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Thema: Heilige Virtuellia

  1. #1
    schreibt hier hin und wieder
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    Post Heilige Virtuellia

    Das Internet ist eine schon nicht mehr ganz neue Neuerung, der zu frönen ich mir angewöhnt habe. Manchmal schalte ich von einer Adresse zur anderen wie ein Wahnsinniger, das nennt man Surfen. Weil das Internet riesengroß, ja, nahezu unerschöpflich ist, habe ich immer das Gefühl, etwas zu verpassen, und das bannt mich vor den Bildschirm. Die Suchmaschinen liefern mir Kenntnisse frei Haus, nach denen ich in Lexika schon seit Jahren vergeblich suche. So fand ich den Namen des zweiten Leibarztes von Herzog Wilhelm dem Reichen von Julia Clivia Montes heraus, sein Name ist Solenander. Ich war so begeistert, dass ich Solenander zu meinem Nick machte. Als Solenander stürzte ich mich in den Chat von WORLDVILLAGE. Dort sprach mich eine Dame mit dem herrlichen Namen Helena23 an. Wir versprachen einander ewige Treue, und ich schied, um meine Mails zu checken. Die MARKASARG AG forderte mich auf, für einen horrend niedrigen Beitrag bei ihr Mitglied zu werden und so in den Genuss vieler Rabattvorteile und Preisausschreiben zu kommen. Natürlich trat ich sofort bei und nehme jetzt weltweit an tausenden von Preisausschreiben teil, ohne es zu wissen. Dann klickte ich die Adresse eines Vermarkters von herrlichen Fotos an. Ich durfte den Eiffelturm betrachten, die Pyramiden von Gizeh sowie den Gouffre de Padirac, den ich schon kenne, weshalb ich mich freute, ihn hier im Bild erneut betreten zu dürfen. Japanische Kampfschwimmerinnen mit großen glänzenden Augen überwältigten mich und entführten mich in ein blaues unterseeisches Gefängnis voller Würmer. Nachdem ich mich genug geekelt hatte, suchte ich die heiligen Hallen meines Literaturforums DER WEIMARANER auf. Dort sorgen besternte Moderatoren und Administratoren gleichsam als Offiziere für Frieden unter den gemeinen Teilnehmern, die sich an kostbarer Sonntagsdichtung zu erfreuen und sie zu verbessern Muße berechtigt sind. Gleichzeitig aber rauschen die Cents in die Tasche deines Providers, das ist derjenige, über dessen Computer du dich ins Netz eingewählt hast. Will man das vermeiden, muss man eine sog. Flatrate buchen, aber ich zögere bisher, das zu tun, weil ich Angst habe, dann völlig im virtuellen Sumpf zu versinken. Virtuell nennt man die nicht reale, sondern Realität gleichsam simulierende Netzwelt, ein Begriff, der es nicht verdient, vom lateinischen Wort "virtus" abzustammen, denn es bezeichnet Tugend. Die Tugend kommt im Virtuellen eher zu kurz. Helena mailte mir, sie habe endlich Paris gefunden und sage mir unter tausend Tränen valet. Im Chat SOLITUDE duldete Solenander die Annäherung einer ENDOKRINA JUNIOR. Sie offenbarte mir ihr Leiden an Schilddrüsenkrebs, ihre alles verschlingende Einsamkeit, alle Freunde hätten sie verlassen, und griff mit den Krakenarmen des Mitleids nach mir. "O schenk mir Armen/ dein Erbarmen,/ lass mich erwarmen/ in deinen Armen!" reimte ich und rückte es sogleich in den WEIMARANER ein, wo es Begeisterungsstürme auslöste, die mir bestätigten, dass ich zu Höherem berufen bin. Sollte ich nicht annehmen, was ich in einem sibirischen Preisausschreiben gewonnen haben? Eine Woche Stadtschreiber von Omsk - und der Flug spottbillig rabattiert! O heilige Virtuellia, ich küsse deine trauerrandigen Zehennägel, erlöse mich - von dir.

  2. #2
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Heilige Virtuellia

    "Die größte Achtung, die ein Autor für sein Publikum haben kann, ist, dass er niemals bringt, was man erwartet, sondern was er selbst auf der jedesmaligen Stufe eigener und fremder Bildung für recht und nützlich hält."

    Denn merke:
    Im Internett erhält man nie die Antwort, die man erwartet.

    Anders ausgedrückt:

    Lieber Quoth,

    falls wir uns noch nicht kennen, sei hier herzlich willkommen. Dein Text war nett und unterhaltsam und ihm mangelte, positiv gemeint, an der Schwere, die sonst hier vorherrscht.
    Literatur war es allerdings nicht.

    Zeig mehr und zeig mir einen Menschen, der handelt.

    Gruß, Klammer
    Aber ein Traum - nikolaus-klammer.blog

  3. #3
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Heilige Virtuellia

    bestätige hiermit, den text, der mich nicht langweilte, der mir aber alsbald durch die finger rann, gelesen zu haben.

    amicalement b.

  4. #4
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    AW: Heilige Virtuellia

    Dito... oder Dieter?

  5. #5
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Heilige Virtuellia

    @ hannemann: ja, heiße bürgerlich Dietrich. Offenbar bin ich dir schon über den Weg gelaufen. Wie hießt du da? Wo war's?
    @ Klammer: Vielen Dank für das gesalzene Willkomm. O Schreck: Literatur war's nicht? Was war es dann?
    @ Bernouilly: Bin gerne Sand und rinne durch Wahrnehmungshände.

  6. #6
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Heilige Virtuellia

    Lieber Quoth,

    Hmm, warum habe ich gestern diesem Text das Attribut "Literatur" aberkannt? Welcher Teufel au?er meiner üblichen Arroganz hat mich da noch geritten?
    Er ist durchwegs ordentlich geschrieben und auch amüsant. Es fehlt ihm eine Verdichtung, ein Ziel. Er plätschert und bereits nach der Hälfte kommt eigentlich nichts Neues mehr; mein Interesse ließ nach.
    Nun, ich bin nicht Hagen und ich werde mich hüten, nach der (müßigen?) "Was ist Kunst?"-Debatte eine "Was ist Literatur?"-Frage auzufwerfen, aber ich persönlich (subjektiv), stelle an einen literarischen Text die Anforderung, dass er mir etwas Neues erzählt, oder, wie es Sartre formulieren würde, an meine Freiheit appelliert, etwas Neues zu erfahren. Dieses Neue kann auch Altbekanntes sein, neu erscheinend nur durch die persönliche Sichtweise oder die Art der Formulierung, der Wortwahl, der äußeren Form usw. Es gibt eh nicht viele verschiedene Themen, neu kann nur die Art sein, wie ich sie aufgreife. (Borges z. B. geht von 3 Themen aus: Liebe, Kampf, Tod).
    Daran, glaube ich, krankt dein Text: Er erzählt nichts Neues. Aber ich lasse mich auch gern vom Gegenteil überzeugen.
    Deshalb wollte ich auch, dass du mir eine Geschichte erzählst, weil ich nach deiner "Internetplauderei" noch nicht beurteilen kann, was an dir dran ist.
    Überrasche mich.

    Gruß, Klammer
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  7. #7
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    AW: Heilige Virtuellia

    Nimm an! Ohne Frage! Den Stadtschreiberposten zu Omsk, mein ich! Geh dorten in die nächste Banja und laß Dich ordentlich durchpeitschen!
    Das beste Mittel gegen alles - auch gegen Virtualitis...

  8. #8
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    Post Über das virtuelle Sein

    Über das virtuelle sein

    Draußen vor dem Fenster steht dieser leere weiße Stuhl. Er ist einsam. Seit sechs Monaten hat sich niemand darauf gesetzt. Er könnte etwas Farbe vertragen bevor der Frühling beginnt. Hin und wieder streichelt die bunte Plastiktischdecke seinen Arm. Er ist dankbar, aber schweigt dabei. Schließlich will er kein Aufsehen erregen. Er weiß, er wird ein bescheidenes Dasein frist...en. Gartenmöbel halten draußen nicht lange. So wird er irgendwann in ein paar Jahren auf der Müllhalde mit anderen Gartenmöbeln landen. Dieses Sein wird nicht so fröhlich sein, denn zu diesem Zeitpunkt wird sich nicht einmal im Sommer jemand auf ihn setzen. Vielleicht darf er noch ein paar Monate auf dieser Müllhalde Stuhl sein. Bis der Müllzerkleinerer kommt und er Kleinholz wird.
    Genau dies wird mit unseren virtuellen Einträgen im Internet passieren. Wir finden uns im Moment furchtbar wichtig. Jedoch haben wir nur eine Halbwertszeit von einigen Jahren. Feiern wir noch das virtuelle Leben, das wir haben für ein paar Minuten, bevor es im Äther verschwindet. Vielleicht sollten wir uns, jeder von uns, vorsorglich Urnen bauen für das Leben, das verschwindet, ein Leben lang über Jahre hinweg. Diese Urnen als Symbol für ein virtuelles Leben könnten religiöse Orte werden für all den Jammer über unser Leben, den wir nicht mehr einsehen können. Ich für meinen Teil werde heute damit anfangen. Ich werde Urnen über Urnen bauen und die auf dem Weg zu meiner Arbeit aufbauen. Jeden Morgen werde ich mich freuen, wenn wieder ein Baustein mehr steht. Am Ende wird wahrschleinlich mein Arbeitsplatz verschwunden sein, genauso wie das Kapital, das ich irgendwann einmal aufgebaut habe und ebenso mein momentanes virtuelles Sein. Wenigstens kann ich, ich alleine dann glücklich sein, dass ich auf meinem Weg noch etwas finde...

  9. #9
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Heilige Virtuellia

    Ich möchte lolapolas mit ihrer venitablen Einschätzung nur einschränkend rechtgeben. Zerfallstendenzen existieren immer dort, wo die Qualität der Quantität nachgeordnet wird, im literarischen Sinne, beim Chat. Ich erlebe es hier, beim Wiedereinstllen der alten Texte, auch bei der Wirkung, die manches Gewort aus vergangenen Tagen bei mir selber hat und ich erlebe es anhand der steigenden Zugriffszahlen dieses Forums, wie WENIG vergänglich das geschriebene Wort auch in der virtuellen Welt sein kann. Es hängt von der Qualität des Textes ab, seiner Darstellungsform und dem, was über den Tagesdunst hinaus greifbar bleibt.

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