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Thema: Stromausfall

  1. #1
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    Stromausfall - 1. Teil

    A: Ein Geflecht

    Marga

    Ich nenne sie nicht Marga; nur wenn Ich böse auf sie bin, sage Ich: Das hättest du wissen müssen, Marga, oder: Marga, was bist du heute dumm. Sonst sage Ich Ich zu Marga.
    Marga und Ich darf man nicht verwechseln. Beide Worte sind Namen für die gleiche Person. Trotzdem: Marga und Ich sind Prädikatoren, die das gleiche meinen, aber nicht das gleiche bedeuten. Beider Wortinhalte sind sich ähnlich. Sie gleichen sich oft. Aber beide tragen einen Bereich in sich, der von dem anderen in absoluter Weise unterschieden ist. Im Text wird von Marga die Rede sein. Ich werde nur in den ergänzenden Anmerkungen erscheinen. Daher genügt es, allein Marga zu definieren. Das ist gut so. Denn Ich ist von mir nicht zu erfassen, da Ich ein Teil von Ich bin und Ich dessen Ränder, falls solche existieren, durch die Grenzen meines Horizontes nicht abschätzen kann. Die Person Ich tendiert gegen Unendlich und ist in einer Definition nicht zu umreißen.
    Anders Marga: Sie ist ein fest definierter Teil eines klar erfassbaren Umfeldes. Sie ist, völlig im Gegensatz zu mir, Element eines Geflechts und kann durch ihre Beziehungen zu anderen Elementen beschrieben werden. Das Geflecht, in dem sich Marga bewegt, ist in der Beziehungsstruktur ihrer Elemente starr determiniert, nach den nur mündlich fixierten Gesetzen der Dorfgemeinschaft, welches ihrer Glieder was tun darf und was nicht. Die letztentscheidende Instanz ist die Haushälterin des Pfarrers, ihr müssen sich sogar der Geistliche selbst und Gott beugen. Die Bestimmung des Geflechts muss im Ungewissen bleiben.
    Marga ist Tochter und Schwester. Sie besucht ein humanistisches Gymnasium für Mädchen im nächstgrößeren Ort, der Kreisstadt. Ihr Dialekt ist der der Eltern. Es ist eine südliche, gebirgige Sprachform, schwer und breit. Sie ist längst durch den massiven Angriff des flachdeutschen Ausflugtourismus in einem verlustreichen Rückzug begriffen. Marga ist sechzehn Jahre alt.
    Dabei hat sie nie in den Jahren gelebt, sondern ausschließlich in Augenblicken, in vergänglichen Momenten. Manchmal denke Ich, es wäre klüger, Alter nach diesen Momenten zu zählen. Es würde im Vergleich erfahrbar machen, wie viel jemand tatsächlich gelebt hat.


    Die Beziehungen:
    (1.) Eine Beziehung, mit der sie sich mehrmals in der Woche trifft, wird von ihr Hanna genannt. Allein der Name genügt im Zusammenhang.
    (2.) Margas nächste, also zweitbedeutende Beziehung nennt sie Schorsch. Sein Alter ist neunzehn. Hier bereits habe ich das Dilemma: Bedeutet diese um den Wert Drei höhere Zahl, dass Schorsch älter ist? Mir scheint, wenn Ich Leben nach Augenblicken rechne, Marga älter, erwachsener.
    Schorsch lernt beim Dorfschnitzer das edle Handwerk, aus rohen Holzblöcken Devotalien und weltliche Bildwerke zu schaffen. Das ist durch den Tourismus ein zukunftsicherer uns angesehener Beruf. Schorsch betrachtet sich als arm, da ihn sein Lehrherr, wie er denkt, arg kurzhält. Was sind 435 € im Monat, wenn man ein Motorrad hat?
    Marga und Schorsch sehen sich regelmäßig einmal in der Woche am Samstag.
    (3.) Margas als streng aber gerecht bekannte und gefürchtete Deutschlehrerin, von ihren Schülerinnen Frau Hinrich, oder, nach ihrer Art, sie anzusprechen, weniger respektvoll "Mädeles" genannt, ist die Beziehung von ihr, die aus dem Rahmen des zu Erwartenden fällt. (Was man eben landläufig "erwartet" oder unter "Erwartung" zu verstehen hat. Würde Ich an dieser Stelle näher auf den Begriff eingehen, würde meine Anmerkung zu gewichtig ausfallen.)
    Regelmäßig zweimal im Monat, an dafür festgelegten Tagen, besucht Marga mit Hanna und anderen Frauen Frau Hinrich in deren Wohnung, man trinkt Tee und redet angeregt über Literatur und deren gesellschaftliche Aspekte.
    Die Beziehungen (2.) und (3.) sind
    (4.) den Eltern von Marga kein Dorn im Auge. Sie werden jedoch von ihnen mit einiger Skepsis beobachtet. Die Eltern nehmen ihre Erziehungsaufgabe ernst. Doch bleibt ihnen kaum Zeit übrig, ihre Tochter tatsächlich zu erziehen. Schließlich sollte sie inzwischen alt genug sein, auf sich selbst zu achten. Das ist eine Auffassung, der sich Marga anschließt und die sie ernst nimmt, ganz im Gegensatz zu den Eltern, für die dieser Satz ein Lippenbekenntnis ist, das sie immer dann im Munde rühren, wenn ihre Tochter ungeliebte Arbeiten übernehmen soll. Die Beziehung zu den Eltern ist problematisch, da sie keine freiwillig aufgebaute, sondern, beiderseitig, eine gezwungene ist, die hauptsächlich formelle und pubertäre Schwierigkeiten belasten.
    Die Beziehungen (5.), (6.) und (7.) sind weniger bedeutend, die Bedeutung ist entweder bereits vergangen oder sie wird erst in Zukunft ansteigen.
    (5.) Bettina, Margas um drei Jahre jüngere Schwester, fällt ihr in erster Linie durch ihre aufdringliche Gegenwart lästig. Sie wird von ihr allerdings benutzt, sich von Aggressionen, die durch andere Beziehungen entstehen, zu lösen, indem sie Bettina auf vielerlei Arten quält.
    (6.) Marga hat Jens Wetzlar vor etwa vier Monaten zu Ostern zum letzten Mal gesehen. Sie hofft, ihm nicht noch einmal zu begegnen. Er ist ihr nicht unsympathisch. Sie erachtet die Beziehung nur für beendet. Es wäre Marga peinlich, wenn sie noch einmal aufleben würde und sie sich in Zukunft erneut mit Wetzlar auseinandersetzen müsste.
    (7.) Ein Soldat, den Marga bisher noch nicht kennengelernt hat und dessen Namen sie nicht erfahren wird, wird zu einem kritischen Moment ihrer Entwicklung eine nicht gering zu bewertende Rolle spielen.
    Da Ich absolutes Erinnerungsvermögen besitze, vom Augenblick der Geburt Margas an, darf es nicht Wunder nehmen, wenn Ich auch in gewissen Grenzen Zukünftiges von ihr weiß, Tendenzen ihres Schicksals mit nahezu absoluter Gewissheit abschätzen kann.
    Wenn man an die Konstruktion Zufall glaubt, missachtet man das Prinzip von Ursache und Wirkung. Bei vollkommener Kenntnis des Vergangenen lässt sich auf jedes zukünftige Ereignis schließen. Der freie Wille ist folglich nur eine Illusion. Dagegen kann man sich gefühlsmäßig verwehren, anzuzweifeln ist diese Tatsache nicht.
    (8.) Es bleibt noch Marga und das Namenlose: Marga ist schwanger. Etwas noch nicht Fassbares hat vor vier Monaten in ihrem Inneren zu leben begonnen.

    Anmerkungen
    zu (1.): Hanna hat seit geraumer Zeit erhebliche Verständnisschwierigkeiten im Unterrichtsfach Mathematik. Das liegt weniger an ihrem Fleiß und ihrer Lernbereitschaft, als an ihrer Art zu denken. So kann ihr Marga, die zwar weniger fleißig ist, dafür aber einen deduktiven Verstand besitzt, kaum helfen, obwohl die beiden oft gemeinsam lernen. Da sie jedoch in der Schule nebeneinander sitzen, lässt Marga ihre Freundin bei Arbeiten abschreiben. Nur aus diesem Grund hat Hanna akzeptable schriftliche Mathematiknoten, denn ihr ist vor zwei Schuljahren der Faden gerissen, an dem Tag, an dem Algebra das Rechnen mit Zahlen ersetzte. Fassungslos steht sie inzwischen vor mit Funktionen beschrifteten Tafeln, die ihr geheimnisvoll und absonderlich wie ägyptische Hieroglyphen scheinen.
    Doch Hanna ist kein Schmarotzer, der die enge Freundschaft mit Marga ausnutzt, sich durch die Schulzeit zu mogeln. Häufig ist es Marga, die von Hannas Fleiß im Auswendiglernen profitieren kann, in Fächern wie Sozialkunde, Biologie oder Erdkunde, denen Marga Interesselosigkeit entgegenbringt. Die Abschreibmethoden der beiden sind im inzwischen vierten Jahr perfektioniert, deshalb werden sie, trotz verstärkter Bemühungen der Lehrkräfte, nur selten des Unterschleifs überführt. Die wenigen "Ungenügend" im Notenbild fallen daher nicht weiter ins Gewicht. Man kann von einer Symbiose sprechen, einer für beide gewinnbringenden Übereinkunft, die durch die starke Sympathie, die sie für einander empfinden, funktioniert.
    Ein Unterrichtsfach gibt es, in dem sie beide gleichermaßen begabt sind und deshalb kaum Grund zum Unterschleif haben: Deutsch. Hier sind sie miteinander wetteifernd die Elite der Klasse und die Musterzöglinge von Frau Hinrich, die, so behauptet sie zumindest anderen Lehrkräften gegenüber, nur wegen den beiden Mädchen die schwierige Klasse behält. Auch in Deutsch ist das Talent der Mädchen eindeutig unterschieden.
    Hanna ist dem Schönen, Wahren und Guten zugetan. Sie hat sich in ihrer frühen Jugend entschieden, Dichterin zu werden und schreibt in ihrer Kammer Bleistiftenden zerkauend Gedichtzeilen voll Trennungsschmerz und Sonnenuntergängen, die sie niemandem außer Marga zeigt. Hanna ist für ihr Alter belesen. Sie hat sich einen antiquierten, aber leicht bekömmlichen Schreib- und Ausdruckstil angeeignet, der ihre inhaltlich uninteressanten Aufsätze flüssig lesbar macht und die Hauptursache für ihre gute Deutschnote ist.
    Marga hingegen erachtet diese amateurhafte Form von schöngeistiger Betätigung für verlogen und weltfremd. Hannas Gedichte nennt sie "Honigschmalz". Diese Wortschöpfung stützt meine Erkenntnis. Marga ist nicht, wie sie selbst glaubt, grausam realitätsgläubig, sondern hat für unbedachte Momente eine gewisse Weiche bewahrt, die sie allerdings niemandem, nicht einmal Hanna oder gar sich selbst, eingestehen würde.
    Marga leidet stumm, wenn ihr Hanna mit überschwenglichem Zittern in der Stimme ihre klangvollen Kopfgeburten vorträgt. Nur die Freundschaft, die sie aus diesem Grund nicht leichtfertig aufs Spiel setzen will und das Wissen, wie wichtig Hanna ihre literarischen Ergüsse sind, hindern Marga daran, sie mit Verrissen zu konfrontieren. Statt dessen lobt sie freundlich, wenn auch zögernd und uninspiriert. Doch Hanna, die nur hört, was sie hören will, ist`s zufrieden.
    Margas Aufsätze sind besser als die ihrer Freundin. Sie sind nicht so literarisch ausgefeilt, ihre Gedankengänge sind jedoch originell, pointiert und klar strukturiert. Die Höchstnote bleibt ihr meist nur deshalb versagt, weil ihre Texte aufdringlich von ihrer persönlichen Auffassung durchtränkt sind, sie durch ihren Essaycharakter am vorgegebenen Ziel einer sachlichen Erörterung vorbeigehen. Margas Literaturinterpretationen sind jedoch brillant und erfassen sezierend klar die Ideen, die in den Texten stecken.
    Hanna zäumt das Pferd von der anderen Seite auf, indem sie mit Einfühlungsvermögen für Autoren und ihre Worte in den Text wie in ein religiöses Mysterium einzudringen versucht und doch meist zu den gleichen Folgerungen wie die nüchterne Marga gelangt.

    zu (2.): Schorsch, der mit der gleichen Hingabe und Zärtlichkeit Gewänderfalten von Nothelfern schnitzt, wie er Marga streichelt, sieht die Frage nach seiner Zukunft auf eine Auseinandersetzung mit einem einzigen Problem reduziert. Sie hat ihn zerfahren, jähzornig und nervös gemacht und ihm eine steile, senkrechte Falte in die Stirn gegraben, die sein ansonsten glattes Gesicht für Marga so interessant gemacht hat, dass sie sich in ihn verliebte. Schorsch will auf keinen Fall Soldat werden.
    Er hat vergebens über zwei Instanzen hinweg den Kriegsdienst verweigert. Wenn er seine Lehre in einem Jahr abgeschlossen hat, kann ihn nur noch eine Krankheit oder weitere Abrüstung vor einer Einberufung retten. Schorsch ist ein zerrissener Mensch und ein tragischer dazu. Nur wenn er schnitzt oder mit Marga zusammen ist, ist er mit sich eins. Die restliche Zeit sorgt er sich, leidet unter Selbstvorwürfen und Schlaflosigkeit.
    Schorsch ist religiös und mit Leib und Seele Katholik. Es gibt keinen Sonntag, an dem ihn der Pfarrer in der Frühmesse vermisst. Das hat zwei Gründe: Zum einen ist er durch seine Familie vorbelastet, in der Glaube Tradition hat. Ein Bruder seiner Mutter, den Schorsch seit seiner Kindheit bewundert, ist als Geistlicher im Bischöflichen Ordinariat der Kreisstadt für das Seelenheil derjenigen zuständig, die der Bischof selbst nicht empfangen will. Und eine Cousine von Schorsch muss seit Jahren ohne sichtbaren Erfolg wegen religiösen Wahnvorstellungen stationär in einer Geistesheilanstalt behandelt werden.
    Der zweite Grund für seine Gläubigkeit ist in seinem täglichen, intimen Umgang mit geheiligten Symbolen und Figuren zu suchen. Er hat ihm ein persönliches und freundschaftliches Verhältnis zu den Nothelfern, dem Jesuskind und der Mutter Maria beschert. Dieser Glaube ist neben einer Unfähigkeit, sich zu artikulieren, der Grund, aus dem er in seinen Kriegsdienstverhandlungen versagt hat. Es fällt niemandem schwerer als gerade einem religiösen Menschen, seine Gewissensnot glaubhaft zu machen, da die Beisitzer, die sich in ihrem engbegrenzten Horizont einen solchen Glauben nicht vorstellen können, in ihrem Selbstverständnis davon ausgehen, sie würden von den Verweigerern belogen.
    Durch diese Ablehnungen hat sich in Schorsch eine für einen Katholiken seltene Skepsis und unterdrückte Wut gegen die Organe des Staates und deren Vertreter entwickelt. Diese Radikalisierung hat ihn dazu gebracht, in einer schier revolutionären Tat als einer von fünf Abtrünnigen im Dorf bei der Kommunalwahl für die PDS zu stimmen.
    Marga ist nach Jahren gezählt nicht alt genug, um wählen zu dürfen. Sie hat auch nicht vor, diese vor ihr als lächerlich empfundene, für sie paradoxerweise von mangelndem Demokratieverständnis zeugende Pflichtübung auszuführen. Sie hält es für grotesk, jemandem "ihre Stimme zu geben". Sie hat sich entschlossen, ihre zu behalten und nur für sich selbst zu gebrauchen.
    Marga betrachtet übrigens den lieben Gott als eine besonders geschickte Konstruktion, Menschen in Dummheit und Armut zu belassen. Für Jesus Christus hat sie ein dünnes, mitleidiges Lächeln übrig. Erst kürzlich hat sie das weite Feld der Philosophie und dort die seltsame Pflanze Baruch de Spinoza entdeckt. Sie fühlt sich, obwohl sie bei weitem nicht alles und das meiste falsch versteht, in den mathematisch ordentlichen Texten dieses Denkers geborgen. Marga behält ihre Auffassungen jedoch für sich und hat keinerlei Missionsbedürfnis, ganz im Gegensatz zu Schorsch, der jedermann an seiner Liebesbeziehung zu Christus und der Mutter Maria teilhaben lassen will. Mit Gottvater allerdings hat er seine Probleme, er hat das verunsichernde Gefühl, er habe sich weit von Gott entfernt.
    Auch aus diesem Grund hat er eine Ministrantengruppe als Leiter übernommen. Er trifft sich einmal in der Woche mit den Zwölf- bis Vierzehnjährigen und diskutiert über Glauben und Ich-Findung oder er versüßt diese bittere Pille mit Spielen und Zeltlagern.
    Die Beziehung zwischen Schorsch und Marga ist eine, die man aus schwer fassbaren Gründen "platonisch" nennt. Für Marga ist sie passend und angenehm. Schorsch hingegen sieht sich in einem schweren Dilemma zwischen den Bedürfnissen seines Körpers, der nach Berührungen lechzt und seinen verwurzelten religiösen Moralvorstellungen, die sexuellen Verkehr vor der Ehe ausschließen. Würde ihn Marga nicht bis auf ein paar gelegentlich gewährte Küsse und Umarmungen auf Distanz halten, hätte er das amorphe Gefühl, das er für sein Gewissen hält, längst als etwas überflüssiges und Lästiges zur Seite gelegt.
    Es stellt sich die Frage, was die beiden aneinander kettet. Was sie reden und fühlen, wenn sie gemeinsam sind. Falls es nicht eben ihre Grundverschiedenheit ist, die sie bindet, dann ist es der gemeinsame Versuch, die Einsamkeit und Leere zu überwinden, die sie in sich fühlen, ist es ein Drang nach Geborgenheit und Schutz, die sie nur beim jeweils anderen finden können.
    Schorsch weiß nichts von Margas Schwangerschaft.

    zu (3.): An zwei dafür festgelegten Nachmittagen im Monat finden in der Wohnung von Frau Hinrich, der resoluten Deutschlehrerin Margas, literarische Treffen von regelmäßig etwa fünf bis zehn ihrer Musterschülerinnen statt. Oft sind es auch ehemalige Zöglinge von ihr, die, längst im Berufs- oder Hausfrauenleben stehend, diese Teestunden nicht vergessen können und, sich larmoyant an die eigene Schulzeit erinnernd, angeregt über Bücher plaudern, ihre alltäglichen Interessen für ein paar Stunden an der Garderobe der Wohnung ihrer alten Lehrerin abgeben können. Die Hinrich scheint bei diesen Gelegenheiten gelöst und zärtlich wie ein anderer Mensch.
    Seit Frau Hinrich Marga und Hanna nach einer Unterrichtsstunde beiseite gerufen und zu sich eingeladen hat, fehlen die beiden nie bei diesen Treffen. Diese Einladung zu dem, was die Lehrerin großspurig ihren "Salon" nennt, nahmen die beiden als einen adelnden Ritterschlag, der sie in einen Zirkel, eine Art von Freimaurerloge ausschließlich für Frauen, erhoben hat, in dem die Menschen tugendhaft, hilfreich und gut sind. Die Lehrerin hat entgegen der Puppenstubenatmosphäre bei Tee und Kuchen keinerlei Berührungsängste mit moderner Literatur. In dem "Salon" kommen nicht nur die bürgerlichen Autoren der vorigen Jahrhunderte oder handzahme Zeitgenossen zu Wort, sondern gerade auch die anderen, deren Texte manchem der Mädchen die Scham- oder Zornesröte ins Gesicht treiben. Frau Hinrich läd ab und an Autoren aus der Umgegend zu Lesungen ein, die, wenn sie männlichen Geschlechts sind, sich hilflos den spitzfindigen Kritikerinnen ausgeliefert sehen und selten zu einem zweiten Gespräch über ihre Kunst bereit sind.
    An den Tagen, an denen der "Salon" stattfindet, vertreiben sich Marga und Hanna nach der Schule in der Kreisstadt mit einem Schaufensterbummel die Zeit bis zur Teestunde. Sie gehören zu den ersten, die gegen vier Uhr an der Wohnungstür ihrer Lehrerin läuten. Da Marga meist bis gegen neun Uhr, also der Zeit, in der der letzte Bahnbus zurück in ihr Dorf führt, bleibt, geschieht es häufig, dass sie eine bis zwei Stunden mit Frau Hinrich allein ist, nachdem sich die anderen verabschiedet haben. Auch Hanna kann nicht so lange warten, da ihr strenger Vater sie pünktlich um sieben Uhr zum Abendessen erwartet.
    Aus diesem Grund ist Margas Verhältnis zu ihrer Mentorin ein freundschaftliches. Es kann allerdings nie intim werden, da der Altersunterschied schwer wiegt und sie sich ihrer Lehrer- und Schülerrollen bewusst sind. So kann Frau Hinrich Marga durchaus schlecht benoten oder ihr Strafen wegen mangelnder Aufmerksamkeit im Unterricht erteilen und diese sich im Pausehof über die Lehrerin beklagen. Aber an den literarischen Nachmittagen ist jede Meinungsverschiedenheit vergeben und vergessen. Frau Hinrich läßt am nächsten Tag grundsätzlich keine Klassenarbeiten schreiben.
    Was treibt die Lehrerin zu dem erstaunlich engen Umgang mit den an ihrem Fach interessierten Schülerinnen? Es ist ein Umgang, der von ihren Kollegen und dem Direktor der Schule nicht gern gesehen wird. Marga stellt sich oft diese Frage, aber es fehlt ihr an Einfühlungsvermögen für die ältere, trotz aller Freundlichkeit unnahbare und etwas wunderliche Frau, die keine Familie hat und in deren Wohnung ihr manchmal sogar die Möbel selbstgehäkelt scheinen. Kann Ich, wenn Ich von den Beziehungen von Marga berichte, diese Frage beantworten?
    Mir mangelt an der Erfahrung, die Ich benötigen würde, um differenziert in die Psyche eines mir fremden Menschen eindringen zu können. Ich kann nicht die Welt verstehen, wenn Ich mich selbst nicht verstehe. Bei Schorsch habe Ich trotzdem versucht, über Schorsch hinaus sein Ich zu erfassen, es mag mir gelungen sein, weil er trotz aller Unterschiede zu Marga seine Lebensumstände sehr ähnlich sind. Frau Hinrich allerdings, durch Alter und Leben von Marga getrennt, wie soll es mir gelingen, ihre Psyche schlüssig darzulegen?
    Aus Marias Sicht bleibt das Resümee, ihre Lehrerin wäre in dem langweiligen Gymnasium eines langweiligen Städtchens nicht glücklich und fühle sich einsam und unterfordert. Marga ist sicher, schreibt Frau Hinrich selbst oder trug vor längerer Zeit die inzwischen zerstörte Hoffnung, in und mit der Kunst leben zu können.


    (wird fortgesetzt)


    ------------------
    hks
    Aber ein Traum - nikolaus-klammer.blog

  2. #2
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Stromausfall - 1. Teil

    gef?llt mir. ich bin gespannt wie es weitergeht. verliebt sich der soldat in hanna? kann sich schorsch von seinen verklemmten moralvorstellungen befreien?
    würden sich die autoren dieses forums wohl in die hölle "salon" trauen?

    allerdings frag ich mich, ob es nicht etwas ermüdend wirken wird, so lange in dem stil weiterzulesen. abwarten und tee trinken, in meinem "salon".

    grüße
    tt

  3. #3
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    Post Stromausfall - 2. Teil

    Da traut sich wieder keiner ran... (tt, du bist rühmend ausgenommen.)
    Schade. Denn auf die Konstruktion dieser Geschichte bin ich wirklich stolz.

    Trotzdem: Hier ist die nächste Fortsetzung.

    Gruß, Klammer

    zu (4.): Margas Eltern wohnen nicht im Dorf. Sie haben vor Jahren durch die Aufnahme einer längst noch nicht abgezahlten Bankschuld ein hoch gelegenes, versauertes Almgrundstück erworben und dort ein Haus gebaut, das sie als eine Pension für Sommergäste und Skiausflügler eröffnet haben. Sie ist vom Tal über einen längeren Fußpfad oder einen inzwischen geteerten, gewunden Weg zu erreichen. Es ist nicht zuletzt die Abgeschiedenheit, die die in meist jährlichem Turnus wiederkehrenden Gäste, die, von wenigen Ausnahmen abgesehen, ältere Jahrgänge sind, schätzen. Da seit Jahren der Schnee den Tallagen fern bleibt oder erst spät und unzureichend im Februar fällt, muss das Ehepaar seine Pension in den Wintermonaten mangels Gästen geschlossen halten. Das ist Jahr für Jahr eine bedeutende finanzielle Durststrecke.
    Die Pension mit den fünfundvierzig Betten wäre nicht aufrecht zu erhalten, wenn sie nicht praktisch ein Familienbetrieb wäre und der Vater zusätzlich in der Kreisstadt einer Arbeit im Fremdenverkehrsbüro nachginge. Er nimmt jeden Morgen seine Töchter im Auto mit zur Schule.
    Die Saison, die von Ostern bis Ende September dauert, bedeutet für die Familie viel Arbeit, vor allem für die Mutter. Sie wird zwar im Rahmen ihrer Möglichkeiten von den Töchtern und einem geistig etwas zurückgebliebenen Mädchen aus dem Dorf unterstützt, doch sie allein ist Motor und Energie der Pension. Sie ist in den Sommermonaten nahezu rund um die Uhr beschäftigt, denn ihr Mann, der erst spät jeden Abend von der Arbeit heimkommt, kann ihr wenig Hilfe sein.
    Wenn Marga die Beziehung zu ihren Eltern, die nur selten Zeit für sie haben, trotz ihrer durch die Pubertät bedingten Ablehnung all dessen, was ihre Eltern denken oder vertreten, so emotionslos wie möglich betrachtet, ist das beherrschende Gefühl, das sie ihnen entgegenbringt, Mitleid. Margas Mitfühlen mit der Mutter ist stark, obgleich sie sich um jede Handbewegung drückt, die sie entlasten könnte. Sie geht der Mutter aus dem Weg, denn wenn die beiden gemeinsam sind, müssen sie streiten. Sie kennen keine andere Ausdrucksform, Liebe zu zeigen.
    Im Gegensatz zu Marga durchschaue Ich ihre Bindung. Mutter und Tochter wären sich in Art und Gesinnung zum Verwechseln ähnlich, wenn nicht achtzehn Jahre und die Enttäuschungen der Mutter zwischen ihnen stünden. Wenn sich die Mutter, die nicht einmal vierzig ist, im Spiegel betrachtet, sieht sie eine abgehärmte und einsame Frau, enttäuscht vom Leben. Durch diese Maske hindurch erkennt sie, wie ähnlich sie ihrer Tochter wäre und wie wenig sie aus ihrem Leben gemacht hat.
    Margas Beziehung zum Vater ist konfliktloser. Sie sieht ihn auch seltener. Obwohl er bei Streitigkeiten immer die Ansicht seiner Frau unterstützt, spürt die Tochter, die prinzipielle, pädagogische Haltung. In der Regel steht er auf Seiten von Marga. Seine einseitigen Stellungnahmen sind nur der meist erfolglose Versuch, den Zwist zu beenden.
    Margas Vater ist mit sich und seiner Welt zufrieden. Er strahlt, an den Umgang mit Menschen gewöhnt, eine professionelle Freundlichkeit aus, die ein Grundcharakterzug von ihm ist.
    Zwischen dem Ehepaar herrscht eine tiefe Spannung, ein Zerwürfnis, das ein seit Jahren anhaltender Waffenstillstand notdürftig übertüncht. Von Liebe, sofern sie je bestanden hat, kann zwischen den beiden keine Rede sein. Was sie zusammenbleiben lässt, ist zum einen ihr finanzielles Abenteuer mit der Pension, das sie nur in gemeinsamer Anstrengung bestehen können, zum anderen Verantwortungsgefühl den gemeinsamen Kindern gegenüber. Obgleich er ihr und auch seiner Frau keinerlei Indiz dafür bietet, ist Marga sicher: Ihr gut gelaunter Vater betrügt seine griesgrämige Frau.
    Marga hat sich innerlich längst von ihren Eltern entfernt. Manchmal beobachtet sie sie wie ein Wissenschaftler Versuchsratten in einem Labyrinth.
    zu (5.) Bettina ist Marga ein Ventil für den Druck, dem sie sich ausgesetzt sieht und ihr deshalb wichtiger, als sie glaubt. Das Verhältnis zwischen Marga und Bettina war nicht immer so gespannt, wie es sich im Moment darstellt. Vor einem Jahr noch war die kleine Schwester Margas liebstes Spielzeug, eine Art lebende Puppe, die sich nach ihren Vorstellungen bewegte und betrug. Sie schenkte damit Marga den einzigen Kitzel von Macht, der ihr in ihrer Kindheit vergönnt war.
    Aber Bettinas Ich ist erstarkt, sie lässt sich nicht mehr wehrlos kommandieren. Obgleich drei Jahre jünger, ist sie durch einen plötzlichen Wachstumsschub fast so groß wie Marga geworden. Nun versucht die jüngere Schwester die Beziehung auf ein anderes Niveau zu stellen. Sie will als gleichberechtigt anerkannt werden, als eine Freundin, mit der Marga sich austauscht. Diesen Wechsel kann Marga nicht vollziehen. Sie besteht auf dem alten Rollenverhältnis zwischen ihnen und lehnt die immer aufdringlicher werdenden Versuche ihrer Schwester ab, zu einer kameradschaftlich entspannten Beziehung zu gelangen.
    Gleichzeitig beginnt sie zu genießen, Bettina zu quälen, sie aus ihrem Leben und ihrem Intimbereich auszuklammern, ihr den Altersabstand, ihre damit verbundene Unerfahrenheit und ihre Dummheit vorzuwerfen. Sie hat ein böses Spiel mit Bettina begonnen, das ihr mehr Befriedigung als die alte Macht gibt.
    Bettina ist allerdings die einzige, die durch Zufall und Indizien auf Margas Zustand geschlossen hat oder ihn zumindest erahnt. Sie schweigt, weil sie ihrer älteren Schwester beweisen will, wie vertrauenswürdig sie ist und ein Geheimnis für sich behalten kann.
    zu (6.) Jens Wetzlar ist Sachbearbeiter in der Personalabteilung eines aufstrebenden mittelständischen Unternehmens in der Automobilbauzuliefererindustrie. Er sitzt in einem Dreiquadratmeterraum mit mittelgroßer Fensterfront, die einen Ausblick auf eine stillgelegte Zeche bietet. Er hat einen Pentium II und eine hübsche, aber leider unnahbare Sekretärin, die zwar viel von Maschinenschreiben, jedoch nichts vom Kaffeekochen versteht. Jens Wetzlar macht häufig überstunden und fühlt sich stets überarbeitet, dabei gleichzeitig unterbezahlt. Er hat außer der Sekretärin, die er auch noch mit Dr. Gärber von der Rechtsabteilung teilen muss, keinerlei Untergesetzte, dafür ist die Liste seiner Vorgesetzten lang. Sie beginnt beim Ressortleiter, der ein acht Quadratmeter großes Büro mit überwältigendem Blick auf eine Parkanlage hat, einen Pentium IV und zwei nur für ihn tätige Sekretärinnen, zu denen der überbezahlte Junggeselle eine informelle Bindung aufgebaut hat. Vom Abteilungsleiter will Wetzlar nicht erzählen, er hat in Margas Vorstellung etwas von einem kleinen Gott.
    Wetzlar hat sich im letzten Sommer scheiden lassen, nachdem er länger als ein Jahr von seiner Frau getrennt lebte. Seine finanzielle Situation hat sich durch die Scheidung verschlechtert. Er kann sich für eine Weile nur mehr kurze Urlaubsreisen in die deutsche Provinz leisten.
    "Es ist eine Freiheit mit Handfesseln", erklärt er Marga, als er sie bei seinem ZweiwochenOsterurlaub in der Pension ihrer Eltern kennenlernt.
    Da ihm langweilig und die Tochter seiner Wirtsleute hübsch ist, beginnt er, sich für sie zu interessieren. Eine Woche umgarnt er sie heimlich, passt sie nach der Schule in der Kreisstadt ab, überredet sie, mit ihm zum Kaffeetrinken zu fahren, macht ihr kleine Geschenke. Margas Widerstand ist nur schwach.
    In Wetzlars letzten Urlaubsnacht liegt sie bei ihm im Bett seines Pensionszimmers. Nur Bettina, die einen sanften Schlaf hat, wacht auf, als ihre Schwester heimlich den Wohnungsabschnitt des Hauses verlässt und erst am Morgen zurückkehrt. Die Eltern bemerken nichts, auch nicht, wie Marga mitten in der Nacht Bettlaken wäscht, um die Spuren ihres Verlustes zu beseitigen.
    Für Jens Wetzlar ist es ein bemerkenswertes Abenteuer. Er fährt stolz und zufrieden heim. Auch Marga ist zufrieden. Sie ist erleichtert, ihre längst als Last empfundene Jungfernschaft auf eine zwar schmerzhafte, aber flinke und geschäftsmäßige Weise ohne gefühlsmäßige Beteiligung verloren zu haben. Die Vorstellung, die gleiche Tat gemeinsam mit Schorsch zu unternehmen, hat sie ob der daraus resultierenden Komplikationen geängstigt.
    zu (7.) Was ist über eine Person zu sagen, der Marga noch nicht begegnet ist? Der Soldat ist wichtig und doch kann Ich nur wenig über ihn erzählen. Dass es ausgerechnet ein Soldat ist, auf dessen Hilfe Marga hofft, kommt nicht von ungefähr. Sie verbindet mit seiner Profession Entschlusskraft, Durchsetzungsvermögen und Gewissenlosigkeit, alles Dinge, die sie bei Schorsch vermisst, die ihr aber von Nöten scheinen, wenn sie einen Ausweg aus ihrer Krise suchen will. Sie erwartet zu viel. Unter Umständen könnte es mir gelingen, die nicht zu vermeidende Begegnung durch eine Krankheit aufzuschieben, aber die Erfahrung, ist wichtig. Ein Verlassen auf einen Dritten kann nur enttäuscht werden und bringt den von mir gewünschten Prozess in Gang.
    zu (8.) Als Margas Regel ausbleibt und ihr morgens vor der Schule übel wird, weiß sie den Grund. Der Test, den sie macht, ist ihr nur eine Bestätigung. Ihr ist klar, sie müsste nun zum Arzt gehen, aber das schiebt sie hinaus. Ihre Eltern sollen nicht schon jetzt von ihrem Zustand erfahren. Sie fürchtet sich vor ihrer Reaktion.
    Allerdings wächst etwas in ihrem Leib und schnell werden ihr ihre Jeans eng. Doch noch schöpft niemand Verdacht. Da ist sie sicher.
    Marga freut sich nicht auf ihre nahenden Sommerferien. Wenn sie ehrlich mit sich wäre, würde sie erkennen, wie sehr sie sich ängstigt. Es ist eine verdrängte Angst, die sie durch tägliche Routine abgelenkt ins Unterbewusste abgeschoben hat. Ich bereite ihr von dort ab und an psychosomatische Beschwerden.
    Ich weiß, dass Ich eine Bemerkung machen muss, aber was soll Ich hinzufügen? Es sind kurze Anfälle von heftigen migräneähnlichen Kopfschmerz, die sie quälen, manchmal ist es auch ein unkontrollierbares Muskelzucken, ein seltener morgendlicher Durchfall. Aber alles habe Ich wohldosiert. Es ist kein Krankheitsbild, dessen Symptome länger anhalten oder Margas Besorgnis erregen könnten. Zudem hält sie sie für lästige, aber unvermeidbare Begleiterscheinungen ihrer Schwangerschaft. Es geling mir im Moment nicht, sie mit meinen Signalen anzusprechen. Ich kann leider kaum auf ihr Verhalten Einfluss nehmen .
    Mit dem Ende des Schuljahres läuft eine Frist ab. Es ist eine Frist, während der sie Entscheidungen, die über ihr weiteres Leben bestimmen, vor sich her, von sich wegschieben konnte. Diese Zeit hat bald ein Ende. Im Verlaufe der eineinhalb Monate Ferien wird sie ihre Schwangerschaft nicht mehr geheimhalten können.
    Sie hat keine Ahnung, wie ihre Eltern auf diese Eröffnung reagieren werden, doch sie kann sich vorstellen, es zerstört die gefährdete Bindung zu ihnen endgültig. Ihre Eltern würden es nicht auf sich nehmen, zusätzlich für ihr Kind zu sorgen, damit sie ihre Schule beenden kann. Sie glaubt sich die Ablehnung der Mutter vorstellen zu können. Da kann auch der kompromissbereite, aber von seiner Frau wie Wachs formbare Vater nichts ausrichten.
    Dennoch ist Marga trotz der zu erwartenden Schwierigkeiten nie der Gedanke an eine Abtreibung gekommen. Sie will das Kind unbedingt. Sie betrachtet es allerdings nicht als Person, als ein neues Leben, das einen Einschnitt in ihr eigenes bedeutet, den sie sich in seiner Tragweite nicht bewusst machen kann. Für Marga ist ihr Kind nur ein Beweis, ein Kraftakt, der ihre Jugend beendet und sie auch in ihrem Ansehen zu der erwachsenen, im Leben stehenden Person macht, als die sie sich fühlt.

    B: Ein Tag

    (1.) Es ist ein Tag Ende Juli, Dienstag, der vorletzte Schultag. Trotz gegenteiliger Behauptungen der Lehrer, sind die Noten längst gemacht, die Zeugnisse geschrieben. Lehrer und Schüler sind mit ihren Gedanken in den Ferien, aber die letzten Woche dehnen sich endlos.
    Als Marga früh am Morgen von ihrem Radiowecker mit Werbung geweckt wird, ist sie am ganzen Körper klebrig verschwitzt. Zum ersten Mal seit ein paar Wochen ist ihr wieder übel. Obgleich es kurz vor sechs Uhr morgens ist und sie ihr Fenster die ganze Nacht geöffnet hatte, ist es in dem Zimmer stickig. Sie bleibt auf dem Rücken liegen, atmet ruhig ein und wieder aus, um die würgende Übelkeit in ihrem Hals zu überwinden. Dann öffnet sie die schweißgetränkte Schlafanzugbluse. Sie beobachtet ihren Körper, sich auf die Ellbogen stützend. Nicht nur die Bauchdecke ihres Unterleibes ist nun vorgewölbt und fest, ein Bauch, der noch so aussieht, als hätte sie in der letzten Zeit zuviel gegessen, auch Ihre Brüste haben sich verändert. Sie sind größer geworden, die Warzen dunkler, ihr Hof breiter. Sie betrachtet heute zum erstenmal einen kaum sichtbaren, dünnen und dunklen Strich auf ihrer Haut, der sich von der Scham zum Bauchnabel emporzieht.
    über dem Betrachten der erstaunlichen Veränderungen ihres Körpers verfliegt die Übelkeit. Sie kann sich vorsichtig aufrichten. Von außen wird gegen die Zimmertür geklopft. Sie hört die bereits am frühen Morgen entkräftete und vorwurfsvolle Stimme ihrer Mutter, die fragt, ob sie wach sei. Marga antwortet verschlafen, wartet dann mit einem Ohr an der Tür, bis die Schritte der Mutter verhallen, die die Treppe hinunter zurück in die Küche geht. Dann erst tritt sie hinaus in den Korridor, um zum Badezimmer zu gelangen, das an dessen Ende liegt. Dabei muss sie leise an ein paar Pensionszimmern vorbei. Die Gäste haben auch für einen langen morgendlichen Schlaf bezahlt. Heute wird überraschend eine der Türen geöffnet und ein älterer dicker Mann steht im Nachthemd vor Marga.
    Beide stehen ertappt voreinander und regen sich nicht. Der Blick des Mannes rutscht ab zu Margas Brüsten. Seine Augen werden klein. Marga flüchtet eilig. Sie spürt den lüsternen Blick nun wie einen bohrenden Finger im Rücken und ist froh, die Badezimmertür hinter sich schließen zu können. Angeekelt duscht sie sich gründlich, als habe sie sich durch die aufdringlichen Blicke des Mannes schmutzig gemacht. nach ihrer Wäsche ist der Gang wieder leer und sie kann ohne Störung zurück in ihr Zimmer.
    Da sie sich heute dicker fühlt als sonst, entscheidet sie, einen weiten, langen Rock zu tragen, ein Kleidungsstück, das ihr gewöhnlich nicht zu ihr passen zu scheint. Dazu zieht sie eine heimlich gekaufte, enge und starre Korsage an, die sie beim Atmen beengt, ihr aber das Gefühl gibt, dünner zu wirken. Zum Abschluss schlüpft sie in ein weites Sweat-Shirt, obgleich sie weiß, wie heiß es ihr im Verlaufe des Tages darunter werden würde. Mit einem Blick in den Spiegel kontrolliert sie ihr Aussehen, sie findet, sie habe ihre Schwangerschaft perfekt kaschiert .
    Beim eiligen Frühstück fällt der Mutter auf, dass Marga einen Rock trägt, aber das Gespräch dreht sich um gleichgültige Dinge, die den Tagesablauf in der Pension betreffen. Es ist eine Anhäufung von lästigen und zeitaufwendigen Arbeiten, die die Mutter detailliert erläutert, damit der Vater sehen kann, wie sehr sie unter Druck steht. Doch an das sich fast täglich wiederholende Lamento gewöhnt, trinkt er ruhig seinen Kaffee, nickt ab und an abgelenkt. Er hat die Augen auf einer neben seinem Frühstück liegenden Broschüre. Er versteht es, sich den Anschein zu geben, als würde er auf die Worte seiner Frau eingehen, ohne ihr zuzuhören.
    Viel zu spät, als der Vater bereits kontrollierend und unwillig zur Uhr sieht, betritt Bettina die Küche, um schnell ein Glas Milch im Stehen zu trinken. Marga betrachtet ihre Schwester aufmerksam. Sie ist hoch aufgeschossen, dürr und eckig. Marga sieht Bettina nur selten und dann Kleinigkeiten essen, obwohl ihre Schwester doch Kochbücher sammelt und regelmäßig beim Essenkochen für die Gäste hilft. Auch während Bettina jetzt ihre Milch trinkt, spricht sie von Lebensmitteln, die sie am Nachmittag auf dem Markt einkaufen müsse. Fällt dieses merkwürdige Verhalten allein Marga auf? Wie abgestumpft und nur mit sich selbst beschäftigt sind eigentlich die Eltern?
    Bei der Fahrt in die Stadt setzt sich Marga auf den Beifahrersitz. Da Bettina hinten einen Walkman aufgesetzt hat und ein Englischbuch in der Hand hält, glaubt sie, sich ungestört mit dem Vater unterhalten zu können. Sie entschließt sich zu einer Tarnung, die ihr, so leicht wie sie zu durchschauen ist, die Verzweiflung eingegeben hat. Sie beginnt zögernd:
    "Weißt du, in der Parallelklasse ist ein Mädchen schwanger."
    "Bitte?"
    "Ich sagte..."
    Der Vater nickt ungeduldig, mit dem Verkehr beschäftigt.
    "Ja. Und woher weißt du das? Bist du mit ihr befreundet? Kenne ich sie?"
    Marga kratzt sich hinter dem Ohr.
    "Nein, aber ein Mädchen, das sie gut kennt, hat mir das erzählt," sagt sie.
    "Du musst verstehen. Ich kann dir ihren Namen nicht nennen. Sie ist im vierten Monat schwanger und bis jetzt weiß es noch niemand. Sie hat es nicht einmal ihren Eltern erzählt, weil sie Angst vor ihnen hat."
    "Aber einer Freundin, die es dann weitererzählt. Prima! Wer ist denn der Väter ihres Kindes?" Marga seufzt leise. Sie muss ihr Lügengespinst nun komplizierter gestalten, was ihr nicht angenehm ist.
    "Ach, das ist ein Junge, mit dem sie längst keinen Kontakt mehr hat. Ich denke, sie hat ihn bei der Kirchweih kennengelernt und er ist nicht von hier."
    "Kennt sie denn wenigstens seinen Namen?" hakt der Vater nach.
    "Ich glaube schon. Ich weiß nicht. Aber das ist nicht wichtig, oder? Schließlich hat sie nichts mehr mit ihm zu schaffen."
    "Findest Du?" fragt ihr Vater ironisch lachend und sieht sie zum ersten Mal an. "Na, er ist doch schon verantwortlich, muss ich sagen. Wie alt ist er denn?"
    "Ich weiß nicht. ich glaube aber, zwanzig..., eher fünfundzwanzig."
    "Na, also, er ist volljährig, dann ist er auch unterhaltspflichtig und muss für das Kind sorgen. Das ist ganz typisch. Von Verantwortung noch nie etwas gehört. Er versaut dem Mädchen doch die ganze Jugend. Da muss er wenigstens zahlen," stellt er entschieden fest.
    "Warum hat sie denn nicht aufgepasst?" fällt ihm nach kurzem Schweigen ein. Es fehlt nicht viel und Marga hätte gelacht.
    "Du meinst, warum sie nicht die Pille genommen hat? Das weiß ich nicht. Vielleicht verträgt sie sie nicht oder ihre Eltern sind dagegen, ich habe keine Ahnung."
    Es entsteht eine längere Pause, in der beide das langsam vor ihnen fahrende Auto beobachten.
    "Ich nehme sie auch nicht," fügt Marga leise hinzu.
    "Fahr doch rechts 'ran. Es ist Platz!" ereifert sich plötzlich der Vater und meint den Wagen vor ihnen. "Ich kann nicht den ganzen Weg hinter Dir herfahren. Es gibt Leute, die haben es ein wenig eiliger als Du!"
    Er hupt.
    "Ich nehme die Pille ebenfalls nicht," wiederholt Marga fester.
    "Bitte? Aber das ist ja etwas völlig anderes. Wir sind uns doch einig... Augenblick, jetzt geht's. Ich komme vorbei!"
    Mit quietschenden Reifen überholt der Vater das Auto, da ihm der Gegenverkehr endlich die Gelegenheit dazu gibt. Marga hat nicht den Mut, noch einmal mit der Empfängnisverhütung zu beginnen. Es gibt erneut eine Lücke in dem Gespräch, an dem Marga viel liegt. Schließlich nimmt der Vater den Faden wieder auf:
    "Was wollte ich gerade sagen?" Er zuckt mit den Schultern. "Es gibt doch auch noch andere Verhütungsmittel, nicht wahr? Gerade heutzutage bei diesem AIDSRummel ist es verantwortungslos und leichtsinnig..."
    "Das ist vergossene Milch," unterbricht ihn Marga scharf. Die Richtung, die die Gedanken des Vaters genommen haben, gefällt ihr nicht. "Wichtig ist, was sie jetzt tun soll. Ihre Freundin sagt, sie ist verzweifelt."
    "Nun, sie soll auf jeden Fall nichts Dummes tun, nicht? So ein arger Beinbruch ist das nicht. Ich meine, ihre Eltern könnten das Kind nehmen... es gibt auch Heime, ich glaube, sie kann es auch zur Adoption freigeben. Hat sie schon einmal an eine Abtreibung gedacht?"
    Marga zuckt zusammen.
    "Wie ist das möglich? Das Mädchen hat Angst, es ihren Eltern zu sagen."
    "Das ist dumm," erwidert der Vater. "Sie werden es ja irgendwann doch bemerken, solch ein Zustand lässt sich nicht lange geheimhalten. Außerdem sind gerade die Eltern diejenigen, die ihr helfen können."
    "Bist Du sicher?" fragt Marga und hofft.
    "Und der Kerl, der ihr das angetan hat, muss doch bluten. Verantwortungslos, ein sechzehnjähriges Kind. Aber so etwas kommt vor..." Er bremst den Wagen vor einer roten Ampel abrupt ab. Marga wird nach vorn in den Sicherheitsgurt gedrückt. "Diese Ampel muss immer rot sein. Einmal möchte ich hier durchkommen, ohne warten zu müssen," schimpft er. "Die bringt doch den ganzen Fluss ins Stocken. Mich würde interessieren, was sich die Herren beim Verkehrsamt so denken. Die überlegen sich nur, wie sie ihre Schmiergelder gewinnbringend anlegen können. Der neue Tennisplatz wird jetzt gebaut. Da hockt die Lobby. Aber die Genehmigung zum Führen eines Restaurationsbetriebes kriegen wir einfach nicht. Kennst Du das neueste Argument? 'Der Fahrweg zu uns 'rauf sei nicht ausbaubar.' Das trauen die sich mir ins Gesicht zu sagen. Es ist Unsinn, aber mit uns können sie es machen," redet der Vater sich in Rage.
    Marga unterbricht ihn schüchtern:
    "Papa. Das Mädchen."
    "Welches...? Nun, ich weiß doch auch nicht. Aber es gibt Beratungsstellen, nicht? Da kann sie doch hin." Er will weg von diesem Thema, das ist ihm anzumerken. Doch plötzlich lacht er:
    "Wenn so etwas in unserem Dorf passieren würde! Die Familie wäre ruiniert."
    Er wendet sich scherzhaft zu Marga.
    "Dass mir da bei Dir keine Klagen kommen, ja?"
    Er droht ihr mit dem Finger, lacht weiter. Bettina hat längst ihren Walkman ausgeschaltet und das Englischbuch neben sich gelegt. Sie hört aufmerksam zu. An diesem Punkt bemerkt sie, wie Marga hilflos und ängstlich antworten will, aber keine Worte findet. Sie greift sie ein, beugt sich nach vorn und erzählt von einem Schülerstreich, an dem sie beteiligt war.
    Marga blickt dankbar zurück. Ein erstes Mal sehen sich die Schwestern verständnisvoll an. Es entsteht die Art Bindung, die sich Bettina wünscht. Doch schnell ist der Moment vorbei. Marga macht eine abwertende Bemerkung über das Kindliche des Scherzes, zerstört den Kontakt, der ihr zu nah ging.

    (wird fortgesetzt)

    ------------------
    hks
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  4. #4
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    AW: Stromausfall - 1. Teil

    doch, klammer. ich lese mit.
    die erzählperspektive -Ich- scheint mir nicht ganz logisch. z. b. wieso kennt -Ich- schorsch so gut von "innen"?

  5. #5
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Stromausfall - 1. Teil

    Liebe Eulalie,

    die Erzählperspektive i s t logisch, vertrau mir. Der "Erzähler" verbirgt sich nur. Schau, würde ich aus der Sicht von Marga schreiben, dann würde ihr vieles entgehen, würde ich aus der Sicht des Allwissenden Erzählers schreiben, würde ich zu weit weg sein.
    Deshalb habe ich hier einen Erzähler eingeführt, der absolut neu in der Literatur ist und ich werd ihn jetzt noch nicht verraten, wenn du ihn noch nicht erkannt hast.

    Gruß, Klammer
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  6. #6
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    AW: Stromausfall - 1. Teil

    absolut neu?
    da bin ich echt gespannt.
    dieser text liest sich eher wie ein bericht, denn prosa. macht aber gar nichts.
    kann schon sein, klammer, dass das -Ich- marga nahe steht und doch nicht. meine, das dein erzählstil diesem "verhältnis" der beiden gerecht wird.
    mach mich auf die suche
    aber, ich muss mich auch noch um mein sorgenkind lucretia kümmern und meine kids wollen auto spielen. hm, stimmt die priorität ?

    lg
    e.

  7. #7
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Stromausfall - 1. Teil

    was neues in der literatur? gibt es denn sowas? das ich das noch erleben darf.

    ich finde anfangs liest es sich wie eine bedienungsanleitung, die auflistung der punkte und dann die anmerkungen. natürlich so eine bedienungsanleitung mit so langen anmerkungen wäre furchtbar, der text ist es nicht. ich vermute, die "klammersche erzählperspektive" ist einfach die perspektive eines fiktiven erzählers, der einfach sagt: "so und so erzähle ich das, ich könnts auch anders machen, aber so erzähl ich es jetzt halt."

    na ja, gespannt weiter warte.

    grüße
    tt

  8. #8
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Stromausfall - 1. Teil

    Lieber Traumtänzer,

    mit der Bedienungsanleitung bist du recht nah dran. Marga liebt Spinoza. Der Text liest sich daher wie eine logisch-mathematische Beweisführung dieses Philosophen. In Teil A werden die Variablen eingeführt und in Beziehung gesetzt, Begriffserläuterung betrieben, in B der Gedanke entwickelt (gerechnet), die Lösung wird in Punkt C erfolgen.
    Der Erzähler ist aber kein "Klammerscher" Dann-mach-ich-das-mal-so-Erzähler. Lass dich überraschen.

    Gruß, Klammer
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  9. #9
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Stromausfall - 1. Teil

    sorry klammer, nur konfuses brainstorming.
    noch ein erster leseeindruck.
    z. b. du erwähnst margas schwangerschaft schon sehr früh im text. fand ich schade. lass doch den leser auch mal was "rausfinden".
    im dialog mit dem vater fände ich es reizvoll, wenn leser und er sozusagen den selben wissenstand darüber hätten - nämlich: nullahnung. während er nicht zuhört, tuts der leser hoffentlich.

  10. #10
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    Post Stromausfall - 3. Teil

    Stromausfall - Teil 3.

    (2.) Später lässt der Vater seine Mädchen vor der Schule aussteigen. Er verabschiedet sich abgelenkt von ihnen. Bettina rennt sofort los, sie versucht, Abstand zwischen sich und ihre Schwester zu bringen. Marga geht langsam hinter ihr her und schüttelt den Kopf. Betti ist seltsam, denkt sie, war ich früher auch so?
    Heute wird Marga nicht wie üblich nach der Schule mit dem Bus heimfahren, da am Nachmittag bei ihrer Deutschlehrerin der letzte literarische Treff vor den Sommerferien ist. Sie hat das Gefühl, es sei das letzte Mal, dass sie teilnehmen werde.
    Sie trifft ein paar Klassenkameradinnen. In der scherzenden Runde gelingt es ihr, die unangenehmen Gedanken zu verdrängen.
    Hanna kommt wie immer zu spät und abgehetzt in das Klassenzimmer, als alle längst sitzen und der Lehrer der ersten Stunde die Anwesenheit kontrolliert hat. Statt dem üblichen Rüffel hat er heute nur ein abgelenktes Nicken für die Schülerin, die sich neben Marga auf ihren Platz in der vorletzten Bankreihe setzt. Es ist still in dem Raum, denn noch weiß niemand, wie sich der Lateinlehrer verhalten wird. Die Befürchtungen, er würde eine Stunde Unterricht geben, lösen sich in erleichterter Unruhe und verhaltenen Gesprächen auf, als er die Absicht verkündet, seinen Schülerinnen auf Deutsch ein paar, wie er glaubt, interessante Kapitel aus Ovids "ars amatoria" vorzutragen.
    Er hofft, die Empfehlungen des römischen Dichters, wie sich ein Mädchen einen Mann angeln soll, können Aufmerksamkeit wecken und Ruhe schaffen. Die Hoffnung trägt ihn, er könnte vorlesen, was er wollte, ab der dritten Bankreihe hört ihm niemand mehr zu.
    Hanna nimmt sofort Strickzeug aus ihrer Baumwolltasche. Während sie ihre Maschen zählt, beginnt sie mit einer längeren Erzählung ihrer gestrigen Erlebnisse am. Marga hört kaum zu, nimmt die Mischung aus Hannas Worten und Ovids Versen, die der Lehrer holprig übersetzt hat, als angenehme Hintergrundmusik. Sie lässt die Gedanken willkürlich zwischen schönen Dingen spazierengehen.
    Hanna spürt den mangelnden Erfolg ihrer Erzählung. Ohne beleidigt zu sein lehnt sie sich zurück und beginnt noch einmal, diesmal an die beiden Mädchen eine Bankreihe hinter ihr gewendet. Irgendwie vergeht diese erste Stunde, anschließend eine zweite, in der der Mathematiklehrer unverfroren Unterricht hält, dann ist Pause.
    Hinter der Turnhalle, abseits vom Hof, versammeln sich heimlich die Tabakabhängigen. An beiden Seiten des Gebäudes haben sie Wachen aufgestellt, die sie warnen sollen, wenn die Pausenaufsicht oder die Konrektorin einen Kontrollgang machen. Doch heute hat niemand den Elan, auf die Jagd nach den sündigen Raucherinnen zu gehen.
    Marga hat früher ein paar Zigaretten mitgeraucht, weil sie weiß, was ihre Pflicht ist, wenn sie dazu gehören will. Seit sie schwanger ist, steht sie nur mehr einen Apfel kauend neben der kettenpaffenden Hanna. Sie beteiligt sich gerne am Gespräch, das nirgendwo im Pausehof interessanter ist als hier im verschwiegenen Raucherwinkel.
    Marga fällt auf, wie nervös und müde Hanna ist, dabei hysterisch versucht, gute Laune zu verbreiten. Hannas Wortschwall in der ersten Stunde war offenbar eine Aneinanderreihung von Belanglosigkeiten, die den Zweck hatte, der Umgebung ihren wahren Gemütszustand zu verheimlichen. Das ist eine Verhaltensweise, die Marga nur zu gut nachvollziehen kann, da sie selbst ähnliche Mittel und Wege unternimmt, um von ihrer Schwangerschaft abzulenken.
    Sie spricht Hanna ironisch auf deren Unruhe an und diese reagiert, wie sie es erwartet hat: Sie geht in eine aggressive Abwehrhaltung. Das ist ein Fehler, denn ihre unwirsche Entgegnung auf die eigentlich harmlos klingende Frage, auf die sie mit einem Scherzwort hätte reagieren sollen, macht den Kreis der Schülerinnen aufmerksam. Marga weiß, wie sehr sich die unsichere Hanna Sticheleien zu Herzen nimmt. Sie ist aber nicht sicher, ob sie bedauert, dass sich Hanna plötzlich einer Reihe von nicht nur freundlich gemeinten Neckereien ausgesetzt sieht.
    Das Mädchen wird vom Klingelzeichen, das das Ende der Pause markiert, gerettet und verbringt die nächsten beiden Stunden, in denen ein französcher Film mit deutschen Untertiteln gzeigt wird, auffällig schweigsam an ihrem Pullover strickend. Marga sieht liest in einem Buch mit Textfragmenten der Vorsokratiker.
    Das ist eine ermüdende Lektüre, die sie kaum interessiert und von der sie nur wenig versteht, bei der sie aber gern von Lehrern ertappt wird. Sie genießt deren erstauntes Emporheben der Augenbrauen, den Blick, mit dem sie sie kurz betrachten, bei dem ihnen Zweifel kommen, ob sie die Schülerin richtig einschätzen.
    Endlich ist der Schultag vorbei. Marga fährt gemeinsam mit der noch immer in sich gekehrten Freundin in die Innenstadt. Obwohl eine Spannung zwischen den beiden ist, sind sie entschlossen, den Nachmittag bis zur Teestunde bei der Hinrich mit einem Schaufensterbummel hinter sich zu bringen. Hannas Laune bessert sich langsam, als Marga mit keinem Wort auf den Vorfall im Pausehof zu sprechen kommt. Das Verhältnis der Freundinnen ist fast wieder normal, als Hanna eine billige Bluse ersteht.
    Schließlich sitzen sich die beiden in einem Cafe gegenüber, ihr Gespräch dreht sich zunächst um Frisuren, dann um den Vater von Hanna, der ihr mit unsinniger Strenge das Leben schwer macht. Endlich versucht Marga das Gespräch auf die Dinge zu lenken, die sie beschäftigen. Obwohl sie die Erfahrung mit ihrem Vater entmutigt hat, ist es ihr wieder nicht möglich, ehrlich zu reden. Das Schweigen über ihre Schwangerschaft, das sie seit drei Monaten bewahrt, ist ihr in Fleisch und Blut übergegangen. Sie kann nicht einmal mit ihrer engen Freundin ohne Maske reden. Marga hat sich deshalb am Vormittag einen Plan zurechtgelegt. Vielleicht würde es ihr im Verlauf des Gesprächs gelingen, sich selbst in die Enge zu drängen und zu öffnen. Sie beschließt, Hanna zu schmeicheln, weil sie den Rest Zerwürfnis zerstreuen will, der noch zwischen ihnen steht.
    "Hast du wieder Gedichte geschrieben?" erkundigt sie sich.
    "Warum fragst du?" entgegnet Hanna zurückhaltend, lehnt sich aber interessiert auf den Tisch.
    "Die letzten, die du mir vorgelesen hast, haben mir gefallen. Da waren ein paar neue Töne drin, die mich beschäftigt haben. Das ist aber schon eine Weile her. Ich würde gerne wieder ein paar hören", sagt Marga und erreicht die gewünschte Wirkung. Hannas Miene hellt sich auf.
    "Natürlich habe ich geschrieben. Du weißt, es ist ein Zwang in meinem Inneren, das zu tun; etwas, das ich nicht erklären kann. Ich muss mich in dieser Form ausdrücken. Wir haben einmal drüber gesprochen."
    Mehrmals, denkt Marga, während Hanna eine Kunstpause macht.
    "Leider habe ich heute meinen Gedichtband nicht dabei", fügt die Freundin hinzu. Sie hört sich bedauernd, aber nicht ganz ehrlich an.
    Hanna hat sicher gelogen, als sie sagte, sie hätte keine Gedichte bei sich, denn sie geht ohne ihr Heft, in das sie sie schreibt, nie aus dem Haus. Wahrscheinlich hat Hanna entgegen ihrer Behauptung nichts geschrieben oder der Inhalt ist nicht für Margas Ohren bestimmt. Sie beschließt, darüber hinwegzusehen und den Gesprächsfaden fortzuspinnen, wie sie ihn geplant hat:
    "Warum willst du nicht zur Abwechslung eine Geschichte schreiben? Ich glaube, ich werde das einmal versuchen. Mir geht seit längerem eine Geschichte von einer Frau in unserem Alter durch den Kopf..."
    Hanna unterbricht sie ungeduldig.
    "Das kann ich nicht; ich will es auch nicht. Nur mit Poesie ist es mir möglich, meine Gefühle auszudrücken."
    "Ich weiß nicht. Meine Geschichte wäre nicht lang. Diese Frau wäre schwanger."
    "Geschichten! Wen interessieren Geschichten, wenn er leben kann? Hör mal, etwas anderes: Ich weiß, dir ist aufgefallen, wie nervös ich bin. Deine Bemerkung während der Pause war Absicht. Ich habe ein großes Problem. Ich habe überlegt, ob ich dir davon erzählen soll. Aber du bist meine Freundin", sagt Hanna schnell, Marga an der entscheidenden Stelle unterbrechend.
    "Ich habe mich verliebt", fügt sie hinzu. Sie ist merklich froh, losgeworden zu sein, was sie den ganzen Tag beschäftigte. Marga, von dem Wechsel in dem von ihr, wie sie dachte, geschickt geführten Gespräch überrumpelt, findet keine Worte.
    Sie kann nach dem überraschenden Geständnis der Freundin nicht mit ihrem Plan weitermachen, sie hat jedoch keine Ahnung, wie sie den Bogen zurück zu ihren Sorgen finden kann. Hanna hat ihr inzwischen das Heft aus der Hand genommen und erzählt ausführlich von dem wirklich netten Jungen, der sie einfach am Baggersee angesprochen habe und den sie morgen wieder träfe. Marga lehnt sich verwirrt zurück und sieht zerstreut im Raum umher, während Hanna bei den Vorzügen des Jungen angelangt ist.
    "Und was ist dein Problem?" wirft sie gelangweilt ein. Was erzählt sie mir da, denkt sie, was tut sie mir an?
    "Du weißt ja, wir fahren jedes Jahr nach Alicante; am Wochenende geht es für fast vier Wochen los!" erklärt Hanna und beginnt über die lange Trennung, die die gerade begonnene Beziehung belaste, zu jammern.
    Es mag für sie eine große Sorge sein, doch Marga kann sich ein ironisches Lächeln nicht verkneifen. Sie sieht Hanna an und hat das Gefühl, es zum ersten Mal zu tun. Die Stimme, die Bewegungen, die ganze Erscheinung der Freundin sind ihr fremd. Sie sucht plötzlich verzweifelt nach etwas Bekanntem. Der Eindruck ist erschreckend, hinter den vertrauten Zügen offenbart sich ein unbekannter Mensch.
    Die Freundin hat mit dem Bild, das Marga sie von ihr hat, nichts gemein, durch die tägliche Begegnung hat sie es nicht bemerkt: Hanna ist nicht mehr die selbe. Kurz fragt Marga sich, was sie noch an die Freundin bindet. Es sind schmerzende Gedanken, über die sie eigentlich nicht nachdenken will.
    Hanna bemerkt den forschenden Blick von Marga und verstummt verunsichert. "Interessiert Dich das überhaupt?" fragt sie, halb beleidigt. Marga winkt beruhigend ab und sieht auf die Uhr.
    "Ich glaube, wir müssen los. Die ‚Mädeles' wartet", sagt sie nach kurzem Zögern, um der peinlichen Situation ein Ende zu machen. Sie muss sich wiederholen, bis Hanna reagiert.
    "Du bist seltsam heute", stellt Hanna fest, doch sie ist zu sehr mit sich beschäftigt, um nachzuhaken.
    Nachdem die beiden bezahlt haben und das Cafe verlassen, sagt Hanna zu der vor ihr gehenden Marga:
    "Du hast ein paar Pfund zugenommen, nicht wahr?"


    (3.) Die literarische Teestunde bei Frau Hinrich ist gut besucht. Als Hanna und Marga pünktlich an der Wohnungstür läuten, drängen sich zehn Frauen im Wohnzimmer mit Stühlen um den niederen Tisch. Auf dessen Mittelpunkt ruht eine schwarze, japanische Teekanne auf ihrem Stövchen. Um sie herum stehen, eine Wohltat für den vom städtischen Chaos verwirrten Blick, symmetrisch und im Verhältnis zueinander ausgewogen Teeschalen, Kandis, ein Kännchen mit Rum, eines mit Milch. Der Tee ist mit Jasminblüten aromatisiert. Ein leichter, angenehmer Duft empfängt die Besucher schon bei der Tür. Diese Inszenierung erweckt den Eindruck, in einen weltfernen Orden oder eine altgriechische Philosophenschule einzutreten, wo geistreiche Menschen den schönen Künsten zugetan disputieren. In dem Zimmer sind laute Worte und flinke Bewegungen verpönt. Das Teetrinken ist eine archaische, an Zen und Eucharistie gemahnende Zeremonie, die den Versammelten eine in ihrem alltäglichen Leben längst verloren geglaubte Mitte vorgaukelt; sei es auch nur in den Momenten, während man besinnend die fast zu heiße Schale mit dem dampfenden Tee hält, vielleicht ein Stück Gebäck nimmt und dem einführenden Vortrag von Frau Hinrich lauscht, die den Nachmittag unter ein Motto stellt.
    Manchmal liest sie etwas vor, ein Kapitel eines Romans, ein paar Gedichte, eine literatur oder kulturphilosophische Abhandlung, oft redet sie allerdings frei zu einem Thema. Sie scheint sich auf ihre Teestunden intensiv vorzubereiten.
    Heute liest sie ausgewählte Stellen aus dem ‚Weißbuch' von Jean Cocteau und aus Yukio Mishimas ‚Geständnis einer Maske', zwei autobiographischen Schriften, in denen sich beide Autoren, der eine deutlich, der andere verhüllt, zu ihrer Homosexualität bekennen.
    Das ist Frau Hinrichs Thema für diesen Abend: Wie homosexuelle Schriftsteller zu ihrer Neigung stehen und wie diese ihr Werk beeinflusst hat. Es ist ein anspruchsvoller Gesprächsstoff, dem sie nach ihrer Lesung in einem freien, aber flüssig einstudierten Vortrag näher kommen will: Oscar Wilde, Jean Genet, Andre Gide, Paul Bowles, Cornell Woolrich, Klaus Mann, James Baldwin, Truman Capote, Thomas Mann; die Liste ist lang und jeder Autor repräsentiert eine andere Art, ein anderes Leben, mit seinem Stigma zu existieren, es künstlerisch zu verarbeiten.
    Das ist ein Thema, das Marga und Hanna interessieren würde, doch sie sind von ihren Gedanken abgelenkt und hören kaum zu. Als ein zu Anfang zögerndes Gespräch in Gang kommt, mischen sich die beiden entgegen ihrer Gewohnheiten nicht ein, bleiben stumm und in sich gekehrt sitzen. Einmal sieht Marga zu Hanna hinüber, die einen dummen, lächelnden Gesichtsausdruck zur Schau trägt. Sie erschrickt erneut über die tiefe Kluft zwischen ihr und ihrer Freundin, von der sie glaubte, sie könne mit ihr alle Empfindungen und Gefühle teilen. Diese pubertäre Verliebtheit ist ihr fremd. Sie fühlt sich überlegen und fragt sich wieder, was sie mit Hanna gemein hat.
    Ist es das, was man sich unter Erwachsenwerden vorzustellen hat, fragt sie sich wirr, wird dann der Abstand zu den anderen täglich größer und geht verloren, was wichtig und bindend war? Bedeutet älter, immer einsamer zu werden? Ihre Eindrücke von den Erwachsenen, die sie kennt, scheinen ihr recht zu geben. Darüber hätte sie gerne geredet, das wäre interessanter als die schwulen Schriftsteller.
    So langweilig ihr ist, sie will ausharren, denn sie möchte an diesem Abend noch ohne Maske mit ihrer Lehrerin sprechen. Sie erwartet sich viel von dem Gespräch, auch wenn ihre Hoffnung den Gedanken von eben entgegensteht. Marga sieht wieder zu Hanna: Nichts Gemeinsames ist zwischen ihnen; Hanna ist nicht langweilig, sie sitzt in einem angenehmen Tagtraum von einem netten Jungen gefangen.
    Gegen sieben Uhr, nach drei für Marga endlosen, für den Rest des Kreises angenehm und schnell verflogenen Stunden, beginnt die Runde sich aufzulösen. Den Anfang macht Hanna, deren Vater sie pünktlich zu Hause erwartet. Als der Kreis kleiner wird, ist das Gespräch entspannter; der Alltag kehrt durch eine deutliche Säkularisierung der Themen zurück, die Weihestunde hat ihr Ende gefunden. Marga sieht immer häufiger auf die Uhr. Sie wird ungeduldig, da sie vor neun Uhr gehen muss, wenn sie den letzten Bus zurück ins Dorf noch erwischen will. Leider ist ein harter Kern von drei Frauen verblieben, der keine Anstalten macht, Marga mit der Lehrerin allein zu lassen. Die Lehrerin wirkt nun müde, sie hat ihre Brille abgenommen und reibt sich wiederholt die Augen.
    Plötzlich wendet sich sie sich an die verzweifelnde Marga:
    "Du bist heute schon den ganzen Abend auffallend still. Hat dich unser Gespräch nicht interessiert?"
    Marga rutscht unbehaglich auf ihrem Stuhl hin und her, als sie vier Augenpaare neugierig und prüfend auf sich ruhen spürt. Alle sind älter und selbstsicherer als sie, haben mit Ausnahme der Lehrerin Familie. Marga ist unwohl, sie fühlt die Überlegenheit, das gelassene Darüberstehen der anderen über den sie quälenden Gefühlsschwankungen. Ihr kommen beinahe die Tränen vor Scham. Sie fühlt sich von der Lehrerin verraten und bloßgestellt.
    Eine vergleichbare Szene vom Vormittag mit ihr selbst als Angreifer, als sie ihre Frage an Hanna im Gegensatz zur Hinrich mit Absicht bösartig gehalten hat, hat sie verdrängt. Marga murmelt ein paar unverständliche, stockende Worte, die sie ob ihrer Hilflosigkeit zornig machen, schnell nimmt sie deshalb ihre kleine Schultasche auf, dann flüchtet sie sich mit einer Entschuldigung in die hinter ihr abschließbare Ruhe des Badezimmers.
    Sie ist froh, dass ihr dieser Fluchtpunkt eingefallen ist. Erschöpft setzt sie sich auf den Rand der Wanne und versucht den heiteren Wortfetzen zu lauschen, die undeutlich an ihr Ohr dringen. Die Mühe ist vergeblich, sie kann nicht hören, ob über sie gesprochen wird. In diesem Moment spürt sie eine drängende Hitze und den quälend engen Sitz ihrer Corsage. Sie entschließt sich, das unbequeme Kleidungsstück abzulegen, zieht sich dabei völlig aus. Nackt legt sie sich zur Entspannung in die Badewanne. Die Kälte des weißlackierten Metalls ist trotz der unbequemen, kauernden Stellung eine Wohltat an ihrem verschwitzten Rücken.
    Als sie ruhiger wird, steht sie auf und sieht sich in dem kleinen Raum um. Er ist wie die ganze Wohnung der Lehrerin penibel sauber und, von Margas hingeworfener Kleidung abgesehen, akkurat aufgeräumt. Marga hat das Verlangen, eine Lücke in der perfekten Ordnung zu finden, doch kein Kalkfleck ist auf den Wasserhähnen, die Trommeln der Waschmaschine und des Trockners sind leer, die Handtücher und Hygieneartikel aufmerksam geordnet. Nicht einmal die Klobürste zeigt Spuren einer Benutzung.
    Einzig einen kleinen verschlossenen Spiegelschrank, der über der Toilette hängt, vermag Marga nicht zu öffnen. Dieses Geheimnis versöhnt sie etwas mit der Hinrich. Marga stochert eine Weile mit einer in einer Schublade entdeckten Nagelfeile in dem schmalen Türspalt beim Schloss, aber ihre Bemühungen bleiben erfolglos.
    Als sie resigniert aufgeben will, wird gegen die Badezimmertür geklopft. Marga zuckt ertappt zurück und macht unbeabsichtigt die richtige Bewegung: Das Schloss schnappt auf, die Spiegeltür klappt zur Seite. Die Nagelfeile rutscht aus ihren Händen, füllt klappernd ins Waschbecken. Marga wendet sich um, denn sie hört die Stimme der Lehrerin, die sich nach ihr erkundigt. Das Mädchen sieht an sich herab und lacht leise.
    Sie beruhigt die Lehrerin mit wenigen Worten, wartet, bis jene sich von der Badezimmertür entfernt hat, dann richtet sie ihre Aufmerksamkeit dem aufgebrochenen Schränkchen zu.
    Dort bewahrt die Lehrerin eine erstaunliche Vielzahl an Medikamenten auf. Auch in den Regalen des Schränkchens herrscht peinliche Ordnung. An die Innenseite der Spiegeltür ist ein Kalender geheftet, aus dem ersichtlich ist, welche Tablettenmengen die Hinrich wann zu sich nehmen muss. Beim enttäuschten Kramen zwischen Medikamentenröhren und Tablettenplättchen, die Krankheiten kurieren sollen, von denen Marga noch nie gehört hat, entdeckt sie auch eine eher unscheinbare Packung mit der Pille, was sie überrascht und ihr Bild von der ältlichen, tantenhaften Lehrerin ins Wanken bringt. Bislang hat sie sich nicht vorstellen können, dass in deren Leben Sexualität noch eine Rolle spielt.
    Nachdem Marga endlich etwas entdeckt hat, das in die Selbstinszenierung der Hinrich eine Lücke reißt, versucht sie, den kleinen Einbruch zu vertuschen, aber es gelingt ihr nicht. über kurz läßt sich die Spiegeltür zwar von ihr zudrücken, gleich darauf öffnet sie sich langsam wieder und gibt erneut den Blick auf den verbotenen Inhalt preis. Nach einer Reihe vergeblicher Versuche entschließt sich Marga, sich als erstes wieder anzuziehen, denn inzwischen ist ihr kalt. Sie verzichtet auf die allzu enge Corsage, die sie in der Schultasche verstaut. Ihr ist jetzt egal, ob jemand ihren Zustand sehen kann. Fast hofft sie, man bemerkt ihn. Sie greift wahllos in den Medikamentenschrank und entnimmt ihm zwei Röhren mit farbenfrohen Tabletten, die sie zu ihrer Corsage in die Tasche schiebt. Diesmal kann sie ohne Probleme die Tür des Schränkchens schließen. Sie bleibt zu.
    Marga kontrolliert durch einen Blick in den Spiegel, ob ihr der kleine Diebstahl anzusehen ist, zieht den Lidstrich und das Lippenrot nach. Sie macht es oberflächlich und abgelenkt, da sie durch die Tat, die ihr ein angenehmes Gefühl im Unterleib bereitet hat, erregt ist.
    Als sie zurück ins Wohnzimmer kommt, ist sie mit der Lehrerin allein. Erstaunt sieht sie auf die Uhr, ihre Abwesenheit scheint ihr nicht lange gewährt zu haben, doch sie erkennt, dass es nach acht Uhr ist. Sie hat fast eine halbe Stunde im Bad zugebracht und nichts gehört, als die anderen Frauen gegangen sind.
    Marga bemerkt den aber neugierigen Blick der Hinrich und sie sucht eine laue Ausrede heraus, um ihr langes Verbleiben im Badezimmer zu erklären. Sie erzählt, sie habe im Moment stark unter ihren Tagen zu leiden. Die Lehrerin akzeptiert mit einem Kopfnicken, gähnt.
    Marga merkt der Hinrich an, wie gern sie es sehen würde, wenn sich auch der letzte Gast verabschieden würde, damit sie den Abend beenden kann. Aber sie will sie noch nicht gehen, denn sie scheut die langweilige Wartezeit auf den Bus. Sie kramt aus ihrer Schultasche einen kleinen Block hervor, auf dem sie sich ein paar Notizen gemacht hat.
    "Ich würde ihnen gerne noch etwas vorlesen, wenn es ihnen nichts ausmacht. Ich habe ein paar Gedanken aufgesetzt und es würde mich interessieren, was sie von ihnen halten."
    Die Hinrich gähnt erneut in ihre Faust, aber sie nickt.
    "Willst du Hanna Konkurrenz machen?" fragt sie.
    "Nein, auf keinen Fall", erwidert Marga und ist wieder beleidigt. Sie öffnet das Heft umständlich.
    "Ich schreibe doch keine Gedichte! Es hat auch nichts mit unserem heutigen Thema zu tun. Mir liegt nur ihre Meinung am Herzen."
    Die Lehrerin lehnt sich in ihrem Sessel zurück und faltet die Hände über dem Schoß. Sie ist eine aufmerksame und gute Zuhörerin, eine Eigenschaft, die Marga an ihr schätzt. Sie räuspert sich, dann liest sie zögernd, an den vielen Stellen, die sie ihn ihrem Skript verbessert hat, stockend. Die Lehrerin unterbricht sie nicht, sie lauscht mit halbgeschlossenen Augen.
    Margas Text ist eine unausgegorene Kritik am etwas missverstanden Weltbild Spinozas, insbesondere seiner Ableitung des Einzelnen aus dem Unendlichen. Margas Gedanke ist, dass dies in der Qualität unterschiedliche Dinge sind, die in keinem Zusammenhang stehen.
    "Die Summe aller Dinge ", liest sie, "muss begrenzt sein, da es die Dinge ebenfalls sind. Umgekehrt kann ich die Unendlichkeit zwar in beliebig viele Stücke teilen, aber jedes dieser Stücke wird selbst unendlich bleiben, denn die Hälfte von Unendlich ist erneut unendlich. Folglich sind diese Bruchstücke und die materiellen Dinge verschieden. Aus der Existenz des Endlichen kann nichts Unendliches geschlossen werden und umgekehrt."
    Das ist der Grundgedanke ihres Textes, der Rest erläuterndes Beiwerk. Was sie damit bezweckt, ihrer Lehrerin diesen etwas wirren Text vorzulesen, kann sie selbst nicht begründen. Es ist vielleicht nur ein weiterer Versuch, die Sprachlosigkeit zu überwinden.
    Als sie verstummt, bleibt es zwischen den beiden eine Weile still. Schließlich fragt die Hinrich leise:
    "Und was schließt du für dich aus deinen Erläuterungen?"
    Marga ist über diese Frage erstaunt. Sie hat sich nie Gedanken darüber gemacht, ob Philosophie für ihr Leben einen Nutzen haben könne. Sie betrachtet sie als eine Gedankenübung, als eine Art von Spiel zwischen intelligenten Menschen.
    "Nun, ich denke, damit bewiesen zu haben, dass der endliche Mensch keine unendliche Seele besitzt", sagt sie und hat dabei einen schalen Geschmack im Mund.
    "Einmal abgesehen davon, wie anzweifelbar deine Beweisführung ist und wie traurig ich es finde, wenn ein junger Mensch wie du solch eine Meinung vertritt: Was ziehst du für Konsequenzen in deinem Leben aus deiner Erkenntnis, es sei kein unsterblicher Teil in dir?" fragt die Hinrich nach.
    Konsequenzen? überlegt Marga. Kann das Kind, das ich kriege, eine sein? Ist es der Versuch, etwas zu schöpfen, das mich überlebt? Sie will unsicher eine Antwort stottern, als ihr Blick auf die Uhr fällt und ihr eine Ausrede schenkt.
    "Mein Gott", lügt sie erleichtert, "ich muss gehen. Sonst versäume ich noch meinen letzten Bus!"
    Sie springt auf und verabschiedet sich eilig von der Hinrich, obwohl sie in Wahrheit eine längere Wartezeit an der Bushaltestelle in Kauf nehmen muss.
    Der Abschied ist kurz und nüchtern, obwohl Marga weiß, sie wird der Lehrerin so schnell nicht mehr begegnen. Im Herbst, wenn die Schule wieder beginnt, wird alles anders sein. Ohne Reue verläßt sie das Haus, beendet nach der zu Hanna eine weitere Beziehung, die ihr wichtig war. Sie fühlt sich stark und auf dem richtigen Weg, denn sie hat erkannt:
    Erwachsen werden bedeutet, einsam zu sein.

    (wird fortgesetzt...)
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  11. #11
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    Stromausfall - 4. Teil

    (4.) Fünfundzwanzig Minuten vor der Ankunft des letzten, wenige Minuten nach der Abfahrt des vorletzten Busses kommt Marga zur Haltestelle direkt am Bahnhof.
    Das Warten ist angenehm. Es ist noch hell und warm. Sie setzt sich in den Windschutz und nimmt ein Buch heraus, will sich mit Lesen die Zeit vertreiben. Marga wählt diesmal nicht die Textbruchstücke griechischer Philosophen. Sie liest Die Geschichte des Auges von Georges Bataille. Das ist ein dünnes Taschenbuch, das sie in der letzten Woche in einer Augenblickslaune in einem Kaufhaus mitgehen hat lassen, ohne eine Vorstellung zu haben, was für ein Text darin auf sie wartet. Nachdem sie festgestellt hat, um welche Art Buch es sich handelt, liest sie es heimlich und fasziniert. Sie hatte den Diebstahl nicht nötig, die Eltern knausern nicht am Taschengeld, aber sie fühlt, solch ein Buch nicht zu kaufen, sondern zu stehlen, war die richtige Entscheidung.
    Marga glaubt, die Lektüre habe etwas mit Philosophie zu tun, aber sie weiß nicht genau, was. Sie kann die Verbindung zwischen den klaren, mathematischen, fast klerikalen Texten eines Spinoza und den gesucht amoralischen, todessüchtigen Abartigkeiten von Bataille nicht entdecken. Allerdings muss es eine geben. Sie hat sich vorgenommen, sie zu finden.
    Marga sitzt mit geröteten Ohren auf der unbequemen Bank und hat Empfindungen, denen sie keinen Namen geben kann. Als sie mit Wetzlar geschlafen hat, hat sie außer einem jähen Schmerz nichts gespürt, wenn Schorsch versucht, sie tölpelhaft zu berühren, ist es ihr unangenehm und als Hanna ihr in einer schwachen Stunde anvertraut hat, sie würde manchmal Hand an sich legen, war ihr dieses Geständnis fremd und absonderlich erschienen. Doch die pornografischen Texte Batailles voller Kot, Urin und Tod, voller obzöner Obsession und Gewalt erregen sie. Das ist ein Unding, das sie niemandem eingestehen würde.
    Sie muss an den Pensionsgast denken, der sie heute früh fast nackt gesehen hat. Sie spürt dabei ihren Herzschlag am Hals, fühlt sich schmutzig und pervers.
    Jemand setzt sich neben sie, doch sie ist mit sich und ihrem Buch beschäftigt. Sie bemerkt den Soldaten erst, als sie von ihm angesprochen wird. Mit glänzenden Augen sieht sie auf und entdeckt neben sich einen freundlich lächelnden jungen Mann in Uniform, der trotz der langen Wartebank nah an sie herangerückt ist. Es ist einer der Soldaten, die wegen der nahegelegenen Kasernen allabendlich die Kreisstadt überschwemmen, bis dann nach dem Zapfenstreich wieder Ruhe einkehrt. Die jungen Männer, meist aus dem Norden der Republik, fallen im Sommer in lärmenden und pubertären Rudeln in die wenigen Biergärten der Stadt ein und gaffen und rufen hinter jedem Rock her. Das einheimische "Jagdwild" hat sich längst ein dickes Fell zugelegt, an dem die plumpen und aufdringlichen Annäherungsversuche abgleiten.
    Die Soldaten und die Jugend der Stadt bleiben deshalb unter sich, der Trennstrich ist in den Lokalen deutlich gezogen. Auch Marga ist häufig angesprochen worden. Sie hat bislang abweisend reagiert; was sie an diesem Abend dazu veranlasst, ermutigend zurückzulächeln, liegt an den Enttäuschungen des Tages, von denen sie sich durch den Soldaten Ablenkung verspricht.
    "Was liest du da?" fragt er und rückt noch etwas näher.
    Marga schiebt eilig das Buch in ihre Tasche, als sie Autor und Titel nennt. Mit ihrer flinken Geste will sie verhindern, dass er durch einen schnellen Blick auf einen der gefährlichen Sätze erhaschen kann. Sie glaubt, der Soldat sei dafür nicht geschaffen: In einen Krieg ziehen und töten könnte sein Gewissen nicht belasten, aber sie ist sicher, wenn er erfahren würde, was sie liest, würde es ihn zerstören. Kurz fällt Schorsch ein. Wie würde er mit seinem katholischen Übereifer reagieren, wenn sie ihn mit dieser Lektüre konfrontieren würde? Sicher wäre ihm dieser Text vom Teufel, aber vielleicht würde er ihn insgeheim ebenso erregen wie sie selbst.
    Wie sie zu Recht vermutete, sagt der Autor dem jungen Mann nichts. Er nickt und fragt mit treuem Augenaufschlag nach dem Inhalt des Buches. Er ist bemüht, keine Pause im Gespräch entstehen zu lassen.
    Marga sieht ihn zweifelnd an, entscheidet sie sich, mit ihm zu spielen. Sie erzählt mit kurzen Sätzen den Inhalt von "Homo Faber". Wie sie erwartet hat, hat der Soldat nicht die geringste Ahnung von Literatur. Der Roman von Frisch scheint ihm nicht einmal als Schullektüre begegnet zu sein. Doch der Soldat hört ihr nicht aufmerksam zu. Er ist während ihrer Erläuterungen damit beschäftigt, ein Thema zu finden, das den Gesprächsfaden fortspinnt. Marga verstummt viel zu früh. Alles, was ihm auf die Schnelle einfällt, ist ein enttäuschendes:
    "Wie heißt du eigentlich?"
    Marga nennt ihren Namen und lehnt sich zurück gegen die großflächig mit Werbung beklebte Plexiglaswand hinter ihr. Der Blick des Soldaten wandert zu ihren Brüsten, die sie auf diese Weise in den Vordergrund gebracht hat. Er vergisst, sich vorzustellen.
    "Und was machst du so?" fragt er statt dessen leise.
    Marga bedauert jetzt, sich auf ein Gespräch mit ihm eingelassen zu haben. Die plumpe Art des Soldaten langweilt sie. Sie setzt sich wieder gerade; sie findet, er habe nun genug gesehen. Der Soldat, der ihre Bewegungen gierig betrachtet, bemerkt den Umschwung ihrer Laune nicht, vielleicht wird ihm auch nur die Zeit knapp, auf jeden Fall hält er den Moment für einen Vorstoß geeignet.
    "Du bist nett. Wie sieht es aus? Gehen wir zusammen einen Kaffee trinken? Ich lade dich ein."
    Marga lacht. Die dreiste Unbeholfenheit amüsiert sie. Der Soldat entscheidet sich, Margas Lachen als Zustimmung zu nehmen. Durch seine militärische Ausbildung geprägt, glaubt er, ein weiterer Angriff sei die beste Form, das Gespräch fortzuführen. Er berührt das Mädchen am Arm.
    "Also! Alles klar, wohin gehen wir? Kennst du ein Lokal?"
    Damit hat er tatsächlich den Ton gefunden, der ihn für Marga interessant macht. Ohne es zu ahnen, hat er sie durch sein forsches Vorgehen halb überredet. Noch ziert sie sich, denn sie hat Gefallen an dem Spiel. Also rückt sie etwas von ihm ab und entgegnet, ihr letzter Bus fahre in wenigen Minuten.
    Dadurch deutet sie dem Soldaten seinen nahen Sieg an. Er bemüht sich, ihr Argument schnell vom Tisch zu bringen. Er könne sie später heimfahren, bevor er in die Kaserne müsse, ein kleiner Umweg spiele keine Rolle. Jetzt versteht Marga seine Eile und viel von der entstandenen Bewunderung für seine Art verliert sich wieder. Doch Marga ist längst entschlossen, mit ihm zu gehen.
    Was sie sich davon erhofft, weiß sie im Moment nicht, aber ihre Hoffnung wird enttäuscht werden.

    (5.) Der Soldat, dem Marga mühsam abgerungen hat, ihr seinen Namen zu verschweigen, fährt sie in seinem kleinen Auto pflichtbewusst und pünktlich vor Zapfenstreich nach Hause.
    Marga hat vergeblich versucht, ihn zu überreden, ins Auto zu steigen und die Nacht in München zu verbringen, also mit ihr ein für sie echtes Abenteuer zu unternehmen. Sie wäre dafür bereit, mit ihm zu schlafen. Das hat sie durchblicken lassen. Der Soldat geht aber nicht auf ihre Vorschläge ein, wischt ihre Argumente beiseite, die er für die Laune eines Augenblicks hält. Er scheint den Abend genau geplant zu haben, möglicherweise wartet er seit Wochen auf diese Gelegenheit. Er will ein wenig verliebt tun, schmeichelnde Worte flüstern, ihre Hand halten, vielleicht ein paar vielversprechende Küsse wechseln, im übrigen aber die ganze Angelegenheit auf sein freies Wochenende verschieben, an dem er, wie er ihr weiszumachen versucht, für jede abwegige Untat bereit sei.
    Marga hat kein Interesse, ein Wochenende mit dem Soldaten zu verbringen, ihn überhaupt wiederzusehen. Sie weiß, was er von ihr will. Es langweilt sie ebenso wie seine Annäherungsversuche, bei denen sie im Verlauf des Abends Mühe bekommt, ihn auf Abstand zu halten. Dann erschrickt er durch einen Blick auf seine Uhr und drängt darauf, sie nach Hause zu fahren.
    Seine Pünktlichkeit enttäuscht Marga am meisten.
    Erfährt das Mädchen den abgeschiedenen Weg durch den Wald zur Pension hinauf. Beide schweigen. Der Soldat scheint mit sich zu ringen. Schließlich bremst auf halber Strecke, fährt an die Seite und befasst sich plump mit Margas Körper. Marga will kein Spielverderber sein. Sie weiß, es wird nicht lange dauern. Sie läßt sich seine ungeschickten, sie gleichgültig lassenden Berührungen passiv und abgelenkt gefallen, ohne sie zu erwidern. Sie stellt dabei für sich Vergleiche mit Wetzlar und dessen zielstrebiger Begierde an. Schließlich läßt sie sich doch eine Zustimmung zu einer erneuten Verabredung abringen, sie denkt allerdings nicht daran, sie einzuhalten.
    Marga ist froh, als der Soldat schwer atmend von ihren Brüsten ablässt und sie den Rest des Weges emporfährt. Nachdem sie ausgestiegen ist und über die Terrasse zum Haus geht, sieht sie dem Auto nicht hinterher.
    Ihre Mutter hat am Fenster stehend ungeduldig und, wie sie behaupten wird, voller Sorge auf die verspätete Tochter gewartet. Ihr sind weder die Ankunft noch der flüchtige Abschiedskuss entgangen. Marga, deren Sinn nur mehr danach steht, schnell in ihr Bett zu kommen, steht eine ausgedehnte und lautstarke Gardinenpredigt bevor. Diese gipfelt, durch die lethargische Ruhe der Tochter provoziert, in einer unglücklichen Ohrfeige, die Marga nicht aus der Fassung bringen kann. Sie reibt sich stumm die Backe. Der Schmerz treibt ihr Tränen in die Augen. Das ärgert sie. Auch die Mutter weint, doch ihre Gründe sind andere. Sie fürchtet, die Tochter entgleite ihr und verwahrlose durch ihren Umgang mehr und mehr.
    Es ist das Los der Eltern: Ihre Sorge kommt stets zu spät. Die Dinge, die sie verhindern wollen, geschehen von ihnen unbemerkt unter ihren Augen.
    Plötzlich steht der Vater in der Tür, barfuß, nur mit dem Schlafanzug bekleidet, er blinzelt müde. Er war längst im Bett, als ihn der Streit geweckt hat, den er nun kraftlos zu schlichten versucht. Ob es am Zorn seiner Frau oder seinem lächerlichen Aufzug liegen mag, es gelingt ihm nicht. Zur Erleichterung von Marga wendet sich die Wut der Mutter nun zu ihm. Sie wirft ihrem Mann vor, faul im Bett zu liegen, während sie auf die missratene Tochter warten und Gästehandtücher bügeln müsse. Er antwortet gereizt und laut. Marga gelingt ein heimlicher Abgang. Die keifende Stimme der Mutter begleitet sie die Treppe hinauf. Das Mädchen muss schmunzeln. Sicher sind einige der Gäste wachgeworden und lauschen. Die Mutter würde sofort verstummen, wenn sie wüsste, wie deutlich sie im oberen Stockwerk zu hören ist.
    Marga vermutet, dass auch der schmierige, ältere Mann wach in seinem Bett liegt und ihn der zornige Streit erregt. Sie lauscht kurz vor seiner Tür, doch sie wird enttäuscht. Kein Geräusch dringt nach außen.
    Nachdem Marga ihre Zimmertür hinter sich geschlossen hat, ist ihre gute Laune so plötzlich verflogen wie sie gekommen ist. Das Mädchen sieht sich nach einem Gegenstand um, den sie kaputt machen kann. Sie schleudert achtlos ihre Schultasche in eine Ecke und entscheidet sich zur Selbstzüchtigung:
    Sie schlägt mit der Stirn einmal fest gegen den Türstock. Dadurch geht es ihr nicht besser und die hämmernden Schmerzen lassen sie sofort ihre Tat bereuen.
    Den Streit ihrer Eltern hört sie weiterhin, sie kann durch die geschlossene Tür nicht mehr die einzelnen Worte, aber die Stimmen und Stimmungen unterscheiden. Ihr ist, als würde sie einem Hörspiel von Jandl lauschen.
    Gleichzeitig fühlt sie zu den Eltern einen endlosen Abstand, wie heute zu allen Menschen, denen sie begegnet ist, zuletzt zu iesem Soldaten. Immer wieder hegte sie heute die Hoffnung, sich ihnen nähern zu können und sie wurde ein ums andere Mal enttäuscht. Wahrscheinlich hat sie zu viel von den Menschen in ihrem Umfeld erwartet, doch niemand hat sich im Ernst bemüht, ihr zuzuhören; alle waren nur mit sich selbst beschäftigt.
    Als Marga mit ihren trübsinnigen Überlegungen bis zu diesem Punkt gekommen ist, gibt es an ihrer Tür ein Geräusch. Es ist ein Schaben wie die Pfote eines Hundes kratzt, schüchtern, kaum hörbar. Im ersten Moment denkt Marga an den älteren Mann, der sich dazu durchgerungen hat, sie aufzusuchen.Angewidert verwirft sie die Vorstellung. Es würde ihm mit Sicherheit der Mut fehlen. So entscheidet sie erst einmal, das Kratzen an ihrer Tür zu ignorieren, doch diese öffnet sich zaghaft. Bettina, an die sie sofort hätte denken können, kommt leise herein. Die Schwester trägt ein Nachthemd, macht aber einen wachen und aufmerksamen Eindruck.
    "Störe ich?" fragt sie flüsternd, dann, als sie ihrer Schwester ins Gesicht sieht, fährt sie erschrocken fort:
    "Du blutest."
    Überrascht fasst sich Marga an die Stelle an ihrer Stirn, die Bettina im Blick hat, um wegen dem plötzlich aufflackernden Schmerz sofort mit der Hand zurückzuzucken. Kein Blut ist an ihren Fingern. Sie wendet sich zum Spiegel, während Bettina nach ihrem ersten Schreck ruhiger fragt, wie das geschehen sei und ob sie ihr ein Pflaster holen solle. Marga schüttelt den Kopf. Es ist ein kleiner, unscheinbarer Riss in ihrer Haut, knapp über der rechten Augenbraue. Sie kann ihn sich nur durch ihre Begegnung mit dem Türstock zugezogen haben. Das war nichts Beunruhigendes, in ein paar Tagen würde nicht einmal mehr der Schorf zu sehen sein. Marga befeuchtet ihren Mittelfinger mit der Zunge und wischt ungeachtet des Schmerzes über die kleine Schramme.
    "Du solltest die Wunde auswaschen. Da kann sich etwas entzünden", schlägt Bettina beflissen vor. Über den Spiegel kreuzen sich die Blicke der beiden. Bettina scheint von der unscheinbaren Verwundung fasziniert, wie sie sich mit jeder Art von Krankheit aufmerksam beschäftigt und ihre eigenen wie etwas Wertvolles hütet. Neben Nahrungsaufnahme scheinen Verwundungen und Krankheiten ihr Lieblingsgesprächsthema zu sein.
    Bettina plappert, bis Marga sie unterbricht und fragt, was sie mitten in der Nacht von ihr wolle. Sie sei müde. Kurz ist es still zwischen den beiden Schwestern. Marga fällt dadurch auf, dass die Eltern unten in der Küche aufgehört haben, sich zu streiten oder zumindest ihren Disput leiser gestalten.
    "Ich dachte, du willst vielleicht mit mir reden", sagt Bettina so zögernd, wie sie an die Tür gepocht hat.
    Dieses Angebot erstaunt Marga und macht sie verlegen. Zuerst will sie glauben, sie habe nicht recht gehört und fragt nach. Doch die Schwester meint ihre Worte so, wie Marga sie verstanden hat.
    "Du brauchst dringend jemanden, mit dem du reden kannst. Ich hatte den Eindruck... Ich habe auf dich gewartet, um dir ein Gespräch anzubieten", sagt Bettina.
    Ihre Stimme klingt tief und ernst wie selten. Hätte sie sich einfacher ausgedrückt, hätten die Sätze nicht so ergriffen mitleidig und voller erwachsenem Verständnis geklungen, wäre wahrscheinlich alles gut verlaufen.
    So wirkt ihre Absicht allerdings lächerlich. Marga kann ein bitteres Auflachen nicht unterdrücken. Kaum kann etwas geben, das Bettina im Moment mehr beleidigt wie diese Reaktion. Das ist Marga bewusst. Sie hat auch ein schlechtes Gewissen. Aber ist es nicht bösartige Ironie? Ein Tag voller vergeblicher Suche nach Verständigung und Aussprache ausgerechnet endet damit, dass ihre dumme, kleine Schwester ihr mit pathetischen Worten anbietet, was sie vermisst. Sie sollte Bettina deshalb nicht kränken, aber ein ernsthaftes Gespräch zwischen ihnen ist unmöglich, da zuviel zwischen den beiden steht. Marga sollte versuchen, ihrer Schwester das begreiflich zu machen, aber dazu ist es zu spät. Durch Margas Lachen tief gekränkt, wendet sich Bettina wortlos ab und geht zur Tür. Während sie sie öffnet, kommt ihr in den Sinn, sich einen besseren Abgang zu verschaffen.
    "Sei freundlicher zu mir, ich weiß mehr, als du denkst", sagt sie dunkel, ohne Marga anzusehen. Damit geht sie hinaus. Als Marga die Bedeutung der versteckten Drohung bewusst wird, wirft sie der Schwester ein Schimpfwort hinterher, das sein Ziel nicht mehr erreicht.
    Dann steht Marga entschlusslos in der Mitte ihres Zimmers, starrt sich durch den Schrankspiegel in die Augen. Sie steht sehr lange so, völlig bewegungslos, denn sie ist der Vorstellung verfallen, ihre nächste Bewegung würde von ihrem Spiegelbild nicht nachvollzogen.
    Schließlich wendet sie sich ab und zieht sich abwesend aus. Ihre Bluse stinkt unangenehm nach Schweiß. Sie fragt sich, ob das jemand von den anderen bemerkt und es ihr rücksichtsvoll verschwiegen hat. Unter Umständen war dieser ekle Schweißgestank der Grund dafür, dass ihre Begegnungen heute so flüchtig waren.
    Der Gedanke erheitert sie. Sie legt sich ohne sich zu waschen nackt ins Bett. Zum Lesen ist sie zu müde. Sie löscht das Licht und erforscht im Dunkeln mit den Händen den gewölbten Bauch; ist zärtlich zu sich und dem Namenlosen in ihr. Sie will sich dabei ihre Schwangerschaft bewusst machen, aber es gelingt ihr nicht ganz. Die Vorstellung, in absehbarer Zeit ein Kind zu haben, ist ihr fremd und erschreckt sie. Trotzdem schläft Marga schnell ein.
    Ich gebe ihr Träume.

    (...wird fortgesetzt)


    ------------------
    hks
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  12. #12
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    Post Stromausfall - Schluß

    Auch wenn es diesmal wirklich niemanden zu interessieren scheint, bringe ich nun die Geschichte zum Ende.
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    C: Die Lösung des Geflechts

    Marga liegt halb entkleidet auf dem hellen Laken ihres Bettes, die Decke hat sie mit den Füßen nach unten geschoben. Sie versucht, zu schlafen oder zumindest mit geschlossenen Augen auszuruhen, bis ihr der Abend Kühlung verschafft. Sie hat das Radio eingeschaltet und einen Sender gewählt, der ausschließlich Musik bringt. Die amorphe Berieselung gibt ihr nicht die erhoffte Entspannung, denn die Hitze des Tages wird in dem Zimmer trotz der herabgelassenen Jalousien nicht gemildert. Es ist drückend schwül in dem kleinen Raum. Vergebens sucht Marga nach Schlaf. Ihr Gehirn ist in fast krankhafter Unruhe. Auf dem Boden vor dem Bett hat sie die rosafarbenen Pillen, die sie bei der Hinrich mitgenommen hat, verstreut, sie bilden im Kontrast mit dem beigen Teppich ein reizvolles Muster. Eine der Tabletten hat sie zerkaut, sie schmeckte widerlich süß.
    Margas letzter Schultag ist vorüber, die Frist abgelaufen. Nun hat sich vieles zu ändern, auch wenn sie nicht weiß, wie und wann. Noch gestern Nacht ist ihr dieser Augenblick, in dem die trügerische Sicherheit endet, entfernt erschienen. Selbst als sie am Morgen nach dem Kirchgang, vor dem sie sich nicht hatte drücken können, das Zeugnis erhielt und sich anschließend eilig von Hanna verabschiedete, als sie dann im Bus heimfuhr, der wegen gestern beleidigten Mutter das zufriedenstellende Zeugnis mit den Glanznoten in Deutsch und Mathematik zeigte, konnte sie sich nicht vorstellen, dass sie sich in diesem Moment an der Matratze festklammern muss, weil sie das Gefühl hat, nach links ins Leere zu kippen, wenn sie los lässt. Dort am Bettrand lauert ein bodenloser Abgrund auf sie. Noch hat Marga Galgenfrist, einige Tage sind es sicher, die ihr bleiben, bis die Eltern etwas merken, vielleicht sogar zwei Wochen, aber die Zeit, in der sie sich sicher fühlte, geborgen in ihrem Schulalltag, sie ist wie Sand zwischen ihren Fingern zerronnen. Dieser von ihr willkürlich gewählte Tag ist ein Symbol für ihr Versagen.
    Nun wird es Marga zu eng in ihrem Zimmer. Sie braucht Hilfe und weiß, wen sie darum angehen will. Auch wenn sie beim Aufstehen keinen Grund unter den Füßen fasst, nur ein ungewöhnliches, schmerzendes Durchsacken in den Knien spürt, nicht aber den Teppich, überwindet sie die Furcht. Sie zieht eine Jeans über, die ihr zu eng ist. Deshalb müssen der halbe Reißverschluss und der oberste Knopf offenstehen; sie verbirgt das unter einem weiten, langen T-Shirt.
    Dann nimmt Marga das Buch von Batailles an sich, das sie Schorsch zeigen will. Der schmale Band ist in ihren Gedanken mit den unter ihren Füßen knirschenden Pillen eine seltsame Verbindung eingegangen.
    Als sie aus dem Zimmer tritt, lässt sie absichtlich das Radio laufen. Sie tut das für ihre Mutter, die später den Raum kontrollieren und das Gerät mit Genugtuung ausschalten würde.
    Der Hausgang ist still und leer, es herrscht die abgestandene, schlafwandlerische helle Ruhe, die ein heißer Sommertag in einem Gebäude schafft. Die Gäste sind alle ausgeflogen. Es gefällt Marga, durch das Haus zu streifen und dabei sicher zu sein, niemandem begegnen zu müssen. Sie hat für solche Momente die erfreuliche Vision, sie wäre allein auf der Welt.
    Marga tritt hinaus ins Sonnenlicht. Sofort überfällt sie eine Hitze, die sie nach Atem ringen lässt. Sie sieht blinzelnd hinauf zum Himmel über dem Haus. Sie bedauert, ihre Sonnenbrille oben gelassen zu haben. Wenige Federwolken stehen zerfasernd über dem Bergrücken. Die Mutter und Bettina sitzen im Schatten eines Baumes auf der Terrasse und halten die Augen geschlossen. Als Marga vorsichtig nähertritt, öffnet die Mutter ihre Lider, doch der Blick ist abgelenkt und träumerisch. Sie hat geschlafen, den seltenen Augenblick Ruhe nutzend.
    Marga wirft ihr zu, sie wolle hinab ins Dorf zum Eisessen und wendet sich schnell ab, bevor Bettina auf den Einfall kommt, sie begleiten zu wollen. Die Mutter ruft ihr nach, sie solle nicht lange trödeln, da ein Gewitter in der Luft hänge. Marga zuckt zur Antwort ungläubig die Schultern und wird von Mir mit einer vagen Idee konfrontiert, die sie aber sofort wieder verliert.
    Marga hat die Mutter gewohnheitsmäßig und grundlos angelogen. Sie hat nicht vor, zum Eisessen zu gehen. Ihr Ziel ist es, Schorsch zu treffen, nach dessen Nähe sie Sehnsucht hat. Er ist die geeignete und einzige Person, die sie von der Leere in ihr ablenken kann. Sie will Schorsch nicht von der Schwangerschaft erzählen, sie hat gestern die Sinnlosigkeit dieses Versuchs gelernt.
    Marga sehnt sich danach, seine Nöte zu erfahren. Das würde sie ablenken. Sie weiß, wie ernst Schorsch seine Friedensliebe nimmt und wie gern er es hat, wenn sie ihm zuhört, aber sie kann ihn nicht ernst nehmen, neckt ihn und bringt ihn absichtlich in eine beleidigte Rage, die ihn ihren Augen liebenswert macht. Solch ein Disput schwebt ihr vor, als sie den Fußweg hinab ins Dorf geht.
    Die drückende Hitze macht ihren Schritt träge. Sie fühlt erneut allein, in ihrer Welt ohne Menschen. Sie spürt den aufgeheizten Kies durch die dünnen Stoffschuhe und das stechende Brennen der in ihrem Rücken stehenden Sonne im Genick. Schnell hat sie Schweißflecken auf dem T-Shirt. Einige lästige Fliegen entdecken sie und umschwirren sie ausdauernd und ungeschickt. Ab und an muss sie eine von ihrem Gesicht oder den Armen verscheuchen. Vielleicht hat die Mutter recht und es kommt tatsächlich ein Wetter.
    Nach zwanzig Minuten erreicht Marga das Dorf, gerade als das Glockenspiel des Kirchturms vier Uhr läutet. Der Ort ist wie ausgestorben. Nur vor den beiden Cafes sitzen Touristen und etwas abseits wenige Einheimische unter Sonnenschirmen. Eine ältere Frau mit schweren Einkaufstaschen in den Händen kommt Marga entgegen. Aus nahen Häusern schallen die eintönige Erkennungsmelodie und der Konservenapplaus einer Fernsehshow auf die Straße. So stark wie nie bedrückt Marga die desolate Abgeschiedenheit des Dorfes. Sie sucht eilig den Laden des Schnitzers auf, der wegen seinen mannshohen Brunnenfiguren und einen hässlichen Christopherus auf dem Bürgersteig nicht zu verfehlen ist.
    Sie geht nicht in den Laden, sondern nach hinten durch den Hof zur Werkstatt, in der Schorsch und der Geselle arbeiten. Der Meister ist nicht zu sehen. Der Geselle, ein unsympathischer, hagerer und narbiger Mann, dessen kantiges Gesicht ähnlichkeit mit dem der Figur, an der er arbeitet, hat, lächelt ihr abgelenkt zu und deutet mit dem Kopf zur Seite, wo Schorsch unter einer Werkbank Holzstaub zusammenfegt.
    Als Schorsch seine Freundin bemerkt, zuckt er ertappt zusammen. Es scheint ihm peinlich zu ein, bei dieser Arbeit von ihr überrascht zu werden. Er stellt ungeschickt den Besen beiseite und umarmt Marga, gibt ihr einen flüchtigen, zögernden Kuss auf den Mund, der sie verärgert. Seine verlegene, schüchterne Geste reizt sie, ihn, als er zurückweichen will, mit der Hand an den Haaren zu pakken, ihn heranzuziehen und seinen Kuss zu erwidern. Sie wagt, leicht ihre Zungenspitze zwischen seine geschlossenen Lippen zu schieben und bemerkt zufrieden ein Erschaudern bei Schorsch. Marga presst sich eng an ihn und es hilft ihr für einen Moment. Der Geselle pfeift in ihrem Rücken anzüglich und Schorsch trennt sich eilig von ihr. Sie sind beide verwirrt, wissen nicht, was sie sagen oder tun sollen. Schließlich fällt Marga ein, was sie von ihrem Freund will.
    "Kannst du nicht eine Stunde früher gehen?" fragt sie. "Ich möchte mit dir reden."
    Schorsch zögert überrascht.
    "Ich muss mit dir reden", verbessert Marga sich. Schorsch zieht einen Mundwinkel nach oben.
    "Können wir nicht hier...? Ich meine..."
    "Sei nicht dumm", fällt sie ihm ins Wort, "du wirst doch einmal früher heimgehen können. Schließlich bleibst du oft genug länger da."
    Schorsch sieht hilfesuchend zu dem Gesellen, der sich wieder um seine Devotalie kümmert, aber aufmerksam lauscht.
    "Das kann nur der Meister entscheiden, aber der ist heute nicht da. Außerdem muss ich noch die Werkstatt aufräumen, das dauert mindestens noch eine halbe Stunde. Kannst du nicht warten, bis ich fertig bin?"
    Marga ist es leid, die Dringlichkeit ihrer Anliegen vorzutragen. Wenn ihrem Freund an ihr liegt, muss er sie doch spüren. Sie sieht Schorsch vorwurfsvoll an. Er windet sich, aber sein Pflichtgefühl ist dabei, den Sieg davonzutragen.
    "Nur eine Stunde, dann gehen wir zusammen einen Kaffee trinken, ja? Was ist schon eine Stunde?"
    Er nickt, um Marga zu überreden, doch sie bleibt beharrlich vor ihm stehen, mit stummem Vorwurf in den Augen. Schorsch sucht erneut den Blickkontakt des Gesellen, der ihn mit einem einzigen Satz von seiner Gewissensnot erlösen könnte. Doch der schweigt, genießt die Zwickmühle, in die der Lehrjunge geraten ist. Er tut unbeteiligt, bläst ein paar Späne aus dem Antlitz des Apostels, das dem seinen immer ähnlicher wird. Damit ist die Frage entschieden. Schorsch sagt:
    "Also, in einer Stunde beim Italiener. Was ist das eigentlich für ein Buch in deiner Hand?"
    Er wendet sich ohne auf Antwort zu warten ab und greift den Besen, lässt Marga allein in der Werkstatt stehen.
    Erst nach ein paar Augenblicken wird ihr bewusst, dass sie verloren hat. Es ist ihr kaum fassbar. Ihr Selbstmitleid ist grenzenlos. Sie packt das lästig gewordene Buch fester und zögernd verlässt sie den Raum. Sie spürt die Blicke der beiden Männer in ihrem Rücken..
    Marga steht draußen im Hof. Ihr kommen beinahe Tränen, aber diese Blöße will sie sich nicht geben. Ein vereinzelter, verirrter Windstoß, dessen plötzliche Kälte sie frösteln macht, wirbelt Holzstaub auf und in ihre durch den empor gerissenen Arm unzulänglich geschützten Augen. Sie wendet sich hustend um, mit dem Rücken zur Böe und stolpert in die Arme von Schorsch, der ihr mit schlechtem Gewissen nach draußen gefolgt ist. Erleichtert lehnt sie sich gegen ihn und für einen Moment ist alles gut. Sie braucht sich ihrer durch den Staub tränenden Augen nicht zu schämen und kann sich so schwach zeigen, wie sie ist. Sie liebt Schorsch. Dieses Gefühl alle kann Sorgen aufwiegen. Ihr Freund wird ihr nun helfen.
    Schorsch umarmt Marga fester und redet ihr leise und beruhigend zu. Das tut ihr wohl. Schließlich sagt sie zärtlich, sich von ihm lösend:
    "Lass uns zu dir gehen."
    Sie will es nicht wahrhaben, als er die Augen senkt. Was geschieht mit ihr? Schorsch bringt tonlos die alten Argumente hervor, bittet sie erneut um eine Stunde.
    "Ich sehe ja, dass etwas nicht in Ordnung ist, aber du musst warten, bis ich meine Arbeit gemacht habe, es geht nicht anders. Ich komme dann nach ins Cafe." Marga möchte ihm heftig widersprechen, da fügt er hinzu:
    "Hast du ein schlechtes Zeugnis bekommen? Ist es das?"
    Sie will ihn nicht richtig verstanden haben, dann hat sie das kaum bezwingbare Bedürfnis, ihm ins selbstzufriedene Gesicht zu schlagen. Ihr ist unbegreiflich, wie sie gerade noch Zuneigung, Liebe zu diesem Menschen empfinden konnte, einem Menschen, der weit von ihr entfernt ist. Sie sieht einen Fremden. Ihr ist kalt.
    Marga wendet sich stumm ab und geht. Vor einem erneuten Windstoß rettet sie sich in den Hofdurchgang. Dort sieht sie zurück, aber Schorsch ist schon in die Werkstatt gegangen. Ihr Blick fällt auf einige Holzblöcke und herumliegende Werkzeuge, Stechbeitel, Klöppel, Sägen. Aus Bereichen ihres Gedächtnisses, die ihr fremd sind, kommt ihr eine Gedankenverbindung. Sie steht vor ihr und wird beherrschend. Sie hatte den Gedanken heute schon einmal, aber jetzt kontrolliert er sie.
    Endlich, als Marga sich herabbeugt und eine handliche, aber schwere Säge an sich nimmt, ist sie Meine kleine Puppe. Erstmals fährt sie aus, was Ich will, sind wir Eins.
    Später, vergeblich auf der eiligen Flucht vor dem Regen nach Haus, als bereits in der Ferne über dem Flachland ein dunkles, spürbar nahendes Wetterband droht, betrachtet Marga die Säge, die zu tragen ihr mit jedem Schritt schwerer wird, ohne Verständnis, sie sieht den Grund nicht mehr, aus dem sie sie genommen hat.
    Deshalb schenke Ich ihr die erheiternde Vorstellung von Kleptomanie: Jeder Tag hat einen kleinen Diebstahl: ein Buch, Tabletten, heute ist es eine Säge, warum nicht? Marga ist nicht bewusst, was Ich mit dem Werkzeug vorhabe, wie schlau Ich vorsorge.
    Dieser von Marga nicht ergründbare Impuls veranlasst sie, das zur Last werdende Werkzeug weiter in der Hand zu behalten und es nicht zur Seite in die Felder zu werfen.
    Marga hat das Dorf hinter sich gelassen. Der nun stark aufkommende Wind hat einen empfindlichen Temperatursturz bewirkt, der sie in dem dünnen, dazu verschwitzten T-Shirt frieren lässt. Sie ist froh, als sie den Fahrweg hinauf zur Pension erreicht und sie beginnt, damit ihr wärmer wird, zu rennen, das nahende Gewitter, mit dem sie nun einen Wettlauf austrägt, im Rücken.
    Bald nimmt ihr die Steigung den Atem. Sie verharrt keuchend an einer Kehre unterhalb der Stelle, an der ihr gestern Abend ein Soldat seine Männlichkeit beweisen wollte. Sie spürt erstmals Tropfen auf der Haut und bedauert, dass sie nicht den Einfalt hatte, in einem Cafe im Dorf in ihrem Buch lesend auszuharren, bis das Wetter vorübergezogen ist. Dann hätte sie allerdings Schorsch nach seiner Stunde gefunden und das wollte sie eben vermeiden.
    Sie sieht resigniert nach oben. Sie hat den Lauf verloren, längst haben schwere Wolkenmassen den Himmel erobert, sie hängen tief über den Bäumen, scheinen sie zu streifen. Der erste Donner lässt Marga zusammenfahren, den vorausgegangenen Blitz hat sie nicht gesehen. Während sie entschlusslos steht, wird aus dem Tröpfeln ein leichter Regen, der auf dem aufgeheizten Beton der Straße zum Dampfen kommt. Marga hört ein Auto, das sich vom Tal her nähert. Dankbar sieht sie zurück. Als der Wagen in ihren Blick kommt, erkennt sie ihn:
    Er gehört jenem älteren Mann, der sie gestern früh halb nackt gesehen hatte. Voller Hoffnung, nun doch dem Regenguss entkommen zu können, stellt sie sich auffällig in die Kurve, damit er sie sieht und mitnehmen kann. Sie ist sicher, er würde sich während der kurzen Fahrt einwandfrei benehmen, sie nur ab und an verstohlen mustern, was ihr nicht weiter unangenehm wäre.
    Der Mann hat sie gesehen. Sein Wagen wird langsamer, dann geschieht Ungeheuerliches: Er denkt nicht daran, zu halten, er hat nur abgebremst, um die Kurve sicherer zu nehmen. Marga macht ein schwaches Handzeichen. Die Augen des Mannes sind, das Mädchen anstarrend, weit aufgerissen. Dann grinst er und gibt Gas. Bald kommt das Auto an der nächsten Kehre aus Margas Blickfeld und sein Geräusch wird vom Wald geschluckt.
    Sie verharrt fassungslos auf der Stelle, aber das nützt ihr nichts. Dann flieht sie vor dem stark einsetzenden Regen unter eine Tanne, die ihr unzureichend Schutz gewährt. Innerhalb weniger Minuten ist sie bis auf die Haut nass und sie beginnt zitternd zu frieren. Das liegt weniger an der kalt an ihrem Körper klebenden Kleidung und den nassen, strähnigen Haaren, die bei jeder Bewegung ins Gesicht klatschen, sondern an der Erkenntnis, wie einsam sie ist. Sie frisst sich wie eine entstellende Seuche in Margas Gemüt.
    Hat sie ihre Beziehungen zu Eltern und Freunden bislang als ein sicheres Netz betrachtet, das ihr Rückhalt gibt und in das sie in Situationen wie dieser zurückfallen kann, muss sie nun einsehen, wie sehr sie sich getäuscht hat. Sie hat diesen Gedanken nicht zum ersten Mal, aber immer wieder zur Seite gedrängt, mehr mit ihm kokettiert, als ihn ernst zu nehmen. Sie hat sich sogar vorstellen können, die Einsamkeit könne ihr gefallen. Sie wäre der Weg, erwachsen zu werden. Es war eine billige Lüge, wie sie, vom Regen durchnässt und vom nahen Wetterleuchten erschreckt, bemerkt. Sie wünscht sich, ungeschehen zu machen und Schutz bei einem Menschen zu finden, der sie liebt.
    Keiner ist da. Sie lässt Buch und Säge fallen. Ihre Arme umschlingen ihren Körper.
    Da, spürt sie denn nicht das plötzliche, ungewohnte Pochen in ihrem Unterleib, den leichten, nach außen und vorne drängenden Druck? Natürlich spürt sie ihn, hält ihn abgelenkt, obwohl er eine deutliche Spur anders ist, für Bewegung des Darms. Ich muss sie erreichen, dieser Moment darf nicht unbemerkt verstreichen. Sie kann nicht so dumm sein, sie muss in sich horchen.
    Es wiederholt sich!
    Jetzt legt sie endlich eine forschende Hand auf ihren Bauch. Es ist das Kind, das sie trägt, zum erstenmal spürt sie es. Es bewegt sich. Sie ist nicht einsam. Ihr Kind ist bei ihr.
    Sie verharrt in sich forschend unter der Tanne, bis der Gewitterschauer nachlässt. Sie steht eine Viertelstunde, vielleicht länger. Ich habe keinen Sinn für Zeit. Sie lauscht nach innen, ist bereit, mich zu hören, die Bindung ist bruchstückhaft, aber für den Moment genügt sie. Als nur mehr leichter Niesel niedergeht, es unter dem tropfenden Baum feuchter als auf dem Weg ist, zieht Marga die vollgesogenen Stoffschuhe aus und wirft sie in den Straßengraben. Sie nimmt das nasse Buch und die Säge wieder auf, jedes in eine Hand, dann geht sie zögernd weiter, denn sie muss sich erst an das ungewohnte Laufen ohne Schuhe gewöhnen.
    Ihr Ziel ist nicht mehr die Pension der Eltern. Sie wendet sich vom Weg ab, läuft durch den Wald, den Berghang empor. Das ist mühsam. Sie kommt wieder außer Atem, häufig rutscht sie auf dem nachgiebigen, schlammigen Boden aus, durch die Gegenstände in ihren Händen behindert.
    Einen muss sie jetzt zurücklassen. Ich lasse ihr die Wahl. Doch sie ist Mein gutes Mädchen. Sie entscheidet sich gegen das Buch und schleudert es den Hang hinab. Sie ist Mein gutes Mädchen, denn das Buch war gleich den Tabletten kein Weg, das waren Chimären, die sie vom Ziel abgelenkt haben. Sie sieht dem Buch bedauernd nach, aber das ist es nicht wert. Es bedeutet nichts.
    Erleichtert steigt Marga weiter. Es gibt noch einen Moment der Unsicherheit, als eine Laune des Waldes einen Blick auf die ein Stück unter ihr liegende Pension freigibt. Noch immer verbindet sie damit Heimat, ein unbestimmtes, aber drängendes Gefühl. Sie verharrt zweifelnd, doch die Säge in ihrer Hand gibt die Entscheidung. Sie wendet sich ab.
    Der Aufstieg wird immer beschwerlicher; der Wanderweg, auf den sie gestoßen ist, ist vom Regen aufgeschwemmt. Doch sie geht ihn unbeirrt. Als sie Höhe gewonnen hat, findet sie aus dem lichten Wald in einen niederen Latschenbewuchs. Der Boden wird karg und besser gangbar, obwohl der Fels, der hier die dünne Humusschicht häufig durchbricht, unter ihren klammen Füßen schmerzt.
    Der Blick, den sie ins Tal hat, wäre atemberaubend, wenn sie ihn auf sich wirken lassen würde. Über dem Karschnitt hängt das bleifarbene Wetter. Ein schmaler Streifen buttergelber Abendbrand hat den Durchbruch geschafft. Dampfschwaden steigen die Hügel empor. Doch sie sieht kaum hin, denn sie hat ihr Ziel vor Augen. Es ist ihr wichtiger als der farbenfrohe Weltuntergang im Tal:
    Mit einem erstickenden Stich in der Herzgegend hat sie die von verwitterten Holzstangen getragene Stromleitung entdeckt. Es ist eine Abzweigung der Überlandleitung, die die Energie zur Pension der Eltern führt. Marga nimmt die Säge fester und geht entschlossen auf den nächsten Mast zu.
    Ich bin nahe bei ihr, wir sind Eins und ihr wird bewusst, was sie vorhat.
    Obwohl ihr Puls schneller geht und ihr Magen erregt in Unruhe gerät, freut sie sich auf ihr Unterfangen, weil es schwierig und weil es gefährlich ist. Sie erreicht den in einem Betonsockel ruhenden Mast, sucht zuerst nach Atem und berührt ihn dabei zärtlich. Er riecht schwach nach Holzschutzfarbe. Die Oberfläche ist rauh, gesplittert und in tiefen Rissen geplatzt, verletzt wie sie selbst.
    Irgendwoher, aus einem Teil ihrer selbst, der selbst Mir fremd ist, erscheint die unsinnige Anwandlung, den Mast fordernd zu umarmen, mit der Zunge über das Holz zu lecken. Sie achtet nicht darauf, sondern sucht nur einen günstigen Ansatzpunkt für die Säge. Sie beginnt den ersten Teil meines Planes.
    Margas Ziel ist es, den untertassenbreiten Mast zu kappen.
    Bei ihrem ungeschickten Bemühen mit der Handsäge, die sich immer wieder im Holz verkantet, ist es bald um ihren wiedergefundenen Atem geschehen. Sie beginnt zu schwitzen, was ihr in der nassen Kleidung nicht unangenehm ist. Sie ist fest entschlossen, ihr Werk durchzuführen, selbst die Blasen und Druckstellen, die sich schnell an ihren Handinnenflächen bilden, sollen sie nicht abhalten.
    Ich gebe Marga die Idee, zuerst einen Keil, den sie langsam vergrößern kann, herauszusägen.
    Nach einer halben Stunde ermüdender und schwerer Arbeit genügt ein fester Druck mit dem Arm knapp über der Sägestelle. Der Mast kippt splitternd und langsam und reißt das Stromkabel, das den Sturz einen Meter über dem Boden abfängt, mit sich. Das abgesägte Ende des Mastes schrammt nahe an Margas Beinen vorbei und bohrt sich ins Erdreich. Das andere Ende wippt in der elastischen Leitung.
    Im ersten Moment klatscht Marga begeistert in die Hände, dann wird ihr klar: Sie hat ihr Ziel nicht erreicht. Solange die Leitung nicht den Boden berührt, ist sie nicht geerdet und der Stromfluss nicht unterbrochen.
    Enttäuscht schleudert sie die Säge von sich und birgt ihr Gesicht in den Händen, die durch die aufgerissenen Blasen blutig sind und hämmernd schmerzen.
    Ich rede ihr zu, versuche, sie zu ermutigen, auch noch einen zweiten Mast zu kappen. Ich kann sie nicht erreichen. Sie ist widerspenstig wie ein kleines Kind uns setzt sich weinend auf den Betonsockel, der den grotesken Rest des Mastes hält. Sie ist verzweifelt.
    Später reißen die dünnen Wolken der kraftlosen Gewitterfront auf. Die tiefstehende Sonne wärmt Marga. Sie streckt sich ihr wie eine hungernde Pflanze entgegen. Halbwegs versöhnt sucht sie die Säge und wandert in ihr Schicksal ergeben zum nächsten Mast. Da sie inzwischen Technik entwickelt hat, fällt ihr sein Durchsägen leichter, aber sie muss ihren wunden Händen oft eine Pause gewähren. Deshalb benötigt sie für diesen zweiten Mast mehr Zeit. Eine Übelkeit erregende Welle der Erleichterung durchläuft sie, als er endlich im Abendzwielicht zu kippen beginnt. Aufgeregt springt sie beiseite, sucht eilig Abstand.
    Sie hat es geschafft: Die Leitung berührt diesmal den Boden, wird geerdet, es gibt einen funkensprühenden Kurzschluss, den sie sich spektakulärer erhofft hat. Kurz kommt ihr der Geruch von verbranntem Gummi in die Nase, aber vielleicht bildet sie es sich nur ein.
    Dann ist es vorbei. Marga wartet auf das ersehnte, überwältigende Glücksgefühl, das sich nicht einstellen wird. Sie schüttelt langsam den Kopf und wirft ein zwetes, ein endgültiges Mal die Säge zur Seite, wendet sich ab.
    Wie kann es sein, denkt sie, mein ganzes Leben hat sich zu jenem Moment Kurzschluss gebündelt, wie die Lichtstrahlen im Brennpunkt einer Linse.
    Vor einem Jahr noch war ihr Leben ein ruhiger Fluss, behäbig und ausgeglichen. Plötzlich, zu Beginn von ihr selbst unbemerkt, nahm die Strömung zu, wurde rasend heftig, das Flussbett unbequem schmal. Vier eilende Monate Angst vergingen im Flug. Das Leben ist mehr, aber es konzentrierte sich auf einen Punkt, eine Tat, wie eine felsige Enge, durch das es schäumend und wirbelschlagend seinen Weg brechen muss. Danach ist der Fluss des Lebens nicht mehr der, der er vorher war, auch wenn er sich wieder reinigt und verbreitert, zur Vielfalt werden kann.
    Wie oft gibt es solche Landmarken? Hat sie jedes Leben?
    Marga ist orientierungslos und hat keine Ahnung, wohin sie ihren nächsten Schritt setzen soll. Den Weg zurück zu ihren enttäuschenden Beziehungen hat sie gerade unmöglich machen wollen. Wohin also?
    Ich weiß es nicht. Aber lass Dir noch einmal sagen: Du bist nicht allein. Das Kind ist doch bei Dir.
    Marga stolpert in der Dämmerung den Wanderweg hinab, zurück zur Pension der Eltern. Sie weint. Zum ersten Mal erleichtert es sie.



    ------------------
    hks
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  13. #13
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    AW: Stromausfall

    ...es schmerzt, so ignoriert zu werden.
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  14. #14
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Stromausfall

    Oh Gott Klammer....sieh es so - es ist wie mit den Klassikern....man will sie immer lesen, aber es schiebt sich immer etwas dazwischen
    Aber ich liebe sie. Und denke anschließend, wenn ich es geschafft habe - er ist zu Recht ein Klassiker!
    Deine Texte sind lang, sie sind wirklich durchdacht und intelligent. Das macht die Leserschaft verhalten.
    Selbst ich habe manchmal etwas darunter zu Leiden, wo Kyra draufsteht, ist auch Kyra drin......
    Du kannst aber sehen, wie sie erst reagieren, wenn man mal was anderes macht....siehe "Robothrill"

    Aber im Ernst: ich lese es Montag. Die Kinderlein sind hier. Da komme ich höchstens zum Siedler spielen.


    Kyra
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  15. #15
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    AW: Stromausfall - 1. Teil

    Vorbehaltslos, bis jetzt bannt es mich auf den Hocker.
    Es ist anders, fantastische, stimmige Beobachtungen, trockenes Augenzwinkern gepaart mit steigender Spannung. Geht es so weiter, werde ich es lieben.
    Freund Klammer, es ist Zeit für einen größeren "SALON". Hoffentlich findest Du Deine Leser.
    Freu mich auf den nächsten Teil, Hannemann.

  16. #16
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Stromausfall - 1. Teil

    Lieber Freund Hannemann,

    dein Kollegenlob schmeichelt mir, noch dazu, weil es aus einer Feder stammt, die alles andere als ungeschickt ist.
    Ich warte übrigens immer noch auf die Meinung von unseren schreibenden Mädeln, da ich hier zum ersten Mal in meiner Karriere die Psyche einer Frau in den Mittelpunkt gestellt habe, mit ihrem Unterbewussten als Erzähler. Das war vielleicht die schwierigste Herausforderung, der ich mich bisher als Autor gestellt habe. Mich würde daher schon interessieren, ob Marga auch für Frauen funktioniert.

    Ansonsten: Es ist Frühling und bald habe ich Urlaub. Was will ich mehr von diesem Leben?

    Gruß, Klammer
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  17. #17
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    AW: Stromausfall

    Hallo Klammer,

    so ich bin durch. Da gibt es in meinen Augen von der Seele des Mädchens einiges einzuwenden. Zum Beispiel, Mädchen untereinander (Freundinnen) verhalten sich nicht so. Es ist typisch für Männerbeziehungen, dass man sich intime Dinge mit Hilfe von Geschichten und Gedichten mitteilt. Der besten Freundin sagt man ALLES. Selbst noch als erwachsene Frau. Aber mit 16 ist sie der allernächste Mensch. Über jede Berührung, jedes Gespräch mit einem Jungen wird berichtet. Die Angst schwanger zu sein, hat jede mal. Man bangt zusammen. Das alleinesein bezieht sich auf die Erwachsenen. Eine Schwangerschaft wird von einer erwachsenen Frau vielleicht als ein "nicht mehr allein sein" empfunden. F?r eine 16jährige ist es ein Schock. Darüber denkt sie nach. Was werden soll, ob sie abtreiben soll, was sich ändern würde. Das wäre sie auf jeden Fall mit ihrer Freundin besprechen. Junge Mädchen sind praktisch. Die Tochter von meinem Exexmann hat mit ihrer Freundin zusammen ohne dass es jemand gemerkt hätte mit 15 eine Abtreibung organisiert. Du hast einfach keine Ahnung, was Frauen und Mädchen miteinander reden. Es ist so intim, ein Mann würde sterben, wenn er wüsste was die beste Freundin über ihn weiß. Die Lehrerin käme als Vertrauensperson kaum in Frage. Eher eine Nutte, eine die was vom Leben weiß...
    Das Ende mit dem Strommast ist zwar schön, aber auch eine Männerlösung. Eine Säge ist kein Frauenwerkzeug. Frauen suchen sich etwas spitzes, bohrendes. Einem Stechbeitel, eine Feile. Sie würden keinen Stommast durchsägen. Diese Art des Wandalismus ist männlich. Mit einem geklauten Auto gegen einen Strommast fahren, das vielleicht. Aber nicht diese Sägerei. Die Beziehung zu Schorsch ist gut dargestellt, aber ihm würde sie sich nicht anvertrauen wollen. Ich glaube Jungens fühlen sich in der Pubertät viel einsamer als Mädchen. Die haben keine Hemmungen über all ihre Ängste zu sprechen, ihre Freundin 20 mal zu fragen, was sie machen sollen usw. Deine Marga ist ein Junge. Ein Mädchen würde sich 1000 Gedanken machen, wie es weiter geht. Ganz pragmatisch. Schule Ausbildung. Wie sie dann noch in die Disko kommt usw. Für ein Mädchen ist eine Schwangerschaft kein "Wunder" sondern ein Unfall, den sie unbedingt vermeiden will. Mit sechzehn will man noch nicht, dass neues Leben in einem entsteht. Dies immer davon ausgehend, dass sie ein ganz normales Mädchen ist. Sicher gibt es auch ganz andere. Aber willst Du über ein Mädchen erzählen, oder über eine sehr außergewöhnliche Person? Ich würde es erst mal mit einem einfachen Mädchen probieren. Was die Sexualität angeht, die hat man an sich selber mit 16 schon ausprobiert, man gibt sich Phantasien hin, vergleicht sie mit denen der Freundinnen usw. ....Welche Stellung tut weniger weh? Hast Du auch schon mal von hinten...wie ein Hund? Sein Schwanz ist so groß, es tut mir immer weh... usw. Frauen sind, was diese Art von Intimitäten angeht, völlig unbefangen. Und Mädchen würden endlos über so ein Problem sprechen. Es würde sie beide bedrücken und entzücken, sie würden immer neue Lösungen suchen. Ein nicht unwahrscheinliches Ende, wäre mit der Freundin abzuhauen.

    Aber vielleicht sehen es die anderen Mädels ja anders.

    Kyra

  18. #18
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Stromausfall

    ...also ist es mir nicht gelungen, in die Psychologie einer Frau einzudringen?
    Ich habe es befürchtet. Deshalb wartete ich so ungeduldig auf deine Meinung.

    Wenn du recht hast, Kyra, dann haben die Frauen (einschließlich meine eigene), die mir sagten, es sei mir ganz gut gelungen, gelogen. Und ich dachte immer, die beste Freundin seien meist die beste Feindin.
    Ach, je...
    Dann schreibe ich eben wieder über Männer.

    Danke für diese Lektion.
    Gruß, Klammer
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  19. #19
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    AW: Stromausfall

    Wenn du recht hast, Kyra, dann haben die Frauen (einschließlich meine eigene), die mir sagten, es sei mir ganz gut gelungen, gelogen.

    lieber Klammer, es ist ja nur meine Meinung. Ich, wir waren anders, ebenso meine Stieftochter und ihre Freundinnen. Dieses Mädchen hat was von Johanna von Orleans. Sie ist anders, sicher nicht unmöglich. Also auch das ließe sich darstellen, aber dann als Gegensatz zu ihren Freundinnen. Auch die Sache mit dem Soldaten ist gut. Du musst es nicht in den Sack hauen, mach sie bewusst anders. So wirkt es eher zufällig. Wäre sie ein russisches Spätaussiedlerkind oder so, wäre es etwas völlig anderes. Oder eine Türkin, oder sonst wie eine Außenseiterin.

    Kyra

    PS. aber das ist normal vom anderen geschlecht nichts zu wissen. Ich habe mal eine Szene geschrieben, bei der ein Mann, nachdem er sich einen runtergeholt hat, den Erguss auf seinem Bauch trocknen lässt. Mein Exmann (der muss meine Texte immer lesen und auf fehler in der Darstellung der Männlichkeit überprüfen.) hat mir gesagt, so würdet ihr das nicht machen, sondern das Zeug danach wegwischen. Woher sollte ich das wissen?

  20. #20
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Stromausfall

    Türkei?
    Kasachstan?
    Es spielt bereits im exotischten Land der Welt, in dem die CSU alleinherrscht.
    Ich fand, das Allgäu sei sei nicht mehr zu toppen.

    Ich bin übrigens nicht beleidigt. Du hast auch recht. Frauen bleiben mir ein Rätsel.

    Gruß, Klammer
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  21. #21
    schreibt hier hin und wieder
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    Thumbs up AW: Stromausfall

    Hallo Klammer,

    also dieser Teil (oder mir ist es vorher nicht aufgefallen) ist schwächer. Es sind viele Fehler drin, man bleibt dort einfach hängen, es stört im Fluss. Der Stil ist mehr als einmal nicht schön. Ich will nur mal ein wenig am letzten Teil kritteln.

    Selbst als sie am Morgen nach dem Kirchgang, vor dem sie sich nicht hatte drücken können, das Zeugnis erhielt und sich anschlie?end eilig von Hanna verabschiedete, als sie dann im Bus heimfuhr, der wegen gestern beleidigten Mutter das zufriedenstellende Zeugnis mit den Glanznoten in Deutsch und Mathematik zeigte, konnte sie sich nicht vorstellen, dass sie sich in diesem Moment an der Matratze festklammern muss, weil sie das Gefühl hat, nach links ins Leere zu kippen, wenn sie los lässt.
    Ich fragte mich, ob dieser EINE Satz dein Ernst ist oder du deine Scherze mit mir treibst. Ich hab ihn nicht verstanden und ich sag dir was... ich will ihn auch nicht verstehen.

    Sie braucht Hilfe und weiß, wen sie darum angehen will
    Wieso denn diese Uraltsprache. Wo ist das Problem, wenn sie einfach jemanden darum bittet? Ja, ich bräuchte mich nicht so anstellen, aber so bin ich halt. Mich störts.

    Sie fühlt erneut allein, in ihrer Welt ohne Menschen
    Ich weiß, du hast nur ein Wort vergessen, aber es stört im Lesefluss. Aber ich würde nicht darauf aufmerksam machen, wenn es das einzige Mal im Text vorkäme.

    Vielleicht hat die Mutter recht und es kommt tatsächlich ein Wetter.
    ???

    Solch ein stilistischer Fehler ist auch weiter oben zu bemängeln.

    Der Zweck dieser neuen Erzählperspektive will mir nicht einleuchten. Er hat mich einzig verwirrt. Wo ist der Vorteil zum allwissenden oder zur 3. Person?

    Den Schluss habe ich nicht kapiert. In der Gefahr wieder als dumm dazustehen: Wo ist die Pointe?

    Klammer, ich war enttäuscht. Tut mir leid.

    Kyra: hat mir gesagt, so würdet ihr das nicht machen, sondern das Zeug danach wegwischen. Woher sollte ich das wissen?
    auch das ist NUR der Normalfall es gibt auch ander Geschichten.


    tt

  22. #22
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Stromausfall

    Lieber Traumtänzer.

    Es muss dir nicht leid tun. Ich denke auch, diese Geschichte ist nicht für jeden.
    Ein wenig schlampiger war ich zu Ende sicherlich (perfekte Texte gelangen nicht in dieses Forum), ich danke deshalb für die Anmerkungen.
    Der Erzähler ist das Unterbewusste des Mädchens, die Ich-Schicht in uns, die von Anfang an alle Fäden in der Hand hält, nichts vergisst und sich uns nur im Traum, in unbewussten Handlungen, Neurosen usw. nähert. Ich hielt das für eine gute (neue) Idee, aber darüber lässt sich streiten.

    Zu deinen Einwänden:
    Der Satz ist dir zu lang? In meinem Manuskript war er noch länger. Ich weiß nicht, wie ich ihn kürzer fassen soll. Vielleicht hilft mir ja Robert (Naja, wohl eher nicht...)
    Uraltwendungen?
    ...sie weiß, wen sie darum angehen will...
    ist das umständlich formuliert? Jemanden um Hilfe, Geld, Unterstützung angehen? Vielleicht lebe ich doch zu tief im Bayerischen, um zu bemerken, wie man heute spricht.
    ..es kommt ein Wetter...
    Wetter. Das ist eine normale Umschreibung für Gewitter, z. B. in Wetterleuchten oder Donnerwetter enthalten. Kennst du das nicht oder war ich schon wieder altertümelnd?
    Im Allgäu werden diese Redewendungen jedenfalls benützt, glaub mir.

    Stromausfall, so lautet der Titel. Der Strom, hier zweideutig auch als Lebensfluss verstanden, wird unterbrochen. Marga trifft eine Entscheidung, führt eine Tat aus, die ein Zeichen setzt. Es ist eine Explosion von Marga, ein "Ausbruch", gezielt herbei geführt von ihrem Unterbewussten, um ihr zu helfen, sich mit ihrem Problem endlich auseinanderzusetzen. Mit dem Stromausfall endet die Kindheit.

    Gruß, Klammer

    P.S.: Kyra: Die reinlicheren von uns benutzen Taschentücher. Bei der Highsmith (in "Fremde, die an der Tür klingeln") nimmt einer seine alten Socken. Das war auch mir neu.
    Interessant ist Masturbation übrigens in der Badewanne, falls du darüber schreiben willst. Das Ejakulat gerinnt sofort zu einer zähen, klebrigen Masse, die Mann kaum entfernen kann.
    Aber ein Traum - nikolaus-klammer.blog

  23. #23
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Stromausfall

    Hallo Klammer,

    ...sie weiß, wen sie darum angehen will...
    ist das umständlich formuliert?
    umständlich, na ja, keine ahnung. aber bei uns sagt man einfach, ich bitte dich um etwas, aber vielleicht bin ich aus der falschen Gegend.

    ..es kommt ein Wetter...
    Wetter. Das ist eine normale Umschreibung für Gewitter, z. B. in Wetterleuchten oder Donnerwetter enthalten. Kennst du das nicht oder war ich schon wieder altertümelnd?
    Selbiges. Wetter ist Wetter = Sonnenschein oder Wind oder Regen oder Schnee oder Gewitter...

    Bei uns sagt man, es kommt ein UNwetter. Das heißt im weitesten Sinne Stürme o. ä.

    Ich komme übrigen aus NRW, studiere in MD.

    Stromausfall, so lautet der Titel. Der Strom, hier zweideutig auch als Lebensfluss verstanden, wird unterbrochen. Marga trifft eine Entscheidung, führt eine Tat aus, die ein Zeichen setzt. Es ist eine Explosion von Marga, ein "Ausbruch", gezielt herbei geführt von ihrem Unterbewussten, um ihr zu helfen, sich mit ihrem Problem endlich auseinanderzusetzen. Mit dem Stromausfall endet die Kindheit
    Ok, dass der Strom doppeldeutig gemeint war, war mir klar. Aber das die Kindheit endet?

    Ok, aber dieser Schluss ist tatsächlich subjektives Empfinden von mir, dass er nicht gelungen ist. Das kann ein anderer völlig anders sehen.

    tt

  24. #24
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    AW: Stromausfall

    Interessant ist Masturbation übrigens in der Badewanne, falls du darüber schreiben willst. Das Ejakulat gerinnt sofort zu einer zähen, klebrigen Masse, die Mann kaum entfernen kann.
    Danke. Das sind wirklich wichtige Einzelheiten. Ganz ohne Ironie. Früher habe ich gerne alleine in Kneipen gesessen und so getan, als würde ich ein Buch lesen. Dabei habe ich nur die anderen bei ihren Gesprächen belauscht. Völlig Fremde. Wie sich zum Beispiel Männer unterhalten, wenn sie offenbar ein Problem haben. Das war sehr spannend. Ich bin unglaublich neugierig auf nebensächliche Details. Das war ich schon immer. Und ich höre gerne zu, nicht weil ich so gut bin, sondern aus vampirösen Gründen. Aber es sit immer wieder spannend, wie verschieden die Geschlechter sind. Darum will ich ja auch eine Transe sein...oder eine richtig tuntige Schwuchtel...im nächsten Leben. Vorher wird es ja wohl nichts damit.

  25. #25
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    AW: Stromausfall

    Früher Morgen, ich habe gelesen, muß es erst noch wirken lassen.
    Vorerst zwei Anmerkungen: 2, Du kamst schwer ins Geschirr. Bis zu den Raucherinnen dachte ich mir: Wer stottert den da? Doch nicht Klammer?
    Dann ziehst Du an - irgendwann störte mich, daß sich die Mädchen als Frauen bezeichnen. Danach störte mich nichts mehr, ich war gebannt, fühlte mit, fühlte als Marga, dachte, ich wäre ein Mädchen...ohne meinen sonstigen Quatsch!
    Es gefiel, bis ich Kyras Bemerkung las: Dein Mädchen ist ein Junge...das falsche Werkzeug, die Säge. Ich fragte mich, ob denn nicht doch...die Schreinerei war logisch, die Gelegenheit günstig.
    Nun bin ich in Zweifel - ich, der mein Leben lang versuchte, das Weib zu verstehen, manchmal zu sein wie ein Weib -, muß wieder mal erkennen, mit dieser besonderen Spezies Mensch kennt sich kein männliches Schwein aus.
    Der Schluß ist gro?artig...aus maskuliner Sicht.

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