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Thema: Tradition - Nachschrift

  1. #1
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    Post Tradition - Nachschrift

    Nachschrift zu "Tradition"

    Vorbemerkung: Dieser Ausschnitt ist eine Erinnerung. Er stellt weniger ein Stück Literatur dar, als den autobiografischen Versuch, mich der Person meines Großvaters zu nähern. Er starb 1993 im Alter von 98 Jahren.

    Ausschnitt aus: Eine einfache Erinnerung

    Ich war vierzehn Jahre alt, als ich endgültig im Gymnasium scheiterte und meine Mutter mich zu ihrer Erleichterung über die Sommerferien nach Berlin abschob. Auch wenn ich natürlich ein völlig anderes Bild von mir hatte, war ich wie viele leidgeprüfte Jugendliche in diesem Alter: stark pubertierend, picklig und dick. Voller moralischer Bedenken der eigenen Sexualität nachforschend, verlebte ich damals meine Tage in einem Heldentraum, in dem sich meine wuchernde Phantasie und mein wundes Selbstvertrauen in einer faschistoiden, von Fernsehen und Heftromanen geprägten Vorstellungswelt ein Ventil suchten. Obgleich ich nur ein mageres Oeuvre an Wildwest- und Science-Fiction-Geschichten zustande gebracht hatte, die zudem mangels Fleiß und Konzept stets unvollendet blieben, hielt ich mich doch für einen früh gereiften, genialen Schriftsteller, dessen Entdeckung durch ein begeistertes Publikum längst überfällig war.
    Nur wenige Zeit zuvor war ich allerdings noch ganz Kind gewesen. Der Wechsel fand in den wenigen Wochen zwischen Ostern und dem Sommer statt. Aus einem mit dem Vater verbrachten Ägyptenurlaub in den Osterferien hatte ich mir eine gestrickte, auffällig gefärbte Fellachenkappe mitgebracht, die ich auf Lord Kitcheners Nilinsel zum Spottpreis von einer Mark erworben hatte. Sie wurde mir das zugleich unnützeste und dabei wichtigste Kleidungsstück, das ich je besessen habe. Vorher hatte ich der Sonne wegen eine Schirmmütze getragen, die ich als treuer Leser von einer Comic-Zeitschrift geschenkt bekommen hatte und an ein um Bakschisch bettelndes Kind weitergab.
    Wenn ich Fotos von diesem Ägyptenaufenthalt, auf denen ich mit dem Comic-Mätzchen zu sehen bin, mit einer Aufnahme vergleiche, die nur sechs Wochen später bei einem Jugendlageraufenthalt in Österreich gemacht wurde und auf der ich jene orientalische Kappe trage, die an die „Jarmulke“ eines gläubigen Juden erinnert, dann ist deutlich der Sprung vom Kind zum pubertierenden Jugendlichen zu erkennen. In meiner Erinnerung liegen die beiden Ereignisse auch weiter auseinander, als sie es tatsächlich sind; es ist eine Kluft zwischen ihnen, die breiter als nur sechs Wochen ist.
    Was war der auslösende Effekt, der mich so genau den Beginn meiner Pubertät datieren lässt? War es der mich überwältigende Eindruck der fremdartigen Kultur, der mich fassungslos machte und mich dabei mit einem Elend konfrontierte, das ich nie geahnt noch gar gesehen hatte und dessen Bilder ich mir auch heute noch deutlich vor Augen rufen kann? Oder war es nur das Scheitern am Gymnasium, denn dieses Ereignis war der erste Bruch, den mein Selbstbewusstsein erleben musste? Nun, die Schale „Kind“ platzte plötzlich auf und aus dem Ei kroch ein Pubertierender, der die ersten Züge meiner heutigen Persönlichkeit entwickelte. Aus einem Grund, den ich nicht genau entschlüsseln kann, war mir die Kappe, die ich praktisch nur zum Schlafengehen ablegte, bei meinen ersten unsicheren Schritten Stütze und Halt; unter ihr fühlte ich mich geborgen, be-ühütetä.
    Gleichaltrige Bekannte bemerkten den Fetischcharakter dieses Kleidungsstückes schnell und es war oft das Ziel von Spott und Diebstahl. Ich litt unter den Grausamkeiten, aber die Kappe wurde mir dadurch noch heiliger.
    Auch bei meinen Freunden in der katholischen Jugendgruppe, den einzigen, die ich damals besaß, endete die Kindheit. Bei den Weiterentwickelten, oder, besser formuliert, den Attraktiveren, gab es erste Verwirrungen mit dem anderen Geschlecht. Als zwei meiner Freunde um das gleiche Mädchen buhlten, baute ich diese Geschichte in meinen Heldenträumen aus, verschärfte den Konflikt und stellte mich in Erzählungen als unglücklich zerrissen in die Mitte der in Wahrheit nicht existierenden dramatischen Handlung. Es war also nur mein literarisches Interesse geweckt und kein Mitfühlen mit den Nöten der Verliebten. Mein schönster Traum war es übrigens, das sich jenes Mädchen zu mir hingezogen fühlte.
    Zusammenfassend kam zu den Großeltern nach Berlin in jenem Sommer des Jahres 1977 also kein Kind mehr.
    Von dem hektischen, pestkranken Atem dieser Großstadt, die mich heute an einem einzigen Nachmittag bis zum Kopfschmerz erschöpft, spürte ich bei meinem ruhigen Sommeraufenthalt im Haus der Großeltern im provinziellen, pfahlbürgerlichen Tegel nichts. Ich verließ es auch während der Ferien nur zum obligaten Zoo- oder Völkerkundemuseumsbesuch, zum Baden und wenn ich ein paar Tage bei Onkel und Tante verbrachte. Diese hatten Sendungsbewusstsein und ich ließ mich willfährig von den rührigen Verwandten zu einigen Sightseeing-Touren überreden, war jedoch froh, wenn ich von I-Punkt, Zitadelle Spandau, der Siegessäule und immer wieder der Mauer zurück zu den Großeltern kehren konnte. Ich wurde deshalb als interesselos, undankbar und als an Dummheit grenzend stumpf eingestuft; Vorwürfe, die nicht unberechtigt waren.
    Was ich allerdings wollte, und es ist nicht einfach zu erklären, warum, waren das Haus und der Garten der Großeltern, weniger ihre Personen, als ihr Tageslauf, in dem jede Minute ihre Bestimmung und jeder Tag einen seit Jahrzehnten festgelegten Rhythmus und Ritus besaßen. Trotz des vielen Leerlaufs, der Langeweile, die aus meiner nicht weiter definierten Rolle in dem Kalender meiner Großeltern entstand und die mich manchmal die Stunden bis zu solch herausragenden Ereignissen wie dem Abendessen zählen ließ, hatte ich in jenen Sommerferien ein Gefühl von Geborgenheit, Beständigkeit und Sinn, das ich in dieser Intensität und so lang andauernd nie wieder empfunden habe, ein Gefühl, das ich manchmal beim Spielen mit meinen Kindern und selten beim Lesen von Literatur aus dem frühen 19. Jahrhundert ahne. Ein Leben nach dem Tod, sollte, wenn es glücklich wäre, ähnlich sein; nicht die Langweile der Beständigkeit, gehetzte Abwechslung ist die Hölle. Der Himmel dagegen ist die von festen Regeln umfasste Langeweile, in der jeder Tag ohne herausragendes Ereignis und vor allem bar der Qual der Entscheidung dem nächsten folgt und es die Zeit gibt, tausend Dinge zu beginnen und keines zu beenden.
    Das wichtigste Glück dieser bewegungslosen Monate im Sommer, die mir gleich dem Auge im Sturm waren, war, außer einer schamhaften ersten Verliebtheit in die zwar kaum ältere, aber wesentlich reifere Großstadtcousine, die Tatsache, dass ich außer zu den festen Essenszeiten allein war und in dem weitläufigen Haus und Garten der Großeltern genug Gelegenheit fand, ihnen und ihrem durch die Uhrzeit festgelegten Aufenthaltsorten aus dem Wege zu gehen.
    Überall gab es etwas zu entdecken und außer dem wohlgehüteten Schlafzimmer war kein Raum, von denen jeder einen eigenen, spezifischen Geruch hatte, vor meiner pathologischen Neugierde sicher. Zudem gab es hinter Tapetentüren, in Schränken, Kellerräumen und Winkeln wirklich Lohnenswertes zu entdecken. In dem Haus hatte sich Strandgut aus über vierzig Ehejahren angesammelt; Dinge, die den voyeuristischen Blick eines wissbegierigen Vierzehnjährigen zum Leuchten bringen: Jahrgänge der unterschiedlichsten Zeitschriften, vom Readers Digest bis in die graue Vorzeit der Gartenlaube reichend, alte Möbel voller Geschirr in Jugendstilformen, Uhren, Radios, seltsame, vom tüftlerischen Großvater gebastelte Geräte, Bilder, Fotos, sogar ein Luftgewehr und vor allem Bücher, immer wieder an den überraschendsten Orten Bücher. Ich las alle, zuerst die Unterhaltenden: Karl May, der mir Zuhause verboten war, Hans Dominik, C. S. Forester, Mika Waltari und Sienkiewicz, dann entdeckte ich die anderen: Theodor Storm, Kleist, Tolstoj, Stifter, die Droste-Hülshoff und all die bürgerlichen Autoren des vergangenen Jahrhunderts, aber auch Swift oder Petronius, Herodot und Poe. Sie passten vortrefflich zu der stehenden Hitze der endlosen Sommernachmittage, es waren Geschichten, die mir für mich geschrieben schienen, deren Tempo genau zu meinem Erleben passte und deren Geschmack ich noch heute auf der Zuge habe.
    Wenn ich sicherlich meine Initiation in die Literatur verkläre, sie allerdings auch nicht anders beschreiben kann, so ist sie in meinem und im Gefühl des Vierzehnjährigen ebenso wahr, wie sie im Moment des Hinschreibens verlogen und falsch klingt.
    Meine Großmutter war voll baptistischer Frömmigkeit, die trotz der Furcht vor Gottes Strafgericht selbstbewusst und elitär, dabei ohne jeglichen Selbstzweifel ist. Sie war eine geschäftige, fleißige Frau, die zur Pedanterie neigte, wenn es um die Reinhaltung der Wohnung ging. Sie pflegte zweimal täglich mit einem Kamm die Fransen des Berberteppichs im Wohnzimmer in Reih‘ und Glied zu bürsten. Obwohl sie aus einer Großbauernfamilie aus Pasenow stammte, war sie nicht sehr gebildet, was ich bei ihr allerdings nie als Mangel empfunden habe. Im alltäglichen Leben wirkte sie oft schroff und abweisend, und von einer mutwilligen Gottheit wurde sie im Alter mit unfreundlich verkniffenen, verbissenen Gesichtszügen ausgestattet, die jedoch nur die Maske über einer humorigen Launigkeit waren, die manchmal aus Augen und Mundwinkeln sprang. Trotz ihrer nur selten ans öffentliche dringenden Vorurteile war sie im christlichen Sinne menschenfreundlich, hilfsbereit und dabei der einzige mir bekannte Mensch, der mit dem Lauf seines Lebens in vollkommener Harmonie übereinzustimmen schien.
    Nicht einmal der plötzliche Tod meines Großvaters schien sie später aus ihrer inneren, gefestigten Ruhe, die sie wahrscheinlich zum größten Teil aus ihrem Glauben schöpfte, geworfen zu haben. Ihre einzige Beunruhigung schien mir die Bewältigung der Kondolenzbesuche, der Beerdigung und des Leichenschmauses. Danach ist sie zielstrebig in ihren Alltag zurückgekehrt, dessen durch den Tod entstandene Freiräume sie mit dem Umordnen des Hauses und dem Vernichten von Erinnerungsstücken und Möbelstücken füllte.
    Dabei fällt mir ein: Ich half beim Ausräumen dieser Möbel mit. Bei jener Gelegenheit wagte ich es zum ersten Mal, mich den Sessel meines Großvaters zu setzen. Es war ein hässliches, abgewetztes Ding in grünem Cord mit dunkelbraunen, hölzernen Armlehnen. Hier hatte ich ihn während meiner Ferien jeden Abend ab acht Uhr sitzen sehen, ein mit dem Fernseher verbundenes Hörgerät im Ohr, über dem er wie schützende eine Hand zur Muschel formte, die Augen hinter der dicken Brille halb geschlossen.
    Während ich saß und mir den alten Mann noch einmal bewusst machen wollte, bemerkte ich plötzlich, wie meine Daumen an einer Unebenheit der Armlehne rieben. Ich sah hinunter. Im Lack waren links und rechts Vertiefungen, die bis in das helle Holz des Sessels reichten. Diese Gruben hatte die Tiefe und Form meiner Finger. Mit Schaudern stellte ich fest, dass ich das Werk meines Großvaters fortsetzte. Er hatte in jahrelanger nervöser Arbeit seine Daumen immer tiefer in das Holz gerieben. So nah wie in diesem Moment bin ich ihm danach nie mehr gekommen.
    Zurück zu meiner Großmutter: Die Pflege des altersschwachen und oft wegen seiner Hilflosigkeit zornigen Ehemannes hatte sie bis an den Rand der Leistungsfähigkeit erschöpft und sie wirkt erleichtert, dieser Bürde ledig zu sein. Sie erinnerte mich in ihren letzten Lebensjahren sehr an die Heldin von Sackville-Wests bemerkenswertem Roman Erloschenes Feuer.
    Mit vierzehn ahnte ich natürlich wenig von ihrem Charakter; viel zu sehr mit mir selbst beschäftigt, hatte ich nicht die Möglichkeit oder gar die Menschenkenntnis, sie zu beobachten. Ich nahm sie ihrem Status als Großmutter gemäß als einen um mein Wohl besorgten Menschen, dem ich ein Eigenleben nur insoweit zugestand, als es mit meinen Interessen nicht kollidierte. Das waren Fernsehen und das Lösen von Kreuzworträtseln. Ansonsten hatte sie auf Abruf zu meiner Verfügung zu stehen, wenn ich sie benötigte. Dafür respektierte ich widerwillig ein paar Schrullen oder das, was ich für welche hielt, wie zum Beispiel ihr ständiges hinter mir her räumen, der ich eine Spur Unordnung bei meinen Erkundungen durch das Haus legte. Das kannte ich auch abgeschwächt von meiner Mutter, aber die Großmutter tat es im Gegensatz zu ihr ohne zu klagen. Als einzige Hilfe bei der durch mich entstandenen Mehrarbeit ließ ich mich dazu herab, jeden Mittag abzutrocknen; dies jedoch nur, weil ich von der Mutter ausdrücklich dazu angehalten worden war, als sie mich am Anfang der Ferien in den Zug Richtung Berlin setzte.
    Ich gestand niemandem, hier längst noch nicht der selbstsüchtigen Rolle des Kindes entwöhnt, einen Wandel von Gesinnung, eine Entwicklung, Eigenleben zu. Jedermann sollte sich dem Bild, das ich von ihm hatte, entsprechend verhalten und, sofern mit mir verwandt, auch freundlich zu mir sein. Obwohl ich alle mit meinem Verhalten abstieß, meine phlegmatische, interesselose, mit Impertinenz getuschte Art und das unglückliche Äußere zurAbneigung, ja, Ekel reizten, vernachlässigten die Großeltern trotzdem ihre Sorgfalt und Freundlichkeit nie. Das rechne ich ihnen in tiefer Dankbarkeit an. Ich weiß inzwischen aus eigener Anschauung, dass nichts schwerer ist, als einen launenhaften, faden und dabei verschlossenen Vierzehnjährigen zu ertragen, ohne ihm zwei- bis dreimal am Tag ins Gesicht zu schlagen. Sie taten es nicht, das war mehr als Verwandtschaft, das war echte Nächstenliebe.
    Der Großvater war eine dominante Person, deren bloße Anwesenheit eine bezwingende Autorität hatte. In vielerlei Hinsicht glich er einem biblischen Patriarchen, einem Sippenoberhaupt, dessen Alter und Weisheit die letzt entscheidende Instanz bildete. Nahezu taub und nach Staroperationen schlecht sehend, saß er bei Familienfesten am Ende der Tafel und schien mit halbgeschlossenen Augen schwerwiegenden Dingen nachzusinnen. Wenn er ab und an etwas sagte, hatte es in der Regel nichts mit den Gesprächen zu tun und glich in seinen letzten Jahren tatsächlich oft den Konklusionen einer seltsamen, mittelalterlichen Mystik. Obwohl er nie Philosophie gelesen hatte und sie sicher auch nicht verstanden hätte, war sie doch das Feld, in dem er sich heimisch fühlte: Er war ein Jakob Böhme des zwanzigsten Jahrhunderts und es schade, dass es von ihm keine Aufzeichnungen gibt. In meiner Erinnerung ist noch eine eigenwillige Deutung der biblischen Versuchungsgeschichte, bei der ihm der Baum der Erkenntnis für die Lust der Frau, die Schlange für den Penis des Mannes und der Apfel für ihre Brust standen.
    Bis zu seinem fünfundsiebzigsten Lebensjahr (!) ging er dem ehrbaren Beruf eines Schlossers nach, aber der aus ärmlichsten Verhältnissen stammende Arbeiter fühlte sich immer auch zu Höherem, zur Kunst berufen. Er malte, vom Jugendideal der christlichen Wandervogelbewegung geprägt, ideale Landschaften, die er in der Regel von Postkarten kopierte und veredelte. Natürlich blieb er wie auch in seinen späteren philosophischen Gedankenflügen im guten, reinen Sinn Dilettant, in Auffassung und Durchführung naiv.
    Wie seiner Frau waren dem Großvater Fleiß und Ordnung eine Grundtugend. Auch in der Rente hatte er einen strengen Arbeitsplan, der ihn nach dem Frühstück und einem intensiven, vollständigen Lesen der Tageszeitung bis zum Abend einspannte und auch den Sonntag nicht aussparte. Der Garten und das mit eigenen Händen erbaute Haus boten ihm dazu Anlass genug. Bis zu seinem neunzigsten Lebensjahr war er agil genug, auch schwere Arbeiten auszuführen, das Dach zu decken, Wege zu verlegen oder sich neue handwerkliche Spielereien zu überlegen, die die Arbeit im Haushalt erleichtern sollten, es aber nicht in jedem Fall taten. Das war übrigens seine wahre Begabung: Er war der geborene Handwerker. Von der Schreinerarbeit bis zur Reparatur einer Uhr, vom Mauern bis zum Verlegen einer elektrischen Leitung, er war in jedem Handwerk gleich heimisch, eine Art von Universalgenie, das seinesgleichen suchte.
    Sich selbst betrachtete er als faul; auf ungläubiges Nachfragen führte er aus, es gäbe zwei Kategorien von Faulheit: Die eine, häufigere, schiebe anfallende Arbeit beständig vor sich her, sei immer dabei, zu beginnen und komme doch nie weiter, bis sich die Arbeit von selbst oder durch einen anderen erledige (das war wohl auf meine Art, mit Problemen zu leben, gemünzt), die andere Faulheit aber, also seine, würde voller Elan eine Arbeit beginnen und sie dann so langsam und genau wie möglich ausführen, immer beschäftigt wirken und doch nie fertig werden. Das ist die Konklusion von Hesses Novelle Unter der alten Sonne. Ich bezweifle allerdings, ob er die Novelle kannte.
    Tatsächlich ließ er sich bei seinen Arbeiten unglaublich viel Zeit und führte sie mit kleinlicher Akribie aus, doch faul war er sicher nicht, denn zum einen war seine Arbeit meist selbstgewählt und zum anderen wurde er immer mit ihr fertig. Warum er mir gegenüber mit seiner Faulheit kokettierte, ist mir nicht klar. Er war ein pedantischer Perfektionist, der, wenn er es wollte, jahrelang an einer Uhr bastelte, bis sie wieder ging.
    Religion war ein fester Bestandteil im Leben der Großeltern. Als täglicher Ritus wurde vor jedem Essen gebetet, die Großmutter ging regelmäßig in die Kapelle und zu Bibelstunden, morgens beim Frühstück wurde ein Kalenderblatt mit Bibelzitat und längerer Auslegung gereicht, das zu lesen ich damals ebenfalls gezwungen war. In meiner Erinnerung ist der Genuss von Schmalzbroten, die ich ausschließlich in Berlin verzehrte, fest mit salbungsvollen Worten in Einheit gekommen. Wenn ich heute als Vegetarier unfreiwillig zu einem Kirchenbesuch verdammt werde und einer Predigt lauschen muss, habe ich den Geschmack von Schmalz auf der Zunge.
    Ob auch der Großvater religiös war? Ich meine nicht, aber die Meinungen gehen auseinander und vielleicht hätte er selbst diese Frage ob ihrer Einfachheit abgewiesen und sie mit der Bemerkung gewürzt, dass einfache Fragen immer zu fehlerhaften oder falschen Antworten führen. Mit Sicherheit dachte er viel über Gott und die Mythen der Bibel nach, über die er dann ja in oft eigenwilliger und schöpferischer Art philosophierte. Das hat er sein Leben lang getan und seine Meinungen haben sich im Laufe der Jahre entwickelt. Glaube im Sinne einer gefühlsmäßigen oder anerzogenen Sicherheit war ihm allerdings nie gegeben; er war ein Verstandesmensch und las die Bibel, die das zentrale Buch war, aus dem er Ideen und Anregungen bezog, mit der Kritik seiner Urteilskraft. Er war endlos weit entfernt vom Glauben der Großmutter, zu deren christlichen Leben vor allem auch ein Teilnehmen in der Gemeinde gehörte. Gottes Existenz hat er wohl nie ernsthaft angezweifelt, aber er war ihm nicht der gütige Vater des Neuen Testamentes, vielmehr die halbheidnische allmächtige und allumfassende Gottheit der Juden, am ehesten der Demiurg; ein Christ aber war er, zumindest in seinen späten Jahren, in denen ich ihn kennen gelernt habe, nicht, mit entschiedener Sicherheit nicht, er glaubte wahrscheinlich nicht einmal an ein Leben nach dem Tod. Ob sich seine Ansichten während seines Sterbens noch einmal änderten, weiß ich nicht.
    Ein herausragender Bestandteil im Leben der Großeltern war ihre strenge, an Balzacs Grandet erinnernde Sparsamkeit, um nicht zu sagen, ihr Geiz; die beiden hatten sich über magere Jahre einen spartanisch kargen Lebensstil angewöhnt und ihn auch, als man sie mit Fug begütert nennen konnte, nicht abgelegt. Kleidung wurde ewig getragen, Verschlissenes immer wieder repariert, den Garten ließ man in heißen Sommern vertrocknen, um Wasser zu sparen. Die Speisen waren einfach und billig, die gekochte Kartoffel stand im Mittelpunkt des Menüplans, Gewürze waren praktisch unbekannt, Eier konnte man nur im Kuchen finden. Getrunken wurde zweimal am Tag, nämlich morgens dünner Kaffee und am Abend Bier oder Saft. Den Höhepunkt der Dekadenz bildeten ein abendliches Glas selbstgekelterten Obstweines und vielleicht ein paar Pralinen; wobei sich der Großvater an einem kleinen Stück Schokolade stundenlang verlustieren konnte, ihn zu beobachten, wie er etwas Süßes aß, gab dem Begriff „Genuss“ eine ungeahnte Dimension.
    Ich nahm im übrigen in Berlin immer zu, denn das Essen war zwar billig und einfach, aber schmackhafter, reichlicher und vor allem regelmäßiger als Zuhaus und es musste selbstverständlich vollständig gegessen werden.
    Der Sonntag war im Haus der Großeltern ein großes Ereignis; obwohl auch er feste Regeln besaß, waren doch die seinen vom Gleichlauf der anderen Tage unterschieden. Es wurde morgens länger geschlafen. Trotzdem war ich müde, da in den Räumen, die ich im ersten Stock des Hauses für mich allein bewohnte, ein ausgemusterter, aber funktionstüchtiger Schwarzweiß-Fernseher stand und das Samstagabendprogramm das interessanteste und längste war. Mir hatten es vor allem die beiden Ostkanäle angetan, die wir Zuhause nicht empfangen konnten und in denen ich ganz erstaunliche Dinge zu sehen bekam. Zudem hatte das Ostfernsehen den Reiz des Verbotenen, da die Großeltern befürchteten, mein junger, formbarer Geist vom würde „Schwarzen Kanal“ beeinflusst. Diese Sorge war allerdings unbegründet, da ich Western und Krimis und nicht politische Bildung suchte.
    In der Nacht zu jenem Sonntag, über den ich nun schreiben werde, den 23. August 1977, hatte ich einen im „Zwölf-Uhr-Mittags“-Stil gedrehten Film mit Kirk Douglas und Anthony Quinn gesehen, der mir noch Jahre als atemberaubend spannend in der Erinnerung verblieb und mich damals lange am Einschlafen hinderte. Beim späteren Wiedersehen des Westerns war er einer von vielen, am erstaunlichsten war noch, dass die mich damals so sehr beeindruckenden Schwarzweißbilder in Wirklichkeit farbig sind; diese Entdeckung hatte etwas von der Erkenntnis, dass es keinen Weihnachtsmann gibt.
    Jener Sonntag, dessen Frühstück ich schlaftrunken über mich ergehen ließ, war ein ganz besonderer: Zum Kaffee wurden ganz spezielle Gäste erwartet, nämlich ein erst am Wochenende zuvor aus der DDR geflüchteter Verwandter, ein Arzt der Ostberliner Charité, der mit Frau und zu diesem Zwecke betäubten Kleinkindern für viel Geld im Kofferraum des Wagens eines Schweizer Diplomaten Republikflucht begangen hatte und heute bei Frankfurt lebt. Der Arzt hatte sich für seine Flucht ausgerechnet einen Abend gewählt, an dem meine Großeltern mit einer Tante in den Osten der Stadt gefahren waren, um andere Verwandte zu besuchen. Ich war allein im Haus geblieben und erwartete sie gegen zehn Uhr wieder zurück. Da jedoch die Flucht vor ihrer Heimkehr bekannt wurde, hielten sie die DDR-Zöllner am Kontrollpunkt auf, ließen sie ohne Angabe von Gründen mehrere Stunden im Auto sitzen, bis sie sie dann doch fahren ließen.
    Nun, nach einer Woche hatte sich die meiste Aufregung gelegt und die vergrößerte Familie wurde zum Nachmittag erwartet. Ich war fest entschlossen, einen Kriminalroman über „Republikflüchtige“ zu schreiben, den ich „Das Loch in der Mauer“ nennen wollte. Beim Frühstück fragte mich die Großmutter, wer denn „Elvis Presley“ sei, sie hatte beim Friseur gelesen, dass er in der vorigen Woche verstorben wäre. Ich hatte zwar von ihm gehört, konnte aber auch keine nähere Auskunft geben, denn ich stand mit zeitgenössischen Musikern und deren Klängen damals fast ebenso sehr auf Kriegsfuß wie meine Großmutter selbst; aus meinem Kassettenrecorder ertönten stundenlang die Anfangstakte von Tschaikowskijs b-moll-Klavierkonzert, das war so ziemlich die einzige Art von Musik, die mir gefiel. Ein paar Jahre später blamierte ich mich, als eines Morgens ein betroffener Klassenkamerad mit atemloser Stimme berichtete, dass man in der Nacht John Lennon ermordet habe und ich ihn erst fragen musste, wer das denn sei.
    Was ich den weiteren Vormittag gemacht habe, ist nicht mehr in meiner Erinnerung, ich weiß nur noch, das Wetter an diesem Tag war unbeständig und die Großmutter beschloss, das nachmittägliche Kaffeetrinken im Hause stattfinden zu lassen. Wahrscheinlich habe ich gelesen, aber nicht Literatur, sondern ein Comicheft, denn ich war nervös, da auch meine Cousine an dem Treffen teilnehmen würde.
    Einer der Räume des ersten Stocks glich ein wenig einer Schiffskabine, er hatte ein kleines Fenster und seltsamerweise war die Decke zur Wand hin auf zwei Seiten stark abgerundet. Das war mein Lesezimmer, wenn das Wetter verhinderte, im Garten sitzen zu können. Hier wartete ich am frühen Nachmittag, sah aus dem Fenster auf die kleine Straße, einer im tatsächlichen Sinne des Wortes Sackgasse mit nur fünf Häusern im Rund und hielt nach den Autos der Besucher Ausschau.
    Als ich sie endlich eintreffen sah, schlüpfte ich in meine Schuhe, stürzte atemlos die ersten Stufen der steilen Treppe hinab, kehrte noch einmal um, weil ich meine "Jarmulke" vergessen hatte. Die Cousine sollte mich nicht ohne dieses Kleidungsstück sehen, das mir wie ein Ausrufezeichen hinter meinen besten Charaktereigenschaften war.
    Bereits in ein Gespräch vertieft, kehrte ich kurze Zeit später an der Seite des Mädchens knapp hinter den anderen Verwandten ins Haus zurück und trat ins Wohnzimmer, das bereits für den Nachmittagskaffee gedeckt war. Die Großmutter werkelte in der Küche, vom Großvater war nichts zu sehen.
    Plötzlich spürte ich eine feste, dünne Hand auf meinem Kopf, die mir meine Kappe mitsamt ein paar Haarbüscheln herunter riss. Aufschreiend wand ich mich herum. Halb erwartete ich, dass mein kleiner Cousin mir wieder einen Streich gespielt hatte. Der Achtjährige Knirps hatte natürlich als einziger begriffen, was zwischen seiner Schwester und mir lief. Aber diesmal war er unschuldi. Er saß draußen im Regen auf der Schaukel.
    Auch meine Cousine und die andere Verwandtschaft drehten erstaunt den Kopf. Mein Großvater stand hinter mir. Er war ein wenig kleiner als ich, aber in diesem Moment eine beeindruckende Erscheinung. Seine Hand, die Hand eines Schlossers, hielt er fest um die Kappe geklammert. Er funkelte mich böse an, dann wurden seine Augen milder.
    "Wir tragen im Haus keine Mützen. Das ist hier Tradition", sagte er und steckte die Kappe ohne einen weiteren Kommentar in seine weite Hose. Er lächelte und verließ den Raum. Ich hatte kein Verhaltensrepertoire, rieb mir den schmerzenden Kopf und schämte mich. Meine Cousine kicherte. Ich suchte nach einem Mauseloch, in dem ich mich verkriechen konnte und flüchtete in den Garten. Lieber wollte ich nass werden, als mich hier weiter anstarren zu lassen. Ich hörte, wie hinter mir gelacht und gesprochen wurde.
    Ich hatte diese Kappe bereits seit drei Wochen vor den Augen meines Großvaters in seinem Haus getragen und er hatte sie nie einer Beachtung für Wert befunden. Woher kam also plötzlich diese Überreaktion, wenn es überhaupt eine war? Warum demütigte er mich vor der Verwandtschaft und dem Mädchen, das ich beeindrucken wollte? Weshalb wählte er exakt diesen Moment, an dem ich mich am sichersten fühlte. War das Gedankenlosigkeit oder ein Plan?
    Die Mütze hat er mir übrigens nicht wieder zurückgegeben und ich habe mich nie getraut, ihn nach ihr zu fragen. Sie tauchte nie wieder auf. Ich habe sie auch nicht gefunden, als wir das Haus nach seinem Tod ausräumten.
    -



    ------------------
    hks
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  2. #2
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Tradition - Nachschrift

    im ernst, klammer?
    (...) dass man in der Nacht John Lennon ermordet habe und ich ihn erst fragen musste, wer das denn sei.

    wie alt warst du?

    ich werde tradition noch mal ganz lesen. ist immer so unruhig hier. die hintergrund-info hat mich richtig neugierig gemacht.
    warum hat er das getan, dein alter großvater?
    im ersten moment, gemeiner greis. oder was wollte er dir mitteilen?
    be-hüte dich, lass los, sorge gut für dich,
    hänge dein herz nicht an die falschen (dinge), ...

    mega-interessant!!!

    muss leider los ...
    lg
    e.

  3. #3
    e.m.
    Status: ungeklärt

    AW: Tradition - Nachschrift

    Wow, 98 ist der geworden? Beeindruckend! Aber auch eine Menge unruhiger Zeiten mitgemacht...

    Den Text muß ich auch nochmal in Ruhe durchlesen, heute Nacht oder so.

    Falls eine Fremdmeinung auch gefragt ist (von einem Forumsfremden, meine ich).

    Gruß
    e.m.

  4. #4
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Tradition - Nachschrift

    hallo klammer,

    du schriebst: "Dieser Ausschnitt ist eine Erinnerung. Er stellt weniger ein Stück Literatur dar..."
    der meinung bin ich nicht. das ist ein schönes stück literatur. ich habe gestern auch endlich "Tradition" zu ende gelesen und es gefiel mir sehr, mehr kann ich dazu leider nicht sagen, au?er daß mich an so manchen stellen der ekel überkam, was ich persönlich aber nicht als nachteil empfinde.

    bye
    tt

  5. #5
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Tradition - Nachschrift

    ...ich danke für diese ersten Gedanken.

    Als John Lennon 1980 starb, war ich 17 Jahre alt. Ich hörte ausschließlich klassische Musik, bevorzugt die Romantiker; von den Beatles hatte ich natürlich gehört, aber sie interessierten mich nicht.
    Ich kann mich übrigens sehr genau an diesen Tag, an Montag, den 8. Dezember 1980 erinnern. Ich ging in die 10. Klasse. Es war ja in der Vorweihnachtszeit und wir hatten beschlossen, unsere Lehrer buchstäblich einzunebeln. Jeder Schüler brachte von zu Hause Räucherstäbchen und Kerzen mit. Der Schuss ging auch nach hinten los: Bereits um dreiviertel Acht stand dicker, beißender Qualm im Klassenzimmer. Ich ging hinaus, um im Gang frische Luft zu schnappen. In dem Augenblick sprach mich Stefan an, unser Klassensprecher, der gerade erst kam. Er war sichtlich erschüttert, denn er hatte eben in den Morgennachrichten von der Ermordung Lennons gehört. Und ich wusste wirklich nicht, von wem er sprach. Er konnte mich auch nicht mehr aufklären, weil in diesem Moment unser eiserner Mathelehrer kam und uns bei geschlossenen Fenstern und Türen eine Stunde lang leiden ließ.
    Lennon wurde in diesem Forum übrigens schon einmal diskutiert.

    Ich habe natürlich ein wenig kokettiert, als ich schrieb, dieser autobiografische Text sei keine richtige Literatur. Wenn ich schreibe, bemühe ich mich immer ums Wort. Aber der Text ist nicht dazu gedacht, dass Robert ihn Wort für Wort zerpflückt. Ich wollte einfach eine der Quellen zeigen, aus denen "Tradition" entsprungen ist. Das wollte ich mit der Einleitung andeuten.

    Gruß, Klammer

    [Diese Nachricht wurde von Klammer am 22. November 2001 editiert.]
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  6. #6
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Tradition - Nachschrift

    Ich erinnere mich, als Rudi Schuricke starb. Ja richtig, der mit dem "Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt". Damals ebenfalls ein Hammer in der Schlagerszene.
    Aufschrei? Kein Vergleich? War Schuricke, Lennon oder Mozart etwas anderes als in Noten gesetzte gefällige Verbindlichkeit?

    Frage: Was ist Genie..... außer mir?

  7. #7
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Tradition - Nachschrift

    Ist es nicht seltsam, wie solche Todesfälle die privaten Erinnerungen konservieren können? Es heißt, alle Amerikaner wüssten, was sie taten, als J.F.K. starb.
    Für meine Schwester (zehn Jahre älter als ich) ist der Todestag von Jimi Hendrix in die Erinnerung gebrannt. Ich weiß z. B. noch, was ich an dem Tag tat, als Freddy Mercury starb.
    Ich denke, wir werden alle nicht vergessen, was wir am 11. September taten.

    Gruß, Klammer

    Was das alles mit Tradition und meinem Großvater zu tun hat, weiß ich allerdings auch nicht.
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  8. #8
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Tradition - Nachschrift

    Gar nicht seltsam. So funktionieren Erinnerungen wohl meistens - die Verbindung von abstrakten Ereignissen mit eigenen, konkreten Wahrnehmungen. So, wie die Erinnerungen an Deinen Großvater eben auch. Eine Merkwürdigkeit kann ich beisteuern: Am Tag, als einer der greisen Sowjet-Führer (L. I. Breshnew) das Zeitliche segnete (ich war Schüler der 8. Klasse in Ost-Berlin), unterbrach uns in unserem pubertären Herumgealbere eine Lehrerin mit den Worten: "Wie könnt Ihr nur lachen? Unser Genosse Breshnew ist gerade von uns gegangen. Das ist ein schrecklicher Tag für uns alle."
    Ohne Quatsch. Sie hat es gesagt. Mit diesen Worten. Das vergesse ich nie.

  9. #9
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Tradition - Nachschrift

    1977, zwanzig Jahre zuvor war ich bei meinem Onkel zu Besuch am Tegeler See. Er, selbst Russe, erklärte mir russische Bücher, zeigte allerdings auch, wie man Krebse fängt und verspeist. Ich entschied mich für die leckeren Tierchen.
    So prägt Berlin.

  10. #10
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    AW: Tradition - Nachschrift

    so - was lange währt... - hausaufgaben gemacht... -

    äußerst feinsinnig, deine tradition -
    schwingt und setzt sich in den nervenbahnen fest.
    proustische nuancen in einer kafkajesken welt , auch nietzsche ("wo beginne ihr ende schon tagen - da will ich sein - will anfang und wehe - will schluss und leid."...).
    manchmal auch feindsinnig. ein geheimer racheakt, buchstaben, die ins gesicht spucken.
    ein selbstgespräch, an dem du uns notgedrungen teilhaben lässt... .
    ich wurde in den bann gezogen, habe öfters gelächelt, einmal schallend gelacht (das gebet aus dem computerbuch, hihi, wunderbar!).
    der stil ist mir sehr angenehm, scheint aus einer anderen zeit zu sein.
    das gefällt mir!

  11. #11
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Tradition - Nachschrift

    Lieber Paul,

    ich hätte nicht gedacht, dass du dich tatsächlich der Mühe unterwirfst, diesen Text zu lesen. Um so mehr weiß ich dein Lob wirklich zu schätzen.

    Du hast drei Autoren genannt, die dir beim Lesen in den Sinn kamen: Proust, Nietzsche und Kafka. Nun, wenn dir Nietzsche aus den Gedichten entgegen lächelt, so mag das sein, es sind Gedichtzeilen, die ich mit sechzehn, siebzehn geschrieben habe und hier in Ermangelung von Besserem eingefügt habe. Was mir damals an Vorbildern im Kopf spukte, weiß ich nicht mehr so genau, aber wie ich meiner Leseliste, die ich seit damals führe, entnehme, habe ich zu dieser Zeit tatsächlich Nietzsche (Zaratustra und die fröhliche Wissenschaft) gelesen. Da ist sicher etwas hängen geblieben.
    Proust? Ich habe nur "Eine Liebe von Swann" gelesen, damals, als der Film ins Kino kam. Dieser Roman war neben dem "Nachsommer" von Stifter vielleicht das als am langweiligsten empfundene Buch, das ich je in der Hand hatte. (Aber ich habe natürlich "la recherche" im Bücherschrank zu stehen und mir fest vorgenommen, sie heuer in den Urlaub mitzunehmen.)
    Kafka? Den habe ich auch schon ewig nicht mehr gelesen (deshalb bin ich ja auf den Gaul hereingefallen). Auch ihn zähle ich zu den eher langweiligen Leseerfahrungen. Beeinflusst, auch bei Tradition, bin ich wohl eher von seinen literarischen Vätern, von Gogol und vor allem von E.T.A. Hoffmann (Der "Kleine" war hier mein Kater Murr, den er sogar zitiert hat, hat aber niemand bemerkt).
    Nietzsche, Kafka und Proust. Ich nehm's als Kompliment, du hättest mich auch an schlechteren Autoren messen können.
    Und was meine Sprache angeht: Sie ist für viele wirklich aus einer anderen Zeit, über sie wurde hier im Forum schon häufig diskutiert. Ich empfinde meine Sprache natürlich nicht als altertümelnd, sie ist sauber und stört nicht beim Lesen. Nur wenn ich mein Handwerk beherrsche, kann ich auch das schreiben, was ich ausdrücken will.

    Gruß, Klammer
    Aber ein Traum - nikolaus-klammer.blog

  12. #12
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    AW: Tradition - Nachschrift

    hm, wahrlich nicht die feine Art, Dir mit Autoren entgegenzuworten - aber Handwerker, der Du bist, wirst auch in großen Schmieden erst gespickelt haben - deswegen die Vergleiche - sie sollen nur Atmosphäre erscheinen... -
    tja, Nietzsche, wohlwahr, mit 17 - ab 30 dann die Reife eines Diogenes, hauptsache keiner steht in Licht... -
    Proust kann man in diesem Leben wahrscheinlich gar nicht lesen, so viel Zeit hat heute keiner mehr... - 100 Seiten über die Beschreibung eines Zustandes in einem Raum der Kindheit, da beginnt selbst der geduldigste Schöngeist nach n'büschn äktschn zu hecheln... -
    Kafka kam mir auch nur so in den Sinn, Poe lag nahe neben dran - Bataille dann noch und Baudelaire - Du weißt schon was ich mein... -
    (Houllebecq schwitzt sich dafür ganz schön einen ab - aber immerhin, die feuilletons - naja...) -
    Gogol, das freut mich natürlich ungemein - schaut man über die toten Seelen einmal hinaus (Kult!), so entdeckt man da hübsche ukrainische Blümchen, die einen nur lächelnd zurücklassen... -
    noch was?
    ach ja - altertümelnd ist nicht negativ, schon gar nicht bei einem Text, der Tradition
    getauft wurde... - sauber, das stimmt, gestolpert bin ich selten... .
    wohlan!

  13. #13
    rodbertus
    Status: ungeklärt

    AW: Tradition - Nachschrift

    Gadamer, der große Hermeneutiker, behauptete, daß es nur einen Traditionsfluß gäbe.

    Ich bezweifle das. Ich glaube, auch Klammer bezweifelt das. Wenn es nur einen gäbe, dann müßten wir alle aus dem selben Brunnen schöpfen, der in einer endlichen Tiefe endliche Ergebnisse zu Tage förderte. Dem ist aber nicht so.

    Wer kennt sie nicht, die Kreuz- und Quergraber, die sich keinen Deut darum bekümmern, ob der Brunnen nun einen auszumachenden Grund hat?

  14. #14
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Tradition - Nachschrift

    Wie ich in den ANTILOPEN und auch im ENGEL IM SPIEGEL behaupte, hängt die Erinnerung manchmal an einem Datum. Heute ist der Todestag von Elvis und obwohl mich seine Person und seine Musik nie interessiert haben, fällt mir alles wieder ein: Meine nun viele Jahre tote Großmutter, ihr Frisörbesuch, meine Jarmulke, jener ferne Sommer 1977.
    Wie kann es sein, dass die ersten bewusst erlebten zwanzig Jahre im Leben (so von 5 bis 25) mir in der Erinnerung objektiv länger scheinen als die darauffolgenden, in denen ich doch immerhin meine Kinder großgezogen habe? Ob sie diese Zeit wohl ebenso intensiv erleben?

    Wie lautet doch der Titel der neuen Grass-Biografie so schön?
    "Beim Häuten der Zwiebel"

    Gruß, Klammer
    Aber ein Traum - nikolaus-klammer.blog

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