Im Frühjahr 1848 wählten die Deutschen drei Parlamente, eines in Frankfurt/Main, eines in Berlin und eines in Wien. Das in Frankfurt/Main sollte allen Deutschen eine Verfassung geben, das in Berlin den Preußen, das in Wien den Österreichern. Geschwind erkannte man, daß eine Verfassung für alle Bewohner des Deutschen Bundes die Nationalitätenfrage lösen mußte. In Frankfurt/Main diskutierten darum die Abgeordneten erst einmal, was Deutschland eigentlich sei. In Berlin und Wien mußte auf die Nationalitäten innerhalb der jeweiligen Staatsgebiete Rücksicht genommen werden und zugleich durfte preußisches beziehungsweise österreichisches Recht nicht dem für alle Deutschen geltenden widersprechen.
1848 zeigte sich die Brisanz der deutschen Frage [1] in der Auseinandersetzung mit Dänemark. Dänemark beherrschte Schleswig und Holstein, wo viele Deutsche lebten. Da das dänische Königshaus ohne männlichen Erben bleiben würde, forderten die Schleswiger und Holsteiner, daß ihre Herzogtümer fortan von einer deutschen Nebenlinie des dänischen Königshauses beherrscht werden sollten. Das fand auch die Zustimmung des dänischen Königshauses, nicht jedoch die der meisten Dänen und wichtigsten ausländischen Mächte, die Dänemark in seiner Form erhalten wollten. Zeitgleich beschloß das dänische Parlament eine demokratische Verfassung. Diese Verfassung bestärkte diejenigen, die Schleswig und Holstein für Dänemark kriegerisch behaupten wollten. Die Deutschen in Schleswig und Holstein griffen zu den Waffen, um ihre Unabhängigkeit zu erkämpfen. Aus Deutschland eilten Freiwillige nach Schleswig, wurden aber von den regulären dänischen Truppen besiegt. Das bedeutete aber nicht das Ende, denn nun bestürmten deutsche Patrioten den preußischen König, der ihrem Drängen nachgab und Truppen schickte. Die verjagten die Dänen aus Schleswig und Holstein. Doch nun meldeten sich die europäischen Mächte, verlangten den Abzug der preußischen Truppen und drohten mit Krieg gegen den Deutschen Bund.

Die nationale Richtung, welche Deutschlands Einheit will [die großdeutsche Lösung] hat die vorhandene soziale Bewegung als das untergeodnete betrachtet und einen Teil ihrer besten Kraft verbraucht, um sich ihrer zu erwehren. Die soziale Richtung hat die politische zum Teil verachtet, zum Teil verkannt und sich von ihr getrennt. Dadurch sind beide in ihrer besten Kraft gebrochen; und in diesem Verhalten liegt der wahre Kern der Geschichte des deutschen Parlaments in Frankfurt. (Lorenz Stein: Geschichte der sozialen Bewegung. Band I. S. CXXXVI.)

An dieser Stelle wurde das Außerordentliche der deutschen Frage deutlich: Was sich Briten, Franzosen oder Russen für ihre Länder verbeten hätten, daß sich nämlich Ausländer in ihre inneren Angelegenheiten mischten, für die deutschen Angelegenheiten nahmen sie es in Anspruch. Schon daraus erhellt die Sonderstellung der Deutschen in Europa, die Besonderheit ihres historischen Weges. Rußland, England und Frankreich standen einig gegen die Deutschen, sobald diese auch nur den Anschein erweckten, ihre innere Zerrissenheit überwinden zu können. Die Einmischung erfolgte aus Angst, daß die Deutschen, in einem Staat zusammengefaßt, zur stärksten Nation werden könnten, was unweigerlich zu Verwerfungen innerhalb der europäischen Mächtekonstellation hätte führen müssen und damit für jede der genannten Mächte mit Machtverlust verbunden gewesen wäre.
Der englische Außenminister Palmerston unterstützte anfangs die Deutschen in ihrem Bestreben, einen Staat zu bilden, denn den könnte England benutzen, um Rußland in Schach zu halten und Frankreichs Kräfte zu binden. Palmerstons Engagement hielt, solange die Deutschen ohne Flotte dastanden. Als die Nationalversammlung in Frankfurt/Main über diesen Punkt diskutierte, schickte er eine Drohung und änderte seine Politik. Nunmehr galten ihm die Deutschen als eine Bedrohung, die eine diesbezügliche Behandlung als Friedensstörer, will heißen als jemand, der die englische Vorherrschaft zur See gefährden könnte, erfuhren.
Währenddessen tagten die Parlamente, um die Verfassungen zu schaffen. In Wien waren 393 Abgeordnete versammelt, darunter 94 Analphabeten, die kein Wort deutsch verstanden. Alle Verhandlungen mußten ins Polnische, Italienische, Ruthenische (Weißrussische) und Tschechische übersetzt werden. Die Ausländer im Wiener Parlament besaßen kein Interesse an einer deutschen Verfassung. Sie interessierte die Abschaffung feudaler Lasten. Diese wurde beschlossen, wobei die ehemaligen Grundherrn keine Entschädigung erhielten. Zeitgleich tobte in der ungarischen Reichshälfte der Kampf der Ungarn gegen Kroaten, Serben und Rumänen. Diese wollten Hilfe von den deutschen Österreichern. Es ging hin und her. Im Parlament wurde geschwatzt, ohne Einigungen zu erzielen, vor der Toren der Stadt zog Fürst Windischgrätz kaisertreue Truppen zusammen (meist Tschechen, Slowenen und Kroaten) und wartete auf ein Zeichen, um die Stadt von den Demagogen zu befreien, wie er sich ausdrückte. Ein Anlaß fand sich, Windischgrätz rückte in Wien ein. Drei Wochen kämpften die Wiener gegen die eigene Armee, dann gaben sie auf. Der Anführer des Straßenkampfes, der Paulskirchenabgeordnete Robert Blum, wurde erschossen. Der österreichische Reichstag wurde aus Wien ins Städtchen Kremsier verbannt, sämtliche Minister entlassen und durch restaurative Kräfte ersetzt. Fürst Schwarzenberg saß dem Ganzen vor.

„In vielen Depeschen wird das Parlament dazu aufgefordert, daß wir ein neues Reich schaffen müssen, daß wir es auf die Gefahr hin schaffen müssen, mit der ganzen Welt in Krieg zu kommen, um ein einiges Deutschland zu werden. – Wir sind die Söhne der Männer, welche bei Roßbach, Fehrbellin und an der Katzbach ihr deutsches Blut vergossen haben und werden auch hier für Deutschland einstehen, wenn wir einen Krieg mit Dänemark, ja mit ganz Europa führen sollten.“ (aus einer Rede des Abgeordneten Jacob Venedey am 14. September 1848 in der Paulskirche)

In Preußen trat die preußische Nationalversammlung am 22.5.1848 zusammen und beratschlagte erst einmal ihre Kompetenzen. War sie berechtigt, eine Verfassung zu schaffen? Welche Rechte besaß der König? Gerade in Berlin wurden die wirklichen Machtverhältnisse von den Abgeordneten völlig verkannt. Solange die preußischen Offiziere sich an den König gebunden fühlten, solange konnte den König auch kein Eid von seinen Offizieren trennen. Die Parlamentarier verlangten vom König diesen Eid auf eine zu schaffende Verfassung und strichen das Gottesgnadentum des Königs. Zeitgleich wollten sie Bürgerwehren bewaffnen und forderten die Offiziere auf, sich bei Zusammenstößen zurückzuhalten. Der König widersetzte sich. Die Volksbewaffnung folgte.
Zeitgleich kam es in Posen (wo ein starker Bevölkerungsanteil polnisch war) zur Bewaffnung der Polen, die einen Krieg gegen den Zaren führen wollten und einen polnischen Nationalstaat forderten. Auch Posen sollte dazugehören. Nur lebten in Posen viele Deutsche, die so unter polnische Hoheit gekommen wären. Es waren polnische Bauern, die hier die preußischen Truppen unterstützten und die Erhebung polnischer Separatisten niederwarfen. Die Reformen von 1808 hatten auch diese polnischen Bauern befreit und sie mußten befürchten, daß unter einem polnischen oder gar russischen Staat ihre Freiheiten wieder rückgängig gemacht werden würden, also kämpften sie für Preußen. Überall in Preußen verbündeten sich die freien Bauern mit ihren Junkern gegen die städtischen Demagogen.
Während sich so in Preußen allmählich das Kräfteverhältnis (beinahe unblutig) zurück auf die Königsseite verschob, hatten die österreichischen Militärs ohne Bauernunterstützung die Lage in Wien wieder unter Kontrolle. Das brachte die Frankfurter Nationalversammlung auf, die nun von Preußen verlangte, in Wien zu intervenieren. Der preußische König reagierte wie folgt:


  • Ernennung eines königstreuen Generals zum preußischen Ministerpräsidenten, Graf Brandenburg;
  • Verlegung des preußischen Parlaments nach Brandenburg;
  • Einrückung von General Wrangel mit starken Verbänden nach Berlin, 10.11.1848.


Es gab in Berlin, anders als in Wien, kaum Straßenkämpfe. Wrangel schloß das Parlamentsgebäude ab, ließ sich einen Kaffee kommen und setzte sich vor das Gebäude, weiteres abwartend. Das Weitere folgte nicht. Die preußischen Revolutionäre gingen fortan wieder ihrer Arbeit nach und beschlossen, keine Steuern zu zahlen. Das war's.
Der König kam nun der Aufforderung von vor der Revolution nach und erließ eine Verfassung.
In Frankfurt/Main aber ging es um das ganze Deutschland. Es waren schlaue und geschwätzige Männer versammelt, die jedoch nicht besonders klug waren und die wahren Machtverhältnisse nicht erkannten. Mancher von ihnen belächelte das Volk, das wiederum war entweder in nationalen Fragen gleichgültig oder vegetierte stumpf vor sich hin [2]. Die meisten Parlamentarier mißtrauten Fürsten und Militärs. Die meisten Deutschen erwarteten sich von den Fürsten die Lösung ihrer Lebensprobleme oder vertrauten Gott. Zudem gab es in Deutschland eine starke konservativ-partikularistische Tradition, besonders im Süden und Westen. Gerade dort fürchtete man die absolutistischen Geneigtheiten Preußens. Die Katholiken wollten kein protestantisches Kaisertum, die Protestanten und Liberalen waren sich über die Staatsverfassung überhaupt nicht einig. Man einigte sich auf Johann von Österreich als Reichsverweser, quasi als Schutzherr der Versammlung. Es gab keine Parteien, insofern ähnelte die Paulskirchenversammlung derjenigen in der Französischen Revolution. Aber die Gleichen fanden einander und saßen entsprechend ihrer Gesinnung rechts beziehungsweise links vom Rednerpult. Daraus hat sich bis heute der Begriff des Rechten beziehungsweise Linken ergeben, denn rechts saßen die eher konservativen, links die gesellschaftskritischen Vertreter. Alle Vertreter hatten ihre Mandate direkt vom Volke bekommen, wobei es in Deutschland keine Einschränkung des Wahlrechts wegen unterschiedlichen Besitzstandes gab – das kam erst später. Es ging um eine deutsche Verfassung, um den Schutz Deutschlands nach außen und innen, um Bürger- und Menschenrechte. Die Mandateure in der Paulskirche diskutierten und verwechselten die politische Bühne mit der akademischen ihrer Hörsäle, aus denen sie meist ohne jede politische Erfahrung nach Frankfurt/Main geeilt waren. [3] Währenddessen gab es den Krieg in Schleswig-Holstein, den Preußen am 26.8.1848 mit einem Waffenstillstand abschloß, der von vielen kritisiert wurde.

„Ein andermal stand ich bei einem Rout [Ausritt, Spaziergang] zufällig vor einer der großen blauen Vasen der Berliner Porzellanmanufaktur, wie sie der König an Personen, denen er seine geneigte Gesinnung bezeigen wollte, zu verschenken pflegte; plötzlich klopfte mir der Statthalter [Manteuffel] auf die Schulter mit den Worten: 'Ich will Ihnen erzählen, wie ich zu der Vase gekommen bin. Die Revolution war in Berlin ausgebrochen und der König ratlos. Da befahl er, daß alle Männer von irgendwelchem Rang in einem Saal des Schlosses [Berliner Stadtschloß] zusammenkommen sollten. Als alle versammelt waren, trat der König ein und bat einen jeden, der einen Rat wisse, zu reden. Aber alle, Minister und Generäle, schwiegen. Da trat ich vor und sagte: „Da alle schweigen, erlaube ich mir, Ew. Majestät zu bemerken, daß Heinrich IV. [französischer König um 1590; Bartholomäusnacht] seine Armee aus Paris zurückzog, um Paris zu erobern.“ Darauf sah der König mich an, und wir wurden sämtlich entlassen. Als dann Wrangel Berlin wiedererobert hatte, schickte mir der König diese Vase mit einer Karte, auf der stand: „Friedrich Wilhelm IV. schickt dem Rittmeister von Manteuffel diese Vase, weil Heinrich IV. seine Armee aus Paris zurückzog, um Paris wiederzuerobern.“'“ (Lujo Brentano: Elsässer Erinnerungen. Berlin 1918. S. 14.)


[1] Die „deutsche Frage" umschließt das Problem, ob das stärkste europäische Volk in einem Nationalstaat leben dürfe. Im wirtschaftspolitischen Kern umfaßt sie zusätzlich das Problem, mit wem Handel getrieben wird, wo und wie also deutsche Produkte verkauft und bezahlt werden.

[2] Ein im Juli 1848 in Frankfurt/Main tagender Handwerker- und Gewerbekongreß sprach sich für die Wiedereinführung des Zunftwesens aus, lehnte jede Form von Gewerbefreiheit, Sozialismus und Kommunismus ab und trat für ein Kaisertum ein, wie es vor 1806 bestanden hatte. – Das war des Volkes und der Wirtschaft Stimme.

[3] …auch das, was ihr oft vorgeworfen wird, die monatelangen Debatten über die Grundrechte, ist nicht ohne praktischen Nutzen geblieben: es war höchst bedeutsam, daß die zu lösenden Probleme in breitester Öffentlichkeit weitgehend erörtert wurden; und indem die in der Versammlung lebenden Ideale sich auf weitere Kreise übertrugen, wurde ihre Verwirklichung, zu der auch die Kraft noch nicht ausreichte, für die Zukunft erleichtert. (Wolfgang Windelband)