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Thema: Flohmarkt

  1. #1
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    Post Flohmarkt

    Sie trug ihr grünes Flanellkostüm, das an den Ellbogen schon blanke Stellen aufwies. Den dazu passenden Hut hatte sie etwas zu tief in die Stirn gezogen. Die Füße steckten in altmodischen schwarzen Pumps. Ihre Hände umklammerten den großen Einkaufskorb, als ob sie sich daran festhalten wollte. Die vorweihnachtliche Betriebsamkeit in der Stadt hätte sie normalerweise eingeschüchtert, aber heute war es anders. Sie konnte nicht sagen, was es war. Vielleicht hatte jemand ein Glas zum Klingen gebracht und sie hatte sich von den Schwingungen davontragen lassen. Vielleicht war es das Lied von Schubert, das ihr in den Ohren klang.

    Sie trippelte in kleinen Schritten zum Flohmarkt. Schon von weitem sah sie die verwitterte kupferfarbene Reiterstatue, die die Mitte des Platzes beherrschte. Die darunter in Reihen angeordneten Stände in ihren weißen Baumwollkleidern flatterten fröhlich im Wind. Sie betrachtete die erste Auslage. Auf rotem Samt gebettet lagen unter einer Glasscheibe viele verschiedene Ringe. Normalerweise wäre es ihr nie eingefallen, einen Ring zu probieren, da sie ihrer Meinung nach viel zu dicke Finger hatte. Aber heute wagte sie es. Sie sah den Verkäufer an und dann tippte sie mit ihren Wurstfingern auf einen Ring. Dazu murmelte sie ihm entgegen: „Der mit dem Rubin. Sie müssen wissen, heute ist mein Festtag.“ Der Verkäufer reagierte übermäßig freundlich. Es kam ihr fast komisch vor. „Aber sicher doch Madame.“ Sie wunderte sich, warum er so nett zu ihr war. Sagte aber nichts. Er übergab ihr den Ring. Sie nahm ihn fast zärtlich in die Hand und versuchte, ihn überzustreifen. Er blieb am mittleren Knochen stecken. Sie errötete. Dann sagte sie hastig zu dem Verkäufer: „Packen Sie ihn ein. Er ist ein Geschenk.“ Nachdem sie bezahlt hatte, ging sie weiter, sich fragend, warum sie diesen Ring gekauft hatte. Sie hatte niemanden, dem sie ihn schenken könnte. Seit ihre Mutter gestorben war, war sie alleine.

    Die Schubert-Klänge drängten sich wieder in den Vordergrund. Eine nackte Puppe starrte sie aus leeren Höhlen ohne Augen an. In der Auslage daneben wurde antiker Christbaumschmuck angeboten. Wie verzaubert glitten ihre Augen darüber. Sie könnte ihr, der Nachbarin, einen dieser zerbeulten Engel schenken. Was sie wohl dazu sagen würde? Ob sie es zu schätzen wüßte? Schließlich bepflanzte sie im Sommer ihren Balkon immer mit Reihen von Eisenhut. Diesem Symbol für eine krankhafte Liebe. Vielleicht war sie auch von ihr angetan. Sie erinnerte sich wie, sie eines Nachts aus einem Traum erwacht war, in dem sie von Eisenhut geträumt hatte und daß sie gefühlt hatte, daß sie unten ganz feucht geworden war. Ihr wurde ganz schummrig bei diesen Gedanken. Ihre Augen streichelten den Engel, während sie daran dachte, wie sie über die Wange der Nachbarin strich. Der Kauf des Engels katapultierte sie in Hochstimmung. Ein Stand weiter daneben blitzte das Silberbesteck in der Sonne. Es zog sie wie magisch an. Sie strich mit ihren Fingern über einen verzierten Löffel. Ihr wurde richtig feierlich zumute. Was wohl ihre Mutter dazu sagen würde, wenn sie dieses ausnehmend schöne Besteck mit nach Hause brächte? Wie herrlich könnten sie am Weihnachtsabend zusammen speisen. Sie kaufte das Besteck. Im Weitergehen fiel es ihr wieder ein. Mutter war ja schon tot. Schubert schoß mittlerweile bombastische Klänge durch den Äther. Sie starrte auf die Mitte des Platzes. Die Reiterstatue schien ihr entgegen zu kommen. Hatte sie sich bewegt? Sie schüttelte den Kopf über sich selbst. Ein Trugbild.

    Schnellen Schrittes überquerte sie nun den Platz in Richtung Markthalle. Dort ging sie auf die öffentliche Toilette. Als sie die Tür öffnete, schlug ihr ekelerregender Pißgestank entgegen. Diffuse Angstwellen rollten auf sie herab. Dann kristallisierte sich die Angst. Jemand würde jetzt mit offenem Messer in die Tür treten und sie abstechen wollen. Die Tür öffnete sich tatsächlich. Ein besoffener Penner stand in der Tür. Aber er murmelte nur „Entschuldigung, hab mich wohl in der Tür geirrt.“ Sie wollte ihm etwas entgegnen. Aber ihr Mund war wie zugeschnürt. Die nicht gesprochenen Worte setzten sich als dicke eitrige Blasen in ihren Gehirnwindungen fest. Sie wanden sich in endlosen Strömungen, wobei sie ständig der Deterritorialisierung unterworfen waren, nicht in der schleimigen Gehirnsuppe zu versinken, deren wässrige Ursubstanz sie würde verpuffen lassen. Sie platzten schließlich und setzten sich als flüssiger Strom an ihren Augenlidern fest, um in salzigen Kristallkugeln die Wangen herabzurinnen. Sie kam sich zur Hilfe, indem sie ein Taschentuch aus dem Kostüm holte, welches sie, nachdem sie es vor lauter Hast fast in Stücke zerrissen hätte, an den Augenrändern ansetzte und ihrem Gesicht seine ehemalige tränenlose Gestalt wiedergab. Die eiserne Tür schloß sich mit einem lautem Knall. Sie war wieder allein. Sie beträufelte ihr Gesicht mit lauwarmem Wasser.

    Danach ging sie in die Markthalle. Als erstes fiel ihr ein Stand auf, an dem Eisenhut angeboten wurde. Eisenhut um diese Jahreszeit. Das konnte doch nicht sein. Dies mußte ein Zeichen des Himmels sein. Die Symbolträchtigkeit ließ sie erstarren. Der gesamte Stand schien nur noch aus Eisenhut zu bestehen. Die blauen Blüten der Pflanze tanzten im Kreis vor ihrem Kopf. Die Angst wuchs erneut. Jemand hatte ihre verbotene Leidenschaft erkannt und pflanzte direkt vor ihren Augen Eisenhut. In ihrer Panik abgestochen zu werden, rannte sie in eine Kiste voller Granatäpfel. Das Blut der Früchte sammelte sich auf ihrem türkisfarbenen Kostüm und auf dem Steinboden. Tote Granatäpfel. Tote Liebe dachte sie und rannte weiter. Aber plötzlich stockte sie. In dem Cafe saß..., aber das konnte doch nicht sein. Sie ging hinüber und sagte zu der alten Frau, die alleine am Tisch saß: „Mutter, ich hätte nicht gedacht, dass ich dich einmal wiedersehen würde.“ Sie atmete auf und setzte sich erleichtert. Sie war in Sicherheit. Während sie in ihrem großen Korb wühlte, sagte sie: „Mutter, weißt du ich habe dir einen Ring gekauft. Ein echter Rubin. Und für uns ein wunderschönes Besteck. Wir werden an Weihnachten so richtig feiern.“ Den zerbeulten Engel erwähnte sie mit keinem Wort.

  2. #2
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    AW: Flohmarkt

    Liebes Bowle! Das ist nicht schlecht. Du erzeugst eine Stimmung, hast auch etwas zu erzählen. Das weißt Du aber auch. Dieses Wissen und Deine Hingezogenheit zum Schwatzen machen das Lesen letztlich nicht sehr leicht.
    Mich interessiert das Hinterdendingenliegende, die Gründe fürs Kaufen eines zu kleinen Ringes, was Menschen überhaupt rotwerden läßt und all dieses Zeug eben.
    Ich schlage Dir vor, an diesem Text zu arbeiten.

  3. #3
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Flohmarkt

    Sie trippelte in kleinen Schritten zum Flohmarkt. Schon von weitem sah sie die verwitterte kupferfarbene Reiterstatue, die die Mitte des Platzes beherrschte.

    Wirklich nur die Mitte?

    Die darunter in Reihen angeordneten Stände in ihren weißen Baumwollkleidern flatterten fröhlich im Wind.

    Ich glaube nicht, daß Stände im Wind flattern können.

    Sie betrachtete die erste Auslage.

    Von wo aus gezählt?

    Auf rotem Samt gebettet lagen unter einer Glasscheibe viele verschiedene Ringe.

    Unwahrscheinlich, daß es wenige gleiche sind.

    Normalerweise wäre es ihr nie eingefallen, einen Ring zu probieren, da sie ihrer Meinung nach viel zu dicke Finger hatte. Aber heute wagte sie es. Sie sah den Verkäufer an und dann tippte sie mit ihren Wurstfingern auf einen Ring. Dazu murmelte sie ihm entgegen: "Der mit dem Rubin. Sie müssen wissen, heute ist mein Festtag." Der Verkäufer reagierte übermäßig freundlich. Es kam ihr fast komisch vor. "Aber sicher doch Madame." Sie wunderte sich, warum er so nett zu ihr war. Sagte aber nichts. Er übergab ihr den Ring. Sie nahm ihn fast zärtlich in die Hand und versuchte, ihn überzustreifen. Er blieb am mittleren Knochen stecken.

    "Knochen" paßt nicht zu den vorher erwähnten "Wurstfingern". Außerdem handelt es sich vermutlich um einen "Knöchel".

    Sie errötete. Dann sagte sie hastig zu dem Verkäufer: "Packen Sie ihn ein. Er ist ein Geschenk."

    Nach dem Erröten, oder ist sie immer noch rot?

    Nachdem sie bezahlt hatte, ging sie weiter, sich fragend, warum sie diesen Ring gekauft hatte.

    Grausliche Konstruktion

    Sie hatte niemanden, dem sie ihn schenken könnte. Seit ihre Mutter gestorben war, war sie alleine.

    allein!!!


    Gruß
    K.

  4. #4
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    Talking AW: Flohmarkt

    Lieber Robert,
    schön, daß wir eine Arbeitsgrundlage haben. Meine Worte werden nun auf unwegsames Gelände gleiten müssen, wie du mir voraussagst. Für den Grund "Ihres" Errötens habe ich schon eine Antwort, aber was den Kauf des Rings betrifft, da zögere ich noch. Es ist der manische Zustand, in dem sie sich befindet und der sollte wörtlich eigentlich in diesem Text nicht erwähnt werden. Die Manie geht oft mit einem Kaufzwang "Ich will haben" einher, der wohl daher rührt, daß früher, im Vorleben, große Verluste hinzunehmen waren. Mit anderen Worten eine Verlustangst. Ich werde mich anstrengen, dies in passable Worte zu kleiden. Einfach ist das nicht. Ich hoffe, daß ich den richtigen Weg finden werde.
    Sind dir noch mehr Passagen aufgefallen, in denen mehr Hintergründe aufgerollt werden müssten? Es grenzt ja irgendwie schon fast an Psychologie. Ich bin kein Psychologe und will auch keiner sein. Mein eigentliches Anliegen war, den Zustand zu beschreiben. Ich habe ihn in eine nette Geschichte verpackt, die mir so in meinem richtigen Leben nicht passiert ist. Ich hatte eine gewisse Distanz und das ist auch gut so. Zu starkes Herumrühren würde mir wahrscheinlich auch nicht guttun. Aber ich werde einen Weg finden. Wenn du mir nur noch sagen könntest, welche Hintergründe noch stärker herausgearbeitet werden müssten.

    Liebe Kassandra,
    vielen Dank für deine Anmerkungen. Daß sich immer doch wieder Fehler einschleichen, nervt mich kolossal. Ich werde deine Kritik natürlich positiv in meinem Text aufnehmen. Konkrete Aufmerksamkeit hilft sehr.

  5. #5
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    Talking AW: Flohmarkt

    Kaufzwang wird oft mit " Unbefriedigtsein" erklärt. Drückt sich auch in Kleidung und Haltung aus. So wie Du die Handelnde, Herumirrende, schilderst, drängt sich der Verdacht auf. Ergo: Liebe kaufen!
    Schilder das! Die Dame beschenkt sich selbst, feiert mit sich selbst.

    Frage zur Weihnacht: Machen wir das nicht alle mit unseren Geschenken?

  6. #6
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    Flohmarkt

    Sie trug ihr grünes Flanellkostüm, das an den Ellbogen schon blanke Stellen aufwies. Den dazu passenden Hut hatte sie etwas zu tief in die Stirn gezogen. Die Füße steckten in altmodischen schwarzen Pumps. Ihre Hände umklammerten den großen Einkaufskorb, als ob sie sich daran festhalten wollte. Die vorweihnachtliche Betriebsamkeit in der Stadt hätte sie normalerweise eingeschüchtert, aber heute war es anders. Sie konnte nicht sagen, was es war. Vielleicht hatte jemand ein Glas zum Klingen gebracht und sie hatte sich von den Schwingungen davontragen lassen. Vielleicht war es das Lied von Schubert, das ihr in den Ohren klang.

    Sie trippelte in kleinen Schritten zum Flohmarkt. Schon von weitem sah sie die verwitterte kupferfarbene Reiterstatue, die in der Mitte den Platze beherrschte. Die weißen Baumwollkleider der Stände flatterten fröhlich im Wind. Sie betrachtete die erste Auslage. Auf rotem Samt gebettet lagen unter einer Glasscheibe mehrere Ringe. Normalerweise wäre es ihr nie eingefallen, einen Ring zu probieren, da sie ihrer Meinung nach viel zu dicke Finger hatte. Aber heute wagte sie es. Sie sah den Verkäufer an und dann tippte sie mit ihren Fingern auf einen Ring. Dazu murmelte sie ihm entgegen: „Der mit dem Rubin. Sie müssen wissen, heute ist mein Festtag.“ Der Verkäufer reagierte übermäßig freundlich. Es kam ihr fast komisch vor. „Aber sicher doch Madame.“ Sie wunderte sich, warum er so nett zu ihr war. Sagte aber nichts. Er übergab ihr den Ring. Sie nahm ihn fast zärtlich in die Hand und versuchte, ihn überzustreifen. Er blieb am mittleren Knochen stecken. Sie errötete. Gleich einer Halluzination überwältigten sie die Worte ihrer Mutter: „Sieh zu, daß du immer deine Hände versteckst. Das sind Bauernhände. Die Hände deines Vaters.“ Ihren Vater hatte sie glorifiziert in ihrer Erinnerung. Sie kannte nur noch das schwarz-weiße Bild von ihm, das in goldenem Rahmen im Schlafzimmer ihrer Mutter streng auf sie herabsah, als sie noch klein war. Ein stolzer Offizier in militärischer Uniform mit scharfen Gesichtszügen. Seine Hände waren auf dem Bild nicht zu sehen. Hinweggerissen in ihrem Sog sagte sie hastig zu dem Verkäufer: „Packen Sie ihn ein. Er ist ein Geschenk.“ Nachdem sie bezahlt hatte, ging sie weiter, sich fragend, warum sie diesen Ring gekauft hatte. Sie hatte niemanden, dem sie ihn schenken könnte. Seit ihre Mutter gestorben war, war sie allein. Aber der Kauf hatte sie befreit. Ohne Zweifel. Ein Loch, das sich immer wieder auftat, war gestillt worden. Leider war dieses Loch unersättlich. Sie ging weiter Sätze zu sich sprechend. „Dieses Weihnachten wird ein Fest werden, ein Fest wie ich es noch nie gefeiert habe.“

    Die Schubert-Klänge drängten sich wieder in den Vordergrund. Eine nackte Puppe starrte sie aus leeren Höhlen ohne Augen an. In der Auslage daneben wurde antiker Christbaumschmuck angeboten. Wie verzaubert glitten ihre Augen darüber. Sie könnte ihr, der Nachbarin, einen dieser zerbeulten Engel schenken. Was sie wohl dazu sagen würde? Ob sie es zu schützen wüßte? Schließlich bepflanzte sie im Sommer ihren Balkon immer mit Reihen von Eisenhut. Diesem Symbol für eine krankhafte Liebe. Vielleicht war sie auch von ihr angetan. Sie erinnerte sich wie, sie eines Nachts aus einem Traum erwacht war, in dem sie von Eisenhut geträumt hatte und daß sie gefühlt hatte, daß sie unten ganz feucht geworden war. Ihr wurde ganz schummrig bei diesen Gedanken. Ihre Augen streichelten den Engel, während sie daran dachte, wie sie über die Wange der Nachbarin strich. War sie nicht auch allein? Eine Suchende wie sie? Sie hatte sie noch nie mit einem Mann gesehen. Vielleicht könnte sie es eines Tages wagen, sie anzusprechen. Gegrüßt hatten sie sich ja immerhin schon. Hatte sie in ihrem Lächeln nicht etwas tiefgründigeres entdeckt? Eine Art Aufmunterung, wie „Nun wag es schon!“ Würde nicht auch in ihr eine Saite springen, wenn sie es wagte ihr diese Liebe zu gestehen? Der Kauf des Engels katapultierte sie in Hochstimmung.

    Ein Stand weiter daneben blitzte das Silberbesteck in der Sonne. Es zog sie wie magisch an. Sie strich mit ihren Fingern über einen verzierten Löffel. Ihr wurde richtig feierlich zumute. Was wohl ihre Mutter dazu sagen würde, wenn sie dieses ausnehmend schöne Besteck mit nach Hause brächte? Wie herrlich könnten sie am Weihnachtsabend zusammen speisen. Ihre Mutter, die jedes Dekorationselement auf herrlich gedecktem Tisch, sei es auch nur die Zuckerzange, mit argwöhnischem Blick beobachtete, daß sie ja nicht komme und sie ihrer Funktion beraube und die Finger nähme. Ihre Mutter, die stolz aufrecht mit silbernem Haar am Ende des Tisches thronte und leise, aber bestimmte Anweisungen erteilte, wie sie den Fisch auszunehmen hätte. Diese leuchtend blauen Augen, die sie dann bestraften, wenn sie sich an einer Gräte verschluckte. Sie kaufte das Besteck. Im Weitergehen fiel es ihr wieder ein. Mutter war ja schon tot. Schubert schoß mittlerweile bombastische Klänge durch den Äther. Sie starrte auf die Mitte des Platzes. Die Reiterstatue schien ihr entgegen zu kommen. Sie schien die Gesichtszüge ihres Vaters zu tragen. Vater in stolzer Reiteruniform. Hatte sie sich bewegt? Sie schüttelte den Kopf über sich selbst. Ein Trugbild.

    Schnellen Schrittes überquerte sie nun den Platz in Richtung Markthalle. Dort ging sie auf die öffentliche Toilette. Als sie die Tür öffnete, schlug ihr ekelerregender Pißgestank entgegen. Diffuse Angstwellen rollten auf sie herab. Dann kristallisierte sich die Angst. Jemand würde jetzt mit offenem Messer in die Tür treten und sie abstechen wollen. Die Tür öffnete sich tatsächlich. Ein besoffener Penner stand in der Tür. Aber er murmelte nur „Entschuldigung, hab mich wohl in der Tür geirrt.“ Sie wollte ihm etwas entgegnen. Aber ihr Mund war wie zugeschnürt. Die nicht gesprochenen Worte setzten sich als dicke eitrige Blasen in ihren Gehirnwindungen fest. Sie wanden sich in endlosen Strömungen, wobei sie ständig der Deterritorialisierung unterworfen waren, nicht in der schleimigen Gehirnsuppe zu versinken, deren wässrige Ursubstanz sie würde verpuffen lassen. Sie platzten schließlich und setzten sich als flüssiger Strom an ihren Augenlidern fest, um in salzigen Kristallkugeln die Wangen herabzurinnen. Sie kam sich zur Hilfe, indem sie ein Taschentuch aus dem Kostüm holte, welches sie, nachdem sie es vor lauter Hast fast in Stücke zerrissen hätte, an den Augenrändern ansetzte und ihrem Gesicht seine ehemalige tränenlose Gestalt wiedergab. Die eiserne Tür schloß sich mit einem lautem Knall. Sie war wieder allein. Sie beträufelte ihr Gesicht mit lauwarmem Wasser.

    Danach ging sie in die Markthalle. Als erstes fiel ihr ein Stand auf, an dem Eisenhut angeboten wurde. Eisenhut um diese Jahreszeit. Das konnte doch nicht sein. Dies mußte ein Zeichen des Himmels sein. Die Symbolträchtigkeit ließ sie erstarren. Der gesamte Stand schien nur noch aus Eisenhut zu bestehen. Die blauen Blüten der Pflanze tanzten im Kreis vor ihrem Kopf. Die Angst wuchs erneut. Jemand hatte ihre verbotene Leidenschaft erkannt und pflanzte direkt vor ihren Augen Eisenhut. In ihrer Panik abgestochen zu werden, rannte sie in eine Kiste voller Granatäpfel. Das Blut der Früchte sammelte sich auf ihrem türkisfarbenen Kostüm und auf dem Steinboden. Tote Granatäpfel. Tote Liebe dachte sie und rannte weiter. Aber plötzlich stockte sie. In dem Cafe saß..., aber das konnte doch nicht sein. Sie ging hinüber und sagte zu der alten Frau, die alleine am Tisch saß: „Mutter, ich hätte nicht gedacht, dass ich dich einmal wiedersehen würde.“ Sie atmete auf und setzte sich erleichtert. Sie war in Sicherheit. Während sie in ihrem großen Korb wühlte, sagte sie: „Mutter, weißt du ich habe dir einen Ring gekauft. Ein echter Rubin. Und für uns ein wundersch?nes Besteck. Wir werden an Weihnachten so richtig feiern.“ Den zerbeulten Engel erwähnte sie mit keinem Wort.

  7. #7
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    AW: Flohmarkt

    Sie wanden sich in endlosen Strömungen, wobei sie ständig der Deterritorialisierung unterworfen waren, nicht in der schleimigen Gehirnsuppe zu versinken, deren wässrige Ursubstanz sie würde verpuffen lassen.
    Aua, redest Du auch so?
    Patina, Schatz, Du dichtest diesem Erleben völlig unnötig gequirlte Scheiße an. Ich kann mir durchaus vorstellen, daß Du Dramatik willst, sie lebt auch in deinem Hirn. Nur ständig bedeutungsschwanger rumzusühlen, bringt Dir keinen Glauben, höchstens ungewollte Heiterkeit. Ich erinnere mich, Dir schon einmal geraten zu haben, einfach zu schreiben. Mach das, die Geschichte wäre es wert.
    Wie stillt man ein Loch? Reich mir Deine Brust, ich weiß es zu schätzen. Doch ein Loch?..... Stopf es zu!

    Still die Nachbarin, die feuchte.

  8. #8
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    AW: Flohmarkt

    ganz schön mutig von dir, dich so weit herauszuwagen. lass sie ruhig flattern, die fetzen, das passt schon.

  9. #9
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    AW: Flohmarkt

    So rechte Flohmarktstimmung will mir nicht kommen.
    Ist es möglich, daß Du stelzt? Ich meine, ich sehe hier einen Satz neben dem anderen, aber ein Lebensraum neben dem anderen tut sich mir nicht auf. Das wäre doch wohl die Idee des Flohmarktes? Hibblige Aufgeregtheit angesichts des Vielen, der Verschiedenheiten, ders Trödels, den der Wahrnehmende doch als etwas spürt, was ihm ein Türchen aufstoßen könnte. Türen kommen in dem Text auch zuhauf vor. Wie wäre es: Geh hindurch! Und nimm mich Leser mit!
    Du gehst streng um mit dem Wort, aber ich hege die Befürchtung, daß Du es (durch)brichst. Vielleicht ist es das, was H. so aufbringt.

    Dies meint ein Hüter des Wortes.

  10. #10
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    AW: Flohmarkt

    Danke Euch allen für Eure Anmerkungen.

    Hannemann du hast recht diese Worte wollen wirklich nicht in den Duktus einflieißen. Ich werde es einfacher versuchen. Das mit der Nachbarin, ich weiß nicht. Das bricht der Armen glaub ich das Kreuz. Sie will nicht so recht. Sie will es nicht wirklich machen, will gefangen bleiben in ihrer phantastischen Welt.

    Danke Amico Asmodai, wir bleiben Freunde, gelle?

    Robert, du willst mehr Flohmarktstimmung, da wo sich alte Erinnerungen im Geiste auftun, da wo zeronnene Geschehnisse aufschreien und sich an alten Geschichten lechzen? Keine Angst, die kann ich und werde ich dir servieren.
    Nur jetzt denk ich nur noch an Urlaub...mmmmh

  11. #11
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Flohmarkt

    [..] zum Text:

    Patina, Kind, wenn du dir schon vor der Einkaufstour halluzinogene Substanzen hineinpfeifst, sei so gut und transzendiere die Worte im punktuellen Zusammenhang (hä?) noch viiel mehr. Echt. Dann darfst du mir noch ein bißchen von der reinen Substanz nachreichen, oh herrjeh, gutes Zeug.

    Neidisch und stocknüchtern, h.

  12. #12
    Kurzvormabschussiger
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    Talking AW: Flohmarkt

    Ihre Hände umklammerten den großen Einkaufskorb, als ob sie sich daran festhalten wollte.
    Vielleicht liege ich ja schief, aber hält sich die Gute nicht tatsächlich an ihrem Einkaufskorb fest? Zumindest virtuell?? Das "als ob" klingt für mich wie vortäuschen.

  13. #13
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    Post AW: Flohmarkt

    Sie trippelte in kleinen Schritten zum Flohmarkt. Schon von weitem sah sie die verwitterte kupferfarbene Reiterstatue, die in der Mitte den Platze beherrschte. Die weißen Baumwollkleider der Stände flatterten fröhlich im Wind. Sie betrachtete die erste Auslage. Auf rotem Samt gebettet lagen unter einer Glasscheibe mehrere Ringe. Normalerweise wäre es ihr nie eingefallen, einen Ring zu probieren, da sie ihrer Meinung nach viel zu dicke Finger hatte.
    Gleich zweierlei: NORMALERWEISE ist eine ästhetische Verzcihsterklärung des Autoren; HATTE immer ein Zeichen von Ausweglosigkeit im Schreiben.
    Aber heute wagte sie es. Sie sah den Verkäufer an und dann tippte sie mit ihren Fingern auf einen Ring. Dazu murmelte sie ihm entgegen: „Der mit dem Rubin. Sie müssen wissen, heute ist mein Festtag.“ Der Verkäufer reagierte übermäßig freundlich. Es kam ihr fast komisch vor. „Aber sicher doch, Madame!“ Sie wunderte sich, warum er so nett zu ihr war. Sagte aber nichts.
    So ist’s platt. HAst Du eine Metapher, die’s anschaulicher macht. So ist es nur gesagt, aber künstlerisch ist es nicht. Wundern will ich mich als Leser, aber gesagt werden soll es mir nicht, daß sich jetzt jemand wundert, der irgendwie hinter dem Vorhang steht.
    Er übergab ihr den Ring. Sie nahm ihn fast zärtlich in die Hand und versuchte, ihn überzustreifen. Er blieb am mittleren Knochen stecken. Sie errötete. Gleich einer Halluzination überwältigten sie die Worte ihrer Mutter: „Sieh zu, daß du immer deine Hände versteckst. Das sind Bauernhände. Die Hände deines Vaters.“
    Bei dieser Erinnerung mußt Du jetzt bleiben. Der Vater kann warten, es sei denn, Du findest einen bezug zur Mutter.
    Ihren Vater hatte sie glorifiziert in ihrer Erinnerung. Sie kannte nur noch das schwarz-weiße Bild von ihm, das in goldenem Rahmen im Schlafzimmer ihrer Mutter streng auf sie herabsah, als sie noch klein war. Ein stolzer Offizier in militärischer Uniform mit scharfen Gesichtszügen. Seine Hände waren auf dem Bild nicht zu sehen. Hinweggerissen in ihrem Sog sagte sie hastig zu dem Verkäufer: „Packen Sie ihn ein. Er ist ein Geschenk.“ Nachdem sie bezahlt hatte, ging sie weiter, sich fragend, warum sie diesen Ring gekauft hatte.
    Das weiß der Leser schon längst. Überflüssige Retardation, allerdings mußt Du hier stärker motivieren. Du verschenkst hier Möglichkeiten. Sie hat den Ring. Wie trägt sie ihn davon? Was steht zu befürchten? Was ist das Außerordentliche der Situation? - Mit einer Erinnerung allein ist es hier nicht getan.
    Sie hatte niemanden, dem sie ihn schenken könnte. Seit ihre Mutter gestorben war, war sie allein.
    letzten Satz streichen
    Aber der Kauf hatte sie befreit. Ohne Zweifel. Ein Loch, das sich immer wieder auftat, war gestillt worden. Leider war dieses Loch unersättlich.
    Widerspricht sich.
    Sie ging weiter, Sätze zu sich sprechend. „Dieses Weihnachten wird ein Fest werden, ein Fest wie ich es noch nie gefeiert habe.
    Das ist ein hübscher Wechsel der Stimmung.

  14. #14
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    Post AW: Flohmarkt

    Vielen Dank, lieber Robert, da? du mir soviel Arbeit aufgehalst hast.


    Hallo Robert, hier ist der erste überarbeitete Teil. Ich hoffe, du hast noch Lust und Laune, weiter daran zu arbeiten.

    Sie trug ihr grünes Flanellkostüm, das an den Ellbogen schon blanke Stellen aufwies. Ihre Mutter würde das Kleidungsstück hassen aufgrund seiner Fadenscheinigkeit. Vielleicht hatte sie es gerade deshalb heute ausgewählt. Den dazu passenden Hut hatte sie etwas zu tief in die Stirn gezogen. Die Füße steckten in altmodischen schwarzen Pumps. Ihre teigigen Hände, die ihr wie Bärentatzen vorkamen, umklammerten den großen Einkaufskorb und hielten sich daran fest. Die Leute in ihrer vorweihnachtlichen Betriebsamkeit bildeten einen dichten Pulk durch den sie sich heute durchschieben ließ, ohne Gefahr zu wittern. Sie erinnerte sich, daß sie früher dem Gedränge entflohen war, um sich in ein lebloses Eck zu stellen. Aber irgendwie war heute alles anders. Sie konnte nicht sagen, was es war. Vielleicht war es das Festmahl, das ihr in den Sinn kam. Als die Mutter mit einer leichten Geste der Gabel das Glas in Schwingungen brachte, um eine Rede zu halten. Vielleicht waren es auch Schubert Impromptus, die ihr in den Ohren klangen. Erleichtert nahm sie wahr, daß sie keine Stimmen mehr hörte und nurmehr diese leicht melancholische Musik hörte. Diese abscheulichen Stimmen waren abgestellt. Sie hatten ihr ständig eingesagt, daß sie sich auf den Kirchturm begeben und sich dort hinunterstürzen solle.

    Sie trippelte in kleinen Schritten zum Flohmarkt. Schon von weitem sah sie die verwitterte kupferfarbene Reiterstatue, die in der Mitte den Platz beherrschte. Die weißen Baumwollkleider der Stände flatterten fröhlich im Wind. Sie betrachtete die erste Auslage. Auf rotem Samt gebettet lagen unter einer Glasscheibe mehrere Ringe. Es wäre ihr nie eingefallen, einen Ring zu probieren, da ihrer Meinung nach ihre Finger viel zu dick waren. Aber heute wagte sie es. Sie sah den Verkäufer an und dann tippte sie mit ihren Fingern auf einen Ring. Dazu murmelte sie ihm entgegen: „Der mit dem Rubin. Sie müssen wissen, heute ist mein Festtag.“ Der Verkäufer reagierte übermäßig freundlich. Es kam ihr fast komisch vor. „Aber sicher doch Madame.“ War dies ein Bühnenstück? Sie kam sich so vor, als ob sie ins Rampenlicht gezerrt würde und all diese Leute um sie herum auf ihre Finger starrten, sich dann aber vor Entsetzen abwandten, um dem so überfreundlichen Verkäufer ins Gesicht zu schauen. Sie sagte keinen Ton. Er übergab ihr den Ring. Sie nahm ihn fast zärtlich in die Hand und versuchte, ihn überzustreifen. Er blieb am mittleren Knochen stecken. Sie errötete. Die Leute um sie herum wuchsen sich zu Satyren aus, die über sie herfallen würden. Gleich einer Halluzination überwältigten sie die Worte ihrer Mutter: „Sieh zu, daß du immer deine Hände versteckst. Das sind Bauernhände. Die Hände deines Vaters.“ Sie dachte an die feinen, ja fast adligen Hände der Mutter. Im Alter von blauen Adern durchzogen, aber immer noch so sorgsam gepflegt von Aloe Vera-Hautcremes. Niemand hätte diese Hände von sich weisen können. Ein alternder silbrighaariger Offizier hatte der Mutter, damals, als sie noch klein war, seine Aufwartung gemacht und ihr mit Genuß die Hände geküßt. Hinweggerissen in ihrem Sog sagte sie hastig zu dem Verkäufer: „Packen Sie ihn ein. Er ist ein Geschenk.“ Die Satyre packten wieder zu und beobachteten sie bei dem Kauf. All ihre gräßlichen Augen starrten auf sie herab, als sie die Geldscheine dem netten Verkäufer übergab. Aber diese Gesichter erstarrten, sobald sie den Ring in den Fingern hielt. Er war ihr Schatz, den sie aus den Abgründen geborgen hatte. Gleich einem Vogel flog sie nun, befreit von aller Last und ließ sich wegtragen. Ja, sie war auf einem fliegenden Teppich, dem alten abgerubbelten Perserteppich ihrer Mutter, der im Wohnzimmer lag. Aber wem sollte sie diesen Ring schenken. Sie hatte niemanden, dem sie ihn schenken könnte. Der Kauf hatte sie befreit. Ohne Zweifel. Ein Loch, das sich immer wieder auftat, war gestillt worden. Sie ging weiter Sätze zu sich sprechend. „Dieses Weihnachten wird ein Fest werden, ein Fest wie ich es noch nie gefeiert habe.“

  15. #15
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    Sie trug ihr grünes Flanellkostüm, das an den Ellbogen schon blanke Stellen aufwies. Ihre Mutter würde das Kleidungsstück hassen aufgrund seiner Fadenscheinigkeit.
    Zweimal IHR, außerdem ein Gedankensprung, der Hast ordiniert. Das wirkt aleatorisch, bestenfalls gewollt, was beides nicht gefällt. Mehr Zeit nehmen bei der Setzung der protagonisten, dann aber!
    Vielleicht hatte sie es gerade deshalb heute ausgewählt. Den dazu passenden Hut hatte sie etwas zu tief in die Stirn gezogen.
    Wiederholung der Konstruktion. Die ersten beiden Sätze gleichen sich, die nächsten beiden gleichen sich für sich. Deine Art des Schreibens, immer paarig vorgehen?
    Die Füße steckten in altmodischen schwarzen Pumps. Ihre teigigen Hände, die ihr wie Bärentatzen vorkamen, umklammerten den großen Einkaufskorb und hielten sich daran fest. Die Leute in ihrer vorweihnachtlichen Betriebsamkeit bildeten einen dichten Pulk, durch den sie sich heute durchschieben ließ, ohne Gefahr zu wittern.
    Wieder zu schnell, außerdem verbiegen Deine Nachstellungen den Lesefluß. Es wird aber auch Zeit, den Protagonisten und die eigentluiche Erzählabsicht dem Leser begreiflich zu machen.
    Sie erinnerte sich, daß sie früher dem Gedränge entflohen war, um sich in ein lebloses Eck zu stellen.
    Ein ZU-Satz, außerdem eine Reminiszenz an der falschen Stelle. Hat bestenfalls retardierende Motivationsfähigkeit. Die Handlung erschlafft, bevor sie begann. Schlecht.
    Aber irgendwie war heute alles anders.
    Ganz schlecht. IRGENDWIE-Sätze gehören niemals in eine Exposition. Gräßlich.
    Sie konnte nicht sagen, was es war. Vielleicht war es das Festmahl, das ihr in den Sinn kam.
    merkst Du, wie Du hier schwimmst, um das IRGENDWIE zu modifizieren?
    Als die Mutter mit einer leichten Geste der Gabel das Glas in Schwingungen brachte, um eine Rede zu halten.
    Ist das ein Satz?
    Vielleicht waren es auch Schubert Impromptus, die ihr in den Ohren klangen. Erleichtert nahm sie wahr, daß sie keine Stimmen mehr hörte und nurmehr diese leicht melancholische Musik hörte. Diese abscheulichen Stimmen waren abgestellt. Sie hatten ihr ständig eingesagt, daß sie sich auf den Kirchturm begeben und sich dort hinunterstürzen solle.
    Kommen wir jetzt endlich zu Potte?

  16. #16
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    Wahrscheinlich kommen wir nie zu Potte. An einem Text kann man wahrscheinlich ewig arbeiten. Aber wenn du dieses Tempo auch bei den Brunnengeschichten vorlegst, dann wird das nix bis zur Buchmesse.

  17. #17
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Post AW: Flohmarkt

    Deswegen, Bowle, haben wir auch das Schwarze Pferd. der kann sich dann ums Forum bekümmern, währenddessen ich mich ganztags mit längeren Elaboraten herumschlage.

    Machen wir weiter, meine Liebe! Das kriegen wir doch noch diesen Monat feertig, dieses Textli, gell?
    Sie trippelte in kleinen Schritten zum Flohmarkt. Schon von weitem sah sie die verwitterte kupferfarbene Reiterstatue, die in der Mitte den Platz beherrschte. Die weißen Baumwollkleider der Stände flatterten fröhlich im Wind. Sie betrachtete die erste Auslage. Auf rotem Samt gebettet lagen unter einer Glasscheibe mehrere Ringe. Es wäre ihr nie eingefallen, einen Ring zu probieren, da ihrer Meinung nach ihre Finger viel zu dick waren.
    WäRE - ZU - WAREN ist zu viel; wenigstens eine sprachliche Gehhilfe ummodeln.
    Aber heute wagte sie es. Sie sah den Verkäufer an und dann tippte sie mit ihren Fingern auf einen Ring. Dazu murmelte sie ihm entgegen
    SIE ist überzahlig. ABER ist schlecht. ES ist mäßig. Alles zusammen: bestenfalls mittelmäßig. DAs bekommst Du besser hin. Die Länge der Sätze ist gut. Der Rhythmus auch, daran ändere nichts. Ich weiß, es ist schwer, ein ES zu vermeiden, den Rhythmus beizubehalten und dann auch noch vage zu sein. Versuch es! harhar
    : „Der mit dem Rubin. Sie müssen wissen, heute ist mein Festtag.“
    Hier nimmst Du Spannung. Warum erklärst Du? Hast Du Not? Stell Dir vor, dieser Rubin braucht Raum, sich in der Phantasie des Lesers Platz zu schaffen. Der Verkäufer ist wohl nebensächlich; dem muß man nichts erklären. Oder hat er eine motivische Bedeutung?
    Der Verkäufer reagierte übermäßig freundlich. Es kam ihr fast komisch vor. „Aber sicher doch, Madame.“ War dies ein Bühnenstück? Sie kam sich so vor, als ob sie ins Rampenlicht gezerrt würde und all diese Leute um sie herum auf ihre Finger starrten, sich dann aber vor Entsetzen abwandten, um dem so überfreundlichen Verkäufer ins Gesicht zu schauen.
    Das ist beinahe eine wissenschaftliche Erklärung, die ich nicht sonderlich unterhaltsam finde. Aber ich bin eh ungebildet.
    Sie sagte keinen Ton. Er übergab ihr den Ring. Sie nahm ihn fast zärtlich in die Hand und versuchte, ihn überzustreifen.
    übertreib es nicht mit den erweiterten Infinitiven.
    Er blieb am mittleren Knochen stecken. Sie errötete. Die Leute um sie herum wuchsen sich zu Satyren aus, die über sie herfallen würden.
    Davon mehr. Das müßtest Du aber expositionell aufbauen.
    Gleich einer Halluzination überwältigten sie die Worte ihrer Mutter: „Sieh zu, daß du immer deine Hände versteckst. Das sind Bauernhände. Die Hände deines Vaters.“ Sie dachte an die feinen, ja fast adligen Hände der Mutter. Im Alter von blauen Adern durchzogen, aber immer noch so sorgsam gepflegt von Aloe Vera-Hautcremes. Niemand hätte diese Hände von sich weisen können. Ein alternder silbrighaariger Offizier hatte der Mutter, damals, als sie noch klein war, seine Aufwartung gemacht und ihr mit Genuß die Hände geküßt.
    Ein bißchen schwatzhaft, aber weiter vorn würde es vielleicht gut passen. Vielleicht solltest Du den ganzen text anders aufbauen.
    Hinweggerissen in ihrem Sog sagte sie hastig zu dem Verkäufer: „Packen Sie ihn ein. Er ist ein Geschenk.“ Die Satyre packten wieder zu und beobachteten sie bei dem Kauf. All ihre gräßlichen Augen starrten auf sie herab, als sie die Geldscheine dem netten Verkäufer übergab. Aber diese Gesichter erstarrten, sobald sie den Ring in den Fingern hielt. Er war ihr Schatz, den sie aus den Abgründen geborgen hatte. Gleich einem Vogel flog sie nun, befreit von aller Last und ließ sich wegtragen. Ja, sie war auf einem fliegenden Teppich, dem alten abgerubbelten Perserteppich ihrer Mutter, der im Wohnzimmer lag. Aber wem sollte sie diesen Ring schenken. Sie hatte niemanden, dem sie ihn schenken könnte. Der Kauf hatte sie befreit. Ohne Zweifel. Ein Loch, das sich immer wieder auftat, war gestillt worden. Sie ging weiter Sätze zu sich sprechend. „Dieses Weihnachten wird ein Fest werden, ein Fest wie ich es noch nie gefeiert habe.“
    geht so

  18. #18
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    AW: Flohmarkt

    Nächste Runde:

    Sie trug ihr grünes Flanellkostüm, das an den Ellbogen schon blanke Stellen aufwies. Sie dachte an ihre Mutter. Sie würde das Kleidungsstück hassen aufgrund seiner Fadenscheinigkeit. Hatte ihre Mutter nicht ständig an ihr herumgezerrt? Betrafen ihre Äußerungen nicht ständig unwichtige Äußerlichkeiten? Angefangen von der Kleidung endend bei der Körperpflege, war die Mutter ständig über sie hergefallen und sagte ihr, was ihr an ihrem Auftritt nicht paßte. Gleich einer Halluzination überwältigten sie die Worte ihrer Mutter: „Sieh zu, daß du immer deine Hände versteckst. Das sind Bauernhände. Die Hände deines Vaters.“ Sie dachte an die feinen, ja fast adligen Hände der Mutter. Im Alter von blauen Adern durchzogen, aber immer noch so sorgsam gepflegt von Aloe Vera-Hautcremes. Niemand hätte diese Hände von sich weisen können. Ein alternder silbrighaariger Offizier hatte der Mutter, damals, als sie noch klein war, seine Aufwartung gemacht und ihr mit Genuß die Hände geküßt. Vielleicht hatte sie ja gerade deshalb heute dieses Kostüm aus den Untiefen des Kleiderschranks geborgen, ausgewählt. Den dazu passenden Hut hatte sie etwas zu tief in die Stirn gezogen. An den Rändern ließ er schon Fäden. Die Füße steckten in altmodischen schwarzen Pumps. Die teigigen Hände kamen ihr wie Bärentatzen vor und umklammerten den großen Einkaufskorb. Sie hielten sich daran fest. Die Leute in ihrer vorweihnachtlichen Betriebsamkeit bildeten einen dichten Pulk durch den sie sich heute durchschieben ließ, ohne Gefahr zu wittern. Sie erinnerte sich, daß sie früher dem Gedränge entflohen war. Sie hätte sich in ein lebloses Eck gestellt. Heute war alles anders. Ihr kam das Festmahl in den Sinn, als die Mutter mit einer leichten Geste der Gabel das Glas in Schwingungen brachte, um eine Rede zu halten. Vielleicht waren es auch Schubert Impromptus, die ihr in den Ohren klangen. Erleichtert nahm sie wahr, daß sie keine Stimmen mehr hörte und nurmehr diese leicht melancholische Musik hörte. Diese abscheulichen Stimmen waren abgestellt. Sie hatten ihr ständig eingesagt, daß sie sich auf den Kirchturm begeben und sich dort hinunterstürzen solle.

    Sie trippelte in kleinen Schritten zum Flohmarkt. Schon von weitem sah sie die verwitterte kupferfarbene Reiterstatue, die in der Mitte den Platz beherrschte. Die weißen Baumwollkleider der Stände flatterten fröhlich im Wind. Sie betrachtete die erste Auslage. Auf rotem Samt gebettet lagen unter einer Glasscheibe mehrere Ringe. Normalerweise hätte sie keinen Ring probiert, da Meinung nach ihre Finger viel zu dick waren. Heute wagte sie den Versuch. Ihr Blick fiel auf den Verkäufer und dann tippten ihre Finger auf einen Ring. Dazu murmelte sie ihm entgegen: „Der mit dem Rubin. Sie müssen wissen, heute ist mein Festtag.“ Der Verkäufer reagierte übermäßig freundlich. Es kam ihr fast komisch vor. „Aber sicher doch Madame.“ War dies ein Bühnenstück? Sie kam sich so vor, als ob sie ins Rampenlicht gezerrt würde und all diese Leute um sie herum auf ihre Finger starrten, sich dann aber vor Entsetzen abwandten, um dem so überfreundlichen Verkäufer ins Gesicht zu schauen. Sie sagte keinen Ton. Er übergab ihr den Ring. Sie nahm ihn fast zärtlich in die Hand und wagte ein überstreifen. Er blieb am mittleren Knochen stecken. Sie errötete. Die Leute um sie herum wuchsen sich zu Satyren aus, die über sie herfallen würden. Diese kleinen Erdteufel, die in der Literatur auch schon als Nymphen und Kobolde bezeichnete wurden. Hatte nicht schon Robert Burton in seiner „Anatomie der Melancholie“ davon geschrieben, daß die Häuser saubergefegt werden müssten und daß, wenn ihnen ein Eimer klares Wasser hingestellt würde, man keine Not leiden müsse? Ihre Gesichter wuchsen sich zu häßlichen Fratzen aus. Sie tanzten vor ihrem Gesicht, zupften sie am Ärmel und wollten sie von dem Stand wegschieben. Hinweggerissen in ihrem Sog sagte sie hastig zu dem Verkäufer: „Packen Sie ihn ein. Er ist ein Geschenk.“ Die Satyre packten wieder zu und beobachteten sie bei dem Kauf. All ihre gräßlichen Augen starrten auf sie herab, als sie die Geldscheine dem netten Verkäufer übergab. Aber diese Gesichter erstarrten, sobald sie den Ring in den Fingern hielt. Er war ihr Schatz, den sie aus den Abgründen geborgen hatte. Gleich einem Vogel flog sie nun, befreit von aller Last und ließ sich wegtragen. Ja, sie war auf einem fliegenden Teppich, dem alten abgerubbelten Perserteppich ihrer Mutter, der im Wohnzimmer lag. Aber wem sollte sie diesen Ring schenken. Sie hatte niemanden, dem sie ihn schenken könnte. Der Kauf hatte sie befreit. Ohne Zweifel. Ein Loch, das sich immer wieder auftat, war gestillt worden. Sie ging weiter Sätze zu sich sprechend. „Dieses Weihnachten wird ein Fest werden, ein Fest wie ich es noch nie gefeiert habe.“

  19. #19
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Flohmarkt

    granatäpfel müssen matschreifsein um bluten zu können, dann jedoch kann sie keiner verkaufen.
    sehr fein aber ungeschliffen.
    liebe freunde, wir befinden uns hier auf einer erfreulichen vorstufe zur literatur.
    verdichtung tut not.
    in der grundstruktur muß man sich entscheiden,
    will ich erzählen oder novellieren,
    will ich eleganz oder milieu
    stichwort '...pißgestank...'.
    hier ist substanz, bowle, bau sie aus ...
    stütz das fundament etwas nach, richte den rohbau und korrigiere den dachstuhl...
    hier ist masse und plan für eine gute literarische konstruktion...

  20. #20
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    AW: Flohmarkt

    Hallo Schwarzer,
    der Pißgestank riecht nach Scheiße. Da hast du recht. Aber die Granatäpfel, ja die Granatäpfel, die würde ich gerne behalten. Ist doch solch ein schönes Wort. Auch wenn's nicht der Logik entspricht.

    Hier ein schönes Zitat von Mallarme:
    Rot wie ein offener Granatapfel
    Ist das nicht zum Malen schön? Ein gemalter Satz?

  21. #21
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Flohmarkt

    Ein Stand weiter daneben blitzte das Silberbesteck in der Sonne. Es zog sie wie magisch an. Sie strich mit ihren Fingern über einen verzierten Löffel. Ihr wurde richtig feierlich zumute. Was wohl ihre Mutter dazu sagen würde, wenn sie dieses ausnehmend schöne Besteck mit nach Hause brächte?
    Abschnitt fließt nicht. IHR und ES meiden. Was bedeutet MAGISCH, was FEIERLICH, was AUSNEHMEND SCHÖN, wie VERZIERT ist das Besteck? Das sind Entschuldigungen für eine mißratene Beschreibung, aber keine Beschreibungen.
    Wie herrlich könnten sie am Weihnachtsabend zusammen speisen?
    Wieder so ein Wort, HERRLICH??!!
    Sie kaufte das Besteck. Im Weitergehen fiel es ihr wieder ein. Mutter war ja schon tot.
    DAs solltest Du nicht sagen, nicht hier. Wäre es nicht sehr viel verwirrender, wenn der letzte Satz DEines Textes das durch jemanden dem Leser mitteilte?
    Schubert schoß mittlerweile bombastische Klänge durch den Äther.
    Diesen Satz mag ich nicht. Es liegt daran, daß Sch. natürlich nicht schießt, auch wenn Du es übertragen meinst. Der Verdacht bleibt.
    Sie starrte auf die Mitte des Platzes. Die Reiterstatue schien ihr entgegen zu kommen. Hatte sie sich bewegt? Sie schüttelte den Kopf über sich selbst. Ein Trugbild.
    Letzten Satz streichen.

  22. #22
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    AW: Flohmarkt

    Die Schubert-Klänge drängten sich wieder in den Vordergrund. Eine nackte Puppe starrte ihr aus leeren Höhlen in die Augen. Erschreckt wandte sie sich ab und ging einen Stand weiter. Dort wurde in der Auslage antiker Christbaumschmuck angeboten. Ihre Augen glitten darüber. Sie könnte ihr, der Nachbarin, einen dieser zerbeulten Engel schenken. Was sie wohl dazu sagen würde? Ob sie es zu schätzen wüßte? Einmal war sie im Genuß gewesen, Augenkontakt mit ihr zu haben. Damals waren sie beide auf dem Balkon gewesen. Es war ein kurzer scheuer Blick gewesen, den die Nachbarin auf sie abgeschickt hatte. Leider war die Nachbarin dann schnell wieder ihrem Blickfeld entschwunden und sie wurde hinterlassen mit der Sicht auf die Reihen von Eisenhut, mit der die Nachbarin im Sommer den Balkon bepflanzte. Diesem Symbol für eine krankhafte Liebe. Vielleicht war sie auch von ihr angetan. Sie erinnerte sich an einen Traum. Sie erwachte leicht erregt. Sie hatte von Eisenhut geträumt. Unten war sie ganz feucht gewesen. Ihr wurde ganz schummrig bei diesen Gedanken. Ihre Augen streichelten den Engel, während sie daran dachte, wie sie über die Wange der Nachbarin strich. War sie nicht auch allein? Eine Suchende wie sie? Sie hatte sie noch nie mit einem Mann gesehen. Vielleicht könnte sie es eines Tages wagen, sie anzusprechen. Gegrüßt hatten sie sich ja immerhin schon. Hatte sie in ihrem Lächeln nicht etwas tiefgründigeres entdeckt? Eine Art Aufmunterung, wie „Nun wag es schon!“ Würde nicht auch in ihr eine Saite springen, wenn sie es wagte ihr diese Liebe zu gestehen? Der Kauf des Engels schwang sie in Hochstimmung.

    Ein Stand weiter daneben blitzte das Silberbesteck in der Sonne. Das Leuchten zog sie wie magisch an. Sie strich mit ihren Fingern über einen der mit eingravierten Rosen verzierten Löffel. Sie dachte an ein Festessen. Was wohl ihre Mutter dazu sagen würde, wenn sie dieses Besteck mit nach Hause brächte? Sie könnten am Weihnachtsabend zusammen speisen unter Kerzenbeleuchtung. Ihre Mutter, die jedes Dekorationselement auf herrlich gedecktem Tisch, sei es auch nur die Zuckerzange, mit argwöhnischem Blick beobachtete, daß sie ja nicht komme und sie ihrer Funktion beraube und die Finger nähme. Ihre Mutter, die stolz aufrecht mit silbernem Haar am Ende des Tisches thronte und leise, aber bestimmte Anweisungen erteilte, wie sie den Fisch auszunehmen hätte. Diese leuchtend blauen Augen, die sie dann bestraften, wenn sie sich an einer Gräte verschluckte. Sie kaufte das Besteck. Schubert jagte mittlerweile bombastische Klänge durch den Äther. Sie starrte auf die Mitte des Platzes. Die Reiterstatue schien ihr entgegen zu kommen. Sie schien die Gesichtszüge ihres Vaters zu tragen. Vater in stolzer Reiteruniform. Hatte sie sich bewegt? Sie schüttelte den Kopf über sich selbst.

  23. #23
    resurrector
    Laufkundschaft

    AW: Flohmarkt

    Kann mich an die Arbeit in diesem Ordner noch erinnern. Einerseits stand das BRUNNEN-Projekt im Raum, andererseits war das die Zeit, in der wir auf der Leipziger Messe aktiv waren. Das Schwarze Pferd, mein einstiger Partner, sah in Patina ein literarisches Talent, also trieb er mich an, ihre Text besonders zu bearbeiten. Leider kam es dann doch nicht zu einer Publikation im Frühjahr 2002. Ich war schlichtweg zu langsam.

    Aus heutiger Sicht gesprochen: der Text bleibt unvollkommen und wabert zwischen einer Kurzgeschichte und einem Kalenderblatt hin und her. Zwischen den Zeilen tut sich das Abgründige auf, das Patinas Texte bis heute kennzeichnet.

  24. #24
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    AW: Flohmarkt

    Aber wir haben doch dann später ein Buch gemacht... Amokkoma... der Text ist dort drin!

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