Die Kerze flackert im Rhythmus zu den Detonationen, die Windzüge durch mein geöffnetes Dachfenster hervorrufen, während sich meine Nackenhaare mit dem urmenschlichen Instinkt „Flucht“ aufstellen. Alle anderen sind nun in den Bunkern, aber da ich in Kellern Klaustrophobie bekomme, sitze ich jetzt alleine hier oben mit dem sehnlichen Wunsch zu schreiben. Der Bildschirm meines Computers ist schwarz, denn der Strom ist überall ausgefallen. Daher sitze ich vor dem leeren Blatt den Füllhalter mit Tinte vollgesogen und warte auf den ersten Satz. Ein Wort fällt mir ein, aber es ist unpassend, daher würde ich jetzt gerne google bemühen und nach einem Synonym suchen, denn das Wörterbuch heraus zu suchen aus meinem Bücherregal, das Tausende Bücher beherbergt, ist unverhältnismäßig zu dem Zeitaufwand für ein einziges Wort. Leider ist auch der Akku meines Handys schon leer. Daher stehe ich nun doch auf und begebe mich auf die Suche nach dem Wörterbuch für Synonyme. Der Rücken des Buchs ist blau, das weiß ich noch, also suche ich nach allem, was blau ist mit der Kerze in der Hand, die das Licht unheimlich über meine Regalleichen huschen lässt. Ich ziehe den Band heraus und finde das Wort. 10 Synonyme stehen da für erzeugen: erschaffen, schaffen, entstehen lassen, hervorbringen, hervorrufen, erzeugen, ins Leben rufen, in die Welt setzen, schöpfen, kreieren, entwickeln… Ich entscheide mich für „hervorrufen“ und füge das Wort im Geiste in meinen ersten Satz ein. Der Satz reift langsam in meinem Hirn, aber dann habe ich ihn plötzlich griffig parat und schreibe: Die Kerze flackert im Rhythmus zu den Detonationen, die Windzüge durch mein geöffnetes Dachfenster hervorrufen,…..
Der erste Satz ist geschrieben und von da an fällt es mir leicht weiter zu schreiben. Meine Anti-Heldin sitzt in den Startlöchern meines Hirns, schon einigermaßen durchkomponiert, so dass ich jetzt flüssig mit dem Anfang beginnen und ein Bild von ihr zeichnen kann.



Nun habe ich das Anfangskapitel geschafft und werde müde. Es ist schon nach Mitternacht. Mein Glas ist leer und so auch mein Kopf. Deshalb lege ich mich angezogen auf das Bett neben meinem Schreibtisch. In diesen Zeiten muss man sich in Alarmbereitschaft begeben, denn plötzlich könnten sie kommen, um mich zu holen. Da will ich nicht im Schlafanzug sein.
Nachts habe ich einen Alptraum. Ich bin in Kairo. Jemand wirft Bomben. Alles ist feuerrot. Plötzlich rutscht Jemand, der neben mir steht, einen steilen Abhang herab und prallt 100 Meter weiter unten auf Beton.
Der Morgen ist nicht grau und neblig, wie er im Winter sein müsste, nein, er ist feuerrot von den Explosionen. Verkatert stehe ich auf, quäle mich ins Bad, wo ich eiskaltes Wasser in mein Gesicht werfe, kurz die Achseln wasche, um zu meinem Schreibtisch zurückzukehren, wo mein Manuskript wartet. Schmerzlich vermisse ich meinen Kaffee. Wenn ich wenigstens einen Gasbrenner hätte, aber da steht in der Küchennische nur der jetzt unbrauchbar gewordene Elektroherd. Ich zünde mir eine Zigarette an. Noch habe ich ein paar auf Vorrat, leider werden sie auch bald zur Neige gehen. Dann habe ich gar nichts mehr, was mich beim Schreiben puscht. Ich lese noch einmal den Aufschrieb von gestern durch, korrigiere hier und da, bis ich bereit zum Weiterschreiben bin. Niemand spricht mit mir, nur meine eigenen Worte.



Ich sehe von meinem Manuskript auf wie um Luft zu holen und richte meinen Blick aus dem Fenster nach draußen. Die schwarz verbrannten Bäume in meinem Garten erheben sich wie Gespenster aus den Nebelschwaden, die gerade beginnen sich aufzulösen. Die Ruine des Hauses meiner Nachbarn ruht friedlich begraben unter einer Ascheschicht an eine Grabstätte wie Pompeji erinnernd. Was hatten sie bloß angerichtet und wann würden sie kommen, um mich zu holen? Ich kann mich nicht auf den Fortgang meiner Geschichte konzentrieren und schreibe stattdessen eine kleine Lockerungsübung nur für mich selbst, aber was wäre, wenn sie diese Übung finden würden? Sie würden mich auslöschen. Da bin ich mir sicher…



KRISTALLE
Es war einer dieser Tage, an dem ich nichts mit mir anzufangen wusste. Ich schrieb, aß, trank Kaffee oder machte etwas Sport,…. aber sonst gab es da nichts. Nachdem ich dann abends nach diesem langweiligen Tag die Tagesschau angesehen hatte und sich wieder ein IS-Terrorist in die Luft gesprengt hatte, splitterte plötzlich mein Hirn in winzige Kristalle.
Ich stand in der Küche und wollte das Geschirr in die Spülmaschine räumen. Der Klang von zersplittertem Glas. Aber ich hatte kein Glas zertrümmert. Mein Hirn war zersprungen. Ich hielt mir den Kopf, um die Eruption einzudämmen. Nichts. Die Splitter drängten vulkanartig nach oben.
Um mein Hirn aufzufangen, hielt ich einen großen Topf, den ich gerade aus der Spülmaschine geholt hatte, unter die Eruption. Tatsächlich fielen alle Teile meines Hirns in diesen Topf. Eine Stunde später hörten die Eruptionen langsam auf und ich stellte den Topf auf den Herd.
Dann ging ich ins Bad und begutachtete meinen Kopf. Tatsächlich gab es da eine Stelle, wo die Eruption stattgefunden hatte. An der Narbe, die ich vor dreißig Jahren bei einem Autounfall davon getragen hatte. Die Stelle war jetzt eindeutig rot und eitrig verfärbt. Aber wie konnte das sein? Die Narbe war eigentlich fast verschwunden. Warum zeigte sie sich jetzt wieder?
Ich ging zurück in die Küche und begutachtete mein Hirn in dem Topf. Eine gallertartige zähe Flüssigkeit waberte da vor sich hin. Wie konnte es sein, dass durch einen normalen IS-Bericht im Fernsehen mein Hirn eruptiert hatte? Ich verstand nichts mehr.
Ich stellte die Kochplatte auf volle Stärke an, gab etwas Fleischwürfel dazu und kochte mein Hirn für 30 Minuten. Als die Hirnsuppe fertig war, setzte ich mich und löffelte die Suppe noch mal 30 Minuten lang in mich hinein. Was würde morgen sein? Ich war müde geworden und legte mich ins Bett.
Am nächsten Morgen war ein lauter Krach an der Tür. Ich war noch nicht ganz wach und das mit der Hirnsuppe war ganz weit entfernt.
Also, ich wankte an die Tür und öffnete. Es war der Nachbar mit einem Päckchen, das für mich abgegeben worden war. Aber auf dem Paket war das Symbol der IS-Flagge. راية العُقَاب
Geistesgewärtig wie ich war, nahm ich das Päckchen auf und rannte damit durch mein ganzes Stadtviertel. Mir war klar, dass meine Narbe am Kopf eine Riesenwunde war und jeder sehen konnte, wie das Blut und der ganze Eiter aus meinem Hirn herausfloss.

Ich lege den Füller hin, denn die Schwiele an der rechten Hand meines Mittelfingers schmerzt, da ich das von Handschreiben nicht mehr gewöhnt bin. Wieder ist es nach Mitternacht, das Glas ist leer, aber ich bin noch zu wach, um mich hinzulegen. Ich suche nach einem Abschluss für diesen Tag, lege meinen Kopf schief und zähle die Manuskriptseiten. Nicht schlecht, 20 Seiten mit meiner unleserlichen Handschrift gefüllt. An der Tür scharrt es plötzlich, was mich zusammenschrecken lässt. Kommen Sie jetzt? Aber ich bin doch noch gar nicht fertig! Auf Socken gehe ich leise zur Tür und lege mein Ohr gegen die Tür. Nichts. Aber plötzlich ein Quieken und da sehe ich noch den Schwanz der Ratte, die davonrennt in Richtung Küche. So weit ist es nun schon, die Ratten riechen ihre Chance. Ich folge ihr in die Küche und suche jede Ritze ab, nichts. Sie hat sich wohl in ihr Versteck verkrochen. Wenigstens könnte ich jetzt mit Jemanden reden, wenn ich wollte.
Ich öffne die letzte Schachtel Zigaretten, entnehme mir eine und zünde sie an. Beim dritten Zug kommt mir noch ein Gedicht:



Es gibt einen Grund tief zu graben



Beim Schürfen
nach Abgründen
habe ich einen Rohdiamant gefunden
Die Hülle war brüchig



Unten im Verborgenen
habe ich meine Seele entdeckt
Sie schien mir fremd
so habe ich sie verschenkt



Heute habe ich das Manuskript nach Beendigung noch dreimal abgeschrieben und es in die Post an drei bekannte Literaturkritiker gegeben mit dem ersten Satz im Anschreiben, ich hoffe, dass Sie in diesem schrecklichen Krieg nicht getötet wurden, mit der Hoffnung, dass mein Manuskript nicht einfach so als Furz in der Luft verpufft. Nicht auszumalen, Sie wären ausradiert, zu Tode gekommen in diesem Krieg.
Nun muss ich warten. Da mir langweilig ist, beginne ich nun endlich, die Ratten zu dressieren. Ich zwinge sie, Männchen zu machen, während ich ihnen ein Stück Käse an das Maul halte.
Immer wieder schaue ich nach draußen. Der Himmel qualmt immer noch von Explosionen. Ich wundere mich, warum mein Haus noch steht und mich noch niemand von denen abgeholt hat. Schließlich ist dieses Anti-Kriegs-Manuskript nicht ohne.
Eines Morgens finde ich nichts brauchbares zu essen mehr und ich überlege mir, was ich gegen meinen knurrenden Magen tun könnte. Da kommt mir die Idee, ich könnte eine der Ratten, die jetzt immer ganz zutraulich zu mir kommen, fangen und essen. Kochen oder Braten geht ja leider nicht, ich müsste sie roh essen wie die ein Neandertaler. Also los, fang dir eine, sage ich zu mir im Geiste. Die erste macht vor meinen Füßen schon Männchen in Erwartung eines Stück Käse. Ich greife sie auf, halte sie an meinen Mund und beiße wie ein hungriger Löwe in ihren Nacken. Sie quiekt laut auf, aus meinem Mund tropft Blut. Während ich immer weiter mit meinen Zähnen Stücke aus ihr herausreisse, denke ich daran, dass ich nun zwar eine Ratte fresse, aber wenigstens keinen Mensch.
Ungefähr eine Wochen später gegen zwei Uhr Nachts reissen sie mich aus dem Schlaf mit einem Poltern an der Tür. Wie immer schlafe ich in meinen Klamotten, die mittlerweile bestialisch stinken, denn wie soll ich sie auch waschen ohne Waschmaschine und warmes Wasser? Ich stehe nicht auf, krümme mich unter der Bettdecke gegen die Wand. Vielleicht entdecken sie mich nicht. Die Tür kracht dann in meinen kleinen Dachraum. Jetzt sind sie da, diesmal sind es nicht die Ratten. Ich drehe mich nicht um. Ich will sie nicht sehen mit ihren schwarzen Masken. Stattdessen nimmt mich jemand an der Schulter von hinten, wälzt mich auf die andere Seite und ich schaue in ein gütiges Gesicht mit einer randlosen Brille, eine Frau. Eine Frau! Das stelle sich man mal vor! Sie trägt einen weißen Kittel, knallrote Haare umrahmen ihr Gesicht. Das muss Inka sein, meine Romanfigur.
Sie sagt zu mir: „Glauben Sie tatsächlich, dass Krieg ist?“
Ich habe seit Monaten nicht mehr gesprochen und jetzt weiß ich gar nicht, was ich sagen soll. Wie soll ich jetzt reden? Habe ich überhaupt noch eine Stimme?
Ich setze an und presse ein „Ja“ heraus.
Wollen Sie mit uns kommen an einen sicheren Ort? Sie erhalten gute Nahrung, Zigaretten und ein anständiges Dach über dem Kopf. Merken Sie nicht, dass hier alles feucht ist? Es tropft durch das Dach.“
Ja“ presse ich heraus, ist das die Rettung? Sie bringen mich weg aus dem Krisengebiet.
Und dann verfrachten sie mich in einen Rettungswagen und mit lautem Tatütatü geht es ab. Ab da erinnere ich mich nicht mehr.