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Thema: Begebenheit

  1. #1
    Tochter aus gutem Hause
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    Post Begebenheit

    Der Nachmittag ist warm und gelb, zweifelsfrei ein guter Tag, um blau zu machen. Jetzt streicht mir der Wind mit seiner sanftesten Hand um den Bart, kühl und spielerisch; ich habe nichts zu tun als hier zu sein, habe Zeit, um zu atmen, Waldluft und Freiheit, und den unsichtbaren Vögeln zuzuhören, die im Blätterwerk der Bäume hocken und sich gegenseitig abwechseln beim unermüdlichen Trällern verschiedener Melodien. Jeder von ihnen, denke ich, hat sein eigenes Lied, sein eigenes Thema. In diesem Moment entdecke ich ein kleines Fröschchen, das noch den Schwanz seiner Kaulquappenexistenz trägt - reglos klebt es an einem Stein auf dem Grund des Teichs und wartet, bis ihm die Luft ausgeht; dann schwimmt es plötzlich an die Oberfläche, schluckt kurz und taucht wieder ab. Ich betrachte die Wellen, die kaum wahrnehmbar in konzentrischen Kreisen gegen das nahe Ufer streben. Jedes Leben hat einen geheimen Angelpunkt, um den es sich dreht, denke ich und habe vergessen, wo ich den Satz gelesen habe, als mir auf einmal ganz schwindlig wird. Ich muss den Blick abwenden, zurück auf die Zeitschrift richten, die ich zu Beginn meines Spaziergangs am Kiosk gekauft habe und die jetzt auf meinen Knien liegt: aufgeschlagen ist der Kulturteil. In einem Interview, das die Überschrift 'Exzesse sind was für Idioten' trägt, erzählt Billy Bob, er sehe sich selbst nicht als ein Star an, sondern drehe Filme so wie andere Leute ins Büro gingen. Einer dieser anderen Leute bin ich, auch wenn der heutige Tag eine Ausnahme darstellen mag. Ich lebe ein durchaus normales Leben, ein x-beliebiges, mittelmässiges - gerade klein genug, um von Billy Bob als Massstab für puren Durchschnitt herangezogen zu werden. Unter seinen Fans, sagt Billy Bob weiter unten - ich habe ein paar Zeilen überlesen - gäbe es solche, die fest davon überzeugt seien, sie wären er, und die ihm erklärten, er sei eine Fälschung. Denen sage er einfach: Herzlichen Glückwunsch! Ob das nicht ein grossartiges Leben sei, fragt Billy Bob zum Schluss des Interviews. Ohne eine Sekunde zu überlegen, weil mir das nichts sagt, was Billy Bob sagt, blättere ich um. Der nächste Artikel befasst sich mit TV-Humor, der Titel lautet: 'Wie rauscht die Zugtoilette?' Da fällt mir unvermittelt das Fröschchen wieder ein, ich blicke auf und suche den Grund des Teichs nach ihm ab, aber es ist verschwunden. Und auch die Vögel, merke ich auf einmal und erschrecke, haben aufgehört zu singen.

  2. #2
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Begebenheit

    Gut, obwohl disparat. Vielleicht Deine Form.
    Heute dachte ich auch über den geheimen Punkt nach, der unsere Grundangst (subjektiv) mit der Sicherheit eines allgemein gefaßten Lebens verbinden mag. Goethe fand einst diese Bezeichnung für die Grundstruktur der Shakespeare-Stücke, worin das Eigentümliche unseres Ichs mit dem Notwendigen zusammenstößt; Konfrontation ist der Angelpunkt von Kunst. Daran sollte sich eine politische Forderung knüpfen. Vielleicht könntest Du Dich dazu herniederknien, im MANIFEST-Ordner nachschauen, Deine unmaßgebliche Meinung beisteuern.

    Der Text jedenfalls hier gefällt mir nicht schlecht, er hat Untiefen, vielleicht auch nur die aus einer Froschperspektive.

  3. #3
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Begebenheit

    Ich denke nicht, dass sich hier etwas widerspricht. Wichtig ist Entspannung des Protagonisten in der Natur. Die Entspannung durch leichte Lektüre führte wohl eher zum Einschlafen.

    Robert, sollte ich hier einmal Mitglied werden, würde ich es begrüßen, wenn Du verständliche Worte nutzen könntest.
    disperat - Untiefen
    Der Text ist widersprüchlich und seicht! Bingo, so könnte man es auch sagen. Jedenfalls habe ich Deine Anmerkung so verstanden.
    Ganz schön anstrengend hier.
    Gruss sl

  4. #4
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Begebenheit

    Kaulquappenexistenz


    Ein wundersames Gewort. Nicht ungerührt lässt es mich.

  5. #5
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Begebenheit

    der künstler ist nicht gehalten, sein werk zu verstehen, schreibt adorno irgendwo irgendwann über kafka.

    danke für eure kommentare. ist eine begebenheit, aus dem ärmel geschüttelt, ich mags jedenfalls, das textchen.
    dear greetings,
    Mr. Jones

  6. #6
    Wilson
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    AW: Begebenheit

    Ich überlege übrigens noch, der Gegensatz Kultur - Natur gefällt mir gut in dieser Darstellung, wirklich, aber der Schwindel als Ursache für den Übergang von der einen Welt in die andere, was bedeutet er?

  7. #7
    resurrector
    Status: ungeklärt

    AW: Begebenheit

    Ja, dieses Textchen mag ich heute immer noch. Miniaturen sind Jonathans Form. Besonders gelungen ist hier die Leichtigkeit der Form, das Parlieren, die sich mit dem grausigen Froschschicksal nebenher befaßt und im Leser so ein furztrockenen Blopp erzeugt.

  8. #8
    Mitgestalter Avatar von anderedimension
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    AW: Begebenheit

    ja, ein erfrischender Snack...leicht und bekömmlich

    könnte es dabei belassen

    könnte

    Der Nachmittag ist warm und gelb, zweifelsfrei ein guter Tag, um blau zu machen. Jetzt streicht mir der Wind mit seiner sanftesten Hand um den Bart, kühl und spielerisch; ich habe nichts zu tun als hier zu sein, habe Zeit, um zu atmen, Waldluft und Freiheit, und den unsichtbaren Vögeln zuzuhören, die im Blätterwerk der Bäume hocken und sich gegenseitig abwechseln beim unermüdlichen Trällern verschiedener Melodien. Jeder von ihnen, denke ich, hat sein eigenes Lied, sein eigenes Thema
    - jetzt (überflüssig)
    - sanftesten Hand (sanft ist höchstens die Berührung - eine Hand ist z.B. zart) (warum sanft steigern?) sspielerisch sanft (oder sanft und verspielt) streicht mir der Wind mit zarter Hand um den Bart.

    - unsichtbaren (unsichtbaren ist etwas anderes als "für mich unsichtbar") (unsichtbaren hieße für jedermann unsichtbar, was aber nicht der Fall ist)

    - sich gegenseitig abwechseln (man kann sich abwechseln, jedoch nicht gegenseitig abwechseln)
    - verschiedener (konkretisieren...)
    - ihnen (zu allgemein, zuspitzen...z.B. Jeder dieser Tenöre/Meistersänger/Virtuosen...)
    - denke ich (du denkst es nicht nur, du hörst es)


    In diesem Moment entdecke ich ein kleines Fröschchen, das noch den Schwanz seiner Kaulquappenexistenz trägt - reglos klebt es an einem Stein auf dem Grund des Teichs und wartet, bis ihm die Luft ausgeht; dann schwimmt es plötzlich an die Oberfläche, schluckt kurz und taucht wieder ab. Ich betrachte die Wellen, die kaum wahrnehmbar in konzentrischen Kreisen gegen das nahe Ufer streben.
    - In diesem Moment (diesen Moment gibt es gar nicht, er kommt aus dem Nichts)
    - kleines Fröschlein (Doppelung, entweder kleiner Frosch...oder nur Fröschlein)
    - plötzlich (warum plötzlich? plötzlich hieße in diesem Kontext "wider deiner Erwartung". statt plötzlich (Erwartung) also besser "pfeilschnell" (Beobachtung)
    - schluckt kurz (wie schluckt man kurz???)
    - gegen das Ufer streben (falsche Be-Deutung)...es ist kein wider-sondern ein hin-streben. Sie streben hin zum Ufer....)

    jedes Leben hat einen geheimen Angelpunkt, um den es sich dreht, denke ich und habe vergessen, wo ich den Satz gelesen habe, als mir auf einmal ganz schwindlig wird
    Er ist weder schön noch macht er Sinn...dieser Satz
    Ich muss den Blick abwenden, zurück auf die Zeitschrift richten, die ich zu Beginn meines Spaziergangs am Kiosk gekauft habe und die jetzt auf meinen Knien liegt
    dto.

    aufgeschlagen ist der Kulturteil.
    Schwiegermütter schlagen auf...zb. alle 14 Tage sonntags. Auch Fugzeuge schlagen auf...wenn sie abstürzen)
    Und schon gar nicht "ist", denn Du hast ihn ja aufgeschlagen...den Kulturteil


    Und auch die Vögel, merke ich auf einmal und erschrecke, haben aufgehört zu singen.
    Warum erschrecken? Alle Vögel hören irgendwann mal auf zu singen.
    Geändert von anderedimension (13.04.18 um 21:15 Uhr)

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