+ Antworten
Ergebnis 1 bis 3 von 3

Thema: Das Singen der Schmeißfliege

  1. #1
    Tochter aus gutem Hause
    Registriert seit
    6.June 2000
    Ort
    Stuttgart
    Beiträge
    527
    Renommee-Modifikator
    0

    Das Singen der Schmeißfliege

    Das Singen der Schmeißfliege
    Das Blut der Blüten auf den Kakteen drängte sich penetrant in ihren Röntgenblick. Sie dachte, diese kleinen bauchigen Stachelgeister würden gleich wie ein Vulkan Lava zu spucken beginnen. Der Blick wanderte nach links. Rote Flagge. Sturmwarnung. Er lief rechts neben ihr mit schweren Schritten auf den Boden schauend. Sie versuchte, ihm in die Augen zu sehen. Er bemerkte es und hob den Kopf, um ihren Blick zu erwidern. Erstaunt bemerkte sie, dass sich an seinem linken Auge Eiter sammelte. Was musste er noch alles bekommen? Zuerst der Prostata Krebs, der seit zwei Monaten Metastasen in seinem Körper streute und nun auch noch dieser Eiter in den Augen. Er kam ihr plötzlich uralt vor. Sie wandte sich ab, um zu husten. Als der Hustenanfall vorüber war, zündete sie sich eine Zigarette an, was einen erneuten Hustenanfall auslöste. Diese blöde Bronchitis. Aber sie würde sie hier auf den Kanaren ausheilen und könnte bei der Heimkehr wieder mehr Engagements an den Opernhäusern annehmen. Wieviele Angebote sie in der letzten Zeit doch bekommen hatte. Sie würden sie reich machen. Geld zu verdienen, mit dem was Spaß machte… gab es etwas schöneres? Aber ihr Atem ging kurz, an eine Heilung war im Augenblick nicht zu denken. Sie hatte spät mit ihrer Karriere als Sängerin begonnen. Auslöser war eine plötzliche Synästhesie durch einen LSD-Rausch. Als ob dieser Rausch nicht mehr enden wollte, denn die Musik, die sie abends hörte, hatte Farben bekommen. So war Es-Dur kirschrot und B-Moll lilablassblau. Dur-Töne schmeckten nach Puderzucker und Moll-Töne nach schwerem Rotwein. Das beste aber war, sie konnte nun diese ganzen Töne selber in der schönsten Vogelstimme singen, was sie jubilieren ließ, denn sie hatte es sich Zeit ihres Lebens immer gewünscht, so singen zu können. Dies war alles mit dem Einbruch der Wechseljahre geschehen. Es störte sie nun auch überhaupt nicht mehr, dass das Sexualleben aufgrund seiner Prostata Operation im Grab versunken war. Sie war erfüllt wie noch nie, wenn sie nur ihre Stimme auf der Bühne erheben konnte und ihr die ganzen Zuschauer bei ihren Auftritten zu Füßen lagen.



    Sie wurde aus ihren Gedanken zurück in den Moment gerissen, als er brummte, sie seien jetzt da. Und ja, da war die Strandbar. Sie setzten sich an einen freien Tisch und während sie auf den Ober warteten, weitete sich ihr Blick in die wütenden Wellen, die mit ihren gefrässigen weißen Schaumkronen den Lavasand ausmerzten. Durch die dunkle Wolkenkette ergoß sich ein einziger Strahl, der dort punktuell das Meer wie Juwelen glitzern ließ, ähnlich wie es schon Caravaggio gemalt hatte. Dieses Strahlen war heute hier nur für sie da, dachte sie genüsslich, während sie versuchte, eine Schmeissfliege auf ihrem Fuß zu verjagen, indem sie das Bein hin- und her schüttelte, aber die Fliege klebte wie Kleister auf ihrer Haut. Sie schimmerte changierend zwischen Gelb und Grün. C-Dur. Im Augenwinkel sah sie, wie sein Arm zappelte. Auch dort saß eines dieser widerwärtigen Insekten. Und nachdem sie die Bestellung aufgegeben hatten und warteten, flogen immer mehr Fliegen wie Kamikazejäger herbei. Er meinte, so könne man ja nicht essen und stand auf. Sie hob ihren Arm und drückte ihn sacht wieder in den Stuhl mit den Worten, sie hätten doch schon bestellt. Aber wie erwartet machte das servierte Essen die Plage noch schlimmer. Fast hätte sie sich an einer Schmeißfliege verschluckt, was einen erneuten Hustenanfall veranlasste. Sie würgte, hustete und plötzlich fühlte sie das nach Eisen schmeckende Blut im Mund. Sie spuckte es auf ein Salatblatt und dort lag es rötlich schimmernd wie ein Blutegel. Ihr summte es im Kopf. Eine ganze Tonleiter spukte durch ihr Hirn und dann begann sie zu singen, so laut, dass sich die Leute nach ihr umdrehten. Er schaute sie wutschnaubend an, denn es war ihm peinlich. Außerdem wusste sie, er war eifersüchtig, hatte er doch in seinem ganzen Leben noch nie eine einzige kreative Leistung vollbracht. Nun in Rente seiner letzten Lebensaufgabe als kleiner Grundschullehrer an einer Dorfschule beraubt. Er gönnte ihr den Erfolg nicht. Das alles lag nun in seinem Blick. Energisch stand er auf, um zahlen zu gehen, doch sie sang weiter und immer weiter, als ob sie ihm an den Kopf werfen wollte, welch ein Versager er doch war.



    Spät nachts auf dem Balkon des Hotelzimmers beobachtete sie den Vollmond, der schwer wie eine gärende Mülltonne vom Himmel zu fallen schien, während sein lautes Schnarchen durch die geöffnete Balkontür donnerte. Sollte er doch sterben. Endlich würde sie alleine zurecht kommen, wenn nicht sogar darüber hinaus. Im Geiste zählte sie die Gagen der ihr angebotenen Engagements zusammen. Pah, diese Bronchitis würde wieder vergehen. Vielleicht war es ja auch nur ein harmloser Heuschnupfen. Bei diesem Gedanken spürte sie ein Kitzeln auf dem Arm. Wieder eine dieser Schmeißfliegen. Widerwärtig. Ein erneuter Hustenanfall schüttelte sie. Diesmal landete der Blutpfropf auf dem Kopf der Papageienpflanzenblüte, die daraufhin höhnisch zu wippen begann. Das Schnarchen von drinnen hatte aufgehört. Sie nahm noch einen letzten Schluck von dem nach Kork schmeckenden Rotwein, um danach ins Bett zu gehen. Als sie sich neben ihn legte, kam kaum ein Laut von ihm. Sie löschte das Licht.



    Am nächsten Morgen kitzelten sie die Sonnenstrahlen in der Nase, was sie mit einem lauten Schnauben niesen ließ. Er rührte sich nicht. Sie richtete sich auf und sah auf seine Augen. Dort labten sich fünf Schmeißfliegen an dem Eiter in seinen Höhlen. Sie stieß ihn mit dem Ellbogen in die Rippen. Nichts. Er atmete nicht mehr.



    Auf seiner Seebestattung im Atlantik schmetterte sie für die nicht vorhandenen Gäste das Ave Maria. Der Bootsführer wunderte sich, was man an seiner fragenden Mimik sah, aber er sagte nichts. Er schaute nur den Blüten, die in der See wogten, hinterher. Vielleicht hielt er sie ja für verrückt?



    Sie blieb noch drei weitere Wochen auf den Kanaren und betrachtete schöne Männerkörper am Strand, fühlte aber nichts dabei. Gefühle überwältigten sie nur, wenn sie sang. Nach drei Wochen war die Bronchitis ausgeheilt. Vor dem Abflugtag telefonierte sie mit ihrer Agentin, um die Engagements zu bestätigen. Als sie zurück in Deutschland war, ging sie in ein Zoogeschäft und kaufte sich als Ersatz für ihn eine Nacktkatze.
    Geändert von Patina (06.04.18 um 13:55 Uhr)

  2. #2
    Resurrector Avatar von aerolith
    Registriert seit
    30.October 1998
    Ort
    Magdeburg
    Beiträge
    4.514
    Blog-Einträge
    35
    Renommee-Modifikator
    26

    AW: Das Singen der Schmeißfliege

    Komme ich nicht ran. Das wirkt alles sehr diffus, psychotisch und disparat. Wie ein Hüpfen auf Beton.

  3. #3
    Tochter aus gutem Hause
    Registriert seit
    6.June 2000
    Ort
    Stuttgart
    Beiträge
    527
    Renommee-Modifikator
    0

    AW: Das Singen der Schmeißfliege

    ... dann ist es sehr gut!

+ Antworten

Lesezeichen

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Ja
  • Themen beantworten: Ja
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •