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Thema: Gelbe Stunden

  1. #1
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    Gelbe Stunden - Ein Cappriccio

    1. Teil

    So muss auch ein Text, da er Nachahmung von Handlung ist, Nachahmung einer einzigen und ganzen Handlung sein, dass das Ganze sich verändert und in Bewegung gerät, wenn ein einziger Teil umgestellt oder weggenommen wir. Wo aber Vorhandensein oder Fehlen eines Stücks keine sichtbare Wirkung hat, da handelt es sich gar nicht um einen Teil des Ganzen.

    „Wieviel kostet denn jetzt eigentlich eine Mass Bier auf der Kirchweih?“ fragte die alte Frau zusammenhanglos. Sie brachte den Aushilfszusteller dabei durcheinander, in seiner komplexen Kopfrechnung zwei Zahlungsanweisungen mit ausgesprochen krummen Beträgen zusammenzuzählen und ihr anschließend den Betrag passend auszuzahlen. Ganz kurz und nicht allzu freundlich sah Georg Hauser die Rentnerin an, zuckte mit den Achseln und begann von Neuem mit seiner Rechnung, dabei einen Fleck an der Tapete fixierend.
    „Ich weiß nicht genau...“, erwiderte er, weil ihm einfiel, sie könnte sein Schweigen als Unhöflichkeit auslegen. Der Kunde ist König, schoss ihm durch den Kopf, auch wenn er verkalkt ist.
    „Früher bin ich jedes Jahr mit meinem Mann hingegangen; aber seit seinem Tod nicht mehr. Das ist jetzt schon sechzehn Jahre her“, fuhr die Alte unbeirrt fort.
    „Fünfundert... sechshundert... fünfzig... siebenhundert“, zählte Georg Geldscheine auf die gehäkelte Tischdecke und dachte: Sei höflich, das ist eine nette, alte Dame, die gibt dir Trinkgeld.
    „Ich hatte heuer noch keine Zeit“, sagte er. „Zehn, fünfzehn, sechzehn...“
    Die Frau schob ihm mit entschiedener Geste das Hartgeld zu.
    „Behalten Sie die Münzen. Reicht das für eine Mass?“
    „Ich weiß nicht. Aber ich danke, das ist sehr nett von Ihnen.“
    „Warten Sie.“
    Sie öffnete ihre Handtasche, die sie griffbereit neben sich auf dem Sofa liegen hatte, und förderte noch ein paar Geldstücke zu Tage.
    „Das ist nicht nötig“, sagte Hauser, „wirklich nicht.“
    Aber er nahm bereitwillig noch einmal drei Euro in Empfang, die er in seinen Zustellergeldbeutel zu den anderen Münzen fallen ließ. Neun Euro und ein paar Zerquetschte, hat sich gelohnt, dachte er und bedankte sich nochmals.
    „Sie müssen hier noch unterschreiben.“
    Georg reichte der Rentnerin seinen Kugelschreiber und sah ihr, nun schon ungeduldig, bei ihrem umständlichen Namenszug zu, den sie auf jede der Anweisungen setzte.
    „Ich hätte aber noch eine kleine Bitte an Sie“, sagte sie dabei. Georg verzog einen Mundwinkel. Jetzt kam der Pferdefuß. Ab heute will sie ihre Versandhauskataloge an der Haustür abgeliefert haben wie die Oma auf 7b, die mich jeden Tag über ihre Gicht in den Fingern volljammert.
    „Wenn Sie das Bier trinken, müssen Sie an mich denken. Versprechen Sie es mir?“ Sie lächelte traurig und gab dem Zusteller die Zahlscheine zurück. Er sah sie erstaunt an, dann grinste er verlegen zurück. Mit einer flinken Handbewegung trennte er die Belegabschnitte ab und legte sie zu der Rente auf den Tisch. Dann wand er sich zur Tür.
    „Aber ja. Das werde ich sicher tun. Am Wochenende...“
    „Wissen Sie, es ist schön, wenn jemand mal wieder an mich denkt. Meine Tochter ist gestorben und jetzt bin ich ganz allein.“
    Georg war schon fast in der Tür, als er stehenblieb und nicht recht wusste, was er sagen sollte. Dass er etwas sagen musste, war ihm klar, wenn er nur eine Ahnung gehabt hätte, was. Er blickte zu der Alten zurück, sah zu, wie sie sich ächzend vom Sofa erhob und ein paar zögernde Schritte durch ihr Wohnzimmer machte. Sie schien dabei Schmerzen zu haben. Eine zerbrechliche, kleine Frau, dachte er, wie alt mag sie sein? Wie kann sie auf diese Weise leben? Die Alte winkte ihn zurück.
    „Da schauen Sie doch“, sie deutete auf eine Fotografie an der Wand, eine Amateuraufnahme in einem einfachen Glasrahmen, „Irene ist im letzten März gestorben, letztes Jahr.“
    Georg sah flüchtig auf das Bild, das ihm nichts, der alten Frau so viel sagte. Er sah eine Portraitaufnahme einer etwa vierzigjährigen, wohlgenährten Frau, sie war blond, rotwangig und gut aufgelegt.
    „Das... ah, das tut mir leid. Mein Beileid, zögerte er, fiel aus der Rolle des geschäftsmäßigen, flinken Zustellers, der in Gedanken bereits drei Häuser weiter beim nächsten Einschreiben ist.
    „Sie fehlt mir.“
    Sie hatte nun eine Stimme wie ein Hauch; gebrochen, rauh, selbstvergessen.
    „Das verstehe ich. Solch ein Verlust...“, erwiderte Georg viel zu laut und teilnahmslos. Er sah nochmals auf das Foto, verlegen auf der Unterlippe kauend. Er hatte kein Verhalten für diese Situation parat.
    Er ging rückwärts aus der Wohnung, floh beinahe, beschämt ein Abschiedswort murmelnd, sich noch einmal bedankend. Er hatte nicht einmal gefragt, woran die Tochter, die auf dem Foto so gesund und glücklich aussah, gestorben war.
    Erst später wurde ihm bewusst, dass die alte Frau laut um Hilfe gerufen und er sie nicht gehört hatte, nicht hören wollte. Georg ging nicht in die Kirchweih, aber den Auftrag der Rentnerin befolgte er gewissenhaft. Der Gedanke an sie begleitete ihn den Rest des Tages und kam immer wieder, so lange er die Post in dem großen Wohnblock zustellte, in dem sie wohnte. In der Woche darauf erzählte ihm eine Nachbarin Frau, die alte Frau läge im Krankenhaus.
    Häuser hatten einen neuen Charakter für Georg bekommen, seit er wegen seiner chronischen Finanzschwäche bei der Post arbeitete und in wechselnden Bezirken in nur allzu bekannten Straßenzügen seiner Heimatstadt Briefe zustellte. Die Häuser begannen zu leben. Die Gebäude, an denen er bisher achtlos vorbeigegangen war, bekamen plötzlich ein Innenleben, eine Struktur. Es gab Häuser, die er mochte, die er gerne betrat, andere hasste er. Das war unabhängig von ihren Bewohnern, sondern beruhte auf den Schwierigkeiten, die er dabei hatte, sie zu betreten. Oft hatte er keinen Schlüssel und musste Reihen von Klingelknöpfen durchprobieren, bis ihm jemand die Gnade erwies, ihn hereinzulassen. Da er aber einen festen, knapp bemessenen Stundensatz bezahlt bekam und es sein Privatvergnügen war, ob er ihn über- oder unterbot, war er immer in Eile und nahm jede Verzögerung als einen persönlichen Angriff auf seine knapp bemessene freie Zeit.

    "Ich lernte Jürgen in der Fachoberschule, die wir vor sieben Jahren gleichzeitig besuchten, kennen. Da er, wenn ich richtig informiert bin, den Wirtschaftszweig besuchte, gingen wir nicht in die gleiche Klasse und wären wahrscheinlich nie aneinandergeraten, wenn nicht durch einen Zufall jemand bei einer Gemäldeausstellung der Kunstkurse unserer Schule seine Arbeit neben die meine gehängt hätte.
    Sein Bild war eine Collage aus Zeitungsartikeln über die Wiedervereinigung und dicken, schwarzen Kreidestrichen, die ein Pissoir andeuteten. Darüber war quer in Kreuzform wie mit einer Wasserpistole etwas unangenehm bräunlich-rotes gespritzt, das ich zuerst für Farbe hielt; bei genauerer Untersuchung stellte ich jedoch fest, dass es sich um ordinäres, eingetrocknetes Ketschup handelte. Es klebte auf dem Bild und roch sogar schwach nach Essig und faulen Tomaten. Dennoch war diese Collage gelungen, das musste ich ein wenig neidisch anerkennen, es war, soweit ich dies damals beurteilen konnte, eine ordentliche Arbeit. Sie war handwerklich überzeugend, das Bild hatte Tiefe und Inspiration und es erregte sofort heftige Debatten bei den Besuchern der Ausstellung, die das Gemälde nebenan, meine bunte, expressionistische Fabrik, auf die ich sehr stolz war, mit einem Achselzucken abtaten. Und wirklich, neben diesem durchaus als Geniestreich zu bezeichnenden, originellen Werk war mein Bild unbedeutend, epigonär und dilettantisch.
    Wie bei allen anderen Ausstellungsstücken klebte auch neben dem von Jürgen ein Foto, das den Künstler zeigte. Ich sah mir das Bild an, um mir das Gesicht einzuprägen, denn es war wahrscheinlich eines, das man sich merken musste. Wie ich gleich darauf Gelegenheit hatte, festzustellen, glich ihm dieses Foto nur in groben Zügen, es war offensichtlich eine etwas ältere Aufnahme.
    Während ich durch die Aula schlenderte und mir die anderen Kunstwerke ansah, wurde ich auf eine Ansammlung von vielleicht acht oder neun jungen Männern aufmerksam. Sie hatten sich am anderen Ende des Raumes um ein etwas größenwahnsinniges, abstraktes Triptychon eines Freundes von mir versammelt. Es waren wohl Schüler der Fachoberschule, weil ich ein paar der Gesichter kannte, aber ich hatte noch mit keinem von ihnen gesprochen. Ich trat von ihnen unbemerkt näher, um ihre Meinungen zu erlauschen. Es gab unter ihnen allerdings nur eine einzige. Denn in der Mitte der Gruppe, direkt vor dem Bild, stand Jürgen in der Rolle des Kritikers und fiel mir auf, seinem Charakterkopf schon häufig begegnet zu sein. Jeder hat das schon einmal erlebt. Er war für mich ein öffentliches Gesicht, das ich immer wieder einmal gesehen hatte: Natürlich im Pausenhof, aber auch auf der Straße, im Bus, in einem Lokal, bei einer Vernissage. Es war ein seltsames Spiel des Zufalls, dass wir uns nicht schon früher kennengelernt hatten; wir hatten sogar, wie sich später herausstellte, ein paar gemeinsame Bekannte.
    Es war irritierend, nun zum ersten Mal Jürgens tiefe Stimme zu hören, denn bis jetzt war er für mich nur ein Gesicht in der Masse der alltäglichen Begegnungen gewesen. Es fällt mir schwer, ihn so zu beschreiben, wie ich ihn damals sah, als ich ihn zum ersten Mal wirklich aufmerksam musterte. Es mag sich jetzt einiges in meine Beschreibung von ihm mischen, was mir damals noch nicht in den Sinn kam. Er wirkte sehr unproportioniert auf mich, wie ein statisch nicht ausgewogenes Bauwerk: In seinem schmalen, langgezogenen und hageren Schädel, der so aussah, als habe er ihn einem Bild von El Greco entliehen, brannten seine dunklen, in schwermütigen Höhlen liegenden Augen in einem ernsten, fanatischen, fast wahnhaften Feuer. In ihnen war kein bisschen Humor zu finden oder auch nur ein Anflug von Ironie, der diesen Eindruck ein wenig hätte abmildern können. Er hätte wirklich einen wunderbaren Misanthrop abgegeben. Dazu schaukelte sein Asketenkopf auf einem dünnen, zerbrechlichen Hals mit einem abnormen, spitz hervorstechenden Adamsapfel. Jürgens massiver, untersetzter Leib jedoch, der entschieden zur Korpulenz neigte, stand dazu in einem geradezu grotesken Gegensatz.
    Ich sah auf seine Hände, die er erhoben hatte, um ein Detail des Triptychons näher zu erläutern. Der Anblick erschütterte mich: Seinem fetten Unterarm folgte ein breiter und grober Handteller, eine tiefe Speckfalte kennzeichnete die kaum sichtbare Abgrenzung. Aber Jürgens Finger waren dürr, lang und fein, er hatte Finger wie Jean Cocteau. Wenn überhaupt jemand den Kopf und die Finger eines Künstlers besaß, dann er; der Rest von ihm war ein ungeschlachter, primitiver Bauer. Ob mir damals schon der Gedanke kam, dass er unter jenem Gegensatz litt?
    Er stand vor dem Triptychon und sprach kurze, wirkungsvolle Sätze mit seiner klaren, dunklen Stimme. Verblüfft stellte ich fest, wie ihm die anderen andächtig und, ich finde kein anderes Wort, fromm zuhörten; er hatte sie vollkommen in seinen Bann gezogen. Ich schob mich noch näher an die Gruppe heran und bemühte mich, seinen Worten zu folgen. Es war herablassend und gemein, was Jürgen da sagte; es mochte zwar im Kern wahr sein, aber mir missfiel sofort der offensichtliche Genuss, den er dabei empfand, das wässrige Aquarell-Triptychon meines Freundes unter dem Beifall dieser Gruppe von Speichelleckern mit Worten zu zerfleddern, diese Häme war unnötig und vor allem war sie arrogant. Schließlich waren wir doch alle Anfänger und der Kritik schutzlos ausgeliefert. Was machte es da für einen Sinn, wenn wir uns gegenseitig ans Messer lieferten? Jeder von uns suchte unsicher nach einem Weg, den er beschreiten konnte und kopierte unbeholfen und frech falsch verstandene Vorbilder. Wie konnte Jürgen nur glauben, ausgerechnet er sei die geniale Ausnahme, die das Recht hatte, die anderen verächtlich abzuurteilen?
    Er trat zum nächsten Ausstellungsobjekt, die anderen folgten ihm. Erneut vernichtete er Sinn und Gestalt des Bildes mit seiner herablassenden, leider jedoch auch zutreffenden und gerade in ihrer Kürze bösartigen Kritik; dann gingen alle weiter zum folgenden Gemälde. Jürgen war ihr König, ihr Führer. Sie waren nur sein johlendes Gefolge ohne eine eigene Meinung. Jede Spitze von ihm fand lachenden und zustimmenden Beifall. Für einen Gänsehaut erzeugenden Moment sah ich statt Jürgen Joseph Goebbels vor mir.
    Nachdem er auch mein Bild mit einem von einem herablassenden Achselzucken begleiteten Verriss dem Gespött der Gruppe preisgegeben hatte, was ich, obwohl ich es erwartet hatte, wie einen Tritt in den Unterleib empfand, konnte ich mich auf keinen Fall mehr zurückhalten, als alle, vor Ehrfurcht erstarrt, ergriffen schwiegen und über das Wahre, Gute und Schöne meditierend vor seiner Collage standen. Ich musste mich rächen und den weihevollen Augenblick kaputt machen, das war ich den anderen Malern und der bohrenden Kränkung in meinem Inneren schuldig. Voller Abscheu stieß ich meine Worte wie einen Speer in Jürgens Rücken und hoffte, wie Hagen seine verwundbare Stelle zu finden:
    „Schade, dem Bild fehlen ein paar vertrocknete Pommes frites, dann wäre es gelungener und ausgewogener“, sagte ich zornig. Zehn wütende Augenpaare wandten sich zu mir und ich empfand ehrliche Befriedigung dabei, ihnen ihre heilige Kuh geschlachtet geschlachtet zu haben. Jürgen zuckte sichtlich erschrocken zusammen, fuhr herum und sah mich sehr überrascht an. Er bemerkte mich erst jetzt, kniff die Augen zu einem schmalen Schlitz zusammen und schob das Unterkiefer mit einem hörbaren Knacken nach vorn. Dadurch verwandelte sich seine vergeistigte Larve plötzlich in eine brutale und aggressive Maske. Sein sezierender Blick glitt an mir herab. Ich wich unwillkürlich einen Schritt zurück, mich gegen einen körperlichen Angriff wappnend, der nun als eine unausgesprochene Drohung in der Luft lag. Doch dann lachte Jürgen überraschend auf.
    „Da hast du recht, Georg, ich hatte leider Angst vor Schmerzen und Konsequenzen“, sagte er wegwerfend, dabei aber äußerst unzufrieden klingend. Ich verstand damals seine Bemerkung nicht, aber ich verschränkte die Arme, hob die Augenbrauen und lächelte wissend. Wenn sich zwei Künstler unterhalten, hat der verloren, der als erster seine Unwissenheit bekennen muss. Diese Spielregel hatte ich damals bereits erkannt. Ich wartete nun auf eine verbale Auseinandersetzung, die mir besser lag und bei der ich einige Punkte gut machen wollte. Doch mit Jürgen konnte man keine solch kindischen Spiele machen. Er musterte mich noch einmal scharf, nickte, zu einem sicherlich nicht schmeichelhaften Ergebnis kommend, und ließ mich und die ganze Gruppe einfach stehen, verließ sogar mit schnellen Schritten die Aula. Seine Epigonen eilten nach einer Schrecksekunde hinter ihm her. Einer fand noch die Zeit, mir im Vorbeigehen ein Schimpfwort zuzuflüstern. Ich sah diesem ungeordneten Rückzug hinterher und glaubte, dass ich als Sieger auf dem Schlachtfeld verblieben war. So naiv war ich damals noch.
    Das war meine erste Begegnung mit Jürgen. Sie verlief nun nicht gerade so, dass es sehr wahrscheinlich war, dass ihr noch weitere folgen würden. Tatsächlich hörte ich längere Zeit nichts mehr von ihm. Übrigens zog er bereits am nächsten Tag sein Bild von der Ausstellung zurück, was ich als eine äußerst kindische Reaktion empfand. Ich habe ihn dann noch ab und an im Pausenhof gesehen, immer von seinen Leuten umringt, die fast alle aus seiner Klasse waren; und einmal, vielleicht ein Jahr später, in einem Cafe, schnorrte ich ihn um eine Zigarette an, die er mir dann auch gab. Nach dem Abitur jedenfalls verlor ich seine Spur, bis ich von einem Bekannten Erstaunliches über ihn hörte. Das war vor nun fast vier Jahren. "

    Ein eigenes Thema waren die Briefkästen. Nach ein paar Monaten bei der Post ertappte er sich, wie er ganz automatisch auch nach Feierabend begann, Häuser nach ihnen zu beurteilen. Entscheidend war, ob es eine außen angebrachte Anlage war, an der Front oder am Rückgebäude, ob sich die Briefkästen an mehreren Eingängen verteilten, ob sie sauber und auf neuestem Stand beschriftet und ihr Öffnungsspalt groß genug war, auch Langholz,, als Sendungen im DIN A4-Format aufzunehmen. Es gab Kästen mit rasiermesserscharfen Klappen über den Öffnungschlitzen, die ihm beim Zurückfallen auf die Finger schlugen und sie aufrissen oder die eingeklemmte Zeitschrift so nach unten bogen, daß sie wieder herausfiel. Häufig standen die Namen auf diesen Klappen, die durch das Langholz nach innen gedrückt und damit nicht mehr lesbar waren, was vor allem bei Hochhausanlagen ärgerlich war. Es gab Anlagen, deren unterste Kästen in Kniehöhe angebracht waren oder sich auf zwei Seiten aufteilten. Manche Kästen wurden nur einmal in der Woche geleert oder die Tageszeitung füllte sie. Zwei, dreimal in der Woche steckten Werbezeitungen zur Hälfte in den meisten Schlitzen, verdeckten die Namen und erschwerten die Arbeit. Oft standen Kinderwägen oder stinkende Mülltonnen im Weg. Georg hatte es nicht für möglich gehalten, daß er ein solch persönliches, animistisches Verhältnis zu diesen toten Gegenständen entwickeln konnte.
    Dann, wenn er länger als nur ein paar Tage in einem Zustellbezirk war, begann er die Menschen kennenzulernen, die sich in seiner Vorstellung mit dem Charakter der Häuser verbanden und Teil von ihnen wurden. Manche bekam er nie zu Gesicht, sie blieben nur ein Name, der durchaus kein Omen war. Oft war allerdings schon an Haus und Briefkasten zu erkennen, ob jemand auf Bayernkurier, die ZEIT oder den Spiegel abonniert war. Übrigens hatte niemand alle drei oder auch nur zwei dieser Zeitschriften gleichzeitig bestellt.
    Andere sah er täglich und viele kosteten ihn Nerven und Zeit, ohne sich dessen bewusst zu sein. Geschäftsinhaber wollten ihre Post persönlich auf dem Schreibtisch oder doch zumindest bei einer Sekretärin abgegeben, selbst wenn sie Briefkästen hatten. Diese waren jedoch nicht die Schlimmsten, wurden nur unangenehm, wenn er einen Fehler machte und ihnen falsche Post zustellte, was immer wieder passierte. Einmal hatte er versehentlich einem Rechtsanwaltbüro ein dezent verpacktes Pornoheft, das für einen Sexshop ein Haus weiter bestimmt war, zugestellt. Das Entsetzen der noch minderjährigen Anwaltsgehilfin, die die Sendung öffnete und so etwas wahrscheinlich noch nie zu Gesicht bekommen hatte, führte zu einer ernsten Beschwerde bei seinem Vorgesetzten, dem sogenannten Qualitätsmanager, der ihm gehörig die Leviten las, mit seiner Kündigung drohte und ihn anschließend ein paar Mal im Bezirk abpasste und kontrollierte.

    Wie üblich erwachte er vor dem Klingeln des Weckers. Ein wenig Straßenlärm presste sich durch das leicht geöffnete Fenster, aber er war durch die Höhe der Wohnung und die zugezogenen Vorhänge gedämpft und verschwand sofort im Hintergrund, wenn er sich nicht mehr auf ihn konzentrierte. Da das Haus hellhörig war, waren Türenklappern und Schritte zu vernehmen. Das eindringlichste Geräusch war jedoch das laute Atmen seiner Freundin. Eine Weile folgte er dem leichten, rasselnden Schnarchen, das ihr ungeheuer peinlich gewesen wäre, wenn sie es geahnt hätte.
    Er öffnete die Augen langsam, wie um sich gegen die eindringende Helle zu schützen, obwohl er genau wusste, daß das Zimmer abgedunkelt war. Es erstaunte ihn immer wieder, wenn er in der Früh aufwachte und es finster war.
    Er sah eine graue, sich zum Fenster hin geringfügig aufhellende Decke, die auf ihn herabstürzte. Schnell schloß er die Augen wieder. Als er sie zum zweiten Mal öffnete, war die Erscheinung vergangen. Es war zwar düster, aber das störte ihn nicht weiter. Heute war das anders, heute war ein großer Tag. Er wand den Kopf behaglich zum Fenster, um mehr von den verheißungsvollen Strahlen zu sehen, die zwischen den Vorhangritzen, er fand kein anderes Wort: hervorquollen und das Zimmer schnitten. Eine Weile beobachtete er die wirbelnden Staubfetzen, die die Sonnenstrahlen füllten.
    Der Schlaf seiner Freundin wurde unruhiger, sie drehte häufiger. Georg musste jetzt seine Zeremonie beschleunigen und sie beenden, bevor sie aufwachte, da er als erster ins Badezimmer wollte, was er nie schaffte, wenn sie wach war. Er freute sich auf das Entleeren der Blase, das zu seinen absoluten Lieblingsgefühlen zählte, allerdings eines der wenigen, von denen er nie auf die Idee verfallen war, es künstlich herbei zu führen.
    Er wickelte ein Bein aus der Umklammerung der Decke, schob es nach außen, bis es abknickend vom Bett fiel und die nackte Fußsohle angenehmen Kontakt mit dem trockenen Teppich schloß. Dann richtete er sich halbdrehend auf, ließ dem ersten das zweite Bein folgen, bis er an der Bettkante zum Sitzen kam. Seine Freundin gab einen grunzenden Laut von sich, wurde aber nicht ganz wach.
    Einen kurzen Augenblick war ihm schwindlig, aber das verflog rasch. Er fuhr mit der Hand durch sein Haar, gähnte und ertappte sich dabei, wie er sich kratzte, obwohl es nicht juckte, das war eine sinnlose Handlung, die er aus alten Filmen und Comix hatte, und von der er glaubte, sie würde jetzt am Besten seine Zufriedenheit ausdrücken. Mit diesem Gedanken erschien für Augenblicke ein anderer, dunkler, den er mir schnellem Aufstehen und öffnen der Vorhänge zerriß. Heute nicht, wirklich nicht. Auf so einen Tag hast du lange gewartet. Zukunft, was?

    (...wird fortgesetzt)
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  2. #2
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    AW: Gelbe Stunden

    Hoffentlich Fortsetzung!

    Ich erkenne Gebeichtetes, die Post. Doch beim ersten Lesen fiel mir ein Satz auf, der wie ein abschließendes Urteil für einige Beiträge der letzten Zeit geschrieben: WENN SICH ZWEI KÜNSTLER UNTERHALTEN, HAT DER (sein gesicht) VERLOREN, DER ALS ERSTER SEINE UNWISSENHEIT BEKENNEN MUSS!

    In diesem Sinne, ein hoch erfreuter Hannemann

  3. #3
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    AW: Gelbe Stunden

    Der Anfang ist gut. Das interessiert mich, diese Sehnsucht der Alten nach einem Du. Davon mehr.
    Der zweite Teil ist fad. Ich will nichts von rekursivem Ich lesen, das sich in einer feindlichen Umgebung bewähren will. Ich will nur in die Tiefen unserer Sehnsucht steigen. Dabei mußt Du (Autor) mir (Leser) helfen.
    Schreib von der Alten, vom Alten, das sich in unserem Bewußtsein aufhält und durch Bewußtwerdung (Leben) an die Oberfläche (empor)schwingt.

  4. #4
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Gelbe Stunden

    Der von Robert als langweilig empfundene Abschnitt mit dem Ich-Erzähler ist in Anführungszeichen gesetzt, offensichtlich beginnt hier die Hauptfigur, der künstlernde Briefträger Georg Hauser, etwas zu erzählen, was für die Handlung von Bedeutung ist.

    Gruß, Klammer
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  5. #5
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Gelbe Stunden

    hallo klammer,

    klar ist mir aufgefallen, daß dieser absatz in anführungszeichen steht, doch das ändert nix. ich habe auch, natürlich typischerweise erst nach meinem kommentar, nachgeschaut, was ein capriccio ist. ich kann mir dennoch noch nicht so recht vorstellen, was genau das sein soll, außer daß es eigenwillig ist.

    also, die konstruktion dieser geschichte, widerspricht eigentlich deinem vorsatz "einfach", im doppelten sinne, zu erzählen. der leser, der "einfach" nur eine geschichte hören will, erwartet eine logisch durchgehende erzählperspektive (was nicht unbedingt heißt, daß man sie nicht wechseln kann).

  6. #6
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Gelbe Stunden

    Nein, so schnell gebe ich diesen Text noch nicht nach unten weiter. Dazu steckt zu viel Arbeit in ihm.
    Lieber tt, wo habe ich den Vorsatz geäußert, "einfach" zu schreiben? (Übrigens finde ich die Konstruktion des Textes nicht allzu schwierig.)
    Im Gegenteil, ich experimentiere ständig mit Sprach- und Textforme, probiere immer wieder etwas Neues aus.
    Am Stück in Anführungszeichen liegt`s also? Es ist, da Nabelbeschau, langweilig? Oder kann ich es noch retten?

    Gruß, Klammer
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  7. #7
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    AW: Gelbe Stunden

    guter kleiner klammer

    deine gelben stunden sind angenehme unterhaltung, ziemlich unaufdringlich, aber kaum wirklich langweilig. aus dem leben des postbeamten georg hauser. kein aufregendes leben, das, keine allzu spannende figur.

    dir möchte ich folgendes raten, wenn ich darf: sei knapper, karger. lerne zu verzichten. Streich, was immer sich streichen lässt, auch da und dort ein adjektiv. es ist dann eh kein teil des ganzen, wie du sagst. hab doch mut, auch mal etwas unkommentiert in der luft hängen zu lassen... soviel grundsätzlich zu deinem schreiben. Ein einziges beispiel: "George sah flüchtig auf das Bild, das ihm (aber) nichts sagte." Soviel genügt und ist schon mehr als genug. dein "der alten frau so viel" in diesem satz nimmt dem leser viel raum und tötet des lesers gedanken ab.

    zum text: mach doch bitte von anfang an klar, dass man nicht im restaurent ist, ich dachte eine seite lang, der george sei kellner oder so. und lass im satz "in der woche darauf erzählte ihm eine nachbarin frau, die alte frau läge im krankenhaus" das zweite frauchen weg, "die alte" genügt, du nennst sie vorher auch so.

    im jürgen-abschnitt, was soll der? ihn einfach so einzustreuen, das ist ne variante, aber in diesem text keine sehr gelunge. ausserdem: ist direkte rede, der abschnitt, und darin enthalten weitere direkte rede, musst du mit den " ein bisschen vorsichtig sein.

    ein paar wörtchen hast du vergessen zu tippen, aber das ist aufgabe des lektorats, denk ich. an dieser stelle stattdessen: "georg hatte es nicht für möglich gehalten, dass er ein solch persönliches..." schreibs um, damit es robert gefällt: "george hatte es nicht für möglich gehalten, ein solch persönliches verhältnis zu diesen toten gegenständen entwickeln zu können."

    ach ja, und führ die freundin doch gleich mit namen ein in die geschichte, "das eindringlichste geräusch war jedoch das laute atmen seiner freundin", nee, das gefällt mir so nicht. überhaupt überrascht mich die kleine in seinem bett ein wenig, ich hätt was gewettet, der pöstler sei solo.

    na ja, im grossen und ganzen: du beherrscht dein handwerk, aber aus den socken hauts mich nicht, das hier. mal sehen, was die fortsetzung bringt...

    dear greetings,
    Mr. Jones

  8. #8
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    AW: Gelbe Stunden

    Lieber Mr. Jones,

    ich danke dir für deine ausführliche und wirklich interessante Kritik.

    Auch du empfindest also den Mittelteil aus der Ich-Perspektive des Postboten als störend? Ich kann nicht auf ihn verzichten, denn er ist für die Motivation der Figur entscheidend, denn er soll die Figur Georg Hauser, die übrigens schon in "Die Lichtung" vorkommt (hat aber keiner bemerkt) näher beschreiben. Hauser ist nur Aushilfszusteller (Zusteller, so heißen Briefträger offiziell und so nennen sie sich auch untereinander, das hat also nichts mit Kellnern zu tun, ich werde aber auf deinen Rat hin am Anfang die volkstümliche Bezeichnung benutzen), das ist ein knochenharter Job, den er macht, weil er Geld braucht. Vermittelt hat ihm den Job seine Freundin, die findet, er sollte mal etwas vernünftiges tun. In diesen Ich-Rückblenden wird erzählt, warum er diesen Job und auch sein bürgerliches Leben hasst, weil es ihn hindert, ein großer Künstler wie Jürgen Niedermayer zu werden. Im Erzähltext wird berichtet, wie sich diese Krise auflöst.

    Du findest das Leben eines Zustellers nicht allzu interessant? Genau das soll beim Leser ankommen, denn Hauser kotzt diese Arbeit an.

    Du weißt, ich neige zur Epik. Gib also dem Text noch eine Chance, er wird bald fortgesetzt.

    Bis bald,

    der "kleine" Klammer
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  9. #9
    resurrector
    Laufkundschaft

    AW: Gelbe Stunden

    eine Fortsetzung hat dieser Text offenbar nicht erlebt; nun ja, hinsichtlich der poetischen Schwungmasse eines Aushilfszustellers, der das nur macht, weil er sein Künstlerdasein finanzieren muß und seinen Brotberuf haßt, ist auch nicht viel mitzuteieln, es sei denn, man liebt das Episodische

  10. #10
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Gelbe Stunden

    Diese Bemerkung ist nicht ganz richtig, lieber Robert. Ich habe niemals Romane in dieses Forum gestellt, höchstens mal den einen oder anderen Auszug. Der obige Text ist zu seinem größten Teil in meinen Roman "Die Wahrheit über Jürgen" und auch in meine Erzählung "Gelbe Stunden" eingegangen. "Die Wahrheit über Jürgen" wird von mir gerade auf meinem Blog "Aber ein Traum" vorveröffentlicht und im Spätherbst in meinem kleinen Selbstverlag erscheinen.

    https://klammerle.wordpress.com/2017...rroman-teil-1/

    Die Geschichte gehört zu meinem Geschichtenzyklus "Jahrmarkt in der Stadt", von dem ich bereits den Band "Kleine Lichter" veröffentlicht habe. Zwei der drei darin zu findenden Texte habe ich vor 16 Jahren hier im Forum gepostet; nämlich "Pasenows Schuld" und "Die Lichtung".

    kleine Lichter.jpg

    Grüße, Nikolaus
    Aber ein Traum - nikolaus-klammer.blog

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