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Thema: Neues aus Omsk

  1. #1
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    Post Neues aus Omsk

    Neues aus Omsk!
    (Pawel-Iwanowitsch Nr. 322)

    Traurig war er. Todtraurig. Eine dicke Wolke hing bedrohlich über seinem Gemüt. Pawel-Iwanowitsch saß wie immer in seiner ärmlichen Behausung unterm Tisch, neben ihm stets griffbereit ein Sack Zwiebel und eine Pulle Wodka. Auf dem Haupt die Pelzmütze. Oberkörper nackend. Füße ebenso. Zwischendrin hing lose eine Art Hose.
    Ja, da hatte unseren Helden also die Schwermut am Schlafittchen, betrübt glotze er auf den von Zwiebelschalen übersäten Fußboden. Welch ein Bild des Jammers! Ein Häuflein Elend! Ein Gedanke hatte sich in der ebenso ärmlichen Behausung seines Gehirns breit gemacht, ein Gedanke, der stur wie ein Esel und sich in ihm ausbreitete wie eine Epidemie. Ward über ihn gekommen und ließ ihn nicht mehr los. Füllte ihn aus wie ein Rotzlöffel in viel zu kurzen Hosen.
    "Dichter sterben stets jung!", dies der genaue Wortlaut des Gedankens, dem Pawel-Iwanowitsch an einem lausigen Novembertag in einem Vorort von Omsk anheim gefallen war. War aus dem Nichts gekrochen oder aus seinem Waschbecken. War heimlich mit ihm durch seine Wohnungstür gehuscht oder durch den Spalt im Fenster, durch den immer der Wind gar schaurig pfiff. Pawel wußte nicht, woher er kam. Hatte ihn so urplötzlich angefallen, daß er überhaupt nicht mehr wußte, wie ihm geschah. Der Gedanke. Ihn. Der er zuweilen dichtete. Eigentlich immer. Wenn er nicht gerade eine Zwiebel aß oder an der Flasche hing.
    "Dichter sterben stets jung!", so krachte es wie ein Hammer auf den Amboß ihm ins Gehirn, schlug ein und hinterließ eine gewaltige Presche. Einen richtigen Krater. In dem saß nun unser Gemarterter und blickte bibbernd zu dem fernen Rand auf. Hockte ganz unten und fror erbärmlich.
    "Warum nur", fragte er sich, "warum nur ist es so, wie es ist?"
    Keine Antwort weit und breit. So verstrich die Zeit.
    Gegen Mitternacht schlief Pawel endlich erschöpft und in einer desolaten geistigen Verfassung ein. Im Traum sah er, wie ein verletzter Schwan sich durch die schneebedeckte Weite Sibiriens schleifte. Der Sturm heulte. Peitschte ohn` Unterlaß. Im Schnee hinterließ das röchelnde Tier eine Blutspur. Die Blutstropfen schienen zu brennen.
    Als Pawel-Iwanowitsch am Morgen durch den Gesang einer Amsel erwachte, war er schweißgebadet. Konnte sich aber an nichts mehr erinnern. Nur sein Kopf schmerzte etwas. Nachdem er etwas Wodka und ein paar Häppchen Zwiebel zu sich genommen hatte, zog er sich die Filzstiefel über und ging aus dem Haus. Es war Schnee gefallen. Pawel war ausgeruht und guter Dinge und beschloß in die Banja zu gehen.
    Aus.

  2. #2
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Neues aus Omsk

    Pawel, Pawel, sagte sie, du musst die Welt teilen wie einen dunklen Vorhang, dann findest du es schon, ja.

  3. #3
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Neues aus Omsk

    Dichter sterben jung?

    Würde Pawel in der Kate nur ein winzig wenig Deutsche Dichtkunst kennen, wüßte er, wie alt der Dichter Fürst G. geworden.
    Ich möchte schreien: "LEIDER!"
    Der Hund, der dreckate! Hätte er sich doch nur an die Regel gehalten, die Leiden des jungen W., seit neuestem auch des Jungen Wo., wären uns wohl erspart geblieben.

  4. #4
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Neues aus Omsk

    Nun, Jugend ist relativ. Ich glaube G. war 25, als er den Werther anrichtete. Aber eine Banja, eine richtige Banja, wie sehne ich mich danach.

  5. #5
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Neues aus Omsk

    Gerfällt mir, was die Stimmungszeichne betrifft. Mehr nicht. Wiederholungen. Zwiebelgestank? Wo ist er? Wodkafahne? Fehlanzeige. Ich will die Kotze auf meine Schuhe tropfen sehen. Ich will hier die Pisse im Omsker Bahnhof riechen. Das muß hier rein, sonst ist Prosa fruchtlos.

    Und, Achtpanther hat ganz recht, wenn schon B., dann auch richtig, nicht nur so anzeigen und weitergehen.

  6. #6
    resurrectorowitzsch
    Status: ungeklärt

    AW: Neues aus Omsk

    JA, die Sauna liebte er, der Achtpanther-Willow. Ich glaube aber, die finnische mehr noch als die russische. Am Ende macht man einen Menschen doch immer daran fest, was er liebte, was er haßte.
    An Pawel-Iwanowitzsch würde ich die Zwiebel zu seinem Wesen machen wollen. Was aber ist das Wesen der Zwiebel, fragte schon Schiller.

    erstellt von Fridericus Rex: Distichon 56: Die Analytiker

    Ist denn die Wahrheit ein Zwiebel, von dem man die Häute nur abschält?
    Was ihr hinein nicht gelegt, ziehet ihr nimmer heraus.

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