Wir wenden jetzt unser Augenmerk aus Europa ab und Entwicklungen in Asien zu. Nachdem sich Japan um 1850 Ausländern geöffnet hatte und westliche Touristen und Geschäftsleute das Land in Augenschein nahmen, stellten diese fest, daß Japan ein zwar dicht besiedeltes, aber wirtschaftlich unterentwickeltes Land war. Besonders augenscheinlich war die schlecht entwickelte Infrastruktur, die Reisen übers Land zu Abenteuertrips machten. Es gab keine ausgebauten Wege, sehr wenige Brücken, es fehlte an Reisewagen, an Herbergen… Eine straffe Zentralgewalt (Shogun [1]) wirkte um die politischen Zentren Yedo (heute Tokio) und Kyoto, was davon weg lag (etwa 260 Domänen feudaler Herren, Daimjos), blieb weitgehend sich selbst überlassen. Die waffentragende Oberschicht ließ sich von den Bauern versorgen, kümmerte sich aber weder um deren Entwicklung oder gar deren Schutz. Ein starres System. Muskelkraft ersetzte Maschinen, Hygiene war unbekannt. 80% der Japaner arbeiteten auf den kleinen Feldern, die meisten anderen gingen dem Gebet oder dem Müßiggang nach. Industrie, wie man sie aus Europa oder Amerika kannte, gab es nicht, ein paar Handwerksbuden, allesamt manufakturiell.
Die politische Elite Japans wollte sich dem Fortschritt öffnen, allerdings nicht auf Kosten ihrer Selbstbestimmung. So war das Christentum, das man als probates Mittel des Westens zu erkennen glaubte, fremde Völker sich einzuverleiben, weiters verboten. Es war ein schmaler Grat, auf dem die japanischen Eliten da wandelten: einerseits wollten sie vom Westen technisches, hygienisches, soziales und v.a. wirtschaftliches Wissen, andererseits verwehrten sie jedem politisch-religiösen Gedanken des Westens den Zutritt auf ihre Inseln. Die Japaner hatten das räuberische Wesen der westlichen Kaufleute erkannt und befürchteten zurecht ein ähnliches Schicksal wie das Indiens, Chinas, Afrikas, Südamerikas: Kolonisation, dauerhafte Abhängigkeit. Sie wollten autark bleiben, zugleich aber die Kenntnisse des Westens für sich adaptieren.
Der Wandel Japans begann mit der Ausnahmestellung des westjapanischen Hafens Nagasaki. Der Hafen von Nagasaki war für die Japaner das Tor zur Welt. Zwar durfte kein Japaner Japan verlassen und auch kein Ausländer Bürger Japans werden, aber China und Holland erhielten die Konzession, über den Hafen von Nagasaki Handel treiben zu dürfen. Schon 1602. Nagasaki wurde reich. Im Kontext des Reichtums wächst oft der Wunsch nach Statuierung desselben, Besitzstandswahrung, bedeutet hier auch, nach politischen Verhältnissen, die den engen Raum Nagasakis erweitern würden. Das ist wirtschaftliches Denken, kein politisches. Die reichen Kaufleute Nagasakis erkannten die Vorteile westlicher Wirtschaftsweise für sich. Ihre Erweiterungs-Pläne richteten sich nicht gegen den Kaiser, sie richteten sich gegen das Shogunat, das eisern an den Verhältnissen festhielt. Die Folge: Gärung. Das strenge Regiment der nach Klassen geordneten japanischen Gesellschaft kam um 1850 in Bewegung. Die auch in Japan bekannt gewordene Waffenentwicklung ließ Befürchtungen zur Sicherheit des Inselreiches laut werden, ob denn die schwerttragenden Samurai (Polizei der Shogune) in der Lage seien, schnell schießende Eindringlinge aus Übersee abwehren zu können? Der innere Zersetzungsprozeß der starren Ständeordnung (Kriegerkaste, Bürgerstand, Bauern) war um 1850 weit fortgeschritten; dafür ein sicheres Indiz: Verschmelzung zwischen wohlhabenden Kaufmannsfamilien und der diesen Schutz bietenden Kriegerkaste. Diese Mischehen gefährdeten die Hierarchie der japanischen Gesellschaft. Da die Shogune ihre Gefolgsleute nicht ausreichend ernähren konnten (das Steueraufkommen genügte nicht), mußten sich zahlreiche Samurai Nebeneinkünfte sichern, also einem Gewerbe nachgehen. Daneben stromerten Ronin (herrenlose Samurai) durch Japan, Abenteurer, die als Lehrer, gedungene Mörder oder Handwerker arbeiteten und die Sozialstruktur ebenfalls bedrohten. Auch zur Zeit der Abschottung (1602-1850) drangen westliche Freiheitsvorstellungen ins Land, erhielt man Kenntnis von revolutionären Erfindungen (industriell nutzbare Elektrizität, Hinterlader, Dampfmaschine…); allesamt bestärkten den Wunsch nach mehr individueller Freiheit, v.a. aber den nach mehr Reichtum, also nach Industrialisierung, Handel und Öffnung gegenüber dem Ausland.
1853 schipperte der amerikanische Admiral Perry mit einer dampfmaschinenbetriebenen Flottille vor Yedo (Tokio) und verlangte in Gesprächen mit dem Shogun die Unterschrift unter einen Vertrag, der Japans Autarkie aufgehoben hätte. Die Alternative hieß Krieg. Amerika wollte das gleiche für sich in Japan erreichen, was Britannien gut zehn Jahre zuvor im Opiumkrieg gegen China erreicht hatte [2]: die Aufgabe der japanischen Zollautonomie und das Handelsmonopol über den japanischen Markt. Bald nach Perry sandte auch Rußland einen Admiral, der ganz ähnlich wie sein amerikanischer Kollege verfuhr, allerdings segelte Putjatin nach Nagasaki.
Die Japaner spielten auf Zeit und bedangen sich eine Antwort für 1854 aus. Die Shogune wollten zuerst die innenpolitischen Probleme lösen. Ein Ja zu den Forderungen der Ausländer hätte die Unterwerfung Japans bedeutet, ein Nein bedeutete Krieg mit Amerika und Rußland. Die einzelnen Machtzentren Japans stritten miteinander, am Ende setzte sich ein Shogun namens Naosuke mit seinem Vorschlag durch: Japan schloß mit Amerika 1854 einen Vertrag, der Amerika zwei Häfen öffnete, wo Handel getrieben, Schiffe repariert oder mit Brennstoff versorgt werden durften, außerdem nahm man konsularische Beziehungen auf, die Vorstufe zu diplomatischen. Bald folgten ähnliche Verträge mit Rußland, Britannien, Frankreich und Holland. Den Ausländern wurden Konzessionen gemacht:


  • dauerhaftes Niederlassungsrecht ausländischer Kaufleute in japanischen Häfen (bald auf fünf Häfen erweitert);
  • kein Kontrollrecht für japanische Behörden gegenüber diesen Kaufleuten;
  • kein Geltungsrecht des japanischen Gesetzes für die Ausländer, die diesbezüglich ihren Konsuln unterstanden;
  • von den Ausländern vorgeschriebene niedrige Zollsätze bei der Einfuhr für Japan, wobei Japan nicht kontrollieren durfte, was eingeführt wurde;
  • der Vertrag mit Amerika sollte bis 1872 gelten, danach mußten BEIDE einer Aufhebung oder Veränderung zustimmen, andernfalls galt er weiter;
  • Meistbegünstigungsklausel für die genannten fünf Mächte, was nur bei Zustimmung aller fünf Mächte zugunsten eines neuen Konkurrenten geändert werden durfte; Japan besaß hier kein Mitspracherecht.


Damit war der Krieg zum Preis der wirtschaftlichen Souveränität Japans abgewendet. Zugleich aber eröffnete er den Japanern die Möglichkeit, eigene wirtschaftliche Kräfte zu entwickeln, was aber nur möglich war, wenn sich das politische System der Shogune veränderte. Unter den Schlagworten Sonno! (Alle Macht dem Kaiser!) und Joi! (Japan bleibt autark!) wurde das Shogunsystem (Hausmeierbürokratie) angegriffen.
Strukturveränderungen bedürfen nicht nur eines allgemeinen Wunsches, sondern auch charismatischer Persönlichkeiten, die sie gegen Widerstände durchsetzen. Strukturveränderungen sind nicht immer von Vorteil, wie sich später herausstellt. Das Alte und Traditionelle ist nicht immer das Schlechtere, wie sich später herausstellt. Veränderungen können nur dann erfolgen, wenn die einen nicht mehr können oder wollen und die anderen stark und überzeugend genug sind, ihre Vorstellungen durchzusetzen.
In Japan trat um 1850 der Shogun der südlichen Peripherie, Choshu, Yoshida auf. Er haßte die Verträge mit den Ausländern, zugleich aber wollte er die Tradition des Kaiserhauses mit den Fortschritten der Moderne in Japan durchsetzen, also die Macht seiner eigenen Kaste, der Shogune, zugunsten einer nationalstaatlichen Zentralisierung kippen. Als im Sommer 1863 amerikanische Kriegsschiffe vor der Choshu-Küstenstadt Shimonoseki kreuzten (heute würde man sagen, sie befuhren japanische Hoheitsgewässer), ließen Anhänger des inzwischen gestorbenen Yoshida die modernisierten Küstenbatterien auf die amerikanischen Schlachtschiffe feuern. Die Amerikaner bombardierten daraufhin die Küstenregion. Der erste Aufstand der Japaner blieb erfolglos, womit auch die Neustrukturierung der japanischen Gesellschaft ausbleiben mußte. Der zweite Versuch erfolgte 1866/7.
Die Shogunate führten Krieg gegen das renitente Choshu, das dem System der Shogunate entsagen wollte. Der Anführer der Shogune starb und wurde durch seinen Sohn Yoshinobu ersetzt, der keinen Krieg gegen Choshu führen wollte, sondern den nationalen Ausgleich anstrebte. Auch der alte Kaiser starb und wurde durch seinen jungen Sohn Meiji ersetzt. Die Reformkräfte einigten sich und übertrugen die Macht auf den Kaiser, womit eine Stärkung der Zentralgewalt erreicht werden konnte. Ein historisch retardierendes Moment, das es in Revolutionszeiten immer gibt, wenn sich die alten Kräfte in einem letzten Aufbegehren neu formatieren und Mut schöpfen, den Widerstand noch einmal besiegen zu können, führte versammelte Anhänger des alten Shogunatsystems gegen Kaisergetreue zusammen, die sich in einem kurzen Bürgerkrieg durchsetzen konnten und auch die finanzielle Hoheit über die Ländereien der Shogunatsgetreuen errangen.

Orientierungspunkte für Japans Aufstieg:


  • preußisches Heerwesen und Wahlgesetz;
  • englische Marine;
  • amerikanisches Bankwesen;
  • deutsche Medizin und Naturwissenschaft;
  • französische Jurisprudenz und Verwaltungskunst.

Die neue Zeit begann mit der Umsiedlung der Hauptstadt von Kyoto nach Yedo (Tokio, z. dt. östliche Hauptstadt), was zugleich mit diplomatischen Aktivitäten verbunden wurde: Der Kaiser empfing Vertreter Hollands, Britanniens und Frankreichs, informierte sie über die veränderten strukturellen Bedingungen in Japan. Die Europäer akzeptierten, daß nunmehr der Kaiser ihr erster Ansprechpartner war. Dieser Akt erfolgte auf der Basis der Gleichberechtigung. Amerika und Rußland erkannten das nicht an. Die neue Bürokratie nahm die Aufgaben eines modernen Staates an: Modernisierung, Industrialisierung, Straffung der Bürokratie nach Handhabe der zu schaffenden Gesetzlichkeit, Stärkung des Militärs (seit 1873 allgemeine Wehrpflicht), Aufnahme diplomatischer Beziehungen auf der Basis der Gleichberechtigung mit anderen Ländern…
Zugleich arbeitete die kaiserliche Regierung daran, die Eigentumsverhältnisse auf dem Land zu ordnen. 1873 wurden Ansprüche feudaler Eigentümer annulliert, ein Schuldenschnitt, und den die Felder bewirtschaftenden Bauern dieses Land überschrieben. Bauernbefreiung. Die Bauern mußten ihren Lehnsherren fortan eine abstrakte Steuer entrichten: Geld. Die Samurai wurden dem Kaiser direkt unterstellt, bezahlt allerdings wurden sie von den Bauern.
Die Wirtschaft förderte die Regierung, indem sie den Eisenbahnbau (Kreditaufnahme in Britannien: 215 Millionen € für 200 Kilometer Schienennetz [3] begann, die Straßen verbesserte, moderne Nachrichtenübermittlung einführte und den Ausbau der Schwerindustrie forcierte. Alles war Staatsbesitz, eine Privatwirtschaft existierte nur im Bereich des Handels, in der Landwirtschaft und in Form kleiner Handwerksbetriebe. Der Handel wurde zunehmend wichtiger, denn Japan besitzt wenige Rohstoffe, muß also importieren. Das bedeutete im Umkehrschluß nicht nur eine Stärkung des privatwirtschaftlichen Anteils, sondern auch die Entwicklung von Exportgütern: am Anfang waren das v.a. Textilien. [4]
Die kaiserliche Regierung unter Meji wollte die Knebelverträge mit den fünf Vertragspartnern 1872 auf der Basis der Gleichberechtigung revidieren. Sie holte sich ausländischen Rechtsbeistand (Hermann Roesler aus Rostock) und nahm eine Modernisierung des japanischen Rechtssystems in Angriff, was die Ausländer allerdings nicht goutierten - warum auch, denn die Vorteile lagen bei den Knebelverträgen in ihren Händen? Also blieben die Handelsverträge bestehen, was in Japan sehr bitter aufgenommen wurde, aber nichts an der Hartnäckigkeit änderte, mit der die Regierung des Kaisers am Aufbau einer nationalen Machtposition arbeitete und hierfür bereit war, das dafür Notwendige zu lernen. In Japan ereignete sich das, was sich in Europa zeitgleich vollzog: die Konstituierung des Nationalstaats, allerdings gab es in Japan kein Bürgertum, auf dessen Schultern und Ideen sich diese Entwicklung vollzog, sondern die Reform kam von oben (ganz ähnlich der deutschen Entwicklung), was dann auch dazu führte, daß die Japaner deutsche Prinzipien bei der Staatsbildung übernahmen, beispielsweise die Heeresreform nach Roon, beispielsweise den vom Staat vorgenommenen Ausbau der Infrastruktur und die Übernahme der Finanzpolitik nach deutschem Muster, also den Verzicht auf eine privat kontrollierte Zentralbank (wie in Frankreich, Britannien oder Amerika). Man nannte die Japaner daher auch die Preußen Asiens.
Zur Nationalstaatbildung gehört fast immer ein Bürgerkrieg. In Japan fand er um 1873/7 statt, als sich zwar kaisertreue, aber gegen die Moderne stellende Samurai um einen Daimjo (etwa Oberst) namens Saigo scharten, der die Rückweisung Koreas nach Aufnahme diplomatischer Beziehungen zu Japan mit Krieg beantworten wollte, was sich gegen die Friedenspartei der Modernisierer nicht durchsetzen konnte. Als die 150000 Samurai als Kriegerkaste mit einer Abfindung aufs Altenteil geschickt werden sollten, erhoben sie sich, wurden aber von den moderner ausgerüsteten Regierungstruppen besiegt. Saigo beging Harakiri. Damit war eine Grundsatzentscheidung für die japanische Politik auf Jahrzehnte gefallen: sie hieß friedliche Modernisierung.
Im zweiten Jahrzehnt der Meji-Herrschaft mußten die japanischen Finanzen reformiert werden. Das ist in stark wachsenden Wirtschaften notwendig, denn Wachstum bedarf eines funktionierenden Kreditwesens. Geld aber besitzt nur den Wert, den die es Benutzenden ihm geben, bildet also einen zwar objektiv gemessenen (Wechselkurs) Meßwert seines Wertes ab, aber letztlich entscheidet nicht der offiziöse Wechselkurs den Wert, sondern derjenige, der für eine Leistung bezahlt werden muß: Was will er haben?
Die Japaner sind ein fleißiges und genügsames Volk. Ihre eigene Währung genügte ihnen; sie holten sich aus dem Ausland nur, dessen sie zur Bezahlung der Fachkräfte und des Gewußtwie bedurften. Aber die Wirtschaft wuchs, damit auch der Handel, damit auch der Fachkräfteimport, damit auch die benötigte Geldmenge. Das japanische Geld war Papiergeld, keine konvertible Währung; Japans Goldbestände waren nicht bekannt, aber hoch werden sie nicht gewesen sein, denn Japan ist arm an Bodenschätzen. Es mußte eine finanzpolitische Grundsatzentscheidung getroffen werden: Diese Entscheidung führte zur Konstituierung einer Staatsbank, die mehreren staatlich gelenkten Banken wie eine Zentralbank vorstand und den Geldumlauf regulierte. Da parallel dazu die Industrialisierung fortschritt, konnte bald schon ein Außenhandelsplus erzielt werden. Zudem nahm die Regierung die Überführung staatlicher Schlüsselindustrien in private (japanische) Hände vor, erzielte also große Einnahmen, zugleich aber auch jährliche Steuern. Die Deflationspolitik des Finanzministeriums stärkte den Staat auf der anderen Seite, da er die Kontrolle über das Geld behielt.
Den Nachschub an lernwilligen und -fähigen Arbeitern sicherte die 1872 eingeführte Schulpflicht, die den am Konfuzianismus geschulten Staatsbürger erzeugte, der dorthin ging, wo er gebraucht wurde. Die privat vorherrschende Religion (Shinto) erhielt die Funktion einer Staatsreligion: deszendent zuerst das Heil des Kaisers, dann allgemeiner Gehorsam gegenüber Vorgesetzten und Älteren, individuelle Versöhnung mit allen Gottheiten, Heimatliebe auf der Basis des Dogmas, ein erwähltes Volk zu sein. Andere Religionen wie der Shinto ähnliche Buddhismus (weit verbreitet) oder das Christentum (1% der Bevölkerung) waren zugelassen.

Der vulgärmaterialistische Blik auf den Industrialisierungsprozeß: „Die gedanklichen und politischen Errungenschaften [der] Baumwoll-Ära, des Übergangs vom Frühkapitalismus zum modernen Industriekapitalismus, beeinflussen [..] die nächste kapitalistische Ära, das erste Zeitalter der Maschine und des Gußstahls. Die Erfindung der Dampfmaschine, des Gußstahls und des Walzwerks waren inzwischen zur Ausbeute herangereift. Die Dampfmaschine wurde 1765 konstruiert, um 1790 zum erstenmal verwendet, die Erfindung des Stahlgusses hatte um 1797 zur ersten Eisenausfuhr aus England geführt, in Deutschland experimentierte Friedrich Krupp unter Opferung seines Vermögens an der Verbesserung des Gußstahls herum und Dinnendahl an der Verbesserung der Dampfpumpen. Um 1805 wird das Maschinenzeitalter reif. Der Staat weicht weiter zurück, in Preußen folgen Bauernbefreiung, Selbstverwaltung der Städte, Gewerbefreiheit Schlag auf Schlag, während Frankreich schon kodifiziert (Code Napoleon) und England ausbaut (Erste Einkommensteuer). Es folgt in Preußen die Niederlegung der Binnenzölle (erstes Stadium des Freihandelsgedankens), die Emanzipation der Juden und das Zollgesetz. Diese neue gewaltige Auflockerung des alten und festen Ordnungsgefüges im Verein mit dem Heranmreifen der Dampfmaschine und des Gußstahls, im Verein ferner mit den Auswirkungen der Kontinentalsperre schaffen die erste große Konjunktur des Kapitalismus, die erste Woge, die Unternehmerpersönlichkeiten wie Friedrich Krupp, Dinnendahl, Harkort und Haniel emporwirft.“ (Fried, S. 8.)


Ein wichtiges Kriterium der Moderne ist Öffentlichkeit. Diese wird über eine freie Presse hergestellt, nicht über die Transparenz von Entscheidungen der Entscheidungsträger. In der Literatur und anderen Kunstformen (Schauspiel, Malerei, Architektur…) wird das im ersten Reflex auf Zeitgeschehen Widerspiegelte verdichtet und wirkt dann auf die Bevölkerung zurück, die, vor künftigen Entscheidungen resp. im Alltag entsprechend sensibiliert, Ereignisse goutiert oder degoutiert und damit die (gewählten oder nichtgewählten) Entscheidungsträger beeinflußt, denn die können ihr Leben nicht jenseits der Öffentlichkeit führen. In Japan gab es fortan eine moderne Presse. Die ersten Literaten taten das, was die Industrie auch getan hatte: sie ahmten westliche Vorbilder nach. Aber es war nur eine Frage der Zeit, bis die Japaner eigene Muster hervorbringen würden.
Am Ende dieses Entwicklungsabschnitts stand die 1889 vorgestellte Verfassung, von der Regierung unter Beihilfe deutscher Experten erarbeitet. Die Japaner bedienten sich auch bei der Statuierung und in Hinsicht auf die vorgeschwebte politische Entwicklung der dato fortschrittlichsten Kräfte. Da die Briten keine Verfassung besaßen, Amerikas System aufgrund ihres kriegerischen und erpresserischen Wesens seit Perry-Tagen den Japanern bitter aufstieß (obgleich deren präsidiales System mit einem abgehobenen Präsidentenamt dem japanischen Kaisertum eher entsprach als das auf der Idee des Kräftegleichgewichts fußende deutsche) und sowohl Rußland als auch Frankreich von den Japanern als absterbende Staaten verstanden wurden, bedienten sie sich bei den Deutschen, deren Rat ihnen beim Aufbau ihrer Armee und bei der Formulierung der neuen Handelsverträge gegen die fünf Handelsmächte gelegen kam.
Die neue Verfassung setzte auf Gewaltenteilung, beließ aber dem Kaiser die meiste Macht. Es war aber nicht der Kaiser, der in den Kampf um die Verteilung der Gewalten eingriff, sondern eine kleine Gruppe um ihn wudelnder Beamter, die sich gegen liberal denkendes Bürgertum (mit ihm das Geld) zur Wehr setzte und ihre in Jahrhunderten errungenen Positionen im Gemeinwesen verteidigten. Wie immer setzte sich die Quantität des Geldes gegen reversible Ideologeme (die Tradition) durch, was für die japanische Politik bedeutete:


  • Einberufung einer (gewählten) Nationalversammlung, zugleich Gebietsparlamente;
  • Sühnung der Schmach von 1873 (Korea) und
  • (administrative und militärische) Stärkung des Nationalstaats.


Die Position der Traditionalisten war deutlich: zwar konzedierten sie die Bildung einer Nationalversammlung; allerdings sollte die nicht die Regierungsarbeit bestimmen dürfen - ganz ähnlich wie im Reich. Die Liberalen dagegen wollten eine Regierungskontrolle. Ganz ähnlich wie im Reich zur gleichen Zeit. Und so wurde dann auch die (vom Staatsrat unter Beteiligung einiger deutscher Fachkräfte ausformulierte) Verfassung geschrieben: Wie im Reich gab es eine nur dem Kaiser verantwortliche Regierung, ein in vielen Facetten des politischen Spektrums sich zerteilendes Parlament, unfähig zur klaren Willensbildung, dem aber, im Unterschied zum Reich, es verwehrt blieb, den Staatshaushalt zu genehmigen. Auch ist als zweiter wichtiger Unterschied zur Reichsverfassung die Abhängigkeit des japanischen Ministerpräsidenten zu nennen, der kein Gegenzeichnungsrecht bei Gesetzen und Verfügungen besaß wie sein deutsches Äquivalent, der Kanzler des Reiches. Das sind zwei fundamentale Unterschiede. Zudem gab es in Japan kein allgemeines, gleiches und geheimes Wahlrecht für das Parlament, aber das gab es um 1880 sowieso nur in einigen Ländern der Welt, in Skandinavien und im Reich. Alle anderen Staaten der Welt besaßen nur ein partitives Wahlrecht, das entweder rassisch (Amerika, Australien) oder finanziell (Frankreich, England, Rußland) strukturiert war. Japan übernahm die Wahlgesetze Preußens, ein Drei-Klassen-Wahlgesetz. [5]
Mit der Revision der Exterritorialrechte der ausländischen Mächte endete diese Epoche 1893. Japan war im Kreise der fortschrittlichen Nationen angekommen, besaß einen modernen Nationalstaat, eine expandierende Industrie, ein funktionierendes Rechtssystem und gute Aussichten für die Zukunft. Man schielte auf Eroberungen in China, hatte sich mit den Russen geeinigt (Sachalin wurde russisch) und orientierte sich weiters auf Eroberungen im pazifischen Raum. Ein Krisenherd blieb Korea. Japan hatte die Zurückweisung seiner diplomatischen Ambitionen 1873 nicht vergessen und sann auf Revanche. Ein Krieg lag hier in der Luft.


Aufgaben:


  1. Fasse die Entwicklung Japans zwischen 1850 und 93 in zehn Stichpunkten zusammen! (II)
  2. Verfasse Biographien zweier Persönlichkeiten dieser Zeit! (I)
  3. Vergleiche den politischen Aufbau Japans mit dem des Reiches und stelle Gemeinsamkeiten und Unterschiede fest! (II)
  4. Arbeite zu der These: „Das Verhalten der imperialistischen Mächte gegenüber Japan war im 19. Jahrhundert von Rassismus geprägt.“ (III)




[1] Die Shogune kamen bis 1867 aus dem Hause der Familie Tokugawa. Ihre Funktion ist mit denen der fränkischen Hausmeier zu vergleichen, allerdings lag der Aspekt der Hausmeier mehr auf dem wirtschaftlichen, der der Shogune auf dem militärischen. Sie waren keine Kaiser, keine Kanzler, keine Bischöfe, sondern Krieger. Sie setzten außerhalb der Hauptstadt Daimjos (Oberste) ein, die nicht zu dem Hause der Tokugawa gehörten, behielten sich aber die wichtigsten Stellen vor. In der Hierarchie standen sie unter dem Kaiser, aber dem waren religiöse und magische Funktionen vorbehalten, nach denen die Shogune weder strebten, noch sie innehaben konnten.

[2] Britannien hatte Hongkong 1843 erworben und die chinesische Zollautonomie aufgehoben, war also aufgrund seiner wirtschaftlichen und militärischen Überlegenheit zum Herrn über China geworden.

[3] Im ersten Jahrzehnt Mejis mußten ausländische Fachkräfte ins Land geholt werden, die in Devisen bezahlt werden mußten. Neben Fachkräften für den Aufbau der Wirtschaft mußten Patente, Maschinen und Dienstleistungen im Ausland bezogen werden. Das erfolgte über Kredite aus den fünf Ländern, die Japans Handel kontrollierten. Parallel dazu warf die Regierung die Notenpresse an (eine Staatsbank gab es erst ab 1881), was die Inflation anheizte. Beides war notwendig.

[4] Die Textilindustrie der sog. Baumwoll-Ära bildete den Quellpunkt bei der Entwicklung des modernen Kapitalismus, in Britannien um 1800 wie sechzig Jahre später in Japan. Die Industrie wurzelt im Handwerksmäßigen des Webstuhls, der Spindel und der damit zusammenhängenden Verbesserung der Technik, mithin des Produktionsprozesses. Spinnmaschine und Jacquard-Webstuhl, dazu die Dampfmaschine Watts erhöhen die Arbeitsproduktivität immens. Es folgen Vermarktungslösungen: freie Preisbildung, Konkurrenz statt Zunftwirtschaft, daraus Auslese. (näher in Ferdinand Fried: Das Ende des Kapitalismus. Jena 1931. S. 7.)

[5] Im Reich wurde bei der Wahl zum Reichstag frei, geheim und allgemein gewählt, unabhängig von der Steuerleistung des einzelnen; für die Wahl zum Preußischen Abgeordnetenhaus galt das Drei-Klassen-Wahlrecht. - Kommentar zur japanischen Verfassung und über den Einfluß deutscher Rechtsgelehrter darauf: http://www.freilaw.de/150-jahre-deut...eziehungen/422

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