Fortsetzung von Teil I

F. England

In England waren Reformen durchgeführt worden, die 1867 das Volk verstärkt in die Politik brachten und zugleich die Volksbildung erhöhten (1876). Aus England wurde eine 25%-Demokratie in oligarchischer Dekoration. Es durften nunmehr fünf Millionen männliche Steuerzahler Abgeordnete bestimmen, ca. 25% der männlichen Bevölkerung (im Reich war jeder Mann über 25 wahlberechtigt, also ca. 30 Millionen Menschen), die nicht mehr aus reinen landschaftlichen Korporationen bestimmt wurden, sondern auf die Bevölkerungszahl. 60000 Engländer bestimmten einen Abgeordneten. Das bedeutete weniger Einfluß für die uralten Adligen in den Grafschaften und mehr Einfluß durch das besitzende Bürgertum auf die politischen Entscheidungen, somit eine Erhöhung der Bedeutung des Geldes, der Wirtschaft. Das bedeutete auch, daß der englische König lediglich den Sieger der Wahlen zum Premier berufen mußte und keine Wahl mehr hatte. disraeli.JPG

Die englische Königin dieser Zeit, Viktoria, ließ sich 1876 als Kaiserin von Indien proklamieren. Premier Disraeli leistete gute Arbeit, brachte den von Franzosen konzipierten und bezahlten Suez-Kanal durch Aufkauf der Aktien in englischen Besitz, konnte Zypern von der Türkei gewinnen und schloß mit dem Sultan ein Bündnis, so daß England in diesem Gebiet eine Vorherrschaft ausübte, die es brutal durchzusetzen wußte (Bombardierung Alexandrias vom Meer aus, Bodentruppen gegen die ägyptische Bevölkerung zur Sicherung der Macht, Aufhetzung verfeindeter Paschas, um das Gebiet instabil zu halten und selbst Zünglein an der Waage zu bleiben). Südafrika wurde erobert. Es war nur eine Frage der Zeit, wann vom Mittelmeer bis zum Kap die englische Fahne wehen würde. Das waren Investitionen in die Zukunft, die aber im englischen Parlament wenig goutiert wurden. Disraeli verlor seinen Posten an den Liberalen Gladstone, einen christlichen Eiferer mit ausgesprochen populistischer Begabung. So sehr Disraeli die außenpolitische Nähe der deutschen Staaten und der Türkei suchte, um dadurch Rußland im Zaum zu halten, was wiederum günstig für englische Erwerbungen in Nahost war, so sehr blies nun Gladstone in das andere Horn. Er beargwöhnte die wachsende Macht des Zweiten Deutschen Reiches.
Für die Deutschen bedeutete die Berufung Gladstones den Verlust von Bündnishoffnungen mit England. England orientierte sich neu. Neben der innenpolitischen Neuorientierung auf mehr Partizipation für den einzelnen Bürger, versuchte Gladstone auch das Irland-Problem zu lösen. Das war nicht einfach. Die Iren wollten keine Autonomie oder irgendwelche Reformen, sondern selbständig in einem eigenen Staat leben. Da die Engländer den Iren Gleichberechtigung im Staate konzediert hatten, saßen auch hundert irische Abgeordnete im Unterhaus, die parteiübergreifend national gesonnen waren. Irische Bauern verweigerten ihren in England lebenden Grundbesitzern den Pachtzins (Boykott), ermordeten britische Politiker und Beamte, was die Briten dazu brachte, in Irland schärfste Polizeigewalt walten zu lassen. Gladstone wollte das lösen, indem er den britischen Grundherren ihre Ländereien abkaufte und allmählich in die Hand der irischen Urbevölkerung überzuführen gedachte. Die Iren sollten eine eigene Legislative erhalten. Widerstand kam, erstaunlich genug, nicht von den Adligen, sondern von den unteren und mittleren Klassen in Britannien. Sie wollten keine Zerstücklung des britischen Imperiums und verweigerten Gladstone die Unterstützung. Ein Politiker namens Chamberlain sammelte die mit der liberalen Politik Unzufriedenen unter der Bezeichnung „Unionisten“ ein. Die gingen bald in den Konservativen auf.

G. Panslawismus
Es war dies die nationale Bewegung in Osteuropa, die sich gegen übernationale Großreiche richtete, seien sie russisch, deutsch oder österreichisch-ungarisch konstituiert. Es war im Kern eine Anti-Bewegung, keine Pro-Bewegung. Sie zielte auf Zerstörung, die Schaffung des Nichts und wurde darum vom russischen Dichter Turgenjew als nihilistisch charakterisiert. Nihilismus, Marxismus und Anarchismus verbanden sich zu einer das politische System bedrohenden Kraft. Attentate und Attentatsversuche waren die Folge. Und während in den Staaten Europas die Rechte des einzelnen Bürgers durch Gesetzesbücher und Menschenrechtserklärungen konfiguriert wurden und so Anarchismus nur ein Phänomen ohne politische Substanz blieb, hatte eben dieser radikale terroristische Anarchismus in Osteuropa eine politische Zukunft, wie es schien. Dort blieben individuelle Rechte an die wohlhabende Klasse gebunden und kein allgemeines Bürgerrecht, so daß nicht wenige Historiker das politische System Rußlands als despotisch beschreiben. Gab es gesellschaftlichen Widerstand in Rußland, so wurde der um 1880 nicht vom Volk (zu 90% Analphabeten) getragen, das dafür viel zu dumpf vegetierte, sondern von gebildeten Ständen: eingewanderten Deutschen, Juden oder ihren Nachfahren. Minderheiten. Der berühmteste Anarchist, Bakunin, war Sohn einer altadeligen russischen Familie. Lenin hatte einen mecklenburgischen Großvater, Trotzki jüdische Vorfahren. Und wollte ein Zar doch einmal liberaler vorgehen und sogar seine Allmacht einschränken, so kamen doch immer wieder die Kräfte durch, die das eben nicht wollten. So nahm Zar Alexander II. die vollzogene Trennung von Judikative und Exekutive auf Druck seiner Berater zurück, was die Willkürhandlungen der russischen Polizei verstärkte und so den Nihilisten immer mehr Sympathisanten zuführte. Ein circulum vitiosis. – Am 13.3.1881 fiel der russische Zar Alexander II. einem Attentat zum Opfer, das von der Enkelin eines seiner Minister organisiert worden war.
Alexander II. Sohn, Alexander, wurde Alexander III. und ließ die ausgearbeitete Verfassung in der Schublade. Rußland schwenkte um, verließ den eingeschlagenen liberalen Weg und folgte den Vorschlägen des Zarenberaters Pobedonosjew, der die geistige Führungsrolle eines autoritären Zarentums betonte und seinen Ziehsohn Alexander diesbezüglich beriet. Rußland verließ aber auch das kapitalistische Abenteurertum, das sich an Deutschland rieb und vereinbarte einen Dreikaiserbund. 1881. Damit war die Kriegsgefahr für das Reich, Österreich und Rußland gebannt.
Aber neben diesen verwirrenden politischen Verhältnissen gedieh die russische Literatur zur Weltgeltung. Sie blühte im Spannungsfeld von politischer Kritik und innigstem nationalem Pathos. Sie nahm den deutschen Humanismus und vor allem klassisch-romantische Elemente gierig auf, die im Russentum ein breites Feld fanden: das Gute und Böse lebten im Humanismus. Der Russe nahm alles in allem und lebte es aus: Verbannung, Gefängnis, Krieg oder Landleben, tumultuarische Feste, heiße Sommer und bitterkalte Winter. Nicht immer gelang das Zusammenwirken des Entgegengesetzten, aber die Substanz war tiefgründig, das Leben reich an Spannungen und Erlebnissen. Ein breites Feld für Epiker, weniger für Philosophen und Lyriker. Und so sind die großen Russen allesamt Schriftsteller, heißen sie nun Puschkin, Turgenjew, Gogol, Tolstoi, Tschechow oder Dostojewski. Einergebigkeit in Gottes Willen und unbändige Lebenslust. Das Böseste wurde noch mit Mitleid behandelt. Die größten Lumpen und charakterlosesten Verbrecher konnten sich nachsichtiger Beurteilung durch die Schriftsteller sicher sein. Die russischen Schriftsteller vermochten fein zu analysieren, Menschen, Völker, politische Situationen. Sie psychologisierten meisterhaft. Und sie schlugen die Brücke zwischen Christentum, Anarchismus, Sozialdemokratie, utopischen Vorstellungen und dem status quo. Mehr kann Literatur nicht leisten, tiefer nicht im Leben stehen.


Aufgaben:

1. Definiere den Begriff „Imperialismus“ anhand zweier Quelldefinitionen! (II)
2. Nenne Gründe für Bismarchs zurückhaltende Politik in der Kolonialfrage! (I)
3. Nenne Ursachen des Anarchismus um 1880! (II)
4. Schätze die außenpolitischen Auswirkungen von Bismarcks Sentenz über die Furchtsamkeit der Deutschen ein! (II)