Die Dänen rührten sich wieder und beanspruchten die Eider als Grenzfluß. Der dänische König bestritt die Sonderstellung Schleswigs und Holsteins im dänischen Verbund und verstieß so gegen die Bestimmungen des Londoner Patents von 1852, was einmal mehr belegt, daß Verträge eben eine unbestimmbare Haltbarkeitsdauer besitzen. Auch der Herzog von Schleswig und Holstein wollte sich nicht an die Verzichtserklärung halten. Er erklärte, er werde die Herrschaft in beiden Herzogtümern antreten. Der Deutsche Bund war gefordert und handelte. Österreich wollte eine Bundesreform durchbringen, die den deutschen Nationalstaat geschaffen hätte. Die deutschen Fürsten versammelten sich in Frankfurt/Main und planten die Ausrufung des Kaisers von Österreich als Kaiser von Deutschland. 16.8.1863. Die schwarz-rot-goldene Fahne wurde bereits aufgezogen, das Volk jubelte. Preußen fehlte. König Wilhelm weilte in Baden-Baden. Er wolle sich nicht nötigen lassen. Bismarck unterstützte den König gegen alle, selbst die Königin wollte nach Frankfurt/Main. Wilhelm blieb stur.
Die Proklamation kam nicht zur gewünschten Folge der Thronbesteigung. Ohne Preußens Zustimmung ging nichts. Ein Mehrheitsbeschluß galt nichts, nur Einmütigkeit oder, wie es damals hieß, allseitige Verständigung. Die österreichischen Vorschläge zur Reformierung des Deutschen Bundes


  • Direktorium von fünf Fürsten;
  • Reichstag mit Deputierten aller Landtage


scheiterten somit. Die Österreicher zogen sich zurück, einen Krieg, Preußen in das neue Kaiserreich zu zwingen, wollten sie deswegen nicht führen. Preußen mit Bismarck allerdings schon. Doch dafür war jetzt nicht die Zeit. Bismarck hatte in Preußen keine Mehrheit für seine harte Politik, die an der Abgeordnetenkammer vorbei regierte und durch Polizeirepressalien Beamtentum und staatsbewußte Preußen auf Kurs bringen wollte.
In dieser innenpolitischen Situation Preußens fragte Österreich wegen eines außenpolitischen Abenteuers an: Dänemark. Man verbündete sich. Die Dänen hatten gute Gründe für ihre Ansprüche, die Deutschen in Schleswig und Holstein auch. Die Dänen hofften auf ein Eingreifen Frankreichs und Britanniens. Aber die wichen aus. Die englische Königin wollte keinen Krieg gegen die Deutschen wegen dieser Problematik führen. Die Franzosen wollten es allein nicht wagen.
Der Deutsche Bund bestellte 60000 Soldaten und griff an. 1.2.1864. Die Dänen zogen sich zu den Düppeler Schanzen zurück. Der Deutsche Bund besaß eine sehr kleine Marine, obwohl über tausend Kilometer Ufer den Norden begrenzten. Dänemark kam auf 5% der Bevölkerung Deutschlands, besaß aber eine größere Marine als der Deutsche Bund. Das bedeutete, daß die klassische Methode, die Eroberung der feindlichen Hauptstadt, in diesem Krieg für die Deutschen nicht in Frage kam; die Dänen dagegen hätten mit einem Unentschieden (Behauptung der Düppeler Schanzen) schon den Sieg erreicht, aber der kam nicht zustande, denn die Deutschen stürmten die Schanzen. Der dänische König Christian IX. mußte am 30.10.1864 in Wien die Räumung Schleswigs und Holsteins hinnehmen, was die Einrichtung eines preußisch-österreichischen Kondominiums (Nordmark) zur Folge hatte. Die deutsche Frage war damit nicht geklärt, denn auch im Gefolge der nationalen Erregung bezüglich Schleswigs und Holsteins kam es zu keiner Neugestaltung des Deutschen Bundes.
Im Schatten der Kabinettspolitik ging in den vergangenen Jahrzehnten vor allem im Norden Deutschlands die industrielle Revolution vor sich. Die deutsche Einigung 1870/71 wurde nicht aufgrund wirtschaftlicher Überlegungen erzwungen. Deutschland war keineswegs wirtschaftlich rückschrittlich, keineswegs waren die Menschen ärmer oder unaufgeklärter, keineswegs gab es das Massenelend, wie es Rußland, Frankreich, die Vereinigten Staaten und Britannien kannten. Zwar gab es im Deutschen Bund keinesfalls die Großverdiener, wie sie der britische Plutokratie, die russischen Großgrundbesitzer und die französischen Imperialisten kannten, dafür war der allgemeine Wohlstand keinesfalls niedriger als in England oder anderswo. Die regional organisierte Wirtschaft ernährte ihre Leute. Die Entwicklung des Schienennetzes vernetzte auch die Industrie, besonders im flachen Land, wo der Streckenbau billiger und zügiger vor sich gehen konnte und auch die Transportwege nicht so lang waren. Insbesondere Sachsen gedieh sehr, aber auch im Rheinland und in Mitteldeutschland wuchs die Industrieproduktion, wuchsen die Städte.
Preußen besaß seit 1808 Freihandel. Der ging von England aus, das die Herrschaft über die Meere so am besten ausnutzen konnte und deshalb immer für den Freihandel eintrat. 1860 war es England gelungen, auch Frankreich in dieses System einzubinden, so daß 50 Jahre nach der Kontinentalsperre Frankreich und England wieder freien Handel miteinander trieben. Das nahm man in Preußen zur Kenntnis, wägte im Abgeordneten- und Herrenhaus Vor- und Nachteile ab und kam zu dem Urteil: keine Meinungsverschiedenheit beim Überwiegen der Vorteile. Preußen trat also diesem Handelsvertrag, der eine kleine Zollunion bedeutete, bei. Das brachte die kleineren Staaten des Zollvereins gegen Preußen auf. Sie fürchteten zurecht die Konkurrenz aus dem Westen. Österreich sah eine Chance zur Neuordnung des Zollvereins und erhoffte, den Fehler des Nichtbeitritts von 1834 tilgend, den Wiederanschluß an das übrige deutsche Wirtschaftsgebiet. Doch es kam nicht dazu. Der großdeutsch gesinnte österreichische Ministerpräsident Schmerling trat wegen mangelnder Unterstützung seiner nationalitätenfreundlichen Politik im österreichischen Parlament zurück. Sommer 1865. Graf Belcredi übernahm das Amt und knüpfte an die alte Politik an, die im Zusammengehen zwischen Aristokratie und Kirche die Nationalitätenfrage klären wollte. Für eine liberale Wirtschaftspolitik war da kein Platz. Der liberale Weg war in Österreich endgültig gescheitert.
Zeitgleich etablierten sich in Paris zwei Parteien, deren jede eine ein Zusammengehen mit Preußen beziehungsweise Österreich vertrat. Keine dieser Parteien konnte sich durchsetzen. Damit schied Frankreich aus dem Intrigenspiel aus. Rußland stand aufgrund der preußischen Politik in der Polenfrage auf Preußens Seite. England hielt sich neutral, tendierte aber eher zu Österreich. Blieb der Konfliktherd Italien. Hier setzte Bismarck an. Er versprach den Italienern Unterstützung im Falle eines Krieges gegen Österreich, welcher sich nur über Venetien entzünden konnte. Österreich ließ Truppen in Böhmen aufmarschieren, was Bismarck nutzte, um Kriegsvorbereitungen durchsetzen zu können. Das Kräfteverhältnis stand etwa 2:1 für Österreich, das auch auf die Hilfe der übrigen süddeutschen Staaten und Hannovers rechnen konnte. Aber die Wege der österreichischen Truppenverbände waren weit und das süddeutsche Eisenbahnnetz weniger ausgebaut als das norddeutsche. Österreich benötigte ungefähr doppelt so lange, bis seine Truppen auch da waren, wo der Generalstab sie haben wollte: Österreich sieben Wochen, Preußen vier Wochen.

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Bismarck unternahm währenddessen einen diplomatischen Versuch und brachte im Frankfurter Bundestag einen Antrag ein, der zur Neuwahl einer verfassunggebenden Versammlung aufrief. Das war ein Angriff auf den Vielvölkerstaat Österreich, dessen Verfassung maßgeblich von den Deutschen abhing, die sich wegen dieses Aufrufs an 1848/9 erinnert fühlten, als die damalige deutsche Nationalversammlung eben nicht zum erwünschten Ziel führte, weil Preußen sich sträubte. Und nun wollte sich ebendieses Preußen zum Führer in den deutschen Dingen machen? Man zweifelte das an und mutmaßte machtpolitische Hintergründe. Entsprechend machtpolitisch handelte Wien. Der österreichische Ministerpräsident Belcredi unterhandelte mit Frankreich und versprach Napoleon III. das linke Rheinufer, wenn er sich gegen Preußen stellen würde. Bismarck verkündete im Bundestag einen Verfassungsentwurf, der Österreich ausschloß und zugleich das allgemeine, geheime und gleiche Wahlrecht prolongierte. Kurz danach wurde Sachsen, Hessen und Hannover ein Ultimatum gestellt. Österreich versprach diesen Staaten Hilfe, aber der Deutsche Bund war ausgehöhlt. Bismarck erklärte den Bund für gebrochen und erloschen. Am 19.6.1866 erklärte König Wilhelm gegen seinen Willen Österreich den Krieg.

Die Preußen ließen das 8. Korps im Rheinland stehen, um Frankreich am Eingreifen zu hindern. Unter dem General Finkenstein beorderte Stabschef Moltke Truppen in die Nahtstelle zwischen Hannover und Bayern, den thüringisch-hessischen Raum. So sollte verhindert werden, daß sich die hannöverschen und bayrischen Truppen vereinigten und gemeinsam nach Nordosten stießen. Moltke nutzte die Eisenbahn, um die Truppen schnell zu bewegen. Die Hauptarmee stieß nach Südosten vor.

Kurz etwas zur Ausrüstung der Armeen: Bei gezogenen Geschützen bewirkt eine im Schußrohr eingravierte spiralförmige Linie, daß die Geschosse einen Drall bekommen. Vermöge dieses Dralls können Geschütze weiter und zielgerichteter feuern. Außerdem erhöht sich die Durchschlagskraft der Geschosse. – Die Soldaten des Deutschen Bundes hatten meist gezogene Geschütze, die Preußen glatte. Die Deutschen schossen mit Vorderladern, die Preußen besaßen Hinterlader (Zündnadelgewehr). Die Preußen hatten eine schwach ausgebildete Kavallerie, die nur engräumig operieren konnte. Dafür wirkte die preußische Infanterie besser zusammen als die aus vielen Landesteilen des Deutschen Bundes stammende. Die Preußen schossen schneller und waren beweglicher, die Soldaten des Deutschen Bundes konnten dies nur durch geschlossene Kolonnen ausgleichen. Die Bundessoldaten operierten unter dem österreichischen General Benedek. Er hatte keine Ahnung, wo er den Preußen begegnen sollte, die Preußen wußten das umgekehrt aber auch nicht. Benedek ließ seine Truppen bei der mährischen Festung Olmütz sammeln, was ihm zwei Operationsrichtungen ermöglichte, entweder nach Norden gegen Schlesien oder nach Nordwesten ins verbündete Sachsen. Moltke ließ, dies vorausahnend, zwei Heeresgruppen bilden, eine in Schlesien und eine in der Lausitz. Er rechnete mit einem Angriff auf Oberschlesien, denn Sachsen war Teil des Bundesheeres, das unter schwarz-rot-goldenen Fahnen kämpfte, und wäre durch einen Feldzug mittenmang Sachsens schwer geschädigt worden. Benedek orientierte sich von Mähren aus nach Böhmen. Moltke handelte schnell und ließ beide Heeresgruppen nach Böhmen marschieren. Benedek verfuhr nach der alten Strategie, die sich in vielen Jahrhunderten bewährt hatte, daß die Truppen zusammenblieben. Moltke verfuhr gegen das Lehrbuch, indem er getrennte Heeresgruppen placierte. Er setzte auf die neue Transportmöglichkeit, die Eisenbahn, und auf die Durchhaltekraft einer Infanterie, die mit dem Zündnadelgewehr starke Widerstandskraft für den Fall besaß, daß die eigenen Verstärkungen noch nicht eingetroffen seien. Der preußische Marschall konnte sich gegen seine Generale durchsetzen. Der König stand zu ihm, wie er stets zu denjenigen stand, denen er ein Amt gegeben hatte. Moltkes Plan wurde also gegen alle Bedenken durchgeführt.
Der das Heer führende preußische Prinz Karl Friedrich kam nicht recht vorwärts, zögerte. Aber auch Benedek wagte nicht den Angriff, denn er hatte die Durchgänge von Schlesien nach Böhmen, die Pässe, nicht gesichert. Das war Absicht, denn im Gebirge war ein Sieg nicht zu erfechten; er mußte die schlesische Heeresgruppe der Preußen aus dem Gebirge locken und dann in der Ebene mit seiner Übermacht stellen und vernichten. Er zog sich zurück, ließ die schlesische Heeresgruppe der Preußen kommen und wollte diese Gruppe mit seiner Hauptmacht angreifen und schlagen, danach der anderen Heeresgruppe zuwenden, um auch diese zu schlagen. Das war die alte napoleonische Schule. Aber Benedek zögerte zu lange mit dem Angriff und verzettelte sich in kleineren Gefechten, die er meist (bis auf die Gefechte gegen den forschen preußischen General Steinmetz) gewann, was aber unbedeutend blieb. Er konterkarierte somit seine eigene Strategie und ließ den Preußen viel zu viel Zeit, ihre Truppen heranzuschaffen. Es kam am Hauptort des Krieges, Königgrätz an der Elbe, auch zu keiner großen Feldschlacht, wie Benedek sie geplant hatte, um seine überlegene Kavallerie und Artillerie einsetzen zu können, sondern nur zu kleineren Wald- und Wiesentreffen, wo sich die schneller schießenden Preußen behaupten konnten. Die Preußen siegten, die Soldaten des Deutschen Bundes flohen. Jetzt gäbe es für die Preußen die Möglichkeit, Wien einzunehmen. Aber Bismarck wollte einen ehrenvollen Frieden und kein weiteres deutsches Blut vergießen. Also wurde nicht nachgesetzt. Der Deutsche Bund hatte 44000 Mann verloren, Preußen ungefähr 9000. Bismarck wollte den Sieg politisch ausnützen:


  • Austritt Österreichs aus dem Deutschen Bund;
  • keine Landabtretung Österreichs, aber eine moderate Kontribution von 20 Millionen Talern (646 Millionen €), etwa 50% des preußischen Heeresetats;
  • Schonung Sachsens;
  • Schonung anderer deutscher Fürstenhäuser, die gegen Preußen gefochten hatten;
  • Bestrafung Hannovers.


Am 26.7.1866 kam es zum Frieden von Nikolsburg, in dem dies vereinbart wurde. Jetzt trat Frankreich auf und bot Preußen an, Deutschland mit Ausnahme Österreichs bilden zu dürfen, wenn dafür ein Bündnis abgeschlossen werde, das Frankreich den Erwerb Belgiens garantiere. Aber das wollte Bismarck nicht. Er wollte einen freiwilligen Beitritt der süddeutschen Staaten und verhandelte mit deren Fürsten, die er zu einem Schutz- und Trutzbündnis überreden konnte. Würde also eine Partei Krieg führen, so müßten die anderen helfend beistehen.
Österreich mußte nicht nur die Niederlage bei Königgrätz erleiden, sondern auch auf dem italienischen Kriegsschauplatz Gebiete abtreten, obwohl dort militärisch gesiegt worden war [1]. Venetien kam zu Italien, Österreich zog sich zurück.

Eine viele Positionen vereinigende brachte der Abgeordnete Lasker (Fortschrittspartei) in der Indemnitätsdebatte [Entlastung der Regierung für die Jahre ohne Haushalt; ergo die Nachbewilligung der verbrauchten Mittel] vom August 1866 vor: „Deutschland ist nicht in der glücklichen Lage wie England, das seine Freiheit hat erringen und festigen können, weil es dank seiner Insellage vor auswärtigen Angriffen sicher ist. Erst wenn Deutschland zur vollen Einheit gelangt sein wird, erst dann wird die Freiheit gewonnen sein – und nicht bloß für Deutschland, sondern für ganz Europa. Bis dahin bleiben wir dem ärgsten Feind der Freiheit unterworfen, dem bewaffneten Frieden. Der gesicherte Friedenszustand kehrt erst ein, wenn Italien von der einen und Deutschland von der anderen Seite geschlossene Staaten bilden und die geeinten Nationen imstande sind, den französischen Ehrgeiz für immer zu unterdrücken. Dann werden alle Länder Muße finden, in sich zu gehen und sich mit den Aufgaben zu beschäftigen, welche vor der Humanität am besten bestehen. […] Das Ministerium Bismarck hat in den vergangenen Jahren schwer gegen das Recht und das Rechtsbewußtsein des Volkes gesündigt. Aber die Geschichte des letzten Jahres hat ihm Indemnität erteilt. Sprechen wir sie aus!“

Damit war der deutsche Bruderkrieg beendet: der deutsche Teil Österreichs (Burgenland, Niederösterreich, Salzburg, Tirol, Kärnten, Steiermark) war raus aus dem Bund, die übrigen süddeutschen Staaten standen in einer militärischen Bringeschuld für den Fall eines neuen Krieges, den Preußen führen würde und Norddeutschland stand vor einer Neugestaltung, die nur Preußen vornehmen konnte. [2] Moltkes neue Strategie hatte sich behauptet. Die neuen Gewehre hatten sich behauptet. Aber der Sieg Preußens war keiner des Fortschritts, sondern einer für die engstirnigen und pragmatischen, meist liberalen Bürgerlichen, das Besitzbürgertum, das nunmehr ein Rumpfdeutschland verwirklichen konnte – als „Nationalstaat“ beschworen –, in dem die in der Zollunion verwirklichte wirtschaftliche Vereinigung auch politisch bewerkstelligt werden könnte. Das sollte Fortschritt sein. Das Bürgertum wollte diese „Revolution von oben“ und hatte Einheit vor Freiheit gesetzt, weil es entgegen ihres programmatischen Namens die Vielheit der Vorstellungen zu politischer und wirtschaftlicher nicht aushielt; statt dessen drängte es zehn Millionen Deutsche aus dem Land, das es als UNSERES bezeichnete, letztlich aber nur das aufgeblähte Preußen bedeuten konnte und propagierte, daß nur in einem Nationalstaat die Freiheit eine Heimstatt finden könne, meinte aber damit die Entwicklung ihrer Macht, meinte die Demokratie nach westlichem Muster, was alles durch die eher wirtschaftsfeindliche Politik des österreichischen Kabinetts bedroht, zumindest aber gefährdet sei. Dieses Besitzbürgertum sagte „Freiheit“ und meinte „Profit“, sagte „Nationalstaat“ und meinte „Preußen“. – Andererseits bestand nunmehr die Möglichkeit, mit Österreich ein ewiges Bündnis zu bilden und die Idee des Staatsgebildes „Österreich“ auf historische Mission zu schicken, die Affizierung des europäischen Südostens mit der deutschen Kultur, dieses Gebiet gleichsam als Pufferzone gegen den russischen Imperialismus auszubauen und zugleich mit Österreich Frankreich auf dem westlichen Kontinent in Schach zu halten. Nicht weniger opportunistisch gingen die Sozialdemokraten in Deutschland (Bebel, Liebknecht), aber auch die Kommunisten außerhalb Deutschlands (Marx und Engels) mit der neuen Situation um: Waren sie während der Auseinandersetzung für den Deutschen Bund gewesen, weil dieser großdeutsch und antipreußisch orientiert war, wurden sie nach dessen Niederlage zu Befürwortern der preußischen Politik, akzeptierten das Faktum des verkleinerten Deutschland und sich wollten nunmehr in den neuen Grenzen um die Vereinigung des Proletariats kümmern, um dessen historische Mission im borussischen Deutschland zu forcieren. Auch den altständisch orientierten Urpreußen nutzte der Sieg, denn er hob ihre Stellung in ganz Deutschland. Das Ende des Bruderkrieges ließ viele politische Möglichkeiten zu, die allesamt nicht unvorteilhaft für alle Deutschen schienen, aber eines nicht mehr bot: ein föderales Deutschland der vielen Gesichter. Zudem beschnitt es die Freiheit, die Freiheit des taugenichtsigen Menschen, der andere nicht danach abwog, ob sie ihm nützten. Der Sieg Preußens beendete die Romantik in Deutschlands Innenpolitik. Das Vage, Ungefähre, Unklare war mit einem Schlag verschwunden und damit ein Korrektiv für den betriebsamen Zeitgeist des Imperialismus; es begann das Zeitalter des Hamsterrads, der Zwänge, der Realität, des Bürgersinns, sich die Welt anzueignen und nutzbar zu machen.


Aufgaben:


  1. Erörtere die These: „Der deutsche Bruderkrieg muß korrekt heißen: Deutschland gegen Preußen. Preußen gewann und schluckte Deutschland.“ (III)
  2. Liste übersichtlich die wichtigsten Ereignisse und ihre unmittelbaren Folgen vor dem Bruderkrieg! (I)
  3. Diskutiere die Chancen der beiden kriegführenden Parteien vor dem Krieg! (II)
  4. Was war kriegsentscheidend? (II)
  5. Vermute Gründe für Bismarcks nachlässige Behandlung Österreichs nach dem Krieg! (II)




[1] Den Krieg führte nicht Österreich, sondern der Deutsche Bund. Es zogen 80 Liechtensteiner, die zum Deutschen Bund gehörten, im Frühjahr 1866 in den Krieg gegen Italien. Im Sommer 1866 endete der Feldzug und 81 kamen aus Italien zurück, was wohl in der Militärgeschichte einmalig bleiben dürfte.

[2] Dieses Bündnis war bereits 1867 bekannt, zumal Bismarck es im Norddeutschen Reichstag wiederholt öffentlich zur Sprache brachte, zum Beispiel hier: http://www. reichstagsprotokolle.de/Blatt3_nb_bsb00000436_00257.html. Das bedeutet im Umkehrschluß für 1870: Frankreich wußte, daß es bei einer Kriegserklärung an den Norddeutschen Bund auch mit den süddeutschen Staaten zu tun bekäme.