Für Frankreich war die Reichsgründung [1] ein Fiasko. Rußland lag nach dem verlorenen Krimkrieg am Boden und wagte keinen Einspruch. Österreich-Ungarn hatte nach den verlorenen Kriegen von 1859 und 66 kein Interesse an einer erneuten Auseinandersetzung mit Preußen und hielt sich zurück. Eine konzertante Aktion kam auch nicht zustande. Blieb England, das nie allein zuschlug und mit der Schaffung des Zweiten Deutschen Reiches seine Macht als Zünglein an der Waage, was es England seit Jahrhunderten gestattete, einflußreich in die europäische Festlandspolitik einzugreifen, verloren geben mußte. Blieb die Angst bei den arrivierten Ordnungsmächten des Kontinents, daß die neuorganisierten Deutschen mit dem Erreichten nicht zufrieden wären und das nationalstaatliche Prinzip (alle Angehörigen eines Volkes sollen in einem Staat leben), dem viele andere Völker Europas anhingen, reklamierten. Das hätte die europäische Landkarte geändert, denn nicht alle Deutschen wohnten im Reich. Millionen wohnten in angrenzenden Staaten. Bismarck versicherte, daß das Reich saturiert sei. Ein dynastischer Anachronismus im Zeitalter des Imperialismus. Im Reichstag wurde der friedliche und konservative Charakter des Reiches beschworen. Politik jedoch fragt nicht unbedingt nach Absichten, sondern schafft vielmehr das, was mit den vorhandenen Kräften möglich ist. Wenn ein Staat die Möglichkeit besitzt (zumal im Zeitalter des Imperialismus), einen anderen Staat zu vernichten, dann wird das geschehen, früher oder später. Und so stellt sich die Frage: Wer hätte es den Deutschen verwehren können, ihre nationalen Ziele zu verwirklichen? Keiner. Allerdings war der Nationalismus 1870 in Deutschland nicht sehr stark verwurzelt. Die Gründung des Reiches wurde nicht bejubelt. Schließlich änderte sich auch kaum etwas. Die Verfassung des Norddeutschen Bundes wurde die des Reiches. Der einfache Mann hatte es nicht leichter. Der Reiche hatte auch keine weiteren Vorteile. Vorerst. Doch hatte Bismarck die zwar wachsende, aber stets klamme Wirtschaft durch französische Milliarden in Schwung zu bringen gewußt. Das Stillhalten und der mutmaßliche Friedenswille der Deutschen entsprang dem Wunsch, das Erreichte erst einmal zu sichern.

Kaiser Wilhelm vor dem Reichstag (Auszug) , 20.3.1871: „Der Geist, der in dem deutschen Volk lebt und seine Bildung und seine Gesittung durchdringt, nicht minder die Verfassung des Reiches und seine Heereseinrichtungen bewahren Deutschland inmitten seiner Erfolge vor jeder Versuchung zum Mißbrauch seiner durch seine Einigung gewonnenen Kraft.“

Bismarck besaß kein Interesse an außenpolitischen Abenteuern; er suchte nach konsolidierenden Möglichkeiten. Er wußte, daß die außenpolitischen Gegner des Reiches ihre Schwächephasen überwinden könnten. Frankreich würde der natürliche Feind des neuen Reiches bleiben, zu schmerzhaft waren die Wunden des deutschen Sieges in Frankreich wahrgenommen wurden, zu deutlich mußte den Franzosen die nachlassende Bedeutung ihrer Nation aufstoßen. Weitere Eroberungen resp. Veränderungen der europäischen Landkarte zugunsten des Reiches, etwa die Einbindung der deutschen Schweizer oder die Rückführung der Niederlande oder der deutschen Teilen Belgiens ins Reich, hätten eher zu Nach- als zu Vorteilen geführt, zumal sich in den besagten ehemaligen Gebieten des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation zwischenzeitlich eigene nationale Besonderheiten herausgebildet hatten.

„Dieser Krieg bedeutet die deutsche Revolution, ein größeres politisches Ereignis als die Französische Revolution des vergangenen Jahrhunderts. […] Was […] hat sich jetzt ereignet? Das Gleichgewicht der Macht ist völlig zerstört; und das Land, welches am meisten darunter leidet und welches die Wirkungen dieses großen Wechsels am meisten zu spüren bekommt, ist England.“ (der englische Premierminister Disraeli am 9. Februar 1871 im britischen Unterhaus)

In Frankreich brach ein Bürgerkrieg aus. Er machte ein strukturelles Problem Frankreichs deutlich, seinen Zentralismus. Die Pariser wollten das wegen der Belagerung Paris' in Bordeaux gebildete Parlament nicht anerkennen, dieses Parlament zog es nach dem Friedensschluß vor, nach Versailles umzusiedeln. Die Pariser beschimpften die gewählten Parlamentarier als Bauern und Krautjunker. Die noch im Lande stationierten Deutschen ihrerseits hatten kein Interesse daran, den aufständischen oder auch regierungsfreundlichen Franzosen irgendwie behilflich zu sein. In Paris schien die Situation zugunsten kommunistischer Parteigänger zu kippen. Um die Anhänger des kurz vor dem Krieg gestorbenen Sozialanarchisten Proudhon sammelten sich Kleinbürger und Arbeiter, die Kommunalismus statt Zentralismus forderten. Die Auseinandersetzungen spitzten sich zu. Als die französische Regierung die Entwaffnung der Nationalgarde durchsetzen wollte, kam es zum Aufstand. Die Deutschen hatten zwei Seiten Paris' bereits geräumt (West- und Südseite). Sie hielten sich selbst aus diesem Kampf heraus, schickten aber hunderttausende französische Kriegsgefangene nach Hause, die von der französischen Regierung im pariser Straßenkampf eingesetzt werden konnten und das auch gern taten, um nicht als Vaterlandsverräter dazustehen.
Im Pariser Rathaus taten die Kommunisten das, was sie am liebsten tun, sie diskutierten. Erstaunlicherweise kamen Beschlüsse heraus, die umgesetzt werden sollten:


  • Verstaatlichung der Industrie → Übergabe an Arbeiterverbände;
  • Wählbarkeit von Beamten;
  • Bäcker durften fortan nicht mehr nachts arbeiten;
  • Gleichstellung ehelicher und unehelicher Kinder;
  • Zerstörung kaiserlicher Symbole.


Wichtiger ist, was nicht beschlossen wurde:


  • die Organisation der Macht;
  • die Organisation des Heeres;
  • die Annahme der Friedensbedingungen der Deutschen;
  • die Versorgung der Bevölkerung...


Die Regierungstruppen griffen Paris an und erlangten am 28.5.1871 den Sieg. Die Kommunarden zerstörten das Pariser Rathaus samt Bibliothek, das Stadtschloß, weitere Gebäude. Insgesamt fielen 20000 Kommunarden. Nach dem Sieg der Regierung wurden Tausende in die überseeischen Gefangenenlager deportiert, die durch den Film „Papillon“ berühmt-berüchtigt wurden. Die Regierung verstand es nach dem Sieg gegen die aufständischen Pariser jedoch nicht, ihre Macht zu festigen. Thiers übernahm die Regierung bis auf weiteres. Eine Staatsform wußte man sich angesichts etlicher Bewerber um den Thron nicht zu geben. Schnell mußten die Deutschen befriedigt werden, damit sie das Land verließen. Man zahlte die geforderte Reparation mit Hilfe internationaler Anleihen, so daß die letzten Deutschen 1873 das Land verließen.
Thiers fand, obwohl Royalist, Gefallen an seiner Rolle und weigerte sich, die Republik in eine Monarchie zu verwandeln. Er wurde 1873 durch General Mac Mahon gestürzt. Ihm galt es, zwei Prinzipien miteinander zu vereinigen:


  1. das Prinzip der Volkssouveränität und
  2. das der Legitimation, das Gottesgnadentum.


Es gelang nicht. Der designierte französische König, ein Bourbone, weigerte sich, die Trikolore als Staatsfahne anzuerkennen. Mac Mahon wurde daraufhin zum Präsidenten der Republik gewählt. Die Monarchie hatte in Frankreich ausgespielt. Oder?
Viele Franzosen klammerten sich an die Vorstellung, daß nur mit Hilfe der Monarchie die Stärke Frankreichs wiederhergestellt werden könnte und somit die Möglichkeit bestände, die verlorenen Provinzen zurückzuerobern. Bismarck mußte eine Annäherung Frankreichs an Rußland und Österreich-Ungarn unterbinden. Also unterstützte er die Republikaner in Frankreich, was im Reich umstritten blieb. Das half. Die Monarchie blieb halbherzig unterstützt und Frankreich somit Republik. (353 gegen 352 Stimmen bei der Parlaments-Abstimmung 1875 über die Staatsform) Das sicherte den Frieden.


Aufgaben:


  1. Zeige die zu lösenden außenpolitischen Schwierigkeiten des neuen Reiches auf! (II)
  2. Inwiefern war der Aufstand in Paris 1871 der erste kommunistische Aufstand? (II)
  3. Nenne wenigstens ein Argument, das den überzeugten Monarchisten Bismarck zur Unterstützung der Republikaner in Frankreich motivierte! (I)



[1] Die Reichsgründung ist ein Höhepunkt der rationalen Politik Bismarcks und führte u.a. zur Gleichstellung der Juden im Reich. Bereits seit 1868 waren sie im Norddeutschen Bund zu gleichberechtigten Bürgern mit allen Rechten geworden und durften auch geadelt werden. Dies führte auch im Judentum zu einer Aufbrechung vieler Tabus, u.a. dem Tabu, einen Christen heiraten zu dürfen. So gab es fortan Mischehen. Um 1900 waren bereits 25% der Juden im Reich mit Christen verheiratet. (Ron Chernow: Die Warburgs. Berlin 1994. S. 91/92.)