Mancini (nicht mit Mazzini zu verwechseln, der ebenfalls eine wichtige Rolle bei der Bildung des italienischen Nationalstaats spielte) hielt um 1850 eine Rede in Turin, in der er begründete, warum es einen italienischen Nationalstaat geben müsse: Eine Nation in einem Staatsorganismus würde den Frieden sicherstellen können, weil das Gewaltmonopol der Nation von ihr selbst ausginge. Der Nationalstaat würde eine Ordnung schaffen, die in einem Vielvölkerstaat nicht gewährleistet werden könne, zudem, betonte Mancini, daß ein Staat, in dem viele kräftige Nationalitäten zu einer Einheit gezwungen würden, ein lebensunfähiges Ungeheuer sei. garibaldi.jpg

Die Italiener seiner Zeit sahen den Staat als Sammelorganisation selbstbestimmter Individuen, ganz wie es idealistische Lehre von der sittlichen Selbstbestimmung des Individuums verkündete, und nicht als Ausdruck des Machtwillens. Zu lange hatten in Italien emporstrebende Fürstenhäuser – man denke nur an die Borgias! – Machtpolitik betrieben.
Mancini setzte einen anderen Aspekt: Eine Nation bestimme sich über den sittlichen Willen ihrer Einzelbausteine, nicht über die abstrakte Begrifflichkeit gemeinsam formulierter Gesetze und Bestimmungen, die in einer Verfassung manifestiert wurden. In dergleichem Staatsmonstrum müßten die kleineren Bausteine, kleinere Nationalitäten, Mittel für fremde Zwecke werden und sänken sozusagen auf den Stand eines Objekts herab. – Soviel zur Theorie Mancinis, die Praxis um 1850 sah anders aus.
Der italienische Staat mußte sich gegen Österreich bilden. War ausländische Hilfe für die Italiener zu erwarten? Mußte, sollte oder konnte Italien als ein Fürstenbund italienischer Fürsten gegründet werden? Welche Rolle spielte der Kirchenstaat? Gab es eine Möglichkeit, diesen Kirchenstaat mit dem Nationalstaatsgedanken zu verbinden? Der 1846 gewählte Pius IX. forcierte italienische Einheitsgedanken, so daß ihm Mancini einen Brief schrieb, in dem er den Papst aufforderte, sich an die Spitze der italienischen Einheitsbewegung zu setzen. Und das, was in Deutschland selten geschah, ereignete sich durchgängig in Italien: die Fürsten führten Verfassungen in Sardinien, der Toskana und im Kirchenstaat ein, beschränkten also freiwillig ihre Macht. Das konnte der Kolonialmacht Österreich nicht gefallen, denn so bestand die Gefahr, daß auch ihre italienischen Provinzen affiziert würden. Und richtig, kaum war die Kunde von den Vorgängen im Februar 1848 aus Paris nach Mailand und Venetien gedrungen, erhoben sich dort lebende Italiener unter Karl Albert von Sardinien, der seinerseits vom englischen Außenminister Palmerston ermuntert wurde, gegen Österreich. So wie die Preußen in Polen Besitzungen hatten, so kontrollierten die Österreicher in Italien weite Landstriche. Doch während die Polen in ihrem Handeln uneinheitlich blieben, vermochten es die reichen Mailänder, sich hier auch militärisch zu behaupten. In nur fünf Tagen war die österreichische Besatzung unter Fürst Radetzky aus dem Stadt gejagt. Der sagte zum Abschied nicht leise Servus, sondern: „Wir kommen wieder!“
Sollte das der Anfang vom Ende des Vielvölkerstaats Österreich sein? Zeitgleich erhoben sich auch Wiener gegen die Regierung (nicht gegen den stumpfsinnigen Kaiser) und forderten einen Einheitsstaat für Deutschland. Der Bazillus des Nationalismus hatte Europa fest im Griff. Überall gab es Aufstände gegen die konservativen und dynastischen Friedensmächte des Spätabsolutismus: Frankreich, England, Deutschland, Italien, Böhmen...
Es war dies der zentrale Kampf des Zeitalters: Sollte es ein Europa der Nationen oder eines der Verträge geben? Sollte Natur oder Konvention siegen? Frankreich trat für Nationalstaaten ein, solange diese außerhalb Frankreichs gebildet werden sollten, unterdrückte aber Basken, Korsen, Deutsche, Belgier, Italiener oder Bretonen auf dem eigenen Gebiet. Auch Russen, Engländer und Amerikaner unterdrückten alle fremden Nationen auf ihrem Staatsterritorium und verlangten totale Unterwerfung unter die Ideale ihres Staatskörpers, und allen diesen Staaten haben die bürgerlioch-radiklalen Ideen in der Form allgemeingültiger Menschenrechte manifestiert, das Dogma der so definierten Vernunft und daher begreifen sie jedes Anderssein als fortschrittsfeindlich, inhuman und vernunftweidrig, was bis heute dazu dient, Kriege in Weltgegenden zu initiieren, die den bürgerlich-radikalen Ideen des Westens nicht gefallen. Daher kann in diesen Staaten kein Fortschritt erkannt werden, was die Partizipation des Einzelbürgers an der politischen Macht betrifft. Eher ist da die basisdemokratische Handhabe in Österreich zu loben, wo lokale Probleme auch lokal gelöst wurden, wie dies seit Jahrhunderten der Fall war, patrimonial.
Nunmehr stellt sich die Frage, ob die Ausbildung von Nationalstaaten ein Fortschritt oder Rückschritt genannt werden kann? Vielleicht gibt es hier so etwas wie Fortschritt nicht, sondern nur Entwicklungsstufen? Wenn man die heutige Tendenz mancher Gegenden Europas hin zum Regionalismus, zu kleinen funktionierenden (autarken) Wirtschaftsgemeinschaften sieht, könnte man meinen, es hätte nie Nationalstaaten gegeben, nie Großreiche.
Zurück zu Italien: Sie erhoben sich, um einen Nationalstaat zu proklamieren, der aus vielen Einzelstaaten gebildet werden sollte. Die aufständischen Italiener wußten angesichts der Erfahrungen von 1848, daß sie es nicht allein schaffen könnten, also baten sie Frankreich um Hilfe. Frankreichs Lohn sollte Nizza sein.
Am 10.1.1859 proklamierte Viktor Emmanuel sich zum König von Piemont und rief zur Erhebung gegen die Fremden auf. [1] Der italienische Nationalist Garibaldi sammelte Truppen und bedrohte die österreichischen Besitzungen Italiens. Frankreich unterstützte. Österreich sandte ein Ultimatum und forderte ein Ende der Rüstungen. Die Frist verstrich, dann marschierte das österreichische Heer los, doch Franzosen und Italiener hatten bereits die strategischen Punkte besetzt und griffen nach Gebieten des Deutschen Bundes. Das brachte Preußen auf Österreichs Seite. [2] Aber man wurde sich nicht über Kompetenzen einig: Wer sollte wie viele Truppen schicken, wer wo befehligen, wer sollte den Oberbefehl haben?
Die Entscheidung fiel schnell. Die Franzosen gewannen ein paar Gefechte, dehnten den Krieg aber nicht aus, um Krieg mit Preußen und Österreich zu vermeiden. Österreich wollte Preußen auch draußen halten, nun doch, so schloß Franz Joseph mit Napoleon III. Frieden. 1859. Österreich trat die Lombardei ab und behielt den Nordosten Italiens, Venetien und Mantua. Die Italiener bezichtigten die Franzosen des Verrats, denn das war nicht ihr Kriegsziel gewesen.
In Deutschland führten die unausgegorene Koordination der Kriegshandlungen gegen Frankreich und Italien zu einer verschärften publizistischen Auseinandersetzung. Die Prager Zeitung schrieb: „Es lieferte die Protestation [gegen den Oberbefehl Österreichs] den klaren Beweis, daß Preußen nach der Hegemonie in Deutschland, also nach dem Ausschluß Österreichs aus Deutschland strebe.“
In Italien gab es eine Volksbewegung zur Einheit. In Volksabstimmungen traten verschiedene Landesteile Sardinien bei. Savoyen und Nizza traten Frankreich bei. Garibaldi hatte in Süditalien Arbeit mit der Eroberung Neapels und Siziliens. Sie gelang. Am 17.3.1861 nahm Viktor Emmanuel durch die Gnade Gottes und den Willen des Volkes die Krone Italiens an.
In Österreich bewirkte die Niederlage gegen Italien/Frankreich das Oktoberdiplom von 1860 sowie das Staatsgrundgesetz von 1861, womit ein Gesetzgebungsorgan für die Gesamtmonarchie in Form eines Reichsrates (Parlament) geschaffen wurde. Es war auf Gleichberechtigung in einer föderativen Grundordnung ausgelegt und deshalb von Ungarn, Tschechen, Polen und Kroaten ignoriert, die keine Vertreter nach Wien schickten, so daß dort nur ein deutsches Rumpfparlament (ca. 20% der Bevölkerung in Österreich waren deutsch) zusammenkam, das gemeinhin liberal ausgerichtet war und auf das übrige Deutschland einen großen Eindruck machte. Für die Donaumonarchie allerdings war das problematisch, denn es zeigte sich, daß fortschrittliche politische Konzepte keine Annahme bei den Völkern im Kaisertum „Österreich“ fanden, so daß den Deutschen in Österreich zwei Varianten blieben: Entweder stellten sie sich als treibende Kräfte an die Spitze eines zweiten deutschen Reiches (und verzichteten auf ihre führende Rolle in der Donaumonarchie) oder aber sie ordneten sich den meist auseinander driftenden Wünschen ihrer vielen Völker unter, führten diese sanft und kehrten Deutschland den Rücken.


Aufgaben:


  1. Weise nach, daß die nationalen Großstaaten im 19. Jahrhundert eine minderheitenfeindliche Politik betrieben! (II)
  2. Gib den Verlauf der italienischen Einheitsbewegung in verschiedenen Phasen wieder! (II)
  3. Vor welcher Wahl standen die Deutschen Österreichs? Faß Pro- und Kontraargumente zusammen und entscheide dich begründend für eine Seite!




[1] Das war insofern heuchlerisch, als sich zuvor der piemontesische Ministerpräsident Graf Camillo und Napoleon III. darauf verständigt hatten, daß Frankreich (für Nizza und Savoyen) Piemont in einem künftigen Krieg gegen Österreich unterstützen würde.

[2] Ganz so eindeutig war das nicht; die Diskussion verlief, wie fast immer in Deutschland, konträr und läßt sich politischen Lagern nicht zuordnen:

  • pro Österreich: Waldeck (preußischer Altkonservativer), Marx, Engels, Rochau (Liberaler), Gagern (großdeutscher Politiker)
  • pro Italien/Frankreich: Lassalle (Sozialist), Ruge (ehemaliger Freund Marxens), Bismarck (1859 preußischer Gesandter in Rußland)