+ Antworten
Ergebnis 1 bis 3 von 3

Thema: sten macht tunesien klar

  1. #1
    Kurzvormabschussiger
    Registriert seit
    31.October 2001
    Beiträge
    23
    Renommee-Modifikator
    0

    Post sten macht tunesien klar

    Ostern vor einem Jahr. Meine Schwester ruft mich total zugedröhnt aus Tunesien an und erzählt mir schleppend das es ihr hier gar nicht gefällt, und dass ihre Freundin, eine aus Sofia stammende Bulgarin, mit der sie sich das Zimmer teilt an starken Unterleibsschmerzen leidet und nur noch slawisch vor sich hinmurmelnd auf dem Bett liegt. Sie will aber nicht zum Arzt gehen, da sie wegen dem Aidsvirus nicht von Afrikanern angefasst werden möchte, und in den letzten Tagen vermeiden sie es sogar die Vorhänge auf zu ziehen, da die einheimischen Männer auf den Strassen ihr und meiner Schwester bis ins Hotel hinterher stellen. Der Animateur vom Hotel, der wie K.R. aussieht, ist, obwohl er es nicht raushängen lässt garantiert schwul, und die Unterkunft ist das letzte, und das Essen sowieso, der Pool ist überchlort und sie möchte eigentlich nur zurück. Aber da dies ihr einziger Urlaub im Jahr ist, möchte sie doch irgendwie bleiben, und deshalb hat sie mich angerufen, um mich zu fragen, mich zu bitten, ob ich den nicht runter zu ihr nach Afrika kommen möchte, von wegen männlicher Begleitung und so. Sie würde mir diesen Trip finanzieren und sie weiß auch nicht was in sie gefahren ist, denn so fett hat sie es ja auch wieder nicht, und jetzt, kurz vor Ende des Telefonats, nachdem ich gezwungenermaßen zusage und die Daten für den Flug notiere, flüstert sie noch, sie fühle sich ziemlich verwirrt und irgendwie allein, und ich weiß nicht was ich sagen soll und lege einfach auf.

    Der Flieger ist klein und eng und laut und die zwei Faustan, welche ich meiner Mutter aus dem Nachtschränkchen, vor meiner Abreise, geklaut habe wollen nicht so richtig scheppern. Auch nach drei Bier stellt sich der von mir erhoffte Effekt nicht ein und deshalb blättere ich, ohne wirkliches Interesse das Magazin über die aktuellen Duty Free Angebote durch und bin dankbar über meine momentane Reisebegleitung, welche neben mir sitzt und gut riecht. Sie ist meinen Schätzungen zufolge Anfang Dreißig, spricht australisches Englisch und erinnert mich an ein brünettes Modell aus einem Haarwaschmittelspot, und vorhin haben wir miteinander über die Anfänge der Black Panter Bewegung in Amerika gesprochen, über Malcolm und die Schuld der Nation of Islam, nur kurz über das Weichei Martin Loser King, dessen politischen Weg sie genau wie ich als zu schlaff beurteilte. Und da sie an einem amerikanischen Collage schwarze Geschichte unterrichtet und in Tunesien nur einen Zwischenstop einlegen möchte, hat sie irgendwie voll den Plan über dieses Land und so empfahl sie mir, nachdem sie ihren mit Tabasco geschärften Tomatensaft ausgetrunken hatte, mit einem umwerfenden Lächeln auf den Lippen einige historische Sehenswürdigkeiten, die selbst mein kleiner Reiseführer nicht kannte. Respekt. Nun starre ich auf ihr schlafendes Gesicht, auf ihre Hände und ihren Busen, welcher sich gleichmäßig hebt und senkt, und ich verspüre die unbarmherzige Lust den Stoff ihrer sündhaft teuren Kleidung zu berühren und mich in ihren langen, schwarzen Haaren zu verkriechen. Ich möchte jetzt, genau in diesem Augenblick mit ihr in ein kleines Haus ans Meer ziehen, um nach langen, durchschwitzten Nächten, in denen unsere Körper versuchten sich gegenseitig zu verspeisen, so früh wie möglich aus dem Bett zu rollen. Dann werde ich sie und den Strand und das Wasser und den Wind, der vom Meer aus durch die von mir geöffneten Fenster in unser Zimmer blasen wird in mir aufnehmen, so als wäre es das letzte Mal. Wenn ich Lust habe, werde ich mit einem sonnengelben Strohhut auf dem Kopf fischen gehen, frische Kokosmilch trinken und verträumt Muscheln am Strand sammeln um sie ihr, gegen Mittag, wenn sie erwacht, als Kette um den Hals zu legen. Und die Motoren der Turbinen summen tief und beruhigend und einschläfernd, und wenn ich aus dem Fenster schaue schimmert unter mir das dahinziehende Blau des Mittelmeers. Ich kann vereinzelt weiße Schaumkronen besonders wilder Wellen ausmachen und bemerke jetzt den Ring an ihrer linker Hand, der sie fesselt und mich ziemlich blass erscheinen lässt. Ich setze mit einem leisen Seufzer die Billigkopfhörer auf, welche vorhin von einer zu fetten Stewardess ausgeteilt wurden und springe mehrmals von Sender zu Sender, bleibe kurz beim Jazz hängen, drücke dann doch weiter zu den Top ten, schließe die Augen und denke an eine glühende Zigarette, warte dösend auf die Ladung in Tunis.

    Ich sitze mit meiner Schwester und ihrer Freundin, der es anscheinend besser geht und die irgendwie Kanalinka heißt im Speisesaal des Hotels, nippe an meiner Cola und habe die Sonnenbrille auf, wippe gestresst mit dem Fuß, bin schon seit zwei Tagen hier und versuche das Geplapper der beiden zu überhören. So richtig mag es mir nicht gelingen und deshalb gaffe ich seit ungefähr fünfzig Jahren durch das dunkle Glas vor meinen Augen auf das Gesicht von Kanalinka was sich gerade zu einer grotesken Clownsmaske verzieht und sowieso zu wünschen übrig lässt. Dick aufgetragenes Make up vermag es nicht die Aknenarben zu übertünchen, welche wie Sommersprossen gestreut einer Mondlandschaft Konkurrenz machen könnten und ihre Zähne sind zwar weiß, aber nicht ebenmäßig, die Schultern sind zu breit und deshalb fällt ihr Busen mickrig aus, ihre Oberschenkel erinnern mich an scheißende Kühe, die auf einer grünen, saftigen Wiese grasen. Der Wind weht weißen Sand vom Strand durch die geöffneten Türen und fegt ihn lautlos über die cremefarbenen Fließen des Bodens, und manchmal kommen einheimische Angestellte und fegen mit gesenkten Häuptern alles wieder weg, doch jetzt gerade nicht, und ich muss zugeben es wundert mich ein wenig. Ein kurzbeinige Kellner treibt in Zeitlupe auf mich zu und legt ohne mich anzuschauen die Schachtel Zigaretten vor mir auf den Tisch, welche ich vor einer halben Stunde bestellt habe und geht wieder. Ich bin dankbar über diese willkommene Abwechslung, und höre auf ihm hinterher zu glotzen, nachdem ich zu dem Entschluss gekommen bin mir eine Zigarette an zu zünden. Von hier aus kann ich nicht nur die pastöse Haut von Kanalinka sehen, sondern auch das Büfett und den Pool, die über mir rotierenden Ventilatoren, welche träge Luft uns in die Gesichter schleudert, die Treppe, welche von einem nussfarbenen Holzgeländer gesäumt wird und hoch zur Rezeption führt, den Arsch der einzig akzeptablen Tusse hier, die gerade eine taubenblaue Handtasche schwingend an unserem Tisch vorbei stolziert, den pastellfarbenen Papagei, der in einem glockenförmigen Käfig, rechts neben dem Büfett hockt und dumpf und tot und stumm ins Leere stiert, ein Kellner, der gerade drei Tische weiter die Arme in die Luft wirft und das bombastische Wetter lobt, die Hinterköpfe des ergrauten, englischen Ehepaares, welche ihm zuhören und nicken, meine rechte Hand, die gerade die halbgerauchte Zigarette in dem Kokosnussschalenaschenbecher ausdrückt und zittert, die Lippen meiner Schwester, dass von den Bambusmattenrollos zerschnittene Licht, welches alles fremd und unreal erscheinen lässt.
    "Sten sieht das bestimmt genauso" höre ich meine Schwester sagen und ich habe keinen blassen Schimmer was sie von mir will und deshalb nicke ich mit dem Kopf , sage nur
    "Äh, ja“ und dann „Cool" und starre wiederholt in mein Glas Cola und überlege ob ich nicht lieber Na klar oder Auf jeden Fall hätte sagen sollen. Mein Schwester schaut mich noch immer wartend an, und das macht mir irgendwie Angst, und deshalb nestele ich nervös an der Tischdecke rum, unf frage, ob wir jetzt endlich abhauen können.

    Später, so gegen 17.00Uhr, gehen die beiden aufs Zimmer und ich, nachdem wir ungefähr drei Stunden am Pool herumgelegen haben in die Stadt. Im Zentrum tobt das Leben. Farbige preisen kreischend im Schatten maurischer Architektur allerlei Plunder an und ich beobachte eine Weile wie den weißhäutigen Kolossen gnadenlos die Kohle aus der Tasche gezogen wird. Teppiche in allen erdenklichen Farb und Musterkompinationen säumen meinen Weg, erschaffen in den zahlreichen Manufakturen in denen fleißige Hände weben was das Zeug hält und mir ist, als flaniere ich über eine riesige Decke, deren Bild in erster Linie von Abarten des berühmten Kairuan bestimmt wird, wie etwa die Exemplare im Stil des Mihrab oder dem moderneren Hammamet Design, die die wesentlichen arabischen und ottomanen Elemente enthalten. Die Teppiche sind handgeknotet und aus reiner Schafswolle und haben in der Regel verschiedene Motive, wobei man sagen muss, dass das Zauberschränkchen(eine neuere Variante) in den pulsenden Gassen der letzte Schrei ist. Ich traue mich aber nicht nach den berühmten Fertigkeiten der Kinderarbeitern zu fragen, und es geht vorbei an Männern, die bedächtig an ihrer Schischa nuckeln, an mit Einkaufstaschen beladenen und verschleierten Frauen. In einer schmalen Gasse baumeln Schafe und Ziegen an Haken und glotzen kopfüber mit leeren Augen in die Lachen ihres eigenen Blutes, gegenüber stapeln sich Paprika, Tomaten und Obst, und streitende Stimmen dringen aus dem Laden in dem Brokatstoffe und kupferfarbene Krummdolche neben Curry, Koriander und Safran feilgeboten werden. Es riecht nach Jasmin und Weihrauch und Zimt und Vanille und der Himmel über mir ist nicht blau sondern aus Wasser, welches eine azurne Lebendigkeit in dieses Treiben speist und mich gekonnt als Wüste ignoriert.

    Die Markt-Straßen mit den aufdringlichen Händlern hinter mir gelassen gelange ich über eine schmale Treppenstraße in den oberen Teil der Altstadt und irgendwann, in einem der unzähligen Hinterhöfe verirrt, schließe ich mich spontan einer europäischen Besuchergruppe an, die dabei ist in eines der ockerfarbenen Häuser zu peilen. Dort soll oben, in der ersten Etage, so erfahre ich von einem alten Herrn aus Duisburg, ein Kamel seit fünfzehn Jahren im Kreis herumrennen, und somit Wasser aus einer heiligen Quelle für die Gläubigen hochpumpen, und das interessiert mich ein bisschen und deshalb gehe ich mit.

    Das Kamel ist total fertig und heißt Canetti. Jedenfalls behauptet das der Typ mit dem übergroßen Turban, der mir jetzt ein kleines Messingschälchen entgegenstreckt, in der Hoffnung ich würde ein paar Dinar reinschmeißen für Allah den Allmächtigen und so. Doch ich habe keine Lust und der Raum ist heiß und trocken und Unmengen von Staubpartikeln tanzen wie irr in der Luft fast so, als würden sie von dem goldenen Licht in den Wahnsinn getrieben, welches in fast quadratischen Strahlen zu unseren Füßen, auf den Boden aus Dreck und Kieseln fällt. Das Kamel atmet schwer und krank und irgendwie kommt es mir vor, als vermehre sich der gelblich-breiige Schaum vor seine Maul von Minute zu Minute. Und als ich den Typen mit dem Schälchen, welcher immer noch vor mir steht, schwach gestikulierend darauf hinweise, und dann nach der mir immer noch nicht schlüssigen Bewandnis frage, ein tunesisches Kamel Canetti zu nennen, entblößt der seinen zahnlosen Mund und das reicht mir als Antwort und ich drehe mich um und gehe.

    Am Abend sitze ich in der Tanzbar des Nachbarhotels dessen Lichtshow aus einem sich einsam an der Decke drehenden Mirrorball besteht, trinke an meiner dritte Cola und versuche mich zu beruhigen. Umhüllt von schmerzenden, aus den Boxen stoßenden Dancefloorbässen ist mir kotzübel und das liegt an dem Shit, welchen ich vorhin erstand, von einem Typen in meinem Alter - kurze, schwarze Haare, braune Augen, Plagiat einer Rolex um den Arm und hinterhältig lächelnd. Wie gesagt, dass Hasch ist das Letzte und ich bin schwer enttäuscht, da ich über die Qualität nordafrikanischen Pots anderes gehört habe, ich glaube ich habe mich abziehen lassen, denn der schwarze Klumpen in meiner Hosentasche sieht aus wie geschmolzener Gummi, riecht nach Synthetik, und wenn ich ihn schräg gegen das Licht halte, kann ich sogar das Profil von einem Autoreifen erkennen. Eine Tusse, blond und braungebrannt und gar nicht mal so übel an zu sehen, lehnt an einem der Boxentürme und nippt an ihrem Long Drink, fixiert mich seit etwa einer Minute und will anscheinend was von mir. Und wenn das Stechen in meiner Lunge, hervorgerufen durch das Rauchen von Reifen ein wenig nachlassen würde, dann könnte ich auch abchecken, was sie so zu bieten hat, ob es denn überhaupt lohnend wäre sie an zu quatschen und falls ja, dann würde ich gegebenenfalls meinen Style durchziehen und sie murmelnd fragen, was so geht, welche Farbe das Licht des heutigen Tages für sie hatte, und ob sie genau wie ich in den letzten Nächten hellwach im Bett lag, auf das Rauschen der Palmen im Wind hörte - vergeblich versuchend einen Sinn in diesem Lied zu erkennen. Sie nimmt mir die Entscheidung ab, indem sie nicht mehr dort steht, wo ich sie eben noch sah, sondern sich an meinen Tisch setzt, einen neuen Drink bestellt und mich, nachdem sie sich eine Zigarette angesteckt hat auf English fragt, wie ich heiße und wo ich herkomme. Ich beantworte ihre Fragen schreiend, da die Musik jetzt noch lauter dröhnt als vorhin und habe eigentlich keinen Bock mehr auf diese sinnlose Konversation, doch ich muss meinen Schwanz heute noch irgendwo reinstecken und abspritzen. Herr im Himmel, warum strafst du mich so? Was tut man(n) nicht alles für diesen minimalen Moment Erfüllung, diesen kurzen Augenblick voller Wärme und Innigkeit, der Sekundenbruchteile später einer auferlegten Folter gleicht. Mir scheint, als ich sitze an einer Quelle voller Vita und verdurste, ohne zu verstehen warum, und auch die Gewissheit, dass ich keine Ausnahme bin, sondern nur einer unter Millionen von Suchenden, vermag den Schmerz nicht zu dämpfen, sondern verstärkt ihn ins Unermessliche und das verstehe ich nicht, und deshalb bin ich traurig, irgendwie.

  2. #2
    Kurzvormabschussiger
    Registriert seit
    20.March 2002
    Beiträge
    54
    Renommee-Modifikator
    0

    AW: sten macht tunesien klar

    Was tut man(n) nicht alles für diesen minimalen Moment Erfüllung, diesen kurzen Augenblick voller Wärme und Innigkeit, der Sekundenbruchteile später einer auferlegten Folter gleicht
    ... der hat mir beim Chipsessen zugeguckt

  3. #3
    rodbertus
    Status: ungeklärt

    AW: sten macht tunesien klar

    wer foren mit solchen texten oder nachgemachte texte solcherart in foren postet, wird fortan mit tütensuppen nicht unter fünfzehn einheiten bestraft.

+ Antworten

Ähnliche Themen

  1. Die Macht der Poesie
    Von osdwalt im Forum Lyrik
    Antworten: 13
    Letzter Beitrag: 16.12.17, 13:16
  2. Hitlers Weg zur Macht
    Von aerolith im Forum Schulbuch "Geschichte bis 2000"
    Antworten: 0
    Letzter Beitrag: 20.06.15, 16:44
  3. Astrologie - Macke und Macht
    Von aerolith im Forum Leiden schafft
    Antworten: 13
    Letzter Beitrag: 10.04.14, 08:31
  4. Die Meerjungfrau macht Licht
    Von Kolja im Forum Forum für das geschriebene Wort
    Antworten: 4
    Letzter Beitrag: 08.01.02, 10:05
  5. Die Macht des Krüppels
    Von Sueskind im Forum Forum für das geschriebene Wort
    Antworten: 16
    Letzter Beitrag: 16.11.00, 08:57

Stichworte

Lesezeichen

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Ja
  • Themen beantworten: Ja
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •