Endlich war der heißersehnte Tag da, Koffer und Reisetaschen wurden im Anhänger des grünen Käßbohrer-Omnibusses verstaut, dessen windschnittige Form ein rasantes überwinden eklatanter räumlicher Distanzen in Aussicht stellte. Und bald schon pfiff und surrte die durchpflügte Luft an den auf Luke gestellten Fenstern vorbei, Landschaften verzogen sich wie Tellerränder in die Ferne, neue Hügeleien und blaue Bänke tauchten am Horizonte auf, um sehr bald ebenfalls zu verschwinden - es war ein Dahingleiten durch wechselnde Panoramen, bis die Augen mir zufielen, und als ich sie wieder öffnete, stand die haiförmige Rakete vor einem ockerfarbenen Kapellchen, an das sich rechts ein Kloster und links das Landschulheim anschloß, das für eine Woche unser Zuhause zu sein bestimmt war.
Allmorgendlich weckte uns das Bimmeln des Gebetsglöckleins, die Ursulinerinnen deckten unseren Tisch mit luftigem selbstgebackenem Hefestuten und herbem Kräutertee, der Unterricht war der Umgebung angepaßt und betraf Almwirtschaft und Käserei, Kristallkunde und geheimnisvolles Wissen der Strahler, sogar die edle Mathematik war in den Dienst der Beschreibung gewachsener Steine und vermessener Landschaft getreten, und bis in die Urgründe reichende Schönheit und Geistigkeit durchpulste die harten Knabenköpfe. Dann aber hielt ein anderer Bus vor dem Kapellchen, und ihm entstieg eine zwitschernde und lachende Horde reizender Mädchen aus dem nicht weit von Krogstedt belegenen lieblichen Faldera, sie trugen ächzend ihre schweren Koffer ins obere Stockwerk empor, wir Jungen standen seitab und warfen scheele Blicke hinüber, und weil keiner der erste sein wollte, der den jungen Damen seine Dienste anbot, erstarrten wir zu einem Denkmal verpaßter Ritterlichkeit und hörten denn auch entsprechende Bemerkungen, aus denen das Wort "Stiesel" unschön hervorschrillte.
Am Abend ging ich hinaus, um die schneesäuerliche Luft zu genießen, da begegnete mir eins dieser Mädchen, das nach Hause telefonieren und wissen wollte, wo es wohl eine Telefonzelle gäbe. Ich erklärte es ihr, denn ich hatte sie in der Nähe des Bahnhofs schon benutzt, aber sie schien den Weg nicht zu verstehen oder behielt ihn nicht, fragte mich kalbsdumm immer wieder aufs Neue, bis ich mich erbarmte und ihr anbot, sie hinzuführen, was sie unter dem Vorbehalt, daß es mich nicht inkommodiere, gerne annahm. Sie stellte sich vor, verwundert nahm ich ihren Namen - Amala - wie eine seltene Leckerei in den Mund - und sah, daß dunkle Löckchen ihren weißen Nacken zierten, sah abgekaute Fingernägel und ein nicht auf den ersten Blick schön zu nennendes Gesicht. Aber als es sich mir dann zuwandte im Schein des Flutlichts, mit dem eine Loipe zu später Stunde noch übergossen war, und so zutraulich und freundlich vom Juristenberuf sprach, den ich ihr als den von mir auserkorenen gerade benannt hatte - wie doch ein Anwalt, indem er die Verteidigung armer und zu Unrecht beschuldigter Menschen übernehme, so viel Segensreiches zu tun imstande sei - da strömte mir aus diesem wenig bedeutenden Mädchenantlitz eine solche Woge von Herzenswärme und fast kindlichem Idealismus entgegen, daß es in geheimnisvoller Schönheit zu leuchten begann, und es dauerte nur wenige Minuten, da tauschten wir uns über alles, auch das Persönlichste, aus und liefen wie Hänsel und Gretel durch die erhaben im Schneelicht dämmernde Bergwelt.
O wie gern hätte ich ihre Hand erfaßt und um nichts in der Welt wieder losgelassen! Aber sie hatte von ihrem Freund erzählt und daß sie einen anderen nie haben werde, und so sah ich sie beschützt und verbarrikadiert hinter diesem frühen und schon allein dadurch liebenswerten Kameraden, daß sie ihn ihrer bedingungslosen Liebe für wert hielt, all das Leuchten ihres Gesichtes und das melodische Zirpen ihrer Stimme drangen nur aus allerweitester Ferne zu mir und waren doch stark genug, um Sehnsucht in mir zu entfachen, Sehnsucht nach dieser in ihrer Jugendlichkeit und Unverdorbenheit so stark und hoffnungsfroh knospenden Persönlichkeit. Sie blieb stehen und lauschte. Nur ein mit Schmelzwassern gefüllter Tobel ließ fern sein Murren vernehmen, sie wunderte sich über die Stille, und in dieser Stille, ohne einander zu berühren, verschmolzen unsere zartesten Hoffnungen, unausgesprochensten Erklärungen und lieblichsten Daseinsfreuden für einen still entsagenden Glücksmoment miteinander, verglichen mit dem physische Vereinigung ein rohes Gemetzel gewesen wäre.
Ich will die leibliche Liebe keineswegs abwerten, aber was bleibt von ihr, wenn man auf die andere Waagschale dieses feine sich aneinander Herantasten gegenseitigen Entdeckens und Erkennens legt? Was für ein köstlicher Schneeduft durchzog diesen Moment wortlosen Einswerdens, welche Reinheit war darin, wie edel und aufopferungsvoll war er gezeichnet von Verzicht... Für den Bruchteil einer in Ewigkeit nicht aufhörenden Sekunde wußten wir, daß wir einander in unserem tiefsten und größten Wert gesehen und erkannt hatten, fühlten uns durch einander zugleich bedingt und erlöst und leisteten einander unausgesprochen das Gelöbnis immerwährender Freundschaft. Vier gemeinsame Tage lagen noch vor uns, aber wer nun glaubt, daß wir unzertrennlich geworden wären, irrt sich gewaltig, denn eher war das Gegenteil der Fall. Im Bewußtsein des kostbaren Schatzes, den wir einander anvertraut hatten, mieden wir es, mit einander allein zu bleiben, ja, ich bandelte mit einem anderen Mädchen an, das immer müde und wie kurz vorm Sterben aussah, verwischte so die Spur unseres geheimen und wortlosen Bündnisses - und las in wenigen kostbaren Momenten in Amalas Augen freudige Dankbarkeit.


[Diese Nachricht wurde von Quoth am 19. Juli 2002 editiert.]