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Thema: Tradition

  1. #1
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    Tradition (1. Teil)


    l Schreiben ist eine seltsame, unbequeme Tätigkeit. Sie beginnt mit einem Vorwurf der Erkenntnis. Diesmal quält mich ein nahezu übermächtiger Vorwurf. Er ist mir fremd geworden. Vor ihm hat sich mein Verstand lange verborgen:
    Ich.
    Ich werde von mir selbst schreiben. Das wird nicht leicht sein, nachdem ich so lange geschwiegen habe. Ich bin mir dessen bewusst. Schon beim Niederschreiben dieser wenigen ungelenken Worte leide ich an meinem plumpen Stil. Jeder Satz fällt schwer wie Blei.
    Und lächerlich widersprüchlich behindern mich gerade die Umstände, die mich zwingen, Rechenschaft abzulegen, dies auch zu tun.
    Was ist der wahre und ehrliche Grund, der mich verleitet hat, den Vorwurf "Ich" auf dieses Papier zu kritzeln? Vielleicht ist die Frage selbst schon eine Antwort.


    Die Tagesläufe beginnt er tastend.
    Obwohl sein Schlaf tief war, ist er sofort wach und bei Sinnen. Augenblicklich konzentriert er sich auf seinen flachen, ruhigen Atem, der ihm so wichtig ist. Er macht deshalb immer Übungen zwischen seinem Erwachen und dem Aufrichten des Oberkörpers. Dann sucht er geduldig seinen Rhythmus. Er hebt und senkt bei jedem Atemzug vorsichtig den Brustkorb und nähert sich dem Punkt, an dem die Schmerzen beginnen. Jedes Einschnaufen bringt ihn ein winziges Stück heran. Der endgültigen Konfrontation weicht er jedoch aus. Obwohl er jeden Morgen mit dem Gedanken erwacht, heute den entscheidenden Kampf zu beginnen, lässt er sich von seiner Furcht besiegen. Schon wenn der Druck nur ein klein wenig das normale Pochen überschreitet, er für ein Nu die Rippen bohrend an der Lunge spürt, gibt er resigniert auf. Dennoch beharrt er in kindlichem Eifer auf seiner Übung. Sie ist sein Ernst. Er weiß noch: Einer wollte sie ihm ausreden, ein Verwandter, an den er sich kaum erinnern kann, irgend Einer, denn er ist oft verwandt. Er lacht über solch ein Ansinnen. Er weiß, er ist süchtig nach seinen Übungen. Er will ihnen nicht entfliehen, weil er sie braucht.
    Spät erhebt er sich, um die Sonnenstrahlen zu meiden, die jetzt die zusammengezogenen Ränder der Vorhänge gleißend fransen und sich merklich seiner Ruhestätte nähern. Er geht dann ein paar betonte und zärtlich langsame Schritte um das Bett zum Tisch hinüber. Dieser Tisch ist eine liebe Gewohnheit. Er freut sich bereits während seiner Atemübungen auf seinen Tisch.
    Auf der Tischplatte stützt er sich immer am selben Punkt ab. Er benutzt dazu die nach außen abgewinkelte rechte Hand. Diese Stelle hat er inzwischen abgenutzt. Statt des dunkelgrünen Furniers ist hier ein heller, ovaler Fleck. Zu Anfang, als der Tisch noch neu war, hatte er den Punkt mit Kreide markiert.
    Er liebt dieses schwere Lasten, sein stöhnendes sich auf die Hand kippen und dann durch den Arm und den Tisch stützen lassen. Er hat diesen Tisch nur angeschafft, um sich an ihm stehend auszuruhen. Auch wenn er wie zufällig eine Vielzahl alter Zeitschriften auf ihm verstreut hat, war es der einzige Grund.
    Nach vorne über die Tischplatte gelehnt, wirkt er alt und krank. Er hat ein schweißiges, graues und halbgelähmtes Gesicht. Hinter seinen halbgeschlossenen flackernden Augen mit den faserigen Wimpern, schimmert matt das ungesunde Rot des Augapfels hervor. Speichel rinnt ihm in einem beständigen Fluss aus den Mundwinkeln und nässt den schwarzen Nadelstreifenanzug, den er nicht einmal zum Schlafen auszieht, der nach dem Urin und dem Verdautem stinkt, dessen Geruch auch die Wohnung längst angenommen hat. Seine zitternden, unsicher tastenden Hände sind fett und fett geädert. Nichts außer seinem fleischigen Geschlecht, das er nächtelang beobachtet, ist sonst noch so fett an ihm. Seine Gestalt ist mager, dürr, brüchig.
    Er isst machmal etwas, wenn er hier am Tisch steht. Es sind nur wenige Lebensmittel, die er findet. Meist sind sie verschimmelt und gefährlich scharf. Aber der Geschmack erreicht nie die Bedeutung seiner Gleichgültigkeit.
    Dann humpelt er weiter. Trotz der ewigen Dämmerung in diesem Zimmers ist das Vorwärtstaumeln eines von der Helle einer starken Sonne geblendeten Menschen. Er tritt übrigens nie ans Fenster. Sorgsam meidet er den schmalen, staubigen Strahl Licht, der ihn langsam durch das Zimmer wandernd verfolgt. Wenn es dann früh dämmert, kehrt er zurück zu seinem Bett, liegt und wartet auf den Schlaf der Nacht. Er harrt mit pfeifendem Atem und betrachtet sein unruhiges Geschlecht.
    Ich weiß das alles, denn ich habe ihn gesehen, habe durch ihn hindurch in einen Spiegel gesehen und einen Menschen entdeckt. Ich sitze jetzt auf dem herangezogenen Bett an seinem Tisch und schreibe über ihn.
    Es gibt noch mehr Dinge, die ich von ihm weiß.
    Das gehört dazu: Er ist.


    2 Er ist. Wenn ihn ein Verwandter besucht, behauptet er immer, dieses Sein sei mehr, als er erwarten könne. Dabei weiß er um die Banalität dieses Satzes. Er sagt das nur, um die Verwandten zu beruhigen.
    Dann erzählt er ihnen immer von dem Heiligen Buch, erzählt vom Mann und einer Frau, die vielleicht krank, vielleicht auch nur müde war. Er deutet, legt aus. Er spricht von der Schlange des Mannes, der sich die Frau verweigerte, die ihm dafür ihre Brüste, die Früchte der Erkenntnis, reichte. Es sei zu früh gewesen, sagt er dann, und eben dies sei die eigentliche Vertreibung: Selbst- statt Arterhaltung.
    Er hat längst begonnen, sich selbst zu glauben. So gern erzählt er diese Geschichte. Seine Auslegungen des Buches vertreiben die wenigen Besucher noch schneller als sein Gestank. Wenn er allerdings in den frühen Augenblicken des Erwachens, bevor er noch seine Übungen beginnt, ehrlich mit sich ist, dann muss er zugeben, wie sehr er es genießt, seine Verwandten zu vertreiben.
    Einige wenige wissen Entgegnungen, oft sind sie höhnisch, manchmal ernsthaft, aber immer laut und kopfschüttelnd. Seine Argumente provozieren ärgerliche Widerworte. Aber er lässt nicht mit sich handeln. Er verschränkt die Arme. Er gibt sich überzeugter, als er tatsächlich ist. Er bleibt dabei ruhig. Seine Stimme klingt höher. Aber ruhig bleibt er, das ist er seinem Atem schuldig. Lange bleibt er in dieser Haltung, auch wenn sein Besuch längst gegangen ist.
    Er hat noch die Nächte. Sie sind wichtig für sein Sein. Er liegt auf seinem Bett, oben auf der klammen, schmutzstarren Wäsche. Zuerst starrt er zur Decke, auf der die getrockneten Speichelreste kleben, die er in seinen Spielen hinauf gespuckt hat. Er sieht sie glänzen.
    Dann öffnet er hastig mit seinen fetten Händen die Hose, zieht gierig sein Geschlecht hervor. Er packt es fest mit der Linken, schüttelt es, bis es sich versteift. Das alles macht er, ohne hinabzusehen, ohne auch nur irgend etwas zu denken oder zu empfinden. Er tut es, weil er es in jeder Nacht tut.
    Dann erst blickt er vorsichtig an sich herab, schaut die Erregung und schaut und schaut. So liegt er die Nacht hindurch, bis er endlich am frühen Morgen einschläft. Häufig gibt es auch Nächte, in denen ihn seine Faszination wachhält.
    Er manipuliert sich nur, wenn die Steife seines Geschlechts nachlässt. Nie hat er dabei einen Erguss. Er liegt nur, den ganzen Körper hingestreckt, den Kopf durch ein Kissen erhöht und starrt auf sein zitterndes Geschlecht.
    Nur dies und seine morgendliche Übung sind wichtig für ihn. Seine restlichen Bewegungen sind Reaktionen. Er reagiert auf seine Umwelt, während er sich auf eine seiner Handlungen vorbereitet und ihnen allein Bedeutung beimisst.
    So lebt er. Es gibt auch noch eine Fotografie, die wichtig ist. Er sieht sie aber nur selten an. Er sich an sie gewöhnt. Sie ist da, jedoch seiner Aufmerksamkeit entkommen. Manchmal stellt er sich vor das Bild, versucht die Motive zu ergründen, die ihn bewogen haben, es aufzuhängen. Dann staunt er über die Sinnlosigkeit, das Absurde und die Erkenntnis.
    'Viele erkennen und sehen doch nur das eine, weil sie es wollen', denkt er dann. Der Satz gefällt ihm. Er lacht und vergisst das Foto, bis er es zufällig an der Wand wiederfindet. Es ist nicht groß. Es ist eine aus einer Zeitschrift herausgerissene Seite. Er hat sie wahrscheinlich einmal mit einer Nadel an der Wand über seinem Tisch befestigt. Er weiß nicht mehr, wann das war. Er kann sich tatsächlich nicht mehr erinnern, ob er das Foto wirklich aufgehängt hat. Manchmal vermutet er, es hing hier bereits, als er die Wohnung zum ersten Mal betrat. Doch er macht sich selten Gedanken um solche Dinge, sie sind ihm nicht wichtig. Wichtig ist das Bild. Es ist eine Werbeaufnahme. In der unteren Hälfte steht viel Text. Einige Wörter und die Überschrift sind dick gedruckt und treten deutlich hervor. Das Foto zeigt ein Auto, ein glattes, poliertes und sauberes Gefährt, das ausgeglichen und hell der Bewegung harrt. Eine wenig bekleidete Frau liegt halb auf der Kühlerhaube.
    Er würde das Bild vermissen, wenn es plötzlich nicht mehr da wäre. Das würde ihm sofort auffallen, auch wenn er es im Augenblick nicht beachtet. Es würde ihm wie der Tisch oder das Bett fehlen.


    3 In der letzten Nacht wurde ich durch das heisere Bellen eines Hundes abgelenkt. Nachdem ich ihn erschlagen hatte, fand ich glücklicherweise wieder zurück.


    4 Er hat einen Verwandten begraben. Er meint, es sei noch nicht lange her. Da seine Tage jedoch ohne Einschnitt vergehen, er nur im Spiegel ein Bild der Zeit sehen kann, mag er sich irren. Aber es ist für ihn nicht von Belang, nur die Tat zählt.
    Er kann sich genau erinnern. Es war ein guter Tag, denn gleich am Morgen während seiner Übung war es ihm gelungen, ganz nah an den Schmerz zu treten. Glücklich war er nach der Übung in seinem Bett gelegen, länger als an anderen Tagen. Seine Sonne hätte ihn dadurch fast gefangen.
    Als er sich dessen plötzlich bewusst wurde, erhob er sich schnell, begann seinen Tageslauf verspätet. Um Zeit aufzuholen, schleppte er sich eilig durch das Zimmer, stützte sich nur kurz am Tisch auf und suchte dann in der Küche nach etwas Essbaren in seiner Griffweite.
    Dabei fand er den Verwandten. Der Mann lag in der Küche hingestreckt. Kurz wunderte er sich über die seltsame Verrenkung, die der Leib der Leiche machte; warum sie eingezwängt ausgerechnet in dem schmalen Zwischenraum von Herd und Kühlschrank lag, beide Hände in den Läufer gekrallt, blutig und schmutzstarrend. In seiner ersten Reaktion tappte er trotzdem zum Kühlschrank, um etwas graue Wurst hervorzuholen. Ihm wurde aber noch rechtzeitig die Pietätlosigkeit seiner Handlung bewusst. Er schloss die Tür des Kühlschranks vorsichtig, nickte nachdenklich dem Verwandten zu seinen Füßen zu. Das blutverkrustete und starr verzerrte Gesicht erschien ihm verständnisvoll.
    Er machte nicht gern, was jetzt zu tun war. Es war viel zu viel Arbeit für seinen alten und kranken Leib. Es brachte seinen Tagesplan noch mehr in Unordnung. Aber es musste getan werden, da gab es keinerlei Zweifel, denn die Leiche lag ungünstig. Er würde jedesmal über sie steigen müssen, wenn er in das nächste Zimmer wollte. Er wusste aus Erfahrung, wie schädlich eine hebende Bewegung seiner Beine für seinen Atem war. Deshalb schlurfte er ja nur langsam mit den Füßen über die Dielen.
    Also wand er sich um und ging hinüber in den großen Raum mit der Maschine, dem Spiegel, und dem kleinen Schrank. Dessen klemmende Tür öffnete er so sacht, wie es ihm möglich war. Er wollte ein Knarren der Scharniere vermeiden. Er glaubte, ein lautes Geräusch würde seinen Verwandten stören.
    In den im Schrank liegenden Kleidungsstücken suchte er, bis er endlich den hellen Anzug fand, den er immer zu Beerdigungen trug. Er legte seine Alltagskleidung ab und lachte unterdrückt, als er auch seine schmutzstarre Unterhose vom Gesäß streifte. Nackt zu sein, war befreiend, aber er gönnte sich noch keine Pause. Er schlüpfte in den hellen Stoff, drehte vor dem Spiegel, gefiel sich.
    In diesem Moment wusste er, dass dies ein wirklich guter Tag werden würde. Leider war es auch ein anstrengender, denn er musste nun die Leiche in dem kleinen Raum, der an das Schlafzimmer grenzte, beerdigen. Den Parkettboden dieses Zimmers hatte er schon vor längerer Zeit verheizt. Dort kam die nackte Erde zum Vorschein.
    Er wählte erneut in dem Schrank und fand einen dreckverkrusteten, rostigen Spaten. Er konnte sich erinnern, dass er ihn schon mehrmals für den gleichen Zweck benutzt hatte. Er nahm den Stiel des Spatens auf die Schulter, und schlurfte in den kleinen Raum. Dort suchte er sich eine geeignete Stelle nahe an der Wand und begann zu graben.
    Er ließ sich Zeit. Er musste sich auch Zeit nehmen, denn diese Tätigkeit war für seinen Atem gefährlich wie keine andere. Obwohl die Erde weich und nachgiebig war, benötigte er beinahe den ganzen Tag für das Ausheben der Grube. Obwohl er so langsam arbeitete, ermüdete er rasch. Spitz stach etwas beharrlich in seine Seite. Sein Puls raste und er keuchte hektisch. Als er endlich aus der knietiefen Grube kriechen konnte und den Spaten auf den ausgeschachteten Erdhaufen warf, kämpfte er lange mit seiner Erschöpfung und seiner Mutlosigkeit.
    Er kroch zurück zu seinem Bett und wartete, bis sich seine pumpende Lunge beruhigt hatte. Darüber wurde es Nacht. Heute würde er kein Spiel mit seinem Geschlecht haben können.
    Jetzt folgte der wohl schwierigste Teil seiner Bemühungen: Er würde den Leichnam aus der Küche zu der Grube schleppen. Sein Verwandter war dünn und längst ausgeblutet. Darüber war er froh. Allerdings machte ihm die Leichenstarre zu schaffen. Zentimeterweise, mit langen Erholungspausen dazwischen, erledigte er sein Werk. Endlich konnte er den Toten in sein Grab gleiten lassen. Er richtete sich erleichtert auf. Tanzende Schwärze kochte um ihn herum. Er setzte sich auf den Erdhaufen, um erneut zu Kräften zu kommen.
    Erst in den Morgenstunden gelang es ihm, Ruhe zu finden. Er beendete seine Arbeit nun flink, füllte das Grab wieder mit Erde. Dann humpelte er zurück in den großen Maschinenraum, hin zu dem mannshohen Spiegel, den er wie eine Türe zur Seite klappte. Er gab dadurch den Blick auf einen Wandschrank frei, der mit Büchern gefüllt war. Der Alte achtete nicht darauf, was für ein Buch er griff. Es ging nur darum, mit einem Buch in der Hand ein paar ehrfurchtsvolle Worte zu sprechen. Das war Tradition.
    Also stellte er sich vor den Grabhügel, klappte den dünnen Band auf und las mit getragener Stimme einen Absatz vor:
    "Die populärste Sprache für Mikrocomputer ist ohne Zweifel BASIC (Beginner's All Purpose Symbolic Instruction Code). Es gibt praktisch keinen Personalcomputer, der nicht in seiner Standardausrüstung mit dieser Sprache ausgerüstet ist oder für den keine BASIC-Version geliefert wird. Anfang der 60er Jahre wurde BASIC zu Lehrzwecken für den Einsatz auf Großcomputern entwickelt. Von Bill Gates, dem heutigen Präsidenten von Microsoft, wurde BASIC auf dem ersten Microcomputer, der die 8080-Prozessoren von Intel nutzte, als Interpreter zur Verfügung gestellt."
    Er brach ab, schwieg voller Pietät und ehrlicher Trauer. Dann sagte Er:
    "Amen."
    Das war ein guter Tag.


    5 Etwas in mir ist verwirrt. Ich spüre es. Ich bringe die Sätze nicht so deutlich zu Papier, wie sie in meinem Kopf entstehen. Alle Klarheit schwindet bei dem Versuch, sie zu fassen.
    Immer wieder aufs Neue stocke ich, bleibe ich in einer Beschreibung stecken, die die Wahrheit nur streift, machmal auch lügt. Aber gibt so viele Dinge, die ich erzählen will. Ich will den Kern greifbar machen.
    Habe ich schon vom Geruch geschrieben? Jedes der vielen Zimmer seiner Wohnung hat einen ganz besonderen, spezifisch eigenen Geruch. Ich traue mir zu, nur mit Hilfe meiner Nase blind heraus zu finden, in welchem Zimmer ich gerade bin.
    Da ist zuerst das Schlafzimmer, das Zimmer, in dem er sich meist aufhält. Es riecht stark nach ihm, nach seinem besudelten Anzug, nach dem Verdauten, dessen er sich in der Ecke neben dem Tisch entledigt. Die Tür dort drüben führt in das Beerdigungszimmer. Dessen scharf pilziger Modergeruch wird von dem vom Schlafzimmer hereinziehenden Gestank überlagert. Die Küche riecht streng nach Seife, ein wenig auch nach Urin, da er sein Wasser regelmäßig im Waschbecken ablässt. Das Maschinenzimmer ist groß und leer, meist verschlossen. Der Geruch liegt dort abgestanden, in der Nähe des Schrankes faulig und süß. Dann gibt es noch einen letzten Raum, den er nie betritt, da seine hellen gläsernen Flügeltüren keine Vorhänge besitzen. Sie führen hinaus, zum Draußen, von dem er sich abgeschottet hat. Manchmal beugt er sich an der Tür zu diesem Zimmer herab, führt seine geblähten Nasenflügel an das Schlüsselloch und atmet tief den dampfigen Geruch von in der Sonne verbrennendem Gras. Durch diese Tür kommen seine Verwandten zu ihm.
    Doch es gibt noch mehr Gerüche, vielerlei Gerüche, sie sind so vielfältig wie die unglaubliche Anzahl an Wandschränken und schwarzen Gängen, die sich hinter den Wänden verbergen. Früher erkundete er sie oft, aber er ist inzwischen in ein Alter gekommen, in dem die Interesselosigkeit an allen Dingen, die nicht ihn selbst betreffen, seine Neugierde überwiegt. Zudem hat er nur selten etwas wirklich Bedeutsames auf seinen Wanderungen gesehen.
    Vielleicht schreibe ich später darüber. Es ist noch etwas über den Geruch zu sagen. Er ist überall aufdringlich präsent, aber er selbst bemerkt ihn nicht, es sei denn, er müht seine Nase an das Schlüsselloch des Flügeltürsaals, nur dann nimmt er bewusst einen Geruch auf.
    Er geht selten zu dieser Tür. Er ist genügsam geworden und pendelt nur noch zwischen Bett und Küche hin und her. Sonst liegt er, schläft und beobachtet sich. Manchmal wird er durch die Begegnung mit Verwandten aus seinem Tagesrhythmus geworfen. So vergehen seine Tage.
    Doch nun will ich endlich von dem Besuch berichten, der kein Verwandter war.


    ------------------
    hks


    [Diese Nachricht wurde von Klammer am 08. November 2001 editiert.]


    [Diese Nachricht wurde von Klammer am 10. November 2001 editiert.]
    Aber ein Traum - nikolaus-klammer.blog

  2. #2
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Tradition

    Ich grüße meine Freunde im Wort.


    Ich finde, es ist mal wieder an der Zeit, etwas Literarisches von mir zu geben. Dies ist der Beginn einer Geschichte, mit der ich es euch ganz und gar nicht leicht machen will. Wollt ihr mehr hören?


    übrigens:
    Uisgeovid, was hast du gegen uns Sonderlinge? Ich bin noch keinem Literaten begegnet, der nicht etwas absonderlich war. Allein wegen der Sonderlinge schreibe ich, das Absonderliche ist es doch, das uns aus unserem traumwandlerischen gleichförmigen Alltag zerrt und uns wache, bleibende Eindrücke vermittelt.


    Gruß, Klammer
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  3. #3
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    AW: Tradition

    Oh ja, lieber Klammer, der Text gefällt mir in seinem Wesen und sprachlich habe ich eine Perle gefunden "denn er ist oft verwandt", über die ich lange nachsinnen könnte. Da steckt allein schon ein erzählerischer Mikrokosmos drin, der meine Neugier weckt. Natürlich erfasst Du auch das Bedrohliche des Alters, machst uns Angst, weil Du Dich von einer Angst befreien willst. Verdammt, das spürt man, das ist ehrlich und deshalb gut. Du gibst ihm Falten und ein Gesicht, lässt ihn stehen, sich beugen, Du machst ihn vertraut, ohne ihn bei seinem Namen zu nennen... ich frage mich, will ich den Namen wissen? Hat das noch Bedeutung? Das kann noch kommen, ich bin geduldig.


    herzlichst uis

  4. #4
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    AW: Tradition

    uis ist geduldig, ich nicht. Ich will ihn wissen.
    Ebenso herzlich, H.

  5. #5
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    Post Tradition

    ... auch wenn es offenbar(mit einer Ausnahme)kein Schwein interessiert, mache ich weiter:
    ---

    Tradition - 2. Teil

    6 Er lag im Bett und schlief, als der Besuch kam. Der Mann öffnete mit viel Schwung die Tür des Flügeltürsaals, trat lautstark polternd ein und schlug sie wie endgültig hinter sich zu. Darüber erwachte der Alte. Verwundert richtete er sich halb in die Höhe. Das war der erste Besuch, dessen baldige Ankunft ihm nicht bereits Tage vorher ein bohrender, nadelfeiner Schmerz in der Mitte der Stirn angekündigt hatte. Der Alte stieg aus dem Bett und trat eilig zu seinem Tisch, dessen Berührung ihm Geborgenheit und Kraft schenkte. Er schüttelte benommen und unwillig den Kopf, wartete, bis der Besuch den Weg durch die Küche zu ihm gefunden hatte.
    Der Mann kam ungeschickt lärmend herein. Er rutschte mehrmals auf den schmierigen Küchenfliesen aus und fluchte mit Nachdruck. Dann standen sie sich gegenüber und erkannten sich sofort. Nein, der Besuch war kein Verwandter. Er hatte ihn noch nie gesehen. Er fürchtete sich. Dankbar war er nun seinem Tisch, der ihn stützte.
    Der Besuch spuckte auf den Boden, sah sich kurz um und sagte:
    "Ich heiße, wie ich heiße, nenne mich, wie du willst."
    Er begleitete seine Antwort mit einem heftigen Nicken.
    "Ich weiß das. Ich weiß das doch. Du bist mir nicht unbekannt. Es gab Tage, da habe ich auf dich gewartet. An anderen, es waren die häufigeren, habe ich dich gefürchtet. Jetzt bist du mir gleichgültig. Wenn du das jetzt nicht verstehst, dann verstehst du es später."
    "Nenne mich, wie du willst", wiederholte der Besuch, eine Spur von Ungeduld war nun in seiner Stimme.
    "Ich habe jetzt keinen Namen für dich, denn du bist mir nicht mehr wichtig. Aber einmal gab ich dir einen Namen. Ich kann mich erinnern, das ist lange her, denke ich. Tage sind vergangen. Ja, ich gab dir einen Namen."
    "Nenne mich", beharrte der Besuch.
    "Ich habe den Namen vergessen, auch wenn es ein guter Name war. Aber ich habe ihn aufgeschrieben. Er steht irgendwo, ich kann mich nicht erinnern. Ich habe ihn in einem Gang an die Wand gemalt. Das ist Tage her, Tage."
    Die Stimme des Besuchers wurde lauter, zwingender, kaum merklich zwar, aber es genügte, dass der Alte zusammenschrak.
    "Nenne mich. Ich bin, der ich bin. Nenne mich, wie ich bin. Nenne mich, wie ich es brauche!"
    "Ich nenne dich...", erwiderte er schnell. "Ich nenne dich... Ich weiß es doch nicht mehr!"
    Er richtete sich ganz auf, deutete zu seinem Kothaufen, den der Besucher nur mit einem kurzen, angeekelten Blick streifte.
    "Dahinter ist eine Wandtür und hinter ihr ein kurzer, blinder Gang. Das weiß ich noch. Dort an der Wand steht dein Name."
    Er stemmte sich aufgeregt weg von seinem Tisch, tappte schlurfend zu seinen Exkrementen, stapfte achtlos in sie hinein. Er zerrte am Riegel der kaum sichtbaren Wandtür, die sich nur unwillig öffnete. Sein Besucher folgte ihm mit den Augen, machte keine Anstalten, ihm zu helfen.
    "Nenne mich", wiederholte er zornig.
    "Ja, aber ja!" rief er. Er hörte selbst die Hysterie in seiner Stimme, ihre ungewohnte Lautstärke und die pfeifende Gefahr, die tief unten in seiner Lunge lauerte. Sein Atem war viel zu schnell, er flog, drängte hart gegen seine Rippen, bohrte glühenden Schmerz in seinen ausgemergelten Körper.
    "Ja!" rief er erneut. "Sie geht auf, schau, sie geht auf!"
    Tatsächlich gelang es ihm, die Tür ein wenig zu öffnen, sein Verdautes zur Seite zu schieben. Der enge Spalt genügte ihm, um hinein zu schlüpfen. Seine eiligen Schritte verhallten in dem Gang.
    Es war still in dem Schlafzimmer. Nur der gleichmäßige Atem des Besuchers war zu hören. Er stand ruhig und breit, beide Beine gewichtet, die Arme verschränkt. Die Augen waren jetzt geschlossen, das Gesicht entspannt. Er wartete. Dann waren erneut Schritte zu hören, noch eiliger diesmal. Gleich darauf quetschte der Alte sich gequält durch den Spalt. Er humpelte keuchend zu seinem Besucher, berührte ihn am Arm. Der Mann öffnete ein Auge.
    "Ich hatte recht, da steht es Da steht dein Name an der Wand. Aber es ist dunkel in dem Gang. Ich konnte zwar meine Schriftzüge aus Kreide mit den Fingern ertasten, schau, sie sind ganz weiß an den Spitzen, aber ich konnte nicht lesen. Es war zu dunkel. Ich bitte dich, hast du Licht bei dir?"
    Der Besucher öffnete auch das zweite Auge, sah den Alten lange an. Dann griff er gleichgültig in seine Hosentasche und förderte ein kleines metallenes Feuerzeug zu Tage. Als sein Gegenüber gierig danach haschen wollte, ballte er seine Faust fest darum.
    "Ich gehe mit", sagte er.
    Der Alte stimmte eifrig zu, auffordernd winkend trat er zurück zur Tür, zwängte sich erneut hindurch. Mit der selben Gleichgültigkeit, die der Besucher bisher ausgestrahlt hatte, trat auch er jetzt durch den kniehohen Kot. Mit einer spielerischen Bewegung öffnete die Wandtür weit, trat ins Dunkel und folgte den vorauseilenden Schritten des Alten.
    Er benötigte eine Weile, bis er in dem Halbdunkel etwas erkennen konnte. Mehrmals stieß er gegen seltsam geformte größere Gegenstände, die am Boden verstreut lagen. Er verharrte und entzündete sein Feuerzeug. Ein müdes Licht flackerte an den Wänden, aber es genügte seinen scharfen Augen. Der Besucher sah sich um. Die Gegenstände zu seinen Füßen waren elektronische Geräte, Fernseher, Radios und Schallplattenspieler in allen Stadien der Zerstörung. Er kniete sich herab, um ein Handy näher zu untersuchen.
    In diesem Augenblick hörte in seiner Nähe erregtes, krampfartiges Keuchen. Sein ruhiger Blick wanderte in die Höhe. Der Alte stand da, hielt hocherhoben, mit beiden Händen von sich gestreckt, eine schwere Schusswaffe auf ihn gerichtet.
    "Da hast du deinen Namen", rief er kreischend, von einem Bein auf das andere stampfend. Das gierige Rot seiner Augen funkelte zornig. "Da hast du deinen Namen! Er lautet: Stirb!"
    Der Besucher nickte.
    "Das ist mein Name. Ich bin der, der ich bin. Ich bin Stirb."
    Die Antwort des Alten war ein geiferndes Lachen, das er nicht beherrschen konnte. Es schallte vielfach von den Wänden zurückgeworfen den engen Gang hinab. Es war ein gefährliches Lachen. Es war böse und endgültig.
    "Ja, das ist der Name!", lachte er. "Ja, stirb!"
    Er verkrallte seine Zeigefinger am Abzug der Waffe. Der Revolver knackte sehr trocken. Er wartete vergeblich auf den Knall, der schnell auf das Knacken folgen sollte.
    Deshalb drückte er noch einmal ab, dann wieder und wieder, immer schneller. Die Trommel des Revolvers drehte sich gehorsam, aber kein Schuss löste sich. Schließlich gab er es auf.
    Er sank in die Knie und schleuderte die nutzlose Waffe unwillig beiseite. Dann weinte er laut und verzweifelt. Stirb trat langsam neben ihn, hob ihn sanft wie ein verwundetes Tier auf. Er trug ihn aus dem Gang, legte den Schluchzenden auf sein dreckiges Bett. Stirb konnte den Alten verstehen. Er konnte seine Furcht und seinen Hass begreifen. Deshalb setzte er sich an das Kopfende des Bettes. Er begann, beruhigend ein Kinderlied zu summen und dem Weinenden über das fettstarre Haar zu streichen. Nach einer Weile schlief der Alte, die Knie an den Leib herangezogen, einen Daumen im Mund.
    Stirb erhob sich vorsichtig und leise. Er begann sich in der Wohnung umzusehen. Als erstes ging er zum Kühlschrank und sah hinein. Er war hungrig. Er wühlte die letzten essbaren Reste hervor und aß gierig. Im Schrank unter der Spüle fand er anschließend Konserven, in Kartons verpackte Notrationen. Das konnten nicht alle Lebensmittel sein, sondern nur ein kleiner Teil, den der Alte der Bequemlichkeit halber hier aufbewahrte. Der Rest musste sich an einem anderen Ort befinden, vielleicht in einem trockenen Keller, wenn es überhaupt einen gab. Als Stirb den Schrank schloss, entdeckte er eingetrocknetes Blut und ein verklebtes Stück Hirn auf dem Fussboden. Er untersuchte beides neugierig, nickte wissend.
    Im Beerdigungszimmer hielt er sich nicht länger auf, ein kurzer Blick genügte ihm.
    Die genaueste Untersuchung nahm er im Spiegelraum vor. Stirb öffnete den Schrank weit. Er warf sämtliche Kleidung auf den Boden und den Spaten obenauf. Dann kramte er eine größere hölzerne Zigarrenkiste hervor, die verschlossen war und nach Öl roch. Er brach sie über seinem Knie in zwei Teile. Briefe und beschriebene Blätter quollen heraus. Er nahm mehrere und las sie oberflächlich. Dann legte er sie zu dem Kleiderhaufen, suchte weiter.
    Wonach Stirb suchte, wusste er nicht genau. Aber er spürte den starken Drang, zu suchen. Es war eine fixe Idee in ihm. Es wurde bereits dunkel, als er mehr durch einen Zufall als durch zielstrebiges Nachforschen hinter dem Spiegel die Bücherwand entdeckte. Das war der erste Fund, den er mit einer Regung quittierte. Er lächelte leicht.
    Sanft nahm er das erste Buch heraus, blätterte es fast ehrfurchtsvoll auf. Er nahm den Kopf in den Nacken, hielt das Buch weit von sich, las dann stockend ein paar Worte. Schnell schleuderte er es unwillig auf seinen Abfallhaufen. Er nahm das nächste Buch, es folgte nach kurzer Prüfung dem Weg des ersten. So machte er weiter, bis er auf einen dünnen Band mit handgeschriebenen Gedichten stieß, bei dem er etwas länger verweilte. Er öffnete den zerfledderten Band sehr vorsichtig, folgte den Sätzen mit dem Finger und las halblaut einige Gedichte:

    "unter tränen
    wiegen die winde
    die träume die sterben
    unter tränen
    wiege ich mein kind
    das stirbt
    tränen
    unter tränen:
    leben.

    da wir geboren wurden in den stunden der nacht
    wird düster was dunkel wir berühren
    da wir geboren wurden in den stunden des leids
    wird trauer was heftig wir umarmen.

    narren der helle
    wanken wir in den schatten des lichts
    sehen die fruechte der wiesen des mondes
    wo selbst namen ihre wege verlieren
    wir sehen dort
    sehen doch nichts.

    wo beginne ihr ende schon tragen
    da will ich sein
    will anfang und wehe
    will schluss und leid.

    ist es falsch
    wenn ich nun schon sage:
    es wird schlechter
    tag für tag
    träume sterben
    zuhauf gehegt."

    Stirbs Lächeln verstärkte sich. Er klappte das Büchlein liebevoll zu und schob es in die Innentasche seines weit geöffneten Overalls. Die restlichen Bücher leerte er mit wenigen Griffen auf den Boden, schob sie mit dem Fuß zu dem Abfall.
    Er nahm sein Feuerzeug heraus und zündete den Haufen an mehreren Stellen an. Die Bücher und Kleidungsstücke entflammten sich sehr schnell, eilig brannten sie, als wäre es ihre Erfüllung. Schon trieb die Hitze Stirb aus dem Zimmer. Er schloss befriedigt hinter sich die Tür, lehnte sich gegen sie. Das Lächeln war noch nicht von seinen Lippen verschwunden.

    7 Mir fällt auf, dass ich mich vor diesem Lächeln ekle. Ich wünsche, ich lächelte niemals wie Stirb.

    8 Stirb saß geduldig auf dem knirschenden Tisch und wartete. Er hatte die Beine an den Leib gezogen und hielt die Augen geschlossen. Die Hände ließ er mit den Handinnenflächen nach oben auf den Schenkeln ruhen. Unbeweglich saß er und wirkte er wie ein flüchtiger Entwurf. Nichts an ihm war fertig, überall fehlte die beendigende Hand des Künstlers. Er lauschte auf die Geräusche des schlafenden Alten. Dessen Atem war unregelmäßig und jagend, manchmal durch laute Schnarchtöne unterbrochen. Einige Male zischte der Liegende auch Worte. Sie klangen ernst und aus seinem Inneren hervorgequält.
    Stirb wartete auf das Erwachen des Schläfers. Er dachte dabei über seinen Namen nach. Er gefiel ihm. Das war ein guter Name. Er wünschte sich viele Verwandte, die ihn aussprechen würden. Der Alte hatte ihm einen passenden und einen schönen Namen gegeben. Er mochte den Alten. Langsam fiel er auf eine weiche Stimmung herein. Es fehlte nicht viel und er wäre ebenfalls eingeschlafen.
    Doch plötzlich gab es einen Schreck in ihm, ein leeres Durchsacken in seinem Unterleib, einen Schock, der ihn wie eine überraschende Ohrfeige traf:
    Er dachte an draußen.
    Er hatte tatsächlich in der kurzen Zeit, seit er sich in der dunklen, abgeschotteten Geborgenheit der Wohnung aufhielt, beinahe das Draußen vergessen. Es war für Stirb bereits jetzt wie ein böser Traum. Seine Eindrücke waren im Verschwimmen. Es waren undeutliche Erinnerungen an Gefahr, an die beißenden Strahlen einer Sonne, der man nicht entfliehen konnte, an die platzenden Schwüren, die sie verursachten, wirre Gedanken an eine staubige, entsetzliche Weite, an Hitzeflimmern über eingetrockten Flussläufen, an schwarzverbrannte Baumstümpfe, an das Ducken und Kauern, an Furcht in gefrorener Nacht, an seltsame, bösartige Kreaturen und unheimliche Lichter. Mittendrin, als Zentrum dieses wirbelnden Chaos, sah er sich selbst, den noch Jungen, Namenlosen, einer Chimäre hinterher jagend. Er hat ein fernes Ziel, er singt seinen Pfad, der Blasen an seinen Füßen nicht achtend. Er versteckt sich, schwitzt und friert, hungert, tötet und hasst, aber er weicht nicht ab von seinem Weg, denn er führt ihn hierher in dieses Haus.
    Und nun, in der Geborgenheit der Wohnstatt des Alten, vergaß Stirb rasend schnell. Er war wie ein Kind, das über einem Alptraum in die Höhe schreckt.
    Stirb öffnete vorsichtig die Augen, er spürte den Blick, der nun auf ihm lastete. Der Schläfer war erwacht, betrachtete ihn aufmerksam. Die Angst des alten Mannes war jetzt verschwunden, er hatte sich mit seinem Schicksal versöhnt. Lange Zeit sahen sich die beide stumm an.
    "Weise mich ein", sagte Stirb schließlich.
    Der Alte setzte sich schwerfällig auf, dann schlug er sein Wasser in der Hose ab. Dabei sah er spöttisch an sich herab, lächelte gelassen. Dann sprach er. Langsam entwickelte er aus den Worten Klänge, dann so etwas wie eine Melodie. Stirb runzelte die Stirn und lauschte angestrengt, er versuchte, sich die Worte des Alten zu merken.
    "Der Heilige Ignaz von Loyola bitte für uns", begann der Alte. "Er hat geschrieben: „Welch eine Ansammlung von eklen Ausflüssen ist doch der Mensch. Schau ihn an und vergleiche ihn mit den Pflanzen des Herrn. Des Menschen Früchte sind Kot und Urin, sein Geruch ist immer Gestank. Wie viel mehr wert sind da die Pflanzen, deren Früchte wohlschmeckend und dem Auge angenehm, deren Gerüche Düfte sind, die der der Mensch benutzt, seinen Gestank zu überdecken.'"
    "Erzähle von ihm", unterbrach ihn Stirb. Der Alte runzelte unwillig die Stirn. Aber er erhob gehorsam seine dünne Stimme, die während seiner Worte an Kraft gewann:
    "Er kam auf Erden, das Gesetz zu verkünden. Die Menschen, die ihn sahen, liebten ihn und lauschten seinen Worten. Es gibt viele Geschichten von ihm, denn er hat viel getan und viele Wunder sind in seinem Namen geschehen. Seine Stimme war voller Kraft und sein Auftreten war nicht von dieser Welt.
    Es kam der Tag heran, da stellte er sich vor das Volk, das sich versammelt hatte, ihn zu hören und er sprach also:
    „Gesegnet seid ihr, die ihr gekommen seid, mich zu hören, denn euch wird große Wahrheit widerfahren. Ich, der ich bin und eins bin mit mir, sage euch, die ihr nicht seid und nicht eins seid mit euch: Wer mir nachfolgen will, sein will, wer er ist und eins mit sich sein will, der soll mir nicht nachfolgen. Jeder erkenne die Freiheit, die er besitzt, den Weg zu gehen, den er gehen will. Ich bin den meinen gegangen, geht nun den euren.'
    Da schwieg er und das Volk murrte, denn es hatte ihn nicht verstanden. Darum fuhr er fort:
    „Ich will euch ein Gleichnis geben. Zwei Männer gingen von Hier nach Dort. Der eine ging die breite Straße, sie führte ihn sicher und gerade nach Dort. Der andere ging einen anderen Weg, der war steinig und beschwerlich, doch er kam ebenfalls Dort an. Welcher Weg war nun der rechte, in absoluter Weise? Der gerade, einfache oder der schwere, steinige? Ist der Weg wichtig oder das Ziel? Also sage ich: Jeder Weg führt zu mir, so wie jedes Leben in den Tod führt.'
    Und er sprach an diesem Tag noch viel zu dem Volk. Es hörte zu und erstaunte sich."
    Wieder schwieg der Alte. Er schien nun erschöpft. Das Reden strengte ihn sichtlich an. Aber Stirb sah unwillig darüber hinweg. Er wollte noch mehr wissen. Noch war alles unsicher, noch konnte er nicht klar erkennen.
    "Erzähle mehr von ihm", forderte er.
    "Als es an der Zeit war, da er sterben sollte, denn er war ein Mensch wie alle anderen, versammelte er seine Jünger um sich und sprach also:
    „Seht, ich werde euch verlassen. Doch ihr braucht nicht zu trauern, denn mir widerfährt eine große Freude. Eines aber will ich euch noch verkünden, denn deshalb sind wir versammelt. Eine grundgültige Wahrheit weiß ich noch. Ich habe mich bis jetzt gescheut, sie euch mitzuteilen. Es ist eine bittere Wahrheit. Ich wünschte, ich könnte sie verschweigen oder euch gnädig belügen, Es wird euch schwerfallen, mit ihr zu leben.'
    Er sah das Erstaunen seiner Jünger, zögerte lange, bis er sprach:
    „So höret denn: Dies ist das Leben. Hier ist euer Weg. Hier seid ihr eins mit euch auf dem Weg zum Ziel. Doch es gibt nur dieses Leben. Es endet mit dem Tod. So ist euer aller Ziel der Tod, wie auch mein Ziel der Tod ist. Der Tod ist das Ende. Es gibt kein Jenseits. Es gibt kein Gestern und kein Morgen. Es gibt nur das Heute. Euer Weg ist eure Reise in den Tod. Jeder geht den Weg anders, doch jeder gelangt an sein Ziel. Das ist die schwere Wahrheit, die ich euch verkünden musste.'
    Und da er die Niedergeschlagenheit seiner Jünger ob seiner Worte sah, weinte er ehrliche Tränen und sagte also:
    „Seht die Opferlämmer eines barbarischen Gottes, wir sind alle verdammt.'"
    Der Alte hustete, es war ein harter, schmerzender Husten, er drängte gewaltsam gegen seinen Hals und unterbrach alles Reden. Stirb hatte während der Worte des Alten zustimmend genickt.
    "Wohl", sagte er und dachte nach. "Wohl. Wir sind verdammt. Erzähle weiter."


    ------------------
    hks
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  6. #6
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    AW: Tradition

    Montags hab ich immer meinen Ausdruck-Tag und melde mich dann mit Verzögerung. Bin aber wohl der einzige, der hierzu etwas sagt scheinbar.

    Lieber Klammer,

    Lange schon habe ich auf einen solchen Text gewartet. Es ist ein Text, der für mich etwas Metaphysisches, etwas Allegorisches widerspiegelt. Ein Totentanz, ja, ein moderner, postmodern-barock in der Ausstattung, schnörkellos in der Sprache. Wenn ich immer schon eine der tausend Möglichkeiten gesucht habe, die letzten Einstellungen aus Stanley Kubricks "Space Odyssey 2001" aufgeschrieben zu sehen, für mich interpretiert, Deine Version kommt meinen Vorstellungen sehr nahe. Um sich herum all die Furcht vor dem Leben und dem Tod gleichzeitig zu sehen, dem Leben und dem Tod gleichermaßen begegnen, Du hast es verbildlicht in dieser Sequenz hier. Es kann nur ein Ausschnitt sein aus meinen Gedanken dazu, andere mögen anderes sehen. An der Diktion möchte ich nichts Wesentliches verbessert wissen, sie ist adäquat. Mag sein, dass Robert zupft, aber egal, wo man zupft, man dringt nur vor zu seiner eigenen subjektiven Ebene der Wahrnehmung dieses Totentanzes. Ein wahrer Novembertext. Viele reden über das Dahinscheiden, viele Gedichte werden auch wieder geschrieben werden, Du weist einen anderen Weg.
    Übrigens hast Du ohne es zu merken sehr viel Lyrisches verarbeitet. Damit meine ich nicht nur das Gedichtzitat, sondern hauptsächlich das Schweben Deiner Sprache über den Dingen, eine bildliche Distanz, die Du zum Geschehen und zum Beschriebenen geschaffen hast. Dieser Text kann mehr noch als "Eismann", er geht weit darüber hinaus.

    herzlichst uis

  7. #7
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Tradition

    Lieber Uisgeovid,

    danke!
    Ich fühlte mich etwas allein gelassen mit meinem (zugegebenermaßen) schwierigen Text. Ich hatte Zustimmung oder Ablehnung, Zupfen, Beleidigungen, Ironie oder Lob erwartet - aber dass buchstäblich nichts kam, hat mich doch etwas getroffen.
    Ich weiß, ich kann von niemandem eine Meinung erzwingen, aber dass überhaupt keine kam...
    Na, ja. Da tut mir deine ausgiebige, noch dazu positive Meinungskundgebung wohl. Wäre ich ein dicker, alter Kater, würde ich jetzt glücklich schnurren. So trinke ich jetzt nur einen 16 Jahre alten Ardbegwhiskey aus unabhängiger Abfüllung (ungefiltert und ungefärbt) auf dein Wohl.
    Du bist mit deiner persönlichen Deutung erstaunlich nahe dran an meinem dialektischen Spiel zwischen Ich und Er, Alt und Jung, Leben und Tod. Interessant war, dass du an die Schlusssequenz (Ha! Wieder mal drei s!) von "2001" gedacht hast. Natürlich kenne ich den Film und ich weiß ihn zu schätzen (Meine Frau schlief nach der Hälfte ein und hat den Schluss nie gesehen). Trotzdem habe ich während des Schreibens nie an Kubrik gedacht. Wenn überhaupt, spukte mir eher Tarkowskis "Stalker", bzw. der entsprechende Strugatzki-Roman "Picknick am Wegesrand" im Kopf herum. Aber du hast recht: Die Schlussszene (3 s) von 2001 erinnert frappierend an meine Geschichte, auch wenn dort das Sterben sauber und klinisch rein ist.
    Am Wochenende werde ich "Tradition" beendet haben und dann den Schluss ins Netz setzen, auch wenn wieder keiner drauf reagiert.
    Danach werde ich etwas von dem persönlichen Hintergrund dieser Geschichte erhellen.

    Gruß, Klammer

    P.S.: Natürlich hat Robertus im Ordner "Tradition - 1. Teil" recht. Die Geschichte ist nichts für Bildschirmleser. Dafür ist sie zu komplex. Aber es soll ja auch Drucker geben.
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  8. #8
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    AW: Tradition

    So. Ich bin mir durchaus bewußt daß ich wenig zu anderen Texten schreibe, aber wie du schon bemerkt hast, ist das allzu düstere und der Tod und der Ekel und das Grauen meine Sache nicht. Davon gibt es hier leider viel zu viel und meist lese ich nur den ersten Satz weil es entweder mir nicht passt oder schlecht ist. So. Und jetzt möchte ich sagen, ich habe deine beiden Texte gelesen. Aufgrund meiner eigenen, eher albernen Schreibweise, mache ich niemals Textarbeit bei anderen, ich kanns einfach nicht. Aber zu dir: ich finde vor allem den ersten Teil wirklich abstoßend (Das Grauen, Klammer, das Grauen), im zweiten habe ich mich dann etwas wohler gefühlt, aber nur etwas. Daran daß ich weiter gelesen habe, kannst du aber auch sehen das ich die Geschichte sehr gut geschrieben finde, es hat wahrlich etwas metaphysisches. Am Ende schliesse ich mich einfach uis Lob an, der kann wenigstens etwas genauer sagen warum ihm dein Text gefällt und faselt nicht so rum wie ich.

    Gruß
    Kolja

  9. #9
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    AW: Tradition

    Ich bin froh, Dich zu kennen, und Du wirst gelesen. Es braucht aber eine gute ruhige Zeit.
    Für mich bitte etwas weniger Wühlen in Exkrementen, die Geschichte, nein das Empfinden hämmert auch ohne dies stärker als alles bisher von Dir Gelesene. Sie peitscht.
    Ich wünsche mir nur für Dich und auch für mich, daß sich die Aussage der Endgültigkeit des Stirb nicht bewahrheiten möge. Wozu lohnt es sich sonst zu leben, zu lesen?

    Frage: Geht es nach meiner guten Küche auch etwas hoffnungsvoller bei der Beschreibung von Mitteln zum Leben? Sie schaffen nicht nur Kot, und der ist ebenfalls Dünger für neues Wachsen.

  10. #10
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Tradition

    Man muss nur in die Hände klatschen, schon flattern die Tauben (Mal ein Aphorismus von mir).
    Nein, ernsthaft:

    Ich nehme alles zurück, was ich geschrieben habe. Ich liebe euch auch.

    Für Hannemann:
    Essen bleibt neben Literatur meine Hauptleidenschaft (Naja, vielleicht noch Sex und Whisky und Jethro Tull... Habe ich schon Schlafen erwähnt?)
    Ich hatte gerade selbstgemachte Tortellini in einer feinen Sauce mit Wirsing - ich wußte gar nicht, dass ich so gut kochen kann!

    Stirb und der Alte haben aber ganz andere Probleme als ihre Ernährung. Wenn sie neben ihren Gesprächen einen Dialog von Flussfischen auf einem Mandel-Reisbett an leichtem Sommergemüse zum Abendessen hätten und dazu vielleicht einen Chardonnay - ich glaube, die Geschichte wäre eine andere.

    Gruß, Klammer
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  11. #11
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    AW: Tradition

    Hallo Klammer,

    vorab, etwas in Deinem Text erinnert mich an Canetti.
    Jetzt zu Deinem alten Mann, der sterbenden Tradition? Egal.
    Was mir bei seiner Schilderung fehlt, ist der Schatten den die Tragik immer wirft, die Komik. Jeder Künstler hat sein Grundthema, was er immer wieder variiert. Das reicht auch ein Leben lang. Du selber siehst Dich, glaube ich, in vieler Hinsicht als traditioneller Autor (nicht negativ). Wenn Du nun einen Schritt weiter gehen würdest und Dich Dein Schreiben und Deinen alten Mann mit einer gewissen weisen? Nachsicht sehen könntest, wäre die Figur noch interessanter. Frag mich nicht warum, aber ich weiß, daß der alte Mann auch manchmal kichert, sein Lachen wenn er Stirb erschießen will ist nicht gefährlich sondern ironisch, selbstironisch. Er hält an allem fest, weiß aber um die Sinnlosigkeit. Er beobachtet sich während er den Gewohnheiten so sehr verhaftet ist, es gibt ihn sozusagen zweimal. Woher ich das weiß? Ich meine er ist schließlich Deine Figur..., nun ich kenne das Alter recht genau, dieses Festhalten und gleichzeitig wegstoßen. So ist es auch mit Deiner Sprache, sie ist genau und sehr stimmig (bis auf einige Stolperer, die aber jetzt nicht wichtig sind), aber es fehlt der Bruch den es für einen Spannungsbogen braucht. Du bist sozusagen zu gut in diesem Thema, zu gefangen darin. Wenn Du etwas weniger streng mit Dir bist, wirst Du vielleicht merken, warum der Alte kichert.

    Vielleicht kannst Du ja was damit anfangen

    Kyra

    PS lieber Klammer, ich vermute ja, Du sagst nichts zu meinen Texten weil Du sie so grottenschlecht findest. Aber das ist auch ok., ich wäre bei Deiner Kritik etwas dünnfellig..., weil Du plapperst nicht einfach so dahin wie ich (wobei ich dies mit den Anmerkungen zu diesem Text nicht gemacht habe, ich habe wirklich versucht mich hineinzuschrauben, also eingesogen und wirken lassen). Aber für konkrete Vorschläge bin ich immer dankbar. Mit Dir würde ich gerne mal über Literatur diskutieren....denn ich habe das Gefühl, Du bist nah dran an was wirklich wichtigem, es sind nur noch einige wenige Türen dazwischen. Wer Künstler ist muss sich auf seinen persönlichen Wahnsinn einlassen, davor hast Du in meinem Empfinden noch Angst.
    Die Kontrolle beherrscht Du jetzt, die Technik, nun ist der Augenblick gekommen das alles wieder zu vergessen. Um einmal ein Beispiel aus der Bildenden Kunst zu nehmen, Beuys konnte ganz traditionell malen und Zeichnen, er war sogar ein sehr guter Zeichner. Erst mit ungefähr fast 40 konnte er sich davon lösen. Es floß zwar immer ein, aber die Fettecken und Filzarbeiten hatten (scheinbar) nur noch wenig damit zu tun.
    Verstell Dir nicht selber den Weg, nachdem Du den Kopf beherrscht, lass das Gefühl raus.
    Ich weiß es ist verdammt schwer mutig zu sein, wenn man viel weiß. Ich glaube Du hast wie jeder echte Künstler einen kleinen "Schaden", versuch ihn nicht zu kaschieren, steh dazu. Wirf das Korsett ab.

    Kannst Du mir folgen, oder sonst jemand? Ist das alles nur wirres Zeug...???

    [Diese Nachricht wurde von Kyra am 14. November 2001 editiert.]

  12. #12
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Tradition

    n'abend klammer!

    kenne teil I nicht.
    zu teil II.



    Stirb trat langsam neben ihn, hob ihn sanft wie ein verwundetes Tier auf. Er trug ihn aus dem Gang, legte den Schluchzenden auf sein dreckiges Bett. Stirb konnte den Alten verstehen. Er konnte seine Furcht und seinen Hass begreifen. Deshalb setzte er sich an das Kopfende des Bettes. Er begann, beruhigend ein Kinderlied zu summen und dem Weinenden über das fettstarre Haar zu streichen. Nach einer Weile schlief der Alte, die Knie an den Leib herangezogen, einen Daumen im Mund.
    Stirb erhob sich vorsichtig und leise.
    das ist die stärkste textstelle!
    diese worte sind direkt in meinem herzen angekommen.

    und diese kann ich nicht nachvollziehen:

    Es gibt kein Gestern und kein Morgen. Es gibt nur das Heute.

    und

    Jeder Weg führt zu mir, so wie jedes Leben in den Tod führt.

    Es gibt kein Jenseits.
    diese beiden passen nicht zusammen. mehr, es ist widersprüchlich.

    das thema ist sehr interessant! du hast 'atmosphäre' rübergebracht. vielleicht das ein oder andere adjektiv weniger, wäre mehr? sicher bin ich mir nicht.

    aus sicht des stirb ist es wohl folgerichtig, das leben einzig auf den tod ausgerichtet zu sehen. wünsche dem alten die kraft, dem stirb das leben aus der perspektive der menschen, die gerne leben, näher zu bringen. sonst sehe ich die gefahr, dass der stirb zu einfach davon kommt.

    ein paar gedanken von mir dazu, klammer ...

    schönen abend
    lg
    e.

  13. #13
    schreibt hier hin und wieder
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    Lightbulb AW: Tradition

    ..ja, flüssig zu lesen, nein, kein Ekel, aber Tarkovsky muß man schon mögen. Die Gedichte:
    so etwas würde hier natürlich zerflückt werden, dass es einen freut, aber sie 'passen' in den Text. Ein paar Schreibfähler im Teil 8.
    Ach ja, vielleicht noch einen Hund einbauen?
    Zone.jpg


    [Diese Nachricht wurde von lester am 15. November 2001 editiert.]

  14. #14
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Tradition

    Lieber Lester,

    ich danke für diesen Link. Das Bild aus "Stalker" erinnert in der Tat erstaunlich an meine Geschichte. [..]

    Zu den Gedichten: Ich bin kein Lyriker und ich mache auch keine Gedichte. In dieser Geschichte allerdings brauchte ich ein paar Verse, die einen Gegenpol zu dem Beerdigungstext des Alten bilden sollen. Deshalb bin ich in meinen Keller gestiegen, habe meinen Giftschrank vorsichtig geöffnet und ein paar schimmlige Reste meines jugendlichen Überschwangs herausgekramt. Diese Verse sind ungefähr 25 Jahre alt und erfüllten ihren Zweck, als ich noch Gedichte machte, um den Mädchen (den blonden) zu gefallen.
    Tatsächlich weiß ich natürlich, dass sie schlecht sind. Deswegen schreibe ich ja keine mehr.
    Ich hätte in meinem Text gerne an dieser Stelle gute Gedichtzeilen, aber ich hatte eben keine und klauen wollte ich nicht.
    Wenn sich also einer der begabten Poeten dieses Forums meiner erbarmen und mir ein paar passende Zeilen zusenden würde, wäre ich dankbar. Sein Name erschiene dann auch im Abspann.
    Also, wie wäre es:
    Dies ist ein Aufruf. Lasst uns meine Stümperzeilen löschen und gebt mir ein Gedicht für Stirb.

    Gruß, Klammer
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  15. #15
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    AW: Tradition

    Was ist an diesen Gedichten schlecht? Sie gefallen MIR, und MEIN Gefallen ist das Eigentliche, was ICH für MICH brauche.

    Geht es denn anders?

  16. #16
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Tradition

    Ein Rundumschlag:

    Lieber Hannemann,

    es schmeichelt mir, dass dir diese "Gedichte" gefallen. Ich habe auch das Erträglichste herausgesucht. In meinem Gedichtband finden sich auch so Perlen wie

    "Ja, der kalte Ostwind hat hier
    längst den Bäumen die Blätter entrissen,
    und irgendwo, tief in mir,
    da schwelt es nun, das geheime Wissen,
    habs über müden Wegen
    und Bächen errochen,
    ich fühls schon im mir regen,
    ja, ich habs erbrochen."

    ...und so weiter, noch vier quälende Strophen lang. Du siehst also, ich tu euch einen Gefallen, wenn ich von der Lyrik die Finger lasse.

    Natürlich hast du Recht, ich fand die gewählten Zeilen für die Geschichte passend. Sonst hätte ich ja andere eingesetzt. Lesters Einwand hat mich aber auf die Idee gebracht, nach neuen zu suchen. Ich habe mich nämlich gefragt, ob diese Geschichte einen Lyriker anregen kann, etwas Adäquates entstehen zu lassen.

    Lieber Uisgeovid,

    du hast recht: In dieser Geschichte ist viel Poesie in den Prosazeilen. Da stimme ich dir zu. Das ist beabsichtigt. Ich denke, ohne eine poetische Sprache wäre "Tradition" unerträglich.
    Um einen Satz von Nietzsche über Gott abzuwandeln: "Manchmal schleiche ich mich an das Grab der Lyrik und weine dort heimlich ein paar Tränen."

    Lieber Kolja,

    ich freue mich, dass dir meine Geschichte im Grunde gefallen hat, obwohl sie deinem Verständnis von Literatur, nämlich der tristen, grauen Welt ein paar Farbtupfer hinzuzufügen, entgegen steht. Du warst nach Robert der letzte, von dem ich eine positive Meinung erwartete.
    Danke.

    Liebe eulalie,

    auch dir danke ich. Damit diese Geschichte wirkt, muss sie nachempfunden werden, denke ich. Das hast du offensichtlich getan.
    Die Aussagen der Hauptpersonen sind widersprüchlich wie sie selbst. Traditionen schaffen Widersprüche, das ist in ihrem Wesen begründet. Schau dir z. B. die katholische Kirche an, den eisernen Hort der Tradition, auf den an dieser Textstelle angespielt wird: Sie ist ein Paradigma der Widersprüchlichkeit.
    Zu viele Adjektive konnte ich nicht finden, eher zu viele Konjunktionen. Hier müsste ich noch streichen. Das würde allerdings die Flüssigkeit behindern.

    Liebe Kyra,

    ich habe nie behauptet, ich hätte keine Theorie. Da wäre es ja ein Widerspruch, wenn ich Erläuterndes zu meinen Texten schreibe. Selbstverständlich habe ich eine Theorie. Ich habe sie sogar schon einmal ins Forum gesetzt, finde aber den Ordner nicht mehr.
    Ich habe nur behauptet, dass ich mich nicht als Künstler sehe. Was mich im übrigen daran hindert, mit meinem Motor ganz durchzustarten, ist die Tatsache, dass ich Verantwortung für andere trage. Würde mir jemand (eine Art Reemtsma) ein monatliches Auskommen bezahlen, das meinem brotberuflichen Einkommen gleichkäme, würde ich das vielleicht versuchen. So ist es aber unmöglich. Ich weiß auch nicht, ob ich es überhaupt will.
    Nun, vielleicht gibt die Zukunft Antworten.

    Gruß an euch alle,

    Klammer
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  17. #17
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Tradition

    ...Klammer, ich hab mich schlecht ausgedrückt.
    Als Solo-Werk könnte man an den Gedichten rummäkeln (Tränen und sterben ist etwas starker Tobak). Aber in der Geschichte haben sie eine Funktion: in der ekelhaften Umgebung mit Tod und Gewalt vermitteln sie ein Gefühl von, ja was, von Trost. Und passen gut. Lass sie drin, so wie sie sind. ALs Leser atmet man an der Stelle auf (hoffe, dass es nicht mir allein so geht..).

  18. #18
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Tradition

    erstellt von Klammer: Die Tagesläufe beginnt er tastend.
    Obwohl sein Schlaf tief war, ist er sofort wach und bei Sinnen. Augenblicklich konzentriert er sich auf seinen flachen, ruhigen Atem, der ihm so wichtig ist. Er macht deshalb immer Übungen zwischen seinem Erwachen und dem Aufrichten des Oberkörpers. Dann sucht er geduldig seinen Rhythmus. Er hebt und senkt bei jedem Atemzug vorsichtig den Brustkorb und nähert sich dem Punkt, an dem die Schmerzen beginnen. Jedes Einschnaufen bringt ihn ein winziges Stück heran. Der endgültigen Konfrontation weicht er jedoch aus. Obwohl er jeden Morgen mit dem Gedanken erwacht, heute den entscheidenden Kampf zu beginnen, läßt er sich von seiner Furcht besiegen. Schon wenn der Druck nur ein klein wenig das normale Pochen überschreitet, er für ein Nu die Rippen bohrend an der Lunge spürt, gibt er resigniert auf. Dennoch beharrt er in kindlichem Eifer auf seiner Übung. Sie ist sein Ernst. Er weiß noch: Einer wollte sie ihm ausreden, ein Verwandter, an den er sich kaum erinnern kann, irgend Einer, denn er ist oft verwandt. Er lacht über solch ein Ansinnen. Er weiß, er ist süchtig nach seinen Übungen. Er will ihnen nicht entfliehen, weil er sie braucht.
    Spät erhebt er sich, um die Sonnenstrahlen zu meiden, die jetzt die zusammengezogenen Ränder der Vorhänge gleißend fransen und sich merklich seiner Ruhestätte nähern. Er geht dann ein paar betonte und zärtlich langsame Schritte um das Bett zum Tisch hinüber. Dieser Tisch ist eine liebe Gewohnheit. Er freut sich bereits während seiner Atemübungen auf seinen Tisch.
    Gar nicht schlecht, wenn auch allein deskriptiv. Ich vermisse das Ausgreifen, das Verdichten, das Symbolisieren. Aber: Vielleicht kömmt es noch. Warten wir es ab!
    Präsens ist vielleicht nicht so günstig.

    Auf der Tischplatte stützt er sich immer am selben Punkt ab.
    kaum möglich; STELLE
    Er benutzt dazu die nach außen abgewinkelte rechte Hand. Diese Stelle hat er inzwischen abgenutzt.
    Muß sich auf die Hand beziehen, was erläutert werden sollte.
    Statt des dunkelgrünen Furniers ist hier ein heller, ovaler Fleck. Zu Anfang
    ungenau, weil der Bezug unklar ist; wenigstens jedoch umständlich
    , als der Tisch noch neu war, hatte er den Punkt mit Kreide markiert. Er liebt dieses schwere Lasten, sein stöhnendes sich auf die Hand kippen und dann durch den Arm und den Tisch stützen lassen.
    Inhalt und Aufbau dieses Satzes sind völlig unklar.
    Er hat diesen Tisch nur angeschafft, um sich an ihm stehend auszuruhen.
    streichen
    Auch wenn er wie zufällig eine Vielzahl alter Zeitschriften auf ihm verstreut hat, war es der einzige Grund.
    schlecht, zumal dieses HAT-Konstruktionen jetzt überhand nehmen; würde Dir empfehlen, nicht kausal zu schreiben
    Nach vorne über die Tischplatte gelehnt, wirkt er alt und krank. Er hat ein schweißiges, graues und halbgelähmtes Gesicht.
    Was ist das? In der Philosophie würde man dies als Kategorienfehler bezeichnen, denn wirfst Du nicht Äpfel und Birnen durcheinander. Bleib beim Schweiß, setz den meinetwegen in Zusammenhang mit dem Grausein - was Dir schwerfallen dürfte -, such Dir einen Teil des Gesichts, der gelähmt ist und setz auch den kataraktisch, vielleicht eine Erklärung fürs Grausein -
    Hinter seinen halbgeschlossenen flackernden Augen mit den faserigen Wimpern schimmert matt das ungesunde Rot des Augapfels hervor. Speichel rinnt ihm in einem beständigen Fluß aus den Mundwinkeln und näßt den schwarzen Nadelstreifenanzug, den er nicht einmal zum Schlafen auszieht, der nach dem Urin und dem Verdauten stinkt, dessen Geruch auch die Wohnung längst angenommen hat. Seine zitternden, unsicher tastenden Hände sind fett und fett geädert. Nichts außer seinem fleischigen Geschlecht, das er nächtelang beobachtet, ist sonst noch so fett an ihm. Seine Gestalt ist mager, dürr, brüchig.
    Hier SEINE mäßigen. Der untere Teil ist gut.

    Er ißt machmal etwas, wenn er hier am Tisch steht. Es sind nur wenige Lebensmittel, die er findet. Meist sind sie verschimmelt und gefährlich scharf. Aber der Geschmack erreicht nie die Bedeutung seiner Gleichgültigkeit.
    Relation unklar, aber vielleicht ist es gut so.
    Dann humpelt er weiter. Trotz der ewigen Dämmerung in diesem Zimmers ist das Vorwärtstaumeln eines von der Helle einer starken Sonne geblendeten Menschen. Er tritt übrigens nie ans Fenster. Sorgsam meidet er den schmalen, staubigen Strahl Licht, der ihn langsam durch das Zimmer wandernd verfolgt.
    Ist der Strahl staubig und schmal oder schmal-staubig? Reicht nicht aus. Hieße zumindest möglicherweise, daß ringsum nichts Staubiges ist. Bitte genauer. Manches mußt Du auch ausschließen, darin zeigt sich der wahre Meister des Beschreibens.
    Wenn es dann früh dämmert, kehrt er zurück zu seinem Bett, liegt und wartet auf den Schlaf der Nacht.
    dann?
    Er harrt mit pfeifendem Atem und betrachtet sein unruhiges Geschlecht.
    Ich weiß das alles, denn ich habe ihn gesehen, habe durch ihn hindurch in einen Spiegel gesehen und einen Menschen entdeckt. Ich sitze jetzt auf dem herangezogenen Bett an seinem Tisch und schreibe über ihn.
    Es gibt noch mehr Dinge, die ich von ihm weiß. Das gehört dazu: Er ist.
    Recht apodiktisches Ende des Abschnittes, aber okay. Jedenfalls stelle ich fest, daß Du die Sinnwahrnehmungen schürftest, mithin lernfähig scheinst. Gratulation. Das kann ich von mir nicht behaupten. Aber ich erkenne, wenn es jemand ist.

    2 Er ist. Wenn ihn ein Verwandter besucht, behauptet er immer, dieses Sein sei mehr, als er erwarten könne. Dabei weiß er um die Banalität dieses Satzes. Er sagt das nur, um die Verwandten zu beruhigen. Dann erzählt er ihnen immer von dem Heiligen Buch, erzählt vom Mann und einer Frau, die vielleicht krank, vielleicht auch nur müde war.
    immer streichen
    Er deutet, legt aus. Er spricht von der Schlange des Mannes, der sich die Frau verweigerte, die ihm dafür ihre Brüste, die Früchte der Erkenntnis, reichte.
    Diese Exegese geht ich nicht mit. Logik beim Logos? Vergiß es. Heute erst Hannemann mit seinem schwarzen Weib, das Berge schiß, jetzt Du mit einem Mann, der Schlange gewesen sein soll. Ist nicht. Paßt nicht. Ist als Allegorie und selbst in symbolischer Verschränkung nicht ponderabel. Ich rutsche ab. Der Mann speit nur, er ist nichts. Bereite die Negation des Nichtigen nicht so vor. Ein Spinner vor dem Herrn?
    Es sei zu früh gewesen, sagt er dann, und eben dies sei die eigentliche Vertreibung: Selbst- statt Arterhaltung.
    Paßt nicht. Du bist mitten drin, aber es fehlen die Prämissen; Du schreibst hier von Folgerungen, die in der Luft hängen. Bau um!
    Er hat längst begonnen, sich selbst zu glauben. So gern erzählt er diese Geschichte. Seine Auslegungen des Buches vertreiben die wenigen Besucher noch schneller als sein Gestank. Wenn er allerdings in den frühen Augenblicken des Erwachens, bevor er noch seine Übungen beginnt, ehrlich mit sich ist, dann muß er zugeben, wie sehr er es genießt, seine Verwandten zu vertreiben.
    ZUZUZU, aber eigentlich würd ich mich hier am meisten über einen Konjunktiv freuen. Chaire, sagen die Griechen bei der Begrüßung. Es heißt zu dt. FREU DICH! Ich würd mich über Konjunktive freuen, dann müßte er zugeben ODER dann gibt er zu, ...
    Einige wenige wissen Entgegnungen, oft sind sie höhnisch, manchmal ernsthaft, aber immer laut und kopfschüttelnd. Seine Argumente provozieren ärgerliche Widerworte. Aber er läßt nicht mit sich handeln. Er verschränkt die Arme. Er gibt sich überzeugter, als er tatsächlich ist. Er bleibt dabei ruhig. Seine Stimme klingt höher. Aber ruhig bleibt er, das ist er seinem Atem schuldig. Lange bleibt er in dieser Haltung, auch wenn sein Besuch längst gegangen ist.
    Nebensatzkonstruktionen, die aber hier nicht verfangen. Knallen müssen die Sätze. Der Typ selbst knallt.

  19. #19
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Tradition

    Lieber Robert,


    ein paar Worte zu deiner Klage über diesen verschrobenen Schöpfungsmythos. Zuerst ist er keine Erfindung von mir. Wenn du den Nachtrag zu Tradition gelesen hättest, würdest du bemerkt haben, dass dieser Mythos von meinen Großvater stammt, den ich hier zitiert habe.
    Es geht hier auch nicht um eine Bibelexegese. Später wird der Alte eine Geschichte erzählen, die sich zwar bewusst an die Bibel anlehnt, auch ihren Ton aufnimmt, in ihrem Sinn aber endlos weit von ihr entfernt ist und damit noch widersprüchlicher als die Bibel selbst.
    Was ich hier meine, ist folgendes: Tradition bewahrt zwar Erinnerungen und Geschehnisse, aber sie verfälscht sie auch. Traditionen geben Lügen weiter und weiter und weiter und die Lügen werden immer größer.


    Gruß, Klammer
    Aber ein Traum - nikolaus-klammer.blog

  20. #20
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    AW: Tradition

    Der sogenannte historisch fixierbare wahre Gehalt von Geschichten selbst ist methodisch und semantisch fragwürdig. Bedeutungswandelungen, dazu veränderte Kontexte, die Unmöglichkeit des Einanderverstehens usw. bedingen, daß einstige Lügen zur Wahrheit ganzer Epochen werden. Nimm nur die franz. Revolution von 1789. Sie war eine einzige Lüge. Der Ausbruch eine Qual des Wortes, dem sich Enge und Fäulnis in den Weg stellten. Das Wort der Gerechten vergaß darüber, daß es selbst affiziert ward. Und heraus kam ein Welteroberer: Er hatte dem Pöbel seit jeher aus dem Herzen gesprochen. Aber das ist jetzt weit hergeholt - frag auch nicht danach, ob es mit Deiner Geschichte unmittelbar etwas zu tun hat. Es hat.


    Er hat noch die Nächte. Sie sind wichtig für sein Sein. Er liegt auf seinem Bett, oben auf der klammen, schmutzstarren Wäsche. Zuerst starrt er zur Decke, auf der die getrockneten Speichelreste kleben, die er in seinen Spielen hinauf gespuckt hat. Er sieht sie glänzen.
    Dann öffnet er hastig mit seinen fetten Händen die Hose, zieht gierig sein Geschlecht hervor. Er packt es fest mit der Linken, schüttelt es, bis es sich versteift. Das alles macht er, ohne hinabzusehen, ohne auch nur irgend etwas zu denken oder zu empfinden. Er tut es, weil er es in jeder Nacht tut.
    Dann erst blickt er vorsichtig an sich herab, schaut die Erregung und schaut und schaut. So liegt er die Nacht hindurch, bis er endlich am frühen Morgen einschläft. Häufig gibt es auch Nächte, in denen ihn seine Faszination wachhält.
    Er manipuliert sich nur, wenn die Steife seines Geschlechts nachläßt. Nie hat er dabei einen Erguß. Er liegt nur, den ganzen Körper hingestreckt, den Kopf durch ein Kissen erhöht und starrt auf sein zitterndes Geschlecht.
    Nur dies und seine morgendliche Übung sind wichtig für ihn. Seine restlichen Bewegungen sind Reaktionen. Er reagiert auf seine Umwelt, während er sich auf eine seiner Handlungen vorbereitet und ihnen allein Bedeutung beimißt.
    Im letzten Teil streich wenigstens zwei SEIN. Fragwürdig ist die Tatsache, daß er sich NIE ergißt. Die Beschreibung ist plausibel, allerdings versuche ich mir vorzustellen, wie sich phantasielose Erregung in der Phantasie, die ja doch Bedingnis einer körperlichen - zumal dieser stets wiederkehrenden - Reaktion ist, widerspiegelt. Eine ungewöhnliche und interessante Fragestellung ist das.
    Ein Mann greift nach der Körperlichkeit der Frau, es sind Schwingungen und Erinnerungen vielleicht an einstige Begegnungen, die seinen Körper sich erinnern lassen und er reagiert. Das ist verständlich, aber die Vorstellung einer stets (hohlen, weil unreflektierten) partnerlosen Selbsterregung ist irgendwie schwierig. Zumal bei ihm ohne Erguß.


    Aber wahrscheinlich wirst Du eine Erklärung nachliefern. Du mußt.


    So lebt er. Es gibt auch noch eine Photographie, die wichtig ist.
    Du weißt, was ich von Sätzen, die mit ES GIBT beginnen und auf IST enden, halte?
    Er sieht sie aber nur selten an. Er hat sich an sie gewöhnt. Sie ist da, jedoch seiner Aufmerksamkeit entkommen.
    Muß eine wichtige Tatsache sein, dieses Entgleiten des einst Wichtigen, dieses angewöhnte Anstellen des Geistes vor der Leere. Verweile hier noch und erzähl etwas breiter!
    Manchmal stellt er sich vor das Bild, versucht die Motive zu ergründen, die ihn bewogen haben, es aufzuhängen.
    Das widerspricht jetzt dem vorigen.
    Dann staunt er über die Sinnlosigkeit, das Absurde und die Erkenntnis.
    'Viele erkennen und sehen doch nur das eine, weil sie es wollen', denkt er dann. Der Satz gefällt ihm. Er lacht und vergißt das Photo, bis er es zufällig an der Wand wiederfindet. Es ist nicht groß. Es ist eine aus einer Zeitschrift herausgerissene Seite. Er hat sie wahrscheinlich einmal mit einer Nadel an der Wand über seinem Tisch befestigt. Er
    Die psychologische Glaubhaftigkeit der Situation ist nicht gegeben. Wenn Du Zerissenheit zeichnen wolltest/willst, dann bleib einem parataxischen Satzbau fern, zudem interessiert doch jetzt nicht das Begründende des Daseins, sondern vielmehr das Ist. Was ist da? Dann geh zum nächsten Beschreibungsgegenstand. Mal meinetwegen ein Mosaik. ER...
    weiß nicht mehr, wann das war. Er kann sich tatsächlich nicht mehr erinnern, ob er das Photo wirklich aufgehängt hat. Manchmal vermutet er, es hing hier bereits, als er die Wohnung zum ersten Mal betrat. Doch er macht sich selten Gedanken um solche Dinge, sie sind ihm nicht wichtig. Wichtig ist das Bild. Es ist eine Werbeaufnahme. In der unteren Hälfte steht viel Text. Einige Wörter und die Überschrift sind dick gedruckt und treten deutlich hervor. Das Photo zeigt ein Auto
    na endlich..
    , ein glattes, poliertes und sauberes Gefährt, das ausgeglichen und hell der Bewegung harrt. Eine wenig bekleidete Frau liegt halb auf der Kühlerhaube.
    Er würde das Bild vermissen, wenn es plötzlich nicht mehr da wäre. Das würde ihm sofort auffallen, auch wenn er es im Augenblick nicht beachtet. Es würde ihm wie der Tisch oder das Bett fehlen.
    Die letzten drei Sätze streichen, statt dessen verdichten, was bislang dazu gesagt wurde. Am besten trittst Du aus der Beschreibung heraus.


    3 In der letzten Nacht wurde ich durch das heisere Bellen eines Hundes abgelenkt. Nachdem ich ihn erschlagen hatte, fand ich glücklicherweise wieder zurück.


    4 Er hat einen Verwandten begraben. Er meint, es sei noch nicht lange her. Da seine Tage jedoch ohne Einschnitt vergehen, er nur im Spiegel ein Bild der Zeit sehen kann, mag er sich irren. Aber es ist für ihn nicht von Belang, nur die Tat zählt.
    Er kann sich genau erinnern. Es war ein guter Tag, denn gleich am Morgen während seiner Übung war es ihm gelungen, ganz nah an den Schmerz zu treten. Glücklich lag er nach der Übung in seinem Bett, länger als an anderen Tagen. Seine Sonne hätte ihn dadurch fast gefangen.
    Als er sich dessen plötzlich bewußt wurde, erhob er sich schnell, begann seinen Tageslauf verspätet. Um Zeit aufzuholen, schleppte er sich eilig durch das Zimmer, stützte sich nur kurz am Tisch auf und suchte dann in der Küche nach etwas Eßbaren in seiner Griffweite.
    Dabei fand er den Verwandten. Der Mann lag in der K?che hingestreckt. Kurz wunderte er sich über die seltsame Verrenkung, die der Leib der Leiche machte; warum sie eingezwängt ausgerechnet in dem schmalen Zwischenraum von Herd und Kühlschrank lag, beide Hände in den Läufer gekrallt, blutig und schmutzstarrend. In seiner ersten Reaktion tappte er trotzdem zum Kühlschrank, um etwas graue Wurst hervorzuholen. Ihm wurde aber noch rechtzeitig die Pietätlosigkeit seiner Handlung bewußt. Er schloß die Tür des Kühlschranks vorsichtig, nickte nachdenklich dem Verwandten zu seinen Füßen zu. Das blutverkrustete und starr verzerrte Gesicht erschien ihm verständnisvoll.
    Er machte nicht gern, was jetzt zu tun war. Es war viel zu viel Arbeit für seinen alten und kranken Leib. Es brachte seinen Tagesplan noch mehr in Unordnung. Aber es mußte getan werden, da gab es keinerlei Zweifel, denn die Leiche lag ungünstig. Er würde jedesmal über sie steigen müssen, wenn er in das nächste Zimmer wollte. Er wusste aus Erfahrung, wie schädlich eine hebende Bewegung seiner Beine für seinen Atem war. Deshalb schlurfte er ja nur langsam mit den Füßen über die Dielen.
    Also wand er sich um und ging hinüber in den großen Raum mit der Maschine, dem Spiegel, und dem kleinen Schrank. Dessen klemmende Tür öffnete er so sacht, wie es ihm möglich war. Er wollte ein Knarren der Scharniere vermeiden. Er glaubte, ein lautes Geräusch würde seinen Verwandten stören.
    In den im Schrank liegenden Kleidungsstücken suchte er, bis er endlich den hellen Anzug fand, den er immer zu Beerdigungen trug. Er legte seine Alltagskleidung ab und lachte unterdrückt, als er auch seine schmutzstarre Unterhose vom Gesäß streifte. Nackt zu sein, war befreiend, aber er gönnte sich noch keine Pause. Er schlüpfte in den hellen Stoff, drehte vor dem Spiegel, gefiel sich.
    In diesem Moment wusste er, daß dies ein wirklich guter Tag werden würde. Leider war es auch ein anstrengender, denn er musste nun die Leiche in dem kleinen Raum, der an das Schlafzimmer grenzte, beerdigen. Den Parkettboden dieses Zimmers hatte er schon vor längerer Zeit verheizt. Dort kam die nackte Erde zum Vorschein.

    Ich habe diesmal die Stellen hervorgehoben, die mir nicht passen. Pa? blo? auf, da? Du nicht zuviel nachstellst und nachreichst, so einen Schwanz an die Gedanken h?ngst.

  21. #21
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Tradition

    klammer,


    ich mag nicht glauben, dass tradition und ersiees beide von dir sind.


    tradition hat einen eigenen (sprachlichen)stil. hier wirfst du fragen auf, bringst mich zum nachdenken, erz?hlst auch etwas über mich. ich lese und es zieht mich in den text (meistens jedenfalls).


    ersiees ist platt, sprachlich, wie inhaltlich. wobei die 2. geschichte "schlimmer ist, als die erste. sorry, klammer. ich will dich nicht fertig machen, ich bin nur ehrlich.


    ich werde meine meinung noch begründen im ersiees ordner2.


    lg
    e.

  22. #22
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Tradition

    Er wühlte erneut in dem Schrank und fand einen dreckverkrusteten, rostigen Spaten. Er konnte sich erinnern, dass er ihn schon mehrmals für den gleichen Zweck benutzt hatte.
    Hier könnte man schön auflösen IHN..ZU HABEN, wenn schon ZU sein muß.
    Er nahm den Stiel des Spatens auf die Schulter und schlurfte in den kleinen Raum. Dort suchte er sich eine geeignete Stelle nahe an der Wand und begann zu graben.
    Er ließ sich Zeit. Er mußte sich auch Zeit nehmen, denn diese Tätigkeit war für seinen Atem gefährlich wie keine andere.
    Wohl kaum dafür.
    Obwohl die Erde weich und nachgiebig war, benötigte er beinahe den ganzen Tag für das Ausheben der Grube. Obwohl er so langsam arbeitete, ermüdete er rasch.
    Ich kann in dieser Anapher keine sonderliche Funktion erkennen.
    Spitz stach etwas beharrlich in seine Seite. Sein Puls raste, und er keuchte hektisch.
    Genau das meine ich mit den nachstellenden Wiederholungen. SEIN. Statt den Zustand hinzunehmen, willst Du ihn verbessern, irgendwie verbessern. Das glaubst Du durch wiederkehrende und dem Leser bekannte Attribute zu erreichen. Den retardierenden Nebeneffekt unterschätzt Du dabei.
    Als er endlich aus der knietiefen Grube kriechen konnte und den Spaten auf den ausgeschachteten Erdhaufen warf, kämpfte er lange mit seiner Erschöpfung und seiner Mutlosigkeit.
    Er kroch zurück zu seinem Bett und wartete, bis sich seine pumpende Lunge beruhigt hatte.
    eine aktive Lunge! wow!
    Darüber wurde es Nacht. Heute würde er kein Spiel mit seinem Geschlecht haben können.
    Jetzt folgte der wohl schwierigste Teil seiner Bemühungen: Er würde den Leichnam aus der Küche zu der Grube schleppen. Sein Verwandter war dünn und längst ausgeblutet. Darüber war er froh. Allerdings machte ihm die Leichenstarre zu schaffen. Zentimeterweise, mit langen Erholungspausen dazwischen, erledigte er sein Werk. Endlich konnte er den Toten in sein Grab gleiten lassen. Er richtete sich erleichtert auf. Tanzende Schwärze kochte um ihn herum. Er setzte sich auf den Erdhaufen, um erneut zu Kräften zu kommen.
    Erst in den Morgenstunden gelang es ihm, Ruhe zu finden. Er beendete seine Arbeit nun flink, füllte das Grab wieder mit Erde. Dann humpelte er zurück in den großen Maschinenraum, hin zu dem mannshohen Spiegel, den er wie eine Türe zur Seite klappte. Er gab dadurch den Blick auf einen Wandschrank frei, der mit Büchern gefüllt war. Der Alte achtete nicht darauf, was für ein Buch er griff. Es ging nur darum, mit einem Buch in der Hand ein paar ehrfurchtsvolle Worte zu sprechen. Das war Tradition.
    Also stellte er sich vor den Grabhügel, klappte den dünnen Band auf und las mit getragener Stimme einen Absatz vor:
    "Die populärste Sprache für Mikrocomputer ist ohne Zweifel BASIC (Beginner's All Purpose Symbolic Instruction Code). Es gibt praktisch keinen Personalcomputer, der nicht in seiner Standardausrüstung mit dieser Sprache ausgerüstet ist oder für den keine BASIC-Version geliefert wird. Anfang der 60er Jahre wurde BASIC zu Lehrzwecken für den Einsatz auf Großcomputern entwickelt. Von Bill Gates, dem heutigen Präsidenten von Microsoft, wurde BASIC auf dem ersten Microcomputer, der die 8080-Prozessoren von Intel nutzte, als Interpreter zur Verfügung gestellt."
    Er brach ab, schwieg voller Pietät und ehrlicher Trauer. Dann sagte Er:
    "Amen."
    Das war ein guter Tag.
    Guter Witz.

    erstellt von klammer: 5 Etwas in mir ist verwirrt. Ich spüre es.
    Nicht nennen, sondern beschreiben, also den letzten Satz streichen
    Ich bringe die Sätze nicht so deutlich zu Papier, wie sie in meinem Kopf entstehen. Alle Klarheit schwindet bei dem Versuch, sie zu fassen.
    Immer wieder aufs Neue stocke ich, bleibe ich in einer Beschreibung stecken, die die Wahrheit nur streift, machmal auch lügt. Aber es gibt so viele Dinge, die ich erzählen will. Ich will den Kern greifbar machen.
    Hier mußt Du aufpassen. Den Kern kann man nicht erzählen. Das Wesen der Dinge liegt im Verborgenen, die man erzählen kann (Schleier der Maja und so). Das Greifbare läßt sich nicht herbeierzählen, bestenfalls beschreiben. Anschauung und Rondierungsdeklamation, zwei Dinge zweier Medaillen.
    Habe ich schon vom Geruch geschrieben? Jedes der vielen Zimmer seiner Wohnung hat einen ganz besonderen, spezifisch eigenen Geruch.
    BESONDERS und SPEZIFISCH sind nicht unbedingt einander ergänzende Worte
    Ich traue mir zu, nur mit Hilfe meiner Nase blind heraus zu finden, in welchem Zimmer ich gerade bin.
    Da ist zuerst das Schlafzimmer, das Zimmer, in dem er sich meist aufhält. Es riecht stark nach ihm, nach seinem besudelten Anzug, nach dem Verdauten, dessen er sich in der Ecke neben dem Tisch entledigt. Die Tür dort drüben führt in das Beerdigungszimmer. Dessen scharf pilziger Modergeruch wird von dem vom Schlafzimmer hereinziehenden Gestank überlagert. Die Küche riecht streng nach Seife, ein wenig auch nach Urin, da er sein Wasser regelmäßig im Waschbecken abläßt. Das Maschinenzimmer ist groß und leer, meist verschlossen. Der Geruch liegt dort abgestanden, in der Nähe des Schrankes faulig und süß. Dann gibt es noch einen letzten Raum, den er nie betritt, da seine hellen gläsernen Flügeltüren keine Vorhänge besitzen. Sie führen hinaus, zum Draußen, von dem er sich abgeschottet hat. Manchmal beugt er sich an der Tür zu diesem Zimmer herab, führt seine geblähten Nasenflügel an das Schlüsselloch und atmet tief den dampfigen Geruch von in der Sonne verbrennendem Gras. Durch diese Tür kommen seine Verwandten zu ihm.
    Doch es gibt noch mehr Gerüche, vielerlei Gerüche, sie sind so vielfältig wie die unglaubliche Anzahl an Wandschränken und schwarzen Gängen, die sich hinter den Wänden verbergen. Früher erkundete er sie oft, aber er ist inzwischen in ein Alter gekommen, in dem die Interesselosigkeit an allen Dingen, die nicht ihn selbst betreffen, seine Neugierde überwiegt.
    Den letzten Satz einfacher machen.
    Zudem hat er nur selten etwas wirklich Bedeutsames auf seinen Wanderungen gesehen.
    Vielleicht schreibe ich später darüber. Es ist noch etwas über den Geruch zu sagen. Er ist überall aufdringlich präsent, aber er selbst bemerkt ihn nicht, es sei denn, er müht seine Nase an das Schlüsselloch des Flügeltürsaals, nur dann nimmt er bewußt einen Geruch auf.
    Das solltest Du nicht an die bewußte (große) Glocke hängen, sondern vielmehr nebenher mitteilen. Selbstreferenz und Fremdreferenz: Wie sehr willst Du das formell thematisieren?
    Er geht selten zu dieser Tür. Er ist genügsam geworden und pendelt nur noch zwischen Bett und Küche hin und her. Sonst liegt er, schläft und beobachtet sich. Manchmal wird er durch die Begegnung mit Verwandten aus seinem Tagesrhythmus geworfen. So vergehen seine Tage.
    Doch nun will ich endlich von dem Besuch berichten, der kein Verwandter war.
    Paß auf, daß Du nicht hin und her springst; wenn Du beschreibst, ist es gut, wenn Du reflektierst, muß das für den Leser einen Informationsgewinn bedeuten.

  23. #23
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    AW: Tradition

    Lieber Robert.
    Dieser Text gehört sicher zu den von mir am meisten bearbeiteten. Immer wenn ich fertig bin, könnte ich wieder von vorne beginnen. Danke für deine diesmal recht gutmütigen Anmerkungen. Sie fordern mich zu einem nochmaligen Bearbeiten heraus(das müsste dann etwa die zwanzigste Version sein.
    Glaubst du, ich werde jemals mit einem Text "fertig"?


    Gruß, Klammer
    Aber ein Traum - nikolaus-klammer.blog

  24. #24
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Post AW: Tradition

    6 Er lag im Bett und schlief, als der Besuch kam.
    Das machst Du sehr oft so, Du stellst nach. Manchmal ist es passend, zumeist, wie hier, verwirrt es eher, als es dem Leser bei einer Verortung hilft. Warum wehrst Du Dich gegen einen Satz Als der Besuch kam, schlief er. Eben. Jetzt wird die Problematik des Anfangs deutlicher; das Wichtigste kann der Besuch sein, wohl schon, ein Objekt, ein Motiv gegebenenfalls, aber eigentlich geht es Dir doch ums Schlafen. Hm, literarisches Sujet SCHLAF. Bruder des Todes, Unschuldslüstern weckt der Gockel die Henne.. Und was würde H. hier sagen?
    Der Mann öffnete mit viel Schwung die Tür des Flügeltürsaals, trat lautstark polternd ein und schlug sie wie endgültig hinter sich zu. Darüber erwachte der Alte. Verwundert richtete er sich halb in die Höhe. Das war der erste Besuch, dessen baldige Ankunft ihm nicht bereits Tage vorher ein bohrender, nadelfeiner Schmerz in der Mitte der Stirn angekündigt hatte.
    Ohne Tempo und Verve erzählt, nein, beschrieben. Du erzählst hier gar nicht. Jetzt maul nicht! Der Anfang ist beschissen. Ich erwarte hier eine Sukzession, ein langsames und präzises beginnen, aus dem Du entwickeln kannst, sprachlich und psychologisch.
    Der Alte stieg aus dem Bett und trat eilig zu seinem Tisch, dessen Berührung ihm Geborgenheit und Kraft schenkte.
    Ich hoffe für Dich, daß der Tisch weitergefaßte motivische Bedeutung im Laufe des textes erhält, sonst ist‘s nichts weiter als Brokat.
    Er schüttelte benommen und unwillig den Kopf, wartete, bis der Besuch den Weg durch die Küche zu ihm gefunden hatte.
    Der Mann kam ungeschickt lärmend herein. Er rutschte mehrmals auf den schmierigen Küchenfliesen aus und fluchte mit Nachdruck. Dann standen sie sich gegenüber und erkannten sich sofort.
    Das dauert alles. Erkläre nichts mit Schläfrigkeit! Daß Du breit erzählst, das habe oich schon längst hingenommen; zuweilen ist es auch richtig so, aber hier: Wat denn nu? Plötzlich, brüsk, jäh oder alles andere? Wenn alles andere, dann bleib beim Schläfer und thematisiere somnambule Existentialität (whatever).
    Nein, der Besuch war kein Verwandter. Er hatte ihn noch nie gesehen. Er fürchtete sich. Dankbar war er nun seinem Tisch, der ihn stützte.
    [b]Ah! Mehr davon. Der Tisch ist wichtig. Der Augenaufschlag nicht. Vermeide doppelte Verneinungen, auch wenn Du sie in Kommas bettest.
    Der Besuch spuckte auf den Boden, sah sich kurz um und sagte:
    "Ich heiße, wie ich heiße, nenne mich, wie du willst."
    Er begleitete seine Antwort mit einem heftigen Nicken.
    "Ich weiß das. Ich weiß das doch. Du bist mir nicht unbekannt. Es gab Tage, da habe ich auf dich gewartet. An anderen, es waren die häufigeren, habe ich dich gefürchtet. Jetzt bist du mir gleichgültig. Wenn du das jetzt nicht verstehst, dann verstehst du es später."
    "Nenne mich, wie du willst", wiederholte der Besuch, eine Spur von Ungeduld war nun in seiner Stimme.
    "Ich habe jetzt keinen Namen für dich, denn du bist mir nicht mehr wichtig. Aber einmal gab ich dir einen Namen. Ich kann mich erinnern, das ist lange her, denke ich. Tage sind vergangen. Ja, ich gab dir einen Namen."
    Klingt wie auswendig gelernt. Der letzte Teil ist schlecht, sonst geht es so. Bau hier behutsam und in kurzen Sätzen Spannung auf. Vielleicht machst Du ein dezessioeses Spielchen, klemme die Endungen, verhunze die Sprache, spiel ein bißchen.
    "Nenne mich", beharrte der Besuch.
    "Ich habe den Namen vergessen, auch wenn es ein guter Name war. Aber ich habe ihn aufgeschrieben. Er steht irgendwo, ich kann mich nicht erinnern. Ich habe ihn in einem Gang an die Wand gemalt. Das ist Tage her, Tage."
    Die Stimme des Besuchers wurde lauter, zwingender, kaum merklich zwar, aber es genügte, dass der Alte zusammenschrak.
    "Nenne mich. Ich bin, der ich bin. Nenne mich, wie ich bin. Nenne mich, wie ich es brauche!"
    "Ich nenne dich...", erwiderte er schnell. "Ich nenne dich... Ich weiß es doch nicht mehr!"
    Er richtete sich ganz auf, deutete zu seinem Kothaufen, den der Besucher nur mit einem kurzen, angeekelten Blick streifte.
    "Dahinter ist eine Wandtür und hinter ihr ein kurzer, blinder Gang. Das weiß ich noch. Dort an der Wand steht dein Name."
    Er stemmte sich aufgeregt weg von seinem Tisch, tappte schlurfend zu seinen Exkrementen, stapfte achtlos in sie hinein. Er zerrte am Riegel der kaum sichtbaren Wandtür, die sich nur unwillig öffnete. Sein Besucher folgte ihm mit den Augen, machte keine Anstalten, ihm zu helfen.
    "Nenne mich", wiederholte er zornig.
    "Ja, aber ja!" rief er. Er hörte selbst die Hysterie in seiner Stimme, ihre ungewohnte Lautstärke und die pfeifende Gefahr, die tief unten in seiner Lunge lauerte. Sein Atem war viel zu schnell, er flog, drängte hart gegen seine Rippen, bohrte glühenden Schmerz in seinen ausgemergelten Körper.
    "Ja!" rief er erneut. "Sie geht auf, schau, sie geht auf!"
    Tatsächlich gelang es ihm, die Tür ein wenig zu öffnen, sein Verdautes zur Seite zu schieben. Der enge Spalt genügte ihm, um hineinzuschlüpfen. Seine eiligen Schritte verhallten in dem Gang.
    Es war still in dem Schlafzimmer. Nur der gleichmäßige Atem des Besuchers war zu hören. Er stand ruhig und breit, beide Beine gewichtet, die Arme verschränkt. Die Augen waren jetzt geschlossen, das Gesicht entspannt. Er wartete. Dann waren erneut Schritte zu hören, noch eiliger diesmal. Gleich darauf quetschte der Alte sich gequält durch den Spalt. Er humpelte keuchend zu seinem Besucher, berührte ihn am Arm. Der Mann öffnete ein Auge.
    "Ich hatte recht, da steht es Da steht dein Name an der Wand. Aber es ist dunkel in dem Gang. Ich konnte zwar meine Schriftzüge aus Kreide mit den Fingern ertasten, schau, sie sind ganz weiß an den Spitzen, aber ich konnte nicht lesen. Es war zu dunkel. Ich bitte dich, hast du Licht bei dir?"
    Der Besucher öffnete auch das zweite Auge, sah den Alten lange an. Dann griff er gleichgültig in seine Hosentasche und förderte ein kleines metallenes Feuerzeug zu Tage. Als sein Gegenüber gierig danach haschen wollte, ballte er seine Faust fest darum.
    "Ich gehe mit", sagte er.
    Der Alte stimmte eifrig zu, auffordernd winkend trat er zurück zur Tür, zwängte sich erneut hindurch. Mit der selben Gleichgültigkeit, die der Besucher bisher ausgestrahlt hatte, trat auch er jetzt durch den kniehohen Kot. Mit einer spielerischen Bewegung öffnete die Wandtür weit, trat ins Dunkel und folgte den vorauseilenden Schritten des Alten.
    Gut. Einmal Kot zu oft. Dafür muß noch ein zweites Ekliges her. Da genauer und schön eklig sein.

    erstellt von klammer: Er benötigte eine Weile, bis er in dem Halbdunkel etwas erkennen konnte. Mehrmals stieß er gegen seltsam geformte größere Gegenstände, die am Boden verstreut lagen.
    nebensatz streichen und im hauptsatz berücksichtigen
    Er verharrte und entzündete sein Feuerzeug. Ein müdes Licht flackerte an den Wänden, aber es genügte seinen scharfen Augen. Der Besucher sah sich um. Die Gegenstände zu seinen Füßen waren elektronische Geräte, Fernseher, Radios und Schallplattenspieler in allen Stadien der Zerstörung. Er kniete sich herab, um ein Handy näher zu untersuchen.
    In diesem Augenblick hörte in seiner Nähe erregtes, krampfartiges Keuchen. Sein ruhiger Blick wanderte in die Höhe. Der Alte stand da, hielt hocherhoben, mit beiden Händen von sich gestreckt, eine schwere Schußwaffe auf ihn gerichtet.
    "Da hast du deinen Namen", rief er kreischend, von einem Bein auf das andere stampfend. Das gierige Rot seiner Augen funkelte zornig. "Da hast du deinen Namen! Er lautet: Stirb!"
    Der Besucher nickte.
    "Das ist mein Name. Ich bin der, der ich bin. Ich bin Stirb."
    Die Antwort des Alten war ein geiferndes Lachen, das er nicht beherrschen konnte.
    wechselt die perspektive; nötig?
    Es schallte vielfach von den Wänden zurückgeworfen den engen Gang hinab.
    überflüssig
    Es war ein gefährliches Lachen. Es war böse und endgültig.
    "Ja, das ist der Name!" lachte er. "Ja, stirb!"
    Er verkrallte seine Zeigefinger am Abzug der Waffe. Der Revolver knackte sehr trocken. Er
    wer?
    wartete vergeblich auf den Knall, der schnell auf das Knacken folgen sollte.
    Deshalb drückte er noch einmal ab, dann wieder und wieder, immer schneller. Die Trommel des Revolvers drehte sich gehorsam, aber kein Schuß löste sich. Schließlich gab er es auf.
    wer? unkare Verhältnisse; merkwürdig diffus

    erstellt von klammer: Er sank in die Knie und schleuderte die nutzlose Waffe unwillig beiseite. Dann weinte er laut und verzweifelt. Stirb trat langsam neben ihn, hob ihn sanft wie ein verwundetes Tier auf. Er trug ihn aus dem Gang, legte den Schluchzenden auf sein dreckiges Bett. Stirb konnte den Alten verstehen. Er konnte seine Furcht und seinen Haß begreifen. Deshalb setzte er sich an das Kopfende des Bettes. Er begann, beruhigend ein Kinderlied zu summen und dem Weinenden über das fettstarre Haar zu streichen.
    Häufung von KONNTE, das BERUHIGEND ist nicht klarumrissen
    Nach einer Weile schlief der Alte, die Knie an den Leib herangezogen, einen Daumen im Mund.
    Dieses Bild etwas ausmalen.
    Stirb erhob sich vorsichtig und leise.
    unklar, bestenfalls tautologisch zu verstehen
    Er begann sich in der Wohnung umzusehen. Als erstes ging er zum Kühlschrank und sah hinein. Er war hungrig. Er wühlte die letzten eßbaren Reste hervor und aß gierig. Im Schrank unter der Spüle fand er anschließend Konserven, in Kartons verpackte Notrationen.
    Zeitfolge hier unwichtig; ANSCHLIESZEND überflüssig, zugleich die Erläuterung, die entweder einen gesonderten Satz verdiente oder gestrichen werden muß
    Das konnten nicht alle Lebensmittel sein, sondern nur ein kleiner Teil, den der Alte der Bequemlichkeit halber hier aufbewahrte.
    Schon wieder KONNTE.
    Der Rest mußte sich an einem anderen Ort befinden, vielleicht in einem trockenen Keller, wenn es überhaupt einen gab. Als Stirb den Schrank schloß, entdeckte er eingetrocknetes Blut und ein verklebtes Stück Hirn auf dem Fußboden. Er untersuchte beides neugierig, nickte wissend.
    Woher weiß er, daß es HIRN ist?
    Im Beerdigungszimmer hielt er sich nicht länger auf, ein kurzer Blick genügte ihm.
    läßt den Leser fragend zurück
    Die genaueste
    Nachdem bislang nichts Genaues getan wurde, ist diese Komparation unglaubwürdig.
    Untersuchung nahm er im Spiegelraum vor. Stirb öffnete den Schrank weit. Er warf sämtliche Kleidung auf den Boden und den Spaten obenauf. Dann kramte er eine größere hölzerne Zigarrenkiste hervor, die verschlossen war und nach Öl roch. Er brach sie über seinem Knie in zwei Teile. Briefe und beschriebene Blätter quollen heraus. Er nahm mehrere und las sie oberflächlich. Dann legte er sie zu dem Kleiderhaufen, suchte weiter.
    Was für Öl? Warum QUOLLEN? Meinetwegen, aber sehr schön ist QUOLLEN nicht.

    Ich bin ja so fleißig! Erwarte Lob!
    erstellt von klammer: Wonach Stirb suchte, wußte er nicht genau. Aber er spürte den starken Drang zu suchen. Es war eine fixe Idee in ihm.
    letzten Satz streichen, wenn Du es nicht näher thematisierst
    Es wurde bereits dunkel, als er mehr durch einen Zufall als durch zielstrebiges Nachforschen hinter dem Spiegel die Bücherwand entdeckte. Das war der erste Fund, den er mit einer Regung quittierte. Er lächelte leicht.
    Sanft nahm er das erste Buch heraus, blätterte es fast ehrfurchtsvoll auf.
    ES ist schlecht, schon anfangs bei der Zeitverortung; hier auch schlecht, zumal das Unbestimmte des Leichtlächelns und das EHRFURCHTSVOLL, das ich als EHRFÜRCHTIG nicht so recht übertragen möchte, aber müßte..
    Er nahm den Kopf in den Nacken, hielt das Buch weit von sich, las dann stockend ein paar Worte. Schnell schleuderte er es unwillig auf seinen Abfallhaufen. Er nahm das nächste Buch, es folgte nach kurzer Prüfung dem Weg des ersten. So machte er weiter, bis er auf einen dünnen Band mit handgeschriebenen Gedichten stieß, bei dem er etwas länger verweilte. Er öffnete den zerfledderten Band sehr vorsichtig, folgte den Sätzen mit dem Finger und las halblaut einige Gedichte:

    "unter tränen
    wiegen die winde
    die träume die sterben
    unter tränen
    wiege ich mein kind
    das stirbt
    tränen
    unter tränen:
    leben.

    da wir geboren wurden in den stunden der nacht
    wird düster was dunkel wir berühren
    da wir geboren wurden in den stunden des leids
    wird trauer was heftig wir umarmen.

    narren der helle
    wanken wir in den schatten des lichts
    sehen die fruechte der wiesen des mondes
    wo selbst namen ihre wege verlieren
    wir sehen dort
    sehen doch nichts.

    wo beginne ihr ende schon tragen
    da will ich sein
    will anfang und wehe
    will schluss und leid.

    ist es falsch
    wenn ich nun schon sage:
    es wird schlechter
    tag für tag
    träume sterben
    zuhauf gehegt."
    Kurzer break: Die vorgestellte Beschreibung kürzer und staccato. Die zweite Strophe ist gut; vielkleicht nur einen Ausschnitt lesen, vielleicht selbst das Uneinheitliche durch zerhackte Textwiedergabe betonen.Aisthetisch aufbrechen!
    Stirbs Lächeln verstärkte sich. Er klappte das Büchlein liebevoll zu und schob es in die Innentasche seines weit geöffneten Overalls.
    Zu wenig. Hier wäre ein Blick in die Wandlung seiner Wut.. interessant.
    Die restlichen Bücher leerte er mit wenigen Griffen auf den Boden, schob sie mit dem Fuß zu dem Abfall.
    Er nahm sein Feuerzeug heraus und zündete den Haufen an mehreren Stellen an. Die Bücher und Kleidungsstücke entflammten sich sehr schnell, eilig brannten sie, als wäre es ihre Erfüllung. Schon trieb die Hitze Stirb aus dem Zimmer. Er schloß befriedigt hinter sich die Tür, lehnte sich gegen sie. Das Lächeln war noch nicht von seinen Lippen verschwunden.
    Als ob er sich von Äußerem treiben lassen würde!

    erstellt von klammer: 7 Mir fällt auf, daß ich mich vor diesem Lächeln ekle. Ich wünsche, ich lächelte niemals wie Stirb.
    Prüfe hier Varianten: Ein ICH streichen, einen Konjunktiv am Anfang, DASZ vermeiden etc. Die müssen kein beßres Ergebnis bringen, aber einen Versuch ist es wert.
    8 Stirb saß geduldig auf dem knirschenden Tisch und wartete. Er hatte die Beine an den Leib gezogen und hielt die Augen geschlossen. Die Hände ließ er mit den Handinnenflächen nach oben auf den Schenkeln ruhen. Unbeweglich saß er und wirkte wie ein flüchtiger Entwurf. Nichts an ihm war fertig, überall fehlte die beendigende Hand des Künstlers. Er lauschte auf die Geräusche des schlafenden Alten. Dessen Atem war unregelmäßig und jagend, manchmal durch laute Schnarchtöne unterbrochen. Einige Male zischte der Liegende auch Worte. Sie klangen ernst und aus seinem Inneren hervorgequält.
    ERNST ist zwar gut, aber schärfer und genauer wäre es, wenn Du es streichst. Klingt merkwürdig, gell?
    Stirb wartete auf das Erwachen des Schläfers. Er dachte dabei über seinen Namen nach. Er gefiel ihm. Das war ein guter Name. Er wünschte sich viele Verwandte, die ihn aussprechen würden. Der Alte hatte ihm einen passenden und einen schönen Namen gegeben. Er mochte den Alten. Langsam fiel er auf eine weiche Stimmung herein.
    Der letzte Satz ist schlecht. Die Dinge müssen hier nicht so glatt ablaufen. Du mußt auch nicht jede Geste beschreiben. Ich würde gern mehr ins Innere des Betrachters schauen. Woran denkt er?
    Es fehlte nicht viel und er wäre ebenfalls eingeschlafen.
    Doch plötzlich gab es einen Schreck in ihm, ein leeres Durchsacken in seinem Unterleib, einen Schock, der ihn wie eine überraschende Ohrfeige traf:
    Er dachte an draußen.
    Umstellen. Erst denkt er, dann reagiert er.

  25. #25
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    AW: Tradition

    erstellt von klammer: Er hatte tatsächlich in der kurzen Zeit, seit er sich in der dunklen, abgeschotteten Geborgenheit der Wohnung aufhielt, beinahe das Draußen vergessen.
    beinahe und tatsächlich ergänzen sich nicht sonderlich beschaulich
    Es war für Stirb bereits jetzt wie ein böser Traum. Seine Eindrücke waren im Verschwimmen. Es waren undeutliche Erinnerungen an Gefahr, an die beißenden Strahlen einer Sonne, der man nicht entfliehen konnte, an die platzenden Schwüren, die sie verursachten, wirre Gedanken an eine staubige, entsetzliche Weite, an Hitzeflimmern über eingetrockten Flussläufen, an schwarzverbrannte Baumstümpfe, an das Ducken und Kauern, an Furcht in gefrorener Nacht, an seltsame, bösartige Kreaturen und unheimliche Lichter.
    Hier stört mich nur der Satzanfang. ES muß nicht sein.
    Mittendrin, als Zentrum dieses wirbelnden Chaos, sah er sich selbst, den noch Jungen, Namenlosen, einer Chimäre hinterher jagend.
    IM Zentrum, als assoziiert Raum nicht unbedingt.
    Er hat ein fernes Ziel, er singt seinen Pfad, der Blasen an seinen Füßen nicht achtend.
    Partizip streichen
    Er versteckt sich, schwitzt und friert, hungert, tötet und haßt, aber er weicht nicht ab von seinem Weg, denn er führt ihn hierher in dieses Haus.
    Die Zeitformen, die Folge, ich gerate hier durcheinander.
    Und nun, in der Geborgenheit der Wohnstatt des Alten, vergaß Stirb rasend schnell. Er war wie ein Kind, das über einem Alptraum in die Höhe schreckt.
    Stirb öffnete vorsichtig die Augen, er spürte den Blick, der nun auf ihm lastete.
    Nebensatz streichen, nicht alles erklären wollen
    Der Schläfer war erwacht, betrachtete ihn aufmerksam. Die Angst des alten Mannes war jetzt verschwunden, er hatte sich mit seinem Schicksal versöhnt. Lange Zeit sahen sich die beiden stumm an.
    "Weise mich ein", sagte Stirb schließlich.
    Mir fällt auf, daß Du gern paarweise Saetze konstruierst. Du wiederholst die Konstruktion, aber nur einmal, das jedoch regelmäßig. Meinetwegen mach das zu einem Kennzeichen Deines Schreibens.

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