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Thema: Nachruf

  1. #1
    Tochter aus gutem Hause
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    Post Nachruf

    Ich sitze in meinem Arbeitszimmer und habe eine Jalousie heruntergelassen. Durch das freie Fenster sehe ich, daß die Sonne scheint. Das Grün der Bäume. Ich kann es nicht anschauen. Ich konnte es noch nie anschauen. Ich trage schwarz. Immer trage ich schwarz.

    Vor etwa dreißig Jahren saßen mein Bruder und ich auf der Rückbank und stritten um einen Keks. Die Blicke der Eltern wanderten nach hinten und versuchten zu schlichten. Wir fuhren schon durch den Tunnel. Die Lichter der entgegenkommenden Autos blendeten mich. Aus einem Munde ertönte es: „Wann sind wir endlich da?“ Mein Vater antwortete in barschem Ton: „Geduld da hinten, es sind noch fünf Minuten.“ Wir beruhigten uns und schließlich gelangten wir an. Das kleine schwäbische Häuschen mit dem großen Garten schien schon von der Ferne zu winken. Mein Bruder und ich rissen die Türen auf. Wir konnten es kaum erwarten. Ich war als erste am Gartentor und drückte auf den schwarzen Knopf hinter dem Briefkasten. Das Tor öffnete sich. Mein Bruder und ich rannten die gefährlich steilen schiefen Stiegen hinauf und hielten kurz an. Da war die schwarze Katze. Sie schmollte in einem fliederfarbenen Blumenbeet. Als sie uns sah, zuckte sie kurz und schon war sie weg. „Wie schade, die Katze ist abgehauen!“ Schnell schossen wir weiter. Sie stand in der Küche hinter dunstbezogenen Scheiben. Als sie uns sah, trat sie sogleich erwartungsvoll in den Flur und öffnete die Tür. Sobald es summte, stießen mein Bruder und ich die Tür auf und stürzten durch den Flur, der mit seinem leichten Modergeruch an ein altes Haus gemahnte, und stürzten auf sie zu. Sie erdrückte uns fast mit ihren Umarmungen. Während ihre süßliche Stimme erklang, japsten wir nach Luft. Wir machten uns los und rannten weiter, um uns der Wohnung zu bemächtigen. Ich blickte nochmals zurück und sah sie aufrecht von schlanker Gestalt mit dunkelblauem Kostüm bekleidet in der Tür stehen. Sie trug schwarze Seidenstrumpfhosen. Es war ein Hochsommertag. Ihr Kreuz war durchgedrückt. Aber es wirkte nicht so, als ob sie einen Stock verschluckt hätte. Ihr haftete eine natürliche Majestät an. Ich kannte sie nicht anders, als mit weißer allwöchentlich vom Friseur zurechtgemachter Haarpracht. Etwas unwirkliches war an diesen Wellen, da sie im Licht glänzten. Als ob sie einen Heiligenschein hätte. Die Großmutter war etwas ganz besonderes, da wir sie selten besuchten. Vielleicht rührte es daher, daß ich sie glorifizierte. Oder war der Grund, daß sie seit dem Krieg alleine war, ohne Mann? Der Großvater war im Krieg an Tuberkoulose gestorben. Berichten zufolge weiß ich heute, daß er desöfteren mit der Pistole im Anschlag am Fenster saß und unkontrolliert Schüsse abfeuerte. Soweit mir bekannt ist, hat er nie jemanden getroffen. Ich kannte nur das Grab. Es befand sich auf dem Friedhof neben der Straße, wo das Haus der Großmutter stand. Sie pflegte dieses Grab mit besonderer Hingabe, indem sie es allwöchentlich mit frischen Blumen versorgte. Zuerst der Verlust des Mannes und dann der der beiden Kinder, als sie aus dem Haus gegangen waren. Seitdem war sie allein verblieben. Sie hatte all die Jahre das Alleinsein gepflegt, gleich einem zarten Pflänzchen. Ich vergewisserte mich nocheinmal. Doch, die Großmutter hatte einen Stolz in ihrem Blick. Auch wenn die Brillengläser ihn versteckten.

    Ich wandte mich ab. Und dann fand schon die nächste Keilerei im Wohn zimmer statt. Mein Bruder und ich schmissen uns die Häkelkissen gegenseitig ins Gesicht. Das vom Vater gemalte Ölbild, ein Stilleben mit Früchten hing schon schief an der Wand. Meine Mutter trat dazwischen und gemahnte uns, ruhig zu sein.

    Da unsere Eltern in der Stadt Erledigungen zu machen hatten, sollten mein Bruder und ich den Nachmittag bei der Großmutter verbringen. Als sie weg waren, lockte sie uns mit einem Körbchen, in dem sich Goldschätze verbargen. Winzig kleine Teller, auf die man Puppentassen setzen konnte. Wir verbreiteten die Schätze auf dem Teppichboden und schon war der nächste Streit ausgebrochen. Wer durfte die Puppentasse auf den Teller setzen? Ich zog meinen Bruder an den Haaren. Meine Großmutter schrie auf: „Annette!“ Die Betonung lag auf dem A, nicht auf dem e. Nie hatte mich jemals jemand so angerufen wie sie. Ich erschrak und verblüfft ließ ich meinen Bruder los. Die Großmutter beruhigte sich ebenfalls und ihre dunklen braunen Augen lagen auf uns. Die süße Stimme beschwichtigte uns und langsam verblaßte der Streit.

    Von der Küchentür wehte das Geklapper der Teller. Das hieß Essenszeit. Zuerst mampften wir das Gulasch in seiner dunklen sämigen Soße. Dazu selbstgemachte Spätzle und Salat. Die Großmutter ließ währenddessen ihre Blicke über unsere Köpfe schweifen. Sie wollte nichts essen. Sie betonte, ihr Hefekranz mit Kakao genossen reiche ihr aus. Zwischen den Bissen betrachtete ich ihren von Muttermalen übersäten nackten Arm. War es normal, daß man im Alter so viele Flecken bekam? Trug sie deshalb diese schwarzen Strumpfhosen? Als ich laut schmatzte, fragte die Großmutter, ob ich auch brav Klavier übte. Ich bestätigte ihr, daß ich jeden Tag eine halbe Stunde übte. Als wir unsere Teller leergegessen hatten, stand die Großmutter auf und holte den Höhepunkt des Tages vom Kachelofen. Mein Bruder rutschte auf seinem Stuhl neben mir schon unruhig hin und her. Der Schokoladenpudding mit Vanillesoße mundete nirgends besser, denn sie kochte ihn mit so viel Zucker, daß es jedes Kinderherz höher schlagen ließ. Ihre Äußerung dazu lautete jedesmal: „Ich hab‘s gern süß.“

    Wir erhoben uns. Die Großmutter ging in die Küche und mein Bruder und ich spielten Lego. Als die sie nach einer Viertelstunde zurückkehrte, ging sie auf den Balkon. Er war mit Kunstrasen ausgelegt. Sie holte die Gießkanne und goß die Geranien. Mein Bruder und ich betraten währenddessen den kleinen Abhang neben dem Balkon und folgtem dem Pfad durch das wild wuchernde Gestrüp. Danach tat ich kund, daß ich auf die Toilette müsste. „Aber Annette, du weißt doch, wo die Toilette ist.“ Ich machte mich auf den Weg, durchschritt den engen Vorraum, wo sich das winzige Waschbecken befand und schloß hinter mir die Tür. Ein anderes Loch als daheim starrte mir entgegen. Würde es Ungeheuer bergen, die mir in den Hintern bissen. Vorsichtig setzte ich mich auf die Klobrille. Links neben mir befand sich ein Haufen in kleine Stücke geschnittenes Zeitungspapier. Rechts das Klopapier. Mein Arm glitt, als ich fertig war, nach rechts. Das Schloß ließ sich schwer drehen. Ich hatte immer Angst, ich könnte hinter Schloß und Riegel sitzend den Rest meines Daseins im Klo verbringen. Ich brachte es fertig und die Tür öffnete sich. Ich war ganz stolz. Ich drehte den kleinen Wasserhahn auf und wusch mir die Hände. Die Großmutter und mein Bruder waren im Garten. Mein Bruder hatte sich schon die Arme an dem Stachelbeergestrüpp zerschnitten. Ich tat es ihm gleich und kostete von den sauren Beeren. Mein Bruder und ich schüttelten uns. Dann gingen wir zu den Johannisbeeren. Aber die waren genauso sauer.

    Der Himmel hat sich verdunkelt. Ein Gewitter ist im Anrollen. Die ersten Donnerschläge dröhnen von der Ferne. Ich suche die Buchstaben auf der Tastatur. Meine schwarze Bluse ist durchgeschwitzt. Ein Telefonanruf ereilt mich. Ich will die Jalousie nicht hochziehen. Das Gewitter hinter einer schwarzen Scheibe. Die ersten Regentropfen auf der Jalousie.

    Meine Eltern stehen an dem Bett der Großmutter. Sie haben das Fenster geöffnet. Der Frühling mit seinem Vogelgezwitscher drängt herein. Die Augen der Großmutter sind geschlossen. Und dann erhebt sich von dem Apfelbaum, der seine blühenden Arme durch das Fenster streckt, eine schwarze Krähe. Der Flügelschlag verdunkelt kurz die Sicht aus dem Fenster. Die Großmutter atmet nocheinmal auf. Dann erlischt sie.

    Sie ist mit 95 Jahren gestorben. Ich kann es heute noch nicht glauben, daß diese Persönlichkeit von mir gegangen ist.

    Und dann kommt er mit seinen mächtigen Schwingen, der Gewitterregen und prasselt wild gegen die Jalousie. Das Dröhnen wird immer lauter. Und ich immer kleiner. Bis ich es dem Gewitterregen gleich tue. Ich weine.

  2. #2
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Nachruf

    Liebe Patina,
    meine Mutter starb im Januar. Ich möchte an diesem Text nicht herumfummeln. Nur Dir mitteilen, daß er mich bewegt hat.
    Lebe Grüße
    Zefira

  3. #3
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    Post AW: Nachruf

    Wenn Gott ihm nur Gelegenheit gäbe, ein weichmütiger Mensch zu sein! Er wäre es so gern gewesen. An der verrotteten efeuberankten Mauer schlich er entlang, blieb unversehens stehen und streifte Blätter zur Seite. Wie die meisten Gräber des Friedhofs war auch das vor ihm liegende kaum gepflegt. Edgar entzifferte einen Namen und ging weiter. Er stellte fest, daß viele der Grabplatten Gras überwuchs, konnte aber nicht ausmachen, ob Absicht oder Nachlässigkeit dahinter lag. Der Totenacker jenseits der ehemaligen Stadtmauern versprühte jenen romantischen Charme, der durch schludrige Form erst entsteht. Neben prachtvolleren Abschnitten entlang des Außenrings, wo ein gepflegter Kiesweg samt goldlettriger Grabsteinaufschrift einem Fleischermeister den Weg ins Paradies verkündigen half, hatten eine Anzahl Künstler hier ihre letzte Ruhestätte gefunden, allerdings weniger kosmetisch absolviert. Das aber sagte eher etwas über die Pflichtvergessenheit der Friedhofsverwaltung denn den Geist aus, der sich über Worte mitteilt und mitteilen soll für alle Zeiten. - In respektvollem Abstand zu einem gegenwärtig kaum beachteten Dichter aus der mutmaßlichen Blütezeit der Stadt lag auch das Familiengrab der Familie Isas. Edgar blieb stehen. Unter wuchernden Pflanzen versteckte sich die ihm bekannte Inschrift der Ruhestätte. Laut las er die Namen der Verstorbenen, die ihm ungeläufig bleiben würden; nur einen kannte er, den von Isas Großmutter. Er las ihn mehrere Male und erinnerte sich ihrer: Eine schwere Krankheit hatte ihr nacheinander Bewegung, Stimme und schließlich das Leben genommen. Vor einigen Jahren trug er sie auf seinen Armen vom oberen Geschoß ihres Hauses an den Kamin im Parterre. Sie wollte vor dem warmen Feuer sitzen. Die Augen sagten es. Sie schenkten sich manchen Nachmittag die Milde eines vertraulichen Beieinander. Isas Großmutter hatte Edgar liebengelernt - wie er sie.
    ‚Sie versprach, wieder zurückzukommen’, dachte er.
    Was immer auch es gewesen sein mochte, Isas Großmutter sprach zu ihm mit ihren Augen, diesen tiefen braunen Augen, die er von irgendwoher kannte. Er spürte immer noch den leichten Druck auf den Unterarmen, als er sie vom oberen Stockwerk hinunter an den Kamin getragen hatte, nachdem feststand, daß sie ihr Haus nicht mehr würde nutzen können zu buntem gesellschaftlichem Vielerlei, weil Konvulsionen ihrem Körper die Kräfte raubten und keine Arznei Linderung versprach, als beide in dem Augenblick, da er sie hinabtrug, wußten, daß sie sich ihm, Edgar, und ihrem Haus anheimbefohlen hatte, daß sie von beidem Schutz und Wärme die verbleibende Zeit des stillen Erwartens annehmen durfte. Und es wurde sogar noch mehr: Eine knöcherne Hand hielt die seine seinerzeit umkrampft, ließ nicht los und war still ein Flehen nach dem Ende. Doch manchmal lächelten nach diesen entsetzlichen Erfahrungen warme aufregende große Augen, und er war froh, daß sie es taten und noch einige Male zu tun versprachen. Und somit saß Edgar an ihrem Bett und versuchte Wünsche aufzufangen, die wie Seifenblasen den Raum füllten. Er erfüllte die geretteten Wünsche schnellstmöglich, holte Wein und Gebäck - ihr Lieblingsessen: in Rotwein getunktes Salzgebäck -, spielte gelegentlich mit ihr ein wenig mühevoll Rommé oder Patience oder las aus Büchern vor, die sie ihm zu bestimmen wußte. Die stumme Verständigung war nur anfangs schwierig. Edgar entwickelte ein System zur Bestimmung der unsagbaren Buchstaben mit Hilfe der Augenstellstellung, wie er es in einem Film gesehen hatte. Sie übten das eine ganze Weile und eines Tages war es soweit, daß er in ihren Augen erkennen konnte, welche Worte (aneinandergereihte Buchstaben!!!) ihm Geschäfte oktroyierten, wozu er nur allzugern bereit. Er las also abwechselnd vor und ab, schaute dazu wiederholt in ihr Gesicht, nach neuen Aspekten suchend, nach Einwänden oder Affirmationen seines Tuns, das gerichtet war auf ihr und somit sein Wohlbefinden. Sie war lebendig gewordene Vertrautheit für den Geschichtendurstigen, sie war gütig, sie war hold. Im Charme der fast toten alten Dame schwang die Anmut und Vertrauen begründende Güte eben mit, die genannte Charaktereigenschaften urgründet. Güte, das ist Herzenswärme, ist die Achtung jeglichen Lebens um seinet selbst willen, ist die zweithöchste Form menschlichen Miteinanders, nur durch Liebe übertroffen und jedenfalls mit ihr verwandt. Schwestern. Edgar lernte in den Tagen des langen Abschieds den tiefsinnigen Unterschied zwischen Leben und Existieren, kannte nach ihrem Tode den Grund für sein Leben, immer auch ein Ohr zu haben für all jene, die der gesprochenen Sprache nicht mächtig! Hatte nicht sie selbst ihn nur als Kranke kennengelernt und nicht als jungfräuliches und wunderschönes Mädchen?
    Edgar wußte plötzlich, daß es Isas Großmutter war, die er, körperlich verjüngt, in Isa liebte. Wenn Edgar irgendwann in seinem Leben gut gewesen war, dann in diesen traurig qualvollen und doch wunderschönen einmaligen Monaten von „Großmutters“ körperlicher Marter, da das Leben der alten Dame jeden Tag ein wenig mehr schwand und Edgar zwar litt, aber den langen Abschied willkommen hieß als schlagenden Beweis für die Wiederkehr des liebenden Gefühls. Im Todeskampf der Großmutter fand Edgar den Glauben an die allem zugrundeliegende Wahrhaftigkeit der inneren Stimme. Er lernte zu lieben. Sie machte sein Leben sicher, verschaffte ihm die Selbstsicherheit des Zukünftigen. Einerseits. Als Isas Großmutter ihn verließ, nahm sie seine Unschuld gegenüber dem Tod mit ins Grab. Andererseits. Er kannte seit jenem Tage das Gefühl des Verlustes, des Unwiederbringbaren. Der Tod des geliebten Menschen blieb, auch im metaphysischen Sinn, trostlos. Er litt daran, daß der Tod doch ein unüberwindlicher Feind der Liebe geblieben war, er ihn weder überwinden konnte noch würde durch fürsorgend-praktizierende Abbitte.

  4. #4
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    AW: Nachruf

    Hallo Robert,
    der Text, den du hier reingestellt hast, ist sehr schön, aber ich konnte das nicht so beschreiben, wie Edgar das beschrieb. Ich war nicht dabei. Das Ableben fand ohne mich statt. Vielleicht müßte mir mein Vater, der alles mitbekommen hat, mehr Input geben.

    Und die Beerdigung findet erst am Dienstag statt. Also kann ich noch nicht von Gräbern schreiben. Im Moment ist sie im Kühlhaus. Wie grausam. Dieses Wort will ich im Moment nicht antasten.

    Liebe Grüße vom Bowle

  5. #5
    rodbertus
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    AW: Nachruf

    schau dir mal den ersten satz an! der zweite satz ist prätentiös. der dritte satz steht so rum. unangebunden. im vierten satz stehst du, ein ICH in einem Nichts. Das Ich ist wohl entscheidend, so daß es im fünften satz näher umschrieben wird. aus einer verneinung heraus.<br><br>der erste abschnitt ist ein selbstgefälliges und beinahe nullwertiges nichtmitteilen. sehr behäbig. <br><br>noch einmal!<br><br>konstruktiv vorschläge: Ich - Du - Es. so herum. ich sitze. du saßest. es sitzt um mich und 4 (!) bedrängt/bedrückt mich... das!<br>

  6. #6
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    AW: Nachruf

    Hast du jemals versucht den Tod deiner Mutter festzuhalten? Ich glaube, es klingt, was immer man anstellt etwas kitschig. Hmmh, Kitsch, Brokat, warum nicht.
    Hallo Patina ich denke, unter der emotionalen und tatsächlichen Last nach dem Tod eines Angehörigen wird an den eigenen Grundfesten derart gerüttelt, dass es noch Wochen braucht, bis man nicht mehr an die Person alle Zeit denkt. Kitsch? Brokat? Nein, sehe ich nicht so, auch wenn unter den ersten Wochen so allerlei Gutes der Person, ein wenig glorifiziert wird. Das Aufschreiben, ich denke das dies nicht der schlechteste Gedanke ist, dies zu tun, wenn man noch high ist, von dem Schrecken. Ich habe diesen Ausnahmezustand vor zwei Jahren erlebt. Aber auch als Jugendliche mit dreizehn Jahren. Und doch, die Unterschiede des Alters, bringen auch eine unterschiedliche Wahrnehmung.

    Zu Deinem Text: Die zurückblickenden Texteile, werden förmlich in die Gegenwart gezogen. Ja, so ist es, real. Doch, damit das auch richtig gelesen werden kann, müsste dies im Text deutlicher abgehoben werden.
    Als Idee oder Anregung: Den ist - Zustand: Im Büro sitzen und es regnet, sowie die letzten Absätze mal alles an den Anfang bringen und dann die Rückbesinnung herunterschreiben. Mich wühlt das Thema auch sehr auf. Mal sehen, ich hatte den Begräbnistag festgehalten. Vielleicht kann ich mit dem Aufschreiben, auch noch den letzten Rest verdrängter Trauer bewältigen.
    Sehr interessiert war ich derzeit, wie wohl heutzutage die letzten Begegnungen mit der noch lebenden Person abliefen. Ich hatte nämlich einen fürchterlichen Streit mit meiner Mutter, und habe auch nicht wie sonst, wenn ich sie besuchte, Stunden später angerufen, nachdem ich, wie auch sie wieder ruhiger waren. Auch diese Szenen, wer was gesagt hat, und warum, sind so gut wie im Niemandsland versunken. Allerdings ging ich auch nicht davon aus, dass sie am nächsten Morgen tot sei. Schluss, mir wuselt alles hoch.

  7. #7
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    AW: Nachruf

    Hallo Robert,
    ich wollte im ersten Abschnitt noch nicht zu viel sagen, so daß der Leser noch nicht weiß wohin es führt. Deshalb diese Ich-Bezogenheit. Ich werde mir deine Anmerkungen aber überlegen.

    Hallo Schreiblaune, ich kann mir gut vorstellen, wie das war. Ein Streit ist ausgebrochen. Man hat ein schlechtes Gewissen deswegen und am nächsten Tag ist das Gegenüber in deinem Fall die Mutter, was noch viel gravierender ist als die Großmutter, tot. Ich habe auch immer noch ein schlechtes Gewissen, daß ich meine Großmutter seit Weihnachten nicht mehr gesehen habe. Ich weiß nicht, ob ich mir diesen offenen Sargdeckel antun soll, um sie nochmals anzuschauen. Das ist doch grausam oder? Mir wird ganz schlecht dabei.

    Mit traurigen Grüßen
    Patina

  8. #8
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    Nachruf

    Sie war zerbrechlich wie ein Vogel, hatte aber das Fell eines Löwens. Aufgewachsen mit einer Kinderlähmung in der Nachkriegszeit Ostdeutschlands. Ihre Kindheit war bestimmt von Krankenhausluft und Lesen. Früh mußte sie sich an eine Schiene und einen Stock gewöhnen. Das im Lager in Süddeutschland. Sie hatte ein totes Bein. Ständig drohte die Abnahme.

    Trotzdem lernte sie damit zu leben. Ihr Geist war wach, da ihr Körper krank war. Vielseitig war sie interessiert an Büchern, Zeitschriften und dem Fernsehen.

    Sie war nie verheiratet, hatte keine Kinder und lebte mit ihrer Mutter. Arbeitete hart in der Buchhaltung bis zur Pensinionierung. Sie brach sich bei einem Fall das tote Bein. Sie ging nur noch an Krücken.

    Zuerst starb die Mutter an Darmverschluß. Zur gleichen Zeit wurde ihr Blasenkrebs diagnostiziert. Sie wurde operiert und ein künstlicher Blasenausgang wurde gelegt. Sie war nun klapprig. Dachte, sie würde nie wieder auf die Beine kommen, aber sie schaffte es.

    Aber eines Tages überfielen sie unsägliche Schmerzen. Zuerst dachten die Ärzte, es sei die Wirbelsäule oder das Rückenmark. Sie kam erneut ins Krankenhaus. Die Luft kannte sie mittlerweile. Diese klinische Hygiene. Aber eigentlich nahm sie sie gar nicht mehr wahr, diesmal. Die Ärzte verordneten Schmerztherapie. Sie fiel in den Schlaf.

    Sie wurde in eine Universitätsklinik auf die Intensivstation verlegt. Sie wachte nicht auf. Dort wurde eine Blutvergiftung diagnostiziert. Nach zwei Tage nahmen sie ihr die linke Hand ab. Sie wachte nicht auf. Bewegte sich nicht mehr.

    Kurz vor ihrem Tod warf sie nocheinmal den Kopf hin und her. Sie rang nach Atem. Die Ärzte mißdeuteten es. Sie dachten, sie käme nocheinmal zu sich. Aber nein.

    Die Ärzte unterließen nun eine Nierenwäsche. Die Niere versagte ihren Dienst. Der Krankenhauspfarrer wurde gerufen. Er begleitete die Schlafende sanft in den Tod. Sie ist mit 70 Jahren gestorben.

  9. #9
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Nachruf

    Kern dieses Textes ist der Schmerz. Darum kreist das Zeitliche. Leitmotiv sollte nicht die Krankenhausluft abgeben, die hat nur die Kraft zum Nebenmotiv. Was könnte das Hauptmotiv abgeben? Vielleicht etwas nah am Thematischen, vielleicht ein Charakterzug?

    Ich weiß bis heute nicht, was einen Nekrolog auszeichnet. Aber dieser hier ist bizarr, weil er die Tote von vornherein als eine beschreibt, die nicht lebte, sondern im Tode war - zeitlebens.

  10. #10
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    AW: Nachruf

    Die Krankenhausluft bestimmte aber ihr Leben. Ich denke, das paßt schon.

    Ständig habe ich nach diesem Wort "nekrolog" gesucht, aber es ist so düster. Da finde ich Nachruf viel sympathischer, positiver.

    Natürlich bin ich traurig. Sie hat mich auch während "Jessie" immer begleitet. Wahrscheinlich wird sie mich immer begleiten.

    Sie war wie eine zweite Mutter, die vielleicht den Vater, der immer abwesend war, ersetzt hat.

  11. #11
    rodbertus
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    AW: Nachruf

    Das ist ein starkes Hauptmotiv, was Dich hier antreiben könnte: Menschlichkeit, die Kraft des Mütterlichen, die vermittelte Kraft einer Nächstliebenden. Du bist das Nächste!

  12. #12
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    AW: Nachruf

    Ich verarbeite das auch gerade in meinem "RÜcken zur Wand"-Text. Wird Bestandteil meines Romans. Soll ich den Text wieder reinstellen? Ist halt ziemlich lang. Will so einen langen Text hier überhaupt jemand lesen?

  13. #13
    rodbertus
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    Geil auf lange Texte

    Freilich doch, Bowle. Wenn ich mal schlechte Laune habe, dann kann ich mich da richtig austoben. Und außerdem freuen sich unsere lieben Gäste, die Suchmaschinen, über lange Texte, die sie in ihren Datenbanken so schön einbasteln können. Je mehr bedeutsame Begriffe verwendet werden, um so mehr Leute werden darauf aufmerksam.

  14. #14
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Nachruf

    liebe Patina,

    ich fühl mit dir und wünsch dir jetzt kraft. ich hab vor diesem tag große angst. das nächste warst du ihr, das hat der Aerolith schön gesagt.

    den nachruf zeichnet glaub ich die hingewandte richtung aus, das buchstäbliche nach-rufen in eine dimension, die wir noch nicht kennen, von dem scheidepunkt aus, den der tod zu setzen scheint, an dem der lebende zurückbleibt. dort wird das Du und das Ich gesagt und die spuren, die das Ich vom Du als bleibende weiterträgt. das was bleibt, was als menschliches erbe aufleuchtet im eigenen weitergelebten leben, daß die anderen manchesmal denken, sie muß eine gute begleiterin gehabt haben oder haben. was man von ihrem leben für sie weitertragen will, was man von ihr gelernt hat, was ihr ganz eigenes auf dieser welt ausgemacht hat, das sagt man ihr.
    es ist ein danken und ein bitten um weitere nähe zugleich, darin dem gebet ähnlich, das auch ein sprechen mit nicht greifbarer, aber gegenwärtiger Präsenz ist. der nachruf geht also davon aus, daß der andere ihn auch immer noch hört

    nekrolog hört sich so an, als spräche man von dem toten, über ihn, eine würdigung seines lebens, die er nicht mehr hören kann.

    nänie heißt glaubich das klagelied, in das man alle eigene trauer steckt: ich weiß nicht, ob ich schon soweit bin, daß ich ohne dich bleiben kann, nein, ich bins nicht und muß doch.

  15. #15
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Nachruf

    Hallo susanna,
    danke für dein Mitgefühl. Kann es brauchen. Am Mittwoch ist die Beerdigung. Langsam gehen alle dahin. Das ist jetzt schon die dritte Beerdigung in kürzester Zeit.
    Ob ich die nächste bin, weiß ich nicht. Da ist ja noch meine Mutter. Sie hat sich ständig um sie gekümmert. Ich denke mal, sie ist die nächste.

    Das mit dem Nachruf hast du sehr schön formuliert. Nekrolog kling mir persönlich zu brutal. Aber Nänie, das klingt nett. Hab ich noch nie gehört.

    lg Patina

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