1870 wurde der Ungar Andrassy österreichischer Reichskanzler. Damit fand die Politik der Aussöhnung zwischen Preußen und Österreich eine Fortsetzung, denn Andrassy hatte im Krieg Preußens und der mit ihm verbündeten süddeutschen Staaten dafür gesorgt, daß Österreich stillhielt. Nunmehr mußte Bismarck darauf achtgeben, daß Österreich nicht wegen gewagter Sympathiekundgebungen für die deutschen Brüder die Russen in die Arme der Franzosen trieb. Er holte die Russen dadurch auf seine Seite, daß er auf der Londoner Konferenz 1871 dafür sorgte, daß sie wieder auf dem Schwarzen Meer Kriegsschiffe unterhalten durften und somit ihrem strategischen Ziel, der Eroberung Konstantinopels, ein Stück näher kamen.
Da sich Frankreich einen republikanischen Status gab, war es (vorerst) für beide osteuropäische Monarchien nicht bündnisfähig. Der russische Zar propagierte in den von Slawen besiedelten Gebieten Osteuropas (die meist von Österreich regiert wurden) die neuen Ideen des Nationalismus (wie sie Herder ein Jahrhundert zuvor formuliert hatte), hier in seiner russischen Variante, dem Panslawismus. Man verkündete den Slawen ihre Friedfertigkeit, ihren Hang zu demokratischen Strukturen und zur Freiheit. Kommunistische Agrargemeinschaften, Mir geheißen, regelten eine gerechte Verteilung des Grundbesitzes. Zwar seien die germanischen Völker den slawischen eine Kulturstufe voraus, aber sie hätten ihren Höhepunkt überschritten, wohingegen die slawischen Völker auf dem Vormarsch seien. Die politische Komponente dieser Überlegungen nahm der russische Zar gern an. Mütterchen Rußland stand Gewehr bei Fuß, um alle Slawen zu führen, auch die katholischen Polen, Tschechen oder Kroaten.
Das war nichts anderes als eine Kampfansage an Österreich-Ungarn.
Die kriegerischen Auseinandersetzungen spielten sich zuerst an den Rändern ab: Bulgarien war das erste Land nach 1871, in dem es zum Krieg kam. Die Bulgaren erhoben sich gegen die türkische Fremdherrschaft. Das führte letztlich zum russisch-türkischen Krieg, 1877.
Nach anfänglichen Schwierigkeiten erzielten die Russen einen vollständigen Sieg. In den Friedens-Präliminarien von San Stephano (3.3.1878) forderten sie Bessarabien, die Schaffung eines selbständigen Königreiches Bulgarien und Gebiete südlich vom Kaukasus, dazu eine Kriegsentschädigung. Damit wollten sich England und Österreich nicht einverstanden erklären und drohten Rußland mit Krieg. England befürchtete Einschnitte seiner Macht in Asien, Österreich Machtverlust auf dem Balkan. So kam man zu einem Kongreß zusammen, den Bismarck nach Berlin einberufen hatte, um die strittigen Fragen zu klären, der Berliner Kongreß von 1878.
Bismarck trat als, Selbstaussage, „ehrlicher Makler“ auf. Er löste das Problem der divergierenden Interessen, indem er die Türkei zum Zahlmeister machte. Der Sultan gab den Bulgaren die Selbständigkeit, aber behielt Makedonien und ein funktionierendes Imperium, vor allem in Asien. Damit waren Türken und Österreicher zufrieden, zumal die Österreicher noch Bosnien und Herzegowina erhielten, wobei der Sultan formell Staatsoberhaupt blieb. Die Kleinstaaten Griechenland, Serbien und Montenegro erhielten Gebietszuwachs auf Kosten des osmanischen Imperiums. Rußland behielt Bessarabien und kaukasische Gebiete. England konnte ein Defensivbündnis mit der Türkei schließen, behielt einen Vorposten auf Zypern und hatte zudem Aussicht auf Ägypten.
Diese Angelegenheiten wurden geklärt und sicherten den Frieden. Vorerst.
Die andere Seite des Kongresses: Bismarck vermochte es, den Europäern die friedliche Ausrichtung des Zweiten Deutschen Reiches plausibel zu machen, denn das Reich blieb der einzige Konferenz-Teilnehmer ohne verifizierten Vorteil.


Aufgabe: Erkläre die Politik der Russen auf dem Balkan! Gehe auf ihren kriegsvorbereitenden Charakter ein! (II)

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