Tod eines Dichters

Es war einmal ein holder Knabe,
so schön und rein und voller Kraft,
mit Inbrunst, Feuer, Hingabe
sog er auf was Leidenschaft.

Und eines Tags hat es sich zugetragen
- der Knabe grad mal innehielt,
als Schwan und er im Grase lagen,
er ratlos in den Himmel schielt'.

"Gott des Wortes", wird er genannt,
Schöpfer von Poesie und Dichtung,
für Reinheit der Sprache wohl bekannt,
und ER erschien dort auf der Lichtung.

"Du! Der mit den Fischen spricht!
Ich habe ein Gabe dir zu schenken:
Die Kunst zu schöpfen im Gedicht!
Doch hör auch, denn du mußt bedenken:

Was dein Herz bewegt, das schreibe nieder,
backe süße Buchstabentorte,
schreib in trüben Stunden Lieder,
entdeck' die Schönheit beseelter Worte.

Du mögest schreiben viel und gerne
vom Leid der Tiefe und von Freiheit,
vom Mondschein und vom Glanz der Sterne,
von Schwermut und von Einsamkeit.

Von nun an sei die Feder Fluss,
ein Quell, der unerschöpflich ist.
Doch hör, wie ich dich warnen muß,
weil du ein Auserwählter bist:

Dein wahres Seelenglück, das suche nie
auf tintenträchtigem Papier,
auch die Liebe in der Poesie
ist allein Begleiter dir!"

So sprach der Meister und verschwand.
Der Knabe zögerte nicht lang,
da war er auch schon fort gerannt
zu finden nun der Worte Klang.

Er schrieb von nun an lichterloh
von rotem Mohn und Fischgesang,
von Butterwiesen sowieso,
das ging - man ahnt es- nicht sehr lang.

Seine Worte wurden seelenlos,
er weinte stumm im Meereslied.
Von Glück und Liebe schrieb er bloß,
vergaß, was man ihm einstens riet.

Die Einsamkeit war still und kalt,
bald schon war er abgedichtet.
Viel zu schnell schrieb er sich alt,
das Wort war gegen ihn gerichtet.

Und als Gevatter Tod dann zu ihm kam,
ihn bettete in seinem Sarg,
war keiner da, der Anteil nahm,
ein Wort nicht mal - und das war arg.

Und die Moral vom Tod des Dichterlein
die sag ich nun - so ist das eben:
Das Leben kann wohl ohne Dichtung sein,
die Dichtung aber braucht das Leben.