Fortsetzung von Teil I

Die eben genannten USA strebten zur Weltherrschaft:


  1. 1776-1865: Sicherung des Staatsbestands gegen äußere (Britannien) und innere (Südstaatengründung) Feinde;
  2. -1890 Eroberung des Kontinents;
  3. 1898-1913 Erweiterung der Monroe-Doktrin auf den pazifischen Raum (Kuba, Panama, Hawaii, Philippinen) und
  4. 1913-heute Weltherrschaft.


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Bismarck im Reichstag bei der Diskussion über ein Gesetz zur Ausgabe einer Staatsanleihe zur Stärkung des Militärs

Die im ersten Berliner Kongreß von 1878 beschlossenen Verhältnisse hielten bis 1885, ein Jahr, von dem viele glaubten, es markiere einen Wendepunkt in den deutsch-französischen Beziehungen. Ein zweiter Kongreß tagte im Frühjahr 1885 in Berlin. Er sollte die Kolonialpolitik der mächtigsten Staaten, darunter erstmals auch der USA, konsensuell fixieren. Man einigte sich auf Handelsfreiheit im Kongobecken, freie Schiffahrt auf dem Niger und legte Grundsätze für Gebietserwerbungen in Afrika fest. Aber der Konsens war keiner. Auf dem Balkan erhoben sich die Rumelen und das mühsam entwickelte Gleichgewicht Bismarcks brach zusammen, denn durch diesen Aufstand eines eher unbedeutenden Völkchens brachen die alten Widersprüche zwischen dem osmanischen und russischen Imperium und auch zwischen Rußland und Österreich wieder auf und man stand sich Auge in Auge gegenüber, keinen Fuß weichend und Ansprüche geltend machend. Ein Dominoeffekt. In Frankreich zerbrach die gemäßigte Regierung Ferry und Scharfmacher um Clemenceau kamen an die Macht, die das deshalb schafften, weil ihr Hauptargument, die gemäßigte Regierung Ferry habe zugunsten einer behäbigen Kolonialpolitik in Ostasien auf Elsaß-Lothringen verzichtet [1], der französischen Öffentlichkeit plausibler war als gegenteilige Beteuerungen der Regierung. So kam Clemenceau an die Macht und forcierte Konflikte mit dem Reich. In England verlor der sanfte, aber beharrliche Gladstone sein Mandat an den imperialistischen Salisbury. Im Reich forderte Moltke den Präventivkrieg gegen Frankreich oder Rußland, eine Seite mußte geschwächt werden. Bismarck bannte die Kriegsgefahr 1887 und konnte im Kontext der Erneuerung des Dreibundes mit Italien zusätzlich mit Rumänien eine lose Allianz schließen, die gegen Rußland und Österreich-Ungarn gerichtet sein mußte, aber zugleich mit Rußland einen Rückversicherungsvertrag abschließen, der dem Reich Ruhe verschaffte, denn die militärische Lage war so, daß Frieden zwischen dem Reich und Rußland den Krieg für Frankreich unmöglich machte. Als deshalb die Hysterie in Frankreich nachließ, setzten sich gemäßigtere Kräfte durch. Clemenceau und Boulanger traten ins zweite Glied zurück. Die Kriegsgefahr war gebannt. Bismarck zog Lehren aus dieser Situation und beantragte am 6.2.1888 im Reichstag ein Gesetz zur Erhöhung des Militäretats; zugleich bekämpfte er die Einkreisung mit einer geplanten Erneuerung des Dreikaiserbündnisses. Allerdings konnte er das nicht bewirken, denn Rußland konnte Bismarck dessen Präferenz für Österreich nicht verzeihen und glaubte, seine Ziele eher mit dem finanzstarken und revanchelüsternen Frankreich denn dem klammen und auf Saturiertheit bedachten Reich durchsetzen zu können. [2]

Das Habsburger Reich erlebte im letzten Jahrzehnt vor dem Krieg eine Phase des starken Wirtschaftswachstums mit einem entsprechenden Anstieg des allgemeinen Wohlstands - das unterschied es vom Osmanischen Reich, aber auch von der Sowjetunion der 1980er Jahre, einem anderen klassischen Beispiel eines zerfallenden Staatswesens. Freie Märkte und der Wettbewerb im riesigen Gebiet der Zollunion stimulierten den technischen Fortschritt und die Einführung neuer Produkte. Schon allein die Größe und Vielfalt der Doppelmonarchie hatten zur Folge, daß neue Betriebe von raffinierten Netzwerken kooperierender Industriezweige profitierten, gestützt auf eine effiziente Verkehrsinfrastruktur und einen hochwertigen Dienstleistungs- und Versorgungssektor. (Clark, S. 105.)

Im osmanischen Imperium setzte nach dem Berliner Kongreß eine Phase der relativen Stabilität ein. Der Sultan richtete die Struktur seines Heeres an europäischen Vorbildern aus, ließ durch die Deutschen sein Eisenbahnnetz ausbauen, die das gern taten, denn so konnten sie sich Vorrechte gegenüber der Konkurrenz erwerben, außerdem steigerte der Sultan seinen Einfluß in Nahost. Rußlands Einfluß auf dem Balkan nahm ab, der Österreichs stieg, zumal den Briten an einer Ausbremsung der russischen Pläne gelegen war. Die Österreicher besetzten, wie vertraglich vereinbart, Bosnien. [3] Britannien hatte Indien behauptet und Rußlands Vordringen beendet. Rußland hätte gegen Britannien Krieg führen müssen, um dessen Vorherrschaft in Nahost zu beenden. Dazu war es nicht bereit. Das wurde in Nahost als Schwäche ausgelegt und führte eben zu der Stärkung des osmanischen Imperiums und Britanniens. Außerdem hatte Britannien Zypern gewonnen und damit einen wichtigen Posten zwischen Europa und Asien gewonnen, auch den möglichen Zugriff auf Ägypten.


Wir müssen den Krieg nach Möglichkeit hindern oder einschränken, uns in dem europäischen Kartenspiele die Hinterhand wahren und uns durch keine Ungeduld, keine Gefälligkeit auf Kosten des Landes, keine Eitelkeit oder befreundete Provokation vor der Zeit aus dem abwartenden Stadium in das handelnde drängen lassen; wenn nicht, plectuntur Achivi
Mein ideale
s Ziel, nachdem wir unsere Einheit zustande gebracht hatten, ist stets gewesen, das Vertrauen nicht nur der mindermächtigen europäischen Staaten, sondern auch der großen Mächte zu erwerben, daß die deutsche Politik, nachdem sie die iniuria temporum, die Zersplitterung der Nation, gutgemacht hat, friedliebend und gerecht sein will. (Otto von Bismarck: Erinnerungen und Gedanken. Kapitel 30. o.J.)

An diesen Ereignissen läßt sich gut erkennen, worin der prinzipielle Unterschied des deutschen Systems gegenüber dem in England und Frankreich lag. Während im Reich, aber auch in Österreich-Ungarn, Parlament und Presse (öffentliche Meinung) Korrektive der Regierungspolitik blieben, lenkten im Westen die von Imperialisten besessene Presse und augenblickliche (meist gemachte) Mehrheitsverhältnisse die Politik, die damit opportunistischer, utilitaristischer und latent-aggressiver sein mußte und tatsächlich: Vergleicht man die Anzahl der Kriege, in die Britannien und Frankreich zwischen 1870 und 1914 verwickelt waren, mit denen des Reiches, so wird man feststellen, daß von Briten und Franzosen eine sehr viel größere Gefahr für den Weltfrieden ausging. [4] Daß viktoriaI.jpg dem Reich der Ruf, militaristisch zu sein, anhaftete, mochte an seinem schnellen Aufstieg und den zwischen 1864 und 71 errungenen militärischen Siegen gelegen haben, was, zwingend logisch!, auf weitere kriegerische Abenteuer gegen verängstigte Nachbarn schließen ließ. Wer sollte das Reich daran hindern, sich auf Kosten Rußlands, Hollands, Belgiens, Dänemarks oder Frankreichs zu vergrößern? Vielleicht kippte die Stimmung im Reich eines Tages und man erinnerte sich seiner deutschen Landsleute in Belgien, in der Schweiz, in Liechtenstein oder Luxemburg? Sollten die ohne Grenzverschiebungen ins Reich geholt werden können? Kaum. Daß Bismarck wiederholt versicherte, man sei saturiert und begehre nichts, fand kaum Gehör. Die Angst blieb. Eine psychologische Zeitbombe.
Das System Bismarck basierte auf Interessenausgleich, also Kompromiß. Es förderte den Kampf, den Diskurs, war offen im Sinne der Anpeilung von Konzilianz und zugleich hermetisch in Grundsatzfragen. Es war im Reich ebenso wie in den westlichen Oligarchien möglich, zu Geld zu kommen und gesellschaftlich aufzusteigen. Ein einfacher Bauernsohn konnte es zu Adelstitel und einem Marschallstab bringen oder durch Geisteskraft Millionär oder Bürgermeister werden. Andererseits bestand für Linksliberale oder Sozialdemokraten keine Möglichkeit, zur Regierung zu gelangen. Aber ihre politischen Überzeugungen fanden zuweilen Mehrheiten und zwangen die Regierung zu Zugeständnissen, die sie nicht machen müßte, wenn sie nur auf Machterhalt orientiert gewesen wäre. Das aber war sie nicht: im Reich bestand die legitimistisch-romantische Vorstellung einer Einheit zwischen Regierung und Regierten, zwischen Volk, Militär und Adel. Diese Idee des Ganzen war die Basis des Staatsganzen. Deshalb war der Kompromiß konstitutiv, denn er schaffte den Ausgleich der Interessen. Im Westen war es anders, da regierte die Mehrheit und bestimmte, was richtig oder falsch war, bestimmte über Krieg und Frieden, Gesetz und Verbot. Im Reich bestimmte auch die Legislative über die Gesetzgebung, auch die wurde mehrheitlich entschieden, aber der Reichsrat konnte das überstimmen, aus dem Prozeß herauslösen.

So entschloß sich denn England, da es sich im industriellen Wettkampf unterlegen fühlte, ans Glück der Waffen zu appellieren.
Sein Plan war ein doppelter.
Erstens trachtete man danach, Deutschland durch ein System von Annäherungen und Bündnissen so einzukreisen, daß es im Herzen Europas am Tage der Gefahr isoliert und ohne militärischen oder finanziellen Beistand wäre.
In dieser Absicht näherte sich Eduard VII. 1903 Frankreich und knüpfte mit unseren Financiers die Bande der entente cordiale, indem er ihnen Marokko überließ, das ihm, nebenher bemerkt, gar nicht gehörte.
Bald darauf versöhnte er sich mit dem russischen Zaren, wobei einige Konzessionen in Persien und auf dem Balkan das Angebinde bildeten. Weiter versuchte er Italien vom Dreibund abzuziehen, indem er ihm Albanien anbot. In Ungarn suchte er den alten Deutschenhaß wieder anzufachen. Die Jungtürken unterstützte er mit Geld und guten Ratschlägen, um den mit Wilhelm II. zu gut befreundeten Abdul Hamid [Sultan] zu stürzen. Und schon sah man den Tag nahen, wo Deutschland völlig eingekreist von feindlichen Mächten, sich allein sah angesichts seines furchtbaren Feindes.
(Delaisi: L’Encerclement. In: Eduard David: Wer trägt Schuld am Krieg? Berlin 1917. S. 10/11.)
Bismarcks System fand auch Anwendung auf die europäische Politik. Das System konnte funktionieren, so lange die Feinde des Reiches auch untereinander zerstritten waren. Dazu mußte Bismarck ihnen Plätze zuweisen, wo sie ihre Revierkämpfe würden austragen können, z.B. den Balkan, wo das Reich keine direkten Interessen verfocht oder die orientalische Frage, in der Bismarck immer wieder betonen mußte, wie wenig das Reich an Einmischung in dieser Gegend interessiert sei, was er gern tat, denn diese Indifferenz mußte England goutieren. Andererseits bewirkte diese Indifferenz das andauernde Schwelen der Konflikte und der Balkan blieb der Brandherd Europas. Die regionalen Ordnungsmächte (Österreich-Ungarn und Osmanisches Reich) schwächelten, Rußland wartete auf seine Chance, Frankreich witterte Möglichkeiten. Streitigkeiten zwischen Rußland, Österreich-Ungarn, Frankreich und Britannien waren die beste Sicherheitsgarantie für den Bestand und das Gedeihen des Reiches, zugleich aber zeigt sich hier auch die zweifache Schwäche dieser Politik:


  1. sie benötigte einen genialen Artisten, der einerseits die Reichsfeinde gegeneinander ausspielen konnte und
  2. sie war egoistisch und wenig progressiv und damit entsprach sie nicht dem humanistischen Duktus einer auf Völkerverständigung und kulturellen Fortschritt zielenden Politik.


Die zunehmende wirtschaftliche Kraft des Reiches schien diese Politik auch zu bekräftigen. Die umliegenden Regierungen erkannten die Schlichterfunktion des Reiches an, zugleich aber mußte ihr Bedürfnis wachsen, sich gegen diesen wachsenden Machtfaktor zusammenzuschließen und die eigene Kraft auf Kosten dieses Klotzes im Zentrum des Kontinents zu stärken. Daß die Eliten des Reiches hier nicht die strukturellen Defizite ihrer Politik erkannten und auf grundsätzliche Verständigung in einem europäisch organisierten Friedensreich zum Nutzen aller hinarbeiteten, muß im nachhinein als Fehler bezeichnet werden. Politische Führungskraft zeigt sich nicht allein in wirtschaftlicher und militärischer Stärke, sondern v.a. in moralischer Integrität und kluger Weichenstellung, die keinen Staat vergißt und statt dessen ein Gleichgewicht der Kräfte statuiert, in dem sich jeder bestmöglich entwickeln kann.


Aufgaben:


  1. Nenne und vergleiche die Ziele der Großmächte der Zeit zwischen 1860 und 1914! (I)
  2. Erfasse tabellarisch Gemeinsamkeiten und Unterschiede dieser Ziele und formuliere Konfliktfelder für jede der hier angezeigten Staaten! (II)
  3. Erforsche den Soll- und Ist-Stand für 1914! (II)
  4. Stelle eine These zu Bismarcks politischem Testament auf und erarbeite Pro- und Kontraargumente! (III)




[1] Den Vorwurf einer behäbigen Politik gegenüber der Eingliederung des Reichslandes ins Kaiserreich muß sich auch die reichsdeutsche Regierung gefallen lassen. Sie forcierte zugunsten dieser notwendigen nationalen Aufgabe die außenpolitische Bindung ans osmanische Imperium mit dem Bau der Bagdad-Bahn. Daß andererseits trotz schlampiger Integrationspolitik das Elsaß noch 1917 einmütig beim Reich bleiben und nicht ganz oder in Teilen zu Frankreich kommen wollte, betonte einmütig der frei gewählte elsaß-lothringische Landtag, wie der freikonservative Reichstagsabgeordnete Gamp-Massaunen im Reichstag während einer Sitzung am 29. November 1917 mitteilte.

[2] Zwar wuchs die deutsche Wirtschaft stärker als jede andere europäische Wirtschaft, aber das bewirkte auch eine Bindung der finanziellen Mittel, die statt in die Konsumtion in die Investition flossen. Die Franzosen dagegen ließen eher dem plutokratischen Naturell gemäß aus Geld Geld erzeugen, was wenigen nutzte. (genauere Zahlen)

[3] Der Berliner Kongreß 1878 hatte eine zeitlich unbegrenzte Okkupation und Verwaltung durch die Doppelmonarchie statuiert. Doch nach dreißig Jahren wirtschaftlicher und administrativer Aufbauarbeit war diese vage Bestimmung der Staatlichkeit Bosnien-Herzegowinas obsolet. Die Annexion war ein formeller Akt, der von Italien, Serbien und dem osmanischen Imperium kritisiert wurde. Daß die bosnische Krise nicht zum Kriege führte, war dem konsequenten Vorgehen des reichsdeutschen Kanzlers zu verdanken, der die Entente-Mächte einzeln dazu aufforderte, die Annexion als solche anzuerkennen, was die, wollten sie nicht die von ihnen mitgetragenen vertraglichen Bestimmungen von 1878 negieren, auch taten. Zudem waren weder Frankreich noch Rußland kriegsbereit und Bülow hatte deutlich gemacht, daß das Reich treu zu seinem Partner stehen würde, auch für den Kriegsfall. Das gleiche diplomatische Vorgehen, das 1909 den europäischen Krieg verhindert hatte, funktionierte 1914 nicht mehr, was u.a. daran lag, daß Frankreich und Rußland nunmehr kriegsbereit waren.

[4] Das Reich war in den Boxeraufstand und die Niederschlagung der Herero verwickelt; Frankreich im gleichen Zeitraum in sieben Kriege, Britannien gar in zehn, kleinere Auseinandersetzungen nicht mitgerechnet.