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Thema: Mein Bruder

  1. #1
    Tochter aus gutem Hause
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    Post Mein Bruder

    Mein Bruder saß neben mir. Seine Hände rupften das verbrannte Gras. Hier und da zerquetschte er mit seinen Fingern eine Ameise. Ich hatte meine Schuhe ausgezogen und blinzelte in die Sonne. Wir warteten auf die Ankunft des Dampfers. Über dem See lag eine Dunstglocke. Ein Schwan reckte stolz seinen langen Hals in die Luft. Ich fixierte meinen Blick auf einen Punkt am Horizont. Dabei vergaß ich alles um mich herum. Sogar, daß ich einen Bruder hatte. Und daß er das gleiche T-Shirt wie ich trug. Wenn fremde Leute uns sahen, dachten sie immer, wir wären Zwillinge. Nur daß ich ihn um zehn Zentimeter überragte. Er war 11 Monate jünger als ich. Am Telefon waren unsere Stimmen nicht auseinander zu halten. Konnte ich es ignorieren, daß ein männliches Ebenbild meiner selbst auf der Erde herumwandelte? Ich meine schon. Wie öde es war, auf Geburtstagspartys von Freundinnen immer mit dem kleinen Bruder im Schlepptau aufzutauchen. Er war immer im Weg, wenn wir mit unseren Barbiepuppen spielen wollten. Einmal hatten meine Freundin und ich ihn beim Skifahren dabei. Er ging uns auf der Piste verloren. An jenem Tag herrschten 20° Minus. Meine Eltern fanden ihn auf einer Hätte mit halb erfrorenen Händen laut heulend. Sollte ich jetzt daran schuld sein? Ich meine nein. Und immer war es er, der sich etwas brach und von den Schienen fiel und seine Wade in eine Schraube rammte, so daß es blutete. Immer hatte er die Aufmerksamkeit. Wie eifersüchtig ich war, als sein Arm in Gips lag. Sein Gips war ganz vollgeschrieben. Nur mein Name fehlte.

    Am Horizont rückte endlich der Dampfer näher. Ich wurde aufgeregt. Das erste Mal auf einem Schiff. Ich rannte auf den Steinstrand und begann zu winken. Mein Bruder hinterher, meine Bewegungen imitierend. Als der Dampfer anlegte, betraten mein Bruder und ich mit unseren Eltern zusammen das Schiff. Wie spannend es war, über den wackligen Landungssteg zu laufen. Und dann das Röhren der Motoren beim Ablegen. Wir setzten uns auf das obere Deck in die Sonne. Meine Mutter fotografiert uns, wie wir in den blendend weißen Liegestühlen saßen, meinen Bruder und mich mit den bonbonfarbigen Sonnenbrillen auf und in den blau-weiß geringelten T-Shirts. Danach stand ich auf und lief an das Heck. Als ich in die brodelnde weiße Gischt starrte, überfiel mich ein komisches Gefühl. Mein Bruder war mir hinterher gelaufen. Er lehnte sich weit vornüber und tat es mir gleich. Aber er hatte sich zu stark vorgelehnt. Kurz darauf fiel er in das tobende Wasser. Ich sah ihn noch mit den Armen winken und hörte, daß er schrie. Ich kehrte zurück auf den Platz neben meinen Eltern. Mit keinem Wort erwähnte ich, was passiert war. Meinen Bruder hatte es doch gar nicht gegeben.

  2. #2
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Mein Bruder

    Liebe patina,
    zu später Stunde (und ach je, der Weißwein, ich korrigiere hier mehr als ich schreibe) eine schöne Rachephantasie. Ich hab auch einen Bruder.
    Aber laß die letzten zwei Sätze weg.
    "Ich kehrte zurück auf den Platz neben meinen Eltern."
    Wumm. Das ist gut so und reicht.

  3. #3
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Mein Bruder

    Da hat sie recht, Zefira und die große Schwester.

  4. #4
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Mein Bruder

    Nee, ich bin eine kleine Schwester. Weil mein Bruder ist 3 Jahre älter. Und hat keine Familie, weder Weib noch Kind, und hat auch nie gehabt. Und heute war er zu Besuch. Und da saß er wieder da und sagte. Und ich hätte ihn. Und schon wieder jede Menge Weißwein.
    lG, Zefira (Haare raufend ab)

  5. #5
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Mein Bruder

    Hallo Zefira,
    erstmal dankeschön für deinen netten Kommentar. Die zwei letzten Sätze können wohl entfallen. Da hast du recht.

    Ich trinke auch immer Weißwein. Halt aber nicht so lange durch wie du. Meistens liege ich um halb elf in der Falle.

    Mein Bruder besucht mich nie. Wir haben uns seit unserer Kindheit sehr entfremdet. Meine Mutter muß mich immer darauf stoßen, ihn anzurufen. Ich vergesse ihn immer. Armer kleiner Bruder.

  6. #6
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Mein Bruder

    hmm... gut, dass ich nicht so eine schwester habe den text finde ich ganz gut, obwohl du da bestimmt noch ausholen könntest, denn für solche lapalien lässt man doch keinen ertrinken, oder? *grübel und zweifel*

  7. #7
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Mein Bruder

    Aber wenn immer nur er im Rampenlicht steht. Ist das etwa kein Grund? Dann hat sie endlich die Eltern für sich. Übrigens so bös bin ich eigentlich gar nicht. Er lebt ja noch.

  8. #8
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Mein Bruder

    Nach nochmaligem Lesen glaube ich, der Text wäre noch stärker, wenn die Gefühle der Erzählerin weitgehend rausblieben.
    Nicht "Sollte ich daran schuld sein? Ich meine nein." Laß den Vorfall für sich wirken. Lieber dazuschreiben, daß die Eltern Dir Vorhaltungen machten.
    Auch nicht "Wie eifers?chtig ich war..." , sondern z.B. "Einmal musste sein Arm eingegipst werden. Der Gips war ganz vollgeschrieben. Er wollte, daß ich meinen Namen dazuschrieb, aber ich weigerte mich."
    Es muß übermächtig wirken, wie ein Stau, solche Reflexionen tragen wieder ab.

  9. #9
    Tochter aus gutem Hause
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    Post Mein Bruder (zweiter Versuch)

    Mein Bruder saß neben mir. Seine Hände rupften das verbrannte Gras. Hier und da zerquetschte er mit seinen Fingern eine Ameise. Ich hatte meine Schuhe ausgezogen und blinzelte in die Sonne. Wir warteten auf die Ankunft des Dampfers. Über dem See lag eine Dunstglocke. Ein Schwan reckte stolz seinen langen Hals in die Luft. Ich fixierte meinen Blick auf einen Punkt am Horizont. Dabei vergaß ich alles um mich herum. Sogar, daß ich einen Bruder hatte. Und daß er das gleiche T-Shirt wie ich trug. Wenn fremde Leute uns sahen, dachten sie immer, wir wären Zwillinge. Nur daß ich ihn um zehn Zentimeter überragte. Er war 11 Monate jünger als ich. Am Telefon waren unsere Stimmen nicht auseinander zu halten. Konnte ich es ignorieren, daß ein männliches Ebenbild meiner selbst auf der Erde herumwandelte? Wie öde es war, auf Geburtstagspartys von Freundinnen immer mit dem kleinen Bruder im Schlepptau aufzutauchen. Er war immer im Weg, wenn wir mit unseren Barbiepuppen spielen wollten. Einmal hatten meine Freundin und ich ihn beim Skifahren dabei. Er ging uns auf der Piste verloren. An jenem Tag herrschten 20° Minus. Meine Eltern fanden ihn auf einer Hätte mit halb erfrorenen Händen laut heulend. Meine Eltern machten mir ewige Vorhaltungen deswegen. „Wie konntest du nur deinen Bruder vergessen?“ Und immer war es er, der sich etwas brach und von den Schienen fiel und seine Wade in eine Schraube rammte, so daß es blutete. Immer hatte er die Aufmerksamkeit. Der Gips war ganz vollgeschrieben. Er wollte, daß ich meinen Namen dazuschrieb, aber ich weigerte mich. Meine Mutter bedachte ständig meinen Bruder. Oftmals saß sie mit ihm auf dem Sofa und sie strich ihm übers Haar, während ich am anderen Ende saß und zuschaute, wie sie sich mit ihren Zärtlichkeiten über ihn hermachte.

    Am Horizont rückte endlich der Dampfer näher. Ich wurde aufgeregt. Das erste Mal auf einem Schiff. Ich rannte auf den Steinstrand und begann zu winken. Mein Bruder hinterher, meine Bewegungen imitierend. Als der Dampfer anlegte, betraten mein Bruder und ich mit unseren Eltern zusammen das Schiff. Wie spannend es war, über den wackligen Landungssteg zu laufen. Und dann das Röhren der Motoren beim Ablegen. Wir setzten uns auf das obere Deck in die Sonne. Meine Mutter fotografiert uns, wie wir in den blendend weißen Liegestühlen saßen, meinen Bruder und mich mit den bonbonfarbigen Sonnenbrillen auf und in den blau-weiß geringelten T-Shirts. Danach stand ich auf und lief an das Heck. Als ich in die brodelnde weiße Gischt starrte, überfiel mich ein komisches Gefühl. Mein Bruder war mir hinterher gelaufen. Er lehnte sich weit vornüber und tat es mir gleich. Aber er hatte sich zu stark vorgelehnt. Kurz darauf fiel er in das tobende Wasser. Ich sah ihn noch mit den Armen winken und hörte, daß er schrie. Ich kehrte zurück auf den Platz neben meinen Eltern.

  10. #10
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    Post Mein Bruder (zweiter Versuch)

    Liebe Patina,

    dann mische ich mich auch noch ein. Zuerst etwas Allgemeines: Du bist sehr fleißig und verbesserst deine Texte so schnell, wie sie kritisiert werden. Ich würde dir raten, immer erst ein wenig abzuwarten, bis alle Meinungen da sind, dann lass das ruhen und überarbeite den Text später auf einmal. Bei einem so kurzen Text wie diesem bietet es sich auch an, ihn ohne zu spicken einfach noch einmal zu schreiben. Das Ergebnis ist immer interessant und überraschend.
    Dein Korrigieren Stück für Stück hingegen führt meiner Meinung nach nicht unbedingt zu einem besseren Ergebnis; oft "verschlimmbesserst" du.

    Die Geschichte, die du hier erzählst, ist gut, denn sie ist wahr. Geschwister sind immer Konkurrenten (vor den Eltern, Verwandten, Bekannten, vor Gott) und je näher sie vom Alter her zusammen sind, um so schwieriger ist es für beide. Die Konkurrenz geht meist auch im Erwachsenenalter weiter, sie nimmt nur sozialisiertere Formen an.
    Auch die Länge deiner Geschichte ist angemessen, denn du schilderst Erfahrungen, die die meisten deiner Leser bereits machten, fokussierst auf den entscheidenden Punkt, von dem man meist nur träumt und ihn nicht wahrmacht: Die Tötung.
    Trotz des bewussten Kurzfassens sind aber noch viele Wörter überflüssig, könnte das Ganze noch kompakter werden.

    Ein paar sprachliche Anmerkungen:

    Seine Hände rupften das verbrannte Gras.
    (Man kann Hühner rupfen und Gras ausrupfen oder am Gras rupfen, ob man alldings Gras rupfen kann, glaube ich nicht.)
    Hier und da zerquetschte er mit seinen Fingern eine Ameise.
    (Hier und daß Das hieße, er ist unterwegs. Am Anfang machte er eher den Eindruck, er sitzt.)
    Ein Schwan reckte stolz seinen langen Hals in die Luft.
    ("stolz" ist antropomorph, außerdem: Wo kommt plötzlich der Schwan her?)
    Ich fixierte meinen Blick auf einen Punkt am Horizont.
    (Ich fixierte? Da muss es eine bessere Lösung geben.)
    Dabei vergaß ich alles um mich herum. Sogar, daß ich einen Bruder hatte.
    (Das ist ein unnötiger Halbsatz, mach ein Komma, vor dem sogar. Besser wäre: "Dabei vergaß ich alles um mich herum, auch meinen Bruder, der das gleiche T-Shirt wie ich trug.")
    Wenn fremde Leute uns sahen, dachten sie immer, wir wären Zwillinge.
    (Und jetzt haben wir den Widerspruch: Sie vergisst ihren Bruder und beginnt gleichzeitig von ihm zu erzählen.)
    Nur daß ich ihn um zehn Zentimeter überragte.
    ("Nur daß" ist schlecht. "...wir wären Zwillinge, obwohl ich ihn um zehn Zentimeter überragte." Außerdem wäre hier Gelegenheit, die beiden ein wenig näher zu beschreiben, z. B. ihr Alter.)
    Er war 11 Monate jünger als ich. Am Telefon waren unsere Stimmen nicht auseinander zu halten.
    (Wird das nach der alten Rechtschreibung auch auseinander geschrieben?)
    Konnte ich (es) ignorieren, daß ein männliches Ebenbild meiner selbst auf der Erde herumwandelte?
    (Zu geschwollen. Jesus wandelte auf dem Wasser, wenn, dann "wandert" er auf der Erde herum. "meiner selbst"? "mein männl. Ebenbild" ist besser.)
    Wie öde es war, auf Geburtstagspartys von Freundinnen (immer) mit dem kleinen Bruder im Schlepptau aufzutauchen.
    (Besser: "Es war öde, auf...")
    Meine Eltern fanden ihn auf einer Hätte mit halb erfrorenen (!) Händen(,) laut heulend. Meine Eltern machten mir ewige Vorhaltungen (deswegen).
    ("ewige Vorhaltungen?" Das ist sehr geschraubt)
    „Wie konntest du nur deinen Bruder vergessen?“
    (Das muss anders werden. Die wörtliche Rede hier passt nicht, auch wenn es ein Bezug auf Kain und Abel ist.)
    Und immer war es er, (war er es,) der sich etwas brach und von den Schienen fiel und seine Wade in eine Schraube rammte, so daß es blutete.
    (Das muss bluten, ist also überflüssig. Kennst du von P. Highsmith die kleine Geschichte "Das Opfer" ('Kleine Geschichten für Weiberfeinde')? Es gibt Kinder, die sind immer das Opfer, alles passiert immer nur ihnen.)
    Meine Mutter bedachte ständig meinen Bruder.
    ("bedachte"? Womit?)
    Am Horizont rückte endlich der Dampfer näher.
    (Der Sprung aus ihren Gedanken über ihren Bruder, die sie sich ja eigentlich gar nicht macht, geht mir zu schnell)
    Ich wurde aufgeregt. Das erste Mal auf einem Schiff. (Zu platt)
    Ich rannte auf den Steinstrand (Kai, Ufermauer, Anlegestelle, alles besser als "Steinstrand") und begann zu winken.
    Mein Bruder hinterher, meine Bewegungen imitierend. (kein Satz)
    Meine Mutter fotografiert uns, wie wir in den blendend weißen (Colgate-Werbung) Liegestühlen saßen, meinen Bruder und mich mit den bonbonfarbigen Sonnenbrillen auf und in den blau-weiß geringelten T-Shirts.
    (Na, ja. Warum findet der Anfang der Geschichte eigentlich nicht schon auf dem Dampfer statt? Die Beiden sitzen am Heck, sie macht sich ihre Gedanken - und plumps! Das wäre runder.)
    Danach stand ich auf und lief an das Heck. Als ich in die brodelnde weiße Gischt starrte, überfiel mich ein komisches Gefühl.
    ("überfiel mich ein komischer Gefühl." Das ist zu schwach. Das ist Groschenheftniveau. In der Beschreibung dieses Gefühles zeigt sich die Kunst des Autors.)
    Mein Bruder war mir hinterher gelaufen. Er lehnte sich weit vornüber und tat es mir gleich. (Was tat er gleich? überfiel ihn auch ein komisches Gefühl, als er in die Gischt starrte?)
    Ich sah ihn noch mit den Armen winken und hörte, daß er schrie. (Bei dem Lärm, den eine Schiffsschraube macht, glaube ich das nicht. Und niemand hat das sonst gesehen?)


    Ich hoffe, du kannst mit meinen Anmerkungen etwas anfangen. Wenn ich sie noch einmal überfliege, sind es sehr viele. Bei dir soll aber nicht der Eindruck entstehen, die Geschichte hätte mir nicht gefallen. Denn das Gegenteil ist der Fall.

    Gruß, Klammer
    Aber ein Traum - nikolaus-klammer.blog

  11. #11
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Mein Bruder

    In einigen Punkten bin ich anderer Meinung als Du, Klammer.
    Erst einmal der Schwan: ich bin da auch gestolpert und habe mich gefragt, was soll an dieser Stelle der Schwan? Gerade weil er so für sich allein steht, ohne weitere Beschreibung seiner Umgebung. Aber das ist es eben, warum er in der Geschichte vorkommt: weil er allein steht. Ohne einen Bruder! (Natürlich kann ich nicht wissen, ob Patina es so gemeint hat - ich verstehe es so.)
    "Wie öde es war..." finde ich stärker als "Es war öde..." Und die "ewigen Vorhaltungen" der Eltern sollten auch stehen bleiben. Das ist der typische Seufzer einer genervten Halbwüchsigen.
    Mit dem Schluß, da hast Du allerdings recht: Ein "komisches Gefühl", das sagt nicht sehr viel aus. Und "er lehnte sich vornüber und tat es mir gleich" müßte umgekehrt sein. "Er tat es mir gleich und lehnte sich über das Geländer."
    Ob von Anfang an alles auf dem Dampfer spielen sollte? Mir gefiel eigentlich der Anfang, dieses Grasrupfen und Ameisen plattmachen. Kein sehr netter Junge. Und ein bißchen Bewegung, Schauplatzwechsel in der Mitte, das finde ich auch nicht nicht verkehrt.

  12. #12
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Mein Bruder

    erstellt von Patina: Mein Bruder saß neben mir. Seine Hände rupften das verbrannte Gras. Hier und da zerquetschte er mit seinen Fingern eine Ameise. Ich hatte meine Schuhe ausgezogen und blinzelte in die Sonne. Wir warteten auf die Ankunft des Dampfers. Über dem See lag eine Dunstglocke. Ein Schwan reckte stolz seinen langen Hals in die Luft. Ich fixierte meinen Blick auf einen Punkt am Horizont. Dabei vergaß ich alles um mich herum. Sogar, daß ich einen Bruder hatte. Und daß er das gleiche T-Shirt wie ich trug.
    Parataxen. Meinetwegen. Brechen. Kein DASZ! SOGAR wirkt zerstörerisch, wenn es nicht wieder aufgenommen und verdichtet wird. Das Vergessen ist gut umrandet. nennen wir es Loch resp. semantische Leerstelle, ein Korrelat!
    Wenn fremde Leute uns sahen, dachten sie immer, wir wären Zwillinge. Nur daß ich ihn um zehn Zentimeter überragte. Er war 11 Monate jünger als ich. Am Telefon waren unsere Stimmen nicht auseinanderzuhalten. Konnte ich es ignorieren, daß ein männliches Ebenbild meiner selbst auf der Erde herumwandelte?
    Sprung, aber na ja. Es kömmt Dir zu sehr auf Unterschiede an, aber das Gemeinsame außer einer vagen und nicht näher bestimmten Invarianz hast Du nicht markiert. Fang also beim Gleichen an, dann erst die Verschiedenheit. Jedenfalls ist das konservativ, und konservativ wollen wir doch zuerst sein, bevor wir es brechen, gelle?
    Ich meine, schon. Wie öde es war, auf Geburtstagspartys von Freundinnen immer mit dem kleinen Bruder im Schlepptau aufzutauchen. Er war immer im Weg, wenn wir mit unseren Barbiepuppen spielen wollten. Einmal hatten meine Freundin und ich ihn beim Skifahren dabei. Er ging uns auf der Piste verloren. An jenem Tag herrschten 20° Minus. Meine Eltern fanden ihn auf einer Hütte mit halb erfrorenen Händen laut heulend. Sollte ich jetzt daran schuld sein? Ich meine, nein. Und immer war es er, der sich etwas brach und von den Schienen fiel und seine Wade in eine Schraube rammte, so daß es blutete. Immer hatte er die Aufmerksamkeit. Wie eifersüchtig ich war, als sein Arm in Gips lag. Sein Gips war ganz vollgeschrieben. Nur mein Name fehlte.
    Hm. Verliert sich irgendwo zwischen Stuttgart und Meinershofen. Ich fände den Text stärker, wenn er auf deutliche Wertungen verzichten würde. Weniger kommentiert ist besser.

  13. #13
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    Post Mein Bruder (dritter Versuch)

    Huuuch, der ganze Ordner vollgeschrieben.
    Hallo Klammer,
    was für eine Mühe du dir mit meinem Text gemacht hast! Das kann ich nicht so gut. Ich habe deine Familienbande schon angelesen. Interessiert mich sehr. Bin bloß noch nicht dazugekommen, es ganz zu lesen.

    An Klammer und Zefira,
    so ne kleine Geschichte und schon bricht eine Diskussion aus. Den Schwan würde ich gerne lassen, da er die Atmosphäre am Bodensee mittransportiert. Zuerst hatte ich ein Pärchen. Strich es aber. Vielleicht war es Intuition? Hmm. Und zu dem Szenenwechsel. Den würde ich auch gern so lassen. Es ist so schön, wie er das Gras rupft (verstehe ich nicht, was daran falsch ist) und die Ameisen zerquetscht. Hier und da kann wegen mir fallen.
    Zu dem "komisch". Ja da bin ich lange drübergesessen. Ich weiß, daß es nicht gut ist. Aber würde ein Mädel da genauer drüber reflektieren. Ich werde mir etwas ausdenken.
    blendendweiß finde ich immer noch gut, da es damals in der Werbung vorkam. Colgate und Konsorten.

    Robert,
    zwischen Stuttgart und Nirgendwo...schwäbelt da wieder einer. Kann schon sein.

    Mein Bruder saß neben mir. Seine Hände rupften im verbrannten Gras. Dazwischen die Ameisen, die er mit den Fingern zerquetschte. Ich hatte meine Schuhe ausgezogen und blinzelte in die Sonne. Wir warteten auf die Ankunft des Dampfers. Über dem See lag eine Dunstglocke. Ein Schwan reckte seinen langen Hals in die Luft. Ich heftete meinen Blick auf einen Punkt am Horizont. Dabei vergaß ich alles um mich herum, auch meinen Bruder, der das gleiche T-Shirt wie ich trug. Heute war so ein Tag, an dem es mir bewußt war, daß es ihn gab. Warum gerade heute? Wenn fremde Leute uns sahen, dachten sie immer, wir wären Zwillinge. Am Telefon waren unsere Stimmen nicht auseinanderzuhalten. Konnte ich es ignorieren, daß ein männliches Ebenbild meiner selbst auf der Erde wanderte? Aber er war kleiner. Elf Monate jünger als ich und ich überragte ihn um zehn Zentimeter. Wie öde es war, auf Geburtstagspartys von Freundinnen immer mit dem kleinen Bruder im Schlepptau aufzutauchen. Er war immer im Weg, wenn wir mit unseren Barbiepuppen spielen wollten. Einmal beim Skifahren ging er mir und meiner Freundin auf der Piste verloren. An jenem Tag herrschten 20° Minus. Meine Eltern fanden ihn auf einer Hütte mit halb erfrorenen Händen, laut heulend. Meine Eltern machten mir Vorhaltungen deswegen. „Wie konntest du nur deinen Bruder vergessen?“ Und immer war er es, der sich etwas brach und von den Schienen fiel und seine Wade in eine Schraube rammte. Immer hatte er die Aufmerksamkeit. Der Gips war ganz vollgeschrieben. Er wollte, daß ich meinen Namen dazuschrieb, aber ich weigerte mich. Meine Mutter bedachte ständig meinen Bruder mit Zärtlichkeiten. Oftmals saß sie mit ihm auf dem Sofa und strich ihm übers Haar, während ich am anderen Ende saß und zuschaute, wie sie sich mit ihren Streicheleinheiten über ihn hermachte. Der Schwan rückte wieder in mein Blickfeld. Einsam streckte er seinen Hals in die Luft.

    Am Horizont kam endlich der Dampfer näher. Ich wurde aufgeregt. Das erste Mal würde ich auf einem Schiff sein. Ich rannte auf die Ufermauer und begann zu winken. Mein Bruder lief mir hinterher, meine Bewegungen imitierend. Als der Dampfer anlegte, betraten mein Bruder und ich mit unseren Eltern zusammen das Schiff. Wie spannend es war, über den wackligen Landungssteg zu laufen. Und dann das Röhren der Motoren beim Ablegen. Wir setzten uns auf das obere Deck in die Sonne. Meine Mutter fotografierte uns, wie wir in den blendend weißen Liegestühlen saßen, meinen Bruder und mich mit den bonbonfarbigen Sonnenbrillen auf und in den blau-weiß geringelten T-Shirts. Danach stand ich auf und lief an das Heck. Als ich in die brodelnde weiße Gischt starrte, überfiel mich ein Gefühl, das mir den Magen verzerrte. Ich spürte den Sog der Tiefe. Mein Bruder war mir hinterher gelaufen. Er lehnte sich weit vornüber und tat es mir gleich und schaute in die Gischt. Aber er hatte sich zu stark vorgelehnt. Kurz darauf fiel er in das tobende Wasser. Ich sah ihn noch mit den Armen winken. Ich kehrte zurück auf den Platz neben meinen Eltern.

  14. #14
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Mein Bruder (dritter Versuch)

    Hallo Patina
    dies ist heute die Dritte Geschichte von Dir die ich lese. Gefällt mir am besten, obwohl ich auch noch etwas zu bemängeln habe.

    ____________________
    Seine Hände rupften das verbrannte Gras.
    ____________________
    wie wäre es mit: Seine Hände spielten mit dem verbranntem Gras.
    Oder : er ließ das verbrannte Gras durch seine Finger gleiten.

    ___________________________
    da zerquetschte er mit seinen Fingern eine Ameise. Ich hatte meine Schuhe ausgezogen
    _____________________________________
    ICH hätte meine Schuhe nicht in der Nähe von Ameisen ausgezogen, jedenfalls nicht so unmittelbar nach diesem Satz.

    ______________________________________
    Dabei vergaß ich alles um mich herum, auch meinen Bruder, der das gleiche T-Shirt wie ich trug. Heute war so ein Tag, an dem es mir bewußt war, daß es ihn gab.
    __________________________________

    Ich verstehe ja, dass Du unbedingt von Deinem schussligen Bruder erzählen möchtest, aber dann lass e n d l i c h mal die Aussage fort, dass Du an nichts denkst!!!

    z.B. Ich vergaß alles um mich herum,, NUR MEINEN BRUDER NICHT!

    ____________________
    WARUM GERADE HEUTE?
    --------------------
    dIE fRAGE WURDE ABSOLUT NICHT BEANTWORTET
    KANNSTE STREICHEN:


    usw. usf.
    Ich glaube bei sehr persönlichen Herzblut Geschichten, da muss man sie unter Umständen schon mal ein paar Monate liegen lassen.

    ein Hinweis noch: Die Bar, der Tunnel und diese Geschichte haben einen roten Faden
    kleine Füße (Füße überhaupt), Felsen, Schweigen.

    Herzlichst Schreiblaune
    die meint, man solle sich nicht entmutigen lassen.

  15. #15
    resurrector
    Status: ungeklärt

    AW: Mein Bruder

    ein sehr arbeitsintensiver ordner, dessen ergebnis mager ausfällt. bowles text besitzt einen webfehler: das böse teilt sich zwar mittenmang mit, bleibt aber doch vorhersehbar. das bild des einsamen schwans ist gut, muß auch nicht entwickelt werden; es ist plausibel, auch im winter.

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