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Thema: Hinterhof

  1. #1
    Tochter aus gutem Hause
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    Post Hinterhof

    Morgens
    Ich trat auf den Balkon. Wie ein Hall der Traum im Kopf. Meine Augen schlichen bedeckt über die schwarz geränderten weißen Fließen und die Teakhausgartenmöbel, die vor sich hindämmerten, ausgewaschen von den letzten Schneestürmen. Es war plötzlich kalt geworden über Nacht. Die Luft schien rein. Nur die nachgedunkelten Backsteinfassaden blickten traurig in den Sommermorgen. Ich hielt einen winzig kleinen Paradiesvogel in meiner Hand. Ich wollte ihn aufbewahren in einem kleinen Schatzkästchen. Meine Mutter gemahnte, wir müßten gehen. Sie steckte den Vogel in eine dunkle Schachtel. Er sollte nicht fortfliegen, so sprach sie. Ich hatte Angst, als meine Mutter den Vogel in der Dunkelheit versinken ließ und den Deckel verschloß. Er würde sterben ohne das heitere Sonnenlicht. Ich steckte mir die Zigarette an. Mein Nachbar vom gegenüberliegenden Haus lehnte schon am Fenster. Auch er hatte sich eine angesteckt. Wir winkten uns zu. Seit längerem hatte ich mich gefragt, ob er ein Dichter sei. Irgendwann habe ich seine Frau die Wäsche aufhängen gesehen. Seitdem hatte ich mir die Idee aus dem Kopf geschlagen. Vielleicht war er nur ein verwahrloster Arbeitsloser. Ich verabschiedete mich von ihm nach der Zigarette wie von einem alten Bekannten, indem ich heftig mit dem rechten Arm winkte, trat zurück in die Küche und schloß mit einem Ruck die Balkontür. Mein Tee war schon schwarz, als ich den Beutel entfernte. Ich frühstückte nie. Rauchte nur und trank schwarzen Tee.

    Abends
    Als ich erneut auf den Balkon trat, war der Himmel von Wolken durchzogen. Hier und da zeigte sich etwas blau. Von der Tiefe des Hofs hörte ich lautes Knallen eines Balls. Dazwischen Geschrei. Beruhigend, daß er da war. Er ahmte meine Körperhaltung nach und schlug die Arme über der Brust zusammen. Ich schrie zu ihm hinüber: „Mir ist kalt!“ Daraufhin lachte er verständnisvoll. Er war ja da. War immer da, wenn ich eine rauchen ging. Meine Mutter und ich kehrten zurück. Ich öffnete die Schachtel. Dem Vogel waren die Beine entrissen worden. Vorsichtig nahm ich die kleinen Drähtchen und steckte sie wieder dorthin, wo sie hingehörten. Es kam einer Operation gleich. Auf dem Balkon links unterhalb von meinem Gefährten goß ein dickbäuchiger Mann mit einer Wasserflasche die Kräuter. Sicherlich war er der stolze Eigentümer eines Schrebergartens. Auf dem Balkon auf der anderen Seite hoppelten Zwerghasen aus dem Kunstrasen. Welch Idyll! Den jungen Mann, der beharrlich, selbst im Winter mit einem gelben Bademantel bekleidet buchlesend auf dem Balkon rauchte, habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Komisch.

  2. #2
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Hinterhof

    Weil Frau Wäsche aufhängt, ist der Dichter verwahrloster Arbeitsloser. Kein Wunder bei der Regierung!
    Ansonsten viele Männer auf Deinem Balkon, scheinst ja ein ziemlicher Paradiesvogel zu sein.
    Immerhin, ansonsten für Eingeweihte: SÄULEN!

  3. #3
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Hinterhof

    • bleibt zu sehr bei sich, das SICH aber wird nicht deutlich, darum Plattitüden
    • Adjektive sollten leben, nicht eingesetzt werden, um Leben zu vermitteln
    • alles ist sehr fahrig, die Dargestellten sind Augenblickliches, Seifenblasen
    • bin mir nicht sicher, wie lange Du diese Art der Beschreibung durchhalten könntest



    Fazit: als Fingerübung akzeptabel, aber wo ist der Wurf aus Deinem Inneren?

  4. #4
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Hinterhof

    Wurf, wuff. Aus dem Inneren. Soll ich jetzt den Traum analysieren? Die Adjektive können von mir aus fallen.

  5. #5
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Hinterhof

    Bowle, meine Liebe! Du hältst Dich bei Äußerlichkeiten auf. Willst Du eine Schreibende sein, so mußt Du es lernen,


    • Distanz zum Gegenstand aufzubauen und
    • den Gegenstand zu verinnerlichen.


    Daraus entsteht eine Spannung, die Du durch Worte und Zwischenzeiliges markierst, auch auslebst, dadurch ziehst Du Deinen Leser quasi ins Geschehen. Wenn Du Dir nur im Beschreiben und Fabulieren, im Niederlegen gefällst, dann such andere Spielwiesen, nicht das Wort. Analyse ist der Sargnagel aller Kunst. Glaube ich.

  6. #6
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Hinterhof

    ...war das nun eine Aufforderung dieses Territorium zu verlassen?


    Außerdem hab ich nicht ganz verstanden, was du meinst. Kannst du mir ein Beispiel geben. Das macht's immer etwas anschaulicher.

  7. #7
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Hinterhof

    erstellt vom Bowle: Ich trat auf den Balkon. Wie ein Hall der Traum im Kopf.
    Ich-Ort-Vergleich mit etwas, wozu der Balkon dienen muß?
    Meine Augen schlichen bedeckt über die schwarz geränderten weißen Fließen und die Teakhausgartenmöbel, die vor sich hindämmerten, ausgewaschen von den letzten Schneestürmen.
    bedecktes Schleichen? Welche Funktion haben hier die Möbel-Details?
    Es war plötzlich kalt geworden über Nacht.
    Kälte und BEDECKTES SCHLEICHEN? Zusammenhang?
    Die Luft schien rein.
    a) Luft scheint nicht; b) umgangssprachliche Wendung: Rotkäppchen muß erdrosselt sein...
    Nur die nachgedunkelten Backsteinfassaden blickten traurig in den Sommermorgen.
    Wieder so ein Sprung. - Alternative: Bleib beim Ich, dieses setze in einen klar umrißnen Raum. Dann betrachte mit Hilfe dieses Ichs das Geschehen, das dann aufs Ich zurückwirkt, allmählich. So erreichst Du Verdichtung. Personen laß noch draußen, wenn Du die nicht willst. Wenn das Ich mit seinen Impressionen gesättigt ward, laß es den Ort wechseln, vielleicht kannst Du dann Gastfremde einlassen und das Hermetische Deiner Textwelt aufbrechen...
    Ich hielt einen winzig kleinen Paradiesvogel in meiner Hand. Ich wollte ihn aufbewahren in einem kleinen Schatzkästchen.
    Diese beiden Sätze zeigen eine mögliche Richtung Deines Schreibens.
    Meine Mutter gemahnte, wir müßten gehen.
    schlecht; pfui: Und die Sünder rufen im Chor: "Die Mutter muß weg!"
    Sie steckte den Vogel in eine dunkle Schachtel. Er sollte nicht fortfliegen, so sprach sie.
    schematisch und textzerstörend; Bindehautentzündung
    Ich hatte Angst, als meine Mutter den Vogel in der Dunkelheit versinken ließ und den Deckel verschloß. Er würde sterben ohne das heitere Sonnenlicht. Ich steckte mir die Zigarette an. Mein Nachbar vom gegenüberliegenden Haus lehnte schon am Fenster. Auch er hatte sich eine angesteckt. Wir winkten uns zu. Seit längerem hatte ich mich gefragt, ob er ein Dichter sei. Irgendwann habe ich seine Frau die Wäsche aufhängen gesehen. Seitdem hatte ich mir die Idee aus dem Kopf geschlagen. Vielleicht war er nur ein verwahrloster Arbeitsloser. Ich verabschiedete mich von ihm nach der Zigarette wie von einem alten Bekannten, indem ich heftig mit dem rechten Arm winkte, trat zurück in die Küche und schloß mit einem Ruck die Balkontür. Mein Tee war schon schwarz, als ich den Beutel entfernte. Ich frühstückte nie. Rauchte nur und trank schwarzen Tee.
    Erst mal genug. Jetzt warte ich auf Deine Reaktion.

  8. #8
    Tochter aus gutem Hause
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    Post AW: Hinterhof

    Morgens
    Ich trat nach draußen. Wie ein Hall der Traum im Kopf. Meine Glieder waren schwer wie Blei. Ich fühlte mich gerädert. Meine Augen waren von den Schlafresten fast zugeklebt. Ich starrte aus ihnen heraus, als ob sie zu zwei kleinen Sehschlitzen mutiert hätten. Ich fröstelte ein wenig und schlang die Arme um meinen Oberkörper. Ich schnupperte.

    Die Luft war rein. Gewaschen durch das Gewitter in der letzten Nacht. Nur die nachgedunkelten Backsteinfassaden blickten traurig in den Sommermorgen.

    Ich hielt einen winzig kleinen Paradiesvogel in meiner Hand. Ich wollte ihn aufbewahren in einem kleinen Schatzkästchen. Ich steckte den Vogel in eine dunkle Schachtel. Er sollte nicht fortfliegen. Ich hatte Angst, als ich den Vogel in der Dunkelheit versinken ließ und den Deckel verschloß. Er würde sterben ohne das heitere Sonnenlicht.

    Ich steckte mir die Zigarette an. Mein Nachbar vom gegenüberliegenden Haus lehnte schon am Fenster. Auch er hatte sich eine angesteckt. Wir winkten uns zu. Seit längerem hatte ich mich gefragt, ob er ein Dichter sei. Seine schwarze Brille rief mich dazu auf, mir einen Dichter vorzustellen. Ich stellte ihn mir vor, wie er an einem alten PC saß und seine Gedanken schweifen ließ. Wenn ihm die Ideen ausgingen lehnte er sich aus dem Fenster, um eine zu rauchen. Oder war er nur ein Arbeitsloser? Wer konnte es wissen? Ich verabschiedete mich von ihm nach der Zigarette wie von einem alten Bekannten, indem ich heftig mit dem rechten Arm winkte, trat zurück in die Küche und schloß mit einem Ruck die Balkontür.

    Mein Tee war schon schwarz, als ich den Beutel entfernte. Ich frühstückte nie. Rauchte nur und trank schwarzen Tee.

  9. #9
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Post AW: Hinterhof

    Du willst kurze Sätze schreiben, die zumeist einem S-P-O-Schema folgen. Du setzt eine Ich-Er-Affinität, Subjekt-Objekt. Aber das Subjekt bleibt anschauungsarm, das Objekt selbst wird gehandelt, ist also eher Patiens. Meinetwegen, aber die kurzen Sätze, zudem in Parataxenmanier hingestellt, widersprechen einander nicht. Nichts widerspricht, nichts treibt voran. Der text wirkt dadurch seltsam blutleer.

    Der Lektor kann nur die oberflächlichen Fehler beseitigen; die Substanz des Textes ist dem Autoren überlassen. Er ist der Künster. Ein Lektor ist Handwerker.

  10. #10
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    AW: Hinterhof

    Wenn der Text blutleer wirkt, dann finde ich das gar nicht mal so schlecht.

  11. #11
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Hinterhof

    Ja, Dein Herangehen hat etwas für sich. Versachlichung. Treiben wir den Spaß mal weiter! Also, alle Attribute werden dahingehend geprüft, inwiefern sie emotionsarm sind; alle Substantive werden getilgt, die aus dem Bereich des Emotionellen kommen... Was bleibt dann übrig?

  12. #12
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Hinterhof

    Hi Patina! - Wenn da nicht der Vogel wäre --- würde ich meinen, Du willst mir vom Rauchen erzählen als Mittel, der Mutter und der Enge zu entfliehen ... auf einen (engen) Balkon ...
    So aber: der Vogel. Er wird hineingelegt in ein Kästchen, wider besseres Wissen. Dann, später, öffnet Protagonistin das Kästchen, um sich Bestätigung zu holen. Über das "Sterben" des Schatzes. Oder? - Aber kein Eingehen, kein Hinweis, warum die Rauchende etwas in einem Schatzkästlein aufbewahren und hüten will, von dem sie weiß, dass es, zum Schatz "erhoben", bewahrt, weggeschlossen - tot sein wird. Unbrauchbar. Kalt.

    Worüber ich sprachlich stolpere, sind mir fremde (mundartlich?) Worte wie "gemahnen" in Zusammenhang mit einer eine Mahnung aussprechenden Person. Und dem Vogel waren die Beine "entrissen" worden. Entreißen - man reißt jemandem etwas, das derjenige sehr festhält, ein Dieb die Handtasche ...

    Aber ich will mehr von dem Vogel wissen!

    Tux

  13. #13
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    AW: Hinterhof

    Hallo Tux, hallo Robert,
    leider weiß ich ja selber sehr wenig über den Vogel. Es war ein Traum, den ich da reinverpackt habe. Man könnte jetzt anfangen, den Traum zu analysieren. Daß ich mir selber helfe und dem Vogel die Beine wiederreinstecke, damit er wieder laufen kann, daß ich vielleicht wieder laufen kann. Aber wäre das nicht etwas plump? Wäre es nicht besser die Geschichte im Vagen zu lassen?

    Bin etwas ratlos. Zur Zeit sowieso etwas unmotiviert. Weiß auch nicht, woran es liegt.

  14. #14
    resurrector
    Laufkundschaft

    AW: Hinterhof

    Nö, Analyse ist nicht das, was diesen Text kennzeichnet, Bildlichkeit ist es. Es käme also nicht darauf an, die sowieso ins Auge gefaßte Sachlichkeit zu überdehnen, sondern den Traum weiter auszumalen, dabei aber sachlich zu bleiben, also emotionsarm. Unter der Oberfläche zeichnen sich dann die Umrisse ab, die die Phantasie des Lesers entzünden werden.

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