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Thema: Familienbande - eine Hommage

  1. #1
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    Post Familienbande - eine Hommage

    Familienbande

    1. Kapitel

    Vergleicht man das Leben dieser Generation, der es vergönnt ist, die Mitte unseres Jahrhunderts zu erleben, jene fünf Dekaden, die an historischen Ereignissen und bedeutenden Menschen reicher sind als das christliche Jahrtausend vor ihnen, mit den Vitae unserer Eltern und Großeltern, so kann man leicht dem Eindruck verfallen, die Geschichte, ja, selbst die Zeit, würde immer geschwinder eilen. Sie ist durchaus vergleichbar einer Spule mit Garn, deren Drehung sich, je mehr vom Faden abgespult wird, beschleunigt. Ohne diesen Vergleich zu sehr zu bemühen, kann der Gedanke Furcht um die nicht mehr allzu ferne Zukunft erwecken, in der der letzte Rest Garn von der Spule gelaufen ist. Am Rande bemerkt, wird auch von dem künstlerischen Genius gefordert, sich der Akzeleration der Zeit anzupassen und die Werke seiner Imagination immer schneller vor das Publikum zu tragen. Wen nimmt es da Wunder, wenn die Sonne der Kultur um so eiliger sinkt, je mehr sie sich dem Horizonte nähert!
    Einst währten die Konstitutionen von Staaten Jahrhunderte, heute zählen wir ihr Dasein in Jahrzehnten, bald vielleicht in Monaten oder Wochen. Doch nicht nur das Schicksal der Staaten ist jener magischen Beschleunigung unterworfen, sondern auch das tägliche Leben eines jeden. Durch die zunehmende Mechanisierung der Arbeit ist nicht nur ein neuer Stand, das Industrieproletariat, entstanden, sondern auch eine erschreckende Kurzlebigkeit der Moden und des Konsums.
    Und so ist auch das Leben des Einzelnen reicher geworden an Ereignissen, unsere Tage gleichen einem bewegten Strudel, der uns mit sich reißt. Niemand kann mehr guten Gewissens behaupten, er sei Herr und Schmied seines Geschickes, selbst das Genie wird mit dem mächtigen Strom Leiber davongetrieben, der alle gleich macht und früh in die Gräber schwemmt. Nur ganz selten gewähret man uns einen Augenblick der erschöpften Ruhe, holt unser Leben gleichsam Atem. Dann hebt sich unser Blick über das Alltägliche hinaus und schaudernd sehen wir die Fesseln, die uns an unsere Mitmenschen binden, jene kaukasischen Ketten, die die Schicksale auf das Merkwürdigste miteinander verweben. So wird die beliebige Geschichte eines Einzelnen, willkürlich herausgerissen aus der Masse und an das Licht der Öffentlichkeit gezerrt, zum Paradigma für die Zeitläufe unseres irrsinnskranken Jahrhunderts.
    Nun will ich dich bei der Hand nehmen, mein Leser, der du bis jetzt geduldig meinen Worten gefolget bist, auch wenn sie deiner Lebenserfahrung vielleicht widersprochen oder gar deinen Unwillen erregt haben. Ich will dich hinaus auf die Straßen von Paris führen, es gibt keine Stadt des Erdkreises, die wie diese geeignet ist, meine Thesen zu stützen, denn die eine Hälfte der Gesellschaft verbringt ihr Leben damit, die andere Hälfte zu beobachten.
    Schlendern wir darum gemeinsam den Boulevard des Italiens an der Oper vorbei und wenden uns nach rechts in die Rue de Richelieu, die uns zu den Tuilerien leiten wird. Sehen wir den Vorüberkommenden in die Augen, suchen wir uns gemeinsam einen aus der Masse der vierzehnhunderttausend Individuen heraus, die die Straßen dieser Stadt mit ihren Schicksalen bevölkern und ich werde dir von ihm erzählen, eine Geschichte, die zugleich die Geschichte aller ist.
    Wie denkst du über diesen buckligen Arbeiter, mein Leser? Er geht die Straße eilend und gebeugt, denn die Fron in der Kattunfabrik hat ihn vor der Zeit gebrochen. Er plagen schwere Sorgen, denn von seinem kargen Handlohn kann er seine vielköpfige Familie nicht nähren. Oder interessiert dich eher diese schöne Dame, die starr geradeaus sehend in ihrer Kutsche sitzt und nicht der Blicke und Grußworte achtet, die ihr von den Boulevards zugerufen werden. Es ist Madame de A., eine respektable, verheiratete Frau. Sie befindet sich auf dem Weg zu ihrem Geliebten, der ihren Mann ruinieren wird. Und hier, dieser feine, ältere Herr, der sich angeregt mit einem jüngeren unterhält: Beide sind sie Advokaten, sie bereden den Bankrott des Barons B. Der hohlwangige Mann, der an ihnen vorübergeht, ist auf dem Weg zum Pfandleiher, um seinen Rock zu versetzen. Er ist ein erfolgversprechender Theaterautor, doch eine unglückliche Leidenschaft zu einer Tänzerin, die der Zeitvertreib des Bankiers C. ist, hat ihm das Mark aus den Knochen gesogen. Er hat seit Tagen nichts gegessen und gerade seinen letzten Franc in der Spielbank verloren.
    Aber ich sehe, mein Leser, daß dein Blick zuletzt jemanden gefunden hat, dessen Roman dein Interesse lohnen wird. Wir wollen ihm folgen und sehen, wohin er uns führt:

    An einem schwülen Abend im Spätsommer des Jahres 1846 ging ein junger Mann von der Pont Neuf kommend durch die Straßen des rechts der Seine gelegenen, bürgerlichen Quartier d'Enfer im XII. Arrondissement. Obgleich er langsam und wie zögernd ging und nach dem Augenscheine ohne Ziel war, glich er doch in Art und Kleidung keineswegs den abendlichen Flaneuren, bei denen er viel Aufsehen erregte. Nicht wenige verharrten einen Schritt hinter ihm und musterten neugierig seinen Rücken, nachdem er achtlos an ihnen vorübergegangen war. Die aufmerksamsten Blicke schenkten ihm dabei die Bürgersfrauen, die ihre heiratsfähigen Töchter spazieren führten, während ihre Männer neben ihnen, sich nachdenklich am Hinterkopf kratzend, nach einer Erinnerung sannen und die Töchter selbst, wie durch eine unziemliche Annäherung verwirrt, erröteten und ihre Blicke auf das Trottoir senkten. Der junge Mann zeigte sich von dem Aufsehen unbeeindruckt und schien auch nicht zu bemerken, wie aufdringlich er immer wieder geprüft wurde.
    Diese Blicke fanden ihren Grund in der außerordentlichen Schönheit des jungen Mannes, der ein glattes, ebenmäßiges Gesicht und eine hohe, feste Stirn besaß. Seine blassen, feinsinnigen Züge kontrastierten auf das Angenehmste mit seinem schwarzen, gelockten Haar, das die südländische, wahrscheinlich italienische Abstammung zumindest eines seiner Elternteile nicht verbergen konnte. Als Knabe hätte er sicherlich für Caravaggios Jüngling mit dem Früchtekorb Modell stehen können. Nur die etwas zu breiten Lippen und die scharfen Kanten der Nasenflügel, die er mit dem tatsächlichen Modell des genialischen Malers gemein hatte, störten den Eindruck eines zarten, vergeistigten Jünglings etwas und hätten einem Anhänger der Lehre Lavaters mitgeteilt, daß hinter diesem sanften äußeren auch ein gerüttelt Maß Leidenschaftlichkeit und Energie zu finden waren. Man hätte ihn nach seinen Gesichtszügen und seiner edlen, geraden Körperhaltung leicht für einen der adligen, vom Glück besonnten Jünglinge des Faubourg Saint-Germain halten können, den der Zufall oder ein Liebesabenteuer in das bourgeoise Viertel d'Enfer geführt hatte, wenn nicht sein Anzug eine andere Geschichte erzählt hätte. Er war zwar ordentlich und sauber gebügelt, aber längst aus der Mode gekommen und nicht zum ersten Mal gewendet. Sah man näher hin, so konnte man die durch sorgsame Behandlung mit Wäschefarbe verborgene Abnutzung von Ellenbeugen und Knien erkennen, die auf eine Armut schließen ließ, die sich ihrer selbst schämte und uneingestanden bleiben wollte.
    Einem aufmerksameren Beobachter, als es die Bürger von Enfer waren, wären die von schweren Gedanken niedergedrückten Augenbrauen und die blicklosen, kohlschwarzen Augen, deren Feuer im Moment nur zu erahnen war, aufgefallen und er hätte erkannt, welch gramvolle Sorgen den jungen Mann preßten. Auch sein scheinbar so zielloser Schritt hätte einem solchen Menschenkenner nicht verborgen, wie gut der Jüngling seine Umgebung kannte, sie aber lange nicht mehr erblickt hatte und es ihm nun ein schmerzvolles Wiedersehen, ein Golgathagang war, an dessen Ende ein Mensch oder ein Ereignis auf ihn warteten, deren er sich fürchtete. Wäre einer der Spaziergänger durch den Weg des jungen Mannes so neugierig geworden wie der amerikanische Dichter Poe auf den Massenmenschen und wäre ihm gleich jenem unauffällig gefolgt, hätte er festgestellt, daß der Jüngling um einen nur ihm bekannten Ort im Viertel weite, aber langsam enger werdende Radien zog, gleich einer Motte, die sich von dem Licht einer Kerze angezogen fühlt, das sie zugleich durch ihre Hitze abschreckt.
    Als spät die Dämmerung hereinbrach, die wenigen Straßenlaternen entzündet und die Spaziergänger und die Einspänner seltener wurden, blieb der Jüngling schließlich unsicher gegenüber eines breiten Hauses stehen, das eine Ecke der Kreuzung der Rue d'Enfer mit der schmalen Rue Mesonge bildete. Als er mit einem schnellen Blick die im Eingang dösende Concierge entdeckte, trat er eilig zurück in das Dunkel des weit in die Straße reichenden Erkers des Hauses in seinem Rücken, zog den Hut in die Stirn und sah angestrengt hinüber zu dem Gebäude, hinter dessen Fenstern im Moment nur wenige Lichter brannten. Er versuchte dort vielleicht die Bewegung einer ihm bekannten Person zu erhaschen, seine Hand hob sich und er wischte eilig eine Träne aus einem Augenwinkel. Wie von einem kalten Fieber ergriffen zitterte der junge Mann nun trotz der Hitze der Sommernacht, die sich in den Gassen staubig gestaut hatte und er flüsterte fast unhörbar ein kurzes Stoßgebet.
    Welches schreckliche Geheimnis barg nun dieses unscheinbare bourgoise Haus?

    Es ist dem Verständnis des Lesers dienlich, Näheres über die erstaunliche Geschichte des Hauses und seiner Bewohner, die für lange Zeit das Gesprächsthema der Bürger des Viertels gebildet hatte, zu erfahren. Das unscheinbare, respektable Bauwerk war eines jener schmucklosen neuen Häuser, die heute in zunehmendem Maße das Stadtbild der bürgerlichen Viertel von Paris verunzieren und von spöttischen Journalisten gerne als Kassettenkommoden bezeichnet werden. Die breite, glatte Fassade wurde in regelmäßigen Abständen von Fenstern durchbrochen und nur ein einzelner, von milde lächelnden Titanen getragener Balkon über dem schmucklosen Tor milderte etwas den trostlosen Eindruck, den das dreistöckige Gebäude auf den Betrachter machte. Dieser stilbrechende, zum häufigem Spott der Vorübergehenden Anlaß gebende Alkoven dankte seine Existenz nicht einer Laune des Architekten, sondern dem Geschmack des Bauherrn, dessen provinzielle Herkunft damit zur Genüge belegt ist.
    Während dem Kaiserreich und der Restauration war hier noch ein verkommenes, notdürftig eingezäuntes Grundstück, dessen hinterer Rand an den Park der Maternite in der Rue de la Caille grenzte, in dessen Büschen die Gassenjungen spielten und sich des Nachts allerlei Gesindel umhertrieb. Die Besitzverhältnisse lagen im Dunkel und niemand hatte weiters Interesse an dem verkommenen, etwas unheimlichen Gelände. Die Bürger wechselten die Straßenseite, wenn sie ihre Wege an dem Grund vorbeiführten. Nur die ältesten Anwohner konnten sich erinnern, daß im hinteren Teil des Grundstücks einmal eine kleine, baufällige Kapelle gestanden hatte, die in der Zeit des Direktoriums kurz als Waffenlager der Bürgerwehr diente, bis man sie eines Tages abriß, weil ein Dachträger herabgestürzt war.
    Als dann mit Lois Philippe viele bourgeoise Fabrikanten zu Reichtum kamen und begannen, mit Immobilien zu spekulieren, wurde im Jahre 1836 plötzlich auch dieses so lange Zeit brachgelegene Stück Grund über den Anwalt Derville zum Verkauf feilgeboten, wobei der ursprüngliche Besitzer sein Inkognito zu wahren wußte. Gekauft wurde es von dem Papierhersteller Hippolyte Areon aus Beauvais, jener hochberühmten, geschäftigen Stadt, die nördlich von Paris auf halbem Wege nach Amiens liegt und bekannt für die dort ansässigen königlichen Gobelinwebereien ist.
    Monsieur Areon suchte bereits seit geraumer Zeit einen günstigen Grund in Paris, auf dem er für sich und seine Familie ein Stadthaus zu bauen gedachte. Dieser wohlbeleibte und phlegmatische Monsieur Areon, der den Typus des kleinbürgerlichen Fabrikanten perfekt repräsentiert, der durch die wachsende Industrialisierung unter Lois Philippe zu Reichtum kam, aber in seiner bourgeoisen, eingeschränkten Verhaltensweise verharrte, ist einer ausführlicheren Beschreibung wert.
    Die papierherstellende Industrie hat zu Beginn unseres Jahrhunderts einen gewaltigen Aufschwung genommen, der hauptsächlich durch die Erfindung der Papiermaschine durch Lois Robert im Jahre 1799 und ihre Weiterentwicklung durch die Engländer Bryan Donkin und Crompton verursacht ist. Durch sie allein ist es möglich, den gewachsenen Markt unseres bürgerlichen Zeitalters an Druckwerken aller Art zu befriedigen. Was früher in einer Papiermühle auf mehrere Dutzende von Handgriffen beim Schöpfen, Gautschen, Legen und Trocknen des Papieres verteilt war, wird heute in die fließende Arbeit einer fortlaufenden Maschinenkette übertragen, die den Haderbrei selbständig auf die Siebform gießt, trocknet, zerlegt, auf Rollen wickelt und als gebrauchsfertiges Papier entläßt.
    Die Papiermühle des Monsieur Areon in Beauvais, die er im Jahre 1820 durch die Mitgift seiner Frau vollständig modernisiert hatte, indem er als erster Fabrikant in der Picardie eine Papiermaschine der Gebr. Köchlin aus dem Elsaß erwarb, produzierte um 1835 für die großen Druckereien in Paris jährlich etwa viertausendfünfhundert Zentner geleimtes, hochwertiges Buch- und Kupferdruckpapier und beschäftigte sechzig Arbeiter. Durch diese Investition war es Areon gelungen, seine Hauptkonkurrenten, die Brüder Cointet, jene Hyänen des Kapitalismus, die zudem ein qualitativ schlechteres, mit Pflanzenfasern versetztes Papier herstellten, aus dem Felde zu schlagen. 1836 besaß Monsieur Hippolyte ein Kapital von sechshunderttausend Franc, das er verzinst hatte und das ihm eine jährliche Rente von zweiundvierzigtausend Franc bescherte. Sein schuldenfreier Grund und seine Produktionsanlagen waren zusätzlich noch etwa fünfhunderttausend Franc wert.
    In der Provinz, in der jedes Livres doppelt zählt, zum Millionär geworden, machte Monsieur Areon zuerst keine Anstalten, seine Lebensweise zu ändern. Er wohnte in einem alten Backsteinhaus direkt am Fluß Therain auf seinem Mühlengelände, das mit seiner Tochter Simone bereits die vierte Generation von Areons beherbergte und er hatte lange Zeit keine Veranlassung gesehen, umzuziehen, da er in Beauvais für seine Lebenshaltung jährlich nur etwa achtzehntausend Franc verconsumieren mußte, um in der Gegend als ein reicher und verschwenderischer Mann wohlangesehen zu sein.
    Jeden Morgen stand er gegen fünf Uhr auf, kleidete sich an und nahm ein kleines Frühstück zu sich. Dabei studierte er bereits die Zahlen des vergangenen Tages, die ihm sein Sekretär Henri Michot im Morgengrauen zu bringen hatte. Der Angestellte, ein dürrer, spitznasiger und kahler Mann, verharrte stehend vor Monsieur, der einen kalten Milchkaffee trank und eifrig auf einem dünnen Schmalzbrot kaute, einem Mahl, das die Haushälterin bereits am Abend vorbereitete. Dabei schüttelte Areon jeden Morgen mißbilligend den Kopf, selbst wenn er, was allerdings selten geschah, mit den Ergebnissen des Vortages zufrieden war. Schließlich sah er auf und seinem Sekretär lange und vorwurfsvoll in die Augen.
    "Strengen Sie sich mehr an, mein lieber Michot", sagte er dann ernst. Damit reichte er die Unterlagen zurück und entließ den düsteren, blatternarbigen Angestellten. Diese Aufforderung, die er sich vor ein paar Jahren zur Ermunterung ausgedacht hatte, wiederholte er jeden Morgen und Michot, der wie alle Sekretäre ein Gauner war, verneigte sich ebenso prompt, ging und tat seine Arbeit für Areon so gut wie nötig und für sich selbst so gewinnbringend wie möglich. Monsieur Hippolyte war nicht naiv. Er wußte, daß er von seinem Sekretär betrogen wurde, aber dessen Bevorzugungen von gewissen Lumpenhändlern und andere unbedeutende Gaunereien schmälerten die Gewinne kaum. Ihm war ein kleiner Dieb, den er unter Kontrolle hatte und der im übrigen seine Arbeit tat, lieber als die Suche nach einem neuen Angestellten, bei dem er nicht sicher sein konnte, nicht vom Regen in die Traufe zu geraten.
    An allenTagen außer dem Sonntag, an dem er später am Tag mit seiner Familie die Messe in der Kirche Saint-Etienne besuchte, las er nach seinem kargen Frühstück ein paar Zeilen in der Familienbibel, dem einzigen Buch, das der Papierfabrikant außer seinen Kontenbüchern jemals in die Hände nahm. Obwohl er gläubiger Katholik war, las er seine Lektüre nur oberflächlich, lauschte vielmehr in Besitzerstolz auf die Geräusche seiner Fabrik, auf das einsetzende, gleichmäßige Stampfen der Maschinen und das Kreischen der Holländer genannten, länglichen Tröge aus Gußeisen, in denen die wasserverdünnten Stoffasern um eine in der Mitte angebrachte Scheide kreisten, gemahlen und anschließend mit Leim versetzt wurden. In Gesprächen verglich er sich gerne mit einem Arzt, der auf den Organismus eines Patienten lauscht, denn er hatte über die Jahre hinweg ein sicheres Gehör dafür entwickelt, wenn in der Papiermühle etwas nicht seinen gewohnten Gang nahm.
    Wenn sich dann das Rumpeln der Wagen der Haderlumpenhändler näherte, erhob er sich von seinem Platz, klopfte an das Boudoir seiner Frau Helga, wünschte ihr durch die Tür einen guten Morgen und verließ das Haus, um die angelieferte Ware zu prüfen. Bis zwei Uhr war er auf dem Gelände unterwegs und keiner seiner Arbeiter konnte sicher sein, daß nicht Monsieur Hippolyte hinter ihm stand, seine Arbeit kontrollierte und mit Hand anlegte. Areon war bei seinen Leuten beliebt, weil er gut zahlte, in Not gekommene Arbeiter und ihre Familien unterstützte und einen Rentenfonds für diejenigen unter ihnen eingerichtet hatte, deren Lungen durch das jahrelange Atmen des zum Papierbleichen benutzten Chlors zerstört waren. Sein aufdringliches Nachspionieren wurde daher allgemein als Fürsorge interpretiert. Die Sorge um die Arbeiter hatte außer der Barmherzigkeit noch einen anderen, handfesteren Grund: Areon hatte im Juli 1830 in Lyon zufällig mit eigenen Augen gesehen, wie aufgebrachte Weber ihren Fabrikherren an einem Webstuhl erhängten. Jenes Ereignis hatte ihn einen gewissen Respekt im Umgang mit dem Proletariat gelehrt.
    Seine Nachmittage verbrachte Monsieur Hippolyte in der Buchhaltung in seinem Bureau, dessen Fensterfront allerdings auf die Hauptwege des Geländes zeigte. So hoben sich seine Blicke oft von den Frachtpapieren und Verträgen, um mit Besitzerstolz seine Fabrik zu begutachten. Hier nahm er auch eine Suppe. Seine Familie sah ihn erst am Abend, wenn er gegen sieben Uhr heimkehrte, eilig dinierte und dann mit ein paar örtlichen Honoratioren um wenige Livres Boston spielte. Dieses Spiel war die einzige Leidenschaft, die er kannte. Die Wechselfälle des Kartenglücks konnten dem Fabrikanten bemerkenswerte Wutanfälle entlocken, die man hinter seiner alltäglichen Haltung, die der eines Epiktet ohne Weisheit gleichkam, nicht vermutete. Die Ausnahme zu diesem Tagesplan lieferte der Sonntag, an dem er wie erwöhnt die morgendliche Messe besuchte und anschließend mit Frau und Tochter Ausflüge zu Verwandten und Bekannten im Umland machte. Wenn es nach Monsieur Areon gegangen wäre, hätte dieses behaglich eingerichtete Leben kein Ende genommen, aber er hatte nicht mit dem Willen seiner Frau Helga gerechnet, dem er völlig unterworfen war.

    Die deutschstämmige Madame Helga Areon war mit einer Willenskraft beseelt, die sie, wäre sie ein Mann gewesen, längst zum Pair von Frankreich gemacht hätte. Obgleich sie intelligent, belesen und von angenehmen Umgangsformen war und als junge Frau wegen der Mitgift, die ihr Vater, der Generaleinnehmer in Beauvais, in Aussicht gestellt hatte, als gute Partie bezeichnet wurde, gab es einen entscheidenden Makel, der die ehrgeizige Frau daran hinderte, in den Salons Triumphe zu feiern und, wie es ihr Traum war, eine Madame d'Espard der Provinz zu werden, vielleicht gar mit Hilfe eines adligen Liebhabers oder Mannes Paris zu erobern: Madame Helga war häßlich, so häßlich, daß dieser Makel selbst durch das Geld und das Ansehen des Vaters nicht übertüncht werden konnte. Sie war dürr und groß aufgeschossen und hatte eine schlechte, nach vorn geneigte Körperhaltung, die sehr viele groß geratene Menschen, die sich beständig zu ihren kleineren Zeitgenossen herabbeugen müssen, entwickeln. Dabei zeigte sie derbe, fleischige, immer gerötete Hände, die ihre Vorfahren, Köhler aus dem Schwarzwald, verrieten. Aus ihrem scharfen, dabei kinnlosen Gesicht sprang eine Raubvogelnase, die jeden erzittern ließ, auf den sie sie mitsamt ihrem strengen Blick richtete. Die Wangen spannten über den Backenknochen und zeigten aus der Nähe betrachtet ein Netz kleiner blauer Adern. Ihre in aller Regel im Azurblau der Pairswürde gehaltene Toilette trug sie immer nach dem, was man in Beauvais für die Pariser Mode hielt, sie wirkte an ihr jedoch wie eine zynische Travestie, denn ihr dünnes Haar blieb nie in Form und die Kleidung hing an ihrem mageren Körper wie die Lumpen, die ihr Mann zu Papier verarbeitete.
    So wartete die Meduse der Provinz mit achtundzwanzig Jahren noch immer vergeblich auf ihren Bezwinger und hatte sich langsam mit dem Gedanken angefreundet, eine alte Jungfer zu werden, als ihr anläßlich eines Balles im Winter 1817 Monsieur Hippolyte Areon vorgestellt wurde, der damals mit fünfunddreißig Jahren im besten Alter war und nach einer vorteilhaften Partie Ausschau hielt. Seiner von seinem früh verstorbenen Vater ererbten und hoffnungslos veralteten Papiermühle ging es schlecht und ihm fehlte die Erfahrung und vor allem das freie Kapital, seine Fabrikation zu modernisieren. Dieses Kapital jedoch erhoffte er aus einer Geldheirat zu gewinnen. Er ließ sich aus diesem Grunde der Mademoiselle Helga vorstellen, wurde jedoch wie alle anderen Freier vor ihm von ihrem Aussehen abgestoßen. Er fühlte sich unter ihrem Blick wie ein Kaninchen, das ein Adler fixiert hat. Mademoiselle Helga indes maß den jungen Mann aufmerksam und kam zu dem Ergebnis, daß ausgerechnet der kleine, unsichere und offensichtlich von einer festen Hand leicht formbare Fabrikant ihr Perseus war, durch den sie sich einige ihrer Träume erfüllen konnte. Sie beschloß innerhalb weniger Momente, Areon zu ihrem Gemahl zu machen. In den nächsten Wochen las sie alles, was sie über Papierherstellung und dessen Vertrieb und Nutzung in die Hände bekommen konnte, dann überredete sie ihren Vater, Areon zu einer intimen Abendgesellschaft einzuladen. Obwohl Monsieur Hippolyte eine dunkle Ahnung hatte, was für ein Schicksal ihm drohte, konnte er unmöglich ablehnen, da er sich den Steuerinspektor geneigt halten mußte. Mademoiselle Helga ergriff ihre Gelegenheit, verwickelte den unfreiwilligen Freier in ein Fachgespräch, machte ihm deutlich, daß er ohne ihre Energie und ihre Mitgift einem Bankerott entgegen sah und nach nur zwei Stunden waren die beiden, ohne daß Areon recht wußte, wie ihm geschah, verlobt und heirateten im darauffolgenden Frühjahr.
    Die Ehe der beiden wurde dennoch glücklich, da sie einander in seltener Weise ergänzten und sich die Eheleute durch Monsieur Hippolytes strengen Tagesplan selten sahen. Zudem fällt auch die größte Häßlichkeit nach einer gewissen Zeit der Gewöhnung anheim. Für ihre Zuneigung spricht auch beider Tochter Simone, die 1819 das Licht der Welt erblickte und durch eine seltsame Laune der Natur eine Schönheit zu werden versprach.
    Madame Areon steckte all ihre Energie in die Erneuerung der Papiermühle ihres Mannes, den sie dadurch reich machte, und danach in die Erziehung ihrer Tochter. Fast schien es, als hätte sie die ehrgeizigen Träume ihrer Jugend vergessen. Ihr selbst würde kein weiterer gesellschaftlicher Aufstieg über das Großbürgertum von Beauvais hinaus vergönnt sein, da sie ihre einzige Trumpfkarte, ihren phlegmatischen Ehemann, völlig ausgereizt hatte. Daher wollte sie nun ihrer Tochter den Weg in die höchsten Kreise ebnen. Es sollte Simone gelingen, was Madame Helga ob ihrer Häßlichkeit verwehrt geblieben war; sie würde den würgenden Gestank der Papierfabrik abstreifen, die Salons des Faubourg Saint-Germain sollten sich vor ihrer Tochter verneigen und der Schwiegersohn würde zumindest ein Graf sein.
    Ihr erster Schritt war, einen der Schreiber der Anwälte ihres Mannes eruieren zu lassen, ob sich nicht unter den zahlreichen Vorfahren von Monsieur Hippolyte einer fand, der einen Titel getragen hatte. Die Aussicht auf eine dem Adel angemessene Belohnung ließ den gerissenen jungen Mann schnell fündig werden. Er entdeckte das Wappen des Chevaliers und Comtes von Arcionay, der allerdings nach den Urkunden im Jahre 1356 nach der verlustreichen Schlacht bei Maupertuis im Feldlazarett ohne männlichen Erben verschieden war. Dieses unbedeutende Manko hinderte Madame Helga nicht, sich von diesem Zeitpunkt an zum Amüsement ihres Gatten d'Areon zu nennen und das Wappen derer von Arcionay von einem geschickten Steinmetz über dem Entree ihres Hauses anbringen zu lassen. Monsieur Hippolyte kümmerte sich nicht weiter um diese, wie er meinte, kleine Marotte seiner Frau, gewöhnte sich aber im Verlaufe der Jahre selbst an, Verträge mit d'Areon zu zeichnen.
    Nachdem nun die Mademoiselle Simone d'Areon einen wohlklingenden Namen führte, mußte sie auch angemessen erzogen werden und Madame Helga legte ihre ganze Sorgfalt in diese neue Aufgabe. Da sie sich ihrer provinziellen Manieren und Kenntnisse bewußt war, adlige Lebensart nur aus zumeist schlechten Büchern kannte, ließ sie im Quotidienne nach einer Erzieherin inserieren, der sie bei entsprechender Befähigung ein nicht unbedeutendes Gehalt in Aussicht stellte. Schließlich gelang es ihr nach einer längeren Korrespondenz, Madame von Wzerenski zu gewinnen, eine adlige, aber völlig verarmte Exilpolin, die als Gouvernante hochgeachtet und die bereits an der Erziehung der Töchter der Granvilles und Navarreins beteiligt gewesen war. Diese durch und durch royalistische ältere Dame hatte in ihren zwar reichen, jedoch allzu bürgerlichen Haushalt nur gelockt werden können, weil sie sich durch die dritte Liquiditation des Bankhauses Nuncingen ruiniert hatte, und ihr Madame Helga ein Salär versprach, das sie ihre königstreuen Prinzipien vergessen machte.
    Hätte Areon die tatsächlichen Kosten dieses Schrittes, die sich, da noch zusätzlich ein Mädchen für Simone in Anstellung kam, auf jährlich fünfzehntausend Franc beliefen, erfahren, wären ihm die Haare zu Berge gestanden und er hätte sich mit aller Vehemenz, zu der er in seltenen Fällen fähig war, gegen diesen, wie er meinte, überflüssigen Luxus verwahrt. Madame Helga wußte, sie würde bei ihrem oft wie Wachs formbaren Mann nichts erreichen, wenn sie ihm die Wahrheit sagte, denn es gab gewisse Dinge, bei denen an seine Zustimmung nicht zu denken war und er sich, je mehr sie in ihn drang, um so hartnäckiger ihren Wünschen verschloß. Nur zu genau konnte sie sich daran erinnern, wie er sich im ersten Jahr der gemeinsamen Ehe geweigert hatte, das Boudoir nach ihren Vorstellungen von Schinner gestalten zu lassen. Sie traf zum ersten Mal bei ihrem Gatten auf Widerstand und mußte begreifen, daß Areons einmal ausgesprochenes Nein dann ein endgültiges war, wenn es Ausgaben betraf, die über seinen gesellschaftlichen Status hinausreichten. Er ließ die Räume seiner Frau zwar ausmalen, beauftragte dazu allerdings einen billigen, weil unbedeutenden Genremaler aus Amiens, dessen Vorliebe für Schwäne Madame Helga solange Seufzer entlockte, bis sich ihre Augen an den Anblick gewöhnt hatten.
    Das Engagement der Madame von Wzerenski hätte er also zu diesen Kosten niemals akzeptiert und deshalb blieb der Madame Helga nichts anderes übrig, als ihren Gatten zu belügen und einen Teil des vereinbarten Gehaltes aus dem eigenen Portefeuille zu bezahlen. Sie veräußerte heimlich den größten Teil ihres von der Mutter ererbten Familienschmuckes, der ihr allerdings statt der erhofften einhunderttausend Franc nur fünfundsechzigtausend erbrachte, die aber ihrem Vorhaben genügten. Ihrem Mann gestand sie anstelle der vereinbarten zwölftausend Franc für die Erzieherin nur die Hälfte ein, was ihm noch immer überteuert erschien, er aber ohne Murren bezahlte, als sie ihm glaubhaft versicherte, wie günstig dieses Salär für eine angesehene Erzieherin aus Paris sei. Es war der erste Sündenfall von Madame Helga, sollte aber nicht der einzige bleiben. Noch ein weiteres Versprechen gegenüber der Polin, nämlich so bald als möglich nach Paris umzusiedeln, wurde dem Gatten unterschlagen; er sollte vorsichtig und langsam darauf vorbereitet werden.
    Madame von Wzerenski machte der Dame des Hauses bald deutlich, daß es mit einer guten Erziehung Simones allein nicht getan war, es dringend vonnöten war, einen Salon zu führen, in dem die Tochter sich bewegen und erproben konnte. Mit diesem Wunsch sprach sie der Madame Areon aus der Seele, hatte sie doch vor geraumer Zeit selbst vergeblich versucht, eine vornehme Abendgesellschaft zu gründen. Es war ihr nicht gelungen, da die gute Gesellschaft von Beauvais unter sich blieb und sich allabendlich bei der Gräfin de Gignaux traf. Mit der adligen Polin hatte sie allerdings eine Person an der Seite, die einen neuerlichen Versuch lohnend erscheinen ließ.
    Zuerst wurden Schritte unternommen, Abbe Rouge, den durchaus weltgewandten Geistlichen Herrn der Kathedrale von St. Jaques, der auch im Salon der Gräfin verkehrte, zu gewinnen. Madame Helga ließ deshalb ein Wohltätigkeitsball zugunsten der Armen der Gemeinde ausrichten. Die Aussicht auf eine reiche Kollekte verlockte den Abbe und er brachte einige angesehene Persönlichkeiten in Monsieur Areons Haus. Unter ihnen war sogar die in äußerster Zurückgezogenheit lebende, altruistische Mademoiselle Victorine Taillefer, eine hübsche und gebildete, aber sehr melancholische und schweigsame Tochter aus der ersten Ehe des kürzlich verstorbenen Bankiers Jean-Frededric Taillefer, dessen beachtliches Vermögen sie geerbt hatte.
    Der Ball war ein Erfolg, der den Papierfabrikanten eine Jahresrente kostete; er bezahlte allerdings bereitwillig, weil es seinem Ansehen und seiner Kreditwürdigkeit nutzte, wenn die gute Gesellschaft in seinem Haus verkehrte. In der darauffolgenden Zeit lief der Salon gut an, bald war jedoch seine Neuheit abgenutzt und nicht zuletzt wegen des entsetzlichen, an einen Höllenschlund erinnernden Gestankes der Papierfabrikation, an den sich nur gewöhnen konnte, wer sein Leben in ihrer Nähe verbrachte, kehrte man zur Gräfin de Gignaux zurück, deren Räumlichkeiten über Wochen verwaist gewesen waren. Es blieben der Madame Helga, die in ihrem Hause täglich Räucherwerk abbrennen ließ, allerdings eine Handvoll Leute; zumeist neureiche Bürger gleich ihr, die bei der Gräfin keinen Einlaß fanden, sporadisch der Abbe und ein paar junge Männer, die sich in die bereits mit sechzehn Jahren zur Schönheit gewordenen Tochter des Hauses versehen hatten. Unter ihnen war der Sohn des Notars Bichet, der ernste, schwindsüchtige Architekt und Bauherr Rene Carol und, als besonderes Schmuckstück der Abendgesellschaft, der junge Baron de Ravoil, der den Glanz des Adels in das Haus der Areons brachte.
    Die Jahre vergingen und unter der Hand ihrer Gouvernante, die beständig ein parfümiertes Tuch oder ein Riechfläschchen in den Händen hielt, entwickelte sich Mademoiselle Simone zu einer Schönheit mit den tadellosen Manieren einer Adligen. Der Ruf ihrer Schönheit verbreitete sich schnell in der Provinz. Mademoiselle Simone hatte zwar die Größe ihrer Mutter geerbt, trug diese allerdings aufrecht und stolz; ihr rotes Haar, ihr bleicher Teint, der wundervolle Schwung ihrer Taille, all diese äußerliche Makellosigkeit war gepaart mit vollendeten Umgangsformen, die sie mit spielerischer Leichtigkeit trug. Das machte aus ihr ein Juwel, das nur der leichte Einschluß von Arroganz ein wenig trübte, der allerdings verständlich war, wenn man ins Urteil nahm, wie sehr das Mädchen ihre Altersgenossinnen in Beauvais übertraf und sie von allen Seiten behütet und gehegt wurde. Zudem wurden ihr die Erfolge im Salon der Mutter allzu einfach gemacht.
    Hinter jener perfekten Hülle, die Mademoiselle Simone zur Schau trug, verbarg sich jedoch - Nichts. Sie war eine leere, stumpfe Maske, dumm wie eine Magd und dabei eingebildet, war sie doch der vielen jungen Mädchen gemeinsamen Ansicht, daß niemandes Sphäre erhaben genug sei, die Vortrefflichkeit ihrer Seele begreifen zu können. Davon wußte allerdings nur Madame von Wzerenski, die ihren Schützling so vollkommen mit auswendig gelernten Umgangsformen und immergültigen Konversationsbrocken ausgestattet hatte, daß sie sicher sein konnte, die junge Frau würde selbst einen erfahrenen Lebemann aus den Salons des Faubourg Saint-Germain für die Dauer einer köstlichen Abendunterhaltung bezaubern und täuschen können. Viel länger jedoch hätte diese Wirkung des schönen Scheins nicht angehalten, denn Mademoiselle Simones Repertoire geistvoller Repliken und Bonmots war begrenzt. Außer der Polin erahnte nur die Mutter etwas von der köhlerhaften Borniertheit der Tochter, die sie aber nicht wahrhaben wollte; der Rest ihres Umganges, der Vater eingeschlossen, war von dem schönen Mädchen hingerissen. Er verzieh ihr deshalb die immer häufiger und teurer werdenden Rechnungen der Schneider, Hutmacher und Dekorateure, die ihn zwangen, einhundertfünfzigtausend Franc seines verzinsten Kapitals ihrer Schönheit zu opfern. Dies ließ seine jährliche Rente auf einunddreißigtausend Franc schmelzen, die damit jedoch noch immer weit über seinen Ausgaben lag.
    Solcherart war der Stand der Dinge, als es Madame Helga für dringend an der Zeit befand, ihren Mann auf den Plan, nach Paris umzusiedeln, vorzubereiten.
    Da die Tausendzahl der weiblichen Finten, Schmeicheleien und Einflüsterungen den Leser ermüden und er sie, so er denn vermählt ist, aus eigener Anschauung zur Genüge kennt, soll im Interesse des Fortganges der Geschichte nur erwähnt werden:
    Die gemeinsamen Einredungen von Mutter, Tochter und Erzieherin waren nach einem hartnäckigen, über ein ganzes Jahr hinweg geführten Kampf endlich von Erfolg gekrönt. Monsieur Areon ergab sich gleich einer lang belagerten Festung und tat sich in den guten Vierteln der Hauptstadt nach einem Grund um. Dies geschah zu einer Zeit, in der die Gewinne aus der Papierfabrik spärlicher flossen, da die Konkurrenz Monsieur Hippolytes technischen Vorsprung längst aufgeholt hatte und teilweise mit moderneren Trockenwalzenmaschinen produzieren konnte. Der Fabrikant wollte ursprünglich das angesparte Geld in bestem kapitalistischem Sinne erneut investieren. Das war ein überfälliger Schritt, wenn er im Wettbewerb bleiben wollte. Deshalb wehrte er sich tapfer gegen den Bau eines Palais in Paris, war aber, da ihm der Gedanke, in der Hauptstadt zu residieren, schmeichelte, viel zu nachgiebig, um auf seinen Plänen zu beharren. Er war aber fest entschlossen, den Bau so billig als irgend möglich auszuführen.
    Da wurde ihm ein Grundstück in Enfer ein seltener Glücksfall, da es nicht nur günstig gelegen war, sondern auch ungewöhnlich billig angeboten wurde. Für die insgesamt sechsundfünfzigtausend Franc, die ihn das Gelände kostete, mußte er nicht einmal seine stillen Reserven angreifen. Dabei übersah er großzügig, daß der bisherige Besitzer nur durch eine unleserliche Unterschrift auf dem Kaufvertrag und durch ein Konsortium unter der Federführung des Bankhauses Keller vertreten wurde.
    Monsieur Areon wollte selbstverständlich so bald als möglich zu bauen beginnen; er erhielt auch schnell durch freundliche Zuwendungen an die zuständigen Beamten die erforderlichen Genehmigungen der Ämter, mußte dann allerdings entsetzt feststellen, daß die Errichtung eines repräsentativen Hauses in Paris nach seinen Vorstellungen seine finanziellen Mittel weit überstieg. Lange suchte er nach einem Architekten, doch die bekannten wie Grindot oder Vale-Noir schienen ihm nicht nur nicht bezahlbar, sondern ihre Entwürfe auch zu gewagt.
    Die Schätzungen der Pariser Baufirmen über die Kosten hätten Monsieur Areon dann auch fast dazu bewogen, von seinen Plänen Abstand zu nehmen, hätte ihm nicht Madame Helga die Lösung seiner Probleme in einer Person präsentiert, mit der er mehrmals in der Woche in den Soireen seiner Gattin zusammentraf, ohne sich jemals weiters Gedanken über sie gemacht zu haben. Es war Rene Carol, Architekt und Bauherr in einer Person, der Monsieur Hippolyte anbot, sein Pariser Palais für einhundertfünfzigtausend Franc zu bauen und der dem Fabrikanten einen Grundriß präsentierte, der in seiner großzügigen Schlichtheit gefiel. Zwar lag der Kostenvoranschlag noch immer weit über Areons Vorstellungen, wurde aber akzeptiert, weil kein günstigeres Angebot gemacht werden würde.

    Weshalb hatte Carol das Kartell der Bauunternehmer unterlaufen und Areon angeboten, sein Haus so billig zu bauen? Bei diesem Angebot konnte er selbst kaum mit einem Gewinn rechnen. Madame Helga glaubte den Grund in der Verliebtheit des jungen Mannes in ihre Tochter zu entdecken, dabei übersah sie, daß der trockene und scharfsinnige Carol zu solch romantischem Gefühl nicht fähig war. Die einzige Liebe seines Lebens war die zu sich selbst und zu Macht und Reichtum, zu Dingen also, die ihm bislang im gewünschten Umfang verwehrt geblieben waren, auf die er aber ein Anrecht verspürte und zu denen er mit Hilfe der Areons gelangen wollte.
    Monsieur Rene hatte seine erste Jugend im Waisenhaus von St. Jaques zubringen müssen, nachdem seine Eltern, die ihm keinerlei Vermögen hinterließen, und auch sämtliche Geschwister dem Fleckfieber zum Opfer gefallen waren. Nur der starke Lebensfunken des vierjährigen Kindes widerstand dieser heimtückischen Seuche. Nach dreimonatigem Krankenlager genas es und es wurde, da es offensichtlich keine lebenden Verwandten mehr gab, der öffentlichen Fürsorge überstellt. Das Kind erholte sich aber nie mehr vollständig von den Strapazen und Erschütterungen der Krankheit und erwuchs zu einem bleichen und schwindsüchtig wirkenden Mann, den zusätzlich einige häßliche Blatternarben entstellten. Aufrecht erhielt ihn offenbar nur seine spartanische, in strenge Regeln gefaßte Lebensführung, der er seinen schwächlichen, halb verblichenen Körper unterwarf und der eiserne Lebenswille seiner Seele, die auch dem überzeugtesten Materialisten neuerer philosophischer Couleur zu denken gegeben hätte. Bis zu seinem zwölften Lebensjahr war er ein Kind ohne Zukunft, nur durch die zweifelhafte Barmherzigkeit des Orphelinats existierend, wo er ein schweres Leben zu führen gezwungen war. An keinem Ort tritt das Naturgesetz deutlicher und unverhohlener zutage, gibt es weniger Mitleiden mit der geschundenen Kreatur, als vor den kargen Suppentöpfen eines Waisenhauses, in dem Kinder schon in früher Jugend zu härtester Arbeit gezwungen werden und der Tod ein häufiger Gast ist. Körperlich nicht nur den Altersgenossen, sondern auch den meisten der Jüngeren unterlegen, deshalb beständig zurückgesetzt und genarrt, tägliches Opfer schwerer Prügel durch Leidensgenossen und Erzieher, mußte Carols scharfer Verstand entarten, ihn hinterhältig und tückisch machen. Sicher wäre aus ihm, wäre sein Leben im Bodensatz der Gesellschaft in dieser Weise fortgeschritten, ein Fouche des Verbrechens geworden, aber es kam zu einer plötzlichen, glückhaften Wende.
    Der Bruder seines Vaters war Oberst in des Kaisers Reiterarmee gewesen und hatte wie viele glühende Verehrer Bonapartes nach der Katastrophe von Waterloo der ihm fremd gewordenen Heimat enttäuscht den Rücken gekehrt und war in die Neue Welt gezogen, wo er bald als verschollen galt. Tatsächlich war er aber durch Handelsgeschäfte in der rauhen Wildnis zu einem bescheidenen Vermögen gekommen, das ihm einen ruhigen Lebensabend versprach. Die Zeit hatte seine Wunden geheilt und er kam aus dem Staate Marengo nach Frankreich zurück, um die Familie wiederzusehen.
    Es war eine wahrhaft traurige Heimkehr. Den Obersten Carol erwarteten nur ungepflegte Gräber auf dem Gottesacker von Beauvais und ein nie gesehener, verwahrloster Neffe, der dem Onkel bei der ersten Begegnung in die Hand biß und ihm bei dieser Gelegenheit den Siegelring vom Finger stahl. Dennoch nahm er seinen einzigen lebenden Anverwandten unverzüglich aus dem Orpelinat in seinen Junggesellenhaushalt, den er in Beauvais gründete. Seine Haushälterin und er kümmerten sich mit rührender Sorgfalt um den Jungen, den sie nach vielen Rückschlägen halbwegs zähmten und auf die Jesuitenschule in Amiens schickten.
    Rene wuchs zu einem blassen, unscheinbaren Jüngling heran, der offenbar die Wolfsnatur seiner Kindheit vergessen hatte und im Gegenteil den Eindruck eines Menschen machte, von dem man sagt, es flösse ihm statt Blut kaltes Öl durch die Adern. Keine Leidenschaft schien ihn aufzuwühlen, nur wenigen, meist seltsamen Dingen wie Alchemie oder Mesmerismus vermochte er über kurz Interesse entgegenzubringen und obgleich er der Beste seines Jahrgangs war und einem trockenen Schwamm gleich allen unterrichteten Stoff in nachgerade unheimlicher Geschwindigkeit in sich sog, war sein Lerneifer ausschließlich auf das von den Erziehern geforderte Maß beschränkt. Nie beteiligte er sich an den Spielen oder Unterhaltungen seiner Altersgenossen; er sonderte sich ab und verbrachte lange Stunden auf einer Fensterbank sitzend und sinnierend. Wohin ihn seine Gedanken führten, offenbarte Rene niemandem, nicht einmal seinem Onkel, der ihn von allen Menschen am nächsten stand und zu dem er im Verlaufe der Jahre ein gewisses Vertrauen gefunden hatte. Den Lehrern der Klosterschule war der junge Mann eingedenk der Tatsache, wie tief ein solch stilles Wasser gründen muß, nicht recht geheuer und mancher von ihnen dachte bei sich, er würde wohl eines Tages entweder als berühmter Staatsmann oder auf der Guillotine enden. Und in diese Richtung gingen die Tagträume des kühlen jungen Mannes tatsächlich. Er erhoffte sich eine Karriere, die ihn ohne Acht der Mittel zur Macht bringen würde. Das Frankreich des Bürgerkönigs, dessen Motto „Bereichert Euch!“ auch das seine hätte sein können, schien ihm ideal dafür geeignet, einen gewissenlosen Mann wie ihn nach oben zu bringen. Ein Vorbild war ihm dabei Henri de Marsay, dessen Karriere Rene bis zu dessen frühen Tod im Jahre 1834 aufmerksam verfolgte und bewunderte.
    Doch bevor der junge Machiavell mündig wurde und beginnen konnte, seine Phantasmen zu verwirklichen, traf ihn von neuem die willkürliche Hand der Moira. Der Oberst Carol verstarb plötzlich und unerwartet an den Folgen eines heftigen Gichtanfalls. Er hatte zwar sein bescheidenes Vermögen seinem Neffen hinterlassen, ihn testamentarisch jedoch unter die Vormundschaft des Bauherrn Andoche Varese gestellt, mit dem er während des Kaiserreiches im *.ten Regiment gedient und dessen Bekanntschaft er nach seiner Rückkehr aus der Neuen Welt erneuert hatte. Dabei war dem Obersten im Schwelgen in gemeinsamen Erinnerungen der wahre Charakter seines Kriegskameraden entgangen, der nur für seinen Vorteil lebte und ein solcher Geizhals war, daß er nie geheiratet hatte und selbst in der mit Geizigen so reichlich gesegneten Picardie seinesgleichen suchte. Varese erklärte sich nach kurzem Zögern bereit, die testamentarische Bürde zu tragen und den Neffen des Obersten als Mündel anzunehmen, da er sich durch die Verwaltung von dessen Vermögen einigen Nutzen erhoffte. Kaum lag Oberst Carol bei seinem Bruder im Familiengrab, ließ der Bauherr Rene ohne Abschluß aus der seiner Meinung nach unnötigen und viel zu teuren Schule nehmen und beschäftigte ihn als Laufburschen in seinem Büro, wo er ihm auch eine karge Bettstatt aufschlagen ließ. Dabei war Varese nicht einmal ungewöhnlich bösartig, denn er legte Renes Vermögen gewissenhaft an und wollte es ihm am Tage seiner Mündigkeit auch nicht verwehren, obgleich er plante, die Zinsen einzubehalten. Der Jüngling nahm diese neuerliche Wendung seines Schicksals mit der ataraxischen Gelassenheit eines Pyrrhon, allerdings nicht ohne Hintergedanken auf seine Gelegenheit wartend.
    Wie der Philosoph hielt er sich mit seinem Urteil zurück, doch was er in dem Vareseschen Kontor erlebte, konnte kein günstiges Licht auf den alten Bauherrn werfen, der mit scharfem Auge und strenger Hand jede, wie er vermeinte, unnötige Ausgabe unterband: Selbst in einem strengen Winter wurde nur geheizt, wenn die Tinte der Schreiber gefror, er zwang sie, Filzpantoffeln zu tragen, um die Abnutzung des Holzbodens zu meiden, Stifte wurden mittels eines von Varese selbst entworfenen wiederverwendbaren Aufsatzes bis zum letzten Strich des Schiefers verbraucht und der talgige Schein der billigen Kerzen trug durch den entstehenden Qualm mehr zur Verdunkelung als der Erhellung der Schreibstube bei. Außer in dem Kontor von Varese konnte man höchstens noch unter den Chiffonniers von Paris eine solche Ansammlung von verwahrlosten und verwegenen Gestalten sehen, von denen mancher nicht einmal für einen Hungerlohn, sondern, da alle dem Brotherrn Geld schuldeten, einem Negersklaven gleich gegen eine karge Verköstigung, die Varese mittags aus einer nahen Garküche kommen ließ, arbeitete.

    Dennoch waren alle Schreiber gerne für Varese tätig. Der Grund war ein Charakterzug, den er mit vielen Geizigen teilte: Obwohl er einem Gobsek oder Grandet gleich die Zahl der Sou in seiner Tasche kannte, von denen nur selten einer den Weg in seine Hand fand, war er doch in allen Angelegenheiten seiner Finanzen, die das Alltägliche übertrafen, über alle Maße naiv. Es war dem gewieften Bodensatz, den er beschäftigte, ein leichtes, den Bauherrn, der zwar mißtrauisch, aber strohdumm war, zu betrügen. Der tägliche Griff in die Kasse, das Beiseitebringen und unter der Hand verkaufen von Material durch die Arbeiter funktionierte nicht zuletzt deshalb so gut, weil der Buchhalter und Prokurist, ein untersetzter, dabei jovialer Bösewicht, der auf den passenden Namen Escroq hörte, ein wahrer Meister der Bilanzfälschung war. Daß Varese nicht bankerott machte, lag zum einen an seiner Monopolstellung als Bauherr im Weichbild von Beauvais und an eben jenem schleimigen Escroq, der allzu unverschämte Betrügereien nicht duldete, da er sich auf seinem guten Posten halten wollte, bis ihm die ergaunerten Renten für einen bequemen Lebensabend in einem eigenen Landgut genügten.
    Obwohl Paul Escroq die Mitte seines Lebens längst überschritten hatte, kleidete er sich so dandyhaft wie ein zweiter Lovelace, roch nach Veilchen und trug den ganzen Tag peinlich saubergehaltene, senfgelbe Handschuhe. Aus dem gärenden Bodensatz des Volkes stammend, sein Vater war ein armer Lohnbauer und seine Mutter die Kräuterfrau in einem winzigen Dorf in der Gegend von Aurillac in der Auvergne gewesen, war er im Gegensatz zu seinem Brotherrn blitzgescheit und zielstrebig. Obwohl sein erbärmlicher Charakter von Bosheit zerfressen war und er, durch die Profession seiner Mutter in allen Arten von schnellen und langsamen Giften bewandert, vor keiner Schandtat zurückschreckte, spielte er aller Welt den gutmütigen, ein wenig beschränkten Bürger vor und bereicherte sich dabei mit der Geduld einer Spinne.
    Mit dieser biederen Maske hatte er sich bei Varese eingeschlichen und im Sinne, ihn nach dessen Ableben, das er bei Gelegenheit zu beschleunigen trachtete, zu beerben. Rene Carol erachtete er bei diesem Streben nicht als Hindernis, denn er hatte mit dem scharfen Blick, mit dem ein Verbrecher unfehlbar seinesgleichen erkennt, festgestellt, daß sie einander wie Hammer und Amboß ergänzten. Er bemerkte als einziger in dessen Ruhe die verwandte Seele, das gespannte Verharren eines Raubtieres, das geduldig sein Opfer fixiert. Escroq, der nie geheiratet hatte, da er das ganze weibliche Geschlecht verachtete und den Umgang mit Frauen insgesamt für eine schlechte Angewohnheit hielt, entstammte dem Sodom einer Tagelöhnerhütte, in der die widerwärtigsten Sünden gegen die Natur zum täglichen Leben gehörten.Da nimmt es nicht Wunder, daß er sich sofort in den knabenhaften, zarten und bleichen Rene versah. Er hatte diese Leidenschaft völlig in der Hand, da er für seine niederen Gelüste jugendliche, ihm ergebene Diener hatte, Söhne von verarmten Bauern, denen er sie abkaufte und die er alle drei Jahre gegen neues Blut ersetzte.
    Auch Rene, der im Waisenhaus und nicht zuletzt in der Klosterschule schon allen Verwirrungen der Liebe begegnet war, durchschaute ihn und gedachte, Escroqs heimliches Liebeswerben für seine Zwecke zu nutzen. Obwohl ihm der häßliche, geschminkte Mann mit den fetten Lippen, aus deren Winkeln immer ein dünner Speichelfaden rann und der seinen schwammigen Leib in ein Korsett zwängte, mit jeder Faser seines Seins zuwider war, umgarnte er ihn wie eine hungrige Katze, wenn er auch bedacht war, keine Eindeutigkeit in seine Schmeicheleien zu legen. Er wollte den alten Lüstling bei Laune halten, der ihm als einziger in Vareses Kontor gefährlich werden konnte, wenn er ihn zu seinem Feind machte.
    Der hellsichtige Gauner Escroq wußte natürlich, daß er einen jungen Mann durch nichts anderes an sich binden konnte als durch Geld und deshalb begann er, der er seinen Brotherren bislang zwar regelmäßig, aber in einem verantwortbaren Rahmen betrogen hatte, größere Summen zu hinterschlagen, die er gewinnbringend anlegte und deren Zinsen er in der Form von kleinen, aber durchweg exquisiten Geschenken an Rene weitergab. Als erstes richtete er ihm in der Nähe der Vareseschen Firma eine hübsche, kleine Wohnung ein und stellte ihm einen seiner abgelegten Diener zur Verfügung. Dann gewöhnte er ihn schnell an den Luxus von weißen, seidenen Handschuhen, Theaterbesuchen und, soweit es Renes zarte Gesundheit zuließ, an unterhaltsame Abendgesellschaften mit Zeitungsleuten und Soubretten.
    Dies ging ein knappes Jahr gut, bis der verwöhnte Rene, der tagsüber den Laufburschen und nächtens den Grafen spielte und bald seine Volljährigkeit erreichte, die Erniedrigung des Kontors nicht mehr ertrug. In Varese, der noch immer glaubte, Rene habe sein Nachtlager im Kontor, keimte zur gleichen Zeit erstmals ein dunkler Verdacht, seine Geschäfte wären nicht ganz in der Ordnung, in der sie hätten sein sollten. Er wußte nichts besseres, als seine Mutmaßungen ausgerechnet seinem treuen Buchhalter anzuvertrauen, der ihn für den Moment beruhigen konnte, sich aber in die Ecke gedrängt fühlte und eine Entscheidung zu treffen hatte.
    Schon in der darauffolgenden Woche erlitt Andoche Varese ein heftige Magenkolik, an der er nach einem schmerzhaften und langwährenden Todeskampf verstarb und alle in seiner Nähe ob seines plötzlichen Hinscheidens überraschte. Für Eingeweihte war noch erstaunlicher, daß der in geschäftlichen Dingen oft so törichte Geizhals ein von einem inzwischen leider ebenfalls verstorbenen, aber über jeden Verdacht erhabenen Pariser Notar beglaubigtes, einwandfreies Testament hinterließ, in dem er ausgerechnet seinen Pflegesohn Rene zum Erben der Firma und seines beweglichen Gutes machte und auch nicht vergaß, Escroq mit einer ordentlichen Rente abzufinden. Obwohl sich bald wie ein summender und lästiger Mückenschwarm entfernte Verwandte von Varese einfanden, die lauthals Ansprüche auf das Erbe erhoben, war sein letzter Wille nicht anfechtbar. Auch der von den Anwälten der enttäuschten Hinterbliebenen geäußerte Verdacht, einer der beiden Nutznießer habe das Testament gefälscht oder gar dem so raschen und unerwarteten Tod des Baumeisters nachgeholfen, ließ sich, selbst als die Staatsanwaltschaft von Amiens direkte Ermittlungen anstellte, nicht erhörten.
    Rene Carols Lage hatte also erneut ins Glückhafte gewechselt, obgleich nicht Fortuna, sondern ein lüsterner Silen die Verhältnisse beeinflußt hatte. Er sah sich plötzlich in die Rolle eines nicht unvermögenden Geschäftsmannes gestellt. Es lag nicht in Carols Charakter, sich von einem so billigen Erfolg blenden zu lassen, denn die Wechselfälle seines jungen Lebens waren ein zwar bitterer, aber zu guter Lehrmeister gewesen. Der willkommene Besitz der Baufirma und das kleine Vermögen seines Onkels, die ihm durch den willkommenen Tod des Geizhalses in die Hände gefallen waren, waren ihm nur die erste Stufe auf der Jakobsleiter in den Himmel seiner ehrgeizigen Ziele, nach denen sich sein unbeugsamer Wille verzehrte. Er wollte ein Staatsmann werden, der die Geschicke der Nationen prägt und die Millionen Livres sein eigen nennt, die ihn in die Lage versetzen, sich über der Masse der Menschen zu erheben und den ihm angemessenen Lebensstil zu führen.
    Er überließ Escroq, dem er hinlänglich vertrauen konnte, wenn er sich ab und an von ihm liebkosen ließ, die Geschäfte seiner Firma, in der es nun keine Betrügereien mehr gab und deren Reingewinne sich bei bleibendem Umsatz verdoppelten. Rene selbst ging nach Paris, wo alle Träume, auch die Albgesichte, wahr werden. Er wollte sich eine fundierte Ausbildung verschaffen und es gelang ihm, bei Jean-Jaques Vale-Noir, dem neben Grindot und dem jungen Viollet-le-Duc, dessen Stern gerade erst zu leuchten begann, größten Architekten unserer Zeit, in die Lehre zu kommen und bei ihm die Baukunst zu studieren. Gleichzeitig bot ihm diese Lehrzeit die Möglichkeit, sich endlich in einer Gesellschaft zu bewegen, der er sich längst zugehörig fühlte. Da er nie das Maß verlor, ihm seine Gesundheit verbot, eine Affäre mit einer Schauspielerin zu beginnen und sein Verstand, über den üblichen Rahmen hinaus beim Ecarte zu verlieren, reichte ihm die monatliche, übrigens nicht unwesentliche Geldzuweisung Escroqs für seine Auslagen. Er lernte den Grafen Emile de Rastignac kennen, den zynischen Ziehsohn der beiden Titanen der Macht und des Kapitals, de Marsay und Nuncingen, der auf dem Sprung stand, Minister zu werden. Der Graf faszinierte ihn und Rastignac fand in Rene in vielerlei Beziehung sich selbst wieder, nahm ihn behutsam unter seine Fittiche und führte den Kreisen, in denen er selbst verkehrte, zu.
    Als Rene nach drei Jahren mit seinem Patent und einem überschwenglichen Empfehlungsschreiben Vale-Noirs in die Provinz heimkehrte, um durch seine fundierten Kenntnisse sein Baugeschäft zu erweitern und zum bedeutendsten im Umkreis von Beauvais und Amiens zu machen, hatte er im Sinn, die erste Gelegenheit zu nutzen und zurück nach Paris zu kehren, um dann für immer dort zu bleiben. Diese Gelegenheit bot sich schnell, denn er hatte mit seinem Buchhalter, den er flugs zu seinem Partner machte und damit noch fester an sich schmiedete, einen treuen Berater, der ein Genie war, wenn es darum ging, sich auf Kosten Dritter zu bereichern.
    Als er, von Escroq gedrängt, zum ersten Mal an einem warmen Sonntag im Mai den Gottesdienst in St. Jaques besuchte und durch seine stoische Geduld die ausufernde Predigt des von ihm seit seines Aufenthalts im Orphelinat gehaßten Abbes Rouge, der ihn häufig und grundlos geprügelt hatte, wie eine unvermeidbare Naturkatastrophe ertrug, wurde er, als wäre es nie anders gewesen, von den anständigen Bürgern, denen der Besitz von Geld auch dem von Moral und Ehre gleichkommt, als einer der ihren behandelt und er kehrte mit Einladungen zu einem Dutzend Teegesellschaften bei Familien mit unverheirateten Töchtern heim. Sein zärtlicher Mentor machte ihn auf den Fabrikanten d’Areon aufmerksam, der einen Baugrund in Paris suchte, um sich dort niederzulassen. Dessen Vermögen wurde auf eine Million Franc geschätzt und er hatte als angenehme Daraufgabe noch eine schöne, wohlerzogene und allseits bewunderte Tochter. Dazu war der beschränkte d’Areon ein ideales Schlachtlamm, es nahm Wunder und lag wohl nur an den wachsamen Augen seiner Frau, daß er noch nicht in die Hände von Betrügern, Anwälten und Bankiers gefallen war. Nachdem Escroq seinem Epheben die dem Leser bereits oben zur Kenntnis gebrachten Tatsachen des Papierfabrikanten mitgeteilt hatte, begann dieser einen fleißigen Briefwechsel mit seinen Pariser Freunden und wurde ein regelmäßiger Gast von Madame d`Areons Salon, wo er, obgleich er ihre Dummheit durchschaute, Interesse an der Tochter der Hauses zeigte und sich im übrigen, an die köstlichen Gesellschaften der Madame d’Espard gewöhnt, langweilte.
    Nach angemessener Frist wurde Hippolyte d’Areon durch den Anwalt Derville ein Grund im respektablen Viertel d`Enfer so außergewöhnlich günstig angeboten, daß nur ein Narr oder ein sehr kluger Mann Bedenken getragen hätte, es zu erwerben. Areon, der beides nicht war, griff ohne viel überlegen zu. Ebenso schnell nahm er auch Carols Entwurf an, der gleichfalls der billigste war. Er forderte nur einen repräsentativen Balkon zur Straßenseite, auf dem er an Festtagen mit seiner Familie den Paraden auf der Rue d’Enfer beizuwohnen gedachte. Rene beugte sich lächelnd dem Wunsch des Fabrikanten, auch wenn er seinen schlichten und klerikalen Fassadenentwurf durch diesen Alkoven profanisieren mußte.
    Im Sommer des Jahres 1837 begannen schließlich die Ausschachtungsarbeiten. Es zeigte sich dabei schnell, aus welchem Grund das Gelände so geheimnisvoll und günstig zum Verkauf angeboten worden war. Der Pferdefuß offenbarte sich, als die Arbeiter, die Carol, da sie billiger waren, aus Beauvais mitgebracht hatte, in geringer Tiefe im Erdreich auf menschliche Knochen und Grabsteine, die hebräische Inschriften trugen, stießen. Als dann prompt einer der Arbeiter beim entsetzten Zurückweichen vor diesen Überresten stürzte und sich den Fuß brach, verbreitete sich unter den abergläubischen Leuten schnell, man grabe in einem Friedhof und es bedeute Unglück, auf diesem wahrscheinlich von einem Fluch belasteten Gelände weiterzuarbeiten. Die Verwünschungen und Versprechen der Vorarbeiter konnten die Arbeiter ebenso wenig dazu bringen, ihre Schaufeln und Spitzhacken wiederaufzunehmen, wie der eilig herbeigerufene Carol, der ihnen anhand der jüdischen Jahreszahlen auf den Steinen vorrechnete, es handle sich hier um die makaberen Reste eines alten, jüdischen Friedhofs aus der Regierungszeit Ludwigs des XII., diese Begräbnisstätte sei also dreihundert Jahre alt und längst entweiht.
    Obwohl er sich entrüstet gab, beglückwünschte sich Carol doch zu diesem für ihn glücklichen Fund, den er für seine Zwecke nutzen konnte. Er hatte zwar über seine etwas zwielichtigen Freunde den Grundstückserwerb eingefädelt, war aber über den Friedhofsfund selbst überrascht, wie wahrscheinlich alle außer dem ehemaligen Besitzer, der auch für ihn im Verborgenen geblieben war.
    Trotzdem geriet Carol in einige Verlegenheiten, als er der sich die Haare raufenden Familie d`Areon erklären mußte, warum die Arbeit schon nach fünf Tagen ruhte. Die Dame des Hauses, ruhig neben ihrem Mann auf einer im Kaiserreich modischen Chaiselongue sitzend, hörte sich die Vorbringungen des Architekten aufmerksam an, dann sagte sie:
    "Ob ihre Leute arbeiten wollen oder nicht, kann nicht unsere Sorge sein, Monsieur Carol. Wir haben einen Vertrag und drängen auf seine Erfüllung. Sollte es aus welchen Gründen auch immer zu Verzögerungen kommen, sehen wir uns gezwungen, diese leidige Angelegenheit unseren Anwälten zu übergeben. Wir können einen Aufschub, auch im Anbetracht des nahenden Herbstes, nicht dulden." Carol verbeugte sich und er erkannte von neuem, mit wem im Hause Areon er zu verhandeln hatte. Er lächelte sehr höflich.
    "Selbstverständlich werden die Arbeiten fortgesetzt, ich sehe mich jedoch gezwungen, neue Arbeiter in Vertrag zu nehmen. Da ich nach diesem Vorfall in Beauvais keine Leute finden werde, muß ich sie mir in der Hauptstadt besorgen. Die Arbeiter in der Stadt sind weniger abergläubisch, lassen sich diese weltgewandte Gesinnung allerdings teuer bezahlen. In der Folge bin ich außerstande, meinen Voranschlag der Kosten aufrecht zu erhalten. Mein Partner, Monsieur Escroq, wird Ihnen daher in den nächsten Tagen eine neue Schätzung überbringen."
    Madame d’Areon und der schmale Architekt maßen sich. Sie warf ihm einen ihrer gefürchteten Medusenblicke zu, aber Carol hielt ihm gleichgültig stand. Sie wußte, daß der Architekt seine Rechnung in einem außerhalb seiner Verantwortung liegenden Fall wie diesem erhöhen konnte und Carol war sicher, die Areonswürden ihn nicht vom Vertrag entbinden, da sie trotz der unvermeidlichen Aufstockung keinen billigeren Bauherren fänden.
    Er verabschiedete sich mit dem Versprechen, seine Fristen einzuhalten, entließ unverzüglich alle Arbeiter, die nicht Willens waren, ihre abergläubische Furcht zu überwinden. Dann suchte er den Oberrabbiner der Pariser Gemeinde auf. Dort war nichts mehr von einem alten Friedhof in Enfer bekannt, aber nach einer ordentlichen Spende des Architekten, die er Areon in Rechnung stellte und die die Armen der Gemeinde stützen sollte, war man schnell einig, wie man die leidige Sache aus der Welt bringen konnte. Jüdische Arbeiter gruben in Anwesenheit mehrerer Rabbiner die sterblichen Überreste und Grabsteine ihre vor so langer Zeit verstorbener Volksgenossen aus und verbrachten sie in den Gemeindefriedhof im Cementaire de Montparnasse. Dann besorgte Carol neue Arbeiter in Stadtvierteln, die weit von der Rue d‘Enfer lagen. Damit schien die unerfreuliche Angelegenheit ausgestanden und die Arbeiten kamen zur Freude der Areons gut voran. Escroqs neue Schätzung der Kosten belief sich nun auf glatt zweihunderttausend Franc, dafür hatte er sich von den gewissenhaften Provinzanwälten von Hippolyte d‘Areon einen Vertragszusatz abringen lassen, nach dem er diese Zahl um höchstens zehn vom Hundert überschreiten konnte.
    Madame Helga war damit zufrieden und ihre Aufmerksamkeit ließ nach. Vielleicht wäre sie nachdenklich geworden, wenn sie geahnt hätte, daß die Partner Carol und Escroq in der nächsten Zeit seltsame Kontakte knüpften. Der Architekt reiste mehrmals nach Angouleme, wo er in bestem Einvernehmen mit dem großen und dem dicken Cointet, jenen hartnäckigsten und böswilligsten Konkurrenten d’Areons, zusammentraf. Und Escroq wurde in etwas zweifelhaften Etablissements häufig in Henri Michots Begleitung gesehen. Der Papierfabrikant und seine Frau ahnten nicht, daß sich ein Gewitter am Horizont zusammenzog, das den noch wolkenlosen Himmel ihrer bürgerlichen Existenz bald verdüstern sollte. Sie waren der Mittelpunkt einer Intrige und hatten erst ein leichtes Vorgeplänkel der Schlacht um ihr Vermögen geschlagen.

    ------------------
    hks

    [Diese Nachricht wurde von Klammer am 05. Mai 2002 editiert.]
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  2. #2
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Familienbande - eine Hommage

    Angeregt durch Griffons Texte und nicht zuletzt wegen der häufigen Vorwürfe, ich würde einen altertümelnden Stil pflegen, habe ich mit "Familienbande" den Versuch unternommen, tatsächlich eine Geschichte zu beginnen, die sich in Tonfall und Atmosphäre vor den Autoren des 19. Jahrhunderts (und einem speziell) verneigt.

    Wenn's gefällt, gibt's noch mehr davon, allerdings nicht so schnell, denn das ist verdammt schwierig zu schreiben und zu eruieren. Ich habe sogar eine überteuerte Landkarte vom Paris des 19. Jhds. beim Buchhändler meines Vertrauens stehlen müssen.
    Und: Robert, hier könnte ich ein paar Anregungen gebrauchen.

    Gruß, Klammer
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  3. #3
    rodbertus
    Laufkundschaft

    AW: Familienbande - eine Hommage

    Meinetwegen übe Dich in Diktion und ästhetischer Äquilibristik vergangener Jahrhunderte. Ich muß Epigonentum da von vornherein abmahnen, wo es sich um die Kopie von Fehlern bzw. Inadaequatem hinsichtlich unseres Geschmackes handelt, wobei ich Geschmack nicht als zerrissen gegenwärtiges Modieren angreife (was eine andere Geschichte ist), sondern immer im Sinne der Gattung Mensch verstanden wissen will, die sich sattsam aus den Fehlern der Vergangenheit stets zu erneuern trachtet, also auch Plast(e)eierbecher und Plumpsklosettes als überwunden und wenig ubivoque ansieht.

  4. #4
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Familienbande - eine Hommage

    Lieber Robert,

    nun ja, das war ein freundlich formulierter Korb, mit dem muss ich leben. Epigonär ist das Ganze nicht, denn ich habe nicht abgeschrieben, sondern mich nur eingefühlt.

    Interessanterweise scheint mir deine Bemerkung auch sehr gut zu deinen Werken zu passen.

    Gruß, Klammer
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  5. #5
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Familienbande - eine Hommage

    Also mir gefällt's. Sehr ruhig und doch flüssig geschrieben. Dabei muß man bei solcher Art von Geschichten-Schreibung aufpassen, daß es nicht zu behäbig wird. Aber bisher - gelungen.
    Der Anfang erinnert eher an einen Zeitungsartikel, denn an eine Geschichte. Eine Kolumne im Feuilleton. Ich weiß auch nicht, ob die Beschreibung dieser "Zeitdilatation" tatsächlich zu der Geschichte paßt. Sei's drum.
    Störend fand ich den Ausdruck "kontrastierten" - ich bin dran hängengeblieben. Und: bist Du sicher, daß es zu dieser Zeit den Franc bereits gab? Ich bin mir nicht sicher, aber ich würde auf den Luidor tippen.

    Jedenfalls freue ich mich auf eine Fortsetzung - als Wahl-Pariser ohnehin ...

  6. #6
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Familienbande - eine Hommage

    Lieber Griffon,

    es freut mich, dass es dir gefällt. Der feuilletonistische Ton ist beabsichtigt, da er der Stil des Schriftstellers ist, vor dem ich mich hier verneige.

    Den Franc gab es bereits, auch den Sou, sie waren Hauptzahlungsmittel, dazu kamen die veralteten Münzen Livres (20 Sou) und Loisdor (10 Livres).

    Gruß, Klammer..
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  7. #7
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Familienbande - eine Hommage

    Sag mal, klammer, was meinst Du mit Akzeleration der Zeit?
    Wie kann sich die Sonne dem Horizont nähern?
    Was meinst Du mit Staatskonstitutionen, und wieso sollen die Staaten heute kurzlebiger sein als sonstwann?
    Deinen Gedanken mit der Mechanisierung der Welt nehme ich dankbar an, zumal ich meinen Rathenau gelesen habe. Dazu könntest Du in der PHILOSOPHIE mal einen Ordner aufmachen und Beispiele, poetische Bilder anführen.

    P.S. Machen wir es hier einmal abstrakt-metatextuell!

  8. #8
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Familienbande - eine Hommage

    Darf ich auch mal?
    Ich mag den Text bisher, ich lese gerne Autoren aus dieser Zeit - speziell aus Frankreich - speziell auch den, den Du wohl meinst.
    Interessant das Anfangsbild, das suggeriert, daß die Zeit irgendwann zu Ende geht *grusel*
    Gestolpert bin ich dann aber über einige Ausdrücke, die typischerweise in unsere Zeit gehören. Vor allem "Akzeleration" und "Schnellebigkeit". Das sind Schlagworte der Gegenwart.
    Bei der Beschreibung des Helden fiel mir auf: "daß ihn schwere Sorgen preßten"- also, dieses "pressen" ist mir zu gewaltsam. Lieber "drückten" und für die Augenbrauen was anderes.
    Ich meine mich übrigens zu erinnern, daß Caravagggios Knabe mit dem Früchtekorb ziemlich rote Bäckchen hat. Oder verwexle ich das jetzt mit dem Bacchus??
    Daß er "Radien zog", da sträuben sich meine armseligen Reste Geometrie. Was er zog, sind doch wohl Kreise, oder - altväterisch - Zirkel? (lasse mich dieserhalb gern belehren)
    Ich bin gespannt auf das schreckliche Geheimnis.
    Liebe Grüße, Zefira

  9. #9
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Familienbande - eine Hommage

    Liebe Zefira,
    ich hoffe, ich kann diese Spannung noch ein wenig steigern.
    Zu deinen Anmerkungen:
    Es ist in der Tat schwierig, den Tonfall und die Sprache einer vergangenen Zeit zu benutzen, ohne in Modernismen zu verfallen. Vielleicht ist das sogar unmöglich. Griffon kann ein Lied davon singen.
    Mir ist allerdings erstaunlich, wie viele Wörter früher schon benutzt wurden. Sogar Goethe spricht bereits von "superklugen" Leuten.
    Ich habe versucht, meine Hausaufgaben zu machen, mir extra (dieses Wort ist seit dem 16. Jhd. gebräuchlich) ein Etymologielexikon gekauft und bin gerade dabei, ein weiteres Mal die "Menschliche Komödie" zu lesen.
    Ein Beispiel für "Akzeleration":
    "Die Wirkung einer bewegenden Kraft auf einen Körper in einem Augenblicke ist die Sollicitation desselben, die gewirkte Geschwindigkeit des letzteren durch die Sollicitation, sofern sie in gleichem Verhältnis mit der Zeit wachsen kann, ist das Moment der Acceleration."
    Kant, Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaft, 1786.
    Schwieriger ist es, eine Belegstelle für "schnellebig" zu finden. Das Wort wird aber etwa seit 1800 benutzt. Hier wäre allerdings "kurzlebig" tatsächlich besser. Ich habe die Stelle geändert.
    Seit dem 18. Jahrhundert wird "Radius" im übertragenen Sinn für "Wirkungskreis, Umkreis, Reichweite" verwendet. Man zieht auch, mathematisch formuliert, um einen Mittelpunkt einen Radius mit Hilfe des Zirkels, es entsteht dabei der Umkreis.
    Dass den jungen Mann Sorgen "pressen" ist Sprache dieser Zeit und wurde eben im Sinne von "bedrücken" (Depression) verstanden, also nicht so kräftig wie heute.
    Ob Caravaggios Jüngling tatsächlich rote Bäcken hatte, muss ich noch eruieren.
    Ach, ja, Griffon, "kontrastieren" wurde übrigens als Fremdwort ebenfalls im 18. Jh. vom italienischen "contrastare" abgeleitet und gerne benutzt.


    Lieber Robert,
    über deinen Einwand muss ich noch ein wenig nachdenken. Ich scheue mich in der Regel, mich über meine Texte hinaus in die Bereiche der Hermeneutik oder gar der Philosophie zu begeben, denn, ich habe es dir schon einmal gesagt, ich weiß mich zu bescheiden. Bevor ich Esel mich auf dieses Eis begebe, grase ich lieber weiter auf meiner Wiese.
    Ein paar Anmerkungen aber doch:
    Der Autor, vor dem ich mich hier verneige, beginnt einen seiner Texte folgendermaßen:
    "Ist Paris denn nicht ein unermeßlich weites Feld, das unaufhörlich aufgewühlt wird von einem Sturm der Begehrlichkeiten, unter dem ein reifes Ährenmeer von Menschen, die der Tod hier öfter als anderswo abmäht, durcheinanderwirbelt und die immer, ewig gleich aneinandergedrängt, neu erstehen und deren verzogene, verzerrte Gesichter aus allen Poren den Geist, die Begierden und die Gifte ausdünsten, von denen ihre Gehirne geschwängert sind...?!"
    Ich habe versucht, meinen Text so zu schreiben, als wäre er um 1850 in diesem Paris geschrieben worden. Mit diesen Worten könnte man aber auch eine heutige Großstadt beschreiben.
    Zwischen 1789 und 1850 begann in Frankreich die Moderne. Es wurden die Ideen des 18. Jahrhunderts in die Tat umgesetzt, häufig war es eine blutige. Die "Sonne der Vernunft" (Hegel) die in Paris zu leuchten begann und Europa im Guten wie im Schlechten zu dem machte, was es heute ist, beschien innerhalb von gerade einmal 60 Jahren eine Revolution, eine menschenverachtende Diktatur, ein Kaiserreich, die Restauration des absoluten Königtums, eine bürgerliche Monarchie und nach 1848 zaghafte Ansätze einer republikanischen Entwicklung, die dann wieder in ein Kaiserreich mündeten, das ja, Ironie der Geschichte, ausgerechnet die Deutschen beendeten. Gleichzeitig entstanden Industrie und Proletariat, das moderne Bankgeschäft und die sozialen Ideen des 19. Jahrhunderts.
    Ist da dieser pessimistische, schopenhauerische Ton des Autors verwunderlich oder gar verfrüht? Natürlich wußte ich, dass die Klage, das Leben würde immer sich schneller abspielen, von heutigen Menschen gelesen wird, also für ein ironisches Lächeln sorgt.

    Ein andermal mehr,

    Gruß, Klammer,
    der sich nach einer Woche Urlaub wieder zurückmeldet und einen weiteren Teil der Geschichte oben angehängt hat...
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  10. #10
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    AW: Familienbande - eine Hommage

    Hach, herrlich, Klammer, ich beneide Dich. So weitschweifig betulich zu schreiben, das ist halt nur dem gestattet, der sich von vornherein an einem Romancier zu orientieren sich bekennt, dessen bekanntester oder zweitbekanntester Roman mit einem Trockenkursus über die Druckindustrie beginnt.
    Ich habe auch mal so was probiert, allerdings etwas später, Richtung Flaubert.

    Zu den Schlagworten. Die mag es schon damals gegeben haben. Heute aber schleppen sie ein besonderes Bedeutungsfeld mit sich, das auf die Bedingungen der Gegenwart verweist. Für "Schnellebigkeit" gilt das ganz bestimmt. Dieses Wort wird in Deinem Text als Fremdkörper wahrgenommen, auch wenn es damals schon gebräuchlich war - meine ich.
    Bin weiter gespannt,
    Zefira

  11. #11
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Familienbande - eine Hommage

    lieber klammer,

    sehr nett ! und was kommt jetzt.
    das ist doch alles schon geschrieben und hat die verdauungstrakte vieler vorfahren und zeitgenossen passiert.
    übrigens, woher die weisheit, daß staaten kürzlich kürzer werden. lesen wir die geschichtsbücher zwischen den zeilen? lesen wir überhaupt welche seit der f(u)rz. revoltion? was hat die diktion deer 19.jh. frz. für einen reiz, außer auf ihre zeit bezogen.
    damals war es rev., diese gesten zu beschreiben und kultivieren. mensch klammer, du kannst es doch. tu es, trau dich! schreib endlich etwas neues. feuchtwanger oder bessere überhaupt niveauähnlich zu erreichen, wird mit diesen plots nicht gelingen. wir brauchen dich neu, lieber klammer!

  12. #12
    rodbertus
    Laufkundschaft

    AW: Familienbande - eine Hommage

    Kannst Du das ein bißchen genauer sagen, was WIR an Klammer brauchen, Gäuli?

  13. #13
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Familienbande - eine Hommage

    Liebes schwarzes Pferd,

    du hast ganz recht: So etwas gibt es schon oft und es wurde auch schon besser gemacht. (Vielleicht nicht unbedingt von Feuchtwanger, dessen historische Romane unter seinem nur mittelmäßigen schriftstellerischen Talent leiden)

    Warum also mache ich es noch einmal? Nun, zuerst betrachte ich dieses Forum als einen Platz zum Experimentieren, einmal etwas ganz anderes zu versuchen. Nach meinen zeitgemäßeren Texten (crisis, ohne titel usw., sind sie mehr das, was du von mir willst?) schlug das Pendel einfach mal in die andere Richtung aus.
    Ich hatte Lust, in den Sumpf des 19. Jhds mit seinen Verlogenheiten und Manierismen einzutauchen, mich handwerklich an einer Sprache zu üben, die verloren geglaubt ist.
    Damit ein Kunstwerk den Namen verdient, muss es wahr, schön und gut sein. "Familienbande" ist nur schön und gut, folglich keine Kunst, es ist das hübsche Ölgemälde, das man sich übers Sofa hängt.
    Wenn mir oder euch das zu langweilig wird, verschwindet der Text eh und es kömmt etwas Neues von mir. Das ist versprochen. Ich arbeite auch gerade an einem Text, der "neu" ist, aber noch ein wenig reifen muss, bis ich ihn hier im Forum zeige. Dazwischen macht es einfach mal Spaß, sich an das Grab seines toten Gottes zu schleichen und ein paar larmoyante Tränen zu vergießen. Machst du das nicht auch, wenn du uns ab und an ein paar Brocken klassischer Literatur hinwirfst?

    Gruß, Klammer

    Ach, ja, rodbertus: Wenn du noch immer nicht weißt, was du an mir hast, dann wird es dir ein Geheimnis bleiben.
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  14. #14
    rodbertus
    Laufkundschaft

    AW: Familienbande - eine Hommage

    Ich fragte das Gäuli, nicht Deinereiner. Aber bitte, frage ich auch Dich: Was haben wir an/mit Dir, durch Dich...? (So ein bißchen Selbstreferenz ist doch eine Deiner Lieblingsübungen.)

  15. #15
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Familienbande - eine Hommage

    Lieber Rodbertus,

    das wäre ein hübsches Aufsatzthema.
    Aber ich gehe gar nicht mehr zur Schule.

    Gruß, Klammer
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  16. #16
    schreibt hier hin und wieder
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    Lightbulb AW: Familienbande - eine Hommage

    lieber klammer,

    seichte sümpfe des 19.jh..
    der sumpf ist hier und heute. atombombe, agent orange, westdeutsche abspaltung und restauration-persilscheine des bgb fürs album in bergen-belsen, biafra, bangla-desh,
    degeneration einer generation, kreation neuer ahnen, luftgeld, verknappung der intelligenz, reformstau der evolution
    ...
    das sind themen. einige davon sind zeitlich schon weit genug entfernt sie zu reflektieren.

    bitte keine posiealben mehr,
    keine duplizierten franzosen, österreicher,
    etc., keine schönheiten, sondern wahrheiten. vom formalismus zum inhalt vom wort zur dichtung. verdichte deine zeitgeschehen. dann wird's literatur. komprimiere deine ideen. mach aus dem flickenteppich deiner vielen schönen geschichtchen eine richtige.
    wir sind hier nicht bei der misswahl...
    hier im forum sollte das leben sein.

    auf die anstrengung bitte eine kohlrübe

  17. #17
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Familienbande - eine Hommage

    Liebes schwarzes Pferd,

    ich nehme mal an, dass es sich bei deinen Worten um einen freundlich formulierten Tritt in den Hintern handelt; um die Aufforderung, endlich mal etwas in deinem Sinne Vernünftiges zu schaffen.
    Wenn ich dich recht verstehe, ist dir das bunte Patchwork meiner Geschichtchen (!) also inhaltlich zu belanglos, zu beliebig. Du erwartest von mir den Versuch eines "großen" Werkes, vielleicht den, um "Pasenow" zu zitieren, Roman, "der ein Tor ist, durch den die deutsche Literatur ins dritte nachchristliche Jahrtausend tritt". Dein Bemühen um ein allumfassendes Manifest scheint mir ebenfalls in diese Richtung zu deuten.

    Dies alles wirst du von mir nicht bekommen. Das hat mehrere Gründe:

    1. Wir haben hier ein grundsätzliches Problem, das wir noch einmal ernsthaft an anderer Stelle diskutieren müssen: Was kann und was ist Literatur? Grenzen wir diese allgemeinne Fragen etwas ein: Was kann meine Literatur? Die Antwort: Erschütternd wenig, ich will sogar behaupten: Nichts. Schriftsteller entwickeln keine neuen Ideen, sie machen sie höchstens populär, weil sie der Zeitströmung sehr genau zu lauschen vermögen.
    Ich will daher nicht mehr, als zu versuchen, die Wirklichkeit, wie ich sie in meinem täglichen Leben erfahre, durch das Raster meiner Persönlichkeit und meiner "Lebenserfahrung" darzustellen; dies ist im Sartreschen Sinne ein Angebot an die Freiheit des Lesers, die Wirklichkeit "aufzuheben".
    Meine erfahrene, aufgehobene "Wirklichkeit" ist die eines vierzigjährigen Familienvaters mit zwei halbwüchigen Söhnen, der in einer gutbürgerlichen Umgebung ein Reihenhaus abzahlt, täglich fünfzig Kilometer zu seiner Arbeitstätte fährt und seine freie Zeit mit Büchern und Schreiben verbringt (Um die Meinung meines Umfeldes auf einen kurzen Nenner zu bringen: "Da spinnt er halt"). Ich kokettiere nicht, wenn ich feststelle, dass ich nicht intellektuell, ja, nicht einmal besonders intelligent bin. Ich habe keine höhere Schule besucht und mir autodidaktisch das angeeignet, was man landläufig unter "Bildung" versteht. Daher weiß ich, wie eklektisch, unoriginell und unausgegoren meine Gedanken sind, sobald sie sich von meiner Lebenswirklichkeit entfernen. Im Gegensatz zu manchem anderen in diesem Forum weiß ich, dass ich nur "Schafscheiss" von mir gebe, wenn ich "philosophiere".
    Kurz gesagt, bescheide ich mich auf das, was ich kann und von dem ich etwas verstehe: Ich schreibe nette Geschichtchen.
    2. Dabei habe ich und ich weiß, dass mir jetzt Kyra wieder heftig wiedersprechen wird, keinerlei "Kunst" im Sinn. Ich behaupte jetzt einmal frech, Literatur ist keine Kunst (Dichtung vielleicht, Epik auf keinen Fall), zumindest meine Literatur ist keine Kunst. Ich bin Geschichtenerzähler. Wer mir zuhören, mein Angebot annehmen will, kann etwas erfahren.
    Ich schreibe, seit ich es in der Schule gelernt habe. Psychologisch betrachtet findet sich der erste Grund darin, dass ich mit dem Schreiben in meiner Umgebung Aufmerksamkeit erregen konnte, später, in der Pubertät, war es meine einzige Möglichkeit, etwas von mir nach außen dringen zu lassen. Warum ich heute schreibe, habe ich schon gesagt.
    Eine viel interessantere Frage, die übrigens bei Kyras Sinnfrage nie auftauchte, ist nicht die, warum ich schreibe, sondern die, warum ich mit meinem Schreiben Öffentlichkeit suche. Die Hoffnung, Geld zu verdienen, ist längst gestorben. Eitelkeit also, Sucht nach Anerkennung? Oder halte ich meine Sicht auf die Welt wirklich für so bedeutend, dass ich sie bekannt machen muss, eine Meinung unter den hundert, mit denen ich täglich konfrontiert werde?
    Wenn ich gelesen werde, weiß ich, dass ich existiere. Vielleicht ist das so einfach.
    3. Ich habe drei umfangreiche Romane geschrieben. Das Forum ist aber kein Ort, sie zu veröffentlichen.Meine Geschichtchen (!) kreisen um die Themen dieser Romane.
    Der erste Roman, "Das Spiel", ist eine persönliche Abrechung mit meinem Vater. Er trägt als Motto den Spruch aus dem AT: "Die Väter aßen die sauren Trauben und die Söhne bekamen davon stumpfe Zähne." Er hat die Vergangenheitsbewältigung in der nächsten Generation zum Thema, die verdrängte Wunde, die nie heilen konnte, den Schmerz, den ich meinen Kindern nicht weitergeben wollte. Mein Vater hat für Ideale, die keine waren, gemordet und dafür seine Jugend geopfert, er war als SS-Mann jahrelang in russischer Kriegsgefangenschaft und kam als kranker, gebrochener Mann wieder zurück, in ein Deutschland, das sich einen Dreck um sein Leiden scherte.
    Mein Vater ist mir ähnlich, ich habe nur das Glück der späten Geburt.
    Oder das Unglück, denn er gab mir das alles weiter, ich musste die Fragen beantworten, die er stellte, die Wunde heilen, die bei ihm immer offenblieb.
    Ich habe den Kleinen Ausschnitte aus diesem Roman als Text "Ohne Titel" veröffentlichen lassen. Auch "crisis" kreist um dieses Thema, ebenso "Pasenow", einige meiner "Geschichtchen" wie mein Einstiegstext in dieses Forum "Das Rote Haus", die Kurzgeschichte "Rache", sogar meine Flussgeschichte "Babbbpel".
    Es heißt, jeder Autor würde sein Leben lang nur an einem einzigen Buch schreiben. Das ist eim Buch, mein wie ich denke, großes Thema, wenn ich zum Beispiel nach Palästina blicke, wo die Gewalt, die nicht zuletzt auch mein Vater gesät hat, noch immer Opfer fordert, von Generation zu Generation, größer denke ich, als z. B. der "Reformstau der Evolution".
    Dieser Rote Faden in meinen Geschichtchen hat dich aber nicht weiter interessiert.

    Also, was genau willst du von mir?

    Gruß, Klammer
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  18. #18
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    AW: Familienbande - eine Hommage

    Ic hab mich ein wenig verliebt, Klammer.
    *rotwerd*

  19. #19
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Familienbande - eine Hommage

    lieber klammer,

    ersetze ich reihe durch doppel. zwei durch drei, 40 durch 37 und 50 durch null, erhalte ich gleiche bedingungen.
    ähnliches stößt sich ab. klar. und schreiben ist kunst. und diskutieren tut not.
    und zwischen antipoden wächst spannung. und spannung macht energie.
    das thema ist sicherlich einmalig.
    die form absolut sekundär.
    den fehler sich vor zu machen darin erschöpft zu sein sollte man sich erst ab achtzig genehmigen. wir müssen niemandem irgend etwas vorwerfen. generation folgt generation, beim platzwechsel entstehen da kleinere reibereien. unerträglich wird es nur, wenn den schutzbefohlenen unrecht aus dummheit, unsensibilität oder sadismus erwächst. hawkin könnte newton vorwerfen ungenau gewesen zu sein. zeit bringt vollkommenheit und nur die.
    also lieber klammer wetze weiterhin fröhlich die klingen. es ist so ein kreatives geräusch tief ins fleisch zu schneiden.

    mein hafer staubt

    brrrrrrr

  20. #20
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Familienbande - eine Hommage

    Liebes schwarzes Pferd,

    dann sind wir uns also einig. (Woran liegts, dass die "Baby-Boomer"-Generation in diesem Forum überdurchschnittlich vertreten ist?)

    Ich habe deshalb noch einen Teil der Geschichte oben angehängt.

    Gruß, Klammer
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  21. #21
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Familienbande - eine Hommage

    Ich bin noch am Ball, Klammer!

    Vielleicht mal ein wenig Feinarbeit.
    Als der junge Mann eingeführt wird: erregt er Aufsehen? Finde ich übertrieben, lieber: nur große Aufmerksamkeit. Das zweite Aufsehen später kann stehen bleiben.
    ... etwas weiter unten: nicht Ellenbeugen, sondern Ellenbogen, die Beugen sind innen und nutze sich nicht ab!
    Gegenüber eines breiten Hauses muß da wirklich Genitiv hin?
    des Erkers des Hauses in seinem Rücken, da genügt auch einfach eines weit in die Straße hineinreichenden Erkers in seinem Rcken.

    Nächster Absatz:
    Während dem Kaiserreich... hier muß Genitiv hin
    Bei der Beschreibung des Grundstücks hast Du zweimal kurz hintereinander verkommen.

    Bei Arcons Tageslauf: Die Fensterfront, die auf die Wege zeigte, ist ein bißchen merkwürdig - lieber hinausging.
    über seine Frau: Daß sie sich mit dem Gedanken angefreundet hat, eine alte Jungfer zu werden, finde ich auch nicht ganz glaubhaft - lieber abgefunden.

    Mir gefällt die Art, wie Simones Dummheit eingeführt wird; man rechnet in diesem Augenblick nicht im geringsten damit.
    Und schön auch die Stelle mit dem geklauten Siegelring.

    Macht Freude zu lesen. Nur weiter!

  22. #22
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Familienbande - eine Hommage

    was zum teufel, klammer, ist die "Baby-Boomer"-Generation und, noch wichtiger, wer vertritt sie hier?

  23. #23
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Familienbande - eine Hommage

    Liebe Zefira,

    ich danke dir für deine Anmerkungen, die mir einige meiner Oberflächlichkeiten gezeigt haben. Wenn ich die Geschichte hier fortsetze, werde ich auch diese Fehler verbessert haben. Es ist schön, einen bekennenden Leser für diese, sich dem Medium Internet eigentlich sperrende Geschichte zu haben.
    Was ich hier in einer Augenblickslaune als kürzere Erzählung begann, bläht sich gerade in Eigendynamik zum ersten Kapitel eines Romans auf; ich bin selbst gespannt, was daraus noch wird. Hoffentlich gehe ich nicht wie B. vorher an meiner Kaffeesucht zugrunde.

    @tt,
    das war nur so dahin gesagt, ich meinte die Leute zwischen 35 und 45, die hier, meine ich die Mehrheit und die Meinungen bilden. (Ich lasse mich gerne vom Gegenteil überzeugen) Die jüngeren werden meist aufgrund ihrer sprachlichen Mängel von Robert et al. schnell vertrieben, die älteren sind entweder zu arriviert oder zu frustriert oder haben das Internet noch nicht als ihr Medium entdeckt.
    Wie alt bist du eigentlich, tt?

    Gruß, Klammer
    Aber ein Traum - nikolaus-klammer.blog

  24. #24
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Familienbande - eine Hommage

    ich liege rund 5 jahre unter der "baby-boomer"-generation ich werde 30.

  25. #25
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Familienbande - eine Hommage

    Der Text interessiert mich, da du an Flaubert und Proust anknüpfst. Heute ist eine andere Zeit und du beschwörst das Gestern empor. Ich habe bis jetzt nur den Anfang gelesen. Dabei ist mir dies aufgefallen:

    "Nun will ich dich bei der Hand nehmen, mein Leser, der du bis jetzt geduldig meinen Worten gefolget bist."

    Dieses an der Hand nehmen ist mir zu mächtig. Du kannst nicht den Leser an der Hand nehmen. Er muß eigene Bilder produzieren können.

    "Aber ich sehe, mein Leser, daß dein Blick zuletzt jemanden gefunden hat, dessen Roman dein Interesse lohnen wird. Wir wollen ihm folgen und sehen, wohin er uns führt:"

    Woher willst du wissen, ob mein Interesse auf diese Person gelenkt wurde. Vielleicht hätte ich lieber die bucklige Alte verfolgt?

    "Als Knabe hätte er sicherlich für Caravaggios Jüngling mit dem Früchtekorb Modell stehen können."

    Gut, daß du das Bild von dem Carvaggio wiederrufst. Caravaggio war ein Genie. Er ist unantastbar. Für mich jedenfalls. Das Licht und wie er seine Personen malte kann keiner in seinem Text beschreiben. Vielleicht könnte das ein Proust.

    So, weiter bin ich noch nicht gekommen. Aber der Text fesselt mich. Auch wenn er nicht in der Gegenwart spielt.

    Grüße von Patina

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