A. Kriegsursachen

Der schnelle Sieg gegen Österreich und der noch schnellere Frieden hatte nicht nur in Preußen die Anhängerschaft Bismarcks vergrößert und zwischen Konservativen und der nationalen Bewegung ein Band geknüpft, sondern erzeugte nebenher einen auswärtigen Verlierer: Napoleon III.. Der französische Kaiser hatte nicht in den deutschen Bruderkrieg eingegriffen, weil er an eine lange Auseinandersetzung glaubte. So mutmaßte er sich als Zünglein an der Waage, das am Ende des Krieges, ganz ähnlich wie nach dem Dreißigjährigen Krieg, die Friedensbedingungen diktieren und Garant der deutschen Freiheit (die nur solange bestehen bleiben würde, wie es Frankreich nützte) sein könnte. Nebenher wäre das linke Rheinufer in französischen Besitz übergegangen, obendrein noch Belgien. Wer hätte es noch streitig machen können? England vielleicht. Aber hätte England deswegen einen Krieg gegen Frankreich geführt?
Bismarcks Sieg von Königgrätz beendete diese Träumereien. Napoleon III. und die französische Bourgeoisie fühlten sich betrogen und hetzten nun gegen Preußen, dessen zunehmende Macht eigene Bestrebungen einzugrenzen drohte. Das bewirkte in Frankreich Aufrüstung und Reform des Heeres. Man führte ein neues Gewehr ein, einen Hinterlader, das dem preußischen Zündnadelgewehr weit überlegen war, das Chassepot, produzierte neue Geschütze, verkürzte die siebenjährige Dienstzeit auf fünf Jahre, verlängerte aber die Reservistenzeit. 400000 Mann standen ständig unter Waffen, dazu 400000 Reservisten. Das Parlament bewilligte/bezahlte diese Reform. Zudem wurde mit Italien ein Bündnis geschlossen. Das geplante Bündnis mit Österreich kam nicht zustande, da der neue österreichische Ministerpräsident Beust großdeutsch dachte und die französischen Intentionen nicht unterstützen wollte. So kam es zwar zu einem umfangreichen Briefwechsel, doch zu keinem formalen Bündnis. Beust lavierte; einerseits wollte er den Plan Großdeutschlands nicht aufgeben, allerdings unter österreichischer Führung, andererseits dieses Ziel nicht mit Hilfe Frankreichs erreichen.
Eine andere Perspektive, die von Bismarck, führt zur Erkenntnis dreier Hebel, die den Krieg zwischen Frankreich und Preußen bewirken mußten:


  1. die Stärkung der partikularistischen Kräfte in Süddeutschland nach 1866 könnte eine nationale Aufwallung eines gemeinsamen Krieges gegen Frankreich wenden, das mit Hilfe dieser Aufwallung als Gegner der Verbindung des Norddeutschen Bundes und der süddeutschen Staaten ausgeschaltet wird;
  2. ein Krieg mit Frankreich würde, ganz ähnlich den Folgen des Krieges mit Österreich, die parlamentarische Opposition gegen die Regierung (u.a. der Streit über die Regelung des Militäretats) im Siegfall schwächen, der wahrscheinlich war, denn Frankreich rechnete nicht mit einem Eingreifen der süddeutschen Staaten auf Seiten Preußens;
  3. die außenpolitische Lage war so, daß England und Rußland neutral gestellt waren, Frankreich aber den verlorenen Möglichkeiten von 1866 nachtrauerte (Rheingrenze) und Preußen in seinem Machtzuwachs behindern wollte.



B. Der Kriegsanlaß

Dokument: Emser Depesche

Ein Ereignis außerhalb Mitteleuropas brachte Bewegung in die Sache: In Spanien war 1870 der Thron vakant. Man suchte einen Nachfolger. Bismarck brachte Leopold, einen hohenzollerschen Prinzen, ins Spiel und beschrieb in einer geheimen Denkschrift die Vorteile desselben für Spanien und den Norddeutschen Bund. Er verhandelte mit dem spanischen Ministerpräsidenten Prim. Prim hielt sich nicht an die geforderte Geheimhaltung und informierte Paris. Dort schlug man umgehend Alarm.
Der preußische König Wilhelm weilte im Sommer 1870 in Bad Ems. Bismarck war in den Ferien auf seinem Gut in Varzin, Hinterpommern.
Dem französischen Botschafter wurde in Berlin auf dessen Beschwerde bei der preußischen Regierung bedeutet, er möge sich nach Bad Ems begeben, um dort dem König persönlich sein Mißfallen über die hohenzollersche Kandidatur kundzutun. Der Protest der Franzosen war nach den Regeln der Kabinettsdiplomatie des 18./19. Jahrhunderts berechtigt. Falls Preußen nicht nachgeben würde, hätte Napoleon III. einen Kriegsgrund, der die süddeutschen Staaten nicht in einen nationalen Taumel gebracht hätte, denn dieser Krieg wäre die Folge eines dynastischen Konflikts und keine nationale Angelegenheit gewesen. So kalkulierte Napoleon, anders ist sein Verhalten nicht zu erklären.
Wilhelm empfing den französischen Botschafter und behandelte ihn sehr liebenswürdig. Zugleich ließ er den hohenzollerschen Prinzen wissen, daß er ihm der Rat gebe, die Kandidatur für den spanischen Thron zurückzuziehen. Wilhelm wollte deswegen keinen Krieg führen.
Bismarck schon. Er hatte darauf hingearbeitet, denn ein Krieg gegen Frankreich war 1870 zu gewinnen und damit würde ein- für allemal die deutsche Frage zugunsten der kleindeutschen Lösung geklärt sein. Er ließ den König wissen, daß er den Abschied nähme, falls der König noch einmal den französischen Botschafter empfänge.
In Frankreich gab es ganz andere Stimmen. Der einfache diplomatische Triumph war den meisten Parlamentariern zu wenig. Sie verlangten Klärung offener Fragen: Rückgabe Nordschleswigs an Dänemark, die Rheingrenze für Frankreich, die süddeutsche Eigenständigkeit ohne Vertragsbindung an den Norddeutschen Bund. (Hier darf darüber spekuliert werden, ob Napoleon III. vom norddeutsch-süddeutschen Schutz- und Trutzbündnis Kenntnis besaß.) Man schickte den französischen Botschafter erneut zu Wilhelm, damit dieser die ewige Aussetzung einer preußischen Bewerbung garantiere. Da Wilhelm den Botschafter in einer von dem geforderten Audienz nichts mehr zu sagen hatte, kam es an einem Brunnen zu einem zufälligen Gespräch, in dem Wilhelm den französischen Wunsch als Zumutung zurückwies. Napoleon III. ließ aus Paris wissen, daß er von Wilhelm eine Entschuldigung wegen der Kandidatur erwarte. Wilhelm ließ Bismarck von den Vorgängen Bescheid geben und schickte ihm eine Depesche mit der Anweisung, die Vorgänge der Presse bekanntzugeben.
Bismarck war zwischenzeitlich in Berlin eingetroffen. Er lud Stabschef Moltke und Kriegsminister Roon zur Lagebesprechung. Bismarck war gewillt, seinen Abschied zu nehmen, da Preußen hier schweren Schaden genommen hatte und seine Politik nicht mehr fortsetzbar sei. Man beschloß, die Depesche aus Bad Ems an die Presse zu reichen, doch Bismarck strich zuvor noch einige Passagen.
Damit war der Schwarze Peter bei den Franzosen. Hätten sie stillgehalten, hätte es keinen Krieg gegeben. Aber die Kräfteverhältnisse waren nicht mehr die gleichen wie noch vor Jahren. Die Franzosen mußten fürchten, in ein paar Jahren vollends beiseite gedrückt zu werden. Sie schlugen aus. Napoleons Kaisertum stand nicht mehr auf sicheren Füßen, in Frankreich bewegte sich wenig, das politische Ziel „Rheingrenze“ stand in weiter Ferne. Also war die diplomatische Ohrfeige, die Bismarck hier zurückgab, ein willkommener Anlaß, die Sache mit Preußen ein- für allemal zu klären. Das bedeutete Krieg. Und jetzt fühlten sich alle Deutschen von den Franzosen brüskiert und abgewatscht. Aus der dynastischen Angelegenheit war eine nationale geworden, wobei es nicht mehr um den spanischen Thron ging, sondern um die Art und Weise, wie die Franzosen den Deutschen (hier dem preußischen König) Bedingungen stellten. Der preußische König hatte sich geweigert, die EWIGEN Bedingungen anzunehmen, die eine Demütigung bedeutet hatten. Die Franzosen waren nicht gewillt, das hinzunehmen. Die Deutschen fühlten sich als Volk gedemütigt.
Der französische Botschafter überreichte in Berlin die Kriegserklärung Frankreichs. Als Grund wurde angegeben, daß Preußen sich wegen der Weigerung ewigen Verzichts auf den spanischen Thron ein Türchen offenhalte, eine Hintertür, womit die Sicherheit Frankreichs und Europas gefährdet sei.


C. Kriegsverlauf

Der Reichstag des Norddeutschen Bundes bewilligte die notwendige Kriegsanleihe.[1] In den süddeutschen Parlamenten gaben die Separatisten den Ton an, doch auch dort fanden sich Mehrheiten. Die Zustimmung des bayrischen Königs war zuvor durch eine Apanage von 300000 Goldmark (ca. 3 Millionen €), die aus dem Welfenschatz bezahlt wurde, gesichert worden. König Ludwig von Bayern unterstellte sein Heer dem König von Preußen.
Napoleons III. Strategie sah eine Teilung Nord- und Süddeutschlands vor. Dazu bedurfte er eines zügigen Aufmarschs. Er mußte den Süden decken; zwar stand ein spanisches Eingreifen nicht zu befürchten, aber völlig abwegig war es auch nicht. Zugleich stachelten französische Agenten die Hannoveraner auf, auch die Dänen sollten zum Vormarsch gebracht werden. Einen Gutteil der französischen Flotte schickte Napoleon III. in die Nordsee. Die gut ausgebaute Eisenbahn Frankreichs transportierte die französische Armee schnell nach Osten, ins Elsaß und nach Lothringen, an die schweizer Grenze und hoch in die belgisch-luxemburgischen [2] Grenzgebiete. So war es geplant.
Das alles ist strategischer Unfug, wenn der Gegner nicht mitspielt.
Moltke spielte nicht mit. Er sammelte die deutschen Truppen in einem ca. 150 Kilometer breiten Streifen von Luxemburg an nach Süden. Daß die süddeutschen Fürsten diesem Plan zustimmten, mag ein Wunder genannt werden, denn Moltke ließ Baden beinahe ohne Soldaten, während jenseits des Rheins französische Truppen schwadronierten. Moltke gab den Auftrag, diesseits des Rheins bei den Franzosen den Anschein zu erwecken, daß man für den Angriff bereit sei. Ein Ablenkungsmanöver.
Die Truppenstärke lag jeweils bei etwa 400000 Mann. Aber die Deutschen saßen in konzentrierter Stärke in dem genannten Streifen, wiesen in Moltke den besseren Strategen auf und besaßen Vorteile bei der schweren Artillerie. Dafür war die französische Armee insgesamt besser ausgerüstet und zudem eher eine Berufs- als eine Freiwilligenarmee. – Alles kam auf den klugen Einsatz der Waffen an. Nachdem Moltke klargeworden war, daß Österreich stillhalten würde, konnte er die dort zur Sicherheit stationierten einhunderttausend Mann nach Westen beordern und stand in dem genannten Streifen jetzt deutlich überlegen, also auf Angriff. Die Deutschen strömten ins Unterelsaß und teilten den französischen Aufmarsch. Das, was die Franzosen in Deutschland geplant hatten, geschah jetzt ihnen. Die Deutschen strömten ins Land und konnten die Stellungen immer weiter ausbauen, während die Franzosen ohne Plan handelten und letztlich ihre gesamte Front zerteilt wurde. In diesem Stile ging es weiter. Die Deutschen stießen schnell vor und umfaßten ihre Gegner, stellten eine numerische Überlegenheit her und schlugen zu, indem zuerst Artillerie eingesetzt wurde und dann Kavallerie und Infanterie den Rest besorgten. Die Franzosen verloren und wichen immer weiter zurück. Ihre Verluste waren ungefähr dreimal so groß wie die der Deutschen.
Paris wurde eingeschlossen. Dort war nach der für Frankreich verlustreichen Schlacht von Sedan (4.9.1870) eine Revolution ausgebrochen. Der Kaiser war gefangen, die Kaiserin floh nach England. Die Kommunarden der Pariser Kommune proklamierten eine Republik, doch trotz dieser Rückschläge überstieg die Zahl der Waffenträger in Paris die Zahl der angreifenden Deutschen bei weitem: etwa 160000 Deutsche kamen vor Paris an, denen ca. 400000 bewaffnete Pariser gegenüberstanden. Die Deutschen boten Frieden, den die Franzosen nicht annehmen wollten. Eine Einnahme der Stadt war den Deutschen nicht möglich. Die Folge? Stillstand bei den Kampfhandlungen, was immer gut für die Verteidiger ist, denn die kennen das Gelände und haben sich eingerichtet, während die Angreifer meist knappere Reserven in einer ihnen feindlich gesonnenen Umgebung aufbrauchen.

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Die Deutschen machten den Fehler, etliche französische Offiziere aus der Kriegsgefangenschaft fliehen zu lassen. Aus England und Amerika gelangten Hilfsgüter nach Frankreich, wo neue Truppen ausgehoben werden konnten. Es schien so, als ob der Krieg für Frankreich eine positive Wende nehmen würde. Aber Frankreich war instabil, die Deutschen dagegen glaubten an die Gerechtigkeit ihrer Sache. Während also die Deutschen zusammenstanden, rebellierte das französische Volk gegen seine Obrigkeit: der Aufstand in Paris, eine halbherzige Verteidigung der großen Festung Metz, wo General Bazaine 180000 Mann zur Verfügung hatte und sich von anfangs weniger Deutschen belagern und aushungern ließ. Die Deutschen fühlten sich als die moralisch Berechtigten dieses Krieges, sie besaßen nicht die bessere Ausrüstung, waren im Ganzen gesehen nicht zahlreicher, aber sie hatten einen Plan, die besseren Strategen, die immer wieder deutsche Überlegenheiten herzustellen wußten, und sie wollten den Sieg, denn ihnen winkte etwas, wonach sie sich schon lange sehnten, ein den engen regionalen Vorstellungen entwachsenes Vaterland, dem zu seiner Vollständigkeit zwar Deutschösterreich fehlte, aber sie wußten sich auf dem richtigen Weg, diese Deutschen, das werdende Volk.
Moltke saß in Versailles, hatte die Belagerungen zu organisieren und wagemutigen Generalen zu erklären, daß man sich nicht verzetteln dürfe. Mancher wollte Frankreich durchkämmen, andere schnell wieder nach Hause, dritte eine endgültige Entscheidungsschlacht. Je länger die Belagerung von Paris dauerte, um so unzufriedener wurde Bismarck, dessen militärischer Sachverstand nicht sehr hoch war und der deshalb nach dem Bruderkrieg aus dem Stab der höchsten Offiziere ausgeschlossen worden war. Doch Bismarck hatte die politischen Entscheidungen zu treffen. Er befürchtete Eingriffe aus Süden und Osten und drang deshalb auf ein schnelles Ende des Feldzugs, was die Zerstörung von Paris bedeutet hätte, wäre Moltke darauf eingegangen.
Straßburg war noch mit den brutalen Mitteln einer angreifenden Truppe genommen worden, vor Paris nahm man von dem Mittel des Bombardements Abstand, sondern versuchte vielmehr die Zufahrtswege unter Kontrolle zu bringen und aller noch frei operierenden französischen Truppen habhaft zu werden.


D. Der politische Prozeß der Reichseinigung: Ergebnisse

„Wie wir den anderen deutschen Stämmen ihre Eigentümlichkeiten gönnen und pflegen wollen, so wollen wir unsere preußischen Eigentümlichkeiten bewahren, unsere alte, zähe, norddeutsche Art. Wir wollen in dem deutschen Reiche nicht aufgehen, sondern in ihm Preußen bleiben, ihm unsere davon unzertrennlichen Gaben und Kräfte zubringen.“ (Hans von Kleist-Retzow am 21. Dezember 1870 im preußischen Herrenhaus)

Parallel zu diesen militärischen Handlungen ereignete sich der Prozeß der Nationalstaatbildung des zweiten deutschen Kaiserreichs. Der Kriegseintritt der süddeutschen Staaten hatte keine staatliche Einigung mit dem Norddeutschen Bund zur Folge; hierbei folgten die süddeutschen Fürsten einer Regung, öffentlichem Druck und einem Bündnisversprechen von 1866. Für die Zeit nach dem Krieg gegen Frankreich gab es kein Konzept, allerdings kämpften fünf Positionen in Süddeutschland um die Vorherrschaft:


  • die idealistische des Prinzen von Baden für die sofortige Proklamation des preußischen Königs als Kaiser;
  • die pragmatische des Königs von Württemberg, der seine Rechte durchsetzen wollte und keine Souveränität aufzugeben bereit war, doch von seiner Bevölkerung in dieser Frage nicht unterstützt wurde;
  • die separatistische Bayerns, das keine Verbindung mit dem Rest Deutschlands wünschte, was auch vom Großteil der Bevölkerung so gesehen wurde – allerdings hatte Bismarck den bayrischen König bestochen und Hilfe beim Bau vieler Prunkbauten zugesichert, was dessen Einstellung in der deutschen Frage lenkte;
  • die selbstgefällig-intrigante des hessischen Großherzogs, die Macht und Geld wollte, aber das gegen den Willen seiner Berater und Bevölkerung behaupten mußte und
  • die österreichische, die sich eher mit Österreich als mit Norddeutschland zu einem zweiten deutschen Großstaat verbinden wollten.


Man mag sich leicht vorstellen können, daß hinter den Kulissen sehr viel verhandelt wurde. Der öffentliche Druck vor allem aus dem Norden war sehr groß; es war ein Zusammenwirken beinahe aller gesellschaftlichen Strömungen. Der Großteil der Deutschen war immer noch apolitisch, aber das gerade ließ den radikalen Nationalisten hier breite Wirkung. Der preußische König stand dem Kaisertum ablehnend gegenüber. Die föderative Struktur der deutschen Gaue mit Hilfe der Kaiserkrone zu führen, konnte ihn schon locken, zugleich jedoch fragte er sich, ob man ihn überall als Kaiser akzeptieren würde. Mußte dieses Wagnis nicht darauf hinauslaufen, ihm mehr Machteinbuße als Machtzuwachs zu verschaffen?
Am 18.1.1871 versammelten sich führende Prätendenten aus deutschen Gauen in Versailles und ließen den Präsidenten des Reichstages des Norddeutschen Bundes, Simson, die Bitte aussprechen, „daß es Seiner Majestät gefallen möge, durch die Annahme der deutschen Kaiserkrone das Einigungswerk zu weihen“.
Wilhelm ließ es sich gefallen.

Paris kapitulierte am 19.1.1871. In Frankreich tobte derweil ein Bürgerkrieg zwischen den Kommunarden und konservativen Kräften; Wahlen sollten eine Volksvertretung bestimmen, deren Auftrag: ein Friedensvertrag mit dem Norddeutschen Bund und seinen süddeutschen Verbündeten. Die Deutschen entwaffneten 400000 Pariser Verteidiger, schickten sie aber wieder nach Hause und nicht als Kriegsgefangene nach Deutschland. Die Deutschen besetzten nicht einmal die Stadt. Ihr politisches Ziel war mit der Kaiserproklamation erreicht. Die Deutschen feierten, aber sie blieben noch im Land, zu unsicher war die Ruhe.
Die Wahlen bestätigten Thiers. Das französische Parlament trat in Bordeaux zusammen und schickte eine Kommission zwecks Verhandlungen nach Versailles, wo Bismarck ihrer wartete.

„Die Aufgabe der Grenze aber, auf der einen Seite den Drang des Lebens zu scheiden, auf der anderen den Austausch der Lebensäußerungen zu vermitteln, hat ihre Rolle als umfassendes Organ, als Außenhaut der Staaten im Zeitenlauf nicht erleichtert, sondern schwerer und schwerer gemacht, je mehr sich der Erdkreis mit Lebensdrang erfüllt, je mehr in diesem Sinne der Erdball schrumpft, sein Raum sich verengt.“ (Haushofer)

Bismarck forderte von den Franzosen eine Grenzziehung hinsichtlich der Sprachgrenze. Wo deutsch gesprochen wurde, da sollte auch deutsch regiert werden. Doch Moltke und der König forderten eine Pufferzone und die Festung Metz. Das akzeptierten die Franzosen ohne lange Diskussion. Sie waren auch mit der Kriegsentschädigung von 4 Milliarden Mark (ca. 80 Milliarden €) einverstanden. Die französische Nationalversammlung ratifizierte den Friedensvertrag mit 546 gegen 167 Stimmen. Der Krieg war vorbei und das Zweite Deutsche Reich gegründet.


Aufgaben:


  1. Beschreibe die politische Situation zwischen Deutschland und Frankreich nach dem Bruderkrieg! (II)
  2. Differenziere Kriegsanlaß und Kriegsursachen! Ziehe eine zweite Quelle hinzu! (II)
  3. Nenne Gründe für den Sieg der Deutschen! (I)
  4. Weise nach, daß Krieg ein Mittel des politischen Prozesses jener Zeit war! Untersuche, ob heute Krieg auch als politisches Mittel benutzt wird! Diskutiere! (III)




[1] Daß der Krieg kein dynastischer sei, erkannten auch Marx und Engels in England, die ihn als "gerecht" und "Verteidigungskrieg" der Deutschen bezeichneten. Im norddeutschen Reichstag stimmten dem Antrag für Kriegskredite auch beinahe alle zu, nur Bebel und Liebknecht von der Sozialdemokratie enthielten sich der Stimme, während die Lassalleaner und übrigen Sozialdemokraten zustimmten.
[2] Anmerkung zur Existenz Luxemburgs: Napoleon III. beanspruchte Luxemburg und wollte es dem niederländischen König abkaufen, nachdem Bismarck Napoleon III. zu verstehen gab, daß er deswegen keinen Krieg führen wolle, denn das hätte den casus foederis mit den süddeutschen Staaten bewirkt, den Bismarck für ein größeres Ziel benötigte. Das deutsche Volk protestierte gegen die geplante Abtrennung Luxemburgs aus Deutschland, als Napoleons Plan publik wurde. Kriegsgeschrei. Bismarck mußte den Konflikt in diplomatische Bahnen lenken, was er erledigte. Eine Konferenz (Londoner Konferenz vom Mai 1867) sicherte die Unabhängigkeit Luxemburgs, das fortan unter dem Schutz der europäischen Großmächte stehen sollte. Luxemburg, das alte Reichsland und 1867 Mitgliedsstaat im Deutschen Zollverein, schied aus Deutschland aus, blieb aber der west-mitteleuropäischen Freihandelszone erhalten.