+ Antworten
Ergebnis 1 bis 2 von 2

Thema: Staatsentstehungen in Moderne und Postmoderne

  1. #1
    Resurrector Avatar von aerolith
    Registriert seit
    30.October 1998
    Ort
    Magdeburg
    Beiträge
    4.545
    Blog-Einträge
    35
    Renommee-Modifikator
    26

    Spanien und Brabant

    Der marxistische Historiker Arnold Hauser schreibt über den "Freiheitskampf" der Holländer gegen die Spanier im 16. Jahrhundert:

    "Philipp II., in dessen Regierungszeit die Gabelung der niederländischen Kultur erfolgte, war ein progressiver Herrscher, der die Errungenschaften des Absolutismus, das System des zentralisierten Staates und den Rationalismus eines planvoll geführten Staatshaushaltes, auch in den Niederlanden einführen wollte. Das Land empörte sich dagegen: der Norden mit Erfolg, der Süden erfolglos. Die katholischen südlichen Provinzen [Belgien] lehnten sich gegen die neuen Geldopfer, die die zentralistische Staatsverwaltung von den Bürgern forderte, ebenso erbittert auf wie der protestantische Norden. Das Bürgertum verhielt sich gegenüber Spanien im Anfang überall gleich; und es war diese zünftlerisch und dezentralistisch eingestellte Schicht, die konservativ dachte und fühlte, nicht der in dem Ideenkreis der Staatsraison und des Merkantilismus eingestellte Monarch. Die Bürger wollten v.a. die städtische Autonomie und die damit verbundenen Privilegien bewahren, und darin waren sie im ganzen Land einig. Die Geschichte von den protestantischen und republikanischen Holländern, die sich gegen den katholischen Despoten mit der unbarmherzigen Inquisition und der ruchlosen Soldateska hinter dem Rücken empörten, ist nichts als eine schöne Legende." (Arnold Hauser: Sozialgeschichte der Kunst und Literatur. Dresden 1987. S. 415.)

  2. #2
    Resurrector Avatar von aerolith
    Registriert seit
    30.October 1998
    Ort
    Magdeburg
    Beiträge
    4.545
    Blog-Einträge
    35
    Renommee-Modifikator
    26

    Post Staatsentstehungen in Moderne und Postmoderne

    Es lassen sich für die Zeit nach 1500 (Neuzeit und Postmoderne) drei Methoden (wie etwas entsteht) und zwei Formen (Fixierung dessen, was entstanden ist, in einem Festen) bei der Konstituierung des modernen Staats feststellen:


    I. Methode: Die großen bürgerlichen Revolutionen im Westen Europas führten zur Nationalisierung. England und Frankreich gingen aus ihren bürgerlichen Revolutionen als gestärkte bürgerliche Nationalstaaten hervor. Die Nation bildete sich als die Gesamtheit vereinigter Individuen verschiedener Nationalitäten (wobei eine die Mehrheit bildete), die unter einem gemeinsamen Gesetz stehen und durch dieselbe gesetzgebende Versammlung vertreten werden. Der frühneuzeitliche Nationalstaat der westeuropäischen Nationen entstand aus einer innerstaatlichen Revolution, in der die Mehrheit der Besitz-Bürger (das einfache Volk blieb meist unpolitisch) eines bereits bestehenden Staates ihre politischen Werte zu denen des gesamten Staates machte. Dieses Besitzbürgertum usurpierte die Mehrheit für ihre politischen Ziele (Macht und Erweiterung derselben nach außen) und entwickelte den Begriff der „Nation“ oder des Volkswillens als eines Kardinalbegriffs der politischen Willensbildung für den übergroßen Teil der Bevölkerung, wobei dieser übergroße Teil von der politischen Willensbildung weitgehend ausgeschlossen blieb.

    In England blieb das Königtum nominell an der Spitze des Staates, allerdings aber ist der heute gebräuchliche Beisatz REPRÄSENTATIV Ausdruck der tatsächlichen politischen Machtverhältnisse, die eben nicht mehr (seit dem 17. Jahrhundert) beim englischen Königtum liegen, sondern auf das besitzende Bürgertum, ca. 3 bis 5% der Bevölkerung, übergingen, das in Anspruch nahm, dem Volkswillen zu entsprechen.
    In dieser Phase der Umgestaltung der (mittelalterlichen) Gesellschaft wurde das Prinzip der Volkssouveränität politisches Thema und scheinbar mit die Ausbildung bürgerlicher Nationalstaaten in England, Frankreich oder Holland umgesetzt.

    II. Methode: Hier bilden sich Nationalstaaten aus staatlich voneinander getrennten Gebilden, die ihre staatliche Zerrissenheit überwinden wollen. Diese Revolution zerstört den vorhandenen Staat, auf dessen Gebiet sich ein Teil eines neuen Staates bildet und zusätzlich noch von anderen Staaten Gebiete einfordert, auf denen zum Staatsvolk des neuen Staates gehörige Menschen wohnen.

    Zu dieser Phase gehör(t)en die Einigungsbewegungen Italiens und Deutschlands. Die Nation ist vor dem Staat. Das Bewußtsein der die Revolution tragenden Menschen definiert sich über Sprache, gemeinsame Abstammung, gemeinsame Geschichte oder Kultur. Italien und Deutschland sind Länder größter politischer Zerrissenheit gewesen, dennoch trug die Deutschen wie die Italiener über Jahrhunderte hinweg der unpolitisch gemeinte Gedanke ihrer selbst als Kultur- beziehungsweise Sprachgemeinschaften. Goethe fuhr eben nach Italien, obwohl es dieses im Grunde genommen als Staat gar nicht gab. Giordano Bruno flüchtete vor der Inquisition aus Italien nach Deutschland, nicht ins Reich, zu dem er eigentlich nominell als Staatsbürger gehörte. Es entwickelte sich in Italien wie in Deutschland der Humanismus auf diesem Boden einer idealistischen Verbundenheit der Völker über Staatsgrenzen hinweg. Daraus wuchs der Wunsch nach einem allgemein faßbaren Grundsatz politischer Willensbildung, einem Staat, in dem der Wille der übergroßen Mehrheit Gestalt finden sollte.
    Daß in Deutschland (aber auch in Italien) damit gegen ein Grundprinzip deutschen Selbstverständnisses, das der Prämisse der Freiheit gegenüber machtpolitischem oder wirtschaftlichem Kalkül, politisiert wurde, ist nicht zuletzt im 20. Jahrhundert diesen Nationalstaaten zum Verhängnis geworden.


    III. Methode: Die entstandenen Nationalstaaten Westeuropas konzentrierten ihre Landerwerbungen seit dem 17. Jahrhundert auf Gebiete außerhalb Europas. Die Engländer hatten sich Irland, Wales und Schottland einverleibt und nannten sich Großbritannien, die Franzosen Teile des Baskenlandes, Italiens, die Bretagne und den deutschen Elsaß, dazu das zweisprachige Lothringen. Dabei blieb es vorerst. Ihre Orientierung richtete sich auf Afrika, Asien oder Ozeanien. Den Amerikanern stand ein Kontinent zur Verfügung, daher drangen sie nicht nach außen. Im Osten Europas existierten um 1850 drei Großreiche, in denen viele Nationalitäten mehr oder weniger schlecht zusammenlebten:


    • Rußland;
    • das osmanische Imperium und
    • Österreich-Ungarn.


    In diesen Großreichen entstand bei den „unterdrückten“ Völkern ein Bewußtsein gegen den sie beherbergenden Staat. Der bestehende Staat ist das Fremde und der Gewaltträger, gegen den man sich erheben muß, um selbständig zu werden, selbst eine Macht aufzubauen. Das bedeutet im Unterschied zu den Deutschen und Italienern, daß sich osteuropäische Nationalstaaten aus Großreichen bildeten. Das ist die Entstehung aus der Abtrennung, der Sezession.

    Somit können zu diesen drei Methoden der Entstehung eines modernen Staates zwei Formen zugeordnet werden, die diese Entstehung sichern sollen:

    1. Form: Der Verfassungsstaat

    Der Verfassungsstaat definiert sich über eine Verfassung, der seine Mitglieder zustimmen. Sprache oder Rasse spielen beim Zusammenschluß keine bedeutsame Rolle. Die „Nation“ definiert sich über Regeln, eine Verfassung, Gesetze oder eine gemeinsame Geschichte. Beispiele hierfür sind u.a. die Vereinigte Staaten, Frankreich oder Indien. Fundamental ist hierbei die Forderung nach Gleichheit, über die sich das einzelne Mitglied aufgehoben fühlen kann, weiterhin bedarf die Verfassungsnation eines funktionierenden Rechtsapparates, der garantiert, daß jedes einzelne Mitglied Klage erheben kann. Die Konstituierung rechtsgleicher Bürger (Volkssouveränität) führt so zu einem Zusammenfallen von Staat und Nation.

    Das größte Problem hierbei besteht zumeist darin, daß die Menschen aufgrund ihres engen Denkens sich nicht in der Lage sehen, den allgemeinen Bestimmungen eines höheren Menschseins – Toleranz, tätiges Miteinander, Verantwortlichkeit – auf einen größeren Gesichtskreis auszuweiten. So nimmt es nicht wunder, daß ausgerechnet in den genannten Nationalstaaten algerische Franzosen, negride Amerikaner, buddhistische Inder in eben ihren Vierteln leben, in die ANDERE nicht eingelassen werden, wodurch ein Austausch zwischen den „Nationen“ innerhalb der einen Verfassungsnation quasi nicht stattfindet.

    2. Form: Der Nationalstaat

    Das gemeinsame Bindeglied ist die Sprache, das Herkommen und die gemeinsam erlebte Geschichte. Der Staat hat hier keine bedeutsame Funktion, er besitzt nur Aufgaben der Verwaltung. Ziel dieser Staatsform ist es, alle Gleichsprachigen unter einem politischen Gesamtausdruck (Großstaat) zu vereinigen.
    Diese Idee ist bedeutsam in Deutschland, Italien oder Polen geworden. Wilhelm Jordan hat 1848 in seiner berühmten Polenrede in der Frankfurter Paulskirche die Grundgedanken dieser Idee wie folgt zusammengefaßt:
    „Jeder ist ein Deutscher, der auf deutschem Gebiet wohnt... Er [der Begriff der Nation] hat sich völlig verändert, die Nationalität ist nicht mehr begrenzt durch die Abstammung und die Sprache, sondern ganz einfach bestimmt durch den politischen Organismus, durch den Staat. Die Engländer, Schotten und Iren bilden alle zusammen eine Nation. Sie fassen sich zusammen zur britischen Nation, und mit demselben Recht können wir sagen: Alle, welche Deutschland bewohnen, sind Deutsche, wenn sie auch nicht Deutsche von Geburt und Sprache sind. Wir dekretieren sie dazu, wir erheben das Wort ‚Deutscher’ zu einer höheren Bedeutung und das Wort ‚Deutschland’ wird fortan ein politischer Begriff.“
    Wir sehen an dieser Rede, daß sich die Deutschen, bis 1848 jedenfalls, über Sprache und Abstammung bestimmten, ihr Deutschsein darüber festmachten. Der Nationalstaat hatte für die klassischen Deutschen in allererster Linie etwas mit Machtstaat zu tun. Der Goethe-Freund Luden (sein Denkmal steht in Jena vor der Universität) lehrte, daß nicht Friede und Ruhe, sondern Kampf, Sorge und Reibung das Schicksal des echten Nationalstaates sei. Das war die allgemeine Meinung, sie erschien den Denkern zwangsläufig, daran mochte auch Hegels Lehre vom Staat als der Mutter alles Daseins nichts ändern.
    Um 1850, als es historisch darum ging, Nationalstaaten in Mitteleuropa zu formieren oder aber den alten Reichsgedanken eines unilateralen Machtblocks durchzusetzen, bestimmte Jordan den Nationalstaat über einen geographischen Begriff. Das könnte eine Fehlentwicklung einleiten, wenn die fremdsprachigen Bewohner „Deutschlands“ nunmehr dazu gezwungen worden wären, deutsch als ihre eigentliche Umgangssprache zu benutzen.
    Die Paulskirchendemokraten beziehungsweise –liberalen [1] aber wollten hier jeglichem Druckmittel der Mehrheit gegenüber der Minderheit Vorschub leisten und bestimmten im § 188 einer künftigen deutschen Verfassung, daß die nicht deutsch redenden Volksstämme Deutschlands in ihrer volkstümlichen Entwicklung das Recht der Gewährleistung erhalten sollen.




    [1] Ein Prinzip der Liberalen und zugleich ihre machtpolitische Grenze: Sie konnten nicht zugeben, daß Verfassungsfragen nicht Rechts-, sondern Machtfragen seien und entsprechend geradliniger Behandlung bedurften. Wegen dieser politischen Insuffizienz und dem daraus folgenden Lavieren waren sie konservativen Machtpolitikern wie Bismarck, aber auch sozialistischen wie Marx oder Lassalle zuwider.

+ Antworten

Stichworte

Lesezeichen

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Nein
  • Themen beantworten: Ja
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •