Der seit 2000 im Wolkenstein-Forum unter dem Pseudonym kassandra schreibende sächsische Autor F.W. Haubold veröffentlichte 2017 in der edition lacerta ein Büchlein von ca. 130 Seiten, in dem er Berichte und Reportagen zusammenfaßte. Diese auf Beobachtungen und Kolportagen beruhenden Berichte thematisieren Ereignisse, Folgen nach der Grenzöffnung des Merkel-Regimes von 2015. Die Texte erheben sicherlich nicht den Anspruch, essayistisch zu sein oder gar Aufsatzformat zu besitzen, aber sie sollen wohl Chronistenpflicht genügen, worauf die chronologisch zulaufende Reihenfolge der einzelnen Abschnitte hindeutet.
Den einzelnen Texten ist ein Sinnspruch Ernst Moritz Arndts vorgeschaltet: Ein Volk, das sich einem fremden Geist fügt, verliert schließlich alle guten Eigenschaften, und schließlich sich selbst. Dieser Sinnspruch war seinerzeit auf die Fremdbesetzung weiter Teile Deutschlands durch die Franzosen gemünzt, soll wahrscheinlich für die Masseneinwanderung seit 2015 herhalten, könnte aber ebenso auf die Affizierung des deutschen Geistes durch die Siegermächte von 1945 angewendet werden.

In diesem Kontext verwundern Repliken wie "'Bestrafe einen, erziehe hundert', scheint [..] in bester totalitärer Tradition das Credo einer Justiz zu sein, an deren Unabhängigkeit substantielle Zweifel angebracht sind." (S. 9.) nicht.
Eine solche Auffassung geht über reine Gesellschaftskritik hinaus, sie ist fundamental. Substanz verträgt keine Gradation, sie ist ein singulare tantum, ein Kernbegriff des politischen Selbstverständnisses. Wenn Haubold "substantielle Zweifel" am Oberbau der Gesellschaft anmeldet, kann diese Gesellschaft nicht mehr reformiert, sondern nur revolutioniert werden, will man erträgliche Zustände schaffen. Fragt man sich, welche ideelle Grundlagen eine solche Gesellschaft haben soll, wer diese Grundlagen schafft. Haubold nennt Maron, Safranski, Strauß, Sloterdijk, Jirgl (sieht den Menschen als einen homo homini lupus) und Baberowski (Gewaltforscher). Keiner der Genannten ist ein Sozialrevolutionär; sie gehören allesamt zum Kreis einer gut situierten, (ältlich-)bürgerlichen und wiederkäuenden, aber keinesfalls durch Ideenreichtum und Systematik sich auszeichnenden Reihe von Etablierten, sind, um es deutlich zu sagen, zum Establishment gehörige Autoren, deren Raunen und Kritteln eben genau das ist, was einer dem Großbürgertum entstammenden Tochter das Kunstgeschichtsstudium ist: Selbstverständnis. Mit solchen Leuten kann man keine Revolution machen. Ein bißchen rumheulen, ja, aber keine Revolution.
Neben der Justiz steht das Verhalten der Kirchen am Pranger. Haubold glaubt zweierlei Maß bei der Kirchenpolitik auszumachen. So zeiht er den Jugendpfarrer König aus Jena des Linksextremismus und "mutmaßlicher Gewaltaufrufe", zugleich fordert er von den Kirchenoberen "dienstrechtliche Konsequenzen" (S. 55.). Ja, liebe kassandra, ein solcher Aufruf wäre dann sinnvoll, wenn wir es mit einem System zu tun hätten, in dem moralische oder rechtliche Aufrufe etwas einbrächten. Doch weil sich dieses System eben nicht an Recht und Gesetz und die Kirche nicht an das Verdikt der Nächstenliebe hält, sondern zuerst einmal Staatsdiener ist, werden derglöeichen Benennungen nur Verdruß erzeugen. Abgesehen davon war die Kirche im Reich immer staatstragend, auch zu DDR- und Nazizeiten. Warum sollte es heute anders sein? Der Fehler der Doppelzüngigkeit liegt nicht bei den Kirchen, sondern am politischen System, das an sein Ende gekommen ist. Die Kirchen folgen immer dem Jesus-Wort, daß dem Kaiser zu geben ist, was des Kaisers ist: Loyalität bei allen weltlichen Dingen. Verlange von einem Ochsen niemals mehr als ein Stück Rindfleisch!
Eben dieser Webfehler, eben mehr zu verlangen, als möglich ist, ist der Konstruktionsfehler des Buches. Bei aller Beflissenheit des Chronisten ist dem Autoren doch mehr nicht zu konzedieren als Beflissenheit bei der Benennung von Mißständen. Es sind alternative Zeitungsberichte, aber keine Literatur.
Verärgerung erzeugt Haubold, wenn er statistisch wird und die von der AfD im Bundestag u.a.O. ausgebreiteten Lesarten der Ausländerkriminalität wiederkäut: Grundtenor: die Araber sind krimineller als die Deutschen. Nun ja, das dürfte auf so ziemlich jedes Volk der Welt zutreffen. Abgesehen davon sind viele der zu uns Kommenden traumatisiert und meist junge Männer, was bedeutet, sie sind sowieso in dem Alter, in dem Menschen am ehesten zur Kriminalität neigen. Verläßliche Zahlen würden sich erst ergeben, wenn man nicht Äpfel mit Birnen vergliche, sondern jeweils alters- und geschlechtsspezifisch die Zahlen vergliche, am besten noch anhand des Bildungsstandes. Dann erst würde sich ein vergleichbares Bild ergeben. Wenn ich jedoch bei den Deutschen Großvater, Mama und alle Kinder miteinbeziehe, bei den Zuwanderern dagegen solche Anteile so gut wie nicht vorliegen, erhalte ich schiefe Zahlen.
Ein nächstes Ärgernis für den aufmerksamen Leser ist Haubolds skandierte Auffassung des Volks-Begriffes. Aber dieses Ärgernis geht sowohl von Merkel als auch von Haubold aus. Haubold zitiert den Merkelausspruch: "Das Volk ist jeder, der in diesem Lande lebt." (S. 65.) Haubold argumentiert mit dem GG, indem er Volk mit "deutsch" im Sinne einer geographischen Definition gleichsetzt. Als Wolkensteiner sollte er wissen, daß die romantische Begrifflichkeit des Volkes als einer Blut- und Bodengemeinschaft überlebt ist, vielmehr ist Deutschland das Land in der Welt, das unter Volk etwas Soziales versteht resp. verstand. Volk und diutisk, deutsch, sind Synonyme. Das Volk sind diejenigen, die NICHT zum Establishment gehören. Beide Meinungen sind also falsch. Weder ist VOLK JEDER, der hier lebt, noch ist VOLK automatisch jeder, der ein Nachfahre jener ist, die am 31.12.1937 auf Reichsterritorium lebten (Art. 116, Abs. 1 GG). Um es deutlich zu machen: Frau Merkel ist ebensowenig Volk wie Donald Trump, Herr Maas oder Frau Özoguz. Sie waren es jeweils, bis sie Bestandteile des Establishments wurden. Ein syrischer Nomade ist Volk, allerdings kein deutsches Volk, wenngleich das eine Tautologie ist. Abgesehen davon ist der politische Begriff "Volk" sinnfrei, wenn jeder darunter subsumiert werden kann, er zugleich aber die Basis der Herrschaft beschreiben soll. Das wissen wir aus DDR-Zeiten: Wenn alles allen gehört, gehört es keinem.
Daß kassandra in gut lutherischer Manier ein Widerstandsrecht konzediert (S. 67.), will mir dann allerdings recht gut gefallen.
In einem der letzten Abschnitte, "Toleranz bis zur Selbstaufgabe", wird Haubold analytisch, zugleich auch prognostisch, wenn er schreibt: "Der propagandainduzierte Realitätsverlust hat inzwischen ein Maß angenommen, das für mich bis dato unvorstellbar war. Insbesondere junge Menschen nehmen die Zerstörung des Landes und ihrer Zukunft nicht mehr nur stoisch hin, im Zweifelsfall sind sie sogar eher geneigt, gegen 'rechts' zu demonstrieren als für ihre eigenen Interessen [..] und so wird es ihnen am Ende so ergehen wie den Eloi in Wells' 'Zeitmaschine'." (S. 110.)
Nun ja, vielleicht sehen die jungen Leute die Dinge nicht so schwarz wie unsere kassandra. Als ich seinerzeit zur Schule ging, drohte uns der Weltuntergang. Die Atomwaffenbedrohung war allgegenwärtig. Im Wehrkundeunterricht lernten wir es, wie man sich vor der Bombe schützt. Man solle sich hinter eine Erderhebung legen. Im GST-Lager übten wir den Dienst an der Waffe, denn der Feind lauerte überall. Die Neutronenbombe von Reagan, Neutronen-Ronny, wie er zärtlich genannt wurde, löschte Leben, ließ aber die Gebäude stehen. Im Ganzkörperkondom bereiteten wir uns auf den Gaskrieg vor. Gingen wir nachmittags an die Elbe, schwammen dort weiße Schaumkronen darauf, Chemieabfälle aus Buna, Leuna und Bitterfeld. Fische gab es nicht in ihr, baden gehen konnte man auch nicht. Im Erzgebirge starben die Bäume. Das Erdöl sollte 2000 alle sein. Das Ozonloch würde uns alle zu Krebskranken machen... Verglichen damit ist die Invasion aus Nahost pillepalle.
Das Buch ist trotz dieser von mir angezeigten Mängel und Oberflächlichkeiten lesenswert, denn es enthält eine Chronik, die sich vielleicht so nicht wieder finden läßt, da sie zeitnah entstanden ist. Insofern empfehle ich dieses Büchlein. Ich kann es nicht empfehlen, nimmt man die von kassandra getroffenen Einschätzungen der Gegenwart und Zukunft als Wahrheiten. Sie sind kein Gespräöchsangebot, dazu sind sie zu apodiktisch, aber sie regen zum nachdenken an, v.a. in puncto Perspektive. Daß in Deutschland etwas im argen liegt, liegt auf der Hand, das hat aber weniger mit der Migration zu tun als vielmehr damit, daß es hier seit etlichen Jahrzehnten gesellschaftlichen Stillstand gibt. Deutschland ist kein verlorenes Land, die BRD ist es dagegen schon eher. Sie ist aber wie Mutti Merkel, hat verdammt viel Stehvermögen. Insofern ist die BRD schon wieder sympathisch. Und zu dieser BRD gehört auch die Theorie des Modells Deutschland, wie es bereits lange vor Mutti begründet worden ist.