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Thema: Theologische Dispute

  1. #151
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    AW: Theologische Dispute

    Danke für die Erläuterungen und Hinweise. Muß mir das mal in Ruhe ansehen. Wie schon weiter oben gesagt, interessiert mich beim Thema Religion die Frage geschichtliche Fakten vs. Legenden nur in zweiter Linie. Wenn Religion überhaupt für unser Leben und Zusammenleben eine Rolle spielen will und kann, dann nur mit Inhalten. Ob Jesus und Maria historische Gestalten waren, ist im Grunde völlig uninteressant und irrelevant für das, was dieser Jesus gesagt haben soll. Da aber diese Botschaft - von wem auch immer stammend und aus welchem historischen Kontext auch immer entstanden - im Laufe der 2000 Jahren so oft verfälscht, gefälscht, verbogen und instrumentalisiert wurde, ist es schwer, Fakten und Legenden auseinanderzuhalten. Und deshalb kann es nur um den Inhalt, die Message gehen. Alles andere ist Folklore, Literatur, Kunstgeschichte und Politik.

    Und in diesem Zusammenhang wären natürlich inhaltliche Übereinstimmungen bzw. gemeinsame Wurzeln und Quellen von Interesse. Es leuchtet mir ein und ist auch erwiesen, dass AT und NT vieles aus der Antike und der ägyptischen Mythologie übernommen haben. Moses war ja vielleicht selbst Ägypter. Jedenfalls dürfte der Exodus der Juden aus Ägypten eine Fiktion sein. Es gab wohl nie eine Gefangenschaft einer größeren Anzahl von Juden in Ägypten. Moses dürfte ein ägyptischer Heerführer gewesen sein, der nach einem Zerwürfnis mit dem Pharao das Land verließ und möglicherweise zum Anführer der Israeliten wurde. Oder auch nicht. Jedenfalls dürfte hier einiges vermengt worden sein.

    Die Fakten- und Quellenlage zu deiner These ist auf den ersten Blick überschaubar. Dafür ist die ägyptische Götterwelt und Mythologie umso reicher und fantastischer, wenn auch mit vielen Fragezeichen behaftet.

  2. #152
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    AW: Theologische Dispute

    Ich habe das Gefühl, daß hier zwei Dinge vermengt werden, die getrennt werden müssen:

    1. Schein und Seyn und
    2. Kanonisierung und Faktizität.

    Zuerst einmal ist der Gottesbegriff bei den einzelnen Religionen sehr unterschiedlich. Das ist ja das, was Religionen in ihrem Kern unterscheidet und weswegen man sie nicht alle synkretisieren kann. (Das ist aber genau das, was seit vielen Jahren im Namen der Humanität oder des Verstandes von Glaubenslosen versucht wird.) Zum anderen berühren sich zwangsläufig Religionen, so wie sich Mathematik und Physik gelegentlich berühren, wenn ich den Vergleich wagen darf. Es ist ein Unterschied, ob ich im Kern der Religion einen Gottesbegriff besitze, der mich als Gläubigen/Anhänger an Regeln bindet, die mich als Person außen vor lassen, oder ob der Kern meines Gottesbegriffes Freiheit und Liebe lautet. Es ist ein Unterschied, ob ich mich einem Gott unterwerfen muß oder ihm von Angesicht zu Angesicht begegne. Jede Religion enthält Bestandteile der Liebe oder der Güte (weil sie ein Produkt menschlicher Sehnsucht ist, ist das so), aber es ist doch ein gewaltiger Unterschied, ob ich diese Liebe ins Zentrum stelle (meinetwegen auch als Postulat) und von daher grundsätzlich in der Wirklichkeit scheitern muß oder ob ich sie als Akzidenz nur zu einer eben dazugehörigen Nebensächlichkeit bestimme, im Grunde aber mit meinem Gottesbild darauf abziele, Menschen zu disziplinieren oder zu Teilen einer Gemeinschaft zu machen, deren Wesen auf Ausschließlichkeit abzielt.

    Das andere ist die Überlieferungsgeschichte. Es gab ein Konzil in Nikäa. 325. Auf diesem Konzil wurden aus den vielen Schriften diejenigen ausgewählt, die fortan Bestandteile der Testamente bilden sollten. Es gab aber neben diesen Schriften noch etliche, die keine Aufnahme fanden. In Nikäa wurde das Christentum auch so kanonisiert, daß Jesus als Jude bezeichnet wurde (das richtete sich gegen die stärker werdenden Arianer, die das nicht so sahen) und seine menschliche Seite in den Hintergrund gerückt wurde. Es flogen quasi alle Schriften und Texte aus dem Kanon, die Jesus zum Familienvater machten, seine Sexualität in irgendeiner Weise beschrieben oder wiedergaben, statt dessen fanden Wundergeschichten Aufnahme, die das Herz einfacher Menschen rühren konnten. Außerdem wurde die Rolle der Frau fixiert. Sie wurde zweitrangig. Jesus sah das nicht so, wie wir schon zwischen den Zeilen in den Kanon-Evangelien mitbekommen. Wie erst in den Apokryphen. Da erscheint uns eine beinahe andere Gestalt! Und ich möchte hier mal spekulieren: Es sollte mich nicht wundern, wenn irgendwann und irgendwo eine Quelle auftaucht, die uns von Nachkommen Jesu berichtet, klarer noch, als wir das itzt wissen.
    Daß es zwischen den Religionen Berührungspunkte gibt, liegt auf der Hand. Die hier aufgezeigte Verbindung zwischen dem Sonnengott-Mythos aus Ägypten und Jesus kenne ich, seitdem ich mich mit Thomas Manns "Joseph und seine Brüder" auseinandersetzte. Ich schrieb meine Magister-Arbeit über die Zeitgestaltung in diesem Werk. Kurz: Ich glaube, da ist was dran. Andererseits fehlt dem Aton doch einiges an revolutionärer Sprengkraft. Er ist viel zu weich. Das erklärt auch den schnellen Untergang der Aton-Verehrung nach dem Tode Echnatons.

  3. #153
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    AW: Theologische Dispute

    Wie gesagt, zu Gott kann ich mich nicht äussern, da ich ihn für eine Projektion menschlicher Gefühle halte. Oder eine Projektionsfläche, auf der jeder das abbildet, was ihn bewegt. Gott ist für mich ein Begriff ohne Gegenstand und mit beliebigem Inhalt, je nach dem, wer definiert.

    Was die Geschichte angeht, ist es zwar interessant, die Genese und den historischen Kontext von Religionen zu analysieren und zu studieren, für die Message selbst ist das aber bestenfalls deskriptiv und erkärend, warum, wann und wo welche Ideen entstanden. Also eine Sache für Historiker.

    Mich interessiert an Religionen fast ausschließlich deren Inhalt, die Botschaft und das, was sie für das Zusammenleben der Menschen bedeutet. Am Ende strandeten Religionen fast immer als Bettvorleger für die irdische Macht, als Rechtfergigung für allerlei Untaten und Sauereien. Von Liebe und Freiheit war fast nur in den Predigten und Büchern die Rede, selten in der Praxis was zu spüren. Und wenn, dann nur von den unteren Chargen - den einfachen Gläubigen oder Ordensleuten.

  4. #154
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    AW: Theologische Dispute

    Da ist was dran, Till. Religion diente stets auch als "Bettvorleger" für die Mächtigen. Vergessen wir jedoch nicht, daß sie auch zum Unterbau jeder Gesellschaft gehört. Ich will mal so sagen: ohne schnöde Anbetung des Mammons und die Fixierung auf diejenigen, die ihn sich erfolgreich zu beschaffen wußten/wissen, würde der Kapitalismus nicht funktionieren.

  5. #155
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    AW: Theologische Dispute

    In der Tat hat der Kapitalismus die Funktion einer Weltreligion übernommen. Von westlicher Demokratieinszenierung bis zu den (fern)östlichen autoritären Gesellschaften, von islamischen Theokratien bis zu libertären Sozietäten skandinavischen Zuschnitts, vom Äquator bis zu den Polen gibt es kaum ein Land, das nicht dem kapitalistischen Marktdiktat geradezu wie einem göttlichen Gebot oder wenigstens Naturgesetz huldigt/folgt. Nur muß ich leider sagen, dass der Kapitalismus die schlechteste aller Ordnungen ist, dass sich aber alle anderen bislang als noch schlechter erwiesen haben. Um es mal in Abwandlung von Churchill zu sagen.

    Die Natur wird das endgültige Urteil über den Kapitalismus fällen. Und, wie schon so oft gesagt, die Natur verhandelt nicht, sie schließt keinen Kompromiß und sie gewährt keinen Zahlungsaufschub. Da geht alles Zug um Zug, tit for tat.

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