorwerfen, dass sie eine schlechte Stereotype sei.“
    Sabine zeigte ihm endlich wieder ihr vielversprechendes, wenn auch diesmal etwas mitleidig wirkendes Lächeln, das sie endlich für ihn ganz allein zur Verfügung stellte. Sie schälte sich mit einer eleganten, schlängelnden Bewegung aus ihrer Jacke, die sie, nachdem sie sich vergeblich nach einem Bügel oder einem Hacken zum Aufhängen umgesehen hatte, kurz entschlossen Alfons in die Hände drückte, der sich nun seinerseits den Kopf zerbrach, welches der adäquate Ort für dieses Kleidungsstück war.
    „Regnet es noch?“ fragte er, während er sich umsah und sich entschied, die Jacke über die Lehne seines einzigen Stuhls zu schieben. Sabine ließ sich inzwischen aufgeräumt auf die Couch fallen und schlug sofort die Beine übereinander, ohne dabei auf ihren ohnehin schon recht kurzen Strickrock zu achten, der noch weiter die Oberschenkel hinauf rutschte und dadurch mehr von ihren mit einer blickdichten schwarzen Strumpfhose bekleideten Beinen preisgab, als für Alfons ohnehin schon in Wallung gebrachtes Blut zuträglich war. Er freute sich heimlich über seine Entscheidung, die Jacke auf den Stuhl gehängt zu haben, denn das gab ihm eine glänzende Ausrede, sich nahe neben das Objekt seiner Begierde auf die Couch zu setzen.
    „Ich habe mich inzwischen schlau gemacht.“ stellte Sabine entschieden fest und wirkte von seiner Nähe nicht weiter belästigt; sie rückte sogar noch etwas näher an ihn heran, sich ein wenig zurück gegen das Polster lehnend. Sie lag nun mehr als sie saß. Was sie Alfons auf diese Weise anbot, gefiel ihm. Sabine war zwar alles andere als eine jener glatten Schönheiten, die ihm auf jeder Zeitschrift entgegenlächelten, aber sie hatte, soweit dies trotz ihrer weiten, farbenfrohen Bluse abschätzbar war, eine ordentliche Figur, dazu, was sie sicherlich selbst wusste, wunderbare, lange Beine. Dabei bot sie das erotischste, um nicht zu sagen, pornografischste Lächeln, dem Alfons je begegnet war. Auffällige, auf italienische Art zweifarbig geschminkte Lippen vervollständigten das Bild.
    Alfons begann, Sabine wie ein Raubtier sein Opfer zu fixieren; er fand langsam in seine alte, lange nicht mehr geübte Rolle des Frauenhelden hinein. Er wäre jetzt mit einer einfachen, schnellen Wendung seines Oberkörpers über ihr gewesen. Noch allerdings hatte er trotz seiner sexuellen Erregung viel zu große Hemmungen, genau dies zu tun. Er misstraute für den Moment noch seinem Glück.
    „Du hast ja wirklich ganz tolle Verse gemacht.“ begann sie bewundernd das Gespräch. Dabei konnte Alfons immer wieder ihre kirschfarbene Zungenspitze zwischen den makellosen Zähnen sehen. „Ich muss zugeben, dass ich letzte Woche keine Ahnung von deiner Lyrik hatte. Aber dieses Aus meiner Gesäßtasche ist ja großartig. Ich habe nicht geglaubt, dass solche Gedichte hier ä sind. Das war ein ganz schöner Skandal damals, oder?“ Sie legte schelmisch den Kopf zur Seite, feuchtete ihre Lippen an und zwinkerte ihm zu. Alfons seufzte leise. Ihm wäre lieber gewesen, sie hätte seine alten Sünden nicht gelesen.
    Er bemerkte, dass ihm jede ihrer Bewegungen, die doch so lässig und intim wirken sollten, auf eine schwer beschreibbare Weise geplant und arrangiert schien, ganz so, als wäre Sabine heute in der festen Absicht zu ihm gekommen, sich ihm heute nicht von ihrer normalen geschäftsmäßigen, sondern von ihrer für sie selbst ungewohnten weiblichen, erotischen Seite zu zeigen. Vielleicht will sie das tatsächlich, ging Alfons durch den Kopf, vielleicht will sie mich in der Tat verführen. Die bildhafte Vorstellung, dass er gleich hier auf der Couch mit ihr schlafen würde, er ihr eine Hand dabei zwischen die Zähne schieben musste, damit die Vermieterin nichts bemerkte, erregte ihn derart, dass er sich sofort mit dem Oberkörper nach vor auf den Tisch lehnte, um seine Erektion zu verbergen. Alfons, der seit nahezu fünf Jahren enthaltsam lebte und eigentlich geglaubt hatte, dass er dieses Kapitel seines Lebens endlich abgeschlossen hatte, konnte kaum glauben, dass sein Körper so prompt auf ihre Signale reagierte. Fieberhaft suchte er nach dem Rest Vernunft, der ihm geblieben war, indem er versuchte, sich auf seine Texte auf dem Tisch zu konzentrieren. Auch Sabine setzte sich nach vorn, legte ihm eine Hand auf die Schulter. Sie trug ein süßliches, schweres Parfüm, dessen Geruch ihm allerdings nur ganz leicht und unaufdringlich in die Nase stieg.
    „Jetzt lass doch mal ein neues Gedicht von dir sehen.“ forderte sie ihn mit erstaunlich sanfter, um nicht zu sagen, rücksichtsvoller Stimme auf. Ihr Tonfall verwirrte Alfons kurz.
    Der Moment, vor dem er sich die ganze Zeit gefürchtet hatte, war endlich gekommen und er wusste noch immer nicht, wie er sich verhalten sollte. Dann legte er seine Skrupel einfach beiseite. Denn wenn er jetzt zugab, dass er keine einzige brauchbare Strophe zuwege gebracht hatte, dann reagierte Sabine mit Sicherheit nicht freundlich. Nun, mit seinem Sohn konnte er sich auch noch auseinandersetzen, wenn eines von dessen Gedichten unter dem Namen seines Vaters veröffentlicht worden war. Natürlich nur, wenn der Junge es überhaupt bemerkte und nicht aus Trotz noch in diesen Tagen nach Berlin ging, was nach ihrer Auseinandersetzung gut war. Außerdem stünde dann noch die Frage an, wer von wem abgeschrieben hatte, der stadtbekannte, erfahrene Lyriker von einem pubertierenden kleinen Jungen? Wer würde denn das glauben?
    So weit dachte Alfons allerdings nicht, als er neben sich griff und die Blätter von Cesare nahm. Er brauchte jetzt und hier eine lobende, bewundernde Bestätigung von der Kastner; dafür waren diese Gedichte ideal. Sie sollten den letzten Rest ihres Widerstandes brechen. Er gab ihr stumm die Blätter. Sie begann, das oberste Gedicht aufmerksam zu lesen. Alfons nahm sich die Freiheit, ihr dabei vorsichtig über das knisternde, duftende Haar zu fahren, ihren Nacken zu streicheln. Er rückte noch näher an sie heran und sah ihr über die Schulter:

    „Nun ist der Himmel grau und leer.
    Das Lied der Schwalben ist verstummt.
    Es krächzt der Rabe
    heiser auf dem kahlen Feld.
    Nebel senkt sich kalt und klamm
    auf schwarz entlaubte Zweige.
    Nun ist mein Fühlen grau und leer.
    Mein Lied ist längst verstummt
    Es klingt mein Ruf nach Liebe
    heiser in der kahlen Welt
    Nacht senkt sich kalt und klamm
    auf meine schwarz gewandte Seele.“
    Mein Gott, dachte Alfons verzweifelt, müssen denn ausgerechnet diese ungeschickten Strophen oben liegen? Wie kann Cesare es nur wagen, ein so sentimentales Herbstgedicht zu schreiben! Die anderen Gedichte waren viel besser. Hoffentlich muss ich mich nicht für diese Verse verteidigen.
    Solange Sabine las, ließ sie sich die ungeschickten Berührungen von Alfons gefallen, als sie jedoch das Blatt nach hinten steckte, machte sie eine abgelenkte Bewegung mit dem Kopf, die seine Hand wie eine lästige Fliege verjagte. Von dem nächsten Gedicht, es war das erste, das Cesare vorhin vorgetragen hatte, las Sabine nur zwei Strophen, dann blätterte sie rasch das dritte, dann das vierte nach vorn. Verwirrt sah sie auf.
    „Was ist denn los? Ist das ein Scherz? Diese Sachen sind doch der letzte Mist. Das kleine Licht ist keine Frauenzeitschrift, die solche Sachen mit zehn Mark honoriert. Hast du wirklich nichts Besseres? Deine alten Sachen...“ Sabine zuckte resignierend mit den Schultern und Alfons Erektion verschwand so schnell, wie sie gekommen war. Jetzt rückte sie von ihm ab, Cesares Blätter auf den Tisch legend. „Nun, es ist auch egal. Das macht mir alles leichter. Ich hätte dich auch anrufen können, aber bin dann doch aus Mitleid zu dir gekommen; ich fand, das war ich dir schuldig. Ich habe dir mitzuteilen, dass du leider nicht bei mir veröffentlichen kannst...“
    Sie stockte, denn Alfons, der gerade seine letzte Chance darin sah, die Angelegenheit zu beschleunigen, fasste ihr flink und kühn an eine Brust, mit der anderen Hand packte er fest ihren Oberschenkel. Sein Traumbild ging endlich in Erfüllung. Ihr Busen war nicht groß, aber er war fest und füllte perfekt seine Handfläche aus.
    Für ein paar Sekunden verharrten die beiden regungslos. Erst danach begriff Alfons, was Sabine zu ihm gesagt hatte. Er erstarrte in seinen fordernden Bewegungen. Sabine sah kurz an sich herab, eine Augenbraue zuckte flüchtig und verächtlich nach oben. Nun wirklich lässig schälte sie sich aus seiner Umarmung, stand mit einer geschmeidigen Bewegung auf und trat hinüber zu dem Stuhl mit ihrer Jacke. Als sie weitersprach, vermied sie es, ihn anzusehen.
    „Ich hatte wirklich ein übles Gewissen deswegen und ich fand, dass ich dir diese schlechte Nachricht persönlich überbringen müsste. Die neue Buchhandlung in der Bergstraße will ganz plötzlich eine ganzseitige Anzeige im Kleinen Licht schalten und sie zahlt wirklich glänzend für ihr Mäzenaten-Deckmäntelchen. Deshalb ist die ursprünglich freie Seite wieder besetzt. Es tut mir leid.“ erläuterte Sabine und zog ihre Jacke an. Ihr Gesichtsausdruck strafte ihre Worte Lügen. Sie sah nicht so aus, als würde es ihr noch leid tun.
    „Du hast mir allerdings mit deinen Schülergedichten die Entscheidung leicht gemacht.“ Erst jetzt verstand Alfons. Er hob die Hände, die Innenflächen nach oben gestreckt. Er wußte nicht, um was er mit dieser Geste bat, ob um die Frau oder um seinen Platz in ihrer Literaturzeitschrift.
    „Du, wenn du was anderes willst...“ Ihm fiel es plötzlich sehr schwer, zu sprechen; er hatte das Gefühl, dass sich seine Zunge plötzlich dicker als normal anfühlte und sich schwerfälliger bewegte. Er räusperte sich vergeblich. „...du, das is' kein Problem. Du willst was von meiner Gebrauchslyrik, du kannst das haben.“ Er griff hektisch nach seinem Notizblock und dem Kugelschreiber. „Ich schreib's dir auf. Hab' schon was im Kopf. Warte...., da fällt mir ein - ich habe auch noch einen Roman.“ Sabine lachte hell.
    „Ich kann mir vorstellen, was du gerade im Kopf hast. Nein. Vergiss es; du hast mich nicht verstanden. Von dir wird kein Gedicht im Kleinen Licht erscheinen.“ Alfons Arme sackten herab, der Stift entglitt seinen Fingern.
    „Du willst doch nicht schon gehen?“ fragte er und kam sich dabei außerordentlich dumm vor. Natürlich würde sie gehen. Was er als erotische Spannung missverstanden hatte, als eine Aufforderung zur Verführung, war nichts anderes als Mitleid gewesen, ein Mitleid mit einem alten Mann. Einen Augenblick überlegte Alfons, ob er weinen sollte. Dann hob er entschlossen die Schultern.
    „Ich bring dich noch zur Tür.“ sagte er. Es fiel ihm schwer aufzustehen, der Körper gehorchte ihm nur unwillig und schmerzend. Ich sollte mal wieder zum Arzt, dachte Alfons und vergaß diesen Gedanken sofort wieder. Sabine sah ihn nicht einmal an, als sie aus dem Zimmer ging.
    Ein wenig später saß Alfons wieder allein in seinem Zimmer. Ruhig griff er zu seinem Schreibblock.
    Mein Frühling, setzte er seinen Brief an seine Frau fort,
    während ich mit Nikolaus sprach, wurde es schnell dunkel. Er machte keine Lampe an, sondern holte nach einer Weile ein paar Kerzen & stellte sie angezündet auf den niederen Tisch. Seine Wohnung wurde dadurch heimeliger. Wie die meisten Deutschen habe ich eine Vorliebe für den warmen Schein von Kerzenlicht. Ich weiß nicht, welche archetypische Erinnerung dabei eine Rolle spielt. Die kalte Replik eines griechischen Athleten, der sich gerade einen Dorn aus der Ferse entfernt, vielleicht ist es auch ein Original oder zumindest eine römische Kopie, man kann das bei Nikki nie sagen, diese Statue, will ich sagen, wirkte plötzlich sehr lebendig & im flackernden Licht schien sie sich zu bewegen. Nikolaus sah meinen Blick. „Ich wollte, ich wäre irgendeine Beethovensche Sinfonie oder irgend etwas, was fertig geschrieben ist. Das Geschrieben-Werden tut weh.“ sagte er plötzlich aus dem Zusammenhang gerissen & stellte eine nur ihm selbst verständliche Gedankenverbindung zu der Statue her. Wahrscheinlich zitierte er wieder Balzac. Trotzdem hatte ich die Empfindung, dass ich einen seiner seltenen ehrlichen Momente erwischt hatte, dass er wirklich am Leben litt. Er wand sich zu mir:
    „Wir sind uns doch einig: Da ist kein Gott im Himmel, kein Schöpfer aller Dinge, auch kein Demiurg, da war nie einer, keine Theodizee, keine Ontologie, keine Erlösung, kein Lebenswerk, natürlich auch kein Volk, keine ewige Wiederkehr. Da ist nicht einmal dieses halbtröstliche, halbverrückte „authentische" Ich, das „Geworfensein in diese Welt". Da ist kein „Cogito", kein „sum" & schon gar kein „ergo", vor allem kein „ergo". Wohin wir uns auch wenden - Nichts. & es wäre paradox zu sagen, dass doch zumindest dieses Nichts „ist". Auch die sophistischste und positivste Philosophie muss am Ende schweigen. Legen wir das alles zur Seite, es ist unnützer Ballast.
    Was uns jetzt noch bleibt, nachdem wir allen Wahn hinter uns gelassen haben, ist der zerrinnende, nicht fassbare Augenblick des Jetzt, dieser chimärische Hauch, der, wenn er gedacht wird, schon wieder vorbei ist; der allein uns Existenz verspricht, weil wir uns in ihm als existent erinnern. Deshalb klammern wir uns an ihn, „harmonisieren" ihn, indem wir alles unternehmen, um von ihm nicht überrascht zu werden, denn nur der überraschende Moment verwirrt, verwundet & tötet. Aus diesem Grund versuchen wir das Jetzt zu wiederholen, immer wieder, auf ganz auf die gleiche Weise, in der es uns die Natur in ihrer ermüdenden Kette von Wiederholungen vormacht. Denk nach: Warum hat der Mensch die Uhr erfunden? Weil er mit ihr dem Schrecken der Unsicherheit entgehen will & er kommt ausgerechnet in dem Zeitpunkt auf die Idee der Uhr, als die Gewissheit des Gottesstaates für ihn zerbricht. Die Uhr ist ein Ersatz für Gott. Wir brauchen nichts dringender als die Uhr, sie macht es uns vor: Jeder Atemzug ist wie der andere, jeder Pulsschlag, Lidbewegung, Schritt, Ernährung, Orgasmus, Tag, Nacht, endlich auch der Tod. Alles wiederholt sich in jedem Augenblick. Nein, es gibt nichts Neues unter der Sonne, denn es gibt auch nichts Altes.“ Klammer holte Atem & er schien über sich selbst & seine Worte zu lächeln. Dann zuckte er resigniert mit den Achseln.
    „Ich will es dir nicht schwerer machen, als es ist, Alfons. Du kennst doch die Binsenweisheit, dass es immer zu spät & immer zu früh ist.“ Ich war versucht, mit ihm ein synchrones Achselzucken zu bewerkstelligen.
    „Weißt du, Nikolaus, du hast sicher recht.“ sagte ich & starrte in die Flamme der vor mir stehenden Kerze, die an einem zu langen Docht unruhig blakte. - Aber ich kann dir nicht ganz folgen & ich will es auch nicht. Deine Konsequenzen erschrecken mich... Ich bin nur ein kleines Licht. Es verlischt. Was ich sein werde, weiß ich nicht. Dass ich nicht sein werde, begreife ich nicht. Dass die Welt nicht sein wird, befürchte ich nicht. Ich bin nur ein kleines Licht. Es verlischt.“ Klammer schüttelte den Kopf.
    „Alfons, du bist ein Dichter.“ sagte er lächelnd & wohlwollend. Mein Leben, ich musste darüber so lange lachen, bis ich mich übergeben musste.



    Januar '98




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    AW: Ein kleines Licht (Ausschnitt)

    “Also, meine Sonne, die Wohnung von Nikolaus ist im gleichen Häuserblock wie das Atelier von Sontheimer, du weißt schon, dem Busengrabscher, wie du ihn immer genannt hast. Die Wohnung des Dr.'s ist jedenfalls unheimlich leer & kahl & ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Mensch aus Fleisch & Blut dort leben kann, ohne durchzudrehen. Die Wände sind weiß, die Möbel schwarz; es hängen keine Bilder oder Bücherregale an der Wand. Ich habe Georg Hauser einmal sagen hören, Nikki habe ein Haus auf dem Land & eine bis unters Dach mit Büchern vollgestopfte Hätte im Gebirge, die seien menschlicher eingerichtet; diese aseptische Wohnung auf dem alten Hesbart-Gelände habe er nur von Sontheimer angemietet, um hier zu übernachten, wenn er am Abend nicht mehr nach Hause fahren wolle. Ich finde, für eine Schlafgelegenheit sind hundert Quadratmeter ein bisschen üppig, aber ich bin andere Verhältnisse gewohnt. Wenn ich es mir aber recht überlege, dann bin ich auf der anderen Seite der Meinung, dass die Wohnung exakt den Charakter zeigt, den Nikolaus Klammer der Öffentlichkeit präsentieren will.
    Als ich verspätet wie immer kam, diesmal trug allerdings nicht ich, sondern die unpünktliche Straßenbahn Schuld, hatte Nikki leider schon den Kaffee gekocht; das Gebräu stand bereits seit geraumer Zeit in einer dicht verschlossenen Kanne auf dem niedrigen Tisch. Nikki macht den besten Kaffee auf der Welt & es war schade, dass ich seine Kaffee-Zeremonie, das andächtige Mischen der exotischen Sorten, das Zerstoßen & Zermahlen mit dem Mörser & dann vor allem anschließend das Filtern von Hand versäumt habe, das so viel Fingerspitzengefühl für das Verhältnis von Wasser & Kaffeepulver verlangt, ich sage, das war jammerschade, denn diese Handlung ist der pure Zen-Buddismus & Nikki dabei zuzusehen ist besser als jede Meditation. Obwohl Nikki der pünktlichste Mensch auf der Welt ist, schien mir jedoch nicht böse zu sein. Ohne lange Einleitung oder gar sentimentale Erinnerungen auszutauschen, lotste er mich in einen bequemen Sessel, drückte mir eine Tasse Kaffee in die Hand & kam sofort über die Dinge zu sprechen, die ihn momentan interessierten. Ich bemerkte plötzlich, dass diese Wohnung der ideale Ort für ein intensives Gespräch ist, nichts kann die Aufmerksamkeit vom Gesprächspartner ablenken.“
    Ich glaube, hier geht es drunter und drüber. Und ich meine das eben so. Es fehlt die Mitte, punctum saliens, wie wir Blasierten das nennen. Du wirfst in einen Topf die Geräumigkeit des Denkens, dann kommt die Behaglichkeit des Soseienden, schließlich haben wir einen Modebegriff ausgemacht, um dann doch beim Kern - ja, ist es denn der Kern? - anzukommen, dem Gespräch. Willst Du mit diesem Text ein Gespräch sein? Willst Du argumentativ, dislatorisch oder diskursiv auf Deinen Leser zu- bzw. eingehen? Ich bin mir nicht so sicher, wie ich dies lesen muß.
    Vielleicht gibst Du mir eine Lesehilfe, dann könnte ich konkreter kritisieren.

  22. #22
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Ein kleines Licht (Ausschnitt)

    Hallo Robert.

    Die zitierte Textstelle ist der Beginn eines der vielen Briefe, die A. an seine Geschiedene schreibt. Eigentlich sollte er ein Gedicht für die Literaturzeitschrift "Ein kleines Licht" verfassen, aber genau dazu ist er nicht fähig. Natürlich, da gäbe es auch diese Seiten, die neben ihm auf der Couch liegen, sie könnten sein kleines Problem lösen.
    Weil A. eine Person ist, die Probleme vor sich her schiebt, anstatt sie zu lösen, gleichzeitig aber sein schlechtes Gewissen beruhigen muss, schreibt er irgendetwas: Nämlich den Brief an seine Ex, einen Brief, den er nie abschicken wird. Ers ist also eine Art Tagebuch.

    Dieser Brief wird im Laufe der Erzählung immer weiter fortgesetzt. Das Schreiben dieses Briefes ist der Augenblick, in dem die Geschichte handelt; alle anderen Handlungsteile (z. B. die Gespräche im Kaffee, der Besuch seines Sohnes) sind Ereignisse, an die A. sich erinnert.
    Der Brief hält (klammert) die Geschichte aber zusammen. Er ist ein roter Faden. In ihm wird am Ende die Moral ausgesprochen (siehe den Ordner mit dem Schluss der Erzählung).
    Andernaj schreibt diesen Brief in seinem Stil mit seinen Stilmitteln: leichthin flanierend, ziellos, er schreibt hier keinen literarischen Text. Er erzählt die Begegnung mit einem alten Freund, den er Jahre nicht mehr gesehen hat; er vergleicht dessen Leben mit seinem eigenen, das er verpfuscht glaubt. Er stellt fest, dass sie sich gar nicht so weit voneinander entfernt haben, wie er gedacht hat.

    Meine Leser kennen die Figur Klammer bereits recht gut; sie ist der Protagonist in meinem Roman "Nutzlose Menschen". [..] Auch Favelka und Sontheimer sind alte Bekannte.
    Es kann sein, dass ich an dieser Stelle zu viel voraussetze.

    Ich hoffe, ich konnte dir mit meinen Erläuterungen helfen.

    Klammer
    Aber ein Traum - nikolaus-klammer.blog

  23. #23
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Post AW: Ein kleines Licht (Ausschnitt)

    Liebe Klammer! Also, ich biete Dir an, daß Du mir unter robert@vonwolkenstein.de die gesamte Geschichte schickst, dann schreibe ich Dir nette und liebevoll gefaßte Kommentare und schick sie Dir zurück.
    Hier, im Forum, beschränke ich mich darauf, einzelne Stellen zu betrachten, beispielsweise diese:

    Manchmal wünschte er sich, er würde weniger Lyrik kennen, um unbelasteter schreiben zu können.
    Das ist ein ganz ausgezeichneter Gedanke, der es wert wäre, näher betrachtet zu werden. Aber es gibt da einen Haken: Bist Du schizoid genug, um Dir vorzustellen, wie es wäre, wenn Du diese Texte nicht kenntest? Ist somit diese Bemerkung nicht irreal? Aber sie ist abendfüllend. Man könnte diesen Gedanken zu einer Idee, literarisch in einer Novelle ausarbeiten. Zwei Erzählstränge fallen mir da ein: ein ALS-Ob des Seins und ein ALS-OB des Bewußtseins. Na, reizt es Dich? Mach et und wir machen eine kleine Publikation daraus!
    zweiter Ausschnitt (einen mach ich dann noch):
    ...wo alle Wege sich im Schatten verlieren,
    liegt dichter Nebel zwischen uns.
    Aus einem dunklen Land kommend,
    deckt er dein aschewundes Haar...?
    Bei LAND fehlt ein -e, sonst ist der Rhythmus zerhackt.
    dritte Anmerkung: Zu viele Partizipien! Trenne Dich, wenn es Dir möglich ist, von der Vorstellung, durch Partizip Eins einen stehenden Fluß abbilden zu können, der gleichsam Leben inauguriert.

  24. #24
    Tochter aus gutem Hause
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    Post AW: Ein kleines Licht (Ausschnitt)

    Ich habe mir Zeit gelassen, um zu lesen und zu fühlen. Du hast viel exakt beschrieben, woran ich bisher nur drumherumgedacht habe. Was mich bedrückt, ist die Resignation, der sich Alfons unterwirft. Ich kämpfe noch um den Glauben, daß Selbsterkenntnis der beste Weg zu einer Besserung der Umstände ist. Ich kämpfe, weil ich möchte und noch nicht aufgeben will.
    Grüße an Dich,
    Hannemann

  25. #25
    kls
    Laufkundschaft

    Post AW: Ein kleines Licht (Ausschnitt)

    Hat Dir schon mal jemand gesagt, dass Du ein gewisses dichterisches Talent hast?

    Nein? Also muss ich schon wieder mal ran.

    ...wenn man nicht ALLES selber macht...

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