Schuldig




Ich könnte ihnen stundenlang zusehen.

Das Mädchen. Den Kopf leicht zur Seite gebeugt, ohne sich dessen bewußt zu sein. Ein Träger ihres Kleides ist über die Schulter gerutscht und legt sich in einer ausladenden Schlaufe um den braunen Arm. Er zeichnet einen dünnen Strich aus Schatten über der leichten Gänsehaut, die die Form gestern getragener Kleidungsstücke zeigt: braun und hell.
So glatt.
Die auf das Kleid gestickten Blumen fransen an den Rändern leicht aus, seine Farben haben den fahlen Weißton zu oft gewaschener Kleidung.
Das Kleid ist rosa. Mädchenrosa, Barbierosa.
Weich sieht es aus.
Ihre Füße schwingen träge. Schwingen.
Ihre Brust wird keinen Schatten werfen, wenn sie sich vornüber beugt.

Sie ißt Eis.
Mit vorsichtigen kleinen Bissen brechen ihre Zähne durch den Schokoladenüberzug, die Zunge fängt die großen Stücke auf. Ihr Mund ist wie ein eifriges kleines Tier. In ihren Mundwinkeln mischt sich das Braun geschmolzener Schokolade mit cremiger Vanille.
Das Weiß ihrer Zähne. So fern von Zerfall-.
Unter der Wärme ihres Speichels beginnt das Eis zu fließen. Schwere Tropfen lösen sich aus seiner Form und rinnen den Stiel entlang, über die Fingerspitzen, die Knöchel herab. Ihr ganzer Oberkörper ist gefangen in diesem Eis-essen, bis zu den Ellbogen, über die linke Wange hinauf. Eine Welt aus Vanille, selbstvergessen. Ihre Lippen saugen am Stiel, bis nichts mehr bleibt als der Geschmack von feuchtem Holz.
Dann läßt sie ihn achtlos fallen. Ihre Augen folgen ihm nicht.
Später wird sie da sitzen, die Hände zwischen den Oberschenkeln gekreuzt, entspannt, und ihre Augen werden nichts sehen.
In ihren Handgelenken spielen die Schatten.
Sie hat traurige Knie, denkt der Mann. Auch wenn sie es nicht weiß. Nicht nur die Augen. Die Trauer kommt und ergreift den ganzen Körper. Die Schultern. Die Knie. Es ist nicht der abblätternde Schorf auf den Schienbeinen, dieser Schmerz.
Aber den Schorf könnte man abstreifen wie den Sand zwischen ihren Zehen. Ganz sanft, mit weichen Bewegungen. Dann die Handflächen auf ihre kleinen runden Kniescheiben legen, behutsam, um sie zu wärmen. Diese glatte Haut. Er würde neben ihr sitzen, und sich fragen, wie das Haar in ihrem Nacken riecht. Wie weich ihr Kleid wohl wirklich ist.

"Johannes?" Der Mann fährt auf. Er hat den Blick seiner Frau zu spät gefühlt.
"Ja, Liebes?"
Sie haben nicht darüber gesprochen. Er hätte es erklären können.
Zur Seite wischen: was bildest Du Dir ein. Er hätte lachen können, ein verspanntes Lachen mit zu viel Laut und zu wenig Luft, den Riß im Zwerchfell gespürt. Er hätte den Schmerz eingefangen, mit abgewandten Augen.
Wie sollte er es beschreiben. Seinen Ekel: eine Ahnung von Tod in den mäandernden Adern unter der Haut, dunkle Haare und gelbes Fett. Diese verwahrlosten Körper, diesen. Gestank?
Aber sie hat nie gefragt. Hat nur angefangen zu zählen vor einiger Zeit. Die Kinder. Blicke, die er ihr nicht zuwirft. Sein Wegsehen beim Anblick ihrer Oberschenkel. Das gelöschte Licht in den wenigen Nächten, die sie zusammen verbringen. Ineinander. Die Nächte zählen am Leichtesten: an einer Hand.
Sie verfolgt ihn aus den Augenwinkeln. Fängt seine Gedanken ein und spießt sie auf zur Untersuchung. Wie eine Sammlung von toten Schmetterlingen hängen sie in ihrem Kopf.
"Martina?"
"Nichts." Sie sieht wieder hinaus aufs Meer, die bunten Schirme.
Das Licht ist zu flach für einen Sommertag am Strand. Und der Schmerz krümmt ihre Zehen.
Im Schweigen starren die angespannten Muskeln um ihren Mund ihn an.
Ich würde ihnen nie etwas tun, niemals, für was hälst Du mich, für ein Monster? Glaubst Du im Ernst, ich habe mir das ausgesucht?
Er möchte schreien; und schweigt.