Die weltpolitische Entwicklung zwischen 1860 und dem Beginn des Ersten Weltkriegs läßt sich grob durch drei Momente bestimmen:


  1. die Vormachtstellung des Reiches als Friedensgarant in Europa;
  2. der Auftritt der Peripherien in die globale Politik: Japan und die USA und
  3. die Einkreisung des Reiches als Vorbereitung des Krieges der Peripherie gegen das Zentrum, im engeren (europäisch) und weiteren (global) Sinne.


Bismarcks politische Tätigkeit als Verantwortlicher der preußisch-norddeutsch-reichsdeutschen Regierung seit 1862 führte von der von den Liberalen bekämpften Heeresreform über den deutschen Bruderkrieg, die Schaffung der freiesten Verfassung der Welt und den damit verbundenen Beitritt der süd- und südwestdeutschen Staaten in das Zweite Deutsche Reich. Die Deutschen Österreichs waren draußen und zugleich in neuer historischer Mission damit beauftragt worden, den Frieden Europas nach Südosten zu sichern. Eben dort krankte der Mann vom Bosporus, wuchs der von Rußland und Frankreich beförderte Nationalismus und drängten die kleineren Völker auf Selbstbestimmung. Frankreich war mit seiner geringeren Bedeutung unzufrieden, lag aber, da militärisch besiegt, am Boden. Die Briten verloren ihre Macht über das europäische Festland, und die balance-of-power-Politik, die sie seit Jahrhunderten gepflegt hatten, mußte nach der Schaffung des Zweiten Deutschen Reiches ohne Gegenstand bleiben. Rußland weitete seine Macht nach Osten und Süden aus, wo es früher oder später mit England aneinandergeraten würde, zugleich war es in Osteuropa aktiv und unterstützte die slawischen Völker auf dem Balkan, v.a. die griechisch-orthodoxen Serben und Bulgaren.
Bismarck, ein „Skeptiker der nationalen Bewegung" [1], mußte das Reich gegen zwei Zeitströme positionieren und festigen:




Beide Tendenzen waren gefährlich für das Reich, sowohl in Hinsicht seiner inneren als auch äußeren Sicherheit. Beiden Strömen durfte sich das Reich nicht aussetzen, beide mußte es meistern, denn zu umgehen waren sie nicht, sie waren Zeitgeist. Der Ostfale Bismarck hatte sich Preußen als Basis für seine politischen Pläne ausgesucht, das den staatlichen Kern des neuen Reiches bilden konnte. Dieser Kern war anational-stammübergreifend und dennoch egoistisch orientiert, der reine Staatsgedanke. Die Deutschen sollten sich diesen Staatsgedanken aneignen, aber ihn nicht mit einem nationalen Pathos zusammenbringen, hypertrophieren, denn das würde ihr Ende bedeuten. Dieses Reich mußte gegen die äußeren und inneren nationalen Kräfte geschaffen werden und ihm mußte der Charakter eines Reiches gegeben werden, keiner des Nationalstaats. In diesem Sinne eines Staatenbundes gleichberechtigter Souveräne hatte Bismarck die Verfassung des Norddeutschen Bundes konzipiert, zugleich aber über seinen linksliberalen Freund Lothar Bucher auch die modernen Strömungen der Zeit verfassungsrechtlich statuieren lassen. Der Beitritt der Süddeutschen schien naturgegeben, war aber aufgrund ihrer auf stammesgeschichtlicher Einheit beruhenden Verfaßtheit gegenüber der auf einer Staatsidee beruhenden Verfaßtheit des Norddeutschen Bundes mit seinem Kernland Preußen nichts Organisches, sondern verstärkte das Disparate, das Widersprüchliche. Aber das war auch von Bismarck so gewollt, denn nun mußte der Kompromiß politischer Alltag werden, was Konzentration der Politik aufs Innere bedeutete und damit eine Gefahr für das Reich bannte: Aggressivität nach außen.

Viel schwieriger gestaltete sich im zweiten Jahrzehnt nach der Reichsgründung die Aufgabe, die nunmehr verbündeten Mächte der Mitte vor einer Allianz der Gallier im Westen mit den eroberungssüchtigen Slawen im Osten zu bewahren. Der chauchemar des coalitions [Alptraum eines französisch-russischen Bündnisses] wurde bis zum Ende der Amtszeit des Fürsten Bismarck immer drückender. Zunächst gelang es noch einmal mit Hilfe der guten dynastischen Beziehungen zwischen Berlin und Petersburg, Rußland zur Mitte herüberzuziehen. Im Frühjahr 1880 erhielt der Botschafter Saburow vom Zaren Alexander II., der mit seinem Drohbrief [der Zar hatte seinem Onkel in Berlin, dem Kaiser, nach dem Einrücken österreichischer Truppen in das Limgebiet einen wütenden Brief geschrieben] nach eigenem Geständnis eine Dummheit begangen hatte, den Auftrag, in Besprechungen mit dem deutschen Reichskanzler über Fragen des Nahen Orients einzutreten. Fürst Bismarck verlangte den Beitritt Österreich-Ungarns und brachte nach langem Widerstreben des Wiener Kabinetts jenes geheime dreiseitige Neutralitätsabkommen [Dreikaiserbündnis], zunächst auf drei Jahre, zustande, das er selbst fünfzehn Jahre später, nachdem es längst abgelaufen war, vor der Mitwelt enthüllte, und das heute [1921] noch im Meinungsstreit von Politikern und Gelehrten fortlebt.
Wirksamer als dieses Mittel zum Schutze gegen einen Krieg mit zwei Fronten erwies sich die Aufnahme Italiens in das mitteleuropäische Bündnis. (Otto Hammann: Der mißverstandene Bismarck. Berlin 1921. S. 18/19.)

Bismarcks Reich mußte eine starke Basis besitzen, die sowohl aus dem Gemüt der Deutschen entsprang, als auch ihrem auf Realismus sich gründenden Pragmatismus. Es mußte Möglichkeiten besitzen, zugleich als Macht gefürchtet werden und zugleich als Friedensgarant gelten: die Mitte sein. Somit übernahm es die Funktion einer Ordnungsmacht und stellte ins Trudeln gekommene Verhältnisse wieder her, das Gleichgewicht der Kräfte. Die ständige Revolution. Dazu mußte er den Ausgleich der Interessen mit der Peripherie finden, damit das Reich seine Funktion auch ausfüllen kann: Dreikaiserbündnis, der Vertrag mit Rumänien, der Rückversicherungsvertrag mit Rußland, die Verständigung in Kolonialfragen mit Frankreich. Das alles führte dazu, daß das Reich bis 1914 keinen Krieg in Europa führen mußte und auch außerhalb Europas nur zweimal zu den Waffen griff: beim Boxeraufstand als Teil einer internationalen Schutztruppe und in Südwestafrika zum Schutz der Kolonisten gegen die Herero. Vergleicht man die Ausrichtung des Reiches mit der Rußlands, so kann die freundlich-höfische Bestandheit der Beziehungen zwischen beiden Weltmächten nicht darüber hinwegtäuschen, daß sie einander spinnefeind sein mußten. Das Reich brauchte den Frieden, um seine Kräfte entfalten zu können, Rußland brauchte den Krieg, um die unterworfenen Völker in der Angst zu halten. Bismarck schuf das Dreikaiserbündnis 1872 mit Rußland und Österreich und verschaffte damit dem Reich eine Atempause. Doch schon 1876 ließ der russische Kanzler Gortschakow in Berlin anfragen, wie sich das Reich verhalten würde, wenn Rußland mit Österreich in Krieg geraten würde. Bismarcks Antwort war von großer Bedeutung, denn die außenpolitischen Ziele des Zarenreiches mußten mit denen der k.u.k.-Monarchie früher oder später kollidieren. Die Reihenfolge der russischen Ziele war allen Beteiligten bekannt:


  1. Eroberung von Konstantinopel (Eckstein der Erde) und damit zugleich Zugang zu den Weltmeeren und die Wiedererstehung der Hauptstadt des orthodoxen Christentums;
  2. Panslawismus: Übernahme der Führung aller slawischen Völker in Osteuropa;
  3. Behauptung des zentralasiatischen Raumes, zugleich dessen Erschließung und
  4. Ausbau der Machtstellung im Ostseeraum.


Bismarck entschied sich für Österreich, eine Richtungsentscheidung, fragte aber bei Gortschakow an, ob Rußland Unterstützung im Orient benötige, was Bismarck mit einer Garantierklärung Rußlands für deutsche Besitzstände entgolten haben wollte. Das lehnte der Russe ab.[2] Damit war beiden Seiten klar, daß sie keine strategischen Partner zur Erreichung ihrer außenpolitischen Ziele sein würden. Die Wege liefen auseinander. Oder? Für Bismarck bestand die Möglichkeit, Rußland ans Reich zu binden, indem er sich bei dessen ersten strategischen Ziel neutral hielt und Rußland Hilfe gegen England, dem Widersacher in Mittelasien, in Aussicht stellte. Andererseits konnte sich Bismarck weder in eine außenpolitische Abhängigkeit noch Feindschaft zu England bewegen. England mußte für das Reich eine Option bleiben, aber nicht die einzige Option.
Diese Grobstruktur der europäischen Verflechtungen galt auch im Vorfeld des Berliner Kongresses, der klären mußte, inwiefern der von den Russen oktroyierte Frieden von San Stefano gelten durfte. Rußland hatte den europäischen Teil des osmanischen Imperiums erobert, Bulgarien einen neuen Status gegeben und bis zum Mittelmeer ausgedehnt, zugleich aber in Vorverhandlungen mit dem Reich und Österreich konzediert, kein großslawisches Imperium auf dem Balkan errichten zu wollen. England betrachtete den nach Süden gerichteten Machtzuwachs der Russen mit Argwohn. Der Berliner Kongreß sollte die Machtverhältnisse ordnen und jedem das Gesicht wahren. Aber das war nicht möglich, denn sowohl Rußland als auch England waren aggressiv gesonnen, nicht auf Ausgleich. Bismarck kalkulierte: das Verhältnis zu Rußland war vor dem Kongreß sehr gut, das zu England eher mäßig, das zu Frankreich schlecht und das zu Österreich gut. Also wurde der Expansionsdrang Rußlands beschnitten, was England und Frankreich erfreute, Österreich zufriedenstellte und nur in Rußland arg aufstieß. Mit Rußland befand sich das Reich seit 1876 in einem Zollstreit [3], das ist das wirtschaftliche Gebiet, aber seit San Stefano auch in einem politischen Zwist.
Bismarck mußte sich entscheiden und entschied sich nicht nur für Österreich (also gegen Rußland), sondern auch für eine Schwächung der Russen, um die Briten in der Option eines möglichen außenpolitischen Bündnispartners zu halten. Die Schwächung der Russen bedeutete für diese den Verzicht auf die makedonischen Zugänge zum Mittelmeer. Sie mußten die eroberten Gebiete an das osmanische Imperium zurückgeben, zugleich sicherte Bismarck den deutschen Industriellen Chancen beim Eisenbahnbau in Nahost und teilte mit den Briten diesen Markt auf.

Bis 1914 läßt sich das russisch-deutsche Verhältnis in drei Phasen fassen:


  1. 1871-1876: beste Beziehungen;
  2. 1878-1889: Bismarck entscheidet sich gegen eine strategische Partnerschaft mit Rußland, da dessen Interessen gegen Österreich und das Osmanische Reich gerichtet sind und zudem England herausfordern müssen → Rußland wird für französische Ziele empfänglich, allerdings verschafft der Abschluß des Rückversicherungsvertrages dem Reich Sicherheit;
  3. 1890-1905: Frankreich gewinnt Rußland als strategischen Partner zur Zangenbildung gegenüber dem Reich, das es versäumt, die Rückversicherung mit Rußland zu verlängern; der Ausgleich zwischen Britannien und Frankreich zuerst nach der Faschoda-Krise und dann mit der entente cordiale besiegelt endgültig die Einkreisung des Reiches, das beim nächsten Anlaß in einen Zweifrontenkrieg gezogen werden wird.


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Frankreich besaß keine mit Rußland kollidierenden Ziele:


  1. Gewinnung der Rheingrenze als der natürlichen Grenze Frankreichs;
  2. Ausbau der Macht im Mittelmeerraum: Nordafrika bis Ägypten mit Suez; Palästina und
  3. Behauptung und Ausbau der Macht in Westafrika.


Das erste Ziel richtete sich gegen das Reich, aber auch gegen Belgien und die Niederlande. Das zweite Ziel richtete sich tendenziell gegen Britannien, das Ägypten als Scharnier zwischen Europa und seinen arabisch-asiatischen Besitzungen betrachtete, aber auch gegen das Reich, das mit dem osmanischen Imperium eine strategische Partnerschaft einzugehen beabsichtigte und mit dem Bau der Bagdadbahn anzeigte, wo seine wirtschaftlichen Interessen im Ausland lagen. Das dritte Ziel richtete sich zwar auch gegen das Reich, das in Westafrika Kolonien besaß (Togo und Kamerun), aber hier bestand die Möglichkeit eines Ausgleichs.
Britannien kam mit Frankreich ins Gehege, aber auch mit Rußland, Amerika und dem Reich.


  1. Behauptung der Weltherrschaft zur See, der Voraussetzung für die Herrschaft über die Welt;
  2. Sicherung und Ausbau der Herrschaft im Vorderen Orient, um Indien zu behaupten und das arabische Öl zu sichern;
  3. Ausbau der Macht in Afrika, ein durchgehendes Kolonialgebiet vom Nildelta bis zum Kap, und
  4. Wiedererlangung der Bedeutung als Schlichter in europäischen Fragen, um die kontinentale Politik nach eigenem Wunsch lenken zu können.


Damit läßt sich der Kern der britischen Geopolitik aus einer Position der Stärke gegen jedermann heraus auf Erhaltung resp. Abwehr fixieren, der der Europapolitik dagegen auf Aggressivität. Frankreich gefährdete die Ziele in Afrika und Nahost [4], aber nicht so, daß hier kein Ausgleich möglich gewesen wäre und schließlich auch nach Faschoda zustandekam. Rußland bedrohte über Afghanistan und Angriffe auf das osmanische Imperium englische Stellungen. Hier bestand ein Strukturkonflikt. Amerika griff Britannien als Weltmacht an, Amerikas potentielle Stärke gefährdete Britanniens Weltstellung, aber nicht akut. Mit dem Reich befand sich Britannien in einem gespaltenen Verhältnis. Jahrhundertelang hatte sich Britannien mit seiner balance-of-power-Politik Europa so gestaltet, wie es zur Beförderung britischer Geopolitik geeignet schien. Diese Funktion war Britannien mit der Begründung des Zweiten Deutschen Reiches abhanden gekommen. Andererseits strebte das Reich nicht nach Kolonien, nicht nach Weltgeltung, machte aber aufgrund seiner wachsenden wirtschaftlichen Stärke den englischen Kaufleuten Konkurrenz. Schließlich aber waren beide Nationen einander die wichtigsten Handelspartner, sicherten einander also gute Geschäfte. Alles in allem standen sich das Reich und Britannien eher positiv als negativ gegenüber.


[1] Hans Freyer: Weltgeschichte Europas. Band II. Wiesbaden 1946. S. 957.

[2] genauer dazu bei L. Raschdau: Der deutsch-russische Rückversicherungsvertrag. (In: „Grenzboten“ vom 12.04.1918, S. 27.)

[3] Rußland hatte die Zölle für deutsche Waren erhöht (Maschinen, Kaffee und andere Konsumartikel für etwa 300 Millionen Mark, d.s. 3,3 Mrd. €). Bismarck betonte, daß das Reich seinerseits auf eine Erhöhung der Zölle für russische Waren (etwa 265 Millionen Mark, d.s. 2,8 Mrd. €; v.a. Holz und Getreide) verzichtete, denn das würde nur die deutschen Konsumenten treffen. (Quelle: http://www.reichstagsprotokolle.de/B...384_00611.html ff.)

[4] Nicht nur England stand französischen Zielen in Nordafrika entgegen, sondern auch Italien, das die Kyrenaika (Libyen) kolonisieren wollte. Als sich um 1881 abzeichnete, daß Frankreich Italien hier nicht entgegenkommen wollte, denn es besetzte Tunis und führte in Nordafrika einen blutigen Krieg gegen die Berber, führte das zum Beitritt Italiens zu den Mittelmächten, so daß der Dreibund im Mai 1882 entstand, der den europäischen Frieden nachhaltig sicherte. Italien blieb in diesem Bund, bis sich abzeichnete, daß es seine Ziele nicht mit ihm erreichen konnte.


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