Nach der Deutschen Revolution (1848/49) ebbte die Diskussion über die beste Verfassung bei den Deutschen nicht ab. Der Rechtsphilosoph Julius Stahl, ein konvertierter und später geadelter Jude, war hierbei federführend. Er betonte, daß die Volksvertretung nicht über dem Herrscher [1] stehe und die Stände nicht nur diese errscher beraten, sondern auch mitbeschließen, also mitregieren müßten. Er konnte seine Vorstellungen beim preußischen König zur Sprache bringen und ihn überzeugen. Da er auch breite Teile der Hof-Kamarilla überzeugte, konnte der preußische Staat im Sinne Stahls umorganisiert werden: die konservative Revolution, die ständische Elemente stärker einbezog und endlich die Verfassung, auf die liberale und demokratische Kräfte in Preußen seit 1813 gedrängt hatten und die vom König versprochen worden war. Der neue Staatsaufbau führte nicht zum Ausschluß basisdemokratischer Elemente. Preußen besaß fortan ein Abgeordnetenhaus, in dem vor allem finanzielle Fragen besprochen wurden, und eine Herrenkammer, die dem König Beschlüsse vorlegte, die dieser gegenzeichnen mußte, damit sie Gültigkeit erlangten. Da die Verfassung Zensur verbot, griffen Polizeimaßnahmen, die zur allgemeinen Sicherheit bestimmt wurden. Die Linken und Liberalen waren sich uneins, wußten nicht, ob sie verpaßten Chancen nachweinen oder den Kampf gegen die Konservativen annehmen wollten. Es herrschte politische Unzufriedenheit, Schlingerkurs, Pragmatik und Ziellosigkeit bei diesen Gruppen, die einen geringen, dafür aber lautstarken Bruchteil der Gesamtbevölkerung stellten. Der König wollte die Verfassung wieder loswerden, fühlte sich jedoch persönlich an seinen gegebenen Eid gebunden, den er auf dieselbe geleistet hatte.
Nebenher gedieh die Wirtschaft. Der Kapitalismus setzte sich durch. Im Land setzte eine starke Binnenwanderung von Ost nach West ein. Viele Polen und landlose deutsche Bauern zogen nach Berlin und ins Ruhrgebiet, wobeider Industrie und Bergbau entstanden. Diese Landflucht ist auf die Reformen von 1808 zurückzuführen, denn die Bauernbefreiung setzte hörige Bauern frei, die ihr bislang bearbeitetes Land verloren und als freie Landarbeiter bei spannfähigen Besitzern unterkamen, doch bei Mißernten entlassen wurden und nun in die Städte zogen. Nicht alle fanden Arbeit, was in Zeiten fehlender Sozialabsicherung bedeutete: sie wurden zum Bodensatz der kapitalistischen Gesellschaft, zum Lumpenproletariat. Mancheiner wanderte in dieser Zeit weiter bis nach Amerika und war dann dort (meistens) Lumpenproletariat. Zwar hatte der preußische Ministerpräsident von Manteuffel im März 1850 ein Gesetz erlassen, das die vorhandenen kleinen Bauernhöfe als ablösungsfähig erklärte, doch das änderte kaum etwas an dem Prozeß der Landflucht. Berlin wurde zu einer kapitalistischen Großstadt und verlor sein ländliches Gepräge, vor allem kam viel Gesindel. Der Berliner Polizeipräsident von Hinkeldey machte Gebrauch von seinen Befugnissen und wies Störenfriede aus. Aber Hinkeldeys Ordnungsfanatismus richtete sich nicht nur gegen das Lumpenproletariat, sondern machte selbst vor dem Prinzen von Preußen nicht Halt, den er während des Krimkrieges bespitzeln ließ. Mancher vermutete hier auch finanzielle Gründe, denn es kursierte ein Gerücht, daß Erkenntnisse dieser Spitzelarbeit an den französischen Botschafter verkauft worden seien. Hinkeldey übertrieb es. 1856 wurde er in einem Duell erschossen, nachdem er einen adligen Spielklub verboten hatte. Er wurde von einem Mitglied des Herrenhauses gefordert und erschossen.
1858 trat der verkalkte Friedrich Wilhelm IV. zugunsten seines jüngeren Bruders Wilhelm zurück. Wilhelm, Prinz von Preußen, war Militarist und stockkonservativ. Nun wurde er Regent, nach Friedrich Wilhelm IV. Tod 1861 König. Er entsprach vollends den Vorstellungen der höfischen Kamarilla, die in Preußen fest im Sattel saß. Gleichzeitig jedoch kam mit dem Machtzuwachs des Prinzen auch dessen liberal denkende Frau, Augusta, zum Zuge. Sie war die Enkelin Carl Augusts von Weimar und vertrat die Auffassung, daß Revolutionen durch Reformen vorgebeugt werden könne.
Kaum war Wilhelm an der Macht, entließ er Manteuffel und beauftragte den Fürsten Hohenzollern-Sigmaringen mit der Regierungsbildung. Das war seiner Frau zu verdanken, denn Wilhelm besaß keinen politischen Ehrgeiz, nur militärischen. Und er liebte seine Frau. Die Neuwahlen ergaben im Abgeordnetenhaus eine klare Mehrheit für die liberalen Kräfte. Wilhelm leistete den Eid auf die Verfassung und befestigte sie damit. Unklar war jedoch immer noch, wer im Zweifelsfall die Macht besaß: Parlament oder König? Um 1859 war es der König, aber im Parlament hatten diejenigen die Mehrheit, die für eine Beschränkung der Königsmacht eintraten und zudem in finanziellen Fragen immer noch ein Vetorecht besaßen.
Die zweite, nur vielleicht wichtigere Frage der Zeit nach 1849 blieb die nach dem deutschen Nationalstaat. Der Versuch von 1848 war gescheitert und inzwischen glaubte kaum jemand daran, daß es jemals ein einiges Deutschland geben könnte. Zu vieles sprach dagegen, der deutsche Partikularismus, das dynastische und separatistische Denken vieler Landesteile, das europäische Kräfteverhältnis. Aber manches sprach auch dafür: der Wille vieler Deutscher, Zeitgeist. Warum sollte den Deutschen versagt bleiben, was sich weltweit durchzusetzen begann, ein an nationalen Besonderheiten sich orientierender staatsbildender allgemeiner Wille?
Der andere deutsche Großstaat Österreich war derweil in den Krimkrieg verwickelt. Auch in Österreich gab es den konservativen Prozeß. Die 1849 verkündete Verfassung wurde aber im Unterschied zu Preußen 1851 wieder zurückgenommen. Das war kein Wortbruch, sondern eine Notwendigkeit, denn die Verfassung ließ sich nicht durchführen, es sei denn, das Beamtentum wäre vollends ausgetauscht worden. Doch dieses metternichsche Beamtentum erwies sich als zäh. Die liberalen Kräfte in Österreich waren schwach und besiegt, Arbeiterklasse gab es nicht, die Bauern gehorchten ihren Grundherren oder besaßen Land zur Selbstbewirtschaftung, was sie in politischen Dingen indifferent auftreten ließ. Kaiser Franz Joseph regierte mit milder Hand, aber absolutistisch. Der Krimkrieg gab die Möglichkeit, Österreich als Großmacht zu etablieren. Es gelang jedoch nicht, die Moldau und Walachei zu halten. Frankreich konnte die Geburt Rumäniens durchsetzen, was den Österreichern nicht paßte, schließlich hatten sie rumänische Untertanen, deren Bedürfnis nach Anschluß nun geweckt wurde.


Aufgaben:


  1. Nenne und finde Vertreter der Konservativen Revolution um 1860! Schreibe wenigstens drei Lebensläufe! (II)
  2. Erkläre anhand des Begriffes „konservativ“, was Revolutionäres stattfand und zudem den europäischen Kontext dieser Vorgänge! (III)



[1] Der ideale Herrscher dient. Seine Herrschaft ist Mittel und nicht Zweck. Seine Macht ist Mittel zur Sicherung und Führung des Ganzen. Aus nachgewiesener Führungsstärke wächst ihm sittliche Macht zu, das Recht über Leben und Tod zur Sicherung des Ganzen. Der Herrscher ist der Diener des Staates, aus dem Fürsorge, Pflicht und Verantwortung erwächst. Das alles sind Folgen und nicht Bedingungen fürs Herrschen. - Die Basis des preußisch-deutschen Staates wurde dieses Herrscherbild, das sich über Leistung definierte. Als diese Leistungsfähigkeit zum Ende des Weltkrieges 1918 in Frage gestellt werden mußte, war das das Ende des ZDR.