Wichtigstes Kennzeichen eines imperialistischen Zeitalters ist die Überbetonung vom Macht- gegenüber dem Rechtsbegriff. Es entsteht in stabilen politischen Verhältnissen und bedarf entwicklungsfähiger wirtschaftlicher Rahmenbedingungen. Kapitalbildung sucht sicheren Mehrwert, der durch Protektion, Lobbyismus, militärische Eingriffe sowie Bestechung, Infiltration, Geheimdienstarbeit, Sabotage... mutmaßlicher und tatsächlicher Widersacher gewährleistet werden soll. Nach 1870 ging eine so zu charakterisierende Politik insbesondere von Europa aus, nachdem die großen politischen Fragen entschieden worden waren und die technische Entwicklung neue Möglichkeiten der Expansion in alle Bereiche des Lebens verhieß. Der Nationalstaat füllte nicht mehr die Erwartungen des rastlosen Kapitals; es griff aus und wurde zur weltumspannenden Kraft, die alles unter sich begrub, was sich ihr in den Weg stellte. Das Zeitalter des Nationalismus ging über in das des Imperialismus. Da in Europa die Machtfragen geklärt schienen und die Bündnissysteme einen Krieg unmöglich machten, griff das aggressive Naturell des aufgeklärten, unternehmenden und aufklärungswilligen Neuzeiteuropäers auf die technisch und zivilisatorisch weniger entwickelten Erdteile über: Afrika, Asien, Ozeanien. Die Franzosen engagierten sich in Afrika. Das brachte dem Reich Ruhe, da die Kräfte der Franzosen so beansprucht waren. Jedenfalls war das Bismarcks Plan, der sich vehement gegen deutsche Kolonien aussprach und jede Anfrage deutscher Kaufleute und Unternehmer bezüglich militärischer Unterstützung des Reiches bei Streitereien mit Einheimischen in Übersee abschlägig beantwortete. Bismarck war das Friedenspolitik. Warum?

A. Das Zweite Deutsche Reich und Rußland I
Die erste Weltmacht um 1870 war England, das im Berliner Kongreß seine Wünsche durchsetzen konnte. England konnte mit Hilfe Österreich-Ungarns Rußland zurückdrängen. Die Russen gaben den Deutschen die Schuld daran, insbesondere dem Makler Bismarck. Sie traten an Frankreich heran und wollten es für einen Zweifrontenkrieg gegen das Reich gewinnen. Das wäre ein Familienkrieg geworden, denn der russische Zar war der Sohn der Schwester des deutschen Kaisers, also dessen Neffe. Kaiser Wilhelm wollte mit Zar Alexander und Kaiser Franz Joseph in gutem Einvernehmen stehen und gab Bismarck die Order, dies zu bewerkstelligen. Bismarck hielt sich zur Hälfte an den kaiserlichen Wunsch und machte mit Österreich-Ungarn den Zweibund perfekt. Die Russen wurden somit erneut gekränkt. Ihr verstärktes Werben um Frankreich wurde jedoch zurückgewiesen, denn die Franzosen waren um 1878 nicht in der Lage, einen Krieg zu führen und befanden sich zudem in innenpolitischen Schwierigkeiten.
Den Gepflogenheiten der Zeit nach hätten das Zweite Deutsche Reich und Österreich-Ungarn nunmehr einen Krieg gegen Rußland führen müssen, denn sie waren zu dieser Zeit stärker als ihr Nachbar im Osten, der international isoliert dastand. Aber der Zweibund blieb friedlich, obwohl er 1878 gute Chancen auf einen militärischen Sieg gehabt hätte. Der Zar lenkte ein und schrieb seinem Onkel in Berlin einen liebevoll gehaltenen Brief. Der Kaiser reagierte freundlich-unverbindlich. Bismarck hatte, was er wollte: der Konflikt war beigelegt. Vorerst.

B. Die Kolonienfrage
Bismarck wehrte sich lange dagegen, Kolonien zu erwerben. Er wußte, daß deutscher Kolonialbesitz über kurz oder lang zu Konflikten mit anderen Kolonialmächten führen mußte. Außerdem bezweifelte Bismarck den ökonomischen Nutzen von Kolonien und bezeichnete deren behauptete Notwendigkeit als Schwindel. Er sah genug Betätigung für die deutsche Wirtschaft in Europa.
Aber es gab Druck von vielen deutschen Kaufleuten und Unternehmern, die zwar weder Bismarcks politische Gefolgsleute waren, noch eine Mehrheit im Reichstag besaßen. Sie waren laut (Presse). Das Reich besaß keine finanziellen Rücklagen, die notwendig gewesen wären, um Kolonien zu erwerben und zu bewirtschaften. Am Anfang muß investiert werden. Es fehlte aber schon im Reich das Geld zum Ausbau einer stark wachsenden Wirtschaft, warum also Kolonien?
Bismarck fand einen Kompromiß. Deutsche Kaufleute errichteten Niederlassungen in bis dahin wenig beachteten Küstengegenden Afrikas (ganz nach englischem Vorbild), wobei diese Gebiete nicht in die Zuständigkeit des Reiches fielen, aber sie wurden erst mit Schutzbriefen ausgestattet und erhielten schließlich den Status von Schutzgebieten. England sah das zwar nicht gern, wollte aber das Reich nicht zum Feind haben und ließ es geschehen, zumal die von den Deutschen eroberten Gebiete meist weit entfernt von denen der Engländer lagen und wirtschaftlich kaum einträglich schienen.

C. Das Zweite Deutsche Reich und Rußland II
Sehr viel bedeutsamer als die zaghafte Kolonialpolitik unter Bismarck war die Bündnispolitik. Nach 1882 kam es zwischen Bulgarien und Serbien zu einem Krieg um die Vorherrschaft auf dem Balkan. Beide Nationen standen in religiöser und politischer Nähe zu Rußland, beider Feind lautete Türkei. Die Serben waren Partner Rußlands gegen Österreich-Ungarn, die Bulgaren der beim russischen Fernziel, der Eroberung Konstantinopels und der Errichtung eines griechisch-orthodoxen Weltreiches. Die Bulgaren konnten die Serben besiegen, was die Russen eher weniger erfreute, denn sie mutmaßten österreichische Hilfe gegen die Serben und hatten nun ein bulgarisches Königtum vor der Nase, das mit dem in österreichischen Diensten stehenden Prinzen Ferdinand von Sachsen-Coburg bedrohlich wirkte. Sie kündigten den Dreibund mit Österreich-Ungarn und dem Reich und brachten damit das Reich in Bedrängnis. Bismarck erkannte die Gefahr und bot in einem Geheimabkommen den Russen ein Defensivbündnis an, den heute so genannten Rückversicherungsvertrag. 1887. Bismarck versicherte den Russen deutsche Neutralität bei deren Balkanplänen (die sich nur gegen Österreich-Ungarn und die Türkei richten konnten) und erhielt dafür die Zusicherung, daß sich die Russen bei einem französischen Angriff auf das Reich neutral verhalten würden. Der Vertrag blieb geheim. Man könnte meinen, daß er sich auch gegen Österreich-Ungarn richtete. Das wäre der Fall gewesen, wenn Bismarck nicht noch England und Italien motiviert hätte, zugunsten Österreich-Ungarns zu kämpfen. Letztlich sollte die Türkei die Zeche zahlen, auf deren Zerschlagung viele hinarbeiteten. Rußland war, so Bismarcks Meinung, für Österreich-Ungarn am Bosporus ungefährlich. Das sah man in Wien anders.
Der Rückversicherungsvertrag sollte vorerst drei Jahre gelten. Die Lage war um 1890 nicht so kritisch, da England mit Frankreich schlechter stand als mit dem Reich und es unsicher war, ob Frankreich überhaupt gegen das Reich die Waffen erheben würde, selbst wenn das Reich seinem Partner Österreich-Ungarn in einem erwartbaren Konflikt mit Rußland beistehen würde.

D. Frankreichs innere Entwicklung in den ersten Jahren der III. Republik (1871-1888)
In Frankreich tobte der innenpolitische Kampf zwischen Republikanern und Royalisten. Die Royalisten setzten dabei auf die Demokratie. Merkwürdig genug. Sie wollten eine Direktwahl des französischen Präsidenten. Das Bürgertum befürchtete Machteinbußen und stellte sich mehrheitlich gegen die Monarchisten. Zeitgleich strudelte Frankreich in eine Zeit der Skepsis, des Atheismus und des Klassenkampfes. Die Linien verliefen quer durch alle Schichten.
Ein französischer General, Boulanger, placierte sich an die Spitze der Kriegsbefürworter. 1886 wurde er Kriegsminister und erklärte öffentlich seine Absichten, nämlich den Krieg gegen das Reich. Was den französischen Präsidenten Grevy bewogen haben mag, Boulanger zu entlassen, können wir heute nur mutmaßen. Das entschärfte die Situation nur vorübergehend. Man war in Frankreich auf Krieg aus, denn man wußte nichts von der Rückversicherung, wobei bezweifelt werden darf, ob diese von den Russen eingehalten worden wäre, denn nicht wenige russische Großfürsten schlugen bei ihren Besuchen in Frankreich in Boulangers Horn. Auch der russische Zar hatte keine so starken Verwandtschaftsgefühle zu dem greisen Wilhelm wie noch sein Vater. Die Gefahr für das Reich war also real.
Der Dichter Deroulede hatte eine Patriotenliga gebildet, deren wichtigstes Ziel ein Revanche-Krieg gegen das Reich war. Doch angesichts der europäischen Kräfteverhältnisse mußten die Anhänger Derouledes resp. Boulangers stillhalten. Frankreich orientierte sich auf imperiale Eroberungen in Afrika und kam dabei mit Italien in einen Konflikt, die ihrerseits auf Libyen aus waren. Italien schloß sich darum dem Dreibund an. Frankreich mußte zurückstecken. Wieder einmal.

E. Wilhelm II. erste Jahre
1887 kam im Reichstag eine Verstärkung des reichsdeutschen Heeres zur Sprache und wurde bewilligt. Die Vorgänge in Frankreich bewirkten auch die Bewilligung von Geldern für Neuanschaffungen (Gewehre) oder den Bau von Eisenbahnstrecken. In dieser Phase der europäischen Politik fiel das später gekürzte Wort Bismarcks: „Wir Deutsche fürchten Gott, aber sonst nichts in der Welt...“ Bismarck hatte allerdings am 6.2.1888 im Reichstag erklärt: „Wir Deutsche fürchten Gott, aber sonst nichts in der Welt; und die Gottesfurcht ist es schon, die uns den Frieden lieben und pflegen läßt.“ Damit hatte er die deutschen Parlamentarier auf seiner Seite, und sie bewilligten einstimmig die entsprechenden Mittel zur Friedenssicherung.
1888 gilt als Drei-Kaiser-Jahr in der deutschen Geschichte. Wilhelm I. starb 91jährig. Sein Sohn Friedrich überlebte ihn nur 99 Tage. Er hatte Kehlkopfkrebs. Mitte 1888 bestieg Wilhelm II. 29jährig den Thron. Wilhelm II. war von anderem Kaliber als seine Vorfahren. Seine Affinität zum antisemitischen Hofprediger Stöcker war allgemein bekannt, das angespannte Verhältnis zu Bismarck, mit dem er sich erst wenige Jahre vor dessen Tod aussöhnte, auch.
Wilhelm II. prädisponierte ein konservativ-liberales Bündnis, billigte Kartelle und verstärkte die soziale Gesetzgebung, indem er die Invaliditäts- und Krankenversicherung für zwölf Millionen arme Deutsche durchsetzte und sich nicht davor scheute, Vertreter streikender Arbeiter zu empfangen, um mit ihnen über die Verbesserung der sozialen Lage zu sprechen, was ihm in standesdünkelnden Kreisen den Spitznamen „Arbeiterkaiser“ einbrachte und wenig schmeichelhaft gemeint war. Weiters achtete Wilhelm II. auf den sozialen Frieden, betrieb eine auf Freundschaft gegründete Außenpolitik mit den Höfen der Nachbarstaaten und stand Aufrüstungswünschen seiner Militärs nicht ablehnend gegenüber, trat aber trotz gelegentlich martialischer Rhetorik nicht als Antreiber in dieser Frage auf. Seine Hofhaltung kann als prächtig gelten, was wiederum dazu führte, daß betuchte Bürgerliche diese Lebensführung nachzuahmen pflegten.


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