Seit dem Wiener Kongreß fühlte sich die französische Bourgeoisie im europäischen Mächtekonzert ohne Soloauftritt. Dominanz auf dem europäischen Festland nahm weitgehend Rußland wahr, das seine Funktion jedoch eher als Ordnungsmacht denn als Eroberer verstand. Innenpolitische Veränderungen der Franzosen, die Monarchie, sozialistische Republik, Kaisertum und Oligarchie gleichermaßen versuchten, hatten es nicht vermocht, die französische Hegemonie von 1810 wiederherzustellen. Mit dem Kaisertum Napoleons III. wurde die aggressive Außenpolitik verstärkt betrieben, zumal Rußland um 1850 schwächelte.
Der Zar hatte es versäumt, in den Auseinandersetzungen mit Polen klare Akzente der Stärke zu setzen. Seine Herrschaft in Polen stand auf schwachen Füßen, gleichzeitig drohte den Russen der Verlust ihrer Hegemonie in Europa für den Fall der deutschen Vereinigung, so daß sie ihre Kräfte bereithalten mußten, um gegebenenfalls in Deutschland einzurücken. Die Deutschen ihrerseits waren weitgehend einig in der Unterstützung Polens, denn sie wußten, daß die Schaffung eines polnischen Nationalstaats auch ihre eigenen Ansprüche darauf stärken würde und zudem Rußland schwächen mußte, was nicht nur den Deutschen in Hinsicht auf die Bildung ihres Nationalstaats nützen mußte, sondern auch Preußen und Österreich jeweils, falls es nicht zu einem Nationalstaat kommen würde. Die Russen ihrerseits waren zwar eher gegen ein neues Deutsches Reich, schließlich aber stand für sie das strategische Ziel der Eroberung Konstantinopels an erster Stelle, nicht die Verhinderung eines deutschen oder polnischen Nationalstaats. Nach 1849 wendete der Zar seine Aufmerksamkeit wieder ganz diesem Ziel zu und zog Truppenverbände von der polnischen Grenze nach Süden. Und dann fand sich auch ein Anlaß, der die Situation eskalieren ließ: ein Schlüssel für eine Kirchentür.
Die christlichen Konfessionen beanspruchten jeweils den Schlüssel für die christlichen Kultstätten in Jerusalem. Der Zar protektionierte die griechisch-orthodoxe Kirche, die Franzosen die römisch-katholische. Nun forderte der Zar die Anerkennung seines Anspruchs vom türkischen Sultan. Der Sultan lehnte ab. Der Zar sprach mit den Briten und bot ihnen Kreta und Ägypten als Anteil an der Beute des osmanischen Imperiums für den Fall, daß sie gemeinsam mit Rußland gegen die Türken vorgingen. 1853. Er rechnete fest mit dem englisch-französischen Antagonismus, zumal mit Napoleons III. Machtzuwachs England ins Hintertreffen zu geraten drohte. Und richtig, in Frankreich erhoben sich nicht wenige, die ein Bündnis mit Rußland vorschlugen, um England zu besiegen. Aber Napoleon III. entschied sich dann doch anders, er wollte die Hegemonie über das europäische Festland, also mußte Rußland besiegt werden, dann könnte auch ein Vorstoß über den Rhein gelingen. Die Briten ihrerseits mißtrauten dem russischen Plan und konnten sich an Ägypten und Kreta nicht sehr erfreuen, zu unsicher war dort die Lage. Also verhandelten sie mit Frankreich, um sich Indien offenzuhalten und von dort aus Rußland zurückzudrängen.
Rußland indes handelte und fiel zugleich in die Moldau und die Walachei ein. Der Sultan erklärte den Russen den Krieg. Eine russische Flottille versenkt türkische Schiffe. Am 12.3.1854 folgte die Kriegserklärung der Franzosen und Briten an die Russen.
Die Russen marschierten auf Bukarest in Rumänien vor, während im Juni 1854 die ersten Westeuropäer bei Warna in Bulgarien landeten. Die Türken überschritten die Donau in Rumänien und marschierten nach Norden. Erst allmählich verlagerte sich das Kriegsgeschehen Richtung Krim. Die Österreicher benutzten den Rückzug der Russen, um in die Moldau einzumarschieren. Preußen erklärten sich neutral. Zehntausende Franzosen und Briten starben bei dem Versuch, die russische Festung Sewastopol auf der Krim zu stürmen. 1855 gelang der Sturm. Die Trikolore wehte. Die Friedenskonferenz in Paris brachte Frankreich als Großmacht zurück; die Russen verloren ihre Hegemonie über Europa, mußten ihre Arsenale am Schwarzen Meer räumen und durften dort auch keine Kriegsschiffe stationieren. Damit war die Nachkriegsordnung von 1815 ausgehebelt, die Franzosen endgültig restauriert. Die Russen hingegen befanden sich nunmehr in der französischen Position von vor dem Krimkrieg, sie fühlten sich gedemütigt.
Die hohen Kosten des Krieges führten zu einer Überflutung der Märkte mit russischen Rohstoffen, die dort verkauft werden sollten, um die Kriegskosten begleichen zu können. Dies wiederum ließ die Preise sinken, da nunmehr die Kriegführenden für die zum Krieg notwendigen Rohstoffe nicht jede Summe zu zahlen bereit waren. Das wiederum führte zur Wirtschaftskrise von Petersburg über Hamburg bis nach London. Und diese Krise wiederum brachte neue Kräfte ins Spiel, z.B. die jüdischen Bankiers der Warburgs aus Hamburg, die durch Vermittlung des Silberzugs von 1857 nicht nur Hamburgs Finanzen retteten, sondern gleichsam das Scharnier im Ost-West-Handel ölten.


Aufgabe: Weise die von allen Seiten absichtsvolle Herbeiführung des Krimkriegs nach! (II)

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