Über die Funktion von Geschichte streiten die Gelehrten. Einig ist man sich nur darin: Aufhellung der Vergangenheit, Darstellung des Menschenlebens in seiner historischen Vielfalt, Aufzeigen von Entwicklung. Daß es überhaupt eine Menschheitsgeschichte gibt, liegt in einer Eigenschaft vieler Menschen begründet, die sie über das Tierreich hinaushebt: Erkenntnisstreben. Suche nach Wissen, nach sich selber, nach besseren Möglichkeiten, reich oder schön oder beliebt zu werden, Suche nach Seelenheil und Errettung, nach Ruhm und Verständnis. Das ist die doppelte Funktion, die ein Geschichtsbuch leisten muß:


  1. Das Alte, das nicht vergessen werden darf wird als Zeichen aufgemalt, auf daß es dauere und
  2. das Alte wird als Vergangenes aufgezeichnet, damit es nicht vergessen wird.


Aber dieses Buch ist nicht nur ein Geschichtsbuch, sondern v.a. ein Schulbuch, also ein tastendes Suchen nach einer gerechten und lehrhaften Vermittlung historischer Tatbestände. Das Suchen muß zwangsläufig zu Konflikten führen, auch zu Konflikten mit anderen Menschen, die das gleiche oder ähnliches oder anderes wollen. Die Auseinandersetzungen führten immer zu Ergebnissen, die Rechte und Ansprüche für Nachgeborene erzeugten und deren Gegenwart bestimmten. [1] Schließlich muß die Beschäftigung mit der Geschichte zu der Frage führen, ob es Gesetze gibt, die im Leben wirken und es regeln: gestern, heute und morgen. [2]
So hat der Mensch verschiedene Verfahren entwickelt, die es ihm ermöglichen, sich der Vergangenheit zu nähern: er gräbt Artefakte aus, stöbert in Chroniken und vergleicht Überlieferungen, die meist im Sinne ihrer Auftraggeber Verhältnisse darstellen; er analysiert mit Hilfe modernster Labortechniken Vorgefundenes, so daß er alsbald eine absolute und relative Chronologie zustande bringt. Aber all das sind nur Vorarbeiten, um dann Verständnis zu erzeugen, das wiederum vermittelt werden muß und schon gar nicht die Frage beantwortet, ob und wie der Mensch handelte, zumal oftmals das Augenscheinliche im historischen Handeln nicht das Hauptsächliche ist und das Wesentliche unsichtbar bleibt. Und damit sind wir bei Kernfragen der Geschichte: Gibt es einen entschlüsselbaren Sinn in der Weltgeschichte, anders formuliert: Entwickelt sich die Weltgeschichte gemäß der Fluxionstheorie zu einem Ziel hin? Oder besitzt jede Entwicklungsphase einen Selbstwert, der nicht durch die Arroganz der Nachgeborenen mediatisiert werden dürfe, wie Ranke es nannte?

Völker und Kulturen, die wie wir aus der weltgeschichtlichen Bewegung stammen, sind auf die Historie angewiesen. Denn sie wissen, daß vieles auf sie zugeführt hat, vieles in sie eingegngen ist. Sie durchmustern die Geschichte nicht mit dem neugierigen Auge des Forschers, sondern mit dem ängstlichen Eifer des Sohnes, welcher in der Hinterlassenschaft des Vaters nach einem Geheimnis forscht, das für ihn bestimmt war. (Wilhelm Dilthey)

Für die meisten Historiker beginnt Weltgeschichte mit dem Sichtbarwerden der Stromtalkulturen an Tigris und Euphrat (Zweistromland), am Nil und mit einiger Verzögerung und unabhängig davon am Hoangho in China. [3] Als Kultur wird hier bezeichnet, was feste Formen der Herrschaft ausbildet, Staatlichkeit, die weit über die Zahl eines Stammes hinausgeht. Ein Staat wird geführt, immer von einer Minderheit, die sich die Arbeit teilt, indem sie die verschiedenen Bereiche des öffentlichen Lebens organisiert: Kultusorganisation, Wirtschaft, Verwaltung. Die erste Arbeitsteilung innerhalb einer Gemeinschaft ereignete sich vor ungefähr 9000 Jahren, die in einen Staat mündende trat vor ca. 6000 Jahren ein.
Dieser Ansatz scheint zwingend logisch, klammert aber den Großteil der Menschheitsgeschichte aus. Denn was ist mit der Zeit davor? Waren die Menschen ohne Geschichte, was bedeuten würde, daß sie stumpf in den Tag lebten, ziellos im Sinne von Erkenntnisgewinn oder Verbesserung ihrer allgemeinen Lebensumstände blieben? Kaum.
Dieses zweibändige Werk setzt mit empirisch unterlegten Mutmaßungen über die ersten Menschen vor über einer Million Jahren ein. Der Autor versucht zudem, den europazentrierten Blick auf die Geschichte der Welt zu verlassen und beschäftigt sich nicht nur mit den Ereignissen in Europa, sondern auch mit zentralen Ereignissen in Afrika, Amerika und Asien. Es wäre aber unredlich, hier zu behaupten, die mitteleuropäischen und die auf diesen Raum ausstrahlenden Ereignisse ständen nicht im Zentrum des Lehrbuches, denn die Zielgruppe umfaßt den historisch interessierten (deutschen) Leser, genauer, den Leser, der die Unbegrenztheit des historischen Geschehens zur Förderung seiner intellektuellen Selbsterhaltung nach Zielpunkten oder Lebenskreisen geordnet wissen will.
Störungen in der Weltgeschichte gab es immer wieder, Ausbruchversuche genialer Feldherren, die überkommene Rechtsräume ihrem Willen gemäß modeln wollten und immer scheiterten. Es muß in der Weltgeschichte also formgebende Prinzipien geben, die Hegel singulare tantum „Weltgeist" [4] nannte. Dieser Weltgeist erzeugt(e) oder fördert(e) eine Entwicklung, der sich alle Menschen ausgesetzt sehen, der sie sich entgegenstellen, in deren Strom sie schwimmen oder an deren Spitze sie sich stellen und Ereignisketten erzeugten, die ihrerseits in die Menschen wirkten - weit über Leben und Tod des einzelnen hinaus.
Jedes Ereignis basiert auf Entscheidungen, manche prägen sich in das Bewußtsein der diese betreffenden Völker ein, so daß deren Gegenwartswahrnehmung durch das Vergangene bestimmt wird: Gegenwärtige müssen sich nämlich entscheiden, ob sie sich von ihren Altvorderen abwenden wollen oder das Erbe annehmen. Wer das Erbe verleugnet, verzichtet auf Gegenwartsbewältigung und verdrängt das Vergangene ins Unterbewußte, als Schutt aus Jahrtausenden, aber dennoch bosselt in jeder künftigen Entscheidung. Vergangenes steht NICHT fest und ist nur scheinbar unumstößliche Tatsache, denn es ist Interpretation. Sogenannte Fakten, vergangen, sind es in vielerlei Weise nicht: weder Fakten noch vergangen. Denn ein factum est ist eben das, ein Gemachtes. Es gewinnt seinen Wert erst durch die Bedeutung, die es in der Gegenwart und Zukunft gewinnt. Die ist offen, da durch Werte bestimmt. Werte aber unterliegen der Freiheit der Entscheidung. Was heute als wertvoll gilt, muß es morgen nicht sein. Das, was heute als Voraussetzung für das Miteinander gelten soll, kann morgen durch ein anderes abgelöst werden. So kann ein Ereignis, das im öffentlichen Bewußtsein offenbar nicht existiert, plötzlich wieder Urständ feiern und zu einer Neubewertung vergangenen Geschehens führen. Ein anderes, als Wahrheit, als Fixpunkt für das Selbstverständnis eines Staates geltend, erweist sich plötzlich als gemachte Lüge.
Das ist nicht auf historisches Geschehen begrenzt. Ich kann die geerbte Nase meines Vaters verleugnen und durch Schönheitsoperation verändern lassen. Aber schon bei meinem Kind kann diese Nase wieder auftreten. Ähnlich verhält es sich mit geologischen Gesteinsformationen, deren Zusammensetzung Jahrtausende unbedeutend sein mag, aber plötzlich macht sie eine naturwissenschaftliche Erkenntnis und ein technisches Verfahren zu etwas Wertvollem.
Eine in zwei Bänden konzipierte Weltgeschichte muß den Entwicklungsstand des Weltgeistes in den jeweiligen Etappen bestimmen und durch Fragen zu einem Abschnitt bewußt machen. Das Buch ist dementsprechend in kleinere Abschnitte unterteilt, die jeweils durchgearbeitet werden können. Die Fragen am Ende der Abschnitte dienen der Überprüfung.
Im Wolkenstein-Forum kann Kritik eingebracht oder schlichtweg mit anderen Lesern über die Inhalte des Buches diskutiert werden.

Magdeburg in Ostfalen, Frühsommer 2015.



[1] Wer es allerdings mit der Erforschung der Vergangenheit übertreibt, weil er nur so Gewißheit über seine Gegenwart und Zukunft zu erringen hofft, der kann möglicherweise diese Vergangenheit erklären, darüber aber die Alltagsprobleme, mit denen er ringen müßte, vernachlässigen und könnte in das "schwarze Dunkel zu unseren Füßen", wie der irische Dramatiker Shaw das nannte, versinken. Also Obacht!

[2] Geschichtsforschung zielt nicht auf das Zusammentragen des Vergangenen, sondern auf Erkenntnisgewinn für das Heute und Morgen. Nichts ist lebendiger als die Vergangenheit, denn es liegt am Blickwinkel, an der Perspektive, mit der diese betrachtet wird und es liegt fürderhin am Blickwinkel, der zu jeweiligen Schlüssen für die Gegenwart und Zukunft führt. Wir lernen aus der Vergangenheit, aber nur daher, daß wir in ihr das zu sehen meinen, was wir aus dem Jetzt in sie hineinprojizieren. Das Jetzt aber ändert sich, so auch unser Blick ins Vergangene, Gegenwärtige und Künftige.

[3] Es ist nun aber nicht so, daß besondere geographische Bedingungen an diesen Orten zu Hochkulturen führten, denn dergleichen Bedingungen gab es auch an zig anderen Orten der Welt. Es ist vielmehr andersherum, daß nämlich die an den genannten Orten entstandenen Hochkulturen den Nil-, Tigris- oder Hoanghoschlamm zur historischen Tatsache machten.

[4] Der Weltgeist ist das Subjekt der Geschichte. Er inkarniert sich nacheinander in einer Anzahl von Volksgeistern, denen er je für eine Zeitspanne Vollmacht erteilt, ihr eigentümliches Prinzip in die Wirklichkeit hineinzuarbeiten und zur Vollendung zu bringen, dazu kommen die welthistorischen Individuen. (Hegel)

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