Diesen Text habe ich noch nicht liegen lassen, also wird er alles andere als perfekt sein. Lohnt sich Arbeit daran? Vor allem die Frauen sind gefragt. Mein erster Versuch als Frau

Angst

Langsam, krampfhaft, hielt ich mich am Treppengeländer fest. Schritt für Schritt, doch ich fühlte mich wie auf einer Rolltreppe. „Ich glaube an dich, Claudia“, schallten Christians Worte in meinem Kopf. „Ich glaube an dich!“ Vorsichtig öffnete ich die Hauseingangstür. Den ersten Schritt nach draußen. Ich blieb halb in der Tür stehen, atmete einen Zug der aufgeheizten, aber freien Luft. Es war ungewohnt. Ich hatte mich nach sechs Monaten an die stickige Luft der Wohnung gewöhnt. Bis jetzt lief es gut. Ich hatte nicht gedacht, daß ich so problemlos bis vor die Haustür kommen würde. Noch einen Schritt. Nein! Ich drehte mich um, versuchte die auf mich zuschnellende Haustür aufzuhalten, doch schon schepperte es durch die Siedlung. Plötzlich wurde mir heiß, überall. Es juckte unter meinen Achselhöhlen. Ich spürte, wie die Hitze langsam in mir aufstieg, mir in den Kopf stieg. Vor meinem geistigen Auge stellte ich mir meinen knallroten Kopf vor. Mein Herz raste. Hektisch schaute ich mich um. Jeden Moment mußten sich Gardinen zur Seite schieben, Männer aus ihren Garagen kommen, Kinder ihr Ballspiel unterbrechen, um zu sehen, wer da den Krach verursacht hatte. Starr blieb ich stehen. Ich fühlte es. Wie es sich... Wie es sich in mich hineinschlich, gleichzeitig aus mir herausbrechen wollte. Es setzte sich fest. Zwischen Bauch und Brustkorb. Es wurde immer größer. Ich spürte meine butterweichen Knie. Es war, als würde ich ins Erdinnere sinken. Ich drückte mich krampfhaft mit dem Rücken gegen die Wand, um Halt zu finden, ohne daß ich auf meine Beine angewiesen war. Mein ganzer Körper bebte. Es gab nur einen Ausweg. Zurück. Mit zitternder Hand kramte ich in meiner Handtasche. Verdammt! Wieso müssen wir Frauen immer so viel Krimskrams mitschleppen?

Das lange Kramen nach dem Schlüssel hatte mich vor der Pleite bewahrt. „Ich glaube an dich, Claudia“. Immer wieder dieser Satz. Heute mußte ich es schaffen. Wessen Mann setzte wieder und wieder, mit so viel Geduld, Vertrauen in seine Frau? Immer und immer wieder habe ich ihn enttäuscht. Immer und immer wieder, der Alkohol, als einziger Weg aus der Einsamkeit, aus dem stundenlangen Rumsitzen in der dunklen Wohnung, bis Christian endlich von der Arbeit kam und Oliver von einem Freund.
„Denk doch auch mal an deinen Sohn. Er will doch auch mal mit seiner Mama was unternehmen“, sagte er, unerträglich nachsichtig und rücksichtsvoll. Und dann der Streit, als Folge der Hilflosigkeit, der Gereiztheit und des Alkohols. Dieses sarkastische und abwertende:
„Oliver ist ja erst 14. Da brennt er geradezu darauf mit Muttern auf den Spielplatz zu gehen.“
„Du weißt genau, was ich meine!“
Nein, der Weg zurück blieb versperrt, war nicht mehr möglich. Ich verlöre ihn, wenn es nicht bald besser würde, und Oliver dazu. Es ging nur noch vorwärts.

Auf die Hauptstraße hinaus. Kam es mir nur so vor oder war hier mehr los, als es noch vor sechs Monaten an einem normalen Vormittag üblich war? Ich sah nach links, zur Kreuzung. Dort mußte ich hinüber, um den begehrten Kaffee vom Supermarkt zu besorgen. Ich rechnete. 300 Meter bis zur Kreuzung, wobei es immer mehr Menschen werden würden, über die Kreuzung, Autos würden hupen, nach rechts in die Einkaufsstraße, wo sich die Menschen in der engen Gasse drängen würden, 200 Meter bis zum Supermarkt, enger und enger.

Vielleicht sollte ich nach rechts gehen, einfach einmal um den Block, dachte ich. Das wäre doch ein Anfang gewesen. Der vorherige Psychologe, mit dem ich nicht zurecht kam, hatte diese Methode bevorzugt. „Schritt für Schritt, eins nach dem anderen. Erst kleine Schritte, dann immer weiter.“ Warum bin ich nicht bei ihm geblieben? Allerdings hätte Christian mir unter diesen Umständen sowieso nicht geglaubt, daß ich draußen war. Er hatte mir schon viel Zugeständnisse gemacht. Die Einkaufsliste war riesengroß. Nach langer Diskussion, nachdem ich ihn überredete, ein Nahrungsmittel nach dem anderen zu streichen, blieb nur noch der Kaffee übrig. „Ich glaube an dich“, hatte er gesagt.

Ich ging los. Der Bürgersteig wurde immer schmaler, die Menschen immer mehr. Ich hatte das Gefühl, sie liefen extra immer näher an mir vorbei, an mich heran, wollten meinen Körper berühren. Sie wurden immer größer, immer breiter. Ich spürte, wie es wieder in mich hineinkroch, von Innen, drückte und preßte. Von Innen nach Außen. Von Außen nach Innen. Ich wich ihnen aus, taumelte vielleicht. Die Ampel war rot. Ich wollte zu ihr, mich an ihr festhalten, doch die Menschen schienen eine undurchdringliche Masse zu sein. Ein Auto hupte. Ich spürte, wie mein ganzer Körper zuckte, meine Beine zitterten. Ein kleiner Junge, an der Hand seiner Mutter, starrte mich aus riesengroßen Glubschaugen an. Ein kleines Ungeheuer, ein verfressenes Monster. Er hörte nicht auf zu starren. Hör auf zu starren! Grün. Die Menschen liefen los. Schnell, hinüber! Sie überholten mich. Sie kamen mir entgegen. Es wurde enger und enger. Ich konnte nirgendwo hin. Weiter! Immer weiter!

Soziale Phobie hatte die erste Diagnose geheißen. Erst das Kribbeln im Bauch, die schwitzenden und zitternden Hände, das Herzflattern und irgendwann die Ohnmacht. Mitten in einer Präsentation. Von der erfolgreichen Karrierefrau zur Hausfrau, und dann zur Hilflosen degradiert.

Die Kühle des Supermarktes tat zunächst sehr gut. Aber ich mußte hier weg. Ich hielt es einfach nicht länger aus. Ich freute mich auf das Sofa zuhause, das freie Atmen in den eigenen vier Wänden. Ich holte den Kaffee und lief schnellen Schrittes zur Kasse. Eine Schlange, natürlich. Wieder bebte mein Körper. Wieder raste mein Herz. Eine alte Frau zählte gemächlich ihr Geld, sie schien unendlich viel Zeit zu haben. Mach doch hinne, du alte Schachtel! Ich senkte den Kopf, denn ich spürte die Hitze darin. Ich versuchte Abstand zu der Frau vor mir zu halten, die den Einkaufskorb bis oben voll mit Waren hatte. Doch von hinten drängten mich einige Jugendliche, die jeder ein Zehnerträger Bier in der Hand hielten, laut rumhampelten und rumalberten. Ich schwitzte. Ich würde es vermasseln. Ich würde umkippen. Dann würden erst recht alle auf mich schauen. Sie spürten es sicher schon. Sie warteten darauf, daß ich versagte. Plötzlich eine sanfte Stimme: „Haben Sie nur den Kaffee?“ Ich schaute auf. Die Frau vor mir lächelte. „Gehen Sie ruhig vor.“ Sie fuhr den Einkaufswagen ein Stückchen zur Seite. Vorsichtig schlüpfte ich durch die Lücke. Die Alte vor mir hatte endlich ihren letzten Cent zusammengekratzt. Ich legte den Kaffee auf das Band und blickte mich, plötzlich ganz ruhig, noch einmal um. Die Jugendlichen standen immer noch da, lachend und hampelnd. Die Frau hinter mir legte ihre Waren auf das Band. „3,50“, sagte die Frau hinter der Kasse, freundlich und zurückhaltend. Ich bezahlte, ohne Zittern. Während ich langsam nach Hause ging, mir alles ruhig betrachtend, dachte ich bei mir: „Morgen gehe ich wieder einkaufen.“

Als Christian heimkam, hielt ich ihm die Packung Kaffee entgegen. Er schnitt eine seltsame Grimasse, lächelte gequält. Er sagte, er sei Stolz auf mich, ich solle ihm alles erzählen, wenn er duschen war. Ich ging zu seiner Aktentasche, öffnete sie und erblickte eine Packung Kaffee.


[Diese Nachricht wurde von Tobias am 03. Juli 2002 editiert.]