Die beiden slawischen Völker pflegen seit Jahrhunderten Feindschaft. Waren anfangs die Polen bestimmend, so konnten sich die Russen mit Iwan dem Schrecklichen aus polnischer Abhängigkeit befreien und drangen nun ihrerseits immer wieder in polnisches Gebiet vor. Die letzte Aneignung polnischen Gebietes nach dem Zweiten Weltkrieg wurde den Polen mit deutschen Gebieten vergolten. Doch der Haß zwischen beiden Seiten, vor allem von polnischer Seite, sitzt tief. Das belegt das kürzliche Ja zum Aufstellen amerikanischer Raketen auf polnischem Territorium, denn die reichen von ihren Standpunkten auch nach Rußland hinein, sind also eine Kundgebung Polens, das ohne Not diese Basen zuließ, gegen den Nachbarn im Osten.
Im 19. Jahrhundert beherrschten die Russen weite Teile Polens. Nach dem Krimkrieg mußte es auch in Rußland Reformen geben; die Autokratie des Zarismus war außenpolitisch an seine Grenzen gestoßen und von den Westmächten und Österreich auf den Status einer osteuropäischen Kontinentalmacht zurechtgestutzt worden. In Rußland regte sich, wie das nach verlorenen Kriegen meist der Fall ist, Widerstand gegen den Aufbau des Staates und seine Innenpolitik.
Der autokratische Staat reagierte: Die Russen erhielten die Erlaubnis, ins Ausland zu reisen, außerdem gab es Lockerungen der Zensur und mit dem Dekret vom 3.3.1861 fand die Leibeigenschaft in Rußland ein Ende. Diese Lebenserleichterungen betrafen auch die Polen, denn der Zar unterschied bei seinen Untertanen nicht nach Nationalitäten, nicht um 1860. Die Regierung in St. Petersburg gestattete in Polen wieder polnische Beamte, Lehrer, Bürgermeister und Stadträte. Der polnische Graf Wielopolski vermittelte zwischen polnischen Magnaten und der russischen Regierung. Doch im Unterschied zu Deutschland, wo maßgeblich das Bürgertum und weniger das einfache Volk und der Adel einen Nationalstaat herbeiwünschten, war die nationale Erhebung in Polen stärker ausgeprägt und durch ein Bündnis von Adel und Bürgertum getragen. Auch in Polen blieb das einfache Volk, meist Bauern, dem Aufstand fern. Das Bindeglied der Aufständischen bildete der katholische Glaube, der sie vom griechisch-orthodoxen ihrer Gegner unterschied. Die Aufständischen wollten den eigenen Staat. Die Russen reagierten. Sie beschlossen eine Aushebung neuer Regimenter in Polen. Die aufständische städtische Jugend in Polen sollte durch Einverleibung in die russische Armee gefügig gemacht und der Aufstand seiner aggressivsten Spitzen beraubt werden. Frei blieb von dieser Aushebung der polnische Bauer. Aushebung liest sich harmlos. In der Praxis sah das so aus, daß russische Polizei in die Wohnungen der Einberufenen drang und diese mit Gewalt abführte. Viele flohen in die Wälder. Sie sammelten sich an geheimgehaltenen Orten und planten Überfälle auf russische Garnisionen, um sich zu bewaffnen und befreite Gebiete zu schaffen, Basen für den weiteren Kampf gegen die russische Besatzung.
In Westeuropa nahm man dies gern zum Anlaß, sich für die polnischen Freiheitskämpfer zu engagieren. Die in Frankreich und Britannien unterdrückten Minderheiten (Bretonen, Basken, Deutsche, Italiener, Schotten, Iren, Waliser) hielten derzeit still, um so lauter erscholl der Ruf nach Gerechtigkeit und Religionsfreiheit. Auch Österreich positionierte sich für die Aufständischen; Preußen hielt sich bedeckt, schloß die Grenzen und sicherte dem Zaren Hilfe im Kampf gegen die aus den Wäldern heraus operierenden Banden zu, die das Land terrorisierten und dies unter dem Deckmantel der Volksbefreiung taten. Nur wollte dieses Land nicht befreit werden, die polnischen Bauern standen der Befreiungsbewegung ablehnend gegenüber. Da 80% der Polen Bauern waren, lassen sich hier die Mehrheitsverhältnisse erkennen. Aber dergleichen Rabulistik war der enthusiastischen polnischen Stadt-Jugend fremd, sie hatte recht, sie befand sich im Freiheitskampf gegen das Establishment. Dazu benutzten sie alle nur denkbaren Mittel, moralische wie unmoralische. Diese Banden organisierten Attentate, Hinrichtungen an Russen und Kollaborateuren, vergifteten Brunnen und stellten falsches Papiergeld her. Die Russen reagierten mit Härte. Bis ins Jahr 1863 zogen sich die Auseinandersetzungen. Doch Ruhe kehrte in Polen auch danach nicht ein, solange die Russen die Herren im Land waren.


Aufgabe: Beschreibe das Verhältnis zwischen Polen und Russen im 19. Jahrhundert und benenne Gründe! (II)