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Thema: Mit Doderer durch Deutschland

  1. #1
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    Post Mit Doderer durch Deutschland

    Mit Doderer durch Deutschland (1) Berlin

    Ich staune jedesmal über die Berliner - ein merkwürdiges Volk lebt in der neuen Hauptstadt. Gelbe Männchen mit Pistolen und grünem Hut machen aus purer Überzeugung einen grimmigen Eindruck, in großen Hallen ißt man Verdorbenes und ältere Frauen mit schwarzen Kopftüchern betrauern aus voller Lunge den Tod der kritischen Philosophie. An der Zieladresse machte mir diesmal eine Dame mit Stiftenkopf schöne Augen. Leider hatte ich mein Glied zuhause vergessen und außerdem einen Auftrag, der meine volle Konzentration erforderte: ich sollte einem ausgewählten Publikum zeigen, wie man aus Schaden klug wird. Den Schadensfall hatten die Berliner, ausgesuchteste ständig „knorke“ rufende Einheimische, übrigens schon im eigenen Haus, ich mußte also nur das Klugwerden mitbringen. Insgesamt gelang mir eine ausgewogene Demonstration, das Publikum spottete jeglicher Beschreibung, kam sich minütlich schlauer vor und sang ganz zum Schluß mit mir das berühmte Lied von der berühmten Berliner Luft. Dann hurtig in die Hände geklatscht und zurück zum Flughafen, eine schöne Chauffeuse aus dem Iran bediente das Fahrzeug. Sie erzählte mir von Ihrer halbwüchsigen Tochter, die ihr „lediglich zum Trotz“ immer längelang umfalle und dabei mit dem Kopf auf dem Boden schlage. Dabei glühte sie mich über den Rückspiegel an, aus dunklen Augen. Gut, daß wir hinter dem Wagen der Putins herfahren konnten und deswegen keinerlei Entgegenkommen befürchten mußten. Zum Dank für den Transport und die spannenden Schilderungen aus ihrem Familialbereich las ich der prachtvollen Fahrerin ein wenig aus meinem Roman „Hau Ruck!" vor. Sie weinte dicke orientalische Tränen der Rührung - orientalische Rührung ist ja das Rührendste, was man sich überhaupt vorstellen kann, brach auch mehrmals schluchzend über dem Steuerrad zusammen. Ich überschrieb ihr gegen Fahrtende voller Dankbarkeit mein gesamtes Vermögen als Trinkgeld. Nun bin ich arm, aber glücklich, außerdem bekomme ich über die Spesen alles wieder herein. Der Flughafen für Tegel muß seit dem Fall der Mauer von jedem Flugzeug selber mitgebracht werden. Zwischen den Starts und Landungen dient die Eincheckhalle als Kegelbahn. Neben mir landete übrigens zeitgleich eine Berühmtheit. überall blitzten Blitzlichter, auch dafür gibt es jetzt schon ein Pulver, man braucht kaum noch echte Presseleute dafür, einfach ein bißchen davon in die Luft werfen und schon entsteht für fünf Minuten der schönstes Publicity-Rummel mit allem drum und dran. Man kann sich denken, daß ich abends, beim Entschweben aus dieser wundersamen Stadt, rechtschaffen müde war. Der Pilot hatte das Einsehen, er vermied jede Bemerkung über ein mögliches Reiseziel und flog mit uns direkt in die untergehende Sonne.


    [Diese Nachricht wurde von Doderer am 02. Oktober 2000 editiert.]

  2. #2
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Mit Doderer durch Deutschland

    So sind wir doch gar nicht, Backe!
    Ich wünschte mir, Du würdest die Präpositionen als Satzgliedteile akzeptieren. Ich wünschte mir, Du würdest die teilweise grotesken Zusammenstülpungen Deiner verwirrten Phantasie ein wenig betulicher strukturieren. So wirkt's beinahe hingerotzt. Heißest Du Ulme?
    Zwei Bonmots aber sind großartig:
    Der Pilot hatte das Einsehen, er vermied jede Bemerkung über ein mögliches

    • Reiseziel und flog mit uns direkt in die untergehende Sonne.
    • Der Flughafen für Tegel muß seit dem Fall der Mauer von jedem Flugzeug selber mitgebracht werden.
    Und weil diese beiden Textstellen nicht zu übersehen/überlesen sind, ja beinahe vorbereitet daherkommen, mag ich diesen Text und möchte andere Reiseziele mit Dir kennenlernen bzw. durch Deine Augen sehen.

  3. #3
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    AW: Mit Doderer durch Deutschland

    Natürlich seid ihr nicht so, aero! Dies sind die subjektiven unangemessenen Äußerungen eines Menschen, der morgens in eine Stadt kommt und abends wieder entschwindet.

  4. #4
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    Post AW: Mit Doderer durch Deutschland

    Mit Doderer durch Deutschland (2) Frankfurt/Main

    Frankfurt ist ein rezeptfreies Anti-Idyllikum. Wenn jemand auf Proportionen Wert legt, ist er am falschen Ort. Es gibt verbale Entgleisungen, Frankfurt ist eine urbane. Nun ist es uraltes, schon in der Edda verbratenes Weistum: Wo das rechte Maß verloren ging, sucht man nach verbürgten Sicherheiten. Wohl deshalb lieben die Frankfurter Zertifikate. Alle dort von mir Beratenen wollen eines, mindestens! Am liebsten auch noch das jeweilige Zertifikat zertifiziert haben, obendrein.

    Sogar der Taxifahrer murmelte etwas von einer gerne von mir gehabten Bestätigung über einwandfreie Beförderung, für die er lediglich meinen Daumenabdruck brauche. Er klapperte lockend mit dem Deckel des Stempelkissens dabei. Ich saß auf seiner Rückbank und folglich in einem Dilemma. Zwar will ich nirgendwo Fingerprints hinterlassen, aber auch nicht Halt versagen den Haltlosen. Was tun? Bekanntlich kann man die bedauernswerten Opfer des Sicherheitsdenkens jederzeit mit Rätselhaftem faszinieren. Denkt an Ödipus und die Sphinx! Um den Taxler also auf anderweitige Gedanken zu bringen flüsterte ich, mich zu seinem Rücken vorbeugend dabei : "Gestern überlieferte mir mein Anrufbeantworter einen höchst bemerkenswerten Ausspruch: „Er ist Chinese und tot.“ Einfach erhaben, finden Sie nicht?"
    Das Klappern hörte auf. "Brunnentief, der Satz, echt !" war die Antwort. Der Gebührenzähler wurde umgestellt, auf den Tarif für Einheimische.
    Die Literatur ist nicht auf dem Rückzug, nein, sie erobert gerade die Vorstädte! Warum dieser Ausruf? Sie werden es erahnen, der Mann war Dichter und Umherfahrer. Jetzt, da er vermeinte, auf eine gleichgetaktete Seele gestoßen zu sein, setzte er streckenmäßig zum ganz großen Bogen in die Obstgärten des Umlandes an und packte aus dabei: Selbstgereimtes gab er mir zu Gehör, ein kurzes Expose seines kürzlich vollendeten Romans, deklamierte, endlich wieder auf der Autobahn zum Flughafen, freihändig aus einem Drama. Sogar eine Lesung mit verteilten Rollen sann er mir an. Ich lehnte ab, zu fremd sei mir dieses Metier. Kalauerte wild drauf los : Mein Chef scheine mich zwar für einen Poeten zu halten. Jedenfalls nötige ihn der Code, den ich ihm als Softwerker abliefere, bisweilen zu dem Satz: „Das muß Lyrik sein, Programmzeilen sind‘s jedenfalls keine.“ Dieser Ausspruch könne aber nicht als Gütesiegel gelten, denn mein Boß scheine die Poesie zu hassen, so unfroh, wie er schaue, dabei. Der Fahrer nickte verständnisvoll. "Sie haben wohl keinen halbfertigen Roman in der Schublade?" Wir waren angekommen. "Drei" sagte ich, drückte ihm den angezeigten Fahrpreis in die Hand und stieg aus. "Sie sind doch krank Mann, gehen sie mal zu den Anonymen Literaten!" rief er mir wütend nach. "Gute Idee, wird‘ ich machen" rief ich hochgestimmt zurück. Wohlan - hier bin ich!

  5. #5
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Mit Doderer durch Deutschland

    Bitte den Münchentext !!! ist mir der liebste.
    madonna

  6. #6
    rodbertus
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    Question AW: Mit Doderer durch Deutschland

    Ja, dat is jut.
    Fehlen noch die Würstchen, die Huren, Biermaler und Grottenphotographen. Aber die Diktion ist gelungen. Noch eine zweite Reminiszenz, eine dritte, ein Panorama, ein Panoptikum, dann zuspitzen zum Pasquill von allen Reichsstaedten, vielleicht in Form einer Rundreise durch alle Reichsstädte.

    Außer diesen Weltorte wie Buxtehude, Heringsdorf, Taunusstein, Brocken, Feldberg, Bregenz, Friedrichshafen, Halle (Saale) oder Himmelpfort.
    Ist mit Durchreisen zu rechnen?

  7. #7
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    AW: Mit Doderer durch Deutschland

    doderer, ich finde beide texte sind ausgezeichnet. ich freue mich darauf, dich kennenzulernen!

  8. #8
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    AW: Mit Doderer durch Deutschland

    danke nadine !

    werde howah diese tage anrufen

    liebe grüße

    doderer

  9. #9
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Mit Doderer durch Deutschland

    hey, doderer, wu-u-u-nderbar beobachtet und witzig!
    bin wirklich gespannt, welche stadt dir als nächste zum opfer f?llt.
    stuttgart, vielleicht.....?

    liebe grüße
    miranda

  10. #10
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    AW: Mit Doderer durch Deutschland

    danke miranda,

    ich hab noch münchen, stuttgart, hamburg, essen aber die gefallen mir nicht mehr so recht.

    liebe grüße

    doderer

  11. #11
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    Post AW: Mit Doderer durch Deutschland

    Mit Doderer durch Deutschland (3) München


    Da der Prophet nichts gilt im eigenen Lande, habe ich mich kurz nach Ende der Pubertät zum Staatenlosen ausrufen lassen. Dies hilft zwar nichts gegen den Fiskus und die Rente muß ich mir auch selber ausbezahlen, aber in bewaffnete Auseinandersetzungen werde ich als grundsätzlich Unbeteiligter jetzt nicht mehr verwickelt. Wie ich auf dieses weit zurückliegende Ereignis komme? In München habe ich vor langer, langer Zeit eine Lehre zum Wandercharsimatiker abgebrochen. Darüber werde ich, jedesmal wenn ich in diese putzige Stadt einschwebe, sentimental wie ein Sack Fertigmörtel.
    Vom Flughafen in die Stadt benötigt man länger als mit dem Flugzeug bis ans andere Ende Deutschlands. Zugegeben, Deutschland ist nicht sehr groß, die Bayern dagegen sind ausgesprochene Großspurer. Das haben Sie von Ihrem früheren Häuptling gelernt. Im Münchner Flughafen gibt‘s kaum Bücher zu kaufen, nur die von den Passagieren im Flugzeug vergessenen Exemplare stehen als Second-hand-Angebote überteuert hinter Obstler und Kaugummi. Im Zentrum Münchens, dem Rathaus gegenüber, findet sich allerdings ein Bücherwoolworth und da kann ich nicht widerstehen, allen sonstigen Stützungsversuchen des Kleinsthandels - „ich hab da ein neues Buch, Doderer“- zum Trotz.

    Vor diesem Bücherkaufhaus stehen gelegentliche Horden an fernöstlichen Touristen und glotzen zum Rathausturm hoch, um das schlichte Um- die-eigene-Achse-Drehen einiger bunt lackierter Figuren abzulichten und dabei der ein wenig faden Melodie des Glockenspiels zu lauschen. Im touristischen Zustand scheint der Mensch entschlossen zum Staunen um jeden Preis.
    Schöne Viertel gibt es auch einige in dieser Stadt, doch dafür verweise ich auf einschlägige Postkarten. Am Schönsten ist München nach wie vor dem ersten Weltkrieg.

    Heutzutage ist Zukunft angesagt in der „Stadt mit Lebensart“: jedes dritte Wort des germanischblonden Ministerpräsidenten lautet „Internet“ und rund um München grassiert die dicke Silikon Walli. Dieses Unwesen füllt auch meinen Napf, darum kein bissiger Wort mehr drüber.

    Merkwürdig ist es, als Consultant nach Siemens zu geraten, in diesen Hades der Arbeitswelt, dem Reich der Schattentätigkeit. Wenn man durch die endlosen Flure der Verwaltungsgebäude schleicht und leise die eine oder andere Türe öffnet, findet man Szenen vor, wie sie in Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett nicht schöner dargestellt werden könnten. In völliger Starre sitzen bleiche Gestalten hinter ihren Schreibtischen, lauschen blicklos in sich hinein. Erst um Fünf Uhr kommt Bewegung in die Leblosen. Und wenige Minuten später liegen die Gebäude wieder still, nur diesmal menschenleer. Aufenthalt ist bei Siemens eben alles.

    München war auch die Hauptstadt der Bewegung. Um dieser Zeit nachzuspüren besuchte ich am Prinzregentenplatz den Waggerl Seewald, Verfasser der Autobiographie: "Ich kannte Hitlers Schäferhund". Mit leuchtenden Augen machte mir der lebhafte Greis das Bellen von Hitlers Blondie nach: „wuff wuff“, und wedelt gekonnt mit dem Schwanz dabei. Man fühlt sich, den Darbietungen Waggerls folgend, mit Schaudern zurückversetzt, zu Hundeherr und Herrenhund auf den Obersalzberg. Blondie wäre auch immer mitgeflogen, mit H., nach Berlin, zum Regieren, erzählt Waggerl und hätte für den Flug eine lederne Flugkappe samt Brille gehabt, genau wie ihr dämonischer Herr. Damals zog es ja noch heftig in den Flugzeugen, weil diese meist schulderig aus Wellblech zusammengeklopft waren. Hitler hätte sogar Pläne gehegt, für eine zweihundert Meter hohe Statue seiner 'Blondie' auf dem Oberwiesenfeld. Durch den Zusammenbruch des Dritten Reiches wurde auch dieses Vorhaben „über den Haufen geworfen“, erklärt mir Waggerl zum Abschied und starrt mich aus melancholisch-wässrigen Greisenaugen an. Ich starre zurück. Ein zweihundert Meter hoher Hund! Und da redet man immer über die Autobahnen.

  12. #12
    rodbertus
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    AW: Mit Doderer durch Deutschland

    Hingerotzt, ja, aber wohltuend schnoddrig, somit angemessen, berlinisch. Mögen Thomas und Konsorten hier Wiederentdeckung feiern.
    Das Übertriebene ist Stilelement. Beckmessern würd' ich trotzdem an der einen oder anderen Stelle.

  13. #13
    resurrector
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    AW: Mit Doderer durch Deutschland

    Kein schöner Ordner, weil zu viel Geschnatter und zu wenig Arbeit, aber zwei gute und ein sehr guter Text.

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