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Thema: Der Tunnel

  1. #1
    Tochter aus gutem Hause
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    Post Der Tunnel

    Der Wagen verließ Rekjavik. Titanenberge schmollten in ihren weißen Kleidern. Die Ausläufer färbten sich in einer schmutzigen Nunace. Vertikal zur Erde splitteten sich Felsmassive in den Boden, um dann den Blick auf eine graublau gefärbte Meeresbucht freizulegen. Es zog. Das Fenster an der Fahrerseite war offen. Ich betätigte alle möglichen Schalter, um das Fenster in dem Mietwagen zu schließen. Es blieb offen. Ich fuhr auf den Seitenstreifen und stieg aus. Meine Begleiterin schob ihren dicken Körper aus dem Wagen und trat zu mir. Wir standen frierend in der Vulkanlanschaft. Ratlos, was zu tun war. Mir entfuhr ein unechtes Lachen. „Dann müssen wir eben die Reise mit geöffnetem Fenster begehen.“ Meine Begleiterin zuckte mit den Schultern und stieg wieder ein. Es war ganz so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Meine Begleiterin würde es nicht geben und ich konnte mich ganz auf die Landschaft konzentrieren. Ich hatte geplant, den Urlaub allein zu begehen, aber sie hatte sich mir anschließen wollen. Ich hatte lange überlegt. Schließlich hatte ich ihr die Zusage erteilt. Die langen Fahrten alleine im Auto hatten mir Angst gemacht. Ich stieg wieder ein und ließ den Motor an. Mit einem leisen Geräusch schloß sich das Fenster. Erleichterung machte sich breit. Endlose Fjorde fraßen sich in das Land. Wie ein Fransenteppich. Wir steuerten auf den Tunnel zu. Eine Abzweigung hatte ermahnt, daß es zwei Wege gäbe. Einen unten, einen oben. Der Wagen fuhr auf das unten zu. „Soll ich dich ablösen?“ Ich war diejenige, die gern das Ruder aus der Hand gab. Warum nicht? Ich fuhr auf einen Seitenstreifen und wir wechselten die Plätze. Sie mußte den Sitz verstellen, um mit ihren kleinen Füßen an das Gaspedal zu kommen. Der Motor heulte kurz auf und wir fuhren. In die Öffnung des Tunnels. Aber das war kein normaler Tunnel. Es ging steil bergab. Direkt unter dem großen Fjord hindurch. Die Landkarte hätte es zeigen müssen. Wir waren drin. In dem Tunnel. Es gab kein Zurück. Es sah ganz normal aus, wie sie das Lenkrad hielt. Sie steuerte schnurstraks immer tiefer in das Loch hinein. Vielleicht machte es ihr ja sogar Spaß? Je tiefer wir in das Loch fuhren, desto beklemmender wurde es. Keiner von uns sprach ein Wort. Die Spannung wuchs. Ich bereute es, daß ich sie ans Lenkrad gelassen hatte. Die Dunkelheit umfing uns, da kein Auto entgegenkam. Platzangst machte sich breit. Aber sie hielt stur das Lenkrad in den Händen. Wenn jetzt die tektonischen Erdplatten aneinanderrieben und die Insel zerreißen würden! Mein Herz begann zu pochen. Hörte sie es? Ich blickte kurz zur Seite. Ihr Gesicht war unbeweglich. Starr, gleich einer Marmorstatue. Wahrscheinlich ließ sie sich nichts anmerken. Es ging immer noch abwärts. Wie tief war das Loch? Ich wagte es nicht zu fragen, ob sie Angst hätte, starrte nur hin und wieder verstohlen auf ihre Seite. Hatten sich ihre Hände am Lenkrad verkrampft? Der Fuß ging kurz vom Gas. War das eine leichte Unsicherheit? Ich wollte schon schreien: „Gib Gas!“ Aber da hatte ihr Fuß das Pedal schon wiedergefunden und wir fuhren mit der gleichen vorgeschriebenen Geschwindigkeit weiter. Auf was gründete die Angst in mir? Eine Paranoid-Schizophrene saß neben mir. Ihr Mann hatte sich erhängt. Sie hatte ihn im Badezimmer gefunden. Seit dem war eine Psychose nach der anderen gefolgt. Auf hohen Gebäuden die Angst sich hinunter zu stürzen. In Tunneln Platzangst. Würde sie gegen die Tunnelwand rasen? Auf was hatte ich mich eingelassen? Wir hatten den Tiefpunkt passiert. Es ging wieder aufwärts. Ich sah nun, daß ihre Hände zitterten. Das war die Aufregung. Sicher. Die Spannung hatte sich gelöst. Wir fuhren aufwärts. Noch einige Minuten und wir sahen das Licht. Nach dem Ende des Tunnels fuhr sie auf den Seitenstreifen. Unter einem mit roten Blüten überzogenen Berg, der seine blutige Flanke zeigte, türmten sich schwarze Lavafelder, die sich zu tropfsteinartigen Gebilden aufbauten. Daneben der schwarze bedrohliche Vulkankegel, der wütend seine Lavamassen über den Norden, Süden, Westen und Osten gegossen hatte. Ich stieg aus. Sie blieb sitzen. Wie selbstverständlich setzte ich mich auf sie. Sie war ja nur Luft. Dann fuhr ich weiter.

  2. #2
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    AW: Der Tunnel

    Was zum Teufel ist eine Nunace? Und was willst Du uns eigentlich bedeuten? Luft hat Patina angesetzt? Kaum möglich, aber immerhin.
    Halt, da war noch was mit Tiefpunkt. Deiner. Stimmt auf den Punkt.

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