+ Antworten
Ergebnis 1 bis 7 von 7

Thema: Kneipenfragment

  1. #1
    ziner
    Laufkundschaft

    Post Kneipenfragment

    Nach eines langen Tages Müh, begab ich mich mal wieder in den sozialen Brennpunkt meines Daseins. Hockte im stillen Zwiegespräch mit meinem schwarz-cremigen Freund Arth Guinness, im Auge des Tornados und versuchte, ihm einige Weisheiten aus dem Leib zu leiern, die er mir - wie immer - verweigerte. Im Gegenteil. Je mehr ich ihn befragte desto mehr ging die mir bis dahin bekannte Welt im Nebel des Zweifels und der Unsicherheit verloren - denn nie sollst du mich befragen. Löste sich in ein schwarzschimmerndes Fragezeichen auf, überließ mir nichts als eine Abo-Karte beim Apotheker meines Vertrauens. Auch an diesem Abend hüllte sich mein Freund in beharrliches Schweigen. Stattdessen stellte er sich vor mir in Pose, und war so attraktiv wie Josefine Baker in ihren besten Tagen, so hilfreich wie Mata Hari, sah aus wie ein blond gefärbter Denis Rodman und hatte die Anziehungskraft eines Schwarzen Loches. In dieses ließ ich mich fallen und wurde größer, länger, breiter. Die Zeit dehnte sich, schien endlich stillzustehen, um dann rückwärts zu gehen. Nicht umsonst gibt es diese berühmten gegenläufigen Kneipenuhren. Ich fiel, und fiel. Um mich herum war die Stimmung gelöst. Aus den Lautsprechern, die an der Decke hängen - wahrscheinlich seit den frühen siebziger Jahren, so wie die Dinger klingen - dröhnte Musik aus den Mittsiebziegern. Maike, die blonde - ehemals brünette - Tresenkraft, eierte auf auf Plateausohlen aus den späten Siebzigern durch die Gegend. Ich fragte mich, ob das Not oder Tugend war. Ob wir mit diesen Retro-Trends malträtiert werden, damit wir glauben können, man ließe uns Gelegenheit, uns an - vermeindlich - bessere Zeiten erinnern können. Zeiten, zu denen die meisten hier noch nicht einmal einen Lolly halten konnten. Ab und zu tauchte aus der Geräusch-Fassade, ein spitzes Lachen auf. Das ist Netty. Annette, eine rothaarige Schönheit, die hin und wieder - das "wieder" richtet sich nach dem Grad der Aufmerksamkeit, die ihr bei ihrem letzten Besuch zuteil wurde - die also gelegentlich "den Club" besucht. Dann allerdings meistens bis in die frühen Morgenstunden. Und sie ist eine Schönheit - das ist nicht zu bestreiten - nach formalen und ästhetischen Gesichtspunkten. Ungefähr einssiebzig groß, etwa fünfundfünfzig Kilogramm schwer. Schlanke Fesseln, einen geraden Gang und einen Hintern zum steinerweichen - besonders, wenn sie eine dieser Markenjeans trägt, für die es fünfhundert und einen guten Grund gibt sie nicht zu tragen. Daneben nennt sie eine wohldimensionierte, handliche Oberweite ihr Eigen. Das wird - vorallem im Sommer - deutlich, wenn sie entscheidet, keinen BH nötig zu haben. Rund und - wahrscheinlich - fest, trotzen ihre zwei Handvoll der Schwerkraft. Eine Erscheinung also, die den guten alten Moses zum Berserker hätte werden lassen - vonwegen: nicht-des-Nächsten-Weib und so. So wohlproportiorniert, Leonardo hätte seine helle Freude gehabt. Auf ihrem Gesicht findet sich stets ein etwas überraschter aber gerader, neugieriger Ausdruck und über den slavisch anmutenden Jochbeinen ruhen Augen, die die Farbe von ungeschliffenen Smaragden haben. Unter der geraden Nase, auf der sich Legionen von kleinen Sommersprossen niedergelassen haben, trägt sie ein Lächeln voller ebenmäßiger, wunderschöner Zähne. Doch wehe, wenn sie den Mund aufmacht. Frau Morgenstund hat nicht ein Gran Gold im Mund. Nicht nur, daß diesem fein ziselierten Mund unablässig inhaltsloses Geplapper entströmt, ihr Lachen ist ein Anschlag auf die guten Sitten. Pretty-Netty lacht nicht. Sie gackert. Ein scharfes nasales a-a-a-ahh-ahh-ahh... Ein Geräusch, das Weltherrschaft beansprucht. Ein Gackern, das jeden anderen Ton in den Hintergrund drängt. Ein Lachen, das Messmer auf den Berg treibt, den Yeti schaudern läßt. Ein Lachen wie Free-Jazz - man kann es hören, aber nicht lange, und auch nur, um seine Toleranz zu beweisen. Aber, wer unter euch ohne Makel ist, werfe als erster das Handtuch. Nobody is perfect. Am Nachbartisch fand sich ein Trupp unausgegorener, sehr kurzhaariger Schreihälse, die sich gegenseitig, mit ihren mobilen Telefonier-Modulen zu beeindrucken trachteten. Prahlen mit den Vorzügen ihrer Funk-Knochen, und können es sich sich doch nicht leisten, damit zu telefonieren. Und so warten sie darauf, von Freunden angerufen zu werden, die es sich ebenfalls nicht leisten können. Nichtsahnende Auszubildene, zwischen Baum und Borke die versuchen, die Welt zu begreifen, um doch nur Begriffe zustande zu bringen. Strampeln sich ab in dem Bemühen, ihre siebzehneinhalb zu ignorieren - fast achtzehn; in diesem Alter ist e noch wichtig wie alt man fast ist - um endlich in der anderen Liga spielen zu können, zu der ihnen aber noch ein ganzes Stück an Klasse fehlt. Also umgeben sie sich mit den Attributen des Erwachsenseins, schmücken sich mit den Insignien der Männlichkeit. Sitzen in der Kneipe, sondern Sprüche gegen Ausländer ab. Hecheln auf blutroten Zungen ihre alkoholischen und körperlichen Meisterleistungen durch. Wer, wann, mit wem gesoffen und diesen oder jenen zusammengeschlagen hat. Arroganz der Jugend. Wenn sie dann nach Hause kommen, sind sie wieder "Mammas Liebling", bekommen mit dem speichelgetränkten Taschentuch den Rotz von der Backe geputzt und: "Um zehn ist Licht aus, verstanden!" Kleine, mobil telefonierende Würstchen, die den Ernst des Lebens noch vor sich haben. Einen Tisch weiter, ein Triumvirat aus euphorischen, blitzblanken Jungmüttern auf Mädchenabend. Vor sich ein kleines alkoholfreies Getränk, eine Schachtel Lights-Zigaretten - das darf "Axel" aber nicht wissen - unterhalten sie sich über Kinder, Tischwäsche und die zuständige Kindergärtnerin. Fünfundzwanzigjährige Büro-, Reise- oder Versicherungskauffrauen auf Heimaturlaub. Sie haben sich, als die Zeit reif schien, bevor die biologische Uhr allzu vernehmlich tickt, aufgemacht ihren gesellschaftlichen Pflichten nachzukommen. Haben, ihrer Sozialisation mehr gehorchend als folgend, für den Fortbestand der Art gesorgt. Anständige, reinliche, kleine Frauen, die Saskia, Andrea oder Britta heißen und ihr kleines, sauberes Sein mit einem kleinen Kind, in einer kleinen Wohnung und einem kleinen, schwer arbeitetenden Bankkaufmann in dieser großen dreckigen Welt zu behaupten versuchen. Die ihr kleines Glück am Wieviel, Wiesehr und Wieweit messen. Ganz normale Mädchen eben, wie sie Jahr für Jahr aus den Realschulen dieser Welt, ins Leben entlassen werden. Visionslose kleine Geister. Die Kneipe ist Spiegelbild der Gesellschaft. Die Kneipe ist Gesellschaft. Im Kleinen. Es gibt den Überbau - selbsternannt oder nicht - Mittelbau tummelt sich - zufrieden oder nicht. Und Unterbau - oder nicht. Am nächsten Tisch findet Beziehungsanbahnung statt. Da sitzt ein aschblonder, kurzer Mann - dem man den Skandinavien-Camping-Urlauber ansieht - neben der blonden Susanne. Und das nur wegen einem dieser, mit kumpelhaftem Ellenbogen-Check "Die-Kleine-aus-der-Buchhaltung-du-weißt-schon"-Hinweise. Susanne, die nichts sehnlicher wünscht, als einen Sinn in ihrem Leben. Die sich mit Pierrot-Puppen, Sammel-Kissen und einer Katze, die sie Päddie nennt, umgibt. Eine romantische Seele, mit bestücktem Angora-Pulli. Die Stoffbären herzt und Kevin Costner für einen tollen Schauspieler hält. Am Tresen arbeitet sich die etwas zu breit geratene Elke am großen, blonden Maik ab, der zu ihrem leidwesen sein blaues Augenmerk auf neunzehnjährige, blonde Arzthelferinnen-Azubis - mit Zirkuspferd-Blondinen-Puschel auf dem Oberkopf - gerichtet hat. Der aber - wahrscheinlich wegen seines promiskuitiven Tunnelblickes - nicht sieht, was er in Elke haben könnte: Eine fürs Leben. Eine Garantin für anhaltende Treue, einen beständig warmen Bauch und einen nie versiegenden Nachschub an Peter Maffay-Platten.
    Als ich mich auf diese Weise wieder neu positioniert, in meinem eigenen überschaubaren Sein eingerichtet, also meinen Gedankenhaushaushalt in Ordnung gebracht - und - mir selbst meine Einzigartigkeit bestätigt hatte, wurde mir klar, wozu Vorurteile gut sind. Es gibt ohne Vorurteile keinen Grund für Verständnis. Das Vorurteil ist die Vorstufe von Verstehen.

  2. #2
    schreibt hier hin und wieder
    Registriert seit
    27.January 2002
    Ort
    Paris (Frankreich)
    Beiträge
    127
    Renommee-Modifikator
    18

    Question AW: Kneipenfragment

    Nett geschrieben, sehr schöne Bilder.

    Aber: wenn Du den Ereignishorizont eines schwarzen Loches überschreitest, tut sich gar nichts mehr. Alles weitere ist ScienceFiction.

    Und:

    ... was er in Elke haben könnte: Eine fürs Leben. Eine Garantin für anhaltende Treue, einen beständig warmen Bauch und einen nie versiegenden Nachschub an Peter Maffay-Platten.

    Sorry, aber da würde ich mich auch eher für Arzthelferinnen-Azubis interessieren (wenn ich nicht bereits zu alt dafür wäre) - oder solo bleiben ... wen interessiert denn schon anhaltende Treue ... und wer ist Peter Maffay ... ???

  3. #3
    Resurrector Avatar von aerolith
    Registriert seit
    30.October 1998
    Ort
    Magdeburg
    Beiträge
    4.528
    Blog-Einträge
    35
    Renommee-Modifikator
    26

    Question AW: Kneipenfragment

    Das ist eine Tagebuchnotiz, aber kein gestalteter Text. Du springst und verdichtest nicht. Die Personen sind wahllos, wo das Auge eben ruhte, aber eine Gelegenheitsdichtung ist es auch nicht, dafür ist es zu breit angelegt, dazu voluminös.
    Es sind sehr junge Menschen, die Du beschreibst. Wo bin ich eigentlich?

  4. #4
    ziner
    Laufkundschaft

    Angry AW: Kneipenfragment

    OK, das Stück gefällt dir nicht. Das ist legitim. Aber warum dies kein gestalteter Text sein soll, erschließt sich mir nicht. Natürlich ist der Text nicht artifiziell. Das soll er auch nicht sein, kann er nicht sein. Schon wegen des Sujets. Es geht um Beschreibung. Ich verscuhe zu beschreiben, was ich sehe und es ist ein Spiel mit Vorurteilen. Insofern ist er sehr wohl ver(ge)dichtet, gestaltet, weil ich mir die Figuren so zurechtsehe, wie ich es möchte. Zugegeben, das Stück ist keine große Kunst, aber deswegen ist es nicht schlecht. Also erzähl mir nicht, er wäre es. Oder aber leg einen Finger darauf oder hierauf und bennenne die Schwächen, daß ich ihnen zuleibe rücken kann. Aber so...
    Un mitnichten sind alle beschriebenen Personen sehr jung, aber das spielt auch keine Rolle. Wenn ich meine politisch-sozialkritische Brille aufgesetzt hätten, wäre dieser Text nicht entstanden. Wenn man nicht mehr schreiben darf, wie man möchte... - wo kommen wir denn hin...

    Grüße Z

  5. #5
    rodbertus
    Laufkundschaft

    AW: Kneipenfragment

    [..] So gemählich Deine Schreibmaschine befehlsgewohnt Zeichen an Zeichen setzt, so bekommst Du feedback. Es sind nur Plattitüden, die ich lese. Verdichtung sparst Du aus, statt dessen legst Du ab, Leinen immer halbhoch im bekannten Fahrwasser hängen lassend. Wie wäre es mit einem Halt, einem Auswurf der Angel? Zeit hast Du nicht beim Schreiben, dünkt mich, immer muß ein neuer Eindruck her, etwas von AUSZEN, weil's im Innren zu hohl?! Ja, ich weiß, die Erde ist ein Hohlkörper, warum sollten wir -linge da was andres sein?

  6. #6
    resurrector
    Laufkundschaft

    Question AW: Kneipenfragment

    Wie sehen das heutige Wolkensteiner? ist der Text schlecht, wie ich das vor sechzehn Jahren meinte? oder geht er als Beschreibung durch, die per se keine Verdichtung benötigt, um eben als Paraphrase durchzugehen?

  7. #7
    schreibt hier hin und wieder Avatar von Richard
    Registriert seit
    18.September 2001
    Beiträge
    193
    Renommee-Modifikator
    19

    AW: Kneipenfragment

    Zitat Zitat von ziner Beitrag anzeigen
    Nach eines langen Tages Müh, begab ich mich mal wieder in den (...)
    Selbstverliebter Nonsens, sprachlich altbacken und unpassend. Da hatte ich eigentlich schon keine Lust mehr weiterzulesen, habe aber durchgehalten. Nein, schlecht ist der Text nicht, ganz bestimmt nicht, hier und da geht er ziemlich zur Sache, was mir gefällt und ich auch wichtig finde. Hatte das Gefühl, bei einer Kamerafahrt dabei zu sein, eine Stimme aus dem Off zu hören. Ein Zeichen für gute Literatur? An Verdichtung usw. habe ich hierbei überhaupt nicht gedacht, dieses Wort war völlig außen vor. Ich lese ihn morgen nochmal..

+ Antworten

Stichworte

Lesezeichen

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Ja
  • Themen beantworten: Ja
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •