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Thema: Schatten

  1. #1
    Tochter aus gutem Hause
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    Post Schatten

    Schatten

    1.Tag
    Der Schatten scheint meiner Hand zu fliehen, während ich diese Worte schreibe. Oder vielleicht verfolgen die Worte auch den Schatten, versuchen ihn zu erreichen, um ihn endgültig zu bedecken.
    Ich habe aufgehört zu essen. Wie werde ich mich in den nächsten Wochen wohl verändern? Die feste Nahrung werde ich wohl weniger vermissen, als den täglichen Wein. Aber mein Entschluss steht fest

    1. Kapitel
    Der kleine Thomas saß auf einem Lammfell, spielte mit seien nackten Zehen und starrte fasziniert auf die weiße Wand. Im Lichtkegel der Schreibtischlampe ließ sein Vater die wunderbarsten Gestalten auf der Tapete erscheinen. Einen Wolf, den Thomas erst erkannte, als er sein Maul weit aufriss, dann einen Papagei und einen Elefanten. Zuerst sah er nur zu, wie die schwarzen Figuren durch ein Wunder aus dem Nichts erschienen. Er gluckste und jauchzte, wollte immer wieder den Wolf sehen, klatschte dann jubelnd mit seinen Händchen auf den Boden. Aber dann wurde der Wunsch sie zu berühren übermächtig. Vorsichtig stand er auf und troddelte unbeholfen auf die Erscheinungen zu. Aber als er sie fast erreicht hatte, waren sie in einem großen Dunkel verschwunden. Verdutzt sah er zu seinem Vater auf, der neben der Lampe stand und herzlich lachte. Dann sagte der Vater etwas. Thomas verstand die meisten Worte nicht genau. Aber er begriff, er musste sich wieder auf seinen Platz setzten, sonst blieben die Tiere und Figuren verschwunden.
    Als Thomas wenig später einen Augenblick im Zimmer alleine war, bewegte er sich wieder vorsichtig in das Licht. Je näher er der Wand kam, umso dichter wurde der Schatten. Vorsichtig streckte er seine kleine Hand aus. Nichts veränderte sich. Aber wenn er mit dem Kopf wackelte, schien die dunkle Stelle ihn nachzuäffen. Schließlich strecke er beide Hände über seinen Lockenkopf, spreizte die Finger und bewegte sie. Jetzt konnte er sich deutlich erkennen. Das war er selber, Thomas der da als schwarzes Wesen vor ihm stand. Langsam näherte er seine Babyhand dem Schatten, wollte ihn fangen, wollte dieses Schemen an sich nehmen. Es war doch ein Teil von ihm. Sein Vater betrat den Raum gerade, als er versuchte die Tapete abzukratzen. Ein wenig ärgerlich gab der Vater ihm einen leichten Schlag auf die Hände. Ratlos und beleidigt rollte sich Thomas auf seinem Schaffell zusammen und schmollte. Nicht einmal die Tiere die wieder auf der Wand erschienen, konnten ihn trösten. Immer wieder suchte er die Schwärze, die doch in seinen Handflächen sein müsste.

    2. Tag
    Obwohl ich schon seit Jahren das Haus nur selten verlasse, komme ich mir eingesperrt vor. Es war mir sinnvoll erschienen, mich während der nächsten Wochen durch nichts ablenken zu lassen - keine Lektüre der Tageszeitung, das Fernsehgerät bleibt ausgeschaltet. Nur den Zugriff auf Bücher, die ich bereits gelesen habe, wollte ich mir gestatten. So meinte ich - und glaube das noch immer - wäre es mir möglich, nah genug an die Person heranzurücken, die man so leichtfertig als „ich“ bezeichnet. Heute bereits, am zweiten Tag, fühle ich mich von der Welt abgeschnitten. Anstatt mich mit mir selber zu befassen, überlege ich, wie sich wohl die politische Debatte um die Einwanderung entwickelt. Ein Thema, welches mein Leben sicher nicht mehr berühren wird und mich bisher wenig interessiert hat. Wie alte Kutschpferde bleiben meine Gedanken auf ihrem gewohnten Weg. Und ich, der greise Kutscher, lasse sie gewähren.

    2. Kapitel
    Thomas saß hinten im Sanitätswagen bei den drei Verletzten. Er war erst heute Nacht an die Front gekommen, dies sein erster Einsatz. Bisher hatte er in einem Lazarett gearbeitet, das ein ganzes Stück hinter der Front lag.
    Seine Mutter hatte geweint, als er sich freiwillig meldete. Der Vater war mit seiner Entscheidung einverstanden gewesen, war wohl auch stolz auf seinen jüngeren Sohn.
    Während der holprigen Fahrt versorgte er die Kameraden, so gut es ging. Zwei der beiden Soldaten hatten schwere Beinverletzungen, bei einem hing der Fuß nur noch am Wadenmuskel, das Schienbein war völlig zersplittert, der andere hatte einen Granatsplitter im Oberschenkel, der wohl die Schlagader verletzt hatte. Thomas versuchte die Blutung zu stillen, aber der blutige Riss reichte bis in die Leiste. Selbst wenn er die Kompresse mit seinem ganzen Gewicht auf die Wunde drückte, quoll das Blut in warmen Stößen zwischen seinen Fingern hindurch. Dieser Mann würde die Fahrt wohl kaum überstehen, er hätte ihn nicht mitnehmen sollen. Aber als er ihn zwischen den anderen Verwundeten liegen sah, waren Thomas seine kleinen Hände aufgefallen. Er lag auf dem Rücken und hielt eine leere Feldflasche umklammert, als hinge sein Leben daran. Es sah so aus als würden Kinderhände die Flasche umfangen. Thomas versorgte ihn mit einem Druckverband. Mehr konnte er nicht tun. All diese Verletzungen hatte er schon im Lazarett kennen gelernt, neu war für Thomas der zähe Schlamm in dem die Getroffenen lagen. Auch der leichte Geruch nach Qualm, verbranntem Fleisch und angesengter Kleidung der in der Luft hing, gab ihm das Gefühl von Gefahr. Es regnete schon seit Tagen.

    3. Tag
    Ich ertappe mich dabei, fast gedankenlos aus dem Fenster zu starren. Es können die nachlassenden Kräfte sein. Aber ich fühle mich nicht schwach - jedenfalls nicht schwächer als sonst. Nur die Gedanken scheinen zu verblassen, ihre Schärfe zu verlieren. Sie enden im tausendfach Gedachtem, was wäre wenn?“
    Hätte sich die Menschheit so entwickeln können, ohne ein Bewusstsein ihrer Sterblichkeit? Ist der Grund jeder Kultur das Wissen um den persönlichen Tod? Hätte der Mensch sonst Schriften, Bilder, Wissenschaft gebraucht? Ist dies der Schlüssel aller Dinge? Dieses Hirngespinst hat zeitlebens zwischen mir und dem Augenblick gestanden.
    Wäre ich ein Mensch ohne dies Wissen? Oder macht es mich nur zu seiner Geisel?
    Wie geling es Anderen dies scheinbar zu vergessen? Und warum war mir das nie möglich? Sinnlose Fragen.

    3. Kapitel
    Thomas musste als Sanitäter schnelle Entscheidungen treffen, wen nahm er mit - wer würde es sowieso nicht überleben und wer konnte auf den nächsten Sanitätswagen warten. Bei dieser ersten Fahrt hatte er vier Soldaten zurückgelassen.
    Als er vor einer halben Stunde aus dem Wagen sprang, war er über die Erbärmlichkeit der ganzen Situation schockiert. Die Verwundeten waren von ihren Kameraden an die Landstraße geschleppt worden. Es wurde dämmrig und das Blut war kaum vom Matsch der schwarzen Erde zu unterscheiden gewesen. Die erschöpften Soldaten, die sich im Straßengraben ausruhten, sahen auf den ersten Blick genauso wie die Verletzten aus. Erst jetzt, während der Rückfahrt, wurde ihm bewusst, wie er ohne zu zögern drei der Männer Auswählte. Hatte er sie wirklich nur nach rein medizinischen Richtlinien ausgesucht? Oder hatte er sich einen kleinen Teil der Macht des Schattens angeeignet? Geglaubt bestimmen zu können? Wurde seine Hand geführt?
    Aber er glaubte nicht an so etwas wie Schicksal. Alles Leben schien ihm wie eine unendliche Folge von Zufällen.

    Er warf einen Blick auf den dritten Soldaten, der zwischen den beiden eingebauten Tragen in eine Decke gehüllt auf dem Boden lag. Thomes wollte sich nicht die Frage beantworten, warum er diesen Mann mitgenommen hatte. Er lag still auf der Seite. So sah man in der gelblichen Innenbeleuchtung des Ambulanzwagens nur das Profil seines Gesichtes. Er war jung, wahrscheinlich kaum achtzehn. Sein Antlitz war so fein gezeichnet, wie das eines Mädchens, nur die scharf gebogene Nase und das kräftige Kinn gaben ihm ein männliches Aussehen. Sein Haar war blond und hing ihm in schmutzigen Strähnen über die Wange. So hatte Thomas ihn auch am Straßenrand liegen sehen. Der Junge sah völlig unverletzt aus, er wollte sich schon abwenden, als dieser die Hand leicht hob und den Kopf drehte, um ihn etwas zu sagen.
    Noch nie hatte Thomas so etwas Erschreckendes gesehen. Die gesamte rechte Gesichtshälfte war abgerissen. Die Wange fehlte, man sah direkt auf seinen Kiefer mit den zwei weißen Zahnreihen. Das Auge war eine leere Höhle, das Ohr, selbst die Kopfhaut war nicht mehr da. Er lud ihn zu den anderen beiden Verletzten in den Wage. Der Fahrer hatte ihm noch zugeflüstert, ihn doch liegen zu lassen - nicht weil er sterben könnte, sondern weil er die Verletzung wahrscheinlich überleben würde. Jetzt lag er ihm auf einer provisorischen Trage zu Füßen. Ohne sich zu rühren, zeigte er Thomas die schöne Hälfte seines Gesichtes.

    4. Tag
    Heute ist der vierte Tag, an dem ich nichts mehr gegessen habe. Ich habe in meinem Studium gelernt, in der ersten Woche sei das Hungergefühl sehr quälend - dies kann ich bisher nicht bestätigen. Die Schreibtischlampe ist tief hinuntergedrückt, meine Augen folgen wie immer der Dunkelheit, die meiner Schreibhand vorauseilt.
    Noch achtzig Tage liegen noch vor mir, vielleicht auch weniger - ich bin schließlich schon ein alter Mann.
    So werde ich ihn am Ende doch überlisten, werde mich nicht seinem Zeitplan beugen.

    4.
    Thomas stand hinter seinem großen Bruder, nur sein Kopf lugte immer wieder über dessen Schulter um nichts vom Schlachtfest zu verpassen. Wie immer verbrachten sie die Ferien beim Onkel auf dessen Bauernhof.
    Thomas war jetzt zehn und durfte das erste mal beim Schlachten zusehen.
    Die Tante meinte, Kinder die aus der Stadt kämen, würden so etwas nicht vertragen können. Ihre eigenen drei Söhne durften von klein an dabei sein. Als Thomas den Onkel einmal gefragt hatte, warum seine Jungen immer zusehen durften, meinte der nur:
    „Sie sehen die Tiere nicht nur sterben, sie sind da wenn sie geboren werden und sehen sie aufwachsen. Nur den Tod zu sehen ist nicht gut für Kinder.“
    Das war vor drei Jahren gewesen, aber jetzt war er endlich alt genug das zu erleben, wovon ihm sein Bruder manchmal abends im Bett erzählte. Von den Schreien der Tiere, vom Blut, davon wie merkwürdig es roch, wenn der Bauch aufschnitten wurde und die warmen Gedärme heraus quollen.
    Der Knecht zerrte eine angstvoll quiekende Sau aus dem Stall. Der Strick in seinen Fäusten spannte sich. Fluchend trat der Mann dem Tier in die Flanke. Der Onkel, der bisher in ein Gespräch mit dem Schlachter vertieft war, brüllte wütend,
    „Willst du Idiot die Sau erwürgen? Wenn du sie weiter so würgst, hätten wir nicht den Metzger holen brauchen. Herrgott! Da könnten wir ja gleich das Fleisch vom Schlachthof kaufen.“
    Langsam, um das Tier nicht noch mehr aufzuregen, ging er dem Knecht entgegen, nahm ihm ärgerlich das Seil aus der Hand. Aus den tiefen Taschen seiner Arbeitshosen holte er einige Brocken hartes Schwarzbrot heraus und warf sie dem Schwein vor die Füße. Das Tier beruhigte sich schnell und folgte dann, bereitwillig der fütternden Hand bis zum Pferch, der am Rande des Hofes stand - nah bei der Küchentür.
    „Nach all den Jahren bei mir, solltest du es besser wissen, Karl,“
    meinte er ärgerlich zu seinem Knecht,
    „das Fleisch schmeckt nicht, wenn sich das Schwein vor dem Schlachten aufregt. Jetzt müssen wir noch eine halbe Stunde warten. Die kannst du dann dem Herrn Pfleger zahlen. Hol noch was Futter.“
    Nachdem die Sau in den engen Käfig gelockt worden war, bekam sie noch etwas Fressen vorgeworfen. Der Onkel begann mit dem Metzgermeister ein leises Gespräch und beide verschwanden im Haus.
    Die Tante, hielt schon eine große Schüssel für das Blut in den Händen und warf dem Knecht einen wütenden Blick zu.
    „Jetzt gehen sie natürlich noch einen heben. Alles deine Schuld. Du hast wirklich keinen Verstand.“
    Der Mann senkte den Blick, die feuchte Unterlippe schien noch tiefer herabzuhängen als sonst. Als die Tante ihm einen Wink gab, verschwand er erleichtert in den Stallungen.
    Thomas löste sich von seinem Bruder und trat näher an den Pferch heran. Das Schwein suchte mit seinem Rüssel nach den letzten Futterresten. Er hob ein Stück Kartoffelschale auf, das heraus gefallen war, hielt es der Sau hin. Nachdem sie es gefressen hatte, sah sie ihn einen Augenblick mit ihren kleinen Augen an. Vorsichtig berührte er ihr Ohr, zog die Hand aber erschrocken wieder zurück, als das Tier heftig zusammenzuckte.


    5. Tag
    Ich habe noch immer kein Hungergefühl. Sollte er meinen Plan durchschaut haben? Werde ich selbst in diesem letzten Schritt nicht Herr über ihn werden können? Hat er das so geplant?
    Obwohl er immer an meiner Seite war, habe ich nicht das Gefühl, er würde mich kenne. Warum sollt er sich auf für mich interessieren? Aber ich habe ihn seit jenem Tag nie mehr aus den Augen gelassen. Ließ mich auch an trüben Tagen nicht täuschen, wusste ihn unter meinen Füßen versteckt.
    Ich trinke viel Wasser. Wenn ich vom Tisch aufstehe, höre ich es in meinem Inneren rollen wie eine Welle. Ein wenig dünner bin ich in den letzten Tagen geworden. Nur müde fühle ich mich, aber das ist noch zu früh, muss ich doch noch einige Dinge niederschreiben. Alle sollen wissen, wie ich ihn überlistet habe.


    6.
    Lachend kamen Onkel und Metzger wieder zurück auf den Hof. Die Gesichter leicht gerötet - mit dem erdverbundenen übermut gestandener Männer. Thomas lief zu seinem Bruder zurück. Der Schlachter holte die Keule und einen Satz Messer von seinem Wagen. Noch immer scherzte er mit dem Onkel, als sie zu dem Schwein gingen und es aus seinem Pferch holten. Es war jetzt ganz ruhig, beschnüffelte die Gummistiefel der Männer.
    Thomas versuchte alles genau zu beobachten. Aber als er sah, wie der Metzger mit der Keule weit ausholte - schloss er einen Augenblick die Augen. Der Schlag war kaum zu hören, nur ein erstauntes Quieken. Er sah wieder hin. Die Sau fiel zur Seite und blieb nach einem kurzen Zucken still liegen. Dann wurde sie abgestochen.
    Thomas beachtete das Blut nicht, das seine Tante in der Schüssel auffing. Die beiden Männer waren zurückgetreten. Der Schlachter putzte mit einem Lappen das Messer ab. Thomas sah nur das Schwein an. Wie still es war. Die Morgensonne warf lange Schatten. Jeder dieser Schemen schien seinen Ursprung zu parodieren, verzerrte die Menschen und Dinge. Nur der Schatten den der lange Schweinerücken warf, war ehrfürchtig ruhig. Sie hatten sich vereint. Thomas verstand plötzlich die Ewigkeit, oder den Tod. Er hatte kein Mitleid mit dem Schwein. Es hatte nicht gelitten. Nur eben hatte es noch Kartoffelschalen gefressen. Er verstand jetzt den Sinn der lichtlosen Stellen, die jedes Wesen mit sich herumtrug. Jeden Augenblick war die Dunkelheit bereit, sich endgültig mit dem Leben zu vereinen.

    6.Tag
    Die Asketen, auch die so genannten Heiligen, wussten was sie taten wenn sie fasteten. Nach den ersten Tagen, wenn sich die Gedanken an das Essen verflüchtigen - bei mir war es nicht der Hunger, der mich daran denken ließ, sondern die Gewohnheit, die Zeit durch Mahlzeiten eingeteilt zu finden - stellt sich die Klarheit des Geistes ein. Zumindest habe ich den Eindruck, ich sei plötzlich in der Lage in die Tiefe der Welt zu blicken. Aber das dachte sicher auch mancher Narr. Die Besessenheit, die mich vor einigen Tagen noch trieb, meinen Schatten zu ergreifen, ihn zu mir zu ziehen, auf mich zu drücken, habe ich verloren.

    Viele die zu sehr am Leben hingen, haben sich nie daran gewöhnen können, vom Ende überrascht zu werden. Vielleicht waren es die Lebenshungrigsten, die den Hohn des Schattens nicht mehr ertragen konnten. Solche die ihm entgegen sprangen, ihn im Schoß des Wassers fingen oder ihn mit ihrem Blut ins Unrecht setzten wollten.
    Ich aber will ihm langsam begegnen, er soll nicht glauben, ich hätte Angst vor der Konfrontation.

    7.
    Thomas stand auf dem Balkon. Er betrachtete die Parade der Schwarzhemden. Stolze, aufrechte Gestalten, die mit ihren glänzenden Stiefeln ihre Schatten zu zertreten schienen. Er war jetzt fünfzehn, gerne wäre er bei ihnen gewesen. Diese ganze lange Reihe junger Männer waren wie ein Geschöpf. Darum konnten sie auch so selbstbewusst der Dunkelheit zu ihren Füßen trotzen. Sollte auch ein Schatten sich einen aus der Reihe greifen, die Lücke würde sofort geschlossen. Sie kannten keine Angst. Wirkten sie doch selber in ihren schwarzen Uniformen, wie die Herren ihrer Schatten.
    Thomas wäre gerne einer von ihnen gewesen. Aber sein Vater meinte, es sei besser für ihn nicht aufzufallen, sich nicht voreilig irgendwo registrieren zu lassen. Sein Abstammungsnachweis mütterlicherseits sein nicht so gut. Thomas war wütend auf seine Mutter.

    So stand er hier auf dem Balkon, beugte sich weit hinaus und schwenkte die Fahne. Sein Vater hatte den Arm zum deutschen Gruß erhoben.

    7. Tag

    Langsam beginne ich abzunehmen. Mein Gesicht scheint mir ein wenig eingefallen zu sein. Ab heute werde ich jeden Tag ein Foto von mir machen, nackt vor dem Spiegel im Schlafzimmer. Schade, ich hätte es schon früher beginnen sollen. Vom ersten Tag an. Schon immer habe ich alles gerne belegt, bewiesen. So habe ich schon früh begonnen, alles was mir wichtig erschien aufzuschreiben. An jenem Tag, als das Schwein geschlachtet wurde, habe ich begonnen ein Tagebuch zu führen. Jahrelang bin ich lieber bei schlechtem Wetter aus dem Hause gegangen, um meinen Verfolger nicht zu sehen. Es gab Zeiten, da saß ich nächtelang in meinem dunklen Zimmer und genoss das Empfinden, ihm nicht mehr ausgeliefert zu sein. Mein Vater meinte damals, ich sollte mehr Sport treiben, meine Mutter schickte mich zum Arzt. Der verschrieb mir Urlaub an der See. Erst mit sechzehn Jahren wagte ich mich meinen beiden besten Freunden anzuvertrauen. Sie verstanden mich sofort. In der Jugend wagt man noch an das Ende zu denken.

    8.
    Es war ein warmer Herbstnachmittag. Thomas ging zwischen Wilhelm und Franz von der Schule Nahhause. Er schob sein Rad, ein nagelneues Rennrad, lässig am Sattel vor sich her. Obwohl er in das Gespräch mit seinen Freunden versunken war, bemerkte er die dünnen Schatten der Speichen die über das Pflaster flirrten.
    Wilhelm blickte auf den Boden, als er seine Begleiter fragte,
    „Hat es euch gar nicht leid getan, die vielen schönen Bücher so verbrennen zu sehen?“
    Franz grinste,
    „besser die als ich.“
    Thomas wandte sich ihm zu,
    „ihr wollt weg von hier, stimmt‘s? Eigentlich schade. Aber es trifft halt auch solche die es nicht verdient haben.“
    Mit ernster Stimme setzt er hinzu,
    „das sind dann bedauerliche Einzelschicksale.“
    Wilhelm brach in schallendes Gelächter aus,
    „woher hast du denn den Satz her? Das klingt ja wie bei meinem Vater; ich kann den ganzen Mist nicht mehr hören. Führer, Reich - ich würde gerne mit dir mitgehen, nach Amerika, Franz.“
    Franz fuhr sich nervös durch das Haar,
    „bitte sprich nicht dauernd darüber. Es steht ja auch noch nicht ganz fest. Ich würde lieber hier bleiben. Vielleicht lassen mich die Eltern ja da, zumindest bis nach dem Abitur. Ich könnte mir ja ein Zimmer nehmen.“
    Wilhelm sah den Freund begeistert an,
    „genau, ein Zimmer bei uns. Letzten Monat ist die Familie Weiss ausgezogen. Das wäre ein Spaß.“
    Thomas sah die beiden Jungen nachdenklich an,
    „glaubt ihr denn nicht, dass wir in einer wichtigen Zeit leben?“
    Innerlich hoffte er inständig, es möge so sein. Damit sein Leben mit dem Schatten ebenfalls einen Sinn hätte. Er wünschte sich tapfer zu sein, ein Held. Nicht nur für sich, für sein Vaterland. Dann würde sein Schatten weiter leben. Trotzig schwang er sich auf das Rad,
    „ich muß jetzt los. Bis morgen ihr beiden Philosophen.“

    8. Tag
    Wie merkwürdig, nie mehr habe ich mich nach dieser schrecklichen Sache für Politik interessiert. Natürlich bin ich auf dem Laufenden, aber die Politik hat mich nicht mehr berührt, nie mehr diese Faszination, diese Begeisterung ausgelöst. Vielleicht war ich einfach zu alt. Oder ich hatte gelernt. Natürlich wussten auch wir Soldaten von diesen hässlichen Dingen mit den Juden. Nichts genaues - aber es wurde von Lagern erzählt und einer meinte, sie würden dort vielleicht verbrannt. Aber was kümmert es einen jungen Mann, der selber um sein Leben kämpft, der das tägliche Sterben sieht? Wenn jemand mich heute fragen würde, warum hast du nichts getan? Wäre die einzige ehrliche Antwort - weil es mich nicht interessiert hat. Es erscheint mir heute noch als ein Wunder, nicht verletzt oder getötet worden zu sein. Ich war auch nur kurz in Gefangenschaft. In einigen Wochen werde ich so aussehen wie einer dieser ausgezehrten Juden. Aber wird mich das ihnen näher bringen? Wenn ich über ihr Schicksal weinen würde, wäre es im Grunde genommen nur Selbstmitleid.

    9.
    Obwohl Thomas diesen Anblick kannte, fühlte er Schweiß auf der Stirn und seine Handflächen begannen zu kleben.
    Er beobachtete wie Monikas Haut sich unter dem Druck der haarigen nassen Rundung immer stärker spannte. Die Vorstellung, dies sei ein neues Menschenleben, das durch sein Zutun auf die Welt kam, war ihm unerträglich, fast widerlich.
    Sie lag mit angewinkelten Beinen im Bett, ihr Rücken war durch Kissen gestützt. Ihre Schreie erinnerten ihn an einen sehr jungen Soldaten, eigentlich ein Kind, das er in den letzten Kriegswochen verarztet hatte. Ein kleiner Kerl, sicher nicht älter als fünfzehn, er starrte auf seine Armstümpfe und schrie wie eine Frau - ein hemmungsloser hoher Ton der sich in seinem Gehirn festgesetzt hatte. Monikas Laute aber wurden immer wieder durch Hecheln und Stöhnen unterbrochen.
    Um sich abzulenken beobachtete er die Hebamme, eine fette junge Frau, deren ausladendes Hinterteil ihn zu erregen begann.
    Thomas fand fette Frauen erotisch. Das war nicht immer so gewesen, erst in der Nachkriegszeit, als es mit dem Essen knapp wurde, begannen diese Phantasien. Er war damals Mitte zwanzig. Er ergötzte sich an Vorstellungen, die eine Mischung von Kannibalismus und Sexualität waren. Große starke Weiber, die er überwältigte. Die Vereinigung war grausam, er saugte ihre Leiber aus während er sich in ihren Schoß ergoss. Aber das war lange her. Heute dachte er nur noch selten daran. Monika war schlank.

    Wie immer, wenn er nichts zu tun hatte, beobachtete er seinen Schatten. Er hatte das Gefühl, völlig reglos dazustehen. Aber sein dunkler Doppelgänger schien sich immer leicht zu bewegen.
    Wie gerne würde er ihn verlassen.


    9. Tag
    Völlig unvermutet bin ich heute mit einem heftigen Hungergefühl aufgewacht. Damit hatte ich nicht mehr gerechnet. Eine Weile bin ich liegen geblieben, habe versucht den Hunger wegzudenken, mich mit ihm zu vereinen. Aber er wollte meine Freundschaft nicht. Während ich dies schreibe, spielt sich in meinem Inneren ein Drama ab. Mein leerer Magen scheint wie ein ausgehungertes Tier die umliegenden Organe anzugreifen, sich bis in mein Hirn durchzubeißen. Nie war mir bewusst gewesen, welchen Schmerz ein leerer Magen verursachen kann. Aus der Nachkriegzeit kannte ich nur das ewige Empfinden, nicht genug gegessen zu haben. Das war zwar auch nagend, aber nicht mit dieser Qual zu vergleichen. Das Wasser und die Vitamintabletten bringen keine Linderung - als hätte mein Körper erst jetzt den Trick erkannt, mit dem ich ihn zu täuschen suchte. Bereitwillig hat er die ganzen Tage mit dieser Illusion der Fülle gelebt. Aber jetzt ist die Bestie aufgewacht. Sie ergreift meinen ganzen Leib, die Zähne schlagen aufeinander vor Gier. Ich beiße in meinen Arm. Ich weine. Ich weine vor Hunger. Damit will er mich demütigen. Ich sehe meinen flatternden Schatten, er lacht über mein Zittern. Noch ist mein Geist stark genug. Ich gebe nicht nach.

    10.
    Als Thomas das Postamt betrat, fiel sie ihm sofort auf. Das Mädchen saß hinter dem letzten der drei Schalter. Lange Reihen ärmlich gekleideter Menschen standen an. Es war ein heißer Augusttag. Die Männer trugen meist Teile ihrer ehemaligen Uniform, die Frauen entweder selbst genähte Kleider oder altmodische Vorkriegskleidung. Nur die junge Frau, die geschickt und schnell ihre Kundschaft bediente, sein aus einer anderen Zeit, aus einem anderen Leben zu kommen. Sie war nicht nur wohlgenährt, sie war dick. Aus den Ärmeln ihrer kurzärmligen Bluse barsten die runden Oberarme hervor - die Haut rötlich-braun an der Armoberseite und schattenlos weiß an der zarten Unterseite. In ihm verbanden sich Lust und Hunger. Er fühlte eine unbekannte Gier in sich aufsteigen. Eigentlich war er nur gekommen, um im Telefonbuch nach einer Adresse zu suchen. Jetzt aber stellte er sich in der letzten Schlange an, um dieses Sattheit in Menschengestalt aus der Nähe zu betrachten. Während Thomas Schritt um Schritt näher rückte, registrierte er ihre großen Brüste, die molligen Hände mit Grübchen zwischen den Knöcheln. Die Mundwinkel waren ein wenig mürrisch nach unten gezogen, aber als eine alte Frau sie leise etwas fragte, antwortete mit einem strahlenden Lächeln. Mausezähnchen blickten auf, zu klein für das Sonnengesicht.
    Thomas war gleich an der Reihe. Er würde nicht den Mut aufbringen sie um ein Rendezvous zu bitten. Hoffentlich bemerkte sie seine zitternden Hände nicht. Heiser bat er um eine Briefmarke.

    10. Tag
    Die letzte Nacht war furchtbar. Ich fühle mich nicht schwach - ganz im Gegenteil, rasend und wütend wäre ich in der Lage mir ein lebendes Tier in den Mund zu stopfen. Immer wieder denke ich an Gerda. An ihr Fleisch, an die Lust die uns miteinander verband - nein - noch immer verbindet - die neu entfacht nach dem hungernden alten Mann greift.
    Selbstverständlich habe ich alles Essbare aus dem Haus entfernt, bevor ich mich dem Unterfangen stellte, mich mit meinem Schatten zu verbinden. Ich bemerke mit befremden, wie mein Blick einer flügellahmen Stadttaube folgt. Wäre ich wirklich dazu in der Lage? Ich meine, nicht nur das Tier zu töten, was wäre schon dabei, aber es direkt zu verspeisen? Roh, blutig frei von all der Kultiviertheit, die mir so tief in mir verankert erschien? Werde ich durch den Nahrungsentzug zu einer Bestie? Wie haben es die hungernden Menschen in den Lagern geschafft, nicht übereinander herzufallen, sich nicht gegenseitig zu töten? Sicher, es gab bei Hungersnöten immer mal wieder Kannibalismus, aber doch sehr selten.

    11. Kapitel
    Der Sanitätswagen bog von der Landstraße auf einen Feldweg ab. Jetzt wurde das schlingern des Wagens sehr heftig, der Verwundete zu Thomas Füßen rollte auf die andere Seite und zeigte sein von Fleisch entkleidetes Gesicht. Er wurde von Mitleid überwältigt, als der junge Soldat mit seiner Hand zögernd über die Stelle strich, die einst seine Wange gewesen war. Er erstarrte, als er seine Zähne fühlte.
    Thomas packte ihn und drehte ihn wieder um. Er drückte einen Fuß unter seinen Rücken, damit er sich nicht wieder umwenden konnte.
    Er selber hatte sich nie als gut aussehend empfunden. Zwar war er groß gewachsen, strahlte auch eine robuste Gesundheit aus, aber seine Züge waren derb, die Augen duckten sich unter mächtigen Augenbrauen, der Mund war breit und schmallippig. Er hatte die hübschen Kerle immer beneidet, denen sahen die Mädchen kichernd hinterher. Mit ihm tanzten sie nur, wenn alle schmucken Kerle schon vergeben waren. Der Kamerad auf dem Boden würde ihm jedenfalls nie ein Mädel ausspannen. Nun nicht mehr.
    Der Soldat mit dem abgerissenen Schienbein begann zu stöhnen. Obwohl die Verletzten auf den Pritschen festgeschnallt waren, wurden sie durch die Schlaglöcher heftig hin und her geworfen. Zweige streiften kratzend das Wagendach. Thomas erschrak, als der Verwundete plötzlich begann mit sehr klarer Stimme zu sprechen.
    „Ich muss zum Training gehen. Die warten da schon auf mich. Wie späte ist es? Ich habe wohl verschlafen. Kann ich bitte an der nächsten Station aussteigen? Sag dem Fahrer, ich bin in der Nationalmannschaft. Ich kann nicht länger hier bleiben.“
    Er versuchte sich aufzurichten, wurde aber von den Gurten zurückgehalten.
    „Was soll dieser Unsinn, ich brauche keine Massage. Ich will sofort mit dem Trainer sprechen.“
    Nach der bisherigen Erfahrung im Lazarett begannen die Verletzten erst mit dem Fieber zu phantasieren. Dieser hier sprach, als sei er bei vollem Verstand. In dem Kurs, den Thomas vor seinem Einsatz zu absolvieren hatte, war auch das Thema des Schocks besprochen worden. Das einzige was ihm im Gedächtnis geblieben war, er sollte niemanden auskühlen lassen. Das war leicht gesagt von einem Arzt im weißen Kittel, in einem Klassenzimmer, weit weg von der Front. Hier waren die Soldaten durchnässt, die Wolldecken für die Sanitätswagen jetzt schon knapp. Es sollten bald neue kommen.
    Erst jetzt bemerkte Thomas, wie stark der Mann aus seiner Wunde blutete. Er hatte sich vor allem um den Kameraden mit der verletzten Beinschlagader gekümmert. Der lag nun sehr weiß und reglos auf seine Liege. Der Puls war nicht mehr zu fühlen. Im schaukelnden Wagen machte sich Thomas daran, den Unterschenkel des Sportlers abzubinden. Der aber wehrte sich, trat nach ihm, fluchte laut. Am liebsten hätte er den Soldaten angeschrieen, er könne seinetwegen gerne hier krepieren, wenn er nicht sofort stillhalten würde. Als ein Tritt des gesunden Beins ihn schmerzhaft ins Gesicht traf während er versuchte den Verband anzulegen, brach sein Jähzorn durch. Er versetzte ihm eine kräftige Ohrfeige. Darauf wurde der Mann ganz schlaff, ließ sich verarzten.
    Eine halbe Stunde später kam Thomas im Lazarett an. In seinem Wagen lagen drei Tote.

    11. Tag
    Ich werde den Hunger überwinden. Ich werde ihn gegen sich selber aufhetzten, wie eine doppelköpfige Schlange soll er sich selber verspeisen. Ich habe meinem leeren Magen nichts zu bieten.

    Der Gedanke an den Tod lässt mich nicht mehr los. Ist Leben eine Voraussetzung für den Tod? Aber wenn er, wie ich denke, das Nichts ist - käme dann das Leben nicht als ein Zufallsprodukt aus ihm? Ein winziges Zappeln in der Ewigkeit? Eine Laus im Pelz der Unendlichkeit?
    Sind Nichts und Tod identisch?
    Ist das so genannte „Leben“ nur eine kleine Abweichung, ein Trick, die den Tod benützt um sich selber zu reproduzieren?
    Wenn das Nichts die endgültige Größe ist, wäre es damit auch der Tod. Das Leben also nichts weiter, als ein mißratener Tod?

  2. #2
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    AW: Schatten Tag 1-10

    auch wenn Ihr mir alle nicht antwortet, ich schreibe das den ganzen Sommer weiter!
    Es werden so 80 Tage.
    Ich mache das so bis September oder Oktober.....vielleicht auch länger. Es wird keine anderen Texte geben, bis dahin (außer Manifest).

    Ich werde bei jedem neuen Eintrag die gesamte Geschichte posten, weil ich immer wieder etwas ändern werde, am Aufbau, an der Abfolge.
    Auch wenn es am Ende keiner mehr liest, mich keiner mehr beachtet
    (und ich fühle mich jetzt nicht wie Kafkas Hungerkünstler)

  3. #3
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    AW: Schatten Tag 1-10

    Jetzt schrei nicht gleich rum, Mann beachtet.

    Habe bereits drei Abschlachter wegen Saus Tod um 1937 gefragt. Sie, zu jung, wußten es nicht. Überhaupt, was wissen im Vergleich zu überirdischen Küchen schon Metzger? Weniger als das Ende fetter Blutwurst.
    Lösungsvorschlag: Die bewußte Sau wurde mit makrobiotischen Gänsekielen streßfrei zu Tode gekitzelt. Das Eisbein lachte.

  4. #4
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    AW: Schatten Tag 1-10

    Liebster Hannemann

    das ist eine wunderbare Idee
    "Die bewußte Sau wurde mit makrobiotischen Gänsekielen streßfrei zu Tode gekitzelt. Das Eisbein lachte."

    Aber das mit dem Schlachen habe ich soweit hinbekommen. Ich habe mir angesehen wie diese Keulen aussehen. Wie Baseballschläger.
    Die Sau musste nur betäubt sein, vor dem Abschlachten.

    Kyra

  5. #5
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    AW: Schatten Tag 1-10

    1.Tag
    Der Schatten scheint meiner Hand zu fliehen, während ich diese Worte schreibe. Oder vielleicht verfolgen die Worte auch den Schatten, versuchen ihn zu erreichen, um ihn endgültig zu bedecken.
    Ich habe aufgehört zu essen.
    staccato mit erweitertem Infinitiv nennt man Stilbruch. Kein guter Einstieg, und das bei allem Bemühen, Schwung zu holen.
    Wie werde ich mich in den nächsten Wochen wohl verändern?
    WOHL? Als Einstieg bestens.
    Die feste Nahrung werde ich wohl weniger vermissen als den täglichen Wein. Aber mein Entschluß steht fest.

    1. Kapitel
    Der kleine Thomas saß auf einem Lammfell, spielte mit seien nackten Zehen und starrte fasziniert auf die weiße Wand.
    Zeitform?
    Im Lichtkegel der Schreibtischlampe ließ sein Vater die wunderbarsten Gestalten auf der Tapete erscheinen. Einen Wolf, den Thomas erst erkannte, als er sein Maul weit aufriß, dann einen Papagei und einen Elefanten.
    Die Logik verlangt, daß Du den Elefanten auch handeln läßt..
    Zuerst sah er nur zu, wie die schwarzen Figuren durch ein Wunder aus dem Nichts erschienen.
    Sind es Figuren?
    Er gluckste und jauchzte, wollte immer wieder den Wolf sehen, klatschte dann jubelnd mit seinen Händchen auf den Boden. Aber dann wurde der Wunsch, sie zu berühren, übermächtig. Vorsichtig stand er auf und troddelte unbeholfen auf die Erscheinungen zu.
    TRODDELN? ein Faden läßt sich troddeln, aber ein Mensch?
    Aber als er sie fast erreicht hatte, waren sie in einem großen Dunkel verschwunden.
    Nimmt Spannung. ALS und Zeitstruktur. historicum praesentium ist besser, zumal der Kontext zum ersten Teil augenscheinlicher
    Verdutzt
    Beinahe ist das schon Reflexion. Reflektiert er?
    sah er zu seinem Vater auf, der neben der Lampe stand und herzlich lachte. Dann sagte der Vater etwas. Thomas verstand die meisten Worte nicht genau. Aber er begriff, er mußte sich wieder auf seinen Platz setzten, sonst blieben die Tiere und Figuren verschwunden.
    Konjunktiv!
    Als Thomas wenig später einen Augenblick im Zimmer allein war, bewegte er sich wieder vorsichtig in das Licht.
    Wieder ein ALS, dazu ein WIEDER. Laß Dir was anderes einfallen!
    Je näher er der Wand kam, um so dichter wurde der Schatten. Vorsichtig streckte er seine kleine Hand aus. Nichts veränderte sich. Aber wenn er mit dem Kopf wackelte, schien die dunkle Stelle ihn nachzuäffen. Schließlich strecke er beide Hände über seinen Lockenkopf, spreizte die Finger und bewegte sie. Jetzt konnte er sich deutlich erkennen. Das war er selber, Thomas, der da als schwarzes Wesen vor ihm stand.
    Hm. Wieder eine Reflexion?
    Langsam näherte er seine Babyhand dem Schatten, wollte ihn fangen, wollte dieses Schemen an sich nehmen. Es war doch ein Teil von ihm. Sein Vater betrat den Raum gerade, als er versuchte die Tapete abzukratzen. Ein wenig ärgerlich gab der Vater ihm einen leichten Schlag auf die Hände. Ratlos und beleidigt rollte sich Thomas auf seinem Schaffell zusammen und schmollte.
    Warum sollte der Vater das tun? Kyra, Du läßt hier Dinge geschehen, die psychologisch zumindest fragwürdig sind. Der Kontext ist schlecht markiert, die Handlungen motivieren sich nicht. Ich muß meine Phantasie bemühen, habe aber sehr viele Leerstellen, die Du als Autor mir nicht mal ansatzweise füllst. - Vielleicht fügst Du einen Erzähler ein, einen kommentierenden Erzähler, der metaphorisch spricht, dann eine sachbezogene Wiedergabe der Ereignisse. So, wie hier, ist es Kauderwelsch.
    Nicht einmal die Tiere, die wieder auf der Wand erschienen, konnten ihn trösten. Immer wieder suchte er die Schwärze, die doch in seinen Handflächen sein müßte.
    Nein. Schlecht. Sprung. Die Katastrophe wird nicht deutlich. Drückt auf die Tränendrüse, ohne den Körper zu kennen.

  6. #6
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    Post Schatten Tag 11-15

    11. Tag
    Ich werde den Hunger überwinden. Ich werde ihn gegen sich selber aufhetzten, wie eine doppelköpfige Schlange soll er sich selber verspeisen. Ich habe meinem leeren Magen nichts zu bieten.

    Der Gedanke an den Tod lässt mich nicht mehr los. Ist Leben eine Voraussetzung für den Tod? Aber wenn er, wie ich denke, das Nichts ist - käme dann das Leben nicht als ein Zufallsprodukt aus ihm? Ein winziges Zucken in der Ewigkeit? Eine Laus im Pelz der Unendlichkeit?
    Sind Nichts und Tod identisch?
    Ist das so genannte „Leben“ nur eine kleine Abweichung, die den Tod mit einem Trick hintergeht und benützt um sich selber zu reproduzieren?
    Wenn das Nichts die absolute Größe ist, wäre es damit auch der Tod. Das Leben also nichts weiter, als ein missratener Tod?
    Ist das Leben eine Form des Todes? Jedenfalls ist der Tod keine Lebensform.

    12. Kapitel

    Thomas schob dem Postfräulein das Notgeld durch den Schalter, bekam seine Briefmarke. Umständlich, stotternd verletzlicher als im Angesicht des Todes, brachte er tatsächlich die Frage heraus, ob sie denn mal nach der Arbeit Zeit hätte. Ihr keckes
    „Zeit, wofür?“
    Brachte ihn aus dem Konzept. Betreten blickte Thomas zu Boden. Darüber hatte er nicht nachgedacht. Die Frage war aus einer tiefen Begierde geboren. Aber das konnte er am wenigsten sagen.
    „Nun, einfach Zeit für mich.“
    Er war unendlich erleichtert, als sie anfing zu lachen. Kein hämisches, böses Lachen. Er blickte sie hoffnungsvoll an.
    „Ich mache hier um sechs Uhr Schluss. Bevor der Bus kommt, muß ich sowieso eine halbe Stunde warten.“
    Sie wandte sich dem nächsten Kunden zu. Er war entlassen, aber voller Vorfreude. Fröhlich sprang er die Stufen vom Postamt herunter auf die Straße. Wie durch ein Wunder war das große Postgebäude fast unversehrt durch den Krieg gekommen. Einige kleine Einschläge, sonst nichts. Das Stadtgebiet ringsum war, bis auf wenige unbeschädigte Häuser, ein Steinfriedhof. Die intakten Gebäude wirkten in dieser Umgebung unglücklich und kraftlos. Zwischen den Trümmern suchten Menschen nach brauchbaren Dingen, Frauenkolonnen schlugen den Mörtel von den Ziegelsteinen. Thomas schlenderte zu seiner Unterkunft, dem Haus einer Tante am Rande der Stadt. Seine Familie war ausgebombt, er besaß nichts als sein düsteres Leben. Heute war es anders, er hätte singen mögen, so freute er sich darauf das Postmädchen später zu treffen.

    12. Tag

    Mir scheint es gelungen zu sein, meinen Körper von meinem Kopf zu trennen. Ich lasse das Hungergefühl in mir wüten, habe kein Mitleid. Hatte ich überhaupt jemals Mitleid - mit anderen Menschen? Jetzt hilft der Mangel an Mitgefühl mir, meinen eigenen Bedürfnissen kühl zu begegnen. Monika hat mich herzlos genannt. Aber entsteht Mitempfinden nicht aus dem völlig falschen Eindruck der eigenen Wichtigkeit heraus? Warum sollte ich an einem Menschenleben größeren Anteil nehmen, als am Leben einer Fliege? Weil ein Mensch zu meiner Gattung gehört? Ein dürftiger Grund. Da respektiere ich doch eher die wahrhaft Gläubigen, denen jedes Leben heilig ist. Sie befinden sich zwar in einem Irrtum, sind aber nicht so selbstverliebt wie die so genannten Menschenfreunde.

    13. Kapitel
    Thomas saß neben Gerda auf einem langen Brett, das ein freundlicher Mensch über die Mauerreste einer Einfahrt in der Nähe der Bushaltestelle gelegt hatte. Die Planke fiel zu seiner Seite hin stark ab. Das kräftige Mädchen überragte ihn um einen halben Kopf.
    Als er um sechs Uhr vor der Post auf sie gewartet hatte, war es ihm recht bang gewesen. Aber pünktlich, mit einem strahlenden Lächeln, war sie auf ihn zugekommen - hatte sich direkt mit ihrem Vornamen vorgestellt, war heiter plaudernd neben ihm zur Haltestelle gegangen. Thomas wusste nicht mehr was sie erzählt hatte, so erleichtert war er über Gerdas unkomplizierte Zutraulichkeit gewesen. Jetzt saßen sie hier auf der improvisierten Bank. Der erste Moment der Stille trat nach ihrer Frage ein, was er im Krieg so gemacht habe. Neben ihnen saßen die beiden anderen Postmädchen, einige alte Frauen, Kinder und ein blinder Mann. Thomas hatte das Gefühl, alle würden auf seine Antwort warten. Selbst die Gören hörten auf zu lärmen. Sicherlich nur ein zufälliger Augenblick der Stille, der ihm aber trotzdem peinlich war.
    Er wies, statt einer Antwort, auf eine Gruppe junger Männer, die direkt an der Bushaltestelle wartete und meinte spöttisch,
    „schau - es ist wie immer, die Starken stehen vorne. Wenn der Bus kommt, werden die uns kaum den Vortritt lassen.“
    Das alte Mütterchen neben ihm, ein wenig bucklig und klein wie ein Kind antwortete resigniert,
    „den jungen Mädchen machen die Burschen ja noch Platz, aber wer lässt schon eine alte Frau vorbei? Hoffentlich werden bald mehr Busse eingesetzt. Manchmal muß ich zwei Stunden warten, bis ich mitfahren kann.“
    Sie warf Thomas einen hoffnungsvollen Blick zu,
    „warten sie auch auf den Bus? Könnten Sie mir vielleicht?“
    Sie brach ab, als sie sein Kopfschütteln sah. Er wandte sich brüsk wieder Gerda zu,
    „ich war Sanitäter, hab die Kameraden eingesammelt, die es erwischt hat.“
    Das Mädchen sah ihm forschend ins Gesicht,
    „ich stelle mir das noch schlimmer vor, als im Schützengraben zu liegen, diese armen verwundeten Männer zu sehen. Die schrecklichen Verletzungen, die Schmerzen die sie haben. Und die vielen Toten?“
    Er zögerte. Wie sollte er ihr antworten? Dass man sich schnell daran gewöhnt - der Tod ihm gleichgültig ließ, weil er immer zugegen war? Dies wäre kein guter Einstieg bei dem Mädchen gewesen. Er begnügte sich damit, ein ernstes Gesicht zu machen.
    Sie gab sich zufrieden, fuhr fort ihm über den Bauerhof ihrer Eltern zu erzählen. Durch die Schräge des Brettes rutschte sie immer dichter an ihn heran. Zweimal war sie wieder abgerückt, jetzt ließ sie ihren breiten Oberschenkel an seinem ruhen, zog sich nicht einmal zurück, als er den Druck ein wenig erwiderte. Dann kam der Bus.

    13. Tag
    Es ist wohl normal, wenn ein alter Kerl wie ich auf sein Leben zurückblickt. Schwierig wird es nur, wenn man dem Leben keinen großen Wert beimisst - es ist schließlich das einzige was ein Mensch hat. Je geringer man es achtet, umso weniger bleibt einem von sich. Warum kann ich mein erbärmliches „ich“ nicht von mir abtrennen, die Ewigkeit verstehen? Sinnlos. Mir bleibt immer nur der winzige Maßstab des Lebens. Mache ich eine Summe der Dinge und ziehe mein Leben ab, so bleibt nichts übrig. Wie für einen Fisch in einem Aquarium, ist dies mein Universum. Mein Denken kann Zeit und Raum nicht überwinden, selbst wenn ich Formeln finde diese Phänomene zu erklären. Mein Dasein macht mich zum Gefangenen. Ich bin heute sehr deprimiert. Warum unterziehe ich mich diesem eitlen Aufwand? Wäre es nicht besser schnell zu sterben? Ist es diese Form des Aufschubs nicht eine respektvolle Verbeugung vor dem Lebendigen? Ich glaube nur das Leben zu verachten, bilde mir ein mit dem Tod zu spielen. Und in Wirklichkeit klammere ich mich, klammere ich.“

    14. Kapitel
    Der letzte Bus fuhr um halb elf Uhr abends. Thomas war so aufgeregt, wenn der Bus nun nicht käme? Es gab immer wieder Ausfälle, ging ein Wagen kaputt, war es oft nicht möglich ihn zu ersetzten. Würde er den Hof in der Dunkelheit finden. Und wenn ihn jemand bemerkte?
    Er stand am Rande der wartenden Gruppe, die Hände hielt er auf dem Rücken, damit niemand seinen Blumenstrauß sehen konnte. Kein richtiger Strauß, nur ein paar dornige Heckenrosen, die er heute bei seinem rastlosen Herumstreifen durch die Stadt hinter einem ausgebrannten Haus gepflückt hatte. Die Blüten begannen bereits zu welken, der Tag war heiß gewesen, das Zeitungspapier, welches er immer wieder angefeuchtet hatte, war inzwischen trocken.
    Thomas hätte gerne die junge Frau neben sich noch einmal nach der Uhrzeit gefragt, befürchtete aber ein zu verständnisvolles Lächeln. Er hatte so wenig Erfahrung mit Frauen - woher sollte er sie auch haben? Mit gerade achtzehn war er in den Krieg gegangen, jetzt als bald Fünfundzwanzigjähriger, kannte er nur ein paar Bordelle und flüchtige Abschiedsküsse von anständigen Mädchen. Da war noch diese andere Sache, daran wollte er jetzt nicht denken. Es schon so lange her, auch im Sommer - war es vor drei oder vier Jahren gewesen? Es war mit vier weiteren Männern losgeschickt worden, um Quartier zu suchen. In dem Haus war nur dieses junge Mädchen, niemand verstand was sie sagte. Die fing direkt an zu weinen, jammerte, schrie während die Soldaten die Küche nach etwas Essbarem durchst?berten. Vielleicht wäre der Kamerad sonst gar nicht auf die Idee gekommen, sie mit einem Stoß auf den Boden zu werfen. Sie fiel auf den Rücken, ihr schmutziger Baumwollrock rutschte nach oben. Wäre das nicht gewesen, hätten sie das armselige Häuschen einfach so verlassen, mit dem Sack Zwiebeln und der Flasche Wodka weiter nach einer Unterkunft für die Kompanie gesucht. Thomas war bei diesem Unternehmen sowieso nur zufällig dabei, ersetzte einen kranken Soldaten. So aber sahen sie alle einen Augenblick die nackten Schenkel, die einladend gespreizten Beine. Das Mädchen versuchte aufzustehen. Obwohl kein Wort gesprochen wurde, war allen klar, was gleich passieren würde. Er selber war als Dritter dran. Ihm war schlecht vor Angst und Ekel. Ekel vor dem weißlichen Saft, den seine Vorgänger in sie hereingepumpt hatten und der aus dem haarigen Dunkel auf die Erde tropfte. Und Angst - Angst davor, seinen weichen Schwanz zu zeigen, dem Spott der Anderen. Schließlich klopfte ihm einer aufmunternd auf die Schulter und bereits während er seine Hose aufknüpfte, auf die Knie ging, schien sein Körper zu wissen, was zu tun war. Es ging schnell, aber er hatte die nasse Hitze bis heute nicht vergessen. Es war ganz anders, als bei den käuflichen Frauen. Die waren sachlich, geschickt. Er brauchte an nichts zu denken. Sie molken ihn mit ihren geschulten Fingern, oder, wenn er mehr zahlte, durfte er in sie eindringen. Immer nahm er sich dann vor, es so lange wie m?glich hinauszuz?gern. Aber diesen Weibern war er nicht gewachsen. Sie hatten ihn in einer Minute ausgesaugt, lachten sogar über sein unglückliches Gesicht und warfen ihn aus dem Zimmer.
    Die Scheinwerfer des Busses erschienen in der Finsternis der Straßenschlucht. Sie beleuchteten die Schuttberge, die Steinhafen, kamen näher. Jetzt würde er also hinfahren, zu Gerda.

    14. Tag

    In der Nacht aufgewacht. Zwei Wochen schon - oder sollte ich sagen, erst? Bisweilen ertappe ich mich bei Schwächen. Sentimentalität will aufwallen. Damals, damals, damals..“
    Warum erscheint mir jetzt die Vergangenheit so lebendig, sogar fröhlich? Als sie noch Gegenwart war, beobachtete ich nur meinen Schatten. Zumindest habe ich das Gefühl, nie glücklich gewesen zu sein. Ich war es auch nicht. Da bin ich mir sicher. Die Erinnerung gaukelt mir etwas vor. Das bin nicht mehr ich, der das alles erlebt. Ich beobachte einen Menschen in der Ferne, stelle mir vor, er sei glücklich.

    15. Kapitel

    Thomas beobachtete den kleinen Max in seinem Laufstall. Immer wieder warf der Kleine seine Bauklötze, den Teddy aus dem Käfig, fing dann an zu brüllen bis Monika das Bügeleisen hinstellte und ihm seine Spielsachen zurückbrachte. Dann jubelte sein Sohn, lachte glucksend, schien überglücklich seine Mutter hergelockt zu haben.
    Thomas versuchte sich in dem Kind wieder zu erkennen - war er auch so gewesen. Hatte es damals eine Zeit gegeben, in der das Glück leicht zu erlangen war? Warum konnte er sich nicht erinnern? Seine Erinnerungen setzten erst da ein, wo er vom Tod wusste.
    Nach dem ersten Schock hatte er sich natürlich über seinen Sohn gefreut, war stolz und beinahe eifersüchtig auf Monika, die ihn stillen konnte. In diesen ersten Monaten nach der Geburt, war es ihm sehr gut gegangen. Er hatte versucht dem Leben einen biologischen Sinn abzugewinnen. Reproduktion. In diesem Baby würde er weiterleben. Nach einem halben Jahr kam die Ernüchterung, es war nicht sein Ebenbild, auch nicht das Monikas, sondern ein eigenständiges Wesen. Alle Kinder in seiner Umgebung sahen den Eltern ähnlicher als Max es tat.
    Thomas liebte den Jungen, jedes Mal wenn sein Schatten auf ihn fiel, erschreckte er sich.

    15. Tag

    Menschen ohne Zukunft haben immer viel Vergangenheit. So ergeht es mir jetzt. Was ich tue, mein Hungern, ist lächerlich und sinnlos. Der Trotz eines Kindes. Als wäre es wichtig, wann mein Leben zu Ende geht. Als Pennäler hat es einmal eine kurze Zeit des Trostes für mich gegeben. Ich habe damals in Physik und Chemie etwas über Atome gelernt. Hier war die Chance für ein ewiges Leben. Der Wasserstoff, Sauerstoff, das Eisen und der Kohlenstoff würden weiter existieren, bis an das Ende aller Zeit. So dachte ich jedenfalls. Nur ist die Summe der Teile nicht das Ganze. Dennoch gefällt mir die Vorstellung bis heute, all die Millionen Tote als Atome einzuatmen, zu trinken, zu essen.
    Warum ist die Wahrheit dreidimensional?, nein - falsch, sie ist mindestens vierdimensional. Die Zeit spielt ja eine entscheidende Rolle. So gesehen gibt es zwar nur eine Wahrheit, nur sieht sie von jedem Standpunkt anders aus, auch verändert sie sich in der Zeit. Ich schreibe heute dummes Zeug, muß aufpassen nicht geschwätzig zu werden.

  7. #7
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    AW: Schatten

    ich will auch, daß jemand was dazu sagt!
    Selbst Unsinn ist willkommen.

  8. #8
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    AW: Schatten

    Gemach, ich arbeite noch daran, wie die Sau artgerecht zu schlachten... und ob sie, die Sau, damit einverstanden.


    Immerhin hat er schon 264 Metzger gefragt... und 666666 Säue.


    Kannst Du nun besser schlafen?

  9. #9
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Schatten

    Liebe Kyra,

    ich bin dran. Ich hatte nur in den letzten Wochen brotberuflich viel um die Ohren (Qualis und Schulrat).
    Das ist jetzt vorbei. Mit festem Blick auf die Sommerferien werde ich mich endlich auch wieder um die Literatur kümmern können.
    Hab ein wenig Geduld.

    Gruß, Klammer
    Aber ein Traum - nikolaus-klammer.blog

  10. #10
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Schatten

    Liber Klammer,

    Dir gegenüber habe ich sowieso schon ein schlechtes Gewissen. Deine Texte habe ich in letzter Zeit schmählich vernachlässigt. Ich bin ganz in meinen Text versponnen. Aber ich werde auch wieder die Augen für andere Texte öffnen. Versprochen!

    Kyra

  11. #11
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Schatten

    Hallo Kyra,

    Als ich morgens anfing zu lesen, ungefähr bis zum siebten Teil, dachte ich, Kyra, du hast noch nie so was schlechtes geschrieben. Als ich später weiterlas, dachte ich, vielleicht wird's ja doch was. Kyra, ich bin ein sehr launischer Mensch. Wenn ich jetzt versuchen werde, da nacheinander dranzugehen, können da ebenfalls ein paar Tage zwischen liegen, dann bedenke das: ich bin ein launischer Mensch. Und ein schlechter Kritiker dazu.

    Grundsätzliches, vielleicht ein bissel oberflächlich:

    Zunächst einmal muß man sagen, daß der Leser erst einmal mit der Struktur (insofern eine da ist) des Textes, vertraut machen muß. Damit sagst du erst einmal dem Leser, "finde heraus, wie es läuft", und das finde ich schlecht. Nicht nur, daß die Perspektive sich in jedem Absatz von der ersten Person in die 3. Person wechselt (gerade diesen Perspektivwechsel finde ich sehr eigenwillig und ich bin gespannt, ob er auch irgendwo hinführt), sondern auch, daß wir von beiden Figuren (oder sind es etwa dieselben? Ich glaube ja, weil ich meine zumindest Hinweise gelesen zu haben, wenn nicht gar eine klare Formulierung. Andererseits leuchten mir dann die Perspektivwechsel überhaupt nicht ein) nur vage Bilder haben, nicht nur zu Anfang, sondern durchgehend. Damit meine ich nicht unbedingt Beschreibung, sondern eher Motivation. Auf Thomas wird filmausschnittmäßig, "Episoden" gezeigt. Episoden in Anführungsstrichen, weil es eben keine rechten Episoden sind, sondern eher KURZE Filmausschnitte. Ich finde solche Schnittwechsel eigentlich nicht schlecht, hätte mir da aber doch lieber mehrere kleine Geschichten gewünscht. Derweil verfolgt ihn ein wie auch immer gearteter Schatten.

    Der andere (oder derselbe?) Mensch schreibt, in Einsamkeit, und hat ebenfalls einen Schatten (gar sprichwörtlich?) und versucht ihn loszuwerden. Was bedeutet dieser Schatten? Jetzt kommen Interpretationsversuche:

    Real? Das würde heißen, da man seinen Schatten ja auf keinen Fall loswird (geht ja gaaar nicht!), wird die Geschichte irgendwann ins Fantastische kippen.

    Ist er verrückt? Bildet sich diesen Schatten ein? (Kommt für mich eigentlich nicht in Frage, denn der Ich-Erzähler kommt mir zu rational rüber).

    Symbolisch? Die logische Konsequenz, die ich daraus ziehe, heißt, der Ich-Erzähler, versucht sich einfach zu Tode zu hungern, warum auch immer.

    Es gibt bestimmt noch andere Möglichkeiten.

    Diese Rätsel finde ich interessant, und das läßt mich hoffen, das neben den Schwächen, die der Text hat, noch etwas sehr spannendes und Überarbeitungswürdiges dabei herauskommt.

    Zu den einzelne Abschnitten nächste Woche, denn ich muß wieder feiern gehen (ja, ja, ich hab ein Kreuz zu tragen). Du könntest vielleicht mir die Frage beantworten, wenn es eben nicht zum Rätsel dazugehört, ob es eine oder zwei Figuren im Text sind.

    Grüße
    tt

    PS (5 Min. später): Ich drehe mich bei der Perspektive im Kreis. Es KANN doch nur eine Person sein, oder? Aber WARUM schreibt man so? Ich muß einfach zugeben, daß ich es einfach wieder mal nicht kapiere.

  12. #12
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Schatten

    Hallo tt,

    Danke. Es ist eine Person. Er wird aus 2 Perspektiven gesehen. Das "ich" schriebt im Pr?senz, das andere sind Geschichten, Szenen aus ichs Vergangenheit. Sie sind zerstückelt, werden aber fortgesetzt. Ob sie sich am Ende begegnen, weiß ich nicht. Es ist auch ein formales Experimant. Der Schatten ist der allgegenwärtige Tod. Es gibt Menschen die zuviel an ihn denken (das "ich" und ich zum Beispiel). Das kann einem ganz schön das Leben versauen, sich ständig des Endes bewusst zu sein. Er wird sich beim Tagebuschreiben paralel zu mir mir entwickeln (aber ich hungere nicht). Es gibt mir die Möglichkeit, über Dinge zu schreiben, die mich immer beschäftigen, gleichzeitig entsteht eine Figur, ein Mann der nicht sehr sympathisch ist - aber ich bin dem Mann sehr nehe, einer Frau könnte ich nicht so nahe kommen. Z.B. wäre ich ein Vergewaltiger, wenn ich ein Mann wäre? Ich glaube ja. Ich lasse der Person freien Raum, sie entwickelt sich aus sich heraus. Ich habe also noch kein Bild, wie sie empfunden wird, wenn ich nach 80 Tagen (Tagebuch und 80 Kapiteln Rückblende) fertig bin. Ich schreibe sehr langsam, darum auch vielleicht weniger Flüssig - da wäre sicher noch viel zu tun. Aber erst mal will ich durch. Dann wird es sich zeigen, ob sich Textarbeit überhaupt lohnt. Ich kann hier nur soviel schreiben, wie mir einfällt. Geschichten sind einfacher, die habe ich Ratzfatz fertig. Hier gibt es so gut wie keine Handlung (außer dem Hunger - aber das ist ja auch nicht die pure Action
    Es kann durchaus sein, daß es voll in die Hose geht. Aber mich reizt der Inhalt (mein Thema) und das Formale, die 2 Ebenen.

    Kyra

  13. #13
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Schatten

    Es ist eine Person. Er wird aus 2 Perspektiven gesehen. Das "ich" schriebt im Pr?senz, das andere sind Geschichten, Szenen aus ichs Vergangenheit.
    Das habe ich mir nämlich gedacht, daß es so gedacht war. Aber würde jemand, der SEINE Geschichte schreibt, sie nicht auch in der ICH-Perspektive schreiben?

    Die einzelnen Abschnitte würde ich, jetzt wo du so angefangen hast, eh so weiterschreiben. Du hst ja den Vorteil, daß du sie bei Bedarf hinterher umstellen kannst.

    Willst du, daß wir uns die einzelnen Abschnitte vornehmen? Oder willst du erst zu Ende schreiben?

  14. #14
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    AW: Schatten

    Es ist eine Person. Er wird aus 2 Perspektiven gesehen. Das "ich" schriebt im Pr?senz, das andere sind Geschichten, Szenen aus ichs Vergangenheit.
    Das habe ich mir nämlich gedacht, daß es so gedacht war. Aber würde jemand, der SEINE Geschichte schreibt, sie nicht auch in der ICH-Perspektive schreiben?

    Er schreibt seine Geschichte nicht selber, die wird erzählt.
    Er selber schreibt nur sein Tagebuch. Darum können z.B. da auch Dinge erzählt werden, die das "ich" gar nicht so sieht. Es ist zwar sein Leben, aber von einem Beobachter dargestellt. Z.B. könnte sich da herausstellen, daß er nicht ganz so herzlos, so todfixiert so verrückt, wie es sich vielleicht im Tagbuch darstellt. Ich werde ihn im Tagebuch Erinnerungen darstellen lassen, die Thomas anders erlebt hat.

    Dankbar wäre ich für inhaltliche Anmerkunge, also wenn etwas nicht stimmig ist. Die Textarbeit mache ich hinterher - wenn es sich lohnt. Ich probiere hier einfach etwas aus. Die verschiedenen Ebenen und länger an einem text zu bleiben. Nicht den nächsten anzufangen, bloß weil mir nichts mehr einfällt. Dranzubleiben. Darum ist Textarbei der letzte Schritt. Es kann nämlich gut sein, da? der Text am Ende kein "Ganzes" ergibt, oder einfach nur langweilig ist. Aber ich will es ausprobieren.

    [Diese Nachricht wurde von Kyra am 28. Juni 2002 editiert.]

  15. #15
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Schatten

    ok, ich find es trotzdem, na ja, seltsam und umständlich, aber vielleicht bin ich auch zu voreilig.

  16. #16
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    AW: Schatten

    Schatten
    1.Tag
    Wie werde ich mich in den nächsten Wochen wohl verändern?
    Der Schatten scheint meiner Hand zu fliehen, während ich diese Worte schreibe. Oder vielleicht verfolgen die Worte auch den Schatten, versuchen ihn zu erreichen, um ihn endgültig zu bedecken.
    Ich habe aufgehört zu essen.
    ZUZUZUZU. Selbstreflexion des Erzählers, der Analyse vorwegnimmt. Eine Kriminalgeschichte?
    Die feste Nahrung werde ich weniger vermissen als den täglichen Wein. Aber mein Entschluß steht fest.

    1. Kapitel
    Der kleine Thomas saß auf einem Lammfell, spielte mit seien nackten Zehen und starrte fasziniert auf die weiße Wand. Im Lichtkegel der Schreibtischlampe ließ sein Vater die wunderbarsten Gestalten auf der Tapete erscheinen. Einen Wolf, den Thomas erst erkannte, als er sein Maul weit aufriß, dann einen Papagei und einen rüsselschwingenden Elefanten. Zuerst sah er nur zu, wie die schwarzen Figuren durch ein Wunder aus dem Nichts erschienen. Er gluckste und jauchzte, wollte immer wieder den Wolf sehen, klatschte dann jubelnd mit seinen Händchen auf den Boden. Dann wurde der Wunsch, sie zu berühren, übermächtig. Vorsichtig stand er auf und wackelte unbeholfen auf die Erscheinungen zu. Aber als er sie fast erreicht hatte, waren sie in einem großen Dunkel verschwunden.
    ALS zuweilen vermeiden, wenn Du Zeit strukturieren willst. - Der Wechsel der Erzählebene und der Perspektive werden Dir viele Leser hier übelnehmen, denn sie erwarten am Anfang eine Einführung oder eine klar verständliche Exposition.
    Verdutzt sah er zu seinem Vater auf, der neben der Lampe stand und herzlich lachte. Dann sagte der Vater etwas. Thomas verstand die meisten Worte nicht genau. Aber er begriff, er mußte sich wieder auf seinen Platz setzten, sonst blieben die Tiere und Figuren verschwunden.
    Als Thomas wenig später einen Augenblick im Zimmer allein war, bewegte er sich wieder vorsichtig in das Licht. Je näher er der Wand kam, um so dichter wurde der Schatten. Vorsichtig streckte er seine kleine Hand aus. Nichts veränderte sich. Aber wenn er mit dem Kopf wackelte, schien
    SCHIEN taucht auch zu oft auf. Sammle Worte aus dem Textumfeld SCHEINEN, Synonyme... - Die Figur wird nicht transparent, die Erzählsituation kann nicht am Anfang eines Romans stehen, sondern bestenfalls mittenmang, wenn die Eckdaten dem Leser klar sind. Oder Du willst ein Mosaik erstellen, aber das abzuarbeiten, ist ein Forum nicht geeignet.
    die dunkle Stelle ihn nachzuäffen. Schließlich strecke er beide Hände über seinen Lockenkopf, spreizte die Finger und bewegte sie. Jetzt konnte er sich deutlich erkennen. Das war er selber, Thomas der da als schwarzes Wesen vor ihm stand. Langsam näherte er seine Babyhand dem Schatten, wollte ihn fangen, wollte dieses Schemen an sich nehmen. Es war doch ein Teil von ihm. Sein Vater betrat den Raum gerade, als er versuchte die Tapete abzukratzen. Ein wenig ärgerlich gab der Vater ihm einen leichten Schlag auf die Hand, da es ihm bereits gelungen war einen schmalen Streifen Papier von der Wand zu lösen. Ratlos und beleidigt rollte sich Thomas auf seinem Schaffell zusammen und schmollte. Nicht einmal die Tiere die wieder auf der Wand erschienen, konnten ihn trösten. Immer wieder suchte er die Schwärze, die doch in seinen Handflächen sein müßte.
    Es wirkt umständlich. Woran mag das liegen? An ZU-Konstruktionen, an sich wiederholendem ALS, an diffusen Beschreibungen der absehbaren Handlungen und am Stehen des Raumes. kein Fließen. - Wo ist die Geschichte, die Du erzählen willst? Im gedächtnis bleibt ein Klaps des Vaters, der dem Sohn gilt, weil der an der Tapete spielte. Hm. Das ist noch gar nichts.

    Du wolltest etwas zur Konstruktion des Ganzen wissen. Ich habe Dir zwei Möglichkeiten anzubieten, halte aber das gesamte Konstrukt für wenig fruchtbar, weil zu verwirrend.
    1. Möglichkeit: Am Anfang einen starren Raum, zeitlos, setzen, dann diesen allmählich auflösen...
    2. Möglichkeit: Das erlebende Ich ins Zentrum setzen. Dieses in Situationen bewegen, die Raum und Zeit strukturieren, dann Personen dazustellen.

  17. #17
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    Post AW: Schatten

    Schatten

    1.Tag
    Wie werde ich mich in den nächsten Wochen wohl verändern?
    Der Schatten scheint meiner Hand zu fliehen, während ich diese Worte schreibe. Oder vielleicht verfolgen die Worte auch den Schatten, eilen hinterher. Er bleibt unerreichbar. Wie immer.
    Ich habe aufgehört zu essen. Die feste Nahrung werde ich weniger vermissen, als den täglichen Wein. Aber mein Entschluss steht fest

    1. Kapitel.
    Der kleine Thomas hockte nahe der sanften Brandung zwischen seinen blechernen Backformen und dem großen Wasserball. Man hatte ihm ein dünnes Leinenhemd und eine weiße Kappe angezogen, seine helle Haut zu schützen. Die Sonne ließ das Meer gellend aufblitzen, die Strandkörbe warfen kurze tiefe Schatten in den feinen Ostseesand.
    Mit einer Schaufel grub Thomas ein Loch für seine Füßchen - so tief, bis der Sand feucht und kühl wurde. Hin und wieder riefen ihm die Eltern aus dem nahen Strandkorb etwas zu, winkten lachend. Er beachtete sie nicht. Kaum grub er seine Zehen in die lindernde Kühle der Mulde, erfasste ihn die Sehnsucht seinen ganzen Körper dort hineinzubetten. Hierzu musste er die Mulde erweitern. Verbissen machte er sich an die Arbeit, schaufelte unermüdlich, trat die angehäuften Wälle beiseite - bis die Kuhle schließlich groß genug war, ihn aufzunehmen. Er musste sich krümmen, die Beine dicht an den Körper ziehen. Schließlich lag er ganz still in der Höhlung, fühlte die lebendige Feuchtigkeit durch den Stoff seines Hemdes dringen.
    Thomas ruhte sich eine Weile aus, seine Handflächen brannten, er hätte gerne seine Beine ausgestreckt. So trat und schaufelte er weiter, vergrößerte die Grube, bis er ausgestreckt darin liegen konnte.
    Die Geräusche des Strandes waren hier unten gedämpft, erschienen unwichtig. Etwas fehlte noch, ganz war er noch nicht zufrieden. So begann er den trockenen Sand auf sich zu häufen, bedeckte damit seinen Körper gut er konnte. Jetzt fühlte er sich froh, wollte hier für immer liegen bleiben.
    Wenig später zog seine Mutter ihn lachend aus seinem sandigen Nest, nahm ihn in den Arm. Er aber wollte zurück in seine Höhle.

  18. #18
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    Post AW: Schatten

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    Schatten

    1.Tag
    Wie werde ich mich in den nächsten Wochen wohl verändern?
    Der Schatten scheint meiner Hand zu fliehen, während ich diese Worte schreibe. Oder vielleicht verfolgen die Worte auch den Schatten, eilen hinterher. Er bleibt unerreichbar. Wie immer.
    Ich habe aufgehört zu essen. Die feste Nahrung werde ich weniger vermissen, als den täglichen Wein. Aber mein Entschluss steht fest

    1. Kapitel.
    Der kleine Thomas hockte nahe der sanften Brandung zwischen seinen blechernen Backformen und dem großen Wasserball. Man hatte ihm ein dünnes Leinenhemd und eine weiße Kappe angezogen, seine helle Haut zu schützen. Die Sonne ließ das Meer gellend aufblitzen, Strandkörbe warfen kurze tiefe Schatten in den feinen Ostseesand.
    Mit einer Schaufel grub Thomas ein Loch für seine Füßchen - so tief, bis der Sand feucht und kühl wurde. Hin und wieder riefen ihm die Eltern aus dem nahen Strandkorb etwas zu, winkten lachend. Er beachtete sie nicht. Kaum grub er seine Zehen in die lindernde Kühle der Mulde, erfasste ihn die Sehnsucht seinen ganzen Körper dort hineinzubetten. Hierzu musste er die Vertiefung erweitern. Verbissen machte er sich an die Arbeit, schaufelte unermüdlich, trat die angehäuften Wälle beiseite - bis die Kuhle schließlich groß genug war, ihn aufzunehmen. Er musste sich krümmen, die Beine dicht an den Körper ziehen. Schließlich lag er ganz still in der Höhlung, fühlte die lebendige Feuchtigkeit durch den Stoff seines Hemdes dringen.
    Thomas ruhte sich eine Weile aus, seine Handflächen brannten, er hätte gerne seine Beine ausgestreckt. So trat und schaufelte er weiter, vergrößerte die Grube, bis er ausgestreckt darin liegen konnte.
    Die Geräusche des Strandes waren hier unten gedämpft, erschienen unwichtig. Etwas fehlte noch, ganz war er noch nicht zufrieden. So begann er den trockenen Sand auf sich zu häufen, bedeckte damit seinen Körper so gut er konnte. Jetzt fühlte er sich froh, wollte hier für immer liegen bleiben.
    Wenig später zog seine Mutter ihn lachend aus seinem sandigen Nest, nahm ihn in den Arm. Er aber wollte zurück in seine Höhle.

  19. #19
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    AW: Schatten

    lieber Robert,

    ist der Anfang so besser?
    Ansonsten lebe ich z.Z. in den 40er bis 60er Jahren. Schöne Grüße aus der Vergangeheit von Kyra.

    PS ein gutes Buch entdeckte ich hierbei:
    Gert Ledig "Die Stalinorgel".
    Sollte jeder lesen, der mal Krieg spielen will.

  20. #20
    resurrector
    Laufkundschaft

    AW: Schatten

    Das ist einer von den Ordnern, in denen sich jemand viel Mühe gab für einen längeren Text, den die Wolkensteiner aber nicht haben wollten. Das muß man lernen als Schriftsteller, daß manche Texte schlichtweg durchfallen, gleichwohl mancheiner sehr viel Mühe darauf verwandte.

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